Prinzessin Sidonie (Band 3/3)

Part 5

Chapter 53,676 wordsPublic domain

Der Prinz und der Fürst befanden sich in seiner Nähe und unterhielten sich mit einigen zu dem engeren Kreise des Fürsten gehörigen Personen, welche wie die Ersteren ohne Masken waren. Die Unterhaltung schien sehr heiter zu sein; denn Lachen und Scherze unterbrachen dieselbe. Der Fürst zog sich bald darauf mit einem der Herren ein wenig von der Gruppe zurück und sprach vertraulich mit diesem, während der Prinz mit den übrigen Personen die Unterhaltung in der früheren Weise fortsetzte.

Einige Augenblicke darauf bemerkte der Graf, daß ein schwarzer Domino, der sich so lange in dem Nebenzimmer aufgehalten hatte und das Zurückziehen des Fürsten abgewartet zu haben schien, dasselbe verließ, sich dem Prinzen von der Rückseite näherte und ihm ein paar Worte zuflüsterte.

Der Prinz wandte sich rasch um und fragte nach dessen Begehr.

»Wollen Hoheit so gnädig sein, mir ein paar Worte im Geheimen zu gestatten? Es betrifft Ihre Ehre,« -- entgegnete die Maske zwar in vertraulichem, jedoch so lautem Ton, daß sie von den Umstehenden unschwer vernommen werden konnte.

Das Gespräch stockte sofort, und mit Ueberraschung blickte man auf den Prinzen und die Maske, gespannt, was der Erstere thun würde.

Dieser besann sich einen Augenblick, alsdann wandte er sich an die Maske und entgegnete:

»Sie sagen, es beträfe meine Ehre? Wenn dem so ist, so folgen Sie mir.«

Zugleich begab er sich in das nahe Nebenzimmer, wohin ihm die Maske folgte.

Daselbst angelangt, zog die Maske einen Brief und ein kleines Paquet aus dem Busen und überreichte es dem Prinzen mit den Worten:

»Sie werden die Bestätigung meiner Worte in diesem Briefe finden, und ich bitte, davon Kenntniß zu nehmen.«

»Zeigen Sie mir erst Ihr Gesicht, mein Herr,« bemerkte der Prinz, die Maske forschend betrachtend.

»Gestatten Hoheit, daß ich mich erst zu erkennen gebe, nachdem Sie den Brief gelesen haben,« entgegnete der Domino mit einer Verbeugung und trat ein wenig von ihm zurück.

»Sie wissen, daß dergleichen hier nicht Sitte ist,« bemerkte der Prinz.

»Ich weiß es; doch hoffe ich, der Inhalt des Briefes wird mich entschuldigen, und darum wiederhole ich meine Bitte, denselben sogleich lesen zu wollen. Hoheit haben alsdann über mich zu befehlen,« wandte die Maske ein.

Der Prinz betrachtete diese nochmals mit mißtrauischen Blicken und entgegnete alsdann nach kurzem Entschluß:

»Nun gut, mein Herr, ich will Ihren Worten vertrauen und den Brief lesen; Sie werden mir alsdann weitere Aufklärung darüber geben.«

Die Maske gab ihre Zustimmung durch eine tiefe Verbeugung zu erkennen, worauf der Prinz sich nach den in der Nähe befindlichen Kerzen begab, den Brief öffnete und las. Der Inhalt des letzteren mußte wol von großer Wichtigkeit für ihn sein; denn sein Antlitz röthete sich rasch vor innerer Erregung, und mit einem Ausruf zornigster Entrüstung fuhr er auf und suchte die Maske. Er fand dieselbe jedoch nicht, denn sie hatte sich, während er sich mit dem Briefe beschäftigte, heimlich aus dem Gemach entfernt.

Der Fürst hatte trotz seiner Unterhaltung dennoch des Prinzen Entfernung mit der Maske bemerkt, ebenso war ihm der Ausdruck der Ueberraschung nicht entgangen, welcher sich in seines Neffen Antlitz in Folge dessen verrieth, und er schloß daraus auf die Wichtigkeit des Vorganges. Als nun des Prinzen zorniger Ausruf an sein Ohr drang, ging er dem ihm bereits mit dem Zeichen großer Entrüstung entgegen kommenden Neffen entgegen und fragte, was geschehen sei.

Der Prinz deutete auf den in seiner Hand befindlichen Brief und sprach die Bitte aus, dem Fürsten das Nähere darüber im Geheimen mittheilen zu dürfen. Dieser, durch alle die genannten Umstände eben so sehr überrascht als erregt, nahm des Prinzen Arm und ging mit ihm nach einem nur dem Fürsten zugänglichen Cabinet, woselbst sie vor einem jeden Lauscher sicher waren.

Daselbst angelangt rief der Prinz:

»Alle meine Voraussetzungen bestätigen sich; hier, mein Fürst, sind die Beweise!«

Zugleich legte er den Brief und das Paquet vor dem Fürsten auf den Tisch nieder.

»Wer war die Maske, die Ihnen dieselben brachte?« fragte der Fürst.

»Ich weiß es nicht. Aus guten Gründen scheint sie unbekannt bleiben zu wollen; denn sie hat sich sogleich heimlich entfernt.«

»Sie hätten das nicht gestatten sollen,« wandte der Fürst ein.

»Ich vermochte das nicht, da mich der Inhalt des Schreibens fesselte. Ueberdies ist an dem Manne selbst nichts gelegen, da er seine Worte durch die unzweifelhaftesten Beweise unterstützt.«

»So lassen Sie mich den Brief lesen,« sprach der Fürst, ergriff das Schreiben und las dasselbe mit großer Aufmerksamkeit durch, betrachtete sodann mit nicht geringerem Interesse den Inhalt des Paquets, und nachdem dies geschehen war, blickte er einige Augenblicke sinnend vor sich hin und bemerkte alsdann mit einem besondern Ausdruck in Mienen und Blick: »Ich denke, Prinz, das Alles kommt uns sehr gelegen.«

»Wer konnte dergleichen auch voraussehen; ich begrüße es mit Freuden, denn es rechtfertigt mich bei Ihnen und giebt meiner Angelegenheit eine ganz andere Wendung.«

»So meine ich auch und denke überdies, wir können diese Dinge in unserm Sinn benutzen,« sprach der Fürst vertraulich. »Doch,« fuhr er fort, »ein wenig Vorsicht kann nicht schaden, namentlich wäre es gut, Aufsehen zu vermeiden, um die Sache nicht etwa denjenigen zu verrathen, die ein Interesse dafür haben. Darum fassen Sie sich, mein lieber Prinz, und zeigen Sie Ruhe und Unbefangenheit, damit man nichts ahnt, und dann lassen Sie uns in den Saal zurückkehren und noch eine Stunde unseren Gästen schenken. Also täuscht man am besten. Ueberdies, glaube ich, haben wir auch im Besitz dieser Dinge,« er deutete auf das Paquet, »einigen Grund, nicht betrübt zu sein. Mir, ich gestehe es Ihnen, ist ein großer Gefallen damit geschehen, denn ich kann nun mit voller Freiheit handeln.«

Nachdem er sich darauf noch eine längere Zeit mit dem Prinzen vertraulich unterhalten hatte, kehrte er, wie er es gewollt, mit demselben zu den Gästen zurück, und ihre heiteren und unbefangenen Mienen ließen nicht die hohe und ernste Bedeutsamkeit des soeben Verhandelten ahnen.

Die mit dem stattgehabten Vorgang bekannten Personen wurden durch diesen Umstand ein wenig überrascht, da sie darauf nichts weniger als vorbereitet waren und also das Gegentheil erwartet hatten. Da es eine Angelegenheit war, die, wie sie vernommen, des Prinzen Ehre betreffen sollte, so konnte es nicht ausbleiben, daß man sowol mit einander als mit Befreundeten nach dem Entfernen des Fürsten dieselbe in eifriger Weise besprach und sich somit das Gerücht von dem sonderbaren Vorfall sehr rasch unter den Gästen verbreitete. Mit um so größerer Spannung hatte man daher der Rückkehr des Fürsten entgegen gesehen, und zwar in der bestimmten Erwartung, Näheres zu erfahren. Man war jedoch getäuscht; denn sowol der Fürst als der Prinz berührten die Angelegenheit gegen die ihnen bekannten Personen mit keinem Wort, und die von ihnen gezeigte gute Stimmung verrieth, daß sie derselben durchaus keine ernste Bedeutung beilegten. Diese Umstände verleiteten denn auch die Gäste, lediglich des Prinzen leichter Erreglichkeit die Veranlassung zu seinem früheren Verhalten zuzuschreiben. Der Fürst verweilte, seinem Vornehmen getreu, noch eine längere Zeit auf dem Fest und zeigte die beste Laune; der Prinz tanzte sogar mehrmals, theilte die Stimmung seines Oheims und verließ erst lange nach diesem den Saal.

Zu jenen Personen, welchen der bezeichnete Vorfall nicht entgangen war, gehörte auch eine uns bereits genügend bekannte Dame, und zwar die Oberhofmeisterin der Prinzessin, Baronin Mühlfels. Sie hatte von einer geeigneten Stelle aus demselben die höchste Aufmerksamkeit geschenkt und mit gleichem Interesse das Benehmen der Fürsten beachtet, namentlich nach deren Rückkehr.

Wie viel sie dabei gesehen und vernommen hatte, ließ sich nicht bestimmen, wenngleich die Annahme nahe lag, daß ihr nichts entgangen sein mußte. So dachte wenigstens Graf Römer, der, wie wir erfahren haben, die bezeichneten Vorgänge bequem hatte beobachten können. Ihm war dabei auch die Baronin in's Auge gefallen und deren besonderes Interesse für die letzteren bekannt geworden. Erschien ihm dieses im Hinblick auf die ihr beiwohnende Neugier natürlich, so däuchte ihm ihre Theilnahme dennoch einem tieferen Grunde entsprungen zu sein, was ihr Benehmen verrieth. Er verfolgte diese Betrachtungen jedoch nicht, da ihm der beobachtete Vorgang viel zu wichtig war, um demselben nicht seine ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Nachdem sich der Fürst mit dem Prinzen zu der Unterredung fortbegeben hatte, suchte er einige in seiner Nähe befindliche Bekannte auf, um mit diesen über den Vorfall zu sprechen und vielleicht von ihnen darüber etwas zu erfahren. Er sah sich jedoch getäuscht; denn sie befanden sich gleich ihm in Unkenntniß darüber, sprachen jedoch die Erwartung aus, daß ein so besonderer Vorfall nicht lange verschwiegen bleiben könnte.

Der Graf wartete die Rückkehr der Fürsten in der Hoffnung ab, vielleicht alsdann irgend welche Aufklärung zu erhalten, was jedoch aus den angeführten Gründen nicht erfolgte. Er befand sich in einer ganz ungewöhnlichen Erregung, welche durch die sich ihm unwillkürlich aufdrängende Vermuthung erzeugt worden war, es könnte jener Vorgang mit dem Prinzen in irgend welcher für Sidonie gefahrvollen Beziehung stehen. Zwar vermochte er sich für diese Annahme keine Rechenschaft zu geben; dennoch verließ ihn diese Sorge nicht, so viel er sie auch von sich abzuweisen bemühte. Vielleicht lag der Grund dazu darin, daß ihm die Ansprache der Maske an den Prinzen nicht entgangen war, die auf eine den Letzteren betreffende Ehrensache hindeutete; vielleicht jedoch noch mehr in der Erinnerung der in dem Badeort stattgehabten sonderbaren Vorfälle mit den sich möglicher Weise daran knüpfenden Folgen.

Seine Unruhe veranlaßte ihn daher, noch länger auf dem Fest zu verweilen, um sich nichts entgehen zu lassen und sein Forschen fortzusetzen.

Der Ball nahte jedoch seinem Ende, ohne daß seine Absichten sich in irgend welcher Weise erfüllten.

So schloß er sich denn den Fortgehenden an.

Am Ausgang des Saals angelangt, woselbst ein ziemlicher Andrang von Gästen stattfand, wollte er soeben hinausschreiten, als ihm Jemand von der Rückseite einen Zettel in die Hand drückte. Dadurch überrascht, wandte er sich um, um den Geber desselben zu entdecken; er erblickte jedoch nur gleichgiltige Mienen und zwar in einer solchen Entfernung von ihm, daß er unmöglich annehmen durfte, von einer dieser Personen den Zettel erhalten zu haben. Was ihn noch mehr in dieser Voraussetzung bestärkte, war der Umstand, daß er beim Umherblicken dieselbe Maske zu entdecken glaubte, die früher dem Prinzen das Schreiben überreicht hatte und jetzt durch das Gewühl in den Saal eilte. Eine Frage an die ihm Folgenden zu richten, wäre unpassend und zugleich fruchtlos gewesen, da der Billetgeber die Absicht hatte, dem Grafen unbekannt zu bleiben; Römer bemühte sich daher in keiner Weise und steckte den empfangenen Zettel zu sich, um ihn später in seinem Hause zu lesen.

Dergleichen geheimnißvolle Mittheilungen waren in jener Zeit sehr beliebt, und der Graf würde durch die erhaltene auch nicht weiter beunruhigt worden sein, hätte er nicht zufällig jene Maske erblickt, deren eilige Rückkehr in den Saal sie als die Geberin verrieth, wenigstens eine solche Vermuthung rechtfertigte.

Mit um so größerer Spannung entfaltete er daher, in seinem Hause angelangt, das Billet, und that dies zugleich mit dem besorgnißvollen Gefühl, nichts Gutes zu finden.

Er hatte sich nicht getäuscht; denn die Worte lauteten also: »Fliehen Sie, so schnell Sie können. Ihr Verhältniß zu der Prinzessin ist verrathen und Sie haben daher das Uebelste zu erwarten.« Mehr enthielt das Billet nicht, noch auch hatte der Warnende seinen Namen unterzeichnet. Die Worte waren flüchtig auf ein abgerissenes Stück Papier hingeworfen und die Handschrift dem Grafen durchaus unbekannt.

Es durchrieselte ihn eisig, als er die Worte las, indem dieselben seine frühere Vermuthung hinsichts eines Zusammenhangs des stattgehabten Vorgangs auf dem Ball mit Sidonien zur Gewißheit erhoben. Einige Augenblicke gingen ihm in der tiefsten Erschütterung dahin, ehe er sich zu fassen und seine Lage zu übersehen vermochte. Seine Liebe zu Sidonien hatte also einen Verräther gefunden und war zufolge des Billets dem Prinzen bereits mitgetheilt worden.

Seine frühere so unerklärliche Besorgniß hatte ihn also nicht getäuscht.

Dieser Verrath war unter den gegenwärtigen Verhältnissen von ganz unberechenbarer Wichtigkeit, da er mit dem Verlangen der Prinzessin, ihre Ehe zu trennen, zusammen fiel.

Jetzt glaubte der Graf auch eine Erklärung für des Fürsten kaltes Zurückhalten gegen Sidonie gefunden zu haben. Derselbe mußte bereits am Vormittage irgend welche Andeutungen über die Neigung der Prinzessin erhalten haben. Durch welche Umstände das Alles geschehen war und wer der Verräther sein konnte, blieb für Römer eine ungelöste Frage.

Niemand befand sich am Hofe, der weder für Sidonie, noch für ihn selbst ein besonderes Interesse hegte; eben so wenig glaubte er durch sein Verhalten seine Neigung zu erkennen gegeben zu haben.

Er erwog alle diese Umstände des genauesten und gelangte endlich zu der Ueberzeugung, daß der Quell des Verrathes lediglich an jenem von Sidonien besuchten Badeort zu suchen sei. Mit dieser Erkenntniß kam ihm jedoch auch zugleich der Argwohn, der Prinz hätte ihn und Sidonie dort vielleicht im Geheimen beobachten lassen und die etwa gemachten Entdeckungen zu dem Verrath geführt haben.

Dieselben konnten jedoch unmöglich von solcher Bedeutung gewesen sein, um daraus eine Schuld für die Prinzessin oder ihn zu folgern.

Es mußten daher noch andere Umstände dabei maßgebend gewesen sein, deren Natur er jedoch trotz alles Nachdenkens nicht zu ergründen vermochte.

Der Warner rieth ihm, so schnell als möglich zu fliehen, da ihm Gefahr drohen sollte; derselbe deutete ihm damit zugleich an, daß man dieser Angelegenheit eine so große Bedeutung beilegte, die sie doch sowol von dem Standpunkt des Fürsten als des Prinzen aus nicht besaß. Denn weder ihn noch die Prinzessin traf irgend welcher Vorwurf. Die gegenseitige Zuneigung schloß keine Schuld ein; ihr näherer Umgang mit ihm war durch die Sitte berechtigt und durchaus nicht ungehörig. Woher sollte und konnte ihm daher irgend eine Gefahr drohen. -- Er erkannte dieselbe nicht und gelangte daher zu der Vermuthung, ein ihm Befreundeter habe sich in übergroßer Aengstlichkeit zu der Warnung bewogen gefunden. War dies jedoch der Fall, so konnte er die letztere auch nicht von der nämlichen Maske erhalten haben, die dem Prinzen die geheime Botschaft brachte. Er mußte sich daher in dieser Beziehung getäuscht haben. In dem Gefühl seiner Schuldlosigkeit war er weit entfernt, der Warnung irgend welche Wichtigkeit beizulegen, erachtete es vielmehr für um so nothwendiger, die Residenz gerade in diesem Zeitpunkt nicht zu verlassen, sondern alles Weitere mit Ruhe abzuwarten. Der geringste Schritt, den er in dieser Angelegenheit that, vor Allem aber eine Flucht mußte ihn in ein zweideutiges Licht stellen und ihn zum Schuldigen stempeln. So sehr ihn auch die Gewißheit peinigte, einer lieblosen Beurtheilung entgegen zu gehen und an seiner Ehre leiden zu müssen, überwog dennoch der Gedanke, welche übele Tage die Geliebte erwarteten, alle seine Besorgnisse. Denn es war für ihn keine Frage mehr, daß die im Geheimen gegen sie gesponnene Intrigue bald mit frecher Stirn auftreten und sie anklagen würde. Eine Intrigue an diesem sittenlosen Hofe ließ aber auch mit Bestimmtheit das Uebelste erwarten.

Um so mehr mußte er daher bedacht sein, Sidonie darauf so rasch als möglich vorzubereiten, damit sie dadurch nicht überrascht wurde und sich verrieth. Ihr durch Aurelie die erforderlichen Andeutungen zugehen zu lassen, gab er in der Ueberzeugung auf, daß unter den obwaltenden Umständen der Brief vielleicht aufgefangen werden könnte. Ein jedes geschriebene Wort war daher gefährlich und also unzulässig, und so war er sogleich entschlossen, Sidonie am nächsten Tage selbst aufzusuchen und ihr das Erfahrene mitzutheilen. Eine Unterredung mit ihr war in Erwartung des Kommenden auch von der höchsten Wichtigkeit. Es bestimmte ihn zu dem Besuch überdies noch die Absicht, dadurch zu zeigen, wie wenig Gründe er habe, den gewöhnten Umgang mit Sidonien aufzugeben, und daß die erhaltene Warnung in keiner Hinsicht nothwendig gewesen. Ihn leitete dabei die nahe liegende Voraussetzung, es könnte ihm die letztere vielleicht nicht von einem Freunde zugesteckt, sondern lediglich ein schlau berechnetes Mittel sein, ihn zu einem Schritt zu veranlassen, der seine Schuld verrieth. Jedenfalls war es gerechtfertigt, das Schlimmste anzunehmen und darnach sein Handeln einzurichten.

In wiederholten Erwägungen aller dieser Umstände gingen ihm die Stunden dahin, und es drängte sich in die ersteren zugleich die Erinnerung an die von seiner Mutter ausgesprochene Besorgniß hinsichts einer gegen ihn gesponnenen Intrigue, die sie so sehr fürchtete. Ihre Voraussetzung schien sich nach allen Anzeichen nun in der That bestätigt zu haben; es fragte sich nur, in wie weit Sidonie und er selbst davon berührt werden und welchen Ausgang dieselbe nehmen würde. Die nächste Zeit mußte das zeigen. Der Graf hatte aber auch sein Verhalten gegen die Geliebte erwogen, und wenn er sich auch eingestand, einer augenblicklichen Schwäche nachgegeben zu haben, war er sich doch auch keines Fehls bewußt, der ihre und seine Ehre hätte beflecken können.

Dieses Bewußtsein führte ihm die so nothwendige Ruhe der Seele wieder zu; sein Selbstgefühl machte sich geltend; klar wurde sein Auge, das dem leuchtenden Morgen entgegen schaute, der über sein Brüten rasch genaht war. Er löschte die herabgebrannten Kerzen und suchte alsdann sein Lager auf, weniger um zu schlafen, als in der Absicht, durch das entgegen gesetzte Verhalten die Aufmerksamkeit seiner Umgebung nicht zu erregen.

Von der Ueberzeugung erfüllt, von den Fäden einer Intrigue im Geheimen umsponnen zu sein, glaubte er fortan die peinlichste Vorsicht in jeder Hinsicht beobachten zu müssen. Was ihm der nahende Tag bringen würde, wußte er nicht; er sah demselben mit vollster Ruhe entgegen; doch war er entschlossen, am Abend zu der gewöhnten Zeit die Prinzessin aufzusuchen.

Viertes Kapitel.

Am Vormittage nach dem Ball saß die Oberhofmeisterin voller Behaglichkeit im bequemen Negligé vor dem wärmenden Kamin und beschäftigte sich mit einem Brief, dessen Inhalt ihr nicht nur sehr angenehm zu sein, sondern ihre Freude darüber beim weiteren Lesen noch wesentlich zu steigern schien. Sie deutete dies durch allerlei Ausrufe der Ueberraschung und des Behagens an, durch welche sie das letztere unterbrach.

»Sieh, sieh, das kluge Kind! Ich hatte so etwas vorausgesehen, und es freut mich, in meinen Erwartungen über sie nicht getäuscht worden zu sein,« sprach sie vor sich hin, nachdem sie den Brief zu Ende gelesen hatte.

Sie befand sich allein in dem Gemach und konnte sich daher ganz ungestört in den Betrachtungen ergehen, wozu sie das Schreiben veranlaßte. Sie hatte das letztere soeben erhalten und war dadurch um so mehr überrascht worden, da die Absenderin niemand Anders als Mariane war, von der sie und zwar eine derartige Mittheilung zu erhalten, nicht erwartet hatte. Zwar versäumte das Mädchen nicht, nachdem sie die Villa bezogen, der Baronin ihren Dank für die in ihrem Interesse gehabten Bemühungen auszusprechen, und ebenso nahm sie die ihr von der Letzteren später gemachten heimlichen Besuche stets mit Ehrerbietung und Freude an und verabschiedete sich auch vor ihrer Abreise nach Paris bei ihr; sie hatte jedoch dabei nicht den Wunsch ausgesprochen, ihr schreiben zu dürfen.

In der nahe liegenden Voraussetzung, daß Mariane sich dazu auch nicht aufgefordert fühlen würde, hatte die Baronin eben so wenig an dergleichen gedacht, überzeugt, daß die neuen Verhältnisse das Mädchen vollständig in Anspruch nehmen würden. Um so größer war daher ihre Ueberraschung, als nach so langer Zeit das soeben erhaltene Schreiben bei ihr einlief, welche der Inhalt desselben noch wesentlich steigerte.

Mariane wandte sich nämlich mit der Bitte an sie, sie durch ihren Rath in einer ihr so wichtigen, sich auf den Prinzen beziehenden Angelegenheit zu unterstützen. Sie hatte das Leben in Paris genossen und fand kein Vergnügen mehr an dem vereinsamten Aufenthalt daselbst; zugleich peinigte sie die Ungewißheit über ihre Zukunft. Der Prinz hatte ihr seit längerer Zeit nicht geschrieben, sein Interesse für sie schien sich verringert zu haben; auch gab er ihr auf ihre Frage, wie lange sie nun noch in ihrem Exil verweilen sollte, keine bestimmte Antwort, so daß sie von der Furcht erfüllt war, er würde sie vergessen und ihrem Schicksal an dem fremden Ort überlassen.

Darum hatte sie sich auf die Baronin besonnen und sich entschlossen, dieser ihre Besorgnisse mitzutheilen und sie zugleich zu bitten, mit dem Prinzen ihretwegen zu sprechen und dessen Bestimmungen über sie zu erfahren.

Die Fassung des Briefes verrieth die Bildung, welche sich Mariane während ihres Aufenthaltes in Paris anzueignen gewußt hatte, und die zugleich den Beweis lieferte, daß sie ihre Lehrer nicht erfolglos bemüht hatte.

Die Baronin erstaunte darüber; denn nicht nur war die Ausdrucksweise gewählt, sondern es sprach daraus auch Geist; vor Allem jedoch machte sich darin ein verborgener Ehrgeiz geltend. Und so war es in der That. Mariane hatte des Prinzen Versprechen, sie dereinst zu einer Gräfin zu machen, nicht vergessen; dasselbe war zugleich der Sporn zu ihrem Fleiß, sich die einer vornehmen Dame nothwendigen Kenntnisse anzueignen, um des versprochenen Vorzugs auch würdig zu werden.

Mariane hatte das Alles der Baronin mitgetheilt, und diese erkannte mit ihrem geübten Scharfblick sofort, daß es sich in diesem Fall nicht nur um eine gewöhnliche Liaison, sondern um viel wichtigere Dinge handelte, die unter geeigneten Umständen zur Geltung gelangen könnten.

Und so war es ihr in hohem Grade angenehm, zur Vermittlerin dieser Angelegenheit beansprucht zu werden. Sie kannte Marianens großen Einfluß auf den Prinzen nur zu wohl und war überdies überzeugt, daß sich derselbe für die Folge nicht nur erhalten, sondern im Hinblick auf des Mädchens Klugheit sogar noch steigern würde. Denn daß der Prinz wirklich noch mit vieler Zuneigung an dem Mädchen hing, ging daraus hervor, daß er eine neue Liaison nicht angeknüpft hatte und zu dieser auch keine Neigung zeigte. Ueberdies hatte ihr Sohn dies auch in den Briefen an sie wiederholt angedeutet und auf Marianens künftigen Einfluß hingewiesen.

Alle diese Umstände waren wichtig genug, den empfangenen Brief mit hoher Freude zu begrüßen und die Baronin zu veranlassen, die so willkommene Angelegenheit der eingehendsten Erwägung zu unterwerfen, um sich die daraus für sie ergebenden wichtigen Vortheile zu sichern. Gelang es ihr, Marianens Wünsche zu erfüllen, so hoffte sie auch deren ganzes Vertrauen für jetzt und in der Zukunft zu gewinnen, und das genügte ihr; denn dieses Vertrauen sicherte ihr einen nicht geringen Einfluß nicht nur auf das Mädchen, sondern auch auf den künftigen Regenten, und das waren entzückende Aussichten für die stets speculirende und intriguirende Frau. Sie ging daher auch sogleich mit sich zu Rathe, in welcher besten Weise sie sich die nöthigen Erklärungen von dem Prinzen verschaffen und die gewünschte Vermittlung anbahnen könnte. Noch damit beschäftigt, wurde ihr ein Besuch gemeldet, der ihr Interesse in hohem Grade beanspruchte. Aus einer hingeworfenen Bemerkung konnte man überdies entnehmen, daß sie denselben bereits und mit Ungeduld erwartet hatte.

Es trat ein Officier ein, in welchem wir den Kapitän von Bieberstein erkennen. Seine Begrüßung verrieth, daß er mit der Baronin in vertraulichen Beziehungen stehen müßte.