Prophezeiungen

Part 3

Chapter 33,536 wordsPublic domain

Daß einige Prophezeiungen nicht in Erfüllung gingen, sei nicht in Abrede gestellt. Wir werden das später noch sehr häufig finden und an anderer Stelle ausführlich auf diese Frage zurückkommen.

Das Neue Testament ist als Quellenschrift unbrauchbar, da – von den Briefen abgesehen – alle Berichte auf Hörensagen beruhen. Das älteste Evangelium, das des Markus, ist keinesfalls vor dem Jahre 70 geschrieben worden, die auf ihm fußenden Evangelien des Lukas und Matthäus sind etwa zwei Generationen jünger, und das des Johannes ist gar erst gegen die Mitte des 2. Jahrhunderts verfaßt; also reichlich ein Jahrhundert nach Christi Tode. Daß unter diesen Umständen den evangelischen Prophezeiungen keine Bedeutung zuzuerkennen ist, liegt auf der Hand[8].

Was die mittelalterliche Heiligenliteratur betrifft, so kann es nicht zweifelhaft sein, daß sich in ihr eine stattliche Anzahl echter Prophezeiungen würde nachweisen lassen. Jedoch ist sie in der Regel erst viel später und überdies außerordentlich unkritisch und mit der Absicht dem Heiligen möglichst viele Wunder zuzuschreiben, abgefaßt worden, so daß sie wenig Glauben verdient. Es mag eine dankbare Aufgabe der Zukunft sein, hier kritisch zu sichten. Daß durchaus nicht nur leeres Stroh gedroschen werden muß, ergibt sich z. B. aus der interessanten Arbeit von Merkt über die Stigmatisation des Heiligen Franz von Assisi[9]. Sie hat unzweifelhaft den Beweis erbracht, daß dieser außerordentliche Mensch Stigmen in der Art der Wundmale Christi hatte, ein Phänomen, für das, wie für so manches andere, die heutige Wissenschaft noch keine ausreichende Erklärung hat. Ohne Prophetengabe zu besitzen, können wir mit größter Bestimmtheit vorhersagen, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis diese ganze Literatur von urteilsfähigen allen kirchlichen Dogmen ebenso frei, wie allen materialistischen gegenüberstehenden Männern nach unsern Gesichtspunkten durchforscht werden wird.

Die Skepsis des Autors gegenüber der religiösen Literatur, sowie die nicht geringere der Gebildeten im allgemeinen gegen derartige Quellen wird es rechtfertigen, wenn wir hier nicht länger verweilen, sondern – von wenigen gut beglaubigten Ausnahmen abgesehen – uns auf die profanen beschränken.

Wir leben unzweifelhaft noch in einer Zeit der Hyperkritik, die ohne weiteres ablehnt, was ihr irgendwie außergewöhnlich erscheint. Das wird sich ja wohl dereinst ändern, aber unsere Aufgabe kann es nicht sein, hier mehr dem Zeitgeist zu trotzen, als es unbedingt nötig ist. Daß trotzdem auch die kritischste Quellenbearbeitung Glauben fordert – man denke an die zahlreichen Fälle, in denen ein Faktum nur durch einen einzigen Bericht überliefert ist – steht fest. Aber in diesen Fällen muß das Faktum eben möglichst alltäglich sein. Bei unserer Untersuchung jedoch, die sich mit einer Materie befaßt, die rundweg in ihrem Bestande geleugnet wird, in den Fällen aber, wo sich die Tatsachen nicht fortdisputieren lassen, nach Tunlichkeit durch Zufall erklärt zu werden pflegt, tut doppelte und dreifache Vorsicht not.

Diese Erwägungen objektiver Art – soweit sie die tatsächlich unkritische und panegyrische religiöse Literatur betreffen – sowie die ebenso beachtenswerten subjektiver Natur – d. h. die Skepsis allem gegenüber, was irgendwie das Alltägliche, das Allerheiligste unserer demokratischen Zeit, übersteigt – lassen größte Vorsicht in Verwertung unverdächtiger Quellen als Pflicht der Klugheit erscheinen. Es muß unser Bestreben sein, möglichst gar nichts auf den guten Glauben des Lesers ankommen zu lassen.

Beginnen wir mit einigen beglaubigten Beispielen, die um so weniger Widerspruch finden werden, als sie gar keine echten Prophezeiungen sind.

Am bekanntesten ist das Orakel zu Delphi, das Krösus auf seine Frage hin die Antwort gab: wenn er den Halys überschreite, werde er ein großes Reich zerstören. Der Doppelsinn dieses Ausspruches ist so klar, daß man sich nur wundern muß, daß Krösus ihn nicht merkte.

Ebenso doppelsinnig ist das von Cicero überlieferte Apollinische Orakel, das Pyrrhus gegeben wurde:

Ajo te, Aeacida, Romanos vincere posse.

Da es sowohl heißen kann »ich sage dir, Aeacide, daß du die Römer besiegen kannst«, als auch »ich sage dir, Aeacide, daß die Römer dich besiegen können«, so ist es weder verwunderlich, daß es in Erfüllung ging, noch daß wir Cicero glauben, wiewohl er insofern keine lautere Quelle genannt werden darf, als er zwei Jahrhunderte nach dem großen Epiroten lebte.

Endlich wollen wir noch ein Orakel von Heliopolis in Aegypten anführen, das uns Macrobius[10] überliefert: Vor seinem Partherkriege wandte sich Trajan dorthin, um Auskunft über den Ausgang zu erhalten. Die Heliopolitaner schickten ihm statt einer Antwort einen zerbrochenen goldenen Weinstock, der im Tempel des Gottes geopfert worden war. Der Kaiser starb auf dem Feldzuge und man brachte die Gebeine, die durch den zerbrochenen Weinstock symbolisiert worden waren, nach Rom. Hätte er die Parther geschlagen, dann hätte man selbstverständlich auf sie das Symbol des Weinstocks gedeutet.

Daß uns mit solchen doppelsinnigen Aussprüchen, die unter allen Umständen in Erfüllung gehen müssen, nicht gedient ist, liegt auf der Hand. Zu verurteilen aber ist die Neigung der Gegenwart =alle= Orakel als ebenso doppelsinnig oder schwindelhaft hinzustellen.

Interessanter schon ist das alte Orakel, das uns Thukydides in seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges mitteilt.

Nachdem er die Pest und die furchtbare Not in Athen beschrieben hat, fährt er fort: »Und in diesen unglücklichen Zeiten fiel ihnen, wie man leicht denken kann, die Weissagung ein, die, wie die älteren unter ihnen versicherten, vor langen Zeiten gesungen worden sei:

=Kommen wird einst ein dorischer Krieg und mit ihm die Seuche.= Die Meinungen hatten sich darüber geteilt, ob die Alten in diesem Vers λοιμός (Pest) oder λιμός (Hungersnot) gemeint hätten. Doch bei den damaligen Begegnissen der Stadt behielt, wie leicht zu erachten, die erste Meinung die Oberhand, wie denn einem gewöhnlich dasjenige am ersten in den Sinn kommt, was mit dem, was uns wirklich begegnet, die nächste Verwandtschaft hat. Und ich stelle mir vor, wenn einmal nach diesem ein anderer dorischer Krieg ausbrechen, und eben eine Hungersnot dabei eintreten sollte, so würde man natürlich auch die Weissagung so auslegen. Nicht minder gedachten nunmehr auch diejenigen, welche darum wußten, an das den Lakedämoniern erteilte Orakel, da Apollo ihnen auf die Anfrage, ob sie den Krieg anfangen sollten, zur Antwort gegeben: =wenn sie den Krieg mit Nachdruck führten, so würde der Sieg auf ihrer Seite sein, ja selbst ihnen beizustehen versprochen hatte=. Mit diesem Orakel hielten sie den bisherigen Verlauf der Sache ganz übereinstimmend. Die Seuche brach gleich von der Zeit an aus, als die Peloponnesier ins Attische einfielen, und, was ein merkwürdiger Umstand war, die Peloponnes blieb gänzlich davon frei. Ihre stärkste Wirkung äußerte sie in Athen, sodann aber auch in andern Plätzen, die vor andern volkreich waren[11].«

Daß Thukydides Skeptiker ist und deshalb seine Mitteilung auch bei modernen Gesinnungsgenossen keinem Zweifel begegnen wird, dürfen wir als bekannt voraussetzen. Schrieb er doch seine berühmte Geschichte, ein bis heute unübertroffenes Meisterwerk, in ausgesprochenem Gegensatz zu seinem Vorgänger Herodot. Ihm kommt es im Gegensatz zu jenem darauf an, überall den natürlichen Zusammenhang der Dinge nachzuweisen, weshalb er alles Mythische und Göttliche, insoweit es die menschlichen Geschicke beeinflußt, ablehnt.

Aber selbst wenn jemand das nicht wissen sollte, geht es aus obiger Stelle unzweideutig hervor. Es ist kaum möglich, nüchterner und rationalistischer einem immerhin höchst merkwürdigen Phänomen entgegenzutreten.

Tatsache ist, daß das Orakel folgende durch die Geschichte bestätigte Weissagungen gemacht hatte:

1. Es findet ein dorischer Krieg statt.

2. Während dieses Krieges bricht eine Seuche aus. Selbst wenn wir mißtrauisch, wie wir nun einmal sind, die ungünstigere Interpretation, nämlich die Hungersnot, annehmen, dann wäre die Prophezeiung doch insofern richtig gewesen, als es sich um eine über das ganze Volk hereinbrechende, vom Kriege direkt unabhängige Katastrophe handelt. Es besteht aber gar keine Veranlassung für den objektiv urteilenden Menschen, die ungünstigere Interpretation zu wählen. Wollte man das prinzipiell tun, dann könnte man fast jeden noch so geistreichen Ausspruch eines noch so großen Mannes zum Unsinn stempeln.

3. Die Spartaner sollten nur angreifen, dann würden sie siegen.

4. Apollo, bekanntlich Gott der Pest, werde ihnen beistehen. Letzteres ist, wie ja auch Thukydides bemerkt, außerordentlich merkwürdig. Und zwar nach zwei Richtungen hin: Sowohl, weil der Ausbruch der Pest mit dem Einfall der Spartaner genau zusammenfällt, und zwar nicht etwa – was eine rationalistische, aber doch nur oberflächliche Erklärung wäre, da sie ja die Richtigkeit der Prophezeiung nicht umstoßen würde – weil sie von ihnen eingeschleppt wurde, sondern völlig unabhängig davon. Begann sie doch im Piräus, was die Vermutung nahe legt, daß sie von Übersee eingeschleppt wurde, worauf auch Thukydides im 48. Kapitel hinweist.

Ferner, weil der Peloponnes davon verschont wurde, so daß die Pest (Apollo) also tatsächlich nur den Spartanern half.

Ob wir diese merkwürdigen Vorhersagen als Zufall betrachten wollen, sei der Denkart jedes Lesers überlassen. Auf alle Fälle aber ergibt sich daraus eines, daß nämlich die Orakel keineswegs nur zweideutige und nichtssagende Auskünfte erteilten, sondern oft recht präzis antworteten.

Das läßt sich auch aus einem anderen Grunde voraussetzen, selbst wenn wir aus der antiken Literatur keine Belegstellen hätten, die es beweisen ließen.

Gewiß kann man die Dummheit des Volkes in gewissen Fragen gar nicht überschätzen. Sobald die Furcht vor dem Tode, das Seelenheil und ähnliche Dinge in Frage kommen, läßt es sich Jahrtausende die größten Bären aufbinden und opfert einen guten Teil seines sauer verdienten Geldes den Pfaffen. Wäre es nicht so, dann hätte es nie Priesterherrschaften gegeben und es wäre nicht möglich gewesen, daß die vorgeblichen Nachfolger eines Mannes, der am Morgen nicht wußte, wo er am Abend sein müdes Haupt niederlegen sollte, an Luxus die Fürsten übertrafen und man ihnen und ihren Dienern Schätze geradezu aufzwang.

Anders liegt aber der Fall weltlichen, praktischen Fragen gegenüber. Hier hat sich seit je die Klugheit des Volkes, die Bauernschlauheit, bewährt. Hier, wo es gilt, im Kampf mit gleichen Mitteln, im Geschäft, seinen Vorteil zu finden, stellt und stellte auch das ungebildete und ungelehrte Volk seit je seinen Mann.

Nun haben die Orakel aber weit über ein Jahrtausend, in Ägypten sicher mehrere Jahrtausende, bestanden, und die reichen Schätze, die sich aus freiwilligen Gaben in ihren Tempeln und Hainen aufspeicherten, beweisen, daß sie in hohem Grade die Zufriedenheit all der zahllosen Generationen zu erringen wußten. Daß das niemals der Fall gewesen wäre, wenn sie ausschließlich plumpe Zweideutigkeiten oder gar unwahre Aussprüche zum besten gegeben hätten, bedarf doch eigentlich keines Beweises.

Die rationalistischen Beurteiler der Orakel sehen in ihrer Priesterschaft nur politisch kluge, welterfahrene Männer. Daß sie das waren, können wir als sicher annehmen. Auch daß sich manche Prophezeiung nur deshalb realisierte, weil der Frager sein Verhalten genau nach dem Wahrspruch einrichtete, nicht minder, daß auch hie und da – aber das müssen verschwindend seltene Ausnahmen gewesen sein – eine Prophezeiung nicht in Erfüllung ging. Diese Erklärungen genügen aber auf die Dauer nicht.

Dem einfachen Manne mag der kluge Rat immer wertvoll sein. Was aber mächtige Könige und Staaten für ein Interesse daran haben sollten, sich von auswärts, noch dazu von einer Priesterschaft, die unter religiöser Maske vielleicht Interessenpolitik trieb, Anweisungen erteilen zu lassen, das will uns nicht einleuchten. Gerade der Umstand, daß die Orakel ihre Autorität völlig verloren, als sie sich eine politische anzumaßen versuchten, beweist hinlänglich, wie grundfalsch es ist, nur mit Schlagworten wie: Sophismen, zweideutige Aussprüche, weltkluge Priester, politisches Intrigenspiel usw. zu operieren. Man tut nie klug daran, den Gegner für weniger intelligent zu halten, wie sich selbst. Es ist auch nicht weise, dem Altertum, das uns neben den Sophisten einen Sokrates, Plato und Aristoteles schenkte, eine Naivität zuzutrauen, die wir uns scheuen würden, beim simplen Bauern vorauszusetzen.

Daß es sich bei den Orakeln, nach unserer festen Überzeugung, um mehr handelt als normale Klugheit oder gar Betrug – was keineswegs ausschließt, daß beide zuzeiten nicht fehlten[12] – möge auch aus der Art der Abgabe der Weisungen gefolgert werden.

In Delphi trank die Pythia, bevor sie ihre anstrengende Tätigkeit begann, vom heiligen Wasser und kaute Lorbeerblätter und Gerste, worauf sie in Verzückung geriet. »Angeblich« – die Philologie ist gar vorsichtig! – infolge eines unterirdischen Luftstromes, eines divinus adflatus, bzw. durch Dämpfe, die aus der Erde unter ihrem Sitz aufstiegen und durch ihren Schoß in den Leib eindrangen[13]. Daß dieser Luftstrom keineswegs nebensächlich war, erhellt daraus, daß Plutarch und Cicero den Verfall des Delphischen Orakels mit der Abnahme des inspirierenden Gases in Zusammenhang bringen.

Nach diesem uns von mehreren alten Autoren überlieferten Bericht steht es fest, daß die Pythia nicht in normaler Verfassung, sondern in Trance[14] war, wenn sie weissagte. Das Orakel war also kein Produkt intensiver Verstandesarbeit, sondern vielmehr ein solches des Unterbewußtseins. Das ist um so einleuchtender, als Plutarch ausdrücklich berichtet, man habe zu Pythien schlichte und unwissende Frauen gewählt. Dafür spricht auch, daß die Seherin durchaus nicht immer in Versen sprach, sondern ihre Aussagen oft abgehackt, ja bisweilen wohl auch unartikuliert waren und deshalb von Priestern stilisiert werden mußten. Genau, wie man es von modernen Somnambulen weiß, nur daß man heute ihre Aussprüche stenographisch, also ganz genau nach ihrem Wortlaut, festhält und so herausgibt.

Pausanias erwähnt eine Prophetie der Phännis, welche die Invasion der Gallier in Asien vorher verkündete. Auch führt er eine Vorhersage der Schlacht bei Aigos potamoi von Musaios und der Sybille an (X, 12 und X, 9) und ein anderes sybillinisches Orakel, nach welchem die durch Philippos gegründete makedonische Macht unter einem andern Philippos untergehen sollte (X, 15, X, 9 und VII, 8).

Cicero legt seinem Bruder die Argumente der Verteidiger der Orakel in den Mund. Schließen wir den kurzen Abstecher auf dieses Gebiet mit seinen Worten: »Wer weiß nicht, was der pythische Apollo dem Kroisos, was er den Athenern, den Lakedaimoniern, den Tegeaten, den Argeiern, den Korinthern geantwortet hat? Unzählige Orakel hat Chrysippus gesammelt, und keines ohne einen vollgültigen Gewährsmann und Zeugen; ich übergehe sie aber, weil sie dir bekannt sind. Nur so viel sage ich der Verteidigung wegen: Nie würde das Orakel zu Delphoi so besucht und berühmt gewesen sein, nie wäre es mit so ansehnlichen Geschenken aller Könige und Völker angefüllt worden, wenn nicht alle Zeitalter die Wahrhaftigkeit seiner Orakel erprobt hätten[15].«

Wir wollen nun noch einige Fälle von Prophetie bzw. Vorahnung oder Vorzeichen aus der alten Geschichte anführen[16].

Zu den bekanntesten Prophezeiungen des Altertums gehört jene, die sich auf Cäsars Ermordung bezieht. Sueton erzählt in seiner Biographie des Gajus Julius Cäsar, im 81. Kapitel, den Vorgang wie folgt[17]:

»Dem Cäsar wurde unterdessen der bevorstehende gewaltsame Tod durch die offenbarsten Vorzeichen verkündet. Wenige Monate zuvor, da in der Kolonie Capua die Kolonisten, die infolge des Julischen Gesetzes dorthin übersiedelten, zum Aufbau ihrer Landhäuser uralte Gräber umgruben, und dies um so eifriger taten, weil sie dabei eine große Menge Gefäße von alter Kunstarbeit fanden, entdeckte man in einem Monumente, das für das Grabmal des Capys, des Gründers von Capua, galt, eine eherne Tafel mit griechischer Schrift und Sprache, des Inhalts:

»Wenn einst die Gebeine des Capys ans Licht gekommen sein würden, werde ein Sprosse des Julus von der Hand seiner Blutsverwandten getötet, sein Tod aber bald durch schreckliche Heimsuchungen Italiens gerächt werden.«

Niemand darf diese Tatsache für fabelhaft oder erdichtet halten; es bezeugt sie Cornelius Balbus, Cäsars vertrautester Freund. Wenige Tage vor seinem Ende berichtete man ihm, daß die Rosse, die er beim Uebergang über den Rubiko den Göttern geweiht und ohne Hüter frei hatte laufen lassen, durchaus nicht mehr fressen wollten und häufige Tränen vergössen. Beim Verrichten eines Opfers erteilte ihm der Opferschauer Spurinna die Warnung: er möge sich vor einer Gefahr hüten, die nicht länger als bis zu den =Iden des März= ausbleiben werde. Am Tage aber vor diesen Iden des März sah man eine Vogelschar vor dem nahegelegenen Haine einen Zaunkönig, der mit einem Lorbeerzweiglein in die Pompejanische Kurie flog, verfolgen und daselbst zerreißen. Ja in der Nacht, auf die der Tag des Mordes anbrach, sah Cäsar seinerseits im Traume sich mehrmals über den Wolken schweben, und dann wieder einmal, wie er dem Jupiter die Hand reichte; und Calpurnia, seine Gattin, sah im Traum, wie der Giebel ihres Hauses einstürzte, und wie man ihren Gemahl in ihren Armen erdolchte; zugleich sprangen plötzlich die Türen ihres Schlafgemaches von selbst weit auf.

Teils dieser Dinge wegen, teils weil er sich unwohl fühlte, war er längere Zeit unentschlossen, ob er sich nicht lieber zu Hause halten und das, was er dem Senate vorzutragen beschlossen hatte, vertagen sollte. Endlich aber machte er sich, da ihm Decimus Brutus vorstellte, doch den zahlreich versammelten und bereits längere Zeit auf ihn wartenden Senat nicht vergeblich sitzen zu lassen, etwa um die fünfte Stunde (d. h. zwischen 10 und 11 Uhr vormittags) auf den Weg.

Eine Schrift, die ihm unterwegs von jemandem überreicht wurde, und die eine Anzeige des Verschwörungsplans enthielt, steckte er unter die übrigen Schriften, die er in der Linken hielt, um dieselben später zu lesen. Als er darauf das Opfer hielt und die Opfertiere, trotzdem daß man deren mehrere schlachtete, keine glücklichen Vorzeichen gaben, ging er ohne Rücksicht auf diese religiöse Bedenklichkeit in die Kurie. Dort sah er den Spurinna und bemerkte ihm mit spottendem Lächeln, um ihn als falschen Propheten zu bezeichnen: »=des Märzen Idus sind ja ohne Unglück gekommen=«, worauf jener warnend erwiderte: »=gekommen sind sie, aber noch nicht vorüber=.«

So weit Sueton.

Was jeder von den Vorzeichen halten will, etwa dem Weinen der Rosse, das auch Homer von des Achilleus Pferden erzählt, die des Patroklos Tod beweinen, oder Vergil vom Leibroß des Pallas, Shakespeare von denen des Duncan berichtet, ist seine Sache. Solche Geschichten sind besonders in der mittelalterlichen Literatur überaus zahlreich und dürfen nur als dichterische Freiheiten gewertet werden. Unmaßgeblichst vermute ich dagegen, daß die Eingeweideschau und die übrigen Vorzeichen der römischen, wie aber auch etwa der babylonischen Divination, die bestimmte Zeichen ganz bestimmt deutet, nicht Schwindel, sondern Selbsttäuschung ist. Es handelt sich wohl um eine Autosuggestion, wie wir sie beim Prophezeien aus Karten, Kaffeesatz, der Hand usw. antreffen. In Wahrheit dürfte es ein visionäres Schauen des Sehers sein, ein Trancezustand, in den er aber nur auf Grund solcher Zeichen versetzt wird. Wir könnten uns dann den Vorgang etwa so vorstellen, wie den Aberglauben fast aller Schauspieler, die nur aufzutreten wagen, nachdem sie gewisses getan, oder bestimmte Talismane zu sich gesteckt haben. Durch Autosuggestion wird der Schauspieler sonst vom Lampenfieber gelähmt werden, während er sich vermittelst seines Amulettes oder eines bestimmten abergläubischen Spruches in die erforderliche Inspiration leicht versetzt.

Anders liegt hier aber der Fall mit dem Traume Cäsars, sowie dem seiner Gemahlin, und den warnenden Worten des Spurinna am Unglückstage. Der »Freigeist«, d. h. der durch das materialistische Dogma Gebundene, wird keinen Augenblick zögern, das Vorhersehen eines Ereignisses im Traume für Schwindel oder Selbsttäuschung zu erklären. Und das, wiewohl sicher ein außerordentlich hoher Prozentsatz der Menschen von Wahrträumen heimgesucht wird, sich aber aus Furcht, den Spott der Superklugen auf sich zu laden, hütet anderen davon Mitteilung zu machen.

Wir gehen gleich an dieser Stelle auf die Frage der =Wahrträume= ein, weil wir aller Voraussicht nach, wenn wir uns auch nur etwas mit der Materie beschäftigt haben werden, nicht mehr so ohne weiteres jede historische Überlieferung von Wahrträumen für Aberglauben oder Schwindel erklären werden. Die Analogien der Gegenwart werden uns Gerechtigkeit oder doch mindestens Vorsicht den alten Autoren gegenüber rätlich erscheinen lassen.

Da ist zunächst das Zeugnis des Justinus Kerner, den mancher für leichtgläubig halten mag, dem aber niemand eine Lüge zutraut. Er schreibt in seinen Kindheitserinnerungen:

»... reine Wahrheit ist, daß ich von dieser Zeit an durch mein ganzes Leben voraussagende Träume behielt, die mir zu einer wahren Qual im Leben wurden, eine Qual, die ich keinem wünsche und die mich gleichsam praktisch kennen lehrte, welch ein Unglück es für den Menschen wäre, hätte ihm Gottes weise Hand die Zukunft nicht verschlossen. Diese voraussagenden Träume finden bei mir gegen Morgen statt, besonders wenn eine schlaflose Nacht mich erst gegen Morgen ruhen und in Schlaf sinken läßt. Sie kamen immer unter Bildern und symbolisch vor. Erscheinen von Licht bedeutet kommende Freude ...«[18] (S. 242 folgt eine Erklärung der Symbole, z. B. Wasser bedeutet Betrübnis, Schnee und Eis Krankheit, Essen von Trauben oder Beeren Krankheiten usw.).

»Da ich auf das Eintreffen solcher voraussagenden Träume gewiß rechnen kann, so sind sie mir eine wahre Pein im Leben, besonders da ihre Erfüllung oft erst nach drei Tagen stattfindet, doch meist am gleichen Tage des Erwachens aus ihnen.«

Der verstorbene Weltreisende, Professor Dr. Wilhelm =Joest=, übrigens ein Schulfreund meines Vaters und auch mir persönlich als wahrheitsliebend bekannt, richtete an die Zeitschrift »Sphinx«[19] am 25. September 1886 folgenden Brief:

Sehr geehrter Herr!

Sie werden sich wahrscheinlich wundern, einen Brief von mir zu erhalten, mehr noch, wenn Sie ihn gelesen haben. Sie wissen, daß ich ebensowenig Spiritist wie Bibelchrist bin, und ich hoffe, auch nie eins oder das andere zu werden. Wo es sich aber um Tatsachen handelt, da bin ich Ihr Mann, und wenn heute jemand behauptete, die Stockfische wären Säugetiere und ich wäre – natürlich bona fide – in der Lage, dem Manne mit irgendeinem Faktum unter die Arme zu greifen, ich würde es gewiß tun.

Sie können also von dem Untenstehenden jeglichen Gebrauch machen, =ich teile Ihnen nur die Tatsache mit, für die ich voll und ganz einstehe=. Ich selbst erfuhr es erst vor vierzehn Tagen, darum teilte ich sie Ihnen nicht früher mit.

Ich hatte Europa 1884 verlassen, bereiste Südafrika, die Ostküste und kam Ende Mai in Aden an, mit der Absicht von dort über die Maskarenen nach Madagaskar, später über Mauritius nach Australien, Südsee usw. zu reisen. Ich war für 2–3 Jahre ausgerüstet. In Aden wurde ich sehr krank. Am 30. Mai schrieb ich in mein Tagebuch: »Es geht zu Ende, Energie weg« usw. Am 3. Juni 1885 entschloß ich mich zur Rückkehr nach Europa und telegraphierte an meinen Vater, den Geheimen Kommerzienrat Eduard Joest in Köln, folgende Worte: Retourne malade gefahrlos. Diese Depesche kam nachmittags in Köln an.