Prinzessin Sidonie (Band 3/3)

Part 1

Chapter 13,692 wordsPublic domain

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=antiqua gedruckter Text= ~gesperrt gedruckter Text~

Prinzessin Sidonie.

Roman

von

Julius Bacher.

Dritter Band.

Leipzig,

Verlag von Friedrich Fleischer.

1870.

Erstes Kapitel.

Graf Römer war durch Aurelie über die bekannten Vorgänge am Hofe unterrichtet worden, und es darf kaum bemerkt werden, wie um so schmerzlicher ihn diese Mittheilungen ergriffen, da er wußte, daß Sidonie durch dieselben tief verletzt sein mußte. Seinen Kummer steigerte überdies noch die Hoffnungslosigkeit, Sidoniens gegen den Fürsten ausgesprochenes Verlangen, sich durch die Trennung ihrer Ehe aus dem sie erdrückenden Unheil zu retten, erfüllt zu sehen. Denn Aurelie hatte ihm diesen Umstand nicht verschwiegen, doch auch zugleich die geringe Aussicht auf Erfüllung des so natürlichen Wunsches angedeutet.

Der Graf kannte die Hofverhältnisse zu genau, um ihr darin nicht beizustimmen. Mit der Abneigung des Fürsten gegen dergleichen gewaltsame Mittel bekannt, besonders wenn diese durch des Prinzen Schuld bedingt wurden, war er überzeugt, daß derselbe sich kaum jemals zu der Trennung verstehen und Sidoniens Schritt daher vergeblich sein würde.

Alle diese Umstände waren nur zu sehr geeignet, ihn noch tiefer zu beugen, da er überdies keinen rettenden Ausweg aus diesen Verhältnissen zu entdecken vermochte und zugleich verhindert war, Sidonien nahe zu sein. Um so größer war daher seine Freude, als die Mittheilung zu ihm gelangte, daß die Prinzessin auf den Wunsch des Fürsten zur Stärkung ihrer Gesundheit ein Bad gebrauchen würde. Seine Freude wurde freilich durch die Sorge getrübt, daß Sidoniens Befinden wahrscheinlich sehr übel sein müßte, da sie zu einem solchen Mittel genöthigt war, und dieser Umstand mehrte seine Unruhe in so hohem Grade, daß er darunter sichtlich litt und das Auge seiner Mutter oft mit Besorgniß auf seinen bleichen Zügen ruhte. Wie sehr beglückte ihn daher die Nachricht von Sidoniens Wahl des Badeorts; er erkannte darin ihre Liebe und das Verlangen, ihm nahe zu sein und die Gelegenheit zu geben, sie, von den Hofschranzen unbeobachtet, zu sehen.

Die geringe Entfernung seines Wohnortes von dem Bade ließ seine Besuche bei Sidonien auch als den Ausdruck der ihr schuldenden Ehrerbietung und daher durchaus selbstverständlich erscheinen. Welche Fülle von Glück lag in dieser angenehmen Aussicht, doppelt groß, da er bereits die Hoffnung aufgegeben hatte, Sidonie so bald schon wieder sehen zu können. In der gespanntesten Erwartung harrte er daher auf Aureliens Mittheilung, welche jene Nachricht bestätigen und zugleich die Zeit der Abreise und des Eintreffens in dem Badeorte bezeichnen würde.

Er sollte, wie wir erfahren haben, nicht allzu lange und nicht vergeblich harren; denn schon nach wenigen Wochen erhielt er den hierauf bezüglichen Brief. Sidonie war in dem Badeort glücklich angelangt und begrüßte denselben mit der hingebendsten Freude, nicht nur in dem Bewußtsein, dem Freunde endlich so nahe gerückt zu sein, sondern auch durch die Schönheit des Ortes selbst in hohem Grade angenehm überrascht.

In demselben vereinigten sich alle Naturreize einer Gebirgsgegend -- bewaldete Höhen, nackte Felsen, überraschende reizende Fernsichten auf eine verfallene Burg oder den aus Gebüschen und Gestein hervor schimmernden Bergstrom -- in dem anmuthigsten Wechselspiel, über welche jene dem kranken Herzen so wohlthuende Ruhe und Stille ausgebreitet lag, die den vollen Genuß der Naturschönheiten nicht nur gestatten, sondern auch so lieb und angenehm machen. In dem von dem Bergstrom durchrauschten Thal lagen die zierlichen Badegebäude unter laubigen Gärten und schattigen Anpflanzungen versteckt und mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet.

Sidonie athmete mit vollen Zügen die erfrischende Bergluft in dem Gefühl der Freiheit, die ihr hier in so reichem Maß zu Theil wurde. Sie bewohnte ein von den anderen Gebäuden ziemlich entferntes und auf einem sanften Hügel errichtetes Hôtel, war also dem eigentlichen Badeleben fern, von welchem sie nur wenig berührt wurde. Alle diese Umstände entsprachen so ganz ihren Wünschen, daß sie Aurelien eingestand, sich durch die dargebotenen Genüsse sehr befriedigt zu fühlen und daran die besten Hoffnungen für die Zukunft zu knüpfen.

Die Freundin lächelte, ohne jedoch den Anlaß dazu zu verrathen; sie wußte nur zu wohl, daß diesen Genuß nicht die Naturreize allein, sondern wol lediglich die Hoffnung auf das Wiedersehen des Freundes erzeugt hatten. Ihr edles Herz theilte diese Freude vollkommen, da sie der gebeugten Prinzessin so ersprießlich und heilsam war.

Ungefähr eine Woche nach ihrer Ankunft traf der Graf bei ihnen ein. Er hatte Aurelie mit seinem beabsichtigten Besuch vorher bekannt gemacht und diese Sidonie darauf vorbereitet. Wie klopfte ihm ihr Herz doch so freudig entgegen, wie war sie in dem Bewußtsein so glücklich, den so lange entbehrten Freund endlich zu sehen!

Der Graf war früh aufgebrochen und langte zeitig am Vormittag an.

Sidonie harrte seiner auf dem Balkon, der ihr eine freie Aussicht auf den Weg gestattete, auf welchem Römer nahen mußte. Wie jubelte sie, als sie ihn in der Ferne erblickte und er sie nach wenigen Augenblicken im Vorüberfahren begrüßte. Kaum eine halbe Stunde darauf befand er sich bereits in ihrem Hôtel. Aurelie empfing und führte ihn zu Sidonien, die ihn in ihrem Boudoir erwartete, dessen Lage jede Sorge, belauscht zu werden ausschloß.

Sie streckte dem Eintretenden mit strahlenden Augen die Hände entgegen, die der Graf in tiefer Bewegung ergriff und an die Brust drückte. So standen sie einige Augenblicke vor einander, Auge in Auge gesenkt, schweigend, von dem Glück des Wiedersehens überwunden. Sanft drängte sich eine Thräne in Sidoniens Wimpern, als sie des Freundes kränkliche Blässe bemerkte, die das flüchtige Roth der Aufwallung in seinem Antlitz bald wieder überwand. Sie bedeckte die Augen mit der Hand und ließ sich in den nahe stehenden Sessel nieder, von einer Schwäche angewandelt, die sie nicht mehr zu verbergen vermochte.

Er stützte sie und blieb alsdann neben ihr stehen, die feine Hand, die er nicht frei gegeben hatte, wiederholt an die Lippen drückend.

Sie waren zu bewegt, um das Wort zu finden, war ihr Wiedersehen doch eben so beglückend als schmerzlich, und drängte sich in die Freude doch auch zugleich die Mahnung des Erfahrenen und der gebotenen Entsagung. Wie anders wäre dieses Wiedersehen gewesen, hätte Sidonie dem Geliebten die frohe Nachricht bringen können, daß durch die Trennung von dem Prinzen ihrer Verbindung nun nichts mehr entgegen stände.

Daß sie dies nicht thun durfte, daß die Ketten, welche sie an den verachteten Gemahl fesselten, in diesem Moment doppelt verletzend klirrten und sie so rasch aus der glücklichen Selbstvergessenheit aufstörten, erfüllte sie mit einem unnennbaren Schmerz. Das übervolle Herz rang nach einem Ausdruck, und doch, was konnte es sagen, was der Andere nicht schon wußte; war ihr Fühlen und Denken doch so innig mit einander verwebt.

Der Graf fand zuerst das Wort; er bemerkte:

»Wie gering war mein Hoffen auf diesen glücklichen Augenblick, der leider durch Ihr übles Befinden herbeigeführt werden mußte.«

Sie blickte voll inniger Liebe zu ihm auf, und dieser Blick sagte ihm, wie geringe Bedeutung sie dem letzteren dem Glück des Wiedersehens gegenüber beilegte.

Er verstand sie nur zu wohl und drückte dankend seine Lippen auf ihre Hand.

»Die letzten Monate haben viel Unglück über uns gehäuft,« sprach sie sanft.

»Lassen Sie es uns vergessen, meine theuerste Freundin, und ich denke, die Gegenwart wird uns das erleichtern,« entgegnete er beruhigend.

»Wol haben Sie Recht; wir müssen uns diese Fertigkeit aneignen, sollen wir nicht dem Unheil erliegen. Ja, ja, mein Freund, ich will vergessen und werde es in dem neugewonnenen Glück. O, daß all' mein Mühen umsonst sein mußte!« fügte sie betrübt hinzu.

Der Graf verstand sie nur zu wohl und vermochte einen Seufzer nicht zu unterdrücken.

»Aurelie hat Ihnen meinen Schritt bei dem Fürsten mitgetheilt?«

Der Graf bejahte schweigend.

»Und auch die geringe Aussicht, die sich daran für mich knüpft?«

Der Graf neigte auch jetzt schweigend und zustimmend das Haupt, und Sidonie fuhr fort:

»Dennoch will ich nicht alle Hoffnung aufgeben, daß der Fürst durch die Verhältnisse und mein wiederholtes Verlangen sich endlich genöthigt sehen wird, von seinem Widerstande zu lassen.«

»Wäre dem doch so!« fiel der Graf in tiefer Bewegung ein und schaute sie mit einem Blick innigster Liebe an.

»O, wie glücklich wäre ich gewesen, hätte ich von diesen unheilvollen Banden endlich erlöst und mir selbst wieder zurück gegeben, meinen theuern Freund begrüßen können!« rief Sidonie, und ihr strahlendes Auge verrieth die lebhaften Empfindungen ihres Herzens, welche dieses Verlangen in ihr erzeugten.

Ihre Worte übten eine tiefe Wirkung auf Römer aus; er vermochte derselben nicht länger zu widerstehen und sank an ihr nieder und preßte ihre Hände an die Lippen. Die so lange nur mühsam beherrschte Liebe brach mit ganzer Heftigkeit aus, so sehr dies auch gegen seinen Willen war; er fühlte sich jedoch in diesem Augenblick und dem so tief und so innig liebenden Weibe gegenüber aller Kraft beraubt.

Sidonien erging es nicht anders; von dem sie erfüllenden Gefühl überwunden und unter hervorbrechenden Thränen neigte sie sich zu ihm nieder, umschloß sein Haupt sanft mit den Händen und hauchte scheue Küsse darauf.

»O, meine Sidonie, wie unaussprechlich liebe ich Dich!« rief der Graf leise, verklärt zu ihr aufschauend.

»Ich weiß es, Du guter, edler, theurer Mann, ich wußt' es, da ich noch ein Kind war, dessen Fühlen und Denken schon Dir gehörte, und das Dir und nur Dir immer und immer gehören wird. Ich wäre längst gestorben, hätte mich Deine Liebe nicht stets auf's Neue belebt; in ihr allein ruht der Quell meiner Kraft und meines Lebens!« entgegnete sie sanft und streichelte seine Haare. Alsdann fuhr sie mit erhöhtem Feuer fort: »Und wer will es mir verargen, wenn ich mich in meiner Noth anklammere an den Mann meiner Liebe, an ihn, der mit edelsinniger Hingebung mir sein schönes, reiches Leben opfert?! O, halte mich, halte die in Schmerz Versinkende mit Deinem kräftigen, starken Arm, daß sie nicht dahin geht in die grausige Nacht des Todes, verletzt und gebrochen und ohne Mitleid ihrer Peiniger! O, ich bin noch so jung, und Deine treue Liebe hat mich mit den süßen Ahnungen eines schönen, glücklichen Lebens erfüllt, hat das Verlangen nach ihm immer mächtiger in mir erregt; o, lass' mich nicht sterben, lass' mich mit der Hoffnung leben, mein Traum könnte sich einst dennoch erfüllen und noch einmal das verwelkte Leben sich in frischer Blüthe entfalten!«

Sie ließ ihr Antlitz auf sein Haupt sinken und weinte heftig.

»Du sollst nicht sterben, Du sollst glücklich werden!« fiel der Graf tief erschüttert ein. »So lange ich athme, wird mich das Bestreben, Dich zu beglücken, erfüllen. O, es zerreißt mir die Seele, daß ich diesen unglückseligen Verhältnissen gegenüber so machtlos bin, Dich nicht aus ihnen auf meinen Armen davon tragen kann zu dem schönen Glück unserer Liebe! O, gieb die Hoffnung auf ein Besserwerden nicht auf! Zu groß ist Dein Leid, um sich nicht endlich zu erschöpfen. Ein wiederholter Antrag bei dem Fürsten muß seine Wirkung ausüben, durch den Einfluß Deines Bruders unterstützt. Es muß, es muß ein Ende nehmen mit diesem Leid, und sollten wir auch zu dem äußersten, letzten Mittel unsere Zuflucht nehmen müssen. ~Du sollst, Du darfst~ in diesem Leid nicht untergehen!« rief der Graf mit der ganzen Energie seines Charakters.

Sie erhob das Haupt und blickte ihn gefaßt und zärtlich an, indem sie entgegnete:

»~Du~ sagst es, mein Geliebter, so wird es auch geschehen.«

»Ja, es wird geschehen. Fasse Muth und lass' uns überlegen, wie wir zu unserm Ziel gelangen,« sprach der Graf, dessen leuchtendes Auge und feste Haltung die ganze Thatkraft seiner liebeerfüllten Seele verriethen.

Sidonie antwortete nicht, sondern ließ bewundernd ihr Auge auf seinem Antlitz ruhen. Seine Worte und die sich in seinem Wesen aussprechende warme Leidenschaft hatten sie angenehm überrascht.

Sie hatte ihn ~so~ noch nie gesehen. Immer bedacht, seine Gefühle zu beherrschen, erschien der Graf stets ruhiger und ernster, als es in der That sein Charakter war; und so geschah es, daß man ihn für kalt und unzugänglich hielt.

Sidonie wußte wol, daß dem nicht so sei; doch noch niemals hatte sie die Sprache der Leidenschaft von ihm vernommen, noch niemals der nur Liebende in seiner ganzen Hingebung sich ihr gezeigt, und darum erschien ihr der Graf in einer neuen und verschönerten Gestalt. Und von ihren Empfindungen überwunden, drückte sie seine Hand und bemerkte:

»Sie nennen Dich kalt und stolz; o, wer Dich jetzt sähe, wie leicht würde er seine Täuschung erkennen!«

»O, es ist gut, daß man mir solche Eigenschaften beilegt, sie dienen mir als ein Mittel, meine Liebe zu verbergen. Nur ~so~ schütze ich uns vor einem Verrath.«

»Ja, ja, mögen sie es thun; kenne ~ich~ doch Dein edles, treues Herz,« fiel Sidonie erfreut ein, und sie sprachen alsdann noch manches liebe Wort mit einander, beglückt, von allem Zwange befreit, die lang verhaltenen Gefühle endlich einander in der Sprache der Liebe mittheilen zu können. Und was wäre ihre Liebe gewesen, hätte sie die hemmenden Verhältnisse nicht überfluthet und sich in ihrer schönen Macht und Herrlichkeit geltend gemacht, ohne dem Vorwurf ein Recht einräumen zu müssen. Dieser Gedanke mochte Sidonie erfüllen, als sie, in dem Glück des Augenblicks aufgehend, sinnend vor sich hinschaute und bemerkte:

»O, es ist doch etwas Großes und Schönes um die volle Liebe zweier Menschen; ich habe das nie so ganz empfunden, als eben jetzt. Welche Kraft verleiht sie dem zagenden Gemüth, welches Vertrauen flößt sie uns ein in dem Bewußtsein, daß unser Fühlen und Denken widertönt in dem geliebten Herzen, daß unser Schmerz, unsere Lust die gleichen Empfindungen in der verwandten Seele wach rufen. Süßes, unerforschtes Geheimniß der Natur.«

Sie traten auf den Balkon hinaus; die Blicke von der Schönheitsfülle der Landschaft umfangen, deutete der Graf darauf hin und bemerkte, an ihre Worte anknüpfend:

»Wir schauen ihr ewiges Walten in diesem reizenden Bilde, wir vernehmen es in den Tönen des Lebens, in dem Rauschen des Stromes dort, in dem Klange der Vogelsänge, wir schauen es in den farbigen Gestaltungen der düfteathmenden Blumen.«

Und sie blickten schweigend um sich, lieblich angemuthet von dem Geschauten; aber nur eine Secunde, dann suchten sich ihre Augen. Sie verstanden sich nur zu wohl. Mehr als in der Schönheit und dem Weben der Natur lasen sie der Liebe Herrlichkeit in ihren von reinem Glück beseligten Augen. Rasch floh ihnen also die Stunde dahin, mit ihr war die schickliche Dauer für des Grafen Besuch dahin gegangen; Aureliens Nahen erinnerte sie daran.

»Sie mahnen mich an das Scheiden,« bemerkte der Graf und fügte, sich zu Sidonien wendend, hinzu: »Es wäre mir minder schmerzlich, dürfte ich die angenehme Hoffnung mit mir nehmen, Sie und unsere Freundin heute noch wiederzusehen. Ich bleibe bis zum Abend hier; vielleicht gestatten es die Umstände, Sie an einem andern Ort zu treffen, da ich meinen Besuch im Hôtel nicht zu wiederholen wage.«

»Unsere Wünsche lassen sich leicht erfüllen und ich habe bereits daran gedacht,« entgegnete Sidonie und fügte nach kurzem Ueberlegen hinzu: »Ich habe die Schloßruine schon öfter besucht; das soll auch heute geschehen; ein Zusammentreffen dürfte daselbst, ohne Aufsehen zu erregen, leicht stattfinden können. Von dort aus benutzen wir alsdann einen wenig besuchten Pfad zur Rückkehr.«

Ihr Vorschlag fand den reichsten Beifall und den wärmsten Dank des Grafen, der, dadurch sehr beglückt, bald darauf schied, um die Zeit bis zu dem Ausflug in dem Hôtel zuzubringen.

Bei seiner Rückkehr nach demselben empfing ihn ein lebhaftes Treiben.

Der Badeort war von Gästen und Durchreisenden fast vollständig besetzt, und es fand in Folge dessen ein reger Verkehr auf den Plätzen und in den schattigen Anlagen statt, da dieselben gewöhnlich zu den Vormittagsspaziergängen benutzt wurden.

Römer, der nichts Besseres zu thun wußte, gesellte sich den Lustwandelnden zu und kürzte die Zeit durch Betrachten des sich seinem Auge darbietenden belebten Bildes.

Der Badeort, den einst selbst Ludwig der Vierzehnte mit seinem wiederholten Besuch beehrt hatte, zählte zu seinen Gästen vorzugsweise nur vornehme Leute, und es machte sich besonders die Damenwelt mit ihren kostbaren und auffälligen Toiletten in derselben Weise geltend, wie man dies auch heute selbst in den kleinsten Bädern zu sehen hinreichende Gelegenheit findet. Die Herren standen ihnen in dieser Beziehung würdig zur Seite und trugen in ihren Kleidungen eben so viel Luxus an Sammet, Seide, Gold- und Silberstickereien und Brillanten in Busentuch und Schnallen zur Schau wie jene; der kostbaren Stöcke nicht zu gedenken, die damals eine nothwendige Ergänzung eines vornehmen Anzuges waren. Daß Koketterie und allerlei Intriguen ihre Netze spannen, und wahrscheinlich in noch erhöhterem Grade, wie dies in der Gegenwart geschieht, darf kaum bemerkt werden.

Die meisten der Badegäste waren nicht eigentlich leidend, sondern nur vergnügungssüchtig und nutzten daher die aufgesuchte Gelegenheit so viel als möglich nach Wunsch aus.

Der Graf schritt an der geputzten und schwatzenden Menge vorüber und erreichte weiter wandelnd nach einiger Zeit einen Punkt, von welchem aus sich seinem Auge eine Fernsicht auf die zu dem Ausfluge bezeichnete Schloßruine darbot.

Dieser Umstand und die Schönheit des Landschaftsbildes veranlaßten ihn, an dem Ort zu verweilen und sich an der Aussicht zu ergötzen. Es befanden sich nur wenige Personen in seiner Nähe und er vermochte daher seine Absicht ziemlich ungestört auszuführen. Früher, als es ihm angenehm war, wurde er jedoch durch eine an ihn gerichtete Bemerkung darin gestört. Beim Hinwenden zu dem Sprechenden sah er einen fein gekleideten Cavalier, der sich, artig verneigend, mit höflichen Worten entschuldigte, ihn vielleicht in seinem Genuß gestört zu haben.

»Ich bemerkte,« fuhr der Fremde fort, »das von Ihnen verrathene große Interesse für diese Aussicht, und da ich dasselbe in hohem Grade theile, so freute ich mich, einen Gleichfühlenden zu treffen, deren es in unserer Badegesellschaft nicht eben viele giebt. Man zieht das Gesellschaftsleben hier dem Naturgenuß vor, denn man kann sich so schwer von dem Gewöhnten und Beliebten trennen!«

Der Graf wurde durch diese höfliche und seine gegenwärtigen Gefühle angenehm berührende Ansprache um so mehr erfreut, da es ihm Bedürfniß war, sich über die empfangenen Eindrücke auszusprechen, und ging daher auf die Unterhaltung ein.

Sich wieder der Aussicht zuwendend, gestand er, von deren Schönheit entzückt zu sein, und erbat sich von dem Fremden über einzelne Punkte gefälligen Aufschluß.

Dieser wurde ihm in der gütigsten Weise gewährt, worauf der Fremde die nahe liegende Vermuthung aussprach, daß Römer wahrscheinlich erst kurze Zeit hier sei, und daran die Frage knüpfte, ob er etwa gesonnen wäre, das Bad für längere Zeit zu benutzen.

Römer theilte ihm seinen vorüber gehenden Besuch mit, worauf der Fremde die Frage an ihn richtete, ob er etwa gesonnen wäre, die Schloßruine zu besuchen, indem er ihm zugleich diesen Ausflug als in jeder Beziehung lohnend anpries.

Der Graf wurde in Folge dessen veranlaßt, ihm sein Vornehmen in dieser Hinsicht mitzutheilen, da er es für besser erachtete, dasselbe nicht zu verheimlichen, da überdies auch sein Besuch jenes Ortes nicht verborgen bleiben konnte. Hierauf erbot sich der Fremde, ihm noch einzelne in der Nähe befindliche Anlagen zu zeigen, was der Graf gern annahm, worauf sie unter lebhaftem Gespräch weiter gingen.

Während dessen erkundigte sich der Fremde in durchaus nicht belästigender Weise nach dem Anlaß seines Besuchs, ob er denselben etwa wiederholen und vielleicht längere Zeit hier verweilen würde, indem er zugleich die schmeichelhafte Bemerkung hinzufügte, wie sehr angenehm ihm die Gegenwart des Grafen wäre, da sein Umgang hier nur auf sehr wenige Personen beschränkt sei.

Römer sprach das Bedauern aus, durch seine Verhältnisse an einem längeren Besuch des Bades behindert zu sein, verschwieg jedoch seine Absicht nicht, denselben zu wiederholen.

In solcher Weise war die Zeit zum Diner genaht, und der Fremde begab sich mit dem Grafen nach dem Hôtel, woselbst sie gemeinschaftlich speisten und der Erstere sich auch jetzt als gewandter und angenehmer Gesellschafter geltend zu machen wußte. Nach dem Diner ersah Römer eine geeignete Gelegenheit, sich von dem Fremden zu trennen, da er fürchtete, derselbe könnte sich ihm als Begleiter nach der Ruine anbieten, was er aus nahe liegenden Gründen vermeiden mußte.

Der Fremde nannte sich von Bieberstein und war Hauptmann bei einem Fußregiment des Fürsten, also ein Landsmann des Grafen. Er hielt sich eines Leidens wegen in dem Bade auf und gedachte daselbst ungefähr zwei Monate zuzubringen.

So angenehm auch dem Grafen diese Begegnung für den Augenblick war, würde er dennoch im Hinblick auf Sidonie gern darauf verzichtet haben, da er es für zweckmäßig erachtete, sich so viel als möglich von allen gesellschaftlichen Berührungen frei zu halten, um der Beobachtung zu entgehen. Er erkannte jedoch, wie schwer er seine Absicht erreichen würde, da die Verhältnisse in einem Bade dieselbe nichts weniger als begünstigen, und so nahm er das Unvermeidliche mit dem Vornehmen hin, seine Vorsicht zu verdoppeln.

Die zu dem Ausflug bestimmte Zeit war genaht, und der Graf begab sich in seinem Wagen nach dem Ziel des ersteren. Als er an Sidoniens Hôtel vorüber fuhr, gewahrte er sie auf dem Balkon; sie hatte auf diesen Augenblick gewartet, um darnach die eigene Fahrt zu bestimmen.

Sie begrüßten sich in der angenehmen Hoffnung, bald bei einander zu sein und im süßen Verein die Naturschönheiten zu genießen.

Etwa eine halbe Stunde darauf traf Sidonie auf der nur von wenigen Personen besuchten Schloßruine ein. Römer führte sie umher, und ihr Glück steigerte sich im Gefühl der Freiheit und des Bewußtseins, wie einst mit einander leben zu können. Wie viele trübe Jahre lagen zwischen der Gegenwart und der schönen Vergangenheit mit all' ihren süßen Hoffnungen. Dessen gedachten sie, und so konnte es nicht ausbleiben, daß ihnen die mannichfachen reizvollen Fernblicke nur ein vorüber gehendes Interesse abgewannen.

So ging die Zeit rasch dahin, und die längeren Schatten mahnten an die Rückkehr, besonders da noch eine kleine Strecke gehend zurückgelegt werden mußte und Sidonie die ihr obliegenden Rücksichten nicht übersehen durfte.

Auch mehrte sich der Besuch auf der Ruine und machte ihnen den verlängerten Aufenthalt daselbst nicht mehr erwünscht, und so brachen sie auf.

Als Römer mit der Prinzessin und Aurelien im Begriff war, die Ruinen zu verlassen, gewahrte er seinen früheren Begleiter, der mit mehren Personen umher wandelte. Er, wie auch die Anderen begrüßten Sidonie ehrerbietig. Man kannte sie und hatte sich mit ihren ehelichen Verhältnissen bald vertraut gemacht, wie das eben nicht ausbleiben konnte. Wesen und Benehmen der Prinzessin waren auch überdies sehr geeignet, Interesse zu erregen, und so war eine Begegnung mit ihr sehr gewünscht, indem eine solche Stoff zur Unterhaltung über sie darbot.

Dem Grafen war dieses Zusammentreffen nichts weniger denn angenehm, indem dasselbe seine nähere Beziehung zu der Prinzessin verrieth, was, wie wir erfahren haben, er gern vermieden hätte. Er wurde jedoch zu sehr durch die angenehme Gegenwart heraus gefordert, um dem empfangenen Eindruck nachzuhängen.