Prinzessin Sidonie (Band 3/3)

Part 2

Chapter 23,629 wordsPublic domain

Bald hatten sie den Pfad erreicht und blieben in der Absicht, sich von der Gegenwart des sie begleitenden Dieners zu befreien und ihre Verabredung zu verbergen, stehen und beriethen, ob sie den Pfad einschlagen sollten oder nicht.

Daß sie sich für den Gang erklärten, verstand sich von selbst, worauf der Graf den Diener beauftragte, sich zu den am Fuß des Berges haltenden Equipagen zu begeben und dieselben nach einem weiter liegenden Punkt zu bestellen, von wo aus sie sich derselben wieder bedienen wollten. Sie wandelten alsdann weiter.

Der Weg war bequem und zog sich auf einem bewaldeten Bergrücken bis nach dem Badeort hin fort und gewährte den Wandelnden die mannichfachsten Fernsichten. Hübsche Anlagen mit einladenden Ruhesitzen unterbrachen denselben. Was ihnen den Gang jedoch ganz besonders angenehm machte, war die ringsum herrschende, nur durch Vogelsang unterbrochene Stille und der Mangel an Besuchern, der ihnen den Vortheil gewährte, nicht beobachtet zu sein und sich ungezwungen an einander zu erfreuen.

Manches liebe Wort wurde gesprochen, dessen Quelle Liebe und Freundschaft war. Langsam gingen sie dahin, oft ruhten sie aus auf den einladenden Sitzen. So erreichten sie beim Abendschimmer die auf sie harrenden Wagen, und hier trennte sich der Graf von den Frauen in förmlicher Weise, nachdem er ihnen vorher bereits ein herzliches Lebewohl gesagt und seinen baldigen Besuch bezeichnet hatte.

Während Sidonie mit Aurelien nach ihrem Hôtel zurückkehrte, trat der Graf seine Rückfahrt an, wie er das ursprünglich beabsichtigt hatte.

Bald hüllte Dunkelheit die Gegend ein. Sidonie und Aurelie saßen auf dem Balkon und gedachten der verlebten Stunden und des Freundes, der sich auf dem Wege nach der Heimath befand, und die angenehme Hoffnung seiner baldigen Rückkehr milderte Sidoniens Schmerz über die Trennung von ihm. Ihr Herz war von süßem Glück erfüllt, das ihr der heutige Tag gebracht, dem sie in der Erinnerung nachhing und dessen Erneuung ihr die Zukunft verhieß.

Wir übergehen einen Zeitraum von vier Wochen, in welchem der Graf die Prinzessin durch seinen wiederholten Besuch erfreute, den er jedoch nur einmal auf mehre Tage ausdehnte; gewöhnlich pflegte er nur einen Tag daselbst zu verweilen. Es darf kaum bemerkt werden, daß sie bedacht waren, die ihnen zum Zusammensein gebotenen Stunden so viel als möglich auszunutzen, und darin durch die Abwesenheit jedes höfischen Zwanges wesentlich unterstützt wurden. Diese Umstände waren aber zu verführerisch, um sie nicht zu einem längeren Beisammensein im Hôtel und zu öfteren gemeinschaftlichen Ausflügen in die Umgegend zu verleiten. Zwar wurden dabei sowol von Seiten des Grafen als der Prinzessin alle üblichen Rücksichten beobachtet; trotz alledem verrieth sich dadurch jedoch die nähere Beziehung Römer's zu Sidonien, und die Badegäste fanden darin ergiebigen Stoff zu allerlei pikanten Bemerkungen. Wie man dergleichen Verhältnisse in jener Zeit beurtheilte, ist uns bereits bekannt, und wir bemerken nur noch, daß die Besucher des Bades sich veranlaßt sahen, in dieser Beziehung keine Ausnahme zu machen.

Römer traf mit Bieberstein noch öfter zusammen, und dieser schloß sich ihm noch näher an, wobei es dem Ersteren nicht entging, daß des Kapitäns Bemühen darauf gerichtet war, sein Vertrauen zu gewinnen. Daß ihm das nicht gelang, verstand sich von selbst, doch vermochte sich der Graf von seinem Umgange nicht ganz frei zu machen, so sehr er auch darauf bedacht war und ihm des Kapitäns Neugier, die sich nicht nur auf des Grafen, sondern auch auf Sidoniens Verhältnisse erstreckte, endlich lästig wurde.

Ohne durch die Besorgniß gestört zu werden, in welcher Weise des Grafen Besuche gedeutet wurden, gab sich Sidonie ihrem Glück mit ganzem Herzen hin, das nur durch die sich nicht eben selten aufdrängenden Gedanken, wie bald dasselbe sein Ende erreichen sollte, beeinträchtigt wurde.

Einem solchen Gedanken nachhängend, hatte sie sich, angelockt von der kühlenden Abendluft, nach dem Balkon begeben.

Aurelie hatte wegen eines leichten Unwohlseins bereits die Ruhe gesucht und konnte ihr also nicht Gesellschaft leisten. Sidoniens Stimmung war an diesem Abend besonders gedrückt. Der Graf hatte sie heute nämlich mit der betrübenden Nachricht verlassen, durch allerlei Verhältnisse an seinem baldigen Besuch verhindert zu sein, indem er zugleich im Hinblick auf den nur noch kurzen Aufenthalt Sidoniens im Bade andeutete, daß sein nächster Besuch wahrscheinlich auch der letzte würde sein müssen.

Sidonie erkannte, sich darin fügen zu müssen, aber um so schmerzlicher bewegte sie daher auch der Gedanke, daß ihr schönes Glück nun bald sein Ende finden sollte.

Und welch eine Zukunft erwartete sie! --

Ihr Herz empörte sich in der Voraussicht derselben, indem sich zugleich der Entschluß in ihr befestigte, auf's Neue die erforderlichen Schritte zur Trennung von dem Prinzen zu thun, um den auf sie harrenden Leiden zu entfliehen.

Daß sie nur durch einen beharrlichen Kampf zu diesem Ziel gelangen würde, wußte sie; aber sie erkannte auch ebenso die unabweisbare Nothwendigkeit, zur Erlangung desselben vor keiner Mühe schwächlich zurück zu beben. Galt es doch dem Glück des ihr so theuren Mannes, mit welchem sich ihr eigenes so innig verkettete, galt es doch, sich aus den entehrenden Fesseln zu befreien.

Die wenigen Tage, welche ihr mit Römer zu verleben gestattet worden waren, hatten überdies die Sehnsucht nach einem dauernden und ungetrübten Verein mit ihm in hohem Grade gesteigert, so daß sie es für unmöglich erachtete, fernerhin ohne ihn leben zu können.

Von allen diesen Empfindungen und Erwägungen in hohem Grade bewegt, lehnte sie sich vom Balkon hinaus und schaute in die tiefdunkle Nacht. Ihre Gedanken verfolgten den geliebten Mann, der auf dem Wege zur Heimath dahin eilte.

Ein Bangen erfüllte sie, als sie den mit dunkeln Wolken bedeckten Himmel betrachtete, aus welchem in der Ferne heftige Blitze zuckten, denen ein schwacher Donner folgte.

Und die Angst ergriff sie, er könnte von dem Unwetter zu leiden haben, und beklagte es, daß er seine Abreise nicht bis zum nächsten Tage verschoben hatte.

Und die Blitze zuckten immer heftiger, vernehmlicher wurde der Donner, beängstigender die schwüle Nachtluft.

Ihre Unruhe drängte sie, sich an dem Bilde des Geliebten zu trösten und zu erquicken, und sie holte eine kleine silberne Chatoulle herbei, in welcher sie außer einigen kostbaren Andenken auch das Portrait des Grafen aufbewahrte, welches sie sich, wie wir erfahren haben, bereits früher von Aurelien hatte zurückgeben lassen und seitdem bei sich bewahrte. Sie öffnete die Chatoulle, nahm das Bild und betrachtete es mit der ganzen Innigkeit ihrer Empfindungen. Wie tief wurde sie von dem Anblick der geliebten Züge bewegt! --

»O, ich will keinen Schmerz, keinen Kampf scheuen, um Dir, Du edler, theurer Mann, für immer anzugehören. Komme was da will, ich will es tragen; Deine Liebe macht mich stark; ich werde nicht erliegen. O, welch ein süßes Glück wird mein Lohn sein, welche Tage der Wonne, des himmlischen Friedens wird uns die Zukunft bringen, vor Allem aber werde ich Dein liebes, treues Auge von innigem Glück erhellt sehen, und darin birgt sich der Inbegriff des meinen.«

So dachte Sidonie, im Anschauen des Bildes versunken, und sprach in solcher Weise noch viele, viele liebe Worte mit demselben.

Eilig nahende Schritte störten sie plötzlich aus ihren süßen Träumereien und veranlaßten sie, das Portrait rasch in die Chatoulle zu legen. Noch beschäftigt, dieselbe zu schließen, erblickte sie die Wärterin ihrer Tochter, welche ihr mit besorgten Mienen die beunruhigende Nachricht brachte, daß sich das Kind nicht wohl befände; sie fürchtete den Ausbruch irgend einer Krankheit. Durch das Vernommene in hohem Grade erschreckt, erhob sich Sidonie sofort und folgte der Wärterin. Sie fand die Mittheilung der Letzteren leider durchaus bestätigt und sandte sogleich nach ihrem Arzt, während sie bis zu dessen Ankunft bei dem Kinde blieb. Aurelie, die von der Erkrankung Kenntniß erhielt, erschien bald und leistete ihr Gesellschaft. Wenige Minuten darauf traf der Arzt ein und erklärte nach Prüfung des Zustandes der Kranken, daß wahrscheinlich eine der gewöhnlichen Krankheiten, welche in dem Alter der Leidenden vorzukommen pflegen, im Anzuge sei, indem er Sidonie zugleich in Bezug auf den Ausgang derselben beruhigte.

Die sofort angewandten Heilmittel thaten bald eine gute Wirkung, und das Kind fiel in einen leichten Schlaf. Während dessen war es tief in der Nacht geworden, und Aurelie drang in die Freundin, sich Ruhe zu gönnen und mit ihr in der Pflege des Kindes abzuwechseln. Da dieses schlief und eine Gefahr für dasselbe nicht vorhanden zu sein schien, so gab Sidonie ihren Vorstellungen nach und ging nach ihrem Schlafgemach. Daselbst angelangt, erinnerte sie sich der Chatoulle, die sie auf dem Balkon stehen gelassen hatte, und begab sich sogleich dahin, um dieselbe zu holen. Als sie den Blick auf den Tisch richtete, auf welchem dieselbe gestanden hatte, fand sie das Kästchen nicht; es war fort. In der nahe liegenden Vermuthung, daß einer der Diener dieselbe wahrscheinlich nach ihrem Boudoir getragen hatte, beunruhigte sie sich darüber nicht weiter, sondern ging in der Gewißheit nach dem Zimmer, die Chatoulle daselbst vorzufinden.

Sie sah sich jedoch getäuscht; denn trotz alles Suchens war dieselbe auch hier nicht zu entdecken. Dabei fiel ihr ein, daß sie die Lichte auf dem Balkon noch brennend gefunden hatte; ein Umstand, der sie befremdete; denn es lag die Annahme nahe, daß der Diener, der die Chatoulle holte, auch das Auslöschen derselben wol kaum vergessen haben würde. Sie ließ sogleich nachforschen, wer die Chatoulle fortgetragen hätte, und erhielt hierauf die beunruhigende Nachricht, daß dies keiner der Diener gethan. Ebenso war auch Niemand auf dem Balkon gewesen, noch auch hatte irgend Jemand Kenntniß von dem Vorhandensein der Chatoulle daselbst gehabt.

Sidonie sah sich im Hinblick der eigenthümlichen Umstände, unter welchen sie den Balkon besucht und die Chatoulle dahin getragen hatte, genöthigt, die erhaltene Mittheilung als begründet anzuerkennen. Sie erschrak. Ihre Dienerschaft war treu und jeder Verdacht in Erwägung der bezeichneten Umstände unzulässig; die Chatoulle mußte also entwendet sein.

Die Gelegenheit dazu war durch die Erkrankung ihrer Tochter, welche sie und die Dienerschaft aus der Nähe des Balkons entfernte und in dem entgegengesetzten Flügel des Hôtels beschäftigte, geboten worden. Diesen günstigen Augenblick mußte der Dieb zu seinem Verbrechen benutzt haben. Das werthvolle Kästchen reizte dazu. Ueberdies war, wie wir erfahren haben, das Hôtel von dem Badeort entlegen, der niedrige Balkon von dem Garten aus leicht zu ersteigen, besonders da die tiefe Dunkelheit ein solches Unternehmen wesentlich begünstigte.

Alle diese Umstände erwog Sidonie und gelangte zu der übeln Ueberzeugung, der Chatoulle beraubt zu sein.

Den Verlust der in derselben enthaltenen Werthsachen hätte sie leicht verschmerzt, nicht so denjenigen des Portraits. Ihre Unruhe und Besorgniß steigerte überdies noch der Gedanke, zum Verschweigen des Raubes genöthigt zu sein, da die Entdeckung desselben auch den Verrath des Portraits herbeigeführt hätte.

Sie wurde dadurch veranlaßt, der Dienerschaft das strengste Schweigen anbefehlen zu lassen, indem sie dieses durch die Annahme zu rechtfertigen bedacht war, durch geheimes Forschen sicherer zu ihrem Verlust gelangen zu können.

Nachdem sie in solcher Weise am zweckmäßigsten für ihr Interesse gesorgt zu haben glaubte, begab sie sich zu Aurelien, die durch Sidoniens Mittheilung nicht wenig erschreckt wurde. Sie billigte die getroffenen Maßnahmen und die Frauen beriethen alsdann, welche Schritte sie zur Wiedererlangung der Chatoulle thun dürften, ohne den Verrath des Portraits fürchten zu müssen.

Nach längerem Erwägen gelangten sie zu dem Entschluß, Aurelie sollte einen der am Ort anwesenden Polizeibeamten in's Vertrauen ziehen, das Kästchen als das ihrige bezeichnen und ihn beauftragen, im Geheimen darnach zu forschen, und seinen Eifer durch eine in Aussicht gestellte namhafte Belohnung anspornen. In solcher Art hofften sie ihren Zweck am sichersten und besten zu erreichen. Gelang dies den Nachforschungen des Beamten nicht, so gewannen sie wenigstens den in diesem Fall besonders wichtigen Vortheil, daß Sidonie nicht bloßgestellt wurde, was durch die Entdeckung des Portraits jedenfalls geschehen wäre, der übeln Folgen nicht zu gedenken, welche sich daran knüpfen mußten, würde der Fürst oder der Prinz davon Kenntniß erhalten haben.

Am folgenden Tage wurde das besprochene Vorhaben in der angegebenen Weise von Aurelien ausgeführt, und der gewonnene Beamte schied mit dem Versprechen von ihr, mit Anwendung aller ihm zu Gebot stehenden Kräfte und mit Beobachtung strengster Discretion sich dem Auftrage zu unterziehen. In der angenehmen Hoffnung, ihren Wunsch vielleicht bald erfüllt zu sehen und dadurch allen weiteren, sich mit dem Entwenden der Chatoulle verknüpfenden Gefahren zu entgehen, fühlte sich Sidonie wieder in etwas beruhigt. Das Interesse für diese Angelegenheit wurde durch den sich rasch verschlimmernden Zustand ihrer Tochter wesentlich gemäßigt.

Des Arztes Voraussage war nämlich wirklich eingetroffen und die Kleine von einer der gewöhnlichen Kinderkrankheiten ergriffen worden, welche Sidoniens ganze Sorge in Anspruch nahm. Sie hatte den Prinzen sogleich mit Allem bekannt gemacht und das Gutachten des Arztes ihrem Briefe beigefügt. Da das letztere im Ganzen beruhigend war, so befremdete es Sidonie nicht, in des Prinzen Erwiderung ein nur geringes Interesse für das Leiden seiner Tochter ausgedrückt zu finden; da gegen machte sie der Umstand in hohem Grade bestürzt, daß er ihr für den Fall der Verschlimmerung der Krankheit seinen Besuch in Aussicht stellte. Er drückte ihr zugleich seine Freude über die guten Wirkungen der Badecur aus, die bereits ihr Befinden gebessert hätten, und seine Worte verriethen eine ungewöhnliche Theilnahme für sie, die sie beängstigte. Vor Allem jedoch that dies die Aussicht seines Besuchs; denn in keinem andern Augenblick wäre ihr derselbe so unangenehm gewesen, als eben jetzt. Die verletzendste Kälte von seiner Seite würde sie gern hingenommen haben, da Alles, was sie an das verhaßte Band mit ihm erinnerte, ihr jetzt doppelt unangenehm war. Sie hatte sich in der geträumten Freiheit so wohl befunden, und so mußten ihr seine Worte doppelt unangenehm sein, da dieselben sie an ihr Unglück mahnten.

Mit dem Empfang seines Briefes hatte auch ihre Ruhe, ihr stilles, reines Glück sein Ende gefunden, und zu diesem schmerzvollen Verlust gesellte sich nun auch die Besorgniß um die leidende Tochter.

Trotz der guten Voraussage des Arztes verschlimmerte sich der Zustand der Letzteren in einem gefährlichen Grade, so daß der Arzt über den Ausgang derselben bedenklich wurde. Das waren kummervolle Stunden für die schwer gebeugte Sidonie, um so schwerer, da sich an den Zustand der Kranken zugleich die Angst knüpfte, durch die Gefährlichkeit desselben den Besuch des Prinzen herbei zu führen. Und so waren ihre Gebete für die Genesung ihres theuern Kindes doppelt heiß.

Auf ihren Wunsch hatte Aurelie dem Grafen sowol die Erkrankung des Letzteren als auch die Entwendung der Kassette und deren nähere Umstände mitgetheilt, und nicht anzudeuten unterlassen, wie erwünscht ihnen gerade jetzt sein Besuch sein würde. Diesem Briefe fügte Sidonie einige Zeilen bei. Von Schmerz und Sehnsucht erfüllt, fühlte sie ein großes Verlangen, sich dem Freunde mitzutheilen, und es gewährte ihr einen ganz besondern Trost, ihm ihre Empfindungen selbst ausdrücken zu können.

Ueberdies wußte sie, welche große Freude sie ihm dadurch bereiten würde; denn es waren die ersten Worte, die sie an ihn richtete; bisher hatte sie dies zu thun nicht gewagt. Es waren freilich nur wenige Worte, die sie ihm schrieb; dieselben athmeten jedoch eine um so größere Innigkeit und verschwiegen den Trost nicht, den ihr der Gedanke, ihre Gefühle von seinem edeln Herzen getheilt zu wissen, so wie die Hoffnung gewährte, ihn bald wiedersehen zu können. Ebenso hatte sie nicht unterlassen, ihm mitzutheilen, unter welchen Verhältnissen sie des Prinzen Besuch zu erwarten hätte, jedoch auch zugleich die Hoffnung ausgesprochen, daß dieser üble Fall nicht eintreten würde. Wenige Tage müßten nach des Arztes Ansicht darüber entscheiden. Einer ihrer Diener, der zu dergleichen Besorgungen bestimmt war, wurde von Aurelien mit dem Ueberbringen des Briefes betraut.

Mit Ungeduld sah Sidonie der Rückkehr desselben entgegen; sie hoffte durch ihn eine Antwort von dem Grafen und die so sehr gewünschte Nachricht seines baldigen Besuchs zu erhalten, und es beunruhigte sie daher, als der Bote nicht wie früher an dem nächsten Tage eintraf. Doch, es konnte ihm ein Unfall zugestoßen sein, oder er hatte vielleicht den Grafen nicht auf dessen Besitzung getroffen und wartete auf dessen Rückkehr; diese Voraussetzungen bewogen sie, noch zwei weitere Tage geduldig zu warten. Aber auch diese verstrichen; der Bote blieb jedoch aus.

Auf Aureliens Rath harrte sie noch einen Tag, als aber auch dann der Diener nicht erschien, erachtete sie es für nothwendig, einen zweiten Boten an den Grafen abzusenden, ihm durch Aurelie das Nähere mitzutheilen und um Aufklärung bitten zu lassen.

Es wurde zur Ausführung dieser Botschaft ein in Diensten des Hôtelbesitzers stehender Mann, der als durchaus zuverlässig bezeichnet wurde, erwählt. Demselben war große Eile empfohlen worden, und er entledigte sich des Auftrages auch in so kurzer Zeit, daß er bereits am Abend mit einem Brief des Grafen zurückkehrte. Der Inhalt des letzteren überraschte und beunruhigte die Freundinnen in hohem Grade; denn der Graf theilte ihnen mit, weder den Boten noch die ihm zugedachten Briefe empfangen zu haben. Er wäre in der bezeichneten Zeit auf seiner Besitzung anwesend gewesen, würde also den Boten, falls derselbe sich gemeldet hätte, daher auch jedenfalls gesehen und gesprochen haben. Er bemerkte zugleich, durch die betreffenden Umstände zu der Vermuthung geleitet zu sein, daß den Boten irgend ein Unfall betroffen haben müßte, und wollte sich durch Kundschaft hierüber in der kürzesten Zeit Gewißheit zu verschaffen suchen.

Sobald er diesen Zweck erreicht haben würde, gedachte er Sidonien persönlich über den erzielten Erfolg Bericht abzustatten, und glaubte im Hinblick auf die Wichtigkeit der eingebüßten Botschaft, die Nachforschungen persönlich leiten zu müssen.

Die Freundinnen stimmten seinem Vorhaben mit vollem Herzen bei; denn es galt, Sidoniens Brief nicht in unbefugte Hände gelangen zu lassen. Zwar hatte sie nur den Anfangsbuchstaben ihres Namens unter denselben gesetzt; dieser jedoch und Aureliens Schreiben genügten, die Schreiberin zu verrathen. Es darf kaum bemerkt werden, wie tief Sidonie von dem Allen betroffen wurde. Der Verlust des Portraits, das räthselhafte Verschwinden des Boten und die rasche Aufeinanderfolge aller dieser Vorfälle, so wie die Ungewißheit, in welcher Art sich dieselben lösen würden, erfüllten sie mit beängstigender Sorge, und gewiß mit allem Recht. Denn gelangte sie nicht in den Besitz dieser Gegenstände, so stand für sie das Gewichtigste, ihre Ehre, auf dem Spiel.

Zweites Kapitel.

Mühlfels hatte sich nichts weniger als beeilt, die ihm angewiesene Garnison zu erreichen, und langte daselbst erst nach mehren Tagen und in der übelsten Stimmung an. Diese steigerte sich noch mehr, als er von dem Commandanten ziemlich kalt empfangen und fortan zum strengen Dienst angehalten wurde. Es geschah dies auf den geheimen Befehl des Fürsten, und der Commandant war viel zu dienstergeben, um denselben nicht zu respectiren, trotz der von Mühlfels ihm übergebenen Empfehlung des Prinzen.

Der Commandant befand sich schon seit vielen Jahren an diesem Ort und wußte, wie er die ihm zugeschickten Officiere zu behandeln hatte, besonders wenn ein fürstlicher Befehl ihm die Winke dazu gab.

Mühlfels war in Verzweiflung, und das um so mehr, da er sich für die Unannehmlichkeiten des Dienstes durch irgend eine angenehme Zerstreuung nicht zu entschädigen vermochte.

Wie wir erfahren haben, lag die kleine Grenzstadt in der ödesten Gegend und von allem größeren Verkehr abgeschnitten, und bot daher fast gar keine, oder doch nur solche Vergnügungen, an welchen der durch die raffinirtsten Genüsse verwöhnte Baron keinen Geschmack fand, und so däuchten ihm namentlich die ersten Wochen seines Aufenthalts kaum erträglich. Er beeilte sich, den Prinzen mit seiner unglücklichen Lage bekannt zu machen und um eine neue Empfehlung bei dem Commandanten zu bitten. Der Erstere erfüllte gern seinen Wunsch, sprach sein herzliches Bedauern über sein trauriges Leben aus und ermahnte ihn zum geduldigen Ausharren. Des Prinzen wiederholtes Schreiben übte eine gute Wirkung auf den Commandanten aus, und Mühlfels wurde seitdem rücksichtsvoller behandelt.

So angenehm ihm dies auch war, ging sein Verlangen dennoch stets darauf aus, zurückkehren zu dürfen, und er bestürmte den Prinzen mit Bitten, den Fürsten zur Abkürzung seiner übeln Lage zu veranlassen; jedoch vergebens.

Des Prinzen Zerwürfniß mit dem Fürsten war noch nicht ausgeglichen worden, und so wagte der Erstere nicht, sich bei diesem für Mühlfels zu verwenden, da er überdies die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen voraussah. Er vertröstete ihn daher für eine geeignetere Zeit, die, wie er meinte, bald eintreten dürfte. Um jedoch etwas von Belang für seinen Günstling zu thun, veranlaßte er die Baronin, den Fürsten persönlich im Interesse ihres Sohnes anzugehen. Ein solcher Schritt war in jeder Hinsicht gerechtfertigt, und die Baronin zögerte denn auch nicht, denselben zu thun.

Ihre Mühe war jedoch fruchtlos, denn der Fürst entließ die getäuschte Oberhofmeisterin mit dem Bedeuten, daß ihrem Sohn der Aufenthalt in der stillen Garnison sehr gut thue und er ihn deshalb noch einige Zeit daselbst lassen würde.

So sah sich denn der Baron genöthigt, das Unabänderliche mit Geduld zu ertragen; je mehr er jedoch darunter litt, um so mehr steigerte sich auch in ihm das Verlangen, sich an der Urheberin seiner Leiden rächen zu können.

Was ihn zu trösten schien, war der rege Briefwechsel, den er mit dem Prinzen unterhielt.

Weitere Bemühungen um seine Entlassung aus dem Dienstverhältniß fanden fortan nicht statt, und es schien, als ob sich der Baron mit demselben bereits ausgesöhnt hätte.

In dem Benehmen des Prinzen gegen den fürstlichen Oheim trat bald nach Sidoniens Abreise eine wesentliche Aenderung ein, indem der Erstere bei einer geeigneten Gelegenheit diesen wegen seiner Thorheiten und seines aufbrausenden Benehmens nicht nur um Verzeihung bat, sondern ihn auch überdies durch eine vermehrte und fast eifrige Theilnahme an den Staatsgeschäften auszusöhnen sich bemühte.

Der Fürst, von dem Glauben erfüllt, daß dies Alles lediglich die Folge seiner strengen Maßregeln wäre, freute sich darüber nicht wenig, indem er daraus die Zweckmäßigkeit derselben entnahm. Nicht minder erfreute es ihn, von Sidonien zu vernehmen, welche gute Wirkungen der Gebrauch des Bades auf sie erzeugt hatte, indem er zugleich hoffte, daß ihm nun auch vielleicht die Aussöhnung des getrennten Paares gelingen würde.

In dieser angenehmen Aussicht war es ihm besonders lieb, daß sich der Prinzessin Charakter trotz der von ihm gebilligten verführerischen Maßnahmen dennoch so trefflich bewährt hatte, indem dem Prinzen dadurch jeder Anhalt zu einer Weigerung, das frühere Verhältniß wieder herzustellen, genommen wurde. Er schrieb der Prinzessin einige freundliche Worte, ohne jedoch seiner geheimen Wünsche und Erwartungen zu gedenken.

Noch freudiger überrascht wurde er durch des Prinzen Antwort auf Sidoniens Mittheilung über die Erkrankung der Tochter, die ihm dieser, vielleicht absichtlich, eingehändigt hatte, um sie mit des Fürsten Brief an Sidonie durch den Courier befördern zu lassen.