Part 4
»Zwischen Mutter und Sohn darf kein Geheimniß obwalten,« fuhr die Gräfin fort, indem sie seine Hand ergriff und ihn mild und freundlich anblickte; »darum wollen wir mit aller Aufrichtigkeit zu einander sprechen. Ich habe längst Deine tiefe Neigung für Prinzessin Sidonie bemerkt und brauche Dir nicht zu sagen, wie schmerzvoll ich im Hinblick auf die obwaltenden Verhältnisse dadurch betroffen worden bin. Du bringst dieser Liebe Dein ganzes schönes Leben zum Opfer. Du hast die Thränen nicht gesehen, welche ich darüber vergossen habe, und es soll auch hier nicht davon die Rede sein. Ich kenne Deinen Charakter zu gut, um nicht zu wissen, daß bei der Tiefe Deiner Neigung ein Uebertragen derselben auf ein anderes weibliches Wesen nicht möglich ist, und Du viel zu edel denkst, um ein Mädchen, ohne Liebe für sie zu fühlen, zu Deiner Gattin zu erwählen. Das Rechte und Gute anzuerkennen, selbst wenn wir auch dadurch betrübt werden, ist eine Pflicht der Vernunft, und ich unterdrücke darum den tiefen Schmerz, den ich im Hinblick auf alle diese traurigen Umstände fühle. Wer, wie ich, das Glück der Liebe in der ungetrübtesten Heiterkeit so viele Jahre genossen hat, fühlt es um so inniger, daß seinem eigenen geliebten Kinde ein so übles Loos zu Theil werden mußte. Warum konntest Du nicht gleich uns glücklich werden! Doch es scheint, daß auch in Bezug auf die Neigungen der Menschen zu einander ein besonderes Geschick obwaltet, dem wir nur selten zu entgehen vermögen, und so habe ich mich in den Gedanken zu finden gesucht, daß es nicht anders sein soll.«
Sie schwieg bewegt und ihr bekümmertes Auge feuchtete sich.
Römer drückte, nicht minder bewegt, seine Lippen auf ihre Hand.
Nach kurzer Pause fuhr die Gräfin fort:
»Du bist noch nicht alt, Bernhard, und dennoch sehe ich schon viele Silberfäden in Deinem Haar, ein Zeichen des tiefen, verschlossenen Kummers, den Du schon seit Jahren in Dir trägst. Denn wie das Glück den Menschen verjüngt, so altert der Kummer ihn rasch und vor der Zeit.« --
Und aus dem feuchten Auge drängte sich jetzt eine volle Thräne und rann langsam auf der blassen, feinen Wange nieder. Römer bemerkte dies nicht, denn er hielt das Haupt vor ihr geneigt.
Die Gräfin bemühte sich, ihre Rührung zu beherrschen, und nahm alsdann ihre Mittheilung wieder auf.
»Doch,« sprach sie, »ich sollte Dich nicht an Dinge erinnern, die Dich betrüben müssen, besonders in der Stunde vor der Trennung für längere Zeit; das Mutterherz hängt jedoch mit zu großer Liebe an dem Kinde, um die Zeichen seines frühen Verblühens in Schmerz und Vereinsamung nicht zu beklagen; darum vergieb mir, mein Sohn!«
Des Grafen Bewegung war viel zu tief, um ein Wort hierauf erwidern zu können. Die Lippen seiner Mutter sprachen zum ersten Mal all' das Schmerzliche offen aus, was er bisher ertragen hatte und sich selbst nicht gestehen mochte. Aber ihre Liebe und Milde thaten ihm wohl, ihre Lippen entheiligten sein Geheimniß nicht, sondern verliehen demselben eine wohlthuende Bedeutung. Und mit vermehrtem Dankgefühl neigte sich auch jetzt sein Mund auf ihre Hand.
»Nicht wahr, mein theurer Sohn, ich hatte nicht Unrecht?« fragte sie.
Römer bejahte stumm.
»Sieh, Bernhard,« fuhr sie gesammelter fort, »ich würde Dein Unglück ruhiger ertragen, wenn mich nicht schon lange die Sorge bedrängte, es könnte Dir aus diesem Verhältniß irgend ein Unheil erwachsen. Wie Du mit der Prinzessin stehst, weiß ich nicht; doch bin ich überzeugt, daß Ihr niemals die Schranken übersehen habt, welche Euch trennen. Dazu kenne ich meinen Sohn und die Prinzessin zu wohl. Dennoch sah ich Dich stets nur mit Kummer an den Hof ziehen, vernahm mit vermehrter Unruhe Deinen näheren Umgang mit Sidonien und immer und immer quälte mich jene Besorgniß. Vielleicht gehe ich darin zu weit, vielleicht ist meine Angst durchaus unbegründet; denn was vermöchte man einem Schuldlosen vorzuwerfen? Und dennoch drängt es mich gerade vor unserer Trennung, Dich an das Alles zu erinnern und Dich durch mein Wort zu steter Vorsicht zu veranlassen. Ich weiß, wie es an des Fürsten Hof zugeht, weiß, daß der Glaube an Sittlichkeit daselbst längst keine Stätte mehr hat, und weiß überdies, daß uns weder unsere Unschuld noch unsere sittlichen Vorzüge vor der Verleumdung mit ihren übeln Folgen schützen. Man pflegt meistens nur das zu billigen, was man selbst anerkennt, und hält Andere nicht für besser, als man selbst ist, und diesen Grundsätzen huldigt vor Allem des Fürsten Hof. Habe ich Recht, mein Sohn?«
»O gewiß, gewiß!« fiel Römer ein.
»Da Du dies erkennst, so zweifle ich auch nicht, daß Du nach meinem Rath thun wirst, und das beruhigt mich. Auch weiß ich ja, daß Du besonnen genug bist, das Nahen etwaiger Gefahren zeitig genug zu erkennen, um Dich vor ihnen schützen zu können. Und so möge Dich der Himmel behüten und Dir alle jene Freuden gewähren, die Deine Ehre rechtfertigen kann, wenn sie auch Dein Herz unbefriedigt lassen!« Sie endete und küßte ihn bewegt wiederholt auf die Stirn.
Welches Herz verschlösse sich wol dem heiligsüßen Ton der Mutterliebe! Am wenigsten hätte dies bei Römer der Fall sein können, vielmehr wurde er von derselben so sehr angegriffen, daß er der Gräfin sein ganzes Herz öffnete, ihr seine Freuden, aber auch alle schmerzvollen Kämpfe und Sorgen mittheilte, und seine Worte mit der beglückenden Nachricht schloß, daß nun die Leiden bald ein Ende erreicht und seine Wünsche befriedigt werden würden. Die Gräfin erschrak in Folge dieser Mittheilung heftig. Die Trennung der Ehe, und namentlich fürstlicher Personen, erschien ihr überaus bedeutungsvoll, und um so mehr in diesem Fall, bei welchem ihr Sohn betheiligt war. Denn lag die Vermuthung nicht nahe, daß Sidonie dazu wahrscheinlich nicht nur durch des Prinzen Verhalten, sondern auch durch die Liebe zu ihrem Sohn veranlaßt worden war? -- Gewiß. Dieser Umstand steigerte ihre Unruhe, die sie dem Sohn zu erkennen gab, worauf er entgegnete:
»Ich verhehle nicht, meine theure Mutter, daß Ihre Voraussetzung nicht ungegründet ist; doch bitte ich Sie auch, die Verhältnisse zu erwägen, unter welchen Sidonie schon seit Jahren gelitten hat, und versichere Sie, daß bei ihrem Entschluß ihre Ehre eben so maßgebend gewesen ist, als ihre Liebe.«
Und er war bedacht, ihr auseinander zu setzen, daß Sidonie sich nur durch eine Trennung von dem Prinzen zu retten vermochte, wollte sie ihr Leben nicht nutzlos einem übertriebenen Pflichtgefühl opfern. Er sprach mit der ganzen Wärme seiner Liebe und Ueberzeugung, und es konnte nicht ausbleiben, daß die Gräfin Sidoniens Schritt endlich billigte und zugleich mit ihrem Sohn die Freude mit empfand, welche sich an denselben für ihn knüpfte. Es war ihr der Gedanke so beglückend, diese Liebe endlich doch noch durch den ersehnten Verein belohnt und damit ihres geliebten Sohnes Leben verschönt zu sehen.
»So kann ich denn mit einer schönen Hoffnung von Dir scheiden, mein theurer Sohn. Ziehe denn dahin, wohin Dich eine heilige Pflicht ruft. Ich weiß, Du wirst dieser und Deiner Ehre gemäß handeln. Alles Weitere müssen wir vertrauend dem Himmel anheim geben, der Dich und die arme Prinzessin mit der erforderlichen Kraft stärken möge. Hoffentlich wirst Du mich dann bald durch die Nachricht von Deinem künftigen Glück erfreuen; ich werde ihr mit Ungeduld entgegen harren.«
Also sprach die edle Gräfin in freudiger Bewegung und schied dann von dem Sohne. Diese Unterredung war namentlich für sie in einer ganz andern Weise zu Ende geführt worden, als sie erwartet hatte; statt Kummer und Sorge begleitete sie nun Freude und Hoffen auf dem Wege zu ihrer Tochter.
Wenige Tage nach der Abreise seiner Mutter begab sich der Graf zu Sidonien, von der Gewißheit beglückt, ihr nun für längere Zeit nahe sein und mit seinem Rath bei der Erledigung der bekannten Angelegenheit beistehen zu können.
Drittes Kapitel.
Der Fürst kehrte nach der Unterredung mit Sidonien in einer sehr übeln Stimmung in sein Palais zurück. Sich in allen seinen so gewissen Erwartungen in der bezeichneten Weise getäuscht zu haben, die in dieser Hinsicht mit Berechnung angelegten Pläne als vollkommen unnütz erkennen zu müssen, verdroß ihn in hohem Grade. Dazu gesellte sich überdies noch der wichtige Umstand, durch Sidoniens festes Beharren auf ihrem Verlangen genöthigt zu sein, gerade Dasjenige ausführen zu müssen, was er zu vermeiden so sehr bedacht gewesen war. Denn nach der so entschiedenen Erklärung der Prinzessin machte das Staatsinteresse die Trennung der Ehe und eine Neuvermählung des Prinzen unumgänglich nothwendig. So war der gefürchtete Eclat denn sicher, und mit demselben verband sich zugleich die nahe liegende Besorgniß, der üble Leumund über den Prinzen dürfte mancherlei Hindernisse bei der Wahl einer Prinzessin herbeiführen. Denn lag auch eine Verlockung in der Aussicht, die Gemahlin des künftigen Regenten zu werden, so mußte doch das Bekanntwerden der wenig lobenswerthen Eigenschaften desselben, welche die Trennung der Ehe des Prinzen herbeigeführt hatten, die etwa erwählten fürstlichen Damen auf das Eingehen einer Ehe mit ihm bedenklich machen, da ihnen ein ähnliches Schicksal wie Sidonien bevorstand.
Alle diese so wichtigen Bedenken veranlaßten den Fürsten, sich in seinen Maßnahmen nicht zu übereilen, sondern vorläufig mit dem Prinzen über Sidoniens Verlangen zu sprechen und ihm die Nothwendigkeit einer Neuvermählung vorzustellen. Zugleich gedachte er ihn auf die dabei zu erwartenden Hindernisse aufmerksam zu machen, damit der Prinz durch eine gemäßigte Lebensweise seinen guten Ruf wieder herstellte und somit sicherer auf die Annahme einer Werbung hoffen durfte.
Seinem Vornehmen getreu, ließ der Fürst den Prinzen ein paar Tage darauf zu sich bescheiden und theilte ihm das Obige mit. Der Prinz zeigte sich über das Vernommene in hohem Grade überrascht, erklärte sich jedoch zugleich ohne irgend welches Bedenken zu einer Wiedervermählung geneigt, indem er die Ueberzeugung aussprach, daß die von dem Fürsten in dieser Beziehung gehegten Besorgnisse sich nicht bestätigen würden.
Ein solches, durchaus nicht erwartetes Entgegenkommen überraschte den Fürsten überaus angenehm und er sprach dem Prinzen seine Freude darüber aus, indem er ihm zugleich anempfahl, die Angelegenheit so geheim als möglich zu behandeln, damit die Welt nicht allzu viel davon erführe und man den Vortheil gewinnen könnte, das Urtheil derselben darüber im eigenen Sinn zu lenken.
Der Prinz erklärte sich damit gern einverstanden und sprach die Versicherung aus, sich in alle von dem Oheim getroffenen Maßnahmen unbedingt fügen zu wollen.
»Es freut mich, Dich mit meinen Ansichten einverstanden zu wissen,« fuhr der Fürst in herzlichem Ton fort, »und ich rechne mit Bestimmtheit darauf, daß Du auch durch Dein künftiges Verhalten dem Interesse des Landes entgegen kommen wirst und die in Bezug auf Sidonie gemachte Erfahrung Dich dabei leiten wird.«
»Seien Sie davon überzeugt,« entgegnete der Prinz in unterwürfigem Ton.
»So will ich hoffen, daß Du auch hinsichts jenes Mädchens, das Du in Paris unterhältst, für die Folge solche Arrangements treffen wirst, welche geeignet sind, jede Störung bei Deiner Wiedervermählung fern zu halten.«
»Es wird geschehen. Mariane hängt ganz von meinem Willen ab und wird so lange in Paris bleiben, als ich es für nöthig erachte. Auch könnte ich das Mädchen in der geeigneten Zeit verabschieden.«
»Das Letztere wäre unter allen Umständen das Beste und Du magst daran denken.«
Es trat nun eine kleine Pause ein, in welcher der Prinz nachdenkend vor sich hinblickte. Der Fürst bemerkte dies und erkundigte sich nach der Veranlassung dazu worauf der Prinz ihn ersuchte, ihm eine Mittheilung von Wichtigkeit machen zu dürfen. Der Fürst, dadurch ein wenig überrascht, verstand sich gerne dazu, worauf dieselbe erfolgte und eine sehr eingehende und vertrauliche Unterredung zwischen ihnen hervorrief.
Das Vernommene schien den Fürsten in hohem Grade zu interessiren; denn länger als zwei Stunden blieb er mit dem Neffen beisammen, worauf sie in einem so guten Einvernehmen von einander schieden, wie dies bisher zwischen ihnen noch nicht der Fall gewesen war; der Fürst, wie es schien, von dem lebhaftesten Interesse erfüllt; der Prinz mit einem Lächeln vollster Genugthuung.
Kaum war der Letztere in seinem Palais angelangt, so begab er sich sofort an seinen Schreibtisch und fertigte ein Schreiben an Mühlfels, das er alsdann durch einen geheimen Boten an diesen befördern ließ.
Seit diesem Augenblick zeigte der Prinz seiner Umgebung die leutseligste Freundlichkeit, arbeitete fleißig und kam seinem Oheim mit steter Ergebenheit entgegen. Und die Welt erstaunte nicht wenig über diese ungewöhnlichen Erscheinungen.
Römer traf in dieser Zeit in der Residenz ein, und die Absicht, den Winter daselbst zuzubringen, veranlaßte ihn, sich sofort eine entsprechende Wohnung zu besorgen und in derselben einzurichten.
Es darf kaum bemerkt werden, wie überaus angenehm Sidonie durch seine ungehoffte Ankunft überrascht wurde und wie sich ihre Freude in der Gewißheit steigerte, den ihr unter den obwaltenden Umständen doppelt theuern Freund nun dauernd zur Seite zu haben, und durch seine Nähe und seinen Rath ermuthigt und beruhigt, ihre Absicht hinsichts der Trennung ihrer Ehe mit größerer Sicherheit verfolgen zu können.
Seine Zusprache war ihr um so nothwendiger, da ihr Bruder auf ihre Mittheilung ihr sein ganzes Mißfallen über ihr Verlangen zu erkennen gegeben hatte. Er erachtete das letztere für ungerechtfertigt und sprach darum auch die bestimmte Absicht aus, dasselbe in keiner Weise unterstützen zu wollen. Er machte ihr den Vorwurf der Prüderie und Unklugheit und gab es ihr schließlich anheim, nach eigenem Gutdünken ihre Sache auszufechten. Er verhehlte ihr nicht, diese seine Ansichten und Entschließungen dem Fürsten zu erkennen gegeben zu haben, und stellte sich damit auf des Letzteren Seite.
Sidonie litt unter dieser nicht geahnten Lieblosigkeit ihres Bruders um so mehr, da sie auf seinen ihr so wichtigen Beistand mit Sicherheit gerechnet hatte und diesen im Hinblick auf die besonderen Umstände für selbstverständlich erachtete.
Aus seinen Vorwürfen und seinem Verhalten erkannte sie nun zu ihrer großen Bestürzung, daß auch er dem Einfluß der herrschenden Sitten unterlegen sei, und das schmerzte sie tief, indem sie zugleich die niederdrückende Ueberzeugung erfüllte, nun auch nicht in die Heimath zurückkehren zu können, wie sie es so sehr gewünscht hatte.
Was konnte ihr dieselbe unter so übeln Umständen noch bieten? Statt Ruhe und Trost nur noch der Mißmuth und die vorwurfsvollen Mienen eines Bruders.
So tief wirkte der herrschende Zeitgeist.
Sie sah sich in Folge dessen in die peinigende Verlegenheit gesetzt, vorläufig in der Residenz zu verweilen, gedachte jedoch ihren Aufenthalt daselbst so viel als möglich abzukürzen und, sobald es die Verhältnisse gestatteten, sich nach dem von ihr früher besuchten Badeort zu begeben und hier das Weitere abzuwarten. Zwar hätte sie Aufnahme an einem befreundeten Hofe gefunden; es widerstrebte jedoch ihrem Gefühl, sich mit einer Bitte darum an einen solchen zu wenden.
So wollte sie, da ihr die Heimath verschlossen war, sich eine neue Heimath in angenehmer Unabhängigkeit gründen; denn was nach erfolgter Trennung von dem Prinzen geschehen sollte, war noch eine unbesprochene Frage, die weder sie noch der Graf zu berühren für gut gefunden. Als nun ihres Bruders Brief anlangte, theilte sie dem Letzteren den Inhalt desselben, sowie ihren Entschluß der Uebersiedlung nach dem Badeort mit, und Römer stimmte ihr darin bei, da sich ein anderer Ausweg nicht finden ließ.
Sidonie hatte nach ihrer Rückkehr ihre frühere Lebensweise in der Absicht wieder aufgenommen, sich dadurch die gewünschte Gelegenheit zu verschaffen, Römer ungezwungener sehen zu können.
Eine zu große Zurückgezogenheit und das Aufgeben der gewöhnten gesellschaftlichen Beziehungen würden auch jedenfalls Aufsehen erzeugt haben, was sie zu vermeiden wünschte. Die Vorsicht gebot überdies, den Grafen fortan nur in Begleitung ihres Bruders zu empfangen und sich auf diese Besuche und die Gesellschaftsabende zu beschränken, um künftigen übeln Beurtheilungen vorzubeugen.
Einige Wochen waren seit Sidoniens Antrag bei dem Fürsten dahin gegangen, ohne daß sie irgend einen Bescheid erhielt; dies beunruhigte sie, da sie einen solchen erwartet hatte. Als sie alsdann noch eine längere Zeit fruchtlos gewartet hatte, steigerte sich ihre Besorgniß, indem ihr jede Erklärung für die Verzögerung fehlte.
Obgleich Alles seinen gewöhnlichen Gang ging, so schien ihr doch eine gewisse bedrückende und nichts Gutes verheißende Schwüle auf allem Leben und Treiben zu ruhen. Sie sah weder den Fürsten, noch den Prinzen, doch war ihr bekannt, daß dieselben viel mit einander verkehrten und der Erstere seinem Neffen ein besonderes Wohlwollen zeigte.
Die fortdauernde Ungewißheit quälte sie, vermehrte ihre Sorgen und ihr Bangen, und nur in dem ruhigen und sichern Wesen des Geliebten fand sie die so nothwendige Ermuthigung.
Der Winter hatte sich bereits eingestellt und mit ihm war auch der Geburtstag des Fürsten genaht, der gewöhnlich von dem Prinzen durch einen glänzenden Maskenball gefeiert zu werden pflegte, auf welchem der Fürst stets erschien.
Eine solche Festlichkeit war auch dieses Mal von dem Prinzen angeordnet worden, die auf seinen Wunsch außerordentlich glänzend werden sollte. Dieselbe kam Sidonien sehr gelegen, da sie ihr die gewünschte Gelegenheit zu einem Besuch bei dem Fürsten darbot, welchen sie benutzen konnte, sich über ihre Angelegenheit irgend welchen Aufschluß von ihm zu verschaffen und so der sie beängstigenden Ungewißheit ein Ende zu machen.
Es konnte daher nicht ausbleiben, daß, als der Geburtstag genaht war und sie sich zu dem Fürsten begab, ihre Seele mit Unruhe erfüllt war.
Der Letztere empfing sie ziemlich abgemessen und nahm ihren Glückwunsch mit mehr Höflichkeit als Freundlichkeit entgegen. Eben so kühl vernahm er ihr Bedauern, an dem Maskenball nicht Theil nehmen zu können, das sie in der Absicht aussprach, sich in dieser Beziehung einmal bei dem Fürsten zu entschuldigen, dann aber auch, um dadurch einen Anknüpfungspunkt für ihr Interesse zu gewinnen.
»Ich erachte mich nicht für berechtigt, Ihre Intentionen irgendwie zu beurtheilen, und stelle Ihnen Alles anheim,« entgegnete der Fürst kühl.
»Ich glaube dieses Fernhalten von dem Fest meinen Verhältnissen schuldig zu sein,« bemerkte Sidonie.
»Sie werden das am besten wissen.«
»Und darf ich nicht erfahren, welche Beschlüsse in meiner Angelegenheit getroffen worden sind?«
Der Fürst blickte nachdenkend zu Boden und entgegnete alsdann in ziemlich gemessenem Ton:
»Ich muß Sie bitten, sich noch ein wenig zu gedulden, da ich noch nicht Gelegenheit fand, die Sache dem Staatsrath vorzutragen. Ich denke jedoch, daß Sie in nächster Zeit Weiteres hierüber vernehmen werden.«
Diese Worte so wie der Ton, in welchem sie gesprochen wurden, verriethen nur zu deutlich des Fürsten Absicht, Sidonien das für diese Angelegenheit gehegte geringe Interesse erkennen zu geben. Das verletzte und überraschte sie zugleich, indem sich darin ein Widerspruch gegen des Fürsten frühere so lebhafte Theilnahme dafür geltend machte. Sie fragte sich, durch welche Umstände ein solcher ungewöhnlicher Umschlag erzeugt worden sein könnte, ohne sich jedoch darauf eine Antwort geben zu können.
Sie blickte den Fürsten fragend an, um ihn zu einer Erklärung zu veranlassen: er vermied es jedoch wie vorher, ihrem Auge zu begegnen, und zeigte überdies nicht die geringste Neigung, ihrem Verlangen irgend wie entgegen zu kommen, so daß sich Sidonie, dadurch noch mehr verletzt, veranlaßt sah, die Unterredung zu enden und sich zu entfernen.
Der Fürst verließ sie höflich, jedoch kalt. Durch das Erfahrene in hohem Grade beängstet, kehrte sie in ihr Palais zurück und beeilte sich, Aurelie mit Allem bekannt zu machen und deren Ansicht darüber zu hören.
Nachdem sie die Angelegenheit vielfach erwogen hatten, gelangten sie zu dem beunruhigenden Schluß, daß irgend ein wichtiger Umstand die Ursache von des Fürsten Verhalten gegen Sidonie sein müßte; welcher Art derselbe jedoch wäre, vermochten sie trotz aller Mühe nicht zu erforschen. Diese Ungewißheit beängstete sie um so mehr, da auch der Graf bei seinem bald darauf erfolgten Besuch sie nicht zu beruhigen oder aufzuklären vermochte und obenein ihre Ansicht und Besorgniß theilte.
Römer hatte eine Einladung zu dem Maskenball erhalten und beabsichtigte, auf demselben zu erscheinen, wozu ihn überdies die Verhältnisse und die Rücksichten auf den Fürsten nöthigten; er traf daselbst mehre Bekannte und gedachte nun diesen Umstand zu benutzen, sich irgend welche Aufklärung über die so beunruhigende Angelegenheit zu verschaffen.
So schien sich denn Sidoniens frühere Ahnung bestätigen zu wollen, und mit Bangigkeit erwog sie, in wie weit sie davon betroffen werden würde. Es war natürlich, daß sie vor Allem der räthselhaften Vorgänge an dem Badeort gedachten, die ja ungelöst geblieben waren und darum mit ihren Gefahren drohten. Ein näheres Erwägen beruhigte sie jedoch wieder, da sie sich vergeblich bemühten, irgend welchen Zusammenhang derselben mit des Fürsten Verhalten zu ermitteln.
Unter solchen Umständen blieb ihnen schließlich nur ein geduldiges Harren übrig und die Hoffnung, es könnte dem Grafen gelingen, Licht in dieses Dunkel zu bringen.
Mit dem Versprechen, Aurelie mit dem etwa erzielten Erfolg sogleich bekannt zu machen, schied der Graf, um, da die Zeit nahte, sich auf den Ball zu begeben. Ihm wurde das Scheiden von Sidonien heute schwerer denn sonst, da er ihr Herz voll Unruhe und Sorge wußte und sich auch seiner ein beengendes Gefühl bemeistert hatte, das er nicht abzuweisen vermochte.
Etwa um die neunte Stunde begab sich der Graf in das fürstliche Palais, in welchem die Festlichkeit stattfand. Sämmtliche Räume desselben waren bereits mit den glänzendsten und buntesten Masken erfüllt und gewährten in ihrer reizenden Anordnung einen sehr angenehmen Anblick. Der Wunsch des Prinzen hatte die Gäste zu den höchsten Anstrengungen veranlaßt, und so konnte es nicht fehlen, daß das Auge in jeder Hinsicht mehr als befriedigt wurde.
Römer, lediglich von seinen trüben Gedanken erfüllt, schenkte dem Allen nur geringe Aufmerksamkeit, lediglich darauf bedacht, ein und den andern seiner Freunde aufzufinden, um seine Absicht so rasch als möglich erreichen zu können.
Das war jedoch wegen der Menschenmenge und der verhüllenden Masken keine leichte Sache, und nur die Kenntniß von den Masken einzelner Bekannten ließ ihn nicht zu lange und fruchtlos forschen.
Die herrschende festliche Stimmung war überdies wenig geeignet, dergleichen Angelegenheiten zu besprechen, ganz abgesehen, mit welcher Vorsicht er dabei zu Werke gehen mußte, um sein Verlangen nicht zu verrathen.
So viel er sich jedoch auch mühte, erlangte er dennoch nicht die mindeste Aufklärung. Niemand wußte ihm in dieser Beziehung nur das Geringste zu sagen, obgleich Sidoniens Antrag, sich von dem Prinzen zu trennen, bereits bekannt geworden war.
Endlich gab der Graf weiteres Forschen als vergeblich auf und begab sich nach dem Saal, in welchem der Fürst mit seiner Gemahlin und seinem Hofgefolge und auch der Prinz befanden. Die erheiterten Mienen des Ersteren und Letzteren verriethen den angenehmen Genuß, den ihnen das Fest zu gewähren schien, ganz besonders machte sich jedoch das gute Einvernehmen zwischen Oheim und Neffen geltend, das die nicht eingeweihten Gäste in hohem Grade überraschte. Der Graf war in der Nähe einer nach einem Nebenzimmer führenden Thür stehen geblieben und beobachtete, durch seine Larve geschützt, den Hof und das Treiben im Saal.