Part 12
Da das für uns einzig wertvolle der Nachweis ist, daß es zu allen Zeiten mit Sehergabe ausgerüstete Menschen gab, ihr Name aber recht gleichgültig ist, so lassen wir uns nicht auf irgendwie strittige Momente ein, sondern konzedieren den Gegnern sowohl die Abfassung am Ende des 17. Jahrhunderts, als auch die katholische Richtung. Nicht weil wir beides für bewiesen hielten, sondern lediglich weil es wenig Wert hat sich mit Fragen aufzuhalten, deren unumstößlich richtige Beantwortung kaum möglich ist.
Selbst mit der obigen Einräumung bleiben immerhin noch reichlich zwei Jahrhunderte, für die geweissagt wird, ohne daß die Möglichkeit eines Schwindels gegeben wäre.
Wir haben bereits früher die historischen Tatsachen notiert, die auf die Weissagungen bezogen werden können. Daß dazu etwas guter Wille nötig ist, sei keineswegs geleugnet. Aber ihn brauchen wir naturgemäß bei jeder Auslegung, und das um so mehr, je dunkler der Text ist. Wir bestreiten aber ausdrücklich, daß hierzu mehr bona fides unsererseits nötig ist, als beim Gegner mala fides, um das Unsinnige des Vaticinium zu beweisen. Ja, wir gehen so weit, zu behaupten, daß eine Reihe von Vorhersagen nur durch Unwissenheit oder Gehässigkeit mißzuverstehen sind. Denn da nun einmal das profane Dogma zu Recht besteht, daß ein Enthüllen der Zukunft unmöglich sei, wird jede Beweisführung mit dem Endziel und der unausgesprochenen Voraussetzung geführt, daß alles Geweissagte falsch sein müsse.
Nichts liegt uns, die wir ohne jegliche Tendenz an die Prüfung des Phänomens herantreten und nicht, wie die Gegner behaupten werden, uns zum Anwalt der Prophetie machen, weil wir a priori ihre Richtigkeit voraussetzen, sondern im Gegenteil, weil a potiori sie uns beweisbar und bewiesen dünkt, ferner als die These, alles, was prophezeit sei, müsse auch eintreffen. Im Gegenteil zögern wir nicht, zuzugeben, daß sowohl die Vorhersage, der elfte im Stammbaum werde auch der letzte protestantische Herrscher aus dem Hause Hohenzollern sein, falsch ist, als auch die andere, daß Deutschland zum Katholizismus zurückkehren wird, sich bis dato nicht erfüllt hat und auch hoffentlich nie erfüllen wird.
Das hindert aber nicht, die verblüffende Übereinstimmung der Weissagung mit vielem, was sich später ereignete, anzuerkennen. Daß auch die zünftige Geschichtsschreibung so ein unbestimmtes Gefühl hat, geht schlagend aus der Tatsache hervor, daß man am liebsten das ganze Vaticinium als nachträglich konstruiert hinstellen möchte und mit Bedauern nur anerkennt, daß es unbedingt spätestens im Jahre 1692 in der vorliegenden Form abgefaßt war.
Ein sehr wichtiger Punkt ist noch vorauszuschicken: Wir nehmen an, daß die Verse 72 und 73 sich auf den Großen Kurfürsten beziehen, was ja auch die Gegner zugeben. Während diese aber noch die beiden folgenden ihm zuschreiben, geben wir sie mit Meinhold und anderen Friedrich I. Und zwar nicht allein deshalb, weil nur auf diese Weise das Folgende einen Sinn, und zwar einen erstaunlich zutreffenden Sinn erhält. Wiewohl auch dieser Grund völlig zulässig wäre. Denn wie jeder Herausgeber eines alten Schriftstellers so lange Konjekturen macht – und oft was für welche! – und deutelt, bis sein Autor etwas Vernünftiges sagt, so besteht gar kein Grund, dieses Recht dem Interpreten einer Weissagung zu beschneiden. Um so weniger, als kein Wort verändert, noch ein Vers umgestellt werden muß.
Wir sind noch deshalb hierzu vollauf berechtigt, weil Vers 73 von einem princeps spricht, während Vers 74 ausdrücklich den Regens, denjenigen, der Rex ist – wie die wohlwollende Interpretation um so eher annehmen kann, je mehr sie den Standpunkt vertritt, die Prophezeiung stamme erst aus dem Ende des 17. Jahrhunderts – nennt und dazu in Gegensatz stellt. Auf Friedrich I. beziehen sich dann also die Verse 74 und 75, die folgenden 76–80 aber auf den Soldatenkönig. Daß aber Vers 78 wieder von regimen spricht, ist ein weiterer Hinweis darauf, daß der Seher die Erhebung Preußens zum Königreich im Auge hatte.
Die Gegner beziehen, mindestens ebenso übelwollend wie wir wohlwollend, die vier Verse von 72–75 auf den Großen Kurfürsten, ohne sich am Worte Regens zu stoßen. Daß dann alle weiteren Verse bis zum Schluß Unsinn enthalten müssen, und das um so mehr, je präziser und verblüffender ihre Angaben sind, das stört sie nicht nur nicht, ist im Gegenteil gerade das Motiv, das sie zu dieser Zuteilung veranlaßte.
Auch auf einem Umwege, Majunke folgend, kommen wir zu demselben Resultat. Wir argumentieren dann: die konkreten Tatsachen der Verse 72 und 73 deuten, was noch niemand bestritt, zweifellos auf den Großen Kurfürsten. Ebenso die konkreten Tatsachen des Verses 77, der Jammer im Lande über das brutale Aushebungssystem, auf Friedrich Wilhelm I. Also müssen – allerdings unter einer Voraussetzung, die wir =nicht= teilen, daß nämlich jede Prophezeiung eintreffen =müsse= – die dazwischen liegenden Verse auf den ersten König Preußens bezogen werden. Das ist ja gewiß nicht zwingend, aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit unserer Zuteilung. Und dies um so mehr, als das nunmehr in allen wichtigen Punkten – von dem bereits erwähnten Irrtum bezüglich der elften Generation abgesehen – mit den historischen Tatsachen harmonierende Vaticinium gewiß den Anspruch erheben darf, nicht sinnwidrig ausgelegt zu werden. Wenn wir auch keinem Menschen Unfehlbarkeit einräumen, so werden wir doch bei einem als klug bekannten Manne jedem Ausspruch mehr Beachtung schenken, als bei einem Toren und sogar in gewissen Fällen geneigt sein, bei Worten, die uns anstößig erscheinen, den Fehler eher bei uns, als beim andern zu suchen. Diesen Analogieschluß fordern wir auch für das Vaticinium.
Daß Vers 80 nur teilweise auf den Soldatenkönig paßt, sei nicht geleugnet. Der Seher sah eben nicht nur bisweilen falsch, er sah auch manchmal unklar, wie das ja bei Weissagungen sehr häufig ist.
Dies berücksichtigt muß jeder, der tendenzlos an die Weissagung herantritt, zugeben, daß ihr Inhalt in ganz wunderbarer Weise von der späteren Geschichte bestätigt wurde.
Friedrich der Große ist nicht minder treffend charakterisiert, wie sein Neffe und Nachfolger Friedrich Wilhelm II., auch wenn man nicht zugeben wollte, daß er im Wasser gestorben ist. Desgleichen Friedrich Wilhelm III., dessen Regierung bedeutend günstiger endete, als er es nach seinen Fähigkeiten und der politischen Konstellation Europas je hätte hoffen dürfen. Und zwar, wie das Vaticinum ganz richtig andeutet, durch eine neu heranwachsende Macht, nämlich durch den Patriotismus eines Volkes, das sich mündig zu fühlen beginnt.
Der letzte des Stammes, Friedrich Wilhelm IV., soll nicht heißen der letzte Hohenzoller, wie aus Vers 49 hervorgeht, sondern der letzte Protestant. Denn das durch das verruchte Weib in die Familie getragene und elf Generationen fortwirkende Gift, ist ja der Protestantismus. Daß die Hohenzollern noch heute Protestanten sind, ist hinlänglich bekannt. Trotzdem stimmt die Prophezeiung wunderbar in anderer Beziehung, da Friedrich Wilhelm der letzte absolute Beherrscher Preußens war. Wer aber das wichtigste Ereignis in der Regierungszeit dieses hochbegabten Monarchen angeben wollte, würde die Revolution des Jahres 1848 nennen müssen mit ihren konstitutionellen Folgen. Und mit diesem Ereignis sind tatsächlich die beiden einzigen Verse, die von diesem König handeln, Vers 93 und 94, ausgefüllt.
Und wer wird endlich die verblüffende Wahrheit des 95. Verses leugnen wollen? Hier ist ja mit klaren und deutlichen Worten, ohne jede symbolisierende Einkleidung, die Neuerrichtung des deutschen Reiches unter Wilhelm I. vorhergesagt. Diesen Vers hatte übrigens bereits Seyler in seiner im Jahre 1741 zu Frankfurt und Leipzig erschienenen Schrift: »Weitere Ausführung derer ohnlängst bekannt gewordenen, und jetzo in einem Zusammenhang gebrachten, auf das allerdurchlauchtigste Königliche Haus Preußen und dessen noch bevorstehende glückliche Fata, abzielender, nachdenklichen, wundersamen und =in gegenwärtigen Zeiten eingeschlagenen= Weissagungen usw.« richtig interpretiert. Allerdings glaubte er – was er ja nach der damaligen politischen Konstellation auch glauben mußte – ein König von Preußen würde zum römischen Kaiser erwählt werden.
Sind wir also auch der Ansicht, daß es sich in diesem Vaticinium um eine Weissagung handelt, deren Inhalt in einer stattlichen Reihe von Punkten in Erfüllung gegangen ist, so ist damit allerdings noch nichts über die Gründe dafür gesagt. Mancher, der unserer Ansicht in materieller Beziehung beipflichten wird, mag den Zufall als Erklärungsgrund zur Hilfe nehmen. Wir sind nicht in der Lage diesen Skeptiker zu widerlegen. Aber wir halten es für höchst unwahrscheinlich, daß eine so lange und komplizierte Reihe von Vorhersagen durch weiter nichts als den Zufall in Erfüllung gegangen sein soll.
Doch wollen wir vorläufig das Urteil hierüber noch dem Leser überlassen.
Fahren wir in unserem Beweise fort. Wir gingen von einzelnen Prophezeiungen, bei denen Zufall oder Berechnung eine mehr oder minder große, bisweilen ausschlaggebende Rolle spielen können, aus, um im Vaticinium lehniense eine ganze Reihe von Vorhersagen =derselben= Person, anzuführen, und finden, daß die große Mehrzahl der Vorhersagen in Erfüllung ging. Allerdings haben wir es hier mit Versen, also mit stilisierten Visionen zu tun, was in mancher Hinsicht freilich ihre Realisierung desto erstaunlicher macht.
Gegen das Vaticinium lehniense kann der Einwand erhoben werden, man kenne noch nicht einmal den Verfasser – wiewohl das sachlich ja gar nichts ändert – auch die Interpretationen stammten nicht vom Seher selbst, sondern zum Teil von uns. Deshalb wollen wir im folgenden das Rohmaterial einiger Personen anführen, deren historische Persönlichkeit völlig einwandfrei identifizierbar ist und die womöglich selbst ihre Visionen deuteten.
Fußnoten:
[75] Übersetzt in Anlehnung an Wilhelm =Meinhold=. Die Lehninsche Weissagung, Neuausgabe von Paul Majunke, Regensburg 1896, S. 156 ff. Die Anmerkungen sind zum Teil Meinhold (S. 172–234) entnommen, zum Teil =M. W. Heffter=, Die Geschichte des Klosters Lehnin, Brandenburg 1851, S. 95 ff.
[76] Lehnin wurde im Jahre 1180 vom Markgrafen Otto I. aus dem Hause der Askanier, dem Vater Albrechts des Bären, begründet. Das Haus ging 1313 unter, tatsächlich sehr schnell (V. 10), da Leutinger (Topograph. March. Tom. II, Opera 1119 nov. edit.) erzählt, daß neunzehn Fürsten aus diesem Stamme innerhalb zweier Jahre gestorben seien. Der letzte war Waldemar.
[77] Die »Höhle der Löwen«, da sowohl die Wittelsbacher, die von 1323–1373 über die Mark herrschten, als auch die Luxemburger, von 1373–1415 Herren der Mark, den Löwen im Wappen führen. Der 16. Vers bezieht sich auf den sogenannten falschen Waldemar, der 1319 die Leiche eines fremden Mannes als die seinige hatte begraben lassen und nach Jerusalem pilgerte. Den nach 28 Jahren Zurückgekehrten erkannte fast das ganze Land an, auch Kaiser Karl IV., der ihn am 3. Oktober 1348 feierlich zum zweiten Male mit allen Landen, die er früher besessen hatte, belehnte. Da der junge Ludwig dagegen sich auflehnte, entbrannte ein vierjähriger Kampf, bis sich Waldemar nach Dessau zurückzog.
[78] Bezieht sich vielleicht auf den Einfall der Polen und Littauer in die Mark 1326. Ob Chorin, ein um 1272 angelegtes Tochterkloster von Lehnin, dabei berührt wurde, läßt sich nicht feststellen. Meinhold glaubt dagegen, die »Fremdlinge« seien Karl IV., der mit seinen Söhnen Wenzel und Sigismund 1374 nach Chorin kam, und die in Bruderzwist geratenen Wittelsbacher Otto, Stephan und Friedrich, drei Brüder gleich den drei Häuptern des Cerberus, bändigte, indem er seinem Schwiegersohn Otto die Mark für 200000 Dukaten abkaufte.
[79] Da Karl die Mark bald verließ, Sigismund sie gar an Jobst von Mähren, der sie schamlos ausbeutete, verpfändete, der Adel (Quitzow, Jagow, Bredow usw.) sein Unwesen trieb, so ist das düstere Bild historisch.
[80] V. 27–34 betreffen Friedrich I. von Hohenzollern, seit 1415 Markgraf von Brandenburg († 1440), der durch Unterwerfung des Adels (Wölfe) natürlich auch die Untertanen (Schafe), wenigstens vorübergehend, schädigte. Ob Meinhold (S. 182) das Richtige trifft, wenn er longaeva dierum adverbaliter auffassend, übersetzt: »dein Stamm wird nach langen Zeiten mit geringer Gewalt die väterlichen Fluren beherrschen«, als Vorahnung der Konstitution des 19. Jahrhunderts, lassen wir dahingestellt. Grammatikalisch dürfte diese Übersetzung zulässig sein.
[81] Nach dem Recht der Erstgeburt wäre Friedrichs Nachfolger sein Sohn Johann der Alchymist gewesen. Friedrich aber bestimmte ihn, zugunsten des tapferen Friedrich II. zu verzichten. »Ermüdet« durch immerwährende Kriege zog er sich auf die Plassenburg zurück, nachdem er seinem jüngeren Bruder Albrecht die Regierung übergeben hatte. Er starb am 11. Februar 1471. Die Lesart bustum (Grab) könnte als Anspielung darauf gedeutet werden, daß Friedrich II. und Johann im gleichen Kloster Heilsbronn bestattet wurden. (Vers 35–38.)
[82] Albrecht Achilles folgte »zur Zeit des Todes« – 1472 war eine heftige Pest – seinem Bruder. Seine Fehden gegen Nürnberg (»den Berg«) sind bekannt. Er konnte kaum das kleine Heersbrück (»die Brücke«) erobern. Vielleicht ist hier auch eine Anspielung auf seine Niederlage bei Brück an der Rednitz gemacht. Er war einer der prunkliebendsten Fürsten seiner Zeit. Lehnin hat er nichts getan, wohl aber mit zwei Bischöfen, dem von Würzburg und dem von Bamberg, in Fehde gelegen. Er starb 1486. (Vers 39–42.)
[83] Johannes Cicero, Freund der schönen Künste und sehr beredt. Er soll durch seine Rednergabe die Versöhnung des römischen Königs Matthias mit den Königen Kasimir von Polen und Wladislaw von Böhmen vermittelt haben. Kurz vor seinem Tode (1499) ermahnte er seine Söhne, guttätig, gottesfürchtig, gerecht und treue Stützen ihrer Untertanen zu sein, denn – so heißt es am Schlusse des noch erhaltenen Briefes: »lebt und regiert ihr gerecht, so werden euch die Guten lieben, und die Bösen fürchten, und unsterblicher Ruhm wird euer Teil werden.« Das ging in Erfüllung, da beide Söhne Kurfürsten wurden: Joachim von Brandenburg und Albert Erzbischof von Mainz. (Vers 43–46.)
[84] Gemeint ist die Kurfürstin Elisabeth, Gemahlin Joachims I., Tochter Königs Johann von Dänemark, die der Reformation (»traurige Pest«) zuneigte. Tatsächlich dauert das »Gift« schon länger als 11 Generationen, denn folgende Hohenzollern sind protestantisch gewesen bzw. sind es noch heute: Johann Georg, Joachim Friedrich, Johann Sigismund, Georg Wilhelm, Friedrich Wilhelm (der Große Kurfürst), Friedrich I., Friedrich Wilhelm I., Friedrich der Große, Friedrich Wilhelm II., Friedrich Wilhelm III., Friedrich Wilhelm IV. (als elfter!), Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. Bis heute also 14 Generationen. Aber selbst wenn wir die Kinderlosen Friedrich den Großen und Friedrich Wilhelm IV., weil genau genommen keinen Stammbaum (Stemma) bildend, streichen, sind es bereits 12 Generationen. Stimmt also diese Prophezeiung auch nicht wörtlich, so ist sie doch richtig hinsichtlich der langen Reihe protestantischer Herrscher. Diese ließ sich um so weniger voraussehen, als inzwischen das Glaubensbekenntnis der deutschen Herrscherfamilien stark gewechselt hat. Man denke an die protestantischen pfälzischen Wittelsbacher, deren Nachkommen heute als katholische Könige herrschen, ferner an den Glaubenswechsel im Königreich Sachsen, den bevorstehenden in Württemberg usw. (Vers 46–49.)
[85] Joachim II. trat mit seinem Lande dem Protestantismus bei, hob 1542 die Klöster, auch Lehnin, auf, brach den seinem Vater geleisteten Eid, dem Katholizismus treu zu bleiben, und führte ein lockeres Leben. Er starb 1571. (Vers 50–54.)
[86] Johann Georg setzte die Reformation fort, befehdete die Calvinisten und war schwach. Er starb im Pestjahr 1598 in seinem prächtigen Schloß zu Köln an der Spree. (Vers 55–59.)
[87] Joachim Friedrich war der erste in Berlin geborene Kurfürst, ein eifriger Anhänger des Luthertums, der, mit Recht, den Übertritt seines Sohnes zum verhaßten Calvinismus befürchtete. Er starb 1608. (Vers 60–62.)
[88] Joachim Sigismund trat zum Calvinismus über (eine Erfüllung des Vers 58) und verursachte durch sein dahingehendes Edikt viel Verstimmung, mehr aber noch durch die Ohrfeige, die er 1613 dem Pfalzgrafen von Neuburg in Wesel bei der Tafel gab. Der Prophet hält (Vers 66) den Calvinismus für noch schlechter als das Luthertum. Der Kurfürst konnte seine Ansprüche auf das Jülische Erbe nicht voll durchsetzen und litt unter der Übermacht der Städte. Er starb 1620. (Vers 63–67.)
[89] Georg Wilhelm war ein schwacher Fürst, unter dessen zwischen den Schweden und dem Kaiser schwankenden Regierung das Land durch den Dreißigjährigen Krieg schwer litt. Sein Vertrauen zum allmächtigen Grafen Adam von Schwarzenberg, dem österreichischen Gesandten am Berliner Hof, schädigte das Land. Der Kurfürst starb am 21. November 1690, schon 3½ Monate später Schwarzenberg (4. März 1691), der allerdings nicht sein Diener war. »Schamlos« wird er wohl genannt, weil er Gustav Adolf nicht energisch begegnete. (Vers 68–71.)
[90] Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, in der Prophezeiung interessanterweise »groß« genannt, hat tatsächlich sein Land bedeutend vergrößert, nämlich um etwa 30000 qkm. Die dritte Burg (Nürnberg, Brandenburg) wäre das im Westfälischen Frieden zu Preußen geschlagene Magdeburg. Der Große Kurfürst starb 1688. (Vers 72–73.)
[91] Diese Verse könnten auf den klugen Kurfürst Friedrich III., als König Friedrich I. Anwendung finden, sind allerdings sehr verschwommen. Daß er Preußen zum Königreich erhob, hätte immerhin betont werden können. Allerdings scheint das Wort Regens (statt des sonstigen dominus, heros, princeps) eine Anspielung auf die Königswürde zu enthalten. (Vers 74–75.)
Übrigens darf nicht verschwiegen werden, daß nicht notwendigerweise die Verse 72–75 auf zwei Herrscher bezogen werden müssen, doch ist es nach dem Wortlaut der Prophezeiung zulässig.
[92] Friedrich Wilhelm I., Sohn des Vorigen, trat allerdings nicht in die Fußtapfen des Vaters, was aber sicherlich für Preußen kein Unglück war. Der Name täuschte insofern, als Friedrich Wilhelm bekanntlich ein Soldatenkönig war. Seine brutale Werbemethode mag auch die Tränen der Mütter erklären. Voltaire meinte, die damalige Türkei sei ein wahrer Freistaat gegen das damalige Preußen gewesen. Der König, der 1740 an der Wassersucht starb, war allerdings sehr entstellt, aber keineswegs innerlich gebrochen. Mag es damals in Preußen auch barbarisch und ungemütlich zugegangen sein, so steht doch fest, daß Friedrich Wilhelm das Schwert schmiedete, dessen sein Sohn sich bediente. (Vers 76–89.)
[93] Die Verse 83–84 beziehen sich auf Friedrich den Großen, der als achtundzwanzigjähriger Jüngling den Krieg mit Maria Theresia, der »großen Gebärerin«, die damals mit Joseph II. in der Hoffnung war und im ganzen 15 Kinder hatte, begann. Die schweren Leiden des Staates im Siebenjährigen Kriege sind hinlänglich bekannt. Was das Beklagen des »grausen Schicksals« betrifft, so schrieb der große König am 28. Oktober 1760 an den Marquis d’Argens (Hinterlassene Werke, Bd. 10, S. 292): »Ich habe alle meine Freunde, meine geliebtesten Verwandten verloren, mich trifft jede nur mögliche Art von Unglück; mir bleibt gar keine Hoffnung übrig; ich sehe mich von meinen Feinden verspottet, und ihr Stolz trifft Anstalten, mich unter die Füße zu treten. Ach! Marquis,
Wenn alles uns verläßt, die Hoffnung selber flieht, Dann wird das Leben Schmach, und eine Pflicht der Tod!«
Daß auch das »Seufzen« der Königin, zumal sie ja geschlagen wurde, historisch ist, bedarf keiner näheren Ausführung. Was den Südwind (auster) betrifft, so liegt die Anspielung auf Österreich nahe genug. Sogar das Kloster spielte eine vorübergehende Rolle in Friedrichs Leben. Denn im Zweiten Schlesischen Kriege (1745) mußte er, vor einer Schwadron ungarischer Husaren fliehend, sich im Kloster Kamenz verbergen. Hier wurde er als Zisterziensermönch verkleidet und unter die übrigen Mönche im Chor versteckt. König Friedrich Wilhelm IV. ließ sich im Jahre 1846 noch die Stelle in der Klosterkirche von Kamenz zeigen, wo Friedrich im Chor als Mönch verkleidet gesessen und mitgesungen hatte. Flautibus austris mit »vor den heranstürmenden Österreichern« mit Ponk (Knop) zu übersetzen, will mir doch zu kühn scheinen, wenn es auch dem Sinne nach sicher richtig ist. Aber wenn wir sogar »vor den wehenden Südwinden will er sein Leben den Klöstern anvertrauen« übersetzen, womit wir keinerlei Gewalt antun, ist der Sinn klar und die Erfüllung buchstäblich eingetroffen.
[94] Friedrich Wilhelm II., der Neffe Friedrichs des Großen – daß hier der Prophet die Bezeichnung als Sohn, was doch sonst bei ihm die Regel ist, fortließ, ist auf alle Fälle merkwürdig, zumal Friedrich Wilhelms Nachfolger in den späteren Versen wieder richtig als Sohn bezeichnet wird – war tatsächlich ein nach jeder Richtung schlechter Herrscher, der auch insofern die Sitten der Väter nachahmte, als er an seinem Hofe eine schamlose Maitressenwirtschaft einführte. Daß die Religiosität damals wie überall, so auch in Preußen danieder lag – wenigstens wenn wir unter Religiosität Kirchengläubigkeit verstehen – ist hinreichend bekannt. Auch die öffentliche Sittlichkeit stand sehr tief. Vgl. Ed. Vehse, Geschichte des preußischen Volks und Adels. I. Abt., 5. Bd. und Paulig, Friedrich Wilhelm II., sein Privatleben und seine Regierung.
Vers 87 mag sich auf Kaiser Franz II. beziehen, der sich 1792 am Kriege gegen Frankreich beteiligte, und im Frieden von Basel, am 5. April 1795, von ihm im Stich gelassen wurde. Friedrich Wilhelm erleichterte dadurch zweifellos die späteren Erfolge der Franzosen gegen Deutschland. Massenbach schreibt »Der Staat war seiner Auflösung nahe«.
Der König starb (1797) tatsächlich im Wasser, nämlich in seinem von Seen umgebenen Schlosse zu Potsdam an der Wassersucht.
Interessant ist, daß der König sich nicht lange vor seinem Tode die Lehninsche Prophezeiung kommen ließ, und zwar das älteste Exemplar der in der Berliner Bibliothek vorhandenen Handschriften. Er gab es nicht zurück. Es soll das Original der Weissagungen gewesen sein. (Vgl. Otto Glagau »Kulturkämpfer«, Heft 93, S. 32.) (Vers 85–88.)
[95] Die ersten beiden Verse (89 und 90) passen in erstaunlicher Weise auf Friedrich Wilhelm III. Denn tatsächlich hat dieser schwache und unfähige Monarch, nachdem er im Tilsiter Frieden alles Land westlich der Elbe hatte abtreten müssen, so daß Preußen von 5551 qkm und 8687000 Einwohnern unter seinem Vorgänger auf 2859 qkm mit 4940000 Einwohnern zusammengeschmolzen war, am Ende seiner Regierung wieder über 5050 qkm mit 10400000 Einwohnern verfügt. Ja, das Rheinland und einen großen Teil Sachsens hatte er neu gewonnen. Die furchtbaren Leiden des Volkes während der Napoleonischen und Freiheitskriege sind hinlänglich bekannt, ebenso, daß das Volk und durchaus nicht der König die Wiederaufrichtung des Staates ermöglichte. Ferner ist zu beachten, daß in die Regierung des Königs die Säkularisationen von Klöstern und Kirchengut fallen, was wenigstens der katholischen Bevölkerung schmerzlich war. Die neu heranwachsende Macht des Volkes, die sein Sohn verspüren sollte, ahnte Friedrich Wilhelm III. allerdings nicht. Daß die Untertanen durch ihr Gut und Blut das Schicksal abwenden und nach vollbrachter Tat sich ruhig knechten lassen sollten, war seine naive Auffassung. (Vers 89–92.)