Part 1
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Prophezeiungen
Von Dr. =Max Kemmerich= erschien im Verlage von =Albert Langen= in München:
Kultur-Kuriosa Erster Band Zehntes Tausend
Kultur-Kuriosa Zweiter Band Sechstes Tausend
Dinge, die man nicht sagt Siebentes Tausend
Prophezeiungen
Alter Aberglaube oder neue Wahrheit?
Von
Dr. Max Kemmerich
Albert Langen
=Verlag für Litteratur und Kunst= München
Copyright 1911 by Albert Langen, Munich
Vorwort
Nicht eine Geschichte der Prophezeiungen zu schreiben, stellte ich mir zur Aufgabe. Auch lag es mir fern, den flauen Geschäftsbetrieb der Wahrsagerinnen in eine Hausse überzuleiten. Ich müßte daher eine mir von dieser Seite etwa zugedachte Ehrung dankend ablehnen.
Was ich beweisen wollte und bewiesen habe, ist lediglich das Vorhandensein einer Kraft des zeitlichen Fernsehens. Und zwar trat ich ursprünglich an die Frage heran im Glauben, die Prophetie als Rest mittelalterlichen Denkens endgültig abtun zu können. Erst im Laufe der Untersuchung und unter dem Gewicht der Argumente verwandelte sich der Verfasser von einem Saulus in einen Paulus.
Ich übergebe diese Blätter der Öffentlichkeit in der festen Überzeugung, eine neue Wahrheit gefunden, als erster den Glauben der Jahrtausende zum Wissen erhoben zu haben. Daß es Jahrzehnte dauern wird, bis daraus die notwendigen Schlüsse auf unsere Weltanschauung gezogen werden, darüber bin ich mir im klaren. Ebenso darüber, daß die erdrückende Mehrzahl der Zeitgenossen mit jener beneidenswerten Sicherheit, die nur die absolute Ignoranz verleiht, das Thema, wie seine Beantwortung ablehnen wird. Die Gewißheit aber, daß noch einmal die Zeit kommen wird, in der die gedankenlose Menge unter unserem Einfluß ebenso ungeprüft das in Bausch und Bogen ablehnen wird, was sie jetzt, gleichfalls ungeprüft, anbetet, um das anzubeten, was sie heute verwirft, wird mir niemand rauben können.
Für freundliche Unterstützung und Anregung in Gesprächen ist es mir ein Bedürfnis, den Herren Privatdozent Dr. Alfred Brunswig, Dr. Hans F. Helmolt und Friedrich Freih. von Stromer-Reichenbach, sämtlich in München, meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Besonders aber Herrn Geheimrat Prof. Dr. Ferdinand Lindemann, der die große Güte hatte, den mathematischen Teil meiner Beweisführung in den Korrekturbogen einzusehen und zu begutachten.
Für den Hinweis auf Versehen irgendwelcher Art werde ich jederzeit dankbar sein.
=München=, im März 1911
Der Verfasser
Inhaltsverzeichnis
Seite
Einleitung 1
Erstes Kapitel Einzelne Prophezeiungen und Vorahnungen Das Altertum 23
Zweites Kapitel Einzelne Prophezeiungen und Vorzeichen Mittelalter und Neuzeit 75
Drittes Kapitel Unsere Beweisführung. Einwände und deren Widerlegung 137
Viertes Kapitel Die lehninsche Weissagung I. Der Text 157 II. Kommentar 177
Fünftes Kapitel Christina Ponitowssken 191
Sechstes Kapitel Die Prophezeiungen des Christian Heering aus Prossen 203
Siebentes Kapitel Die Art der Prophezeiung Heerings 231
Achtes Kapitel Johann Adam Müller 241
Neuntes Kapitel Cazotte’s Weissagung der französischen Revolution 293
Zehntes Kapitel Die Prophezeiungen der Frau de Ferriëm 325
Elftes Kapitel Michel Nostradamus 346
Zwölftes Kapitel Stellung der Wissenschaft zur Prophezeiung 403
Einleitung
Wer heute den Mut hat, über Prophetie zu sprechen, kann sicher sein, auf ein überlegenes Lächeln der sogenannten Gebildeten zu stoßen. Der Glaube an die Möglichkeit des räumlichen, mehr noch des zeitlichen Fernsehens gilt ja als Rest finstersten mittelalterlichen Aberglaubens, so etwa wie der an Inkubus und Sukkubus. Jedermann hält es für unter seiner Würde, derartige Phänomene überhaupt zu prüfen, so wenig es jemandem einfällt, den alchimistischen Lehren anders, als mit einem Achselzucken entgegenzutreten.
Nun wird man zugeben, daß die Wahrheit die allerschärfsten Prüfungen vertragen kann und nur der Irrtum Schonung fordern muß. Wenn es also keine fernseherischen Phänomene gibt, so wird sich die Wissenschaft sicherlich durch einwandfreie Feststellung der Tatsache nichts vergeben, wohl aber in schiefes Licht kommen durch hochmütiges Ignorieren. Und das zumal in einer Zeit, die so überaus reich an umstürzenden Entdeckungen und Erfindungen ist, wie die unserige. Man denke an die Röntgenstrahlen, Radium, drahtlose Telegraphie, lenkbare Luftschiffe usw. usw. Alle diese neuen Erweiterungen unseres Gesichtskreises lehren uns oder sollten uns doch wenigstens lehren, daß selbst das Unwahrscheinlichste, ja für unmöglich Gehaltene wirklich sein kann; daß nach wenigen Jahren dem Schulkinde selbstverständlich scheint, was die größten Denker der vorangehenden Generation für unmöglich erklärten.
»Unmöglichkeit«, das ist der Angelpunkt der Frage. Die Autoritäten, die heute modern sind – denn auch wissenschaftliche Ansichten, Hypothesen, Theorien und Dogmen sind der Mode unterworfen – erklären die Prophetie für unmöglich. Nicht alle, ein Plato, Cicero, Augustinus, ja noch ein Kant und Schopenhauer zweifelten nicht an der Wirklichkeit der Phänomene, aber ohne dadurch das Denken der Gegenwart zu beeinflussen. Entschuldigte man die ersteren mit ihrer Zeit, so galt der Glaube an Prophetie bei den letzteren als Schwäche, als mystischer Einschlag, den man bei Männern, an deren Intelligenz sonst ja nicht gerade viel auszusetzen ist, gern vermißt hätte. Um es also nochmals festzustellen: Seit den Zeiten der Aufklärung, also seit etwa anderthalb Jahrhunderten, gilt die Prophetie oder – da dieses Wort einen biblischen Beigeschmack hat – das Fernsehen in der Zeit für unmöglich. Deshalb hat der Gebildete das Recht, einzelne Fälle des Vorhersehens zu leugnen, und wo das gänzlich untunlich ist, sie durch Zufall zu erklären. Geht er dem Problem nach – was doch voraussetzt, daß er seine Möglichkeit zugibt, wenn er auch die Wirklichkeit bestreitet – so blamiert er sich.
Ich bin nicht müde geworden, nachzuweisen, daß etwas darum weder töricht, noch schlecht, noch viel weniger unmöglich zu sein braucht, weil die Autoritäten es behaupten. Sie haben sich dem Genialen und Neuen gegenüber regelmäßig und nahezu grundsätzlich blamiert. So als die Ingenieure bewiesen, daß es unmöglich sei, Lasten fortzubewegen, wenn glatte Räder auf glatten Schienen liefen, oder daß die Eisenbahnen unmöglich auf Dämmen laufen könnten, sondern nur auf gemauerten Unterbauten; oder als das kgl. Bayerische Medizinalkollegium den Beweis erbrachte, daß die schnelle Bewegung der Eisenbahnzüge – es war in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts! – nicht nur bei den Insassen, sondern auch bei den Zuschauern die schrecklichsten Gehirnstörungen hervorrufen müßte und deshalb die Errichtung von unübersehbaren Planken längs der Bahnlinien geboten sei.
Nicht anders war es, als Hegel nachwies, daß der von Piazzi 1801 entdeckte Planetoid Ceres unmöglich existieren könne – aus philosophischen Gründen. Oder als Gassendi, ja noch Bertholon und Vaudin die Möglichkeit der Meteorfälle leugneten und das, wiewohl dem ersteren ein eben niedergefallener, noch heißer Stein gebracht wurde, die andern aber den protokollarischen Bericht von einem Fall mit der Unterschrift des Maires und von 200 Zeugen vor Augen hatten. Bekannt ist ja auch, daß Galvani auf die geniale Entdeckung der nach ihm benannten Naturkraft hin von seinen Zeitgenossen verlacht wurde, wie ja auch der große Davy über den Gedanken lachte, daß London jemals mit Gas beleuchtet werden könne. Ein Heiterkeitsausbruch und die Weigerung, den Vortrag zu drucken, war ja auch das einzige Resultat Franklins, nachdem er der englischen Akademie der Wissenschaften den von ihm entdeckten Blitzableiter entwickelt hatte. Daß Semmelweiß, der Entdecker des Kindbettfiebers, im Irrenhaus starb, daß es Robert Mayer, dem Entdecker des Gesetzes von der Erhaltung der Energie, ebenso gegangen wäre, wenn seine kräftige Konstitution die Mißhandlungen nicht überwunden hätte, gehört nicht zu den Ruhmesblättern deutscher Geistesgeschichte[1].
Diese wenigen Fälle, die sich ins Endlose fortsetzen ließen, führten wir nicht an, um etwa die Autoritäten als halbe Idioten hinzustellen. Das wäre nicht nur für einen jüngeren Gelehrten höchst unangemessen, es wäre auch sehr töricht, würden wir doch die Wissenschaft herabsetzen, indem wir ihre Leuchten brandmarken. Denn wenn diese Männer auch Mißgriffe begingen und oft den Fortschritt der Wissenschaft durch die Wucht ihres Namens hemmten, so hat doch die Menschheit andrerseits ihnen außerordentlich viel zu verdanken. Sind es doch ausnahmslos Leute, die durch Intelligenz ihre Zeitgenossen, wenigstens die älteren von ihnen, mit ganz wenigen Ausnahmen um Hauptes-, ja um Turmeslänge überragten.
Wir registrieren sie vielmehr aus einem doppelten Grunde. Zunächst um die Worte des großen Mathematikers Arago, man müsse mit Anwendung des Wortes »unmöglich« außerhalb der Mathematik sehr zurückhaltend sein, es am besten überhaupt nicht gebrauchen, zu bestätigen. Dann aber, und das ist noch wichtiger, um die Leser nach Tunlichkeit in die Seelenstimmung oder Verstandesverfassung – um das Modewort Weltanschauung zu vermeiden – des Autors zu versetzen, in die des =Zweifels=.
»Zweifel? Wie ist das zu verstehen, wo Sie uns da mittelalterliche Märchen auftischen wollen und Ihr Möglichstes tun, Ihren Namen zu diskreditieren! Sie meinen wohl Glauben, ja Wunderglauben?«
So wird man mir ins Wort fallen und mir dadurch willkommene Gelegenheit geben, meinen Gedanken näher auszuführen.
Ich fordere allerdings Zweifel, Kritik, Skeptizismus, denn das ist die Grundlage =meiner= Weltanschauung. Nicht daß ich als radikaler Skeptiker die Unmöglichkeit jeder Erkenntnis behauptete und damit viel mehr, als ich jemals beweisen könnte, noch dazu etwas überaus Törichtes, weil Unfruchtbares. Wohl aber in dem Sinne, daß ich nur und in erster Linie gut beobachtete =Tatsachen= für wahr halte. In zweiter Linie kommen dann an Wahrheitsgehalt die auf Grund einer zwingenden Logik daraus gezogenen Schlüsse.
Daraus ergibt sich, daß bei einer Disharmonie zwischen bewiesener Tatsache und erklärender Hypothese oder Theorie selbstverständlich die erstere bedingungslos anzuerkennen, die letztere zu verwerfen ist. Denn dann ist =niemals die Tatsache falsch, sondern die Theorie, das Dogma ist falsch= oder zum mindesten lückenhaft und daher ergänzungsbedürftig. Nur diese Denkweise ganz allein ermöglicht einen dauernden Fortschritt der Wissenschaft. =Nur wer jede, auch die am besten gestützte Theorie aufzugeben bereit ist, wenn eine einzige Tatsache sich durch sie nicht erklären läßt, nur der denkt wissenschaftlich frei.=
Auch die Lehre von den vier Elementen hatte großartige Entdeckungen ermöglicht, und doch war sie falsch und fiel mit dem Augenblick, als es dem großen Lavoisier zur hellen Entrüstung seiner Zeitgenossen gelungen war, die Luft in ihre Bestandteile zu zerlegen. Nicht anders stand es mit der Phlogistontheorie, die darum doch falsch war. Wenn mir daher heute jemand ein Perpetuum mobile zeigen würde, was ja bekanntlich nach dem Gesetz von der Erhaltung der Energie unmöglich wäre, so würde ich mich durchaus nicht weigern, es zu prüfen. Denn so machten es die peripatetischen Kollegen des großen Gallilei, als sie sich sträubten, das Fernrohr zu benutzen, aus Angst, seine Entdeckung der Jupitermonde bestätigen zu müssen. Vielmehr würde ich das Instrument sehr, sehr eingehend prüfen und ev. zum Resultat kommen, daß das große Gesetz, die genialste Geistestat des 19. Jahrhunderts, lückenhaft ist.
Und wenn mir jemand den Stein der Weisen brächte und behauptete, damit Gold machen zu können, so würde ich für einen Augenblick die Theorie von der Unverwandelbarkeit der Elemente vergessen und den Fall genauestens prüfen. Und wenn mir dabei einfiele, daß der große Chemiker van Helmont und vor ihm Paracelsus behaupten, Gold hergestellt zu haben, so wäre diese alchimistische Bestätigung kein Grund, die Nachprüfung überlegen lächelnd abzulehnen.
Die Autoritäten, mögen sie auch noch so geniale Männer gewesen sein, sind eben auch nur Menschen, und darum sind alle ihre Theorien dem Irrtum unterworfen. Absolute Wahrheit oder doch Beweisbarkeit finden wir wohl ausschließlich in der reinen Mathematik. Mit dem Augenblick aber, wo die Mathematik in die reale Welt eingreift, etwa bei der Konstruktion einer Eisenbahnbrücke oder in der Unfallstatistik, ist auch sie nicht mehr unfehlbar, wenn auch zugegeben werden muß, daß ihr immer ein hoher Grad von Beweiskraft beizumessen ist.
Wenn man sich darüber wundert, daß ich in einer historischen Studie zum Beweise für die Fehlbarkeit der Autoritäten nur Beispiele aus dem Gebiete der Naturwissenschaften anführe, so geschieht das ganz und gar nicht deshalb, weil sich etwa hier die Autoritäten mehr blamiert hätten, wie in den Geisteswissenschaften. Es hat lediglich in der besseren Kontrollierbarkeit der Resultate seine Begründung.
Die Geisteswissenschaften stehen im Gegensatz zu den Naturwissenschaften noch durchaus in den Anfängen. Von der Logik, die ja rein formaler Natur ist, abgesehen, gibt es auch nicht einen einzigen philosophischen Lehrsatz, der allseitig anerkannt wäre. Grundwahrheiten hat die Philosophie überhaupt nicht. Ähnlich ist es etwa um die Psychologie oder Geschichte bestellt. Gibt es doch Leute, die die Möglichkeit historischer Gesetze rundweg leugnen. Mit der Tatsache aber, daß Ritter Kunz in diesem oder jenem Jahre gestorben ist, oder daß soundso viele Soldaten in der Schlacht bei Adorf fochten, lockt man keinen Hund vom Ofen fort.
Die Naturwissenschaften verfügen dagegen über eine ganze Reihe zwar nicht unfehlbarer, wohl aber gut fundierter Gesetze, und dadurch, daß sie das Experiment als Beweismittel besitzen, sind sie den Geisteswissenschaften gegenüber weit im Vorteil. Wenn es also sogar bei ihnen schwer fällt und oft Jahrzehnte erfordert, die Fachwelt von einer neuen Entdeckung zu überzeugen, so muß das auf geisteswissenschaftlichem Gebiete noch viel schwerer sein.
Geradezu unmöglich wird es aber, wenn der neue Gedanke dem materialistischen Modedogma, einem indirekten Resultate der Aufklärung, widerspricht oder zu widersprechen scheint.
Die Aufklärung hat uns zweifellos unendlichen Segen gebracht, viel mehr als Schaden. Sie beseitigte den Wunderglauben, d. h. den Glauben, daß Gott mit Durchbrechung der Naturgesetze irgendeinen Eingriff in die Weltordnung tun könne. Das allein schon ist ein nicht zu überschätzender Gewinn. Sie befreite uns vom Hexenwahn, diesem Schandfleck der christlichen Kirchen. Sie lehrte überall nach natürlichen Gründen, nach Gesetzmäßigkeiten suchen und verhalf dem gesunden Menschenverstand zu seinem Rechte.
Aber sie schoß auch über das Ziel hinaus, indem sie eine Überkritik walten ließ, die besonders in der Geschichtswissenschaft noch üppige Triebe zeitigt. Sie verwarf vor allem alles Übersinnliche, erklärte es für unmöglich. Das aber ist vorläufig, d. h. für die nächsten Jahrhunderttausende, bis wir nämlich alle Naturkräfte kennen, unsinnig. Sie erklärte für »freie Geister« nur jene, die an die =Hypothese= von der Unmöglichkeit alles nicht Alltäglichen, jederzeit willkürlich und durch das Experiment Hervorrufbaren glauben. Aber das ist ein =Glaube=, ein falscher Glaube sogar, wie ich in vorliegendem Werke nachzuweisen versuchen werde.
Da jedoch das wunderbar Scheinende – nicht etwa nur das endgültig als nicht existierend bewiesene »Wunder« – die Ausnahme bildet, durch bereits bekannte Naturgesetze Erklärbares oder doch auf sie Zurückführbares aber die Regel, so war der von der Aufklärung und ihren heute noch herrschenden Schülern angerichtete Schaden bei weitem nicht so groß, wie der Nutzen. Denn wenn wir auch die Existenz echter Prophetie beweisen werden, so werden wir doch nicht leugnen, daß es sich um relativ seltene Phänomene handelt.
Wogegen wir mit aller Energie und mit Berufung auf die Irrtümer der sogenannten Autoritäten sowohl, als auf die Lückenhaftigkeit unserer Kenntnisse des Naturgeschehens zu Felde ziehen müssen, das ist vor allem die =unbewiesene und unbeweisbare Hypothese von der Unmöglichkeit irgendeiner Erscheinung nur deshalb, weil sie einer Theorie widerspricht, oder weil wir sie nicht erklären können=.
Nicht der ist frei, der einer Theorie zuliebe widersprechende Tatsachen ungeprüft ablehnt, der in lächerlicher Überschätzung des derzeitigen Standes unserer Kenntnisse etwas für unmöglich hält, sondern =ganz allein, wer vorurteilslos und tendenzlos alles prüft, was ihm fremdartig erscheint, ohne sich dabei im allergeringsten über die Urteile der Autoritäten aufzuregen=.
Sehr lehrreich für die Macht des materialistischen Dogmas, das nur Kraft und Stoff kennt und den fehlerhaften Analogieschluß fordert, die Gesetze der materiellen Welt seien auf die des Geistes ohne weiteres übertragbar, ist die Leidensgeschichte des Hypnotismus.
Da ich sie an anderer Stelle[2] ausführlich erzählte, möge es genügen, hier daran zu erinnern, daß Mesmer, der Entdecker oder vielmehr der Wiederentdecker – und auch das nur mit Einschränkung, denn das Phänomen war schon Jahrtausende bekannt – einer geheimnisvollen Kraft, mit der er Heilungen und höchst wunderbare Phänomene erzeugte, auf Grund einer eingehenden Prüfung von der Pariser Akademie der Wissenschaften, und zwar von Männern wie Leroy, Bailly, Lavoisier, für einen Phantasten erklärt wurde. Als Schwindler verschrien mußte er sterben, ohne die Anerkennung seiner Lehre erlebt zu haben. Auch dem Arzte James Baid, der 1843, 59 Jahre nach der ersten Prüfung, die Frage neuerdings in Angriff nahm, gelang es nicht, die Anerkennung der Zeitgenossen zu finden. Erst durch die Vorführungen des gewerbsmäßigen Hypnotiseurs Hansen im Jahre 1879 wurde die Aufmerksamkeit der Welt auf die wunderbaren Erscheinungen gelenkt. Aber noch Virchow leugnete sie bis zu seinem Tode, weil sie in das gerade herrschende System nicht paßten und wohl auch, weil Phantasten aus ihnen zu weit gehende Schlüsse zogen.
Heute kennt jedes Kind Suggestion und Hypnotismus, und doch sind wir noch durchaus nicht imstande, die Phänomene, obwohl wir sie jederzeit hervorrufen können, zu erklären.
Genau wie hier verhält es sich mit dem zeitlichen und räumlichen Fernsehen und wohl auch noch mit ungezählten anderen Dingen: =sie werden geleugnet, weil sie nicht erklärt werden können=. Erst wenn eine unübersehbare Fülle von Daten vorliegt, gibt man eine unerklärbare Tatsache zu, oder man bildet sich ein, sie erklärt zu haben, indem man für sie einen Namen prägt. Dies ist wieder ein schlagender Beweis für den oft erschreckenden Mangel an Logik, den wir auch bei Gebildeten finden.
Ein anderer Grund – neben Aufklärung und Materialismus – für das Widerstreben, Tatsachen anzuerkennen, die nicht in das Modedogma passen, ist die Furcht, für kirchengläubig zu gelten. Nun, gegen diesen Verdacht schützen mich meine anderen Bücher. Aber ich fühle mich auch von dem Vorurteile gegen das Vorurteil frei oder habe doch das redliche Streben, es zu werden.
Daß die Kirche an Prophezeiungen und Offenbarungen glaubt, kann für mich natürlich kein Grund sein, es auch zu tun, aber es ist auch keiner aus wohlbegründeter Abneigung gegen sie, und zwar nur aus ihr – denn träten Gründe dazu, dann wären ja diese ausschlaggebend – die Prophetie abzulehnen. Das wäre ein Rückfall in jene Intoleranz und Borniertheit, die ich zu bekämpfen nicht müde werde.
Was ich suche, ist ganz allein die =Wahrheit=. Ob sie nützt oder schadet, ob meine Gegner sie gutheißen oder nicht, ist mir vollkommen gleichgültig. Selbst wenn ich ihnen Waffen gegen mich in die Hand drückte, so könnte diese Befürchtung mich nicht zu einer Unehrlichkeit verleiten.
Aber so liegt hier der Fall gar nicht. Denn wenn wir auch zum Resultate kommen werden, daß echte Prophetie existiert, so ist damit =selbstverständlich noch nicht im allergeringsten etwas darüber ausgesagt, daß irgendeine Prophezeiung, deren Eintreffen noch aussteht, auch richtig sein muß=. So wenig, wie aus der Konstruktion des lenkbaren Luftschiffes gefolgert werden kann, daß nun auch jedes, oder auch nur die Mehrzahl ihr Ziel erreicht. Deshalb möchte ich meinen orthodoxen Freunden in beiden Lagern raten, nicht zu früh über den verlorenen und wieder gefundenen Sohn zu frohlocken und sich nicht auf mich zu berufen, wenn sie einen Gewährsmann für die Richtigkeit der Apokalypse oder der Weissagungen irgendeines Nönnlein benötigen. Sie würden mich zwar nicht zu einer Polemik bewegen können – dazu Nachhilfestunden in der Logik zu erteilen, fehlen mir wirklich Lust und Zeit – aber sie würden einen groben Denkfehler begehen.
Noch ein weiterer Grund wird der Annahme meines Beweises hindernd im Wege stehen: die Furcht, durch Zugabe der Prophetie die Willensfreiheit zu leugnen. Ich stehe der sogenannten Willensfreiheit sehr skeptisch gegenüber, würde aber den einer historischen Untersuchung gesteckten Rahmen weit überschreiten, wollte ich mich auf diesen schlüpferigen Boden, auf dem schon die größten Geister strauchelten, begeben. Ob die Anerkennung der Prophetie für oder gegen die Willensfreiheit spricht, mag mich als Privatmann interessieren. Hier ist es mir ebenfalls gleichgültig. Denn die Konsequenzen, die man aus einer richtigen Tatsache zieht, dürfen, mögen sie auch noch so unerfreulich sein, ihre Anerkennung doch nicht verhindern.
Als letzten Grund für die Feindschaft gegen die Prophetie, wie übrigens gegen alle seltenen Phänomene, mag noch der demokratische Gleichheitswahn angeführt werden. Da alle Menschen, wenigstens in ihren politischen Rechten, gleich zu sein behaupten oder es doch beanspruchen, liegt der Schluß nahe, sie seien es überhaupt. Nun ist die Gabe der Weissagung zweifellos selten. Sie unterscheidet den mit ihr Begnadeten – oder Belasteten – von den anderen Menschen. Das Zugeständnis aber, daß es Leute mit Fähigkeiten gibt, die nicht etwa nur quantitativ, sondern auch ihrem ganzen Wesen nach über der Durchschnittsmenschheit stehen, will gar nicht dem modernen Denken entsprechen. Man mag – widerstrebend allerdings – zugeben, daß dieser oder jener klüger ist, als man selbst, aber das ist noch kein Verzicht auf die Fähigkeit zu denken überhaupt. Zuzugestehen aber, daß irgend jemand einer Gabe teilhaftig ist, von der uns anderen auch die leiseste Spur fehlt, kostet schmerzliche Überwindung.
Ich selbst besitze die Gabe der Prophetie nicht. Ich bin auch weder Spiritist noch Okkultist. Nicht etwa deshalb, weil ich die von jener Seite behaupteten Erscheinungen für unmöglich hielte, sondern lediglich deshalb, weil ich noch keine Gelegenheit hatte und sie wohl auch nicht suchte, mich von ihrer Richtigkeit zu überzeugen. Ich bin lediglich als Historiker an diese Frage herangetreten, und zwar kam das so: