Prophezeiungen

Part 11

Chapter 113,030 wordsPublic domain

1) Jetzo will ich, Lehnin, dir Nunc tibi cum cura, Lehnin! sorgsam singen die Zukunft[75], cano fata futura Die mir gezeigt der Herr, Quae mihi monstravit Dominus, der alles einst hat geschaffen. qui cuncta creavit; Denn obschon du erglänzest Nam licet insigni sicut sol im hellen Licht, wie die Sonne, splendeas igni, Und der Andacht allein dein Et vitam totam nunc degas ganzes Leben jetzt widmest, summe devotam, 5) Reichtum auch und der Segen des Abundentque rite tranquillae friedlichen Daseins dir commoda vitae: zuströmt: So wird doch kommen die Zeit, die Tempus erit tandem, quod te dich nicht erschaut, wie du non cernet eandem, jetzt bist, Nein, kaum etwas von dir, ja Immo vix ullam, aut, si bene richtig gesagt, vielmehr gar dixero, nullam. nichts. Allzeit hat das Geschlecht dich Quae te fundavit gens, haec geliebt, das einst dich te semper amavit. begründet[76]. Sinkt es dahin, fällst auch du, Hac pereunte, peris, nec und bleibst nicht liebwerte mater amabilis eris. Mutter. 10) Und jetzt naht sich ohne Verzug Et nunc, absque mora, die traurige Stunde, propinquat flebilis hora, Da Ottos Geschlecht, die Zierde Qua stirps Othonis, nostrae unserer Gegend, decus regionis, Durch schweres Schicksal Magno ruit fato, dahinsinkt, da Leibeserben nullo superstite nato; nicht da sind. Und dann fällst du zuerst, doch Tuncque cadis primum, sed noch nicht fällst du am nondum venis ad imum. tiefsten. Unterdes wird die Mark durch Interea diris angetur schreckliche Drangsal Marchia miris. geängstigt. 15) Denn der Ottonen Haus wird werden Nam domus Ottonum fiet die Höhle des Löwen[77]. spelunca Leonum. Und verstoßen wird sein, wer Ac erit extrusus vero de echtem Blute entsproßte. sanguine fusus; Dann dringen Fremdlinge vor bis Quando peregrini venient zum Dache des Klosters ad claustra Chorini, Chorin[78]. Des Kaisers List aber bald Cerbereos fastus mox beseitigt den höllischen tollet Caesaris astus. (des Cerberus) Hochmut. Doch wird wenig die Mark sich Sed parum tuto gaudebit freuen des sicheren Schutzes, Marchia scuto. 20) Denn auf anderer Bahn wird Regalis leo rursum tendit wandeln der Löwenkönig. ad altera cursum, Nicht wird sehen das Land die Nec dominos veros haec terra wahren Herrn und Gebieter. videbit et heros. Alles werden Regenten verwirren Omnia turbabunt rectores, und Schaden ihm machen; damnaque dabunt Quälen wird allerwärts der Nobilitas dives vexabit reiche Adel die Bürger, undique cives, Und berauben den Klerus, ohne Raptabit clerum nullo irgendwie Auswahl zu treffen. discrimine rerum: 25) Und werden tun alsdann, was man Et facient isti, quod tat zu den Zeiten des Heilands. factum tempore Christi. Und vieler Leiber verkaufen, was Corpora multorum vendentur gegen den göttlichen Willen[79]. contra decorum. Daß dir Mark nicht völlig ein Ne penitus desit tibi, qui, Herrscher fehle, so steigst du, mea Marchia, praesit, Durch zwei Burgen berühmt, empor Ex humili surgis, binis nunc aus niederer Stellung, inclyte burgis, Zündest die Kriegsfackel an, da Accendisque facem jactando dein Name doch Friede bedeutet. nomine pacem, 30) Während die Wölfe du tötest, Dumque lupos necas, ovibus zerschneidest das Herz du den praecordia secas. Schafen. Wahrheit künde ich dir: dein Dico tibi verum, tua stirps Stamm von sehr langer Zukunft, longaeva dierum Wird mit schwacher Gewalt nur die Imperiis parvis patriis heimischen Gaue beherrschen, dominabitur arvis, Bis zu Boden gestreckt, die Donec prostrati fuerint, bisher mit Ehren bekleidet, qui tunc honorati Städte verwüsteten und die Herren Urbes vastabant, dominos am Herrschen gehindert[80]. regnare vetabant. 35) Wer dem Vater jetzt folgt, der Succedens patri tollet nimmt dem Bruder sein Vorrecht, privilegia fratri, Aber kein Testament macht Recht, Nec faciet testum (andere was wider das Recht ist. Lesart: bustum) non (oder: Nicht wird machen das justum credere justum. Grab, daß Unrecht für Recht wird geachtet) Ihm von mancherlei Krieg und Defesso bellis variis, Schicksalsschlägen ermüdet, sortisque procellis, Folgt bald zur Zeit des Tods Mox frater fortis succedit der tapfere Heldenbruder[81], tempore mortis, Tapfer ist dieser gewiß, Fortis et ille quidem, doch auch der eitelsten einer. sed vir vanissimus idem. 40) Während er denkt an den Berg, Dum cogitat montem, poterit kann kaum er besteigen die vix scandere pontem. Brücke. Schaut nur, er schärfet das En acuit enses! Miseri Schwert! Weh euch, ihr armen vos, o Lehninenses! Lehniner! Wie will schonen der Brüder, Quid curet fratres, qui der die Väter sinnt zu vult exscindere patres? vernichten?[82] Wer ihm folgt, der versteht durch Alter ab hoc martem scit Künste den Mars zu verspotten ludificare per artem, Und weissaget den Söhnen der Auspicium natis hic praebet Zukunft reichlichen Segen; felicitatis; 45) Solange man dessen gedenkt, ist Quod dum servatur, ingens riesiges Glück im entstehen. fortuna paratur. Gleiches Glückslos wird ja seinen Hujus erunt nati conformi Söhnen zuteil[83], sorte beati. Doch wird tragen ein Weib dann Inferet at tristem patriae traurige Pest in die Lande. tunc foemina pestem, Dieses Weib durchseucht vom Foemina, serpentis tabe Gifte der neuen Schlange. contacta recentis. Gar bis zum elften Glied wird Hoc et ad undenum durabit dauern das Gift in dem stemma venenum. Stammbaum[84]. 50) Nun wird der, oh Lehnin, der dich Et nunc is prodit, qui te, maßlos hasset, hervorgehn: Lehnin! nimis odit: Der dich wie ein Messer zerteilt, Dividit ut culter, atheus, ein gottloser, ehbrechender scortator, adulter! Lüstling! Er verwüstet die Kirche, Ecclesiam vastat, bona versteigert die geistlichen religiosa subhastat. Güter. Geh von dannen, mein Volk! kein Ite, meus populus! protector Schützer wird dir verbleiben, est tibi nullus, Bis die Stunde dir schlägt, die Hora donec veniet, das Verlorne zurückbringt[85]. qua restitutio fiet. 55) Des Wahnsinnigen Sohn billigt Filius amentis probat das Treiben des Vaters; instituta parentis; Gänzlich ohne Verstand, beugt er Insipiens totus, tamen sich dem Willen des Pöbels; audit vulgo devotus; Weil er nicht strenge genug, Nec sat severus, hinc nennt ihn man den Besten der dicitur optimus herus. Helden. Er darf aus seinem Geschlecht Huic datur ex genere, qui non einen sehn, der nicht ist, (andere Lesart: Quinos) wie er selber, qualis ipse, videre, (oder: Er darf aus seinem Geschlecht fünf sehn, wie er selber geraten) Und in dem Todesjahr an ehrbarem Et anno funesto vitam loco Orte verscheiden[86]. linquit honesto. 60) Fordern wird nun die Herrschaft Postulat hinc turbae praeponi des Volks, der städtisch natus in urbe. Geborne (Meinhold übersetzt: Hierauf erklärt sein Sohn in einer Stadt sich zum Bischof). Hegend mit Furcht sein Kind, das Spe caeteri sobolem; fovet andere hegen mit Hoffnung. hie formidine prolem. Was er fürchtet ist dunkel, doch Quod timet obscurum: certe sicher wird es geschehen[87]. – tamen, ecce, futurum. – Neu wird bald der Dinge Gestalt, Forma rerum nova mox fit, da der Herr es gestattet! patiente Jehova! Fehler an tausend hat er, dessen Mille scatet naevis, Leben so kurz ist, cujus duratio brevis. 65) Vieles verwirrt er durch seinen Multa per edictum, sed Befehl, noch mehr durch sein turbans plura per ictum. Schlagen, Doch was durch seine Befehle sich Quae tamen in pejus mutantur hat zum Schlechten gestaltet, jussibus ejus, Kann, o glaube es mir, durchs In melius fato converti Schicksal zum Guten sich posse putato. wandeln[88]. Markgraf wird nun wieder nach Post patrem natus princeps seinem Vater der Sohn sein, erit Marchionatus, Viele läßt straflos er leben Ingenio nullos non vivere gemäß seiner Geistesrichtung. sinit inultos. 70) Während zu viel er vertraut, Dum nimium credit, miserum frißt der Wolf ihm die arme pecus lupus edit, Herde, Und der schamlose Knecht folgt Et sequitur servus domini bald im Tode dem Herren[89]. mox fata protervus. Nunmehr kommen heran, die nach Tunc veniunt, quibus de drei Burgen sich nennen, burgis nomina tribus, Und ein großer Fürst läßt wachsen Et crescit latus sub magno den Staat in die Breite[90]. principe status, Sicherheit seinem Volk schafft Securitas gentis fortitudo die Kraft des tücht’gen Regentis: Regenten: 75) Doch nichts nützt es ihm, wenn Sed nil juvabit, prudentia die Klugheit schlafen quando cubabit. gegangen[91]. Wer ihm nachfolgen wird, folgt Qui successor erit, patris nicht den Spuren des Vaters. haud vestigis terit. Betet, ihr Brüder, und spart auch Orate, fratres, lacrymis nec nicht die Tränen, ihr Mütter! parcite matres! Täuschung ist ja sein Name, der Fallit in hoc nomen frohe Regierung verheißet. laeti regiminis omen. Nichts bleibt vom Guten zurück: Nil superest boni: ziehet aus, ihr alten Bewohner! veteres migrate coloni! 80) Und entseelt liegt er da, Et jacet exstinctus, zerbrochen von außen, wie foris quassatus et intus. innen[92]. Bald braust ein Jüngling daher, Mox juvenis fremit, die große Gebärerin seufzet, dum magna puerpera gemit. Doch wer könnte den Staat wieder Sed quis turbatum aufbaun nach solcher poterit refingere statum? Zerrüttung? Nehmen wird er die Fahne, doch Vexillum tanget, sed grauses Schicksal beklagen: fata crudelia planget: Während der Südwind weht, will Flantibus hinc austris, sein Leben vertraun er den vitam vult credere Klöstern[93]. claustris. (Meinhold übersetzt: »Weht es im Süden hierauf, will Leben er borgen den Klöstern«). 85) Der ihm als Schlechtesten folgt Qui sequitur, pravos ahmt nach böse Sitten der imitatur pessimus avos. Väter, Hat weder Kräfte des Geists, Non robur menti, noch Gottesfurcht lebt jetzt non adsunt Numina genti. im Volke; Der, des Hilf’ er begehrt, wird Cujus opem petit, feindlich entgegen ihm treten, contrarius hic sibi stetit: Und er im Wasser sterben, das Et perit in undis, Oberste kehren zu unterst[94], dum miscet summa profundis. Blühen wird aber sein Sohn und Natus florebit; quod erhalten, was nie er gehofft non sperasset, habebit: hat, 90) Doch sein trauriges Volk wird Sed populus tristis weinen in selbigen Zeiten. flebit temporibus istis. Denn von erstaunlicher Art Nam sortis mirae scheint sich das Schicksal videntur fata venire, zu nahn. Und es ahnt nicht der Fürst, Et princeps nescit, welch neue Macht da quod nova potentia heranwächst[95]. crescit. Endlich führet der Letzte von Tandem sceptra gerit, qui diesem Stamme das Zepter. stemmatis ultimus serit: Israel, wagt eine Tat, Israël infandum scelus unaussprechlich, mit dem Tod audet, morte piandum. nur zu sühnen[96]. 95) Und die Herde der Hirt, Germania Et pastor gregem den König erhält nun[97], recipit, Germania regem. Jegliches Unglück vergißt die Marchia, cunctorum Mark nun völlig und gänzlich, penitus oblite malorum, Wagt es die Ihren zu pflegen, Ipsa suos audet kein Fremdling darf mehr fovere, nec advena gaudet, frohlocken. Und von Lehnin und Chorin Priscaque Lehnini ersteht die alte Bedachung, surgunt et tecta Chorini, Und die Geistlichkeit glänzt Et veteri more nach alter Weise in Ehren clerus splendescit honore, 100) Und es stellet kein Wolf mehr Nec lupus nobili nach dem edlen Schafstall plus insidiatur ovili.

II. Kommentar

Wie bereits kurz erwähnt, wird die Lehninsche Prophezeiung als Werk eines Bruders Hermann aus dem Zisterzienserkloster Lehnin in der Mark Brandenburg ausgegeben, bzw. gibt sich selbst als solche aus. Wenn sich auch zahlreiche Abschriften der 100 leonischen Verse erhalten haben, so existiert doch keine, die in die mittelalterlichen Jahrhunderte hinaufreicht.[98] Vielmehr gehen die ältesten existierenden Handschriften auf das Ende des 17. Jahrhunderts – etwa 1690 – zurück. Im Druck erschien das Vaticinium Lehniense zuerst von G. P. Schulz bis auf 4 Verse vollständig in »das gelahrte Preußen II. Teil S. 290« (Königsberg 1723), dann, ohne Angabe des Druckortes, im Jahre 1741 und hierauf noch außerordentlich oft.

Legt das Fehlen alter Handschriften schon den Gedanken nahe, es handle sich insofern um eine Fälschung, als einer neueren Dichtung aus irgendwelchen Gründen ein wesentlich höheres Alter zugeschrieben wurde, so wird diese Vermutung noch durch zwei andere Momente gestützt.

Erstens sind die »Prophezeiungen« aus den mittelalterlichen Jahrhunderten (Vers 1–75), wenn auch häufig verschwommen in der Fassung, so doch inhaltlich ausnahmslos zutreffend, während die neuzeitlichen (Vers 76–100) zum Teil falsch sind. Das legt den Verdacht nahe, daß es sich für die älteren Zeiten um ein Vaticinium post eventum handelt, d. h. daß der Verfasser seine historischen Kenntnisse =nachträglich= in die Form einer Prophezeiung kleidete. Es sei nicht verschwiegen, daß sich hiergegen auch in der Literatur, die außerordentlich reich ist[99], Stimmen erhoben haben, die für die Authentizität auch des ältesten Teiles und die Verfasserschaft eines der im 13. Jahrhundert in Lehnin nachweisbaren Äbte mit dem Namen Hermann eintreten[100]. Besonders seien hier genannt: Wilhelm =Meinhold=, Die Lehninsche Weissagung, Leipzig 1849, Neuausgabe von Paul Majunke, Regensburg 1896. Ferner Johannes =Ponk= (=Knop=), Schrammen-Lehnin. Untersuchung, ob in dem Schriftchen: »Des seligen Bruders Hermann aus Lehnin Prophezeiung über die Schicksale und das Ende der Hohenzollern von Johannes Schrammen« die Lehninsche Prophezeiung unwiderleglich als Fälschung nachgewiesen ist. Regensburg 1896. Daß ausschließlich kirchliche Kreise bisher Verteidiger stellten macht umso mißtrauischer als, worauf wir noch zurückkommen werden, die Prophezeiung zweifellos der Kirche und zwar der katholischen Kirche wohl will.

Anderseits darf man nicht vergessen, daß alle weltlichen Gelehrten und Schriftsteller von dem ungeprüften Dogma ausgehen, daß Prophezeiungen unmöglich sind, während die Kirchen deren Möglichkeit zugeben, ohne im einzelnen Falle für die Wirklichkeit offiziell einzutreten. Wenigstens nicht für die Wirklichkeit der nachevangelischen Prophezeiungen, die uns ja in unserer Untersuchung allein interessieren. Deshalb ist – so merkwürdig es klingen mag – in dieser Frage die Kirche aufgeklärter – ja freiheitlicher als die profane Wissenschaft. Denn der dogmatischen Gebundenheit der letzteren mit ihrem Zwange die Möglichkeit der Prophetie a limine abzulehnen und als Schwindel oder Zufall zu erklären, steht das kirchlicherseits gewährte Prüfungsrecht, jedes einzelnen derartigen Phänomens gegenüber bei gleichzeitigem Zwange die Möglichkeit der Prophetie prinzipiell anzuerkennen. Da also der Kirchengläubige das Recht der unbeschränkten Prüfung besitzt, der »voraussetzungslose« Gelehrte aber verwerfen muß, so ist in diesem Falle dem ersteren von vorn herein mehr Vertrauen entgegenzubringen.

Das zweite für die Abfassung der Weissagung in späteren Jahrhunderten sprechende Moment ist der in ihr zutage tretende tendenziöse Geist. Es war überhaupt das Unglück dieser Prophezeiung, daß sie, statt ruhiger wissenschaftlicher Prüfung unterzogen zu werden, seit je Parteizwecken dienen mußte. Waren es z. B. im Jahre 1848 die Demokraten, die frohlockend auf den Sturz des preußischen Königtums hinwiesen, so waren es seit dem Kulturkampf die Ultramontanen, die den Sieg des Papsttums aus den Worten des Sehers ableiteten.

Sehen wir uns die Schrift mit Rücksicht auf die in ihr waltende Tendenz näher an, dann werden wir die merkwürdige Beobachtung machen, daß zwar jeder Kommentator von ihr spricht, aber auch fast jeder eine andere in ihr findet.

Während der Pfarrer J. C. Weiß in Lehnin bereits im Jahre 1746 durch das Buch »Vaticinium metricum D. F. Hermanni in Lenyn ...« die Schrift widerlegte, war es das Ziel späterer Forscher den Verfasser zu ermitteln und das besonders aus der Tendenz des Gedichtes heraus.

Wilken erklärte, 1827 von König Friedrich Wilhelm III. mit Nachforschungen betraut, den im Jahre 1693 verstorbenen Kammergerichtsrat Martin Friedrich Seidel für den Autor. Das bestreitet u. a. Giesebrecht, weil Seidel weder Katholik, noch Feind des Hauses Hohenzollern gewesen, gegen das die Weissagung als Schmähschrift gerichtet sei. Giesebrecht macht dafür einen ehemaligen Rittmeister Oelven namhaft.

Heffter entgegnet mit anderen, daß der Verfasser des Gedichtes keineswegs Katholik gewesen sein müsse und bestreitet auch die antihohenzollernsche Tendenz. Daß andrerseits die Tatsache, daß Seidel, der sich im Besitze einer Abschrift befand, zu einzelnen Versen Zusätze gemacht hat – z. B. zu Vers 95, daß innerhalb fünfzig Jahren kein Reformierter und innerhalb hundert Jahren kein Lutheraner mehr in der Mark sein würde, sondern nur mehr Katholiken – kein Beweis für seine Autorschaft ist, liegt allerdings auf der Hand. Uns interessiert am meisten, daß die Vertreter Seidels in dem Verfasser einen Protestanten sehen, der unmutig über die damaligen relativ toleranten Maßregeln der brandenburgischen Regierung, seinen lauen Glaubensgenossen das künftige Schicksal der Mark in kirchlicher Beziehung habe vor Augen führen wollen und zu dem Zweck die Maske eines prophetischen Katholiken angenommen habe.

Andere glauben einen gewissen Andreas Fromm identifizieren zu können. Fromm war Probst zu St. Petri in Berlin bis 1666, wurde dann seines Amtes entsetzt, trat 1668 in Prag zum Katholizismus über und erhielt, trotz seiner Verheiratung daselbst ein Dekanat, dann zu Leitmeritz ein Kanonikat. Das Vaticinium wäre dann nichts als ein Racheakt. Er starb, etwa siebzigjährig, im Jahre 1685. Dagegen wird angeführt, daß er dazu zu früh gestorben sei, da die wirkliche Abfassung in die Jahre 1691 oder 1692 falle, ferner, daß der Verfasser ja nicht durchaus ein Katholik gewesen sein müsse. Was den Einwurf des frühen Todes betrifft, so ist er genau genommen eine petitio principii, da wir die Entstehungszeit des Gedichtes keineswegs genau kennen. Das einzige, was wir in dieser Hinsicht mit Bestimmtheit wissen, ist der von Gieseler[101] erbrachte Nachweis, daß die =Weissagungen spätestens seit 1693 bekannt sind=. Ferner ist es richtig, daß das ausgehende 17. Jahrhundert zu weissagen liebte. Aber das ist keine Spezialität dieser Zeit, denn das ganze Mittelalter hatte dieselbe Neigung.

Andere sehen in der Prophezeiung eine Staatsschrift gegen den Kurfürsten Friedrich III., nachmaligen ersten König von Preußen, unter Billigung seiner Stiefmutter gerichtet in der Absicht den großen Kurfürsten zur Enterbung seines ältesten Sohnes zu Gunsten des Markgrafen von Schwedt zu bestimmen.

Nach Heinrich Pröhle[102] ist der Grundgedanke der Weissagung keineswegs der Haß gegen die Hohenzollern, sondern das Verlangen nach einer Rückgabe der geistlichen Güter. Das Thema sei das Glück der Mönche, das, wie das Kloster Lehnin zeige, immer wieder im Wechsel der Zeiten zum Vorschein komme. Für den Verfasser hält Pröhle – wie schon früher Gieseler – den Abt von Huysburg, von Zitzwitz. (Geb. 1643, gest. 1704).

Ist diese Vermutung richtig, dann wäre die ganze Prophezeiung entstanden, weil im Jahre 1691 Lehnin eine Kolonie reformierter Schweizer erhielt. Das soll den zum Katholizismus übergetretenen Zitzwitz empört haben. Andrerseits wäre es auch eine Zurücksetzung der lutherischen märkischen Bauern gewesen. Zitzwitz soll bei Abfassung des Vaticinium Virgils Hirtengedichte nachgeahmt haben. Guhrauer vermutet einen Jesuiten Friedrich Wolf († 1708) als Autor.

Uns ist es recht gleichgültig, wer der Verfasser der Prophezeiungen war. Feststellen wollen wir aber, daß kein genügender Gegenbeweis für das hohe Alter des Vaticinium erbracht ist, wenn es auch sehr wahrscheinlich ist, daß es erst am Ausgang des 17. Jahrhunderts, keinesfalls später, entstand. Ferner, daß aus der Unsicherheit des Verfassers sowohl wie seiner Tendenz hervorgeht, daß es keineswegs so überaus leicht ist die Weissagung als Fälschung zu brandmarken.

Mir scheint sogar die Strittigkeit der Tendenz die Vermutung nahe zu legen, daß eine solche überhaupt =nicht= vorhanden ist. Das schließt ja gewiß nicht aus, daß der Verfasser, auf dem Boden einer bestimmten Weltanschauung stehend, die Dinge durch eine konfessionelle Brille betrachtet. Aber braucht das in gehässiger Absicht zu geschehen? Ist der Gedanke so unerhört, daß jemand aus keinem anderen Grunde prophezeit als dem, die Wahrheit zu entschleiern? Jedenfalls können wir das annehmen.