Part 2
In meiner Untersuchung »Lebensdauer und Todesursachen innerhalb der deutschen Kaiser- und Königsfamilien«[3], in der ich auf historisch-statistischer Basis erstmalig den Beweis erbrachte, daß die Lebensdauer im geraden Verhältnis zur Höhe der materiellen Kultur steht und daß die Menschen seit dem frühen Mittelalter immer älter werden, stieß ich auf folgende Stellen:
»Mit des Kaisers Kräften ging es zur Neige, als er Ende September 1518 von Augsburg durch die Ehrenberger Klause in sein geliebtes Tirol gezogen kam ... Die Ärzte konnten nichts helfen, zumal einer, Collinitius (Tannstetter), hoffnungslos war wegen eines Horoskopes, das er vor Jahren vor Zeugen über des Kaisers Todesepoche gestellt hatte ...« Der Kaiser Maximilian I. starb am 12. Januar 1519[4].
Oder von Kaiser Rudolf II., der schon viele Jahre geistig und körperlich krank, seit 1612 andauernd ans Bett gefesselt war, fand ich: Ende des Jahres 1619 ging es mit ihm schlechter. »Er versank in tiefe Melancholie, da er seinen Tod für unvermeidlich hielt. Tycho Brahe, sein großer Astronom, hatte nämlich durch das Horoskop gefunden, daß er und sein Lieblingslöwe unter demselben Einfluß stünden. Letzterer war aber in diesen Tagen gestorben.« Der Kaiser starb am 20. Januar 1620[5].
Noch eine dritte Stelle sei angeführt. Sie handelt von Kaiser Karl VI., dem letzten Habsburger. Der Kaiser hatte, wiewohl ganz gesund, am 1. Oktober des Jahres 1740 plötzlich ein Vorgefühl des nahen Todes geäußert. Um ihn zu zerstreuen, war eine große Jagd veranstaltet worden, von der er todkrank heimkehrte. Und zwar hatte er am 13. Oktober plötzlich heftigen Schnupfen und Leibschmerzen, so daß er auf der Heimfahrt mehrmals ohnmächtig wurde. Am 20. Oktober hauchte er seine Seele aus[6].
Diese und andere historisch völlig einwandfrei feststehende Tatsachen, die ich in meinem Gedächtnis nachkramend noch fand, machten mich stutzig, und ich entschloß mich, die Frage einer eingehenderen Prüfung zu unterziehen. Wäre ich =gläubig= gewesen, d. h. hätte für mich die Hypothese der Unmöglichkeit derartiger übersinnlicher Phänomene festgestanden, dann hätte ich mich mit dem Zufall als Erklärung begnügt und nicht weiter darüber nachgedacht. Aber ich war und bin ganz und gar =nicht= gläubig, weder der Kirche und ihren Dogmen, noch den Autoritäten oder den gerade aktuellen Zeitdogmen gegenüber, und so ging ich vor auf die Gefahr hin, einen Schlag ins Wasser zu tun.
Einigermaßen zögerte ich noch, weil mir die Konsequenzen eines ev. Eintretens für die Wahrheit der Prophetie keinen Augenblick zweifelhaft sein konnten. Hätte ich gefunden, daß alle überlieferten Daten falsch sind, dann wäre damit gegen die Möglichkeit der Prophetie ebenso wenig bewiesen gewesen, wie etwa die Nichterreichung der Pole etwas gegen die Möglichkeit, doch einmal ans Ziel zu gelangen, aussagen will.
Wie aber, wenn ich mich von der Wirklichkeit überzeugte und dann den selbstverständlichen Bekennermut der Wahrheit beweisen müßte? Ein Fall, der, wie das Folgende zeigen wird, eintrat. Oder wenn es mir nicht gelingen sollte, den zwingenden Beweis zu erbringen, nachdem ich persönlich überzeugt worden war?
Ich hätte mich unfehlbar lächerlich gemacht. Es ist ja ein beneidenswertes Vorrecht der absoluten Ignoranz, a limine alles das abzulehnen, was ihr nicht sofort plausibel erscheint. Je mehr wir uns mit irgendeiner Materie beschäftigen, desto mehr werden wir finden, daß es nur sehr wenig Irrtümer gibt, die sich nicht mit einigen Argumenten stützen ließen, aber andrerseits auch nur sehr wenig Wahrheiten, gegen die sich nicht gleichfalls triftige Gründe ins Feld führen lassen. Da nun aber gerade auf diesem Gebiete die Zahl derer, die sich mit der Materie beschäftigten, sehr minimal ist; da sie zumeist nicht den Mut haben, das zu bekennen, was sie fanden oder – wenn sie es tun – es zumeist in Organen geschieht, die durch die geringe kritische Sichtung ihres sonstigen Materiales auch das Richtige schädigen, so befinde ich mich unbedingt in der verschwindenden Minorität und muß sehen, wie ich den Kampf allein durchführen kann.
Besonders die große Zahl der Freunde meiner anderen Schriften wird, dachte ich mir, an mir irre werden. Denn sie lachte mit mir die Ignoranz und Borniertheit der Pfaffen und Bureaukraten aus und freute sich über Dummheiten anmaßender »Autoritäten«. Sie wird – das bewiesen mir schon Zuschriften – glauben, ich sei Apostat geworden, wo doch das gerade Gegenteil der Fall ist. Gerade meine Autoritätslosigkeit und mein Wahrheitsdrang befähigten und ermutigten mich eine Frage, die für die gedankenlosen Nachbeter des Zeitdogmas längst gelöst ist, nachzuprüfen. =Also nicht Apostasie, sondern konsequente Verfolgung des eingeschlagenen Weges führte zu diesem Ziele.= Wenn es auch verdienstvoll ist, mit Irrtümern aufzuräumen, wie ich das in früheren Schriften tat, so ist es doch zweifellos noch dankenswerter, eine neue Wahrheit zu finden. Brach ich also Bahn für dogmenfreies Denken nach jeder Richtung, so war es nur natürlich, wenn ich als einer der ersten diese Bahn auch beschritt.
Ein weiterer Einwand, den ich mir machte, um ihn gleich dem vorigen zu widerlegen, war folgender: Die Prophetie ist ein Phänomen, das seit Jahrtausenden bekannt ist und das das Volk – neben mancher anderen Wahrheit – auch niemals vergessen hat, trotz aller Gelehrten. Man wird also, wenn ich den Beweis für die Tatsächlichkeit erbringe, in ganz kurzer Zeit vergessen, daß ich mich damit aufs entschiedenste gegen die Zeitdogmen gestemmt habe, daß ich den Mut bewies, den Fluch der Lächerlichkeit zu riskieren und tatsächlich eine neue Wahrheit, wenigstens für die Wissenschaft, fand. Man wird sich vielmehr breitbeinig vor mich hinstellen und mir mit Stentorstimme zuschreien: »Du glaubst eine neue Wahrheit gefunden zu haben? Du Narr! Das haben ja schon die alten Babylonier, Hebräer und Griechen gewußt.«
Und man wird glauben, mir eine große Neuigkeit geoffenbart zu haben.
Doch selbst wenn es so kommen wird – dachte ich mir – ist es nicht so schlimm. Denn nicht nur die Goldbarren der Wahrheit aus tiefem Schacht ans Licht zu fördern, ist des Schweißes der Edeln wert. Auch aus ihnen Dukaten zu schlagen und sie so unter die Leute zu bringen, ist nicht ohne Verdienst.
So weit freilich, daß man den berühmten Tric anwenden kann, erst eine neue Wahrheit mit allen Mitteln, selbst gegen besseres Wissen zu bekämpfen und dann, wenn sie glücklich zum Siege geführt ist, zu beweisen, daß sie gar nicht neu ist, sind wir noch lange nicht. Vorläufig befinden wir uns noch im ersten Stadium dieses Prozesses. Das beweist auch folgender Vorfall:
Als mir neulich ein Bekannter sagte: »Was machen Sie denn eigentlich? Ich habe Sie immer für einen modernen Menschen gehalten und nun treiben Sie solche Sachen«, da konnte ich ihm ruhig antworten: »Nicht wiewohl, sondern eben weil ich mich bemühe, ein moderner Mensch zu sein, darum tue ich es. Denn in zehn Jahren werden es die Spatzen von den Dächern pfeifen.«
Es gibt also tatsächlich noch Leute, und sie haben die öffentliche Meinung ganz auf ihrer Seite, die die Beschäftigung mit solchen übersinnlichen Phänomenen für eines modernen Menschen unwürdig halten. Das war mir eine große Beruhigung, denn da ich den =Beweis= gefunden habe, ist es mir natürlich wertvoll, zu wissen und bestätigt zu finden, daß ich damit vorläufig wenigstens etwas Unerhörtes sage.
Es ist ja ein trauriges Los aller Entdecker und Förderer einer neuen Wahrheit, daß das, was sie fanden – um so bedeutender es war, desto schlimmer –, bald Gemeinplatz wird und man sich nachträglich kaum mehr vorstellen kann, welcher Kämpfe und Gedankenarbeit es bedurfte, es so weit zu bringen.
Doch alle diese Erwägungen und wohl auch noch andere brachte ich durch den schlagenden Gegengrund zum Schweigen, daß es unehrenhaft ist, eine Wahrheit, die man gefunden zu haben glaubt, aus keinem anderen Grunde zu verschweigen, als weil man persönliche Unbequemlichkeiten fürchtet. Hätten nicht zu allen Zeiten mutige und ehrenhafte Männer so gedacht, dann wären wir heute noch Kannibalen und Troglodyten.
Allerdings war mir eines klar: allein durch die Zusammentragung beglaubigter Prophezeiungen ist das Problem niemals zwingend zu lösen. Denn mögen die Daten auch noch so zahlreich sein, so wird die Möglichkeit des Zufalles doch niemals ganz von der Hand gewiesen werden können. Es handelte sich also vor allem darum, eine =Methode= zu ersinnen, die diesen Rückzug endgültig abschneidet.
Sie fand ich durch Verbindung der =Wahrscheinlichkeitsrechnung= mit den historischen Tatsachen. Dadurch gelang es mir, an die Stelle eines Glaubens oder Nichtglaubens an Prophetie das unbedingt feststehende =Wissen= von ihrer Existenz zu setzen.
=Das ist eine neue Wahrheit.= Denn die Voraussetzung der Wahrheit, das, was sie vom Glauben oder Aberglauben unterscheidet, ist ihre =Beweisbarkeit=. In die Wissenschaft wird etwas nur durch den Beweis eingeführt. Und ihn zu erbringen, gelang mir als erstem. Denn was die größten Denker früher auch über Prophetie geschrieben haben mögen, alles war mehr oder weniger hypothetisch, mag es auch noch so geistreich oder genial gewesen sein. Die feste Basis des exakten wissenschaftlichen Beweises legte sich.
Nun wird man noch fragen können, warum ein Buch, das die strengsten wissenschaftlichen Ansprüche erhebt und den ersten zwingenden Nachweis einer zwar vermuteten, aber doch noch völlig unbekannten Naturkraft erbringt, in einem Verlage erscheint, der vornehmlich populäre und belletristische Literatur pflegt.
Ich könnte darauf antworten, daß eine solche Äußerlichkeit nicht der Rede wert sei. Damit würde ich allerdings die Denkweise der gelehrten Zunft verkennen, die sich mit Vorliebe an äußerliche Kriterien hält. Sie wird sich in diesem Falle wohl oder übel mit der Tatsache abfinden müssen, daß eine Wahrheit, die in ihren Konsequenzen an Bedeutung alle Klostergeschichten und Aktenpublikationen turmhoch überragt, in einer Form und in einem Verlage erscheint, der nichts weniger als für den Ausschluß der Öffentlichkeit bestimmt ist.
Um es gerade heraus zu sagen: Mir genügt es nicht, wenn ein Dutzend Gelehrte von meiner Entdeckung Kenntnis erlangen. Ich verzichte auf die papierne Unsterblichkeit der Bibliotheken und Anmerkungen. Ich will =wirken=, das Denken meiner Zeitgenossen beeinflussen. Ich will verhüten, daß einige übelwollende oder neidische Fachgenossen, einige dogmatisch befangene Fachzeitschriften mein Werk auf Jahrzehnte totschweigen können. Vestigia terrent. Darum versuchte ich strenge Wissenschaftlichkeit des Tatsachenmateriales und der Beweisführung mit einer Form zu verbinden, die auch der versteht, der über nichts weiter als seinen gesunden Menschenverstand und leidliche Schulbildung verfügt. Und ich trug Sorge, daß dieses Buch eine Verbreitung findet, ebenso groß, oder noch größer, als die meiner übrigen Schriften.
Daß mir Hohn und Spott von der einen Seite, der Vorwurf, ich stieße offene Türen ein, von der anderen, orthodoxen, die ein Glauben an Prophetie mit dem exakten Nachweis ihrer Existenz verwechselt, nicht erspart bleiben wird, des bin ich gewiß. Es schreckt mich nicht. Ich kann sogar meinen Gegnern die Versicherung geben, daß es gar nichts Ungefährlicheres gibt, als mich anzugreifen. Denn da die Wahrheit für sich spricht und sprechen wird, habe ich keine Veranlassung, mich in Polemiken einzulassen und damit Leuten zu einem Bekanntwerden zu verhelfen, auf das sie sonst wohl verzichten müßten. Nur Gelehrten von Ruf und Namen rate ich zu einiger Vorsicht. Sie könnten sich sonst leicht in meinen Kultur-Kuriosa unter der Liste der entgleisten »Autoritäten« wieder finden.
Ich schließe mit einer Bitte an alle jene, denen es wirklich um die Wahrheit zu tun ist. Ich bitte nicht um irgendeinen Glauben, im Gegenteil, ich bitte um =Zweifel=. =Aber um einen Zweifel, der nicht stehen bleibt bei der Kritik der einzelnen Tatsache, sondern der auch nicht halt macht weder vor Hypothesen, noch Theorien, noch Zeitdogmen. Auch nicht vor dem der Unmöglichkeit der Prophetie.=
Fußnoten:
[1] Eine große Zahl weiterer Fälle findet man in meinen »Kultur-Kuriosa«, 8. Aufl., S. 268 ff., und II. Band, 6. Aufl., S. 42 ff. Meine Ansichten über Autoritäten im allgemeinen sprach ich aus in »Dinge, die man nicht sagt«, 7. Aufl., S. 98 ff.
[2] Kultur-Kuriosa II, S. 61 ff.
[3] Bei Franz Deuticke, Wien und Leipzig 1909.
[4] H. Ulmann, »Kaiser Maximilian I.«, II. Bd., S. 760 ff. Über die letzte Krankheit des Kaisers sind wir genauestens informiert durch das Schreiben J. Spiegels an den Arzt Stromair. Vgl. Knod. Spiegel, 1. Schlettstädter Programm 1884, Beil. VII, S. 51 f.
[5] Vgl. Anton Gindely, Rudolf II. und seine Zeit, Prag 1863, II. Bd., S. 325 ff.
[6] P. A. Lelande, Histoire de l’empereur Charles VI, Haag 1743, VI. Bd., S. 114 ff.
Erstes Kapitel
Einzelne Prophezeiungen und Vorahnungen
Das Altertum
Die Zahl der uns aus der Vergangenheit erhaltenen und als eingetroffen beglaubigten Prophezeiungen ist außerordentlich groß. Dabei ist es keineswegs nötig, die Weissagungen religiösen Inhaltes in den Kreis der Betrachtung zu ziehen. Auf sie werden wir in diesem Buche überhaupt nicht näher eingehen, und zwar aus verschiedenen Gründen.
Zunächst hat das an Prophezeiungen reiche Alte Testament verschiedene Redaktionen und Interpolationen sich gefallen lassen müssen, so daß wir oft nicht wissen, ob es sich um eine beglaubigte Vorhersage handelt. Das schließt das Vorhandensein der echten nicht aus. Auf sie werden wir später zurückkommen. Daß die messianischen Prophezeiungen ausscheiden, ist klar, denn es ist eine mißliche Sache, sich mit solchen mystischen Dingen zu befassen, wenn man eine neue Wahrheit finden oder doch eine alte durch neue Argumente stützen will. Die Juden stehen ja bekanntlich noch heute auf dem Standpunkt, daß der Messias noch kommen wird.
=Eine= Prophezeiung allerdings zieht sich durch das Alte Testament, die wir nicht vergessen dürfen, zumal sie profaner Natur ist: die das jüdische Volk und seine Zukunft betreffende. Von ihr wissen wir auch mit absoluter Sicherheit, daß sie nicht nachträglich erst abgefaßt sein kann. Mag man einwerfen, sie sei prophezeit nicht etwa auf visionärem Wege, sondern als Wunsch, oder in der Absicht, durch diese Hoffnung das kleine Judenvolk auch in den schlimmsten Zeiten aufrecht zu erhalten, so sind das Hypothesen, die an der verblüffenden Tatsache nichts ändern.
Wo sind sie alle geblieben, die Herren der alten Welt? Wo sind die Babylonier, die Assyrer, die Griechen, Römer?
Sie sind wie die Spreu vom Winde verweht. Da und dort Trümmer gewaltiger Bauwerke, Reste ihrer Literatur, Spuren in unserem Geiste hinterlassend, aber im wesentlichen hat nur der Name die Jahrtausende überdauert. Was an den alten Herrenvölkern von Fleisch und Blut war, das ist ausgestorben. Gewiß mag noch in den Adern von manchen unter uns ein Tropfen ihres Blutes rollen. Aber es ist =ein= Tropfen.
Und =leben= nicht die Juden? =Sie ganz allein= von allen Völkern, die einst vor Jahrtausenden über die Erde wandelten? Und auch sind sie es wiederum ganz allein, die seit zweiundeinhalb Jahrtausenden =kein Vaterland= besitzen, sondern verfolgt, gehaßt, verachtet unter Wirtsvölkern wohnen, die oftmals wechselten, während sie blieben.
Aber es ist nicht genug zu sagen, daß das Judenvolk der einzige Rest der Antike ist, der lebend mit Fleisch und Blut in die Gegenwart hineinragt. Sie sind jetzt bedeutend =zahlreicher= als je zuvor. Schätzt man doch das ganze Volk auf etwa 11½ Millionen Seelen, während das alte Palästina, ein Land nicht größer als die Provinzen Sachsen oder Westpreußen, kaum mehr als eine halbe Million Bewohner ernährte, und von diesen waren keineswegs alles Juden. Das Volk hat sich also nach allermindester Schätzung verzwanzigfacht.
Doch es ist nicht genug an dem, daß das Judenvolk als einziges des Altertums heute noch besteht, daß es ohne Vaterland dies Wunder ermöglichte, daß es sich verzwanzigfachte, es =herrscht= auch! Unser Handel und Geldwesen ist leider zum großen Teile durch die törichten kirchlichen Wucherverbote den Landesherren entwunden und in ihre Hand gelegt. Ebenso steht es mit dem größten Teil der Presse. Und daß auch politisch das Judenvolk keineswegs machtlos ist, wenigstens nicht im Westen und Süden Europas, beweisen die zahlreichen Minister israelitischen Glaubens in Italien und Frankreich, beweist ein Disraeli im stolzen England und mancher hohe Beamte bei uns. Dabei sehen wir ganz davon ab, daß sehr viel jüdisches Blut sich mit dem blauen unseres Adels vermischt hat.
Fürwahr: Keine Prophezeiung ist in jeder Hinsicht in so wunderbarer Weise in Erfüllung gegangen, wie die alttestamentliche das Judenvolk betreffende.
Wir wollen nun im folgenden eine Anzahl das Judenvolk betreffender Prophezeiungen notieren[7].
Der älteste bekannte Prophet ist =Amos=, dessen Leben wir um 800 vor Chr. ansetzen dürfen. Er verkündet deutlich den Untergang des Zehnstämme-Reiches in der Zeit, als es unter Jerobeam II. wieder auf der Höhe der Macht stand und sich vom Hermon im Norden bis zum Toten Meer erstreckte. Die Vorhersagen lauten: »Durchs Schwert wird Jerobeam umkommen, und Israel wird auswandern von seinem Boden« (Amos 7, 11). Ferner: »Ich werde euch vertreiben weit über Damaskus hinaus« (Amos 5, 27) oder »Ich werde unter alle Völker das Haus Israel zerstreuen« (9, 9) und endlich: »Ich werde gegen euch, Haus Israel, spricht Gott, ein Volk auftreten lassen, das euch bedrängen wird, von gen Chamat bis zum Flusse der Araba« (des Toten Meeres), d. h. im ganzen Lande (6, 14). Amos nennt das Volk nicht, welches die Transportation vollziehen soll, kennt es noch nicht einmal, weiß aber, daß das Faktum bestimmt eintreffen wird. Nun ist das Zehnstämme-Reich erst ein Jahrhundert später (um 720) durch die Assyrer vernichtet worden. Diese von Amos so lange vorher verkündete Vorhersage hat sich also buchstäblich erfüllt.
Man könnte das Faktum zwar zugeben, trotzdem aber leugnen, daß es auf prophetischem, übersinnlichem Wege von Amos vorhergesehen wurde. Man würde es dann einer richtigen politischen Kombination zuschreiben. Denn schon damals hätten die Assyrer Lust gezeigt, Ägypten zu erobern, auf dem Wege dorthin aber müßten sie Palästina berühren und unterwerfen.
Dieser Einwurf läßt sich leicht damit widerlegen, daß im Falle der politischen Kombination auch das Reich Juda hätte hineingezogen werden müssen, und das um so mehr, als es damals viel schwächer als das Zehnstämme-Reich war. Ganz im Gegenteil hat aber Amos den =Fortbestand Judas ausdrücklich betont= (9, 8. 11). »Ich werde das Haus Jakob (Juda-Benjamin) nicht vertilgen, an jenem Tage werde ich die einfallende Hütte Davids aufrichten.« Tatsächlich hat sich das Haus Jakobs noch 134 Jahre länger als das Haus Israels gehalten. Es hat sich erst fast zwei Jahrhunderte nach Amos aufgelöst. Es handelt sich hier also um eine richtige prophetische Vorhersage, bei der Kombination ausgeschlossen sein dürfte.
Recht inhaltreich und im vollen Umfang eingetroffen ist auch folgende Verkündigung: »Von Zion wird Belehrung ausgehen und =das Wort Gottes von Jerusalem für viele Völker=« (Jesaia 2, 2–4 und gleichlautend Micha 4, 1–3). Jedermann kennt den ungeheuren, bis heute noch fortwirkenden Einfluß der jüdischen Lehre auf das Denken des Abendlandes, durch Vermittlung des Mohammedanismus aber auf den Orient.
In Erfüllung gegangen ist auch Michas Verkündigung des Unterganges Jerusalems, ein Jahrhundert vor dem Eintreten des Ereignisses. Micha prophezeite zur Zeit des Königs Hiskija (etwa 711–695). Aber mehr als das: Micha verkündete auch, daß das Exilland der Juden Babylonien sein würde (Micha 3, 9–12 und 4, 10). »Kreise, Tochter Zions, wie eine Gebärerin; denn bald wirst du hinausziehen aus der Stadt, wirst weilen auf dem Felde, wirst bis Babel kommen, dort wirst du gerettet werden, dort wird der Herr dich aus der Hand deiner Feinde erlösen.« Diese Prophezeiung ist deshalb nicht gut als Kombination einzuschätzen, weil Babylonien damals ohnmächtig in der Hand der Assyrer war und weil auch der Rücktransport der Gefangenen vorhergesagt wird.
Übrigens hat auch Jesaia dem König Hiskija 124 Jahre vor der Erfüllung vorhergesagt, daß dessen Nachkommen nach Babylonien transportiert und Eunuchen im Palast des Königs von Babel sein werden (Jesaia 39, 5–7).
Auch Jeremia hat nicht nur den Transport der Juden nach Babylonien vorhergesagt, sondern auch den Wiederaufbau Jerusalems nach Rückkehr der Judäer (Jeremia 1, 13. 15 und 37, 7–10). Und zwar war Jeremia ein Jüngling, als er Niedergang und späteren Aufstieg seinem Volke vorhersagte, was politische Kombination noch unwahrscheinlicher macht. Er war von seiner Prophezeiung so überzeugt, daß er während der hoffnungslosen Zeit der Belagerung Jerusalems durch Nebukadnezar auf innere Eingebung hin ein Grundstück kaufte (32, 24 f.).
Ein weiterer Verkünder der Schicksale des Judenvolkes ist der Prophet Ezechiel. Auch er weissagte den Untergang Jerusalems und das Exil, aber auch die Rückkehr und Verjüngung des Volkes. Er sagte mit unzweideutigen Worten voraus, daß die Verbannten in Babel den Grundstock zu einem neuen Volke und zu einer neuen, edleren historischen Entwicklung bilden würden (11, 16–20). Auffällig ist, daß auch er im Anfange seiner prophetischen Laufbahn diese Sehergabe bewies. =Sein Bild von den vertrockneten und zerstreuten Gebeinen, die plötzlich wieder lebendig werden, hat sich buchstäblich erfüllt= (Ezechiel, Kap. 37).
Von den exilischen Propheten verkünden sowohl der Deutero-Jesaia (Jes. 40–66), der Prophet des Stückes Kap. 13–14 und 24–27, als auch der Deutero-jeremianische Prophet (Jerem. 50–51) zuversichtlich die Rückkehr aus dem Exil und ein fürchterliches Strafgericht über Babylonien. Mag das letztere auf politischer Kombination beruhen, da die gewaltige Gestalt des Cyros bereits am Horizont auftauchte, so war doch weder die Vernichtung Babyloniens – da ja Unterwerfung genügt hätte – vorauszusehen, noch vor allem, daß gerade das winzige Judenvölkchen die Aufmerksamkeit des Eroberers auf sich lenkte. Berücksichtigt man ferner, daß gerade der letzte König Babylons die Juden besonders hart behandelte, so ist kaum zu bestreiten, daß die Vorhersagen erstaunlich sind.
Endlich führen wir noch zwei nachexilische Propheten an, nämlich Chaggai und Zacharia. Als man über die Winzigkeit des Tempels während der Regierung des Darius seufzte, sagte der erstere: »Größer wird die Ehre dieses (kleinen) Tempels, als des ersten sein« (2, 6–9) und der andere: »Entfernte werden kommen und werden an dem Tempel Gottes teilnehmen« (6, 15). Tatsächlich kamen zum zweiten Tempel Heiden in Menge aus Syrien, den Euphratländern, Kleinasien, Griechenland und selbst Rom, um sich zum Judentum zu bekennen oder Weihgeschenke zu schicken. Erst die »Fülle der Heiden«, die in das Haus Jakobs einkehrten, hat Paulus auf den Gedanken gebracht, die Heiden zu bekehren und zur Kindschaft Abrahams zu berufen.
Besonders merkwürdig aber ist folgende Verkündigung des nachexilischen Zacharia: »=Es werden noch Völker und Bewohner großer Städte kommen und einander auffordern, Gott den Herren in Jerusalem aufzusuchen. Zehn Männer von allen Zungen der Völker werden den Zipfel eines jüdischen Mannes erfassen, sprechend: »Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben Gott mit Euch gehört=« (8, 20–23). Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Juden bei ihrer Heimkehr von seiten der Nachbarvölker nur Verachtung und Haß fanden.
In allen oben angeführten Fällen ist ein Vatecinium post eventum völlig ausgeschlossen, Kombination aber unwahrscheinlich. Inwiefern der berühmte Zufall eine Rolle spielt, möge jeder selbst entscheiden. Ausgeschlossen in der obigen Liste sind alle Prophezeiungen, die in den Geschichtsbüchern erzählt werden, da ihre Authentizität angefochten werden kann.