Part 9
Sie besaß jedoch bereits hinreichende Verstellungskunst, um dem Prinzen ihre Empfindungen nicht zu verrathen; heuchelte Unbefangenheit und ließ die Angelegenheit fallen. Sie war jedoch weit entfernt, dies wirklich zu thun, sondern vielmehr bedacht, eine passende Art zu ersinnen, die Erfüllung ihres Verlangens trotz des Verbotes zu ermöglichen. Sie zog Madame Voisin in ihr Vertrauen, diese jedoch rieth ihr entschieden von dem Besuch ab, indem sie Mariane an den Zorn des Prinzen erinnerte, der die unausbleibliche Folge eines Verrathes ihrer Anwesenheit bei dem Schauspiel sein müßte.
Mariane beruhigte sie jedoch durch die Versicherung, daß sie den Prinzen wol zu versöhnen wissen würde, es ja auch überdies zweifelhaft sei, ob ihr Besuch zu seiner Kenntniß gelangte. Sie wollte bedacht sein, sich unter den Zuschauern zu verbergen, so daß sie der Prinz nicht entdecken könnte, und wußte überdies noch eine Menge anderer Vorsichtsmaßregeln, die sie zu beobachten willens war, anzugeben, daß Madame Voisin endlich von ihrem Widerspruch ließ und es Marianens Ermessen anheim stellte, zu thun, was sie für gut fände. Sie hatte sich schon längst gewöhnt, sich Marianens Wünschen unterzuordnen, um ihr künftiges Interesse zu fördern, und baute übrigens auf des Mädchens großen Einfluß auf den Prinzen, den sie zur Genüge kennen gelernt hatte.
Mariane war nun vor allen Dingen bedacht, sich durch die dritte Hand im Geheimen Billets besorgen zu lassen, die man für vieles Geld wirklich erhielt, ohne daß ihr Name dabei genannt wurde. Im Besitz derselben, war sie auch entschlossen, das Schauspiel um jeden Preis zu besuchen. Sie ahnte nicht, daß der Zufall ihren Wünschen in einer nicht gehofften Weise entgegen kommen und sie endlich die so lange ersehnte Gelegenheit finden sollte, nicht nur dem Schauspiel beizuwohnen, sondern dies auch ganz ihrem geheimen Verlangen entsprechend thun zu können.
An dem zu der Vorstellung bestimmten Tage fühlte sich nämlich der Prinz nicht so wohl, um die Erstere besuchen zu können; man konnte diese jedoch nicht mehr aufschieben, was gewiß mit Rücksicht auf den Ersteren geschehen wäre, wenn es die Verhältnisse irgend gestattet hätten. Der Prinz war durch sein Leiden genöthigt, seine Besuche bei Marianen vorläufig einzustellen, da er auf ärztlichen Rath das Bett hüten sollte.
Welche Umstände hätten für des Mädchens Wünsche vortheilhafter sein können! --
Sie hatte seinetwegen nun nichts mehr zu besorgen und sah daher mit kindischer Freude und Ungeduld dem Fest entgegen.
Als die Stunde zum Besuch desselben gekommen war und Madame Voisin sie aus ihrem Boudoir abholte, fand sie Mariane bereits vollständig zur Fahrt vorbereitet. Ein einfacher dunkler Mantel hüllte sie ein, ein ebensolcher Hut schützte den Kopf, so daß ihre Erscheinung in der That nichts weniger als auffällig war und sich also zur Ausführung ihrer Absicht durchaus eignete. Madame Voisin, die gleichfalls einfach gekleidet war, betrachtete sie mit Vergnügen und drückte ihr ihre Zufriedenheit über die beobachtete Vorsicht aus, indem sie jetzt mit größerer Ruhe die Hoffnung aussprach, daß ihr Unternehmen gut ablaufen würde.
Sie erreichten die Stadt und die Reitbahn und gelangten bei dem daselbst herrschenden Gedränge unbeachtet in ihre Loge; wie sehr erschrak jedoch Madame Voisin, als Mariane vor dem Betreten derselben Mantel und Hut ablegte und vor ihr in dem früher bezeichneten prachtvollen Anzug dastand. Sie wollte zurückkehren; ihre Vorstellungen waren jedoch fruchtlos, und eben so wenig vermochte sie Mariane zum Anlegen des Mantels zu bewegen. Diese beharrte auf ihrem Willen, und so war die Dame genöthigt, sich, wenngleich seufzend und mit besorgtem Herzen, in das Unabänderliche zu fügen. Um ihre Angst noch zu mehren, lauteten die Billets überdies auf Vorderplätze, ein nur zu sehr geeigneter Umstand, Mariane den Blicken der Zuschauer preisgegeben zu sehen. Niemand von ihnen hatte daran gedacht. Ohne jede Verlegenheit nahm Mariane ihren Platz ein, während Madame Voisin es vorzog, sich im Hintergrunde zu halten und ihren Platz Anderen überließ. Sie hatte längst erkannt, von dem Mädchen überlistet worden zu sein, und war jetzt nur noch bedacht, so wenig als möglich Aufsehen zu erregen.
Wir haben das Weitere erfahren und fügen nur noch hinzu, daß Mariane keine Ahnung von dem auf Sidonie und die Zuschauer erzeugten Eindruck hatte; eben so wenig gerieth sie auf die Vermuthung, erkannt zu sein.
Viel zu unerfahren, um sich eine richtige Vorstellung von den Lebensverhältnissen in der Residenz machen zu können, zu angenehm von dem Glanz der Räume, der Schönheit der Vorstellung und der bewegten prunkvollen Menge berührt, genoß sie unbefangen die sich ihr darbietende Lust mit vollen Zügen, nicht wenig stolz über die ihr gezollte Aufmerksamkeit und in dem schmeichelnden Bewußtsein, nicht übler, ja vielleicht noch besser und schöner, als alle die anwesenden Damen zu sein.
Ueberaus beglückt kehrte sie mit ihrer Begleiterin heim und vermochte die Besorgniß derselben und deren Vorwürfe, sie in solcher Weise getäuscht zu haben, nicht zu begreifen.
Sie fand das Alles mit Lachen und Scherzen ab, und that dies auch, als Madame Voisin sie an die übeln Folgen erinnerte, die für sie, würde dem Prinzen ihr Besuch bekannt, entstehen müßten.
»Fürchten Sie nichts, meine gute Voisin; ich kenne meinen Prinzen; er wird sich, falls er wirklich etwas erfahren sollte, schon versöhnen lassen. Das Geschehene ist doch nicht mehr zu ändern? Und was liegt denn auch Uebles darin? Muß er sich nicht freuen, daß ich den Leuten gefallen habe? O, ich weiß, er giebt etwas auf meine Schönheit; er hat es mir ja oft genug gesagt. Und damit lassen Sie es genug sein. Ist der Prinz über den Besuch böse, so mag er es sein; er wird bald wieder gut werden.«
Also plauderte das leichtsinnige Mädchen, unbekümmert und froh, nur in ihrem Genuß schwelgend.
Es verstand sich von selbst, daß Madame Voisin in ihrem eigenen Interesse dafür sorgte, dem Prinzen den Besuch zu verheimlichen; sie hoffte diesen Zweck auch zu erreichen, da sie der Dienerschaft hierüber das strengste Schweigen auferlegt hatte und von deren Gehorsam durchaus überzeugt war. Der Prinz war genöthigt, mehre Tage das Bett zu hüten, und sandte fast täglich durch Henri zärtliche Billets an Mariane, in welchen er seine Sehnsucht nach ihr aussprach, und das Mädchen war keck genug, den Prinzen an einem dunkeln Abend mit Hilfe des Dieners und einer allerliebsten Männertracht in seinem Palais zu überraschen. Der Prinz war über diesen Beweis ihrer Liebe entzückt, noch mehr fast über die kecke Art, mit welcher sie ihm eine Freude zu bereiten bedacht war. Dergleichen war ganz nach seinem Geschmack, und würde er Mariane nicht schon überaus geliebt haben, so hätte ihr Handeln diese Wirkung jedenfalls hervorgerufen. Wie sehr sie gegen sein Verbot gehandelt hatte, erfuhr er nicht; denn Niemand, selbst Mühlfels, der ihn während seiner Krankheit täglich besuchte, wagte es, ihn damit bekannt zu machen. Von der Gewißheit erfüllt, daß dem Fürsten Marianens Besuch nicht verrathen worden war, erachtete man es für besser, das Geschehene mit Stillschweigen zu übergehen und abzuwarten, ob Sidonie vielleicht irgend etwas in dieser Angelegenheit that. Man nahm dies jedoch nicht an, da ihre Gleichgiltigkeit gegen den Prinzen bekannt war. Freilich verrieth ihr plötzliches Entfernen unter dem Vorgeben von Unwohlsein, daß sie durch den Vorfall tief verletzt worden sei, dieser Umstand schloß jedoch nicht die Voraussetzung in sich, sie würde sich darum auch Genugthuung verschaffen wollen.
Hatte sie sich doch schon so Vieles von dem Prinzen gefallen lassen; was konnte es ihr daher auf diese Bagatelle ankommen. Für ihre Ruhe war es sogar besser, wenn sie die Sache gehen ließ.
So meinten die klugen und von der Moral nicht geplagten Hofleute, ohne zu ahnen, wie bald sie zur Einsicht ihrer Täuschung geführt werden sollten.
Sechstes Kapitel.
Durch den erfahrenen Schimpf in der tiefsten Seele verletzt, kehrte Sidonie in Begleitung Aureliens nach dem Palais zurück und sank, in ihrem Gemach angelangt, erschöpft in einen Fauteuil. Trostlos starrte sie einige Augenblicke vor sich hin und rief alsdann, in Thränen ausbrechend:
»Auch ~das~ noch zu allem, allem Unglück, das ich leiden muß!«
»Ich begreife nicht, wie dem Mädchen der Zutritt gestattet worden ist,« bemerkte Aurelie, erfreut, die Spannung in Sidoniens Herzen gemindert zu sehen, und zugleich bedacht, durch Besprechung dieser Angelegenheit sie von dem schmerzvollen Brüten abzulenken.
»Wie konnte der Prinz es wagen, mir einen ~solchen~ Schimpf anzuthun! Bin ich denn schon so sehr verachtet, daß er sich so etwas gestatten zu dürfen glaubte?!« preßte Sidonie unmuthig hervor.
»Vielleicht ist es ohne seinen Willen geschehen,« -- wandte Aurelie ein.
»Glaube das nicht und bedenke, daß ein so einfaches Mädchen gänzlich von seinem Willen abhängig sein muß.«
»Diese Vermuthung liegt nahe; dennoch erinnere ich Dich, daß der Prinz unpäßlich ist und das Palais hütet; vielleicht, daß --«
»Nein, nein! Bemühe Dich nicht, ihn zu entschuldigen und mir das Erfahrene in einem milderen Licht zu zeigen. Selbst wenn das Mädchen ohne sein Wissen den Besuch wagte, so geht daraus doch hervor, welche große Macht sie über ihn gewonnen haben und wie geringe Achtung sie mir zollen muß, um sich über alles das hinweg setzen zu können. Aus diesem Umstand ersehe ich jedoch, welcher Art sein Verhältniß zu dem Mädchen ist und daß die Gerüchte von demselben durchaus begründet sein müssen. So weit ist es also schon mit mir gekommen! Man scheut sich nicht mehr, mich öffentlich zu verspotten und mich dem Mitleiden der Menge preiszugeben! Unerhört! Ist es nicht genug, daß ich bisher alles Ueble schweigend duldete, will man mich auch der theuer erkauften Ruhe berauben? -- Glaubt man, mir eine solche Schonung nicht mehr schuldig zu sein?! Wie tief muß ich in der Achtung des Hofes gesunken sein, wenn ~das~ geschehen konnte!«
In schmerzvoller Erregung lehnte sie sich in dem Sessel zurück.
Voll der innigsten Theilnahme, doch schweigend ruhte der Freundin Auge auf der Leidenden und so schwer Gekränkten; sie vermochte ja nichts zur Linderung von Sidoniens Kummer beizutragen; denn das Geschehene konnte nicht ungeschehen gemacht und der erfahrene Schimpf nicht zurückgenommen werden.
»O, wie schutzlos bin ich doch!« rief Sidonie nach kurzer Pause. »Meine Brüder besitzen keinen Einfluß bei Hofe; der Fürst ist dem Prinzen gegenüber zu schwach, und seine Grundsätze und Ansichten vom Leben sind auch viel zu wenig sittlich, um mich zu verstehen und mein Verhältniß zu dem Prinzen durch seinen Einfluß auf diesen erträglicher zu machen. Was soll ich beginnen und wer räth mir in meiner so kummervollen Lage! -- O, wäre Bernhard hier, mir würde Alles leichter, mein Schmerz geringer, mein Wille kräftiger werden! -- Ach, mit ihm zog mein Schutzengel, meine Ruhe und mein Glück davon! O, wie so sicher fühlen wir uns doch in der Huth treuer Liebe! O wüßte er, wie sehr ich seiner bedarf, wie schnell würde er zu mir eilen. Doch ich besitze kein Recht, ihn in seiner Trauer zu stören, und muß diesen Schmerzenskampf allein auskämpfen!«
Sie schwieg und schaute betrübt und gedankenvoll vor sich hin.
Aurelie ergriff ihre Hand, drückte sie sanft und bemerkte:
»Lass’ uns gemeinschaftlich erwägen, was in Deiner Angelegenheit geschehen muß; denn daß Du den Dir angethanen Schimpf nicht ruhig hinnehmen darfst, versteht sich von selbst.«
»Du hast Recht, mich daran zu erinnern; denn der Schmerz ließ mich dies bisher vergessen. Ja, ich will mir Genugthuung um jeden Preis verschaffen. Ich fürchte nichts mehr, nun es so weit gekommen ist, weder des Fürsten Ungnade, noch die Härte des Prinzen,« fiel Sidonie mit Festigkeit ein.
»Und was gedenkst Du zu thun?« fragte Aurelie.
»Die Gelegenheit erfordert keinen Aufschub, sonst würde ich an meinen Bruder geschrieben und ihn um seine Herüberkunft gebeten haben. Er mag sein Ansehen bei dem Fürsten und Prinzen später geltend machen; denn mittheilen werde und muß ich ihm das Geschehene, das bin ich der Ehre meiner Familie schuldig. Ich will selbst dem Fürsten meine Beschwerde vortragen; dies ist der einzige Weg, damit die Angelegenheit nicht mit dem üblichen Stillschweigen übergangen wird. Denn es muß mit Bestimmtheit erwartet werden, daß man dem Fürsten die Sache verheimlicht. Man fürchtet den Prinzen, der alle Tage zur Regentschaft gelangen kann; ich weiß es nur zu wohl, und der beste Beweis dafür ist der Umstand, daß sich Niemand veranlaßt fühlte, das Mädchen aus dem Schauspiel zu entfernen, um mir vor den Versammelten eine öffentliche Genugthuung zu verschaffen.
»Du siehst, wie es hier mit meinen Freunden steht. Jeder ist nur auf seinen Vortheil bedacht, und selbst Mühlfels, an dessen treue Ergebenheit ich glaubte, hat sich feig zurückgezogen. Ihm ist das Mädchen bestimmt bekannt, er konnte also auch wissen, welchen Eindruck ihre Anwesenheit auf mich hervorrufen mußte. O, über diese Selbstsüchtlinge, die nur ihr Ich anbeten und dabei die edelsten Gefühle heucheln und uns dadurch an ihr besseres Wesen zu glauben verleiten! O, es ekelt mir vor dieser feilen, sittenlosen Welt, und der Ewige möge mich bald durch die Gnade beglücken, ihr für immer entfliehen zu können! O bringe mir ~sein~ Bild, das ich mich an den edeln, geliebten Zügen wieder aufrichten kann und den Glauben an das Gute in den Menschen nicht verliere!«
»Ich kann Deinen Entschluß, dem Fürsten persönlich Deine Beschwerde vorzutragen, nur billigen. Jede Mittelsperson würde in diesem Fall wirkungslos sein; ich kenne den Fürsten. Man würde Dich zu täuschen suchen, würde sagen, Du hättest Dich in Bezug auf das Mädchen geirrt; sie sei nicht die Geliebte des Prinzen, sondern irgend eine andere Person gewesen, und was man sonst noch zu sagen für gut fände. Eine Täuschung ist aber in diesem Falle nicht anzunehmen, dafür bürgt uns Mühlfels’ Aussage und das auffällige Verhalten des Publikums.« --
»Ich will den nächsten Tag noch hingehen lassen; vielleicht ist man bedacht, mir in irgend einer Weise entgegen zu kommen, um mir den unangenehmen Schritt bei dem Fürsten zu ersparen.«
»Sei es so; doch gestehe ich Dir offen, ich hege wenig Hoffnung, daß Deine Erwartungen befriedigt werden.«
»Du wirst Recht haben; doch könnte ich vielleicht morgen noch nähere Umstände über des Mädchens Besuch, vielleicht durch Mühlfels, erfahren, die mir bei der Unterredung mit dem Fürsten von Wichtigkeit sein könnten.«
»Dieser Umstand ist allerdings zu erwägen, und so denke ich, Du thust nach Deinem Vornehmen.«
»O, mir bangt vor der kalten Gleichgiltigkeit und dem Cynismus des Fürsten, mit welchen er dergleichen Angelegenheiten zu behandeln pflegt, und mein Herz krampft sich bei dem Gedanken schmerzvoll zusammen, daß ich genöthigt bin, mich über die Geliebte meines Gemahls beklagen zu müssen. Wie hätte ich ahnen sollen, jemals in eine so erniedrigende Lage versetzt werden zu können!«
»In der That, eine sehr, sehr traurige Nothwendigkeit! Doch hoffen wir, daß Dir dieser Schritt erspart wird. Vielleicht bestätigt sich Deine Voraussetzung und man kommt Dir, wie Du es wünschest, entgegen. Sollte dies jedoch nicht der Fall und Du zu der Unterredung gezwungen sein, so erzielt sie vielleicht den Vortheil, den Fürsten zu einem entscheidenden Handeln zu veranlassen, um Dich vor ähnlichen Beleidigungen für immer sicher zu stellen.«
»Glaubst Du, meine gute Aurelie?« fragte Sidonie gedankenvoll.
»Liegt diese Vermuthung nicht nahe?« --
»Vielleicht nicht so nahe, als Du denkst. Du traust dem Fürsten mehr feines Gefühl zu, als er in der That besitzt. Ich bin überzeugt, er wird nur so viel thun, als es ihm unumgänglich nöthig scheint. Doch,« fuhr Sidonie mit leisem und bedeutungsvollem Ton fort, »doch ich will ihm sagen, daß ich es müde bin, noch länger die Beleidigte und Verspottete zu sein, daß meine Geduld ihr Ende erreicht hat, und will ihm mit einem Vorschlag entgegen kommen, der seiner Staatspolitik entspricht.«
»Das willst Du wirklich?!« fragte Aurelie besorgt und überrascht.
»Du weißt, ein solcher Entschluß lebt schon lange in mir, und ich bekenne Dir, er ist mit Bernhard’s Gegenwart immer mehr in mir gereift. Du wirst das natürlich finden. Muß mich Bernhard nicht schwach und kraftlos nennen, da mein Stolz sich unter diese erniedrigenden Verhältnisse beugt und sie geduldig erträgt?« --
»Vermagst Du sie zu ändern?« --
»Ich denke und hoffe ihm zu zeigen, daß ich seiner Liebe würdig bin. Denn sage selbst, wäre es nicht undankbar von mir, seine so großen Opfer anzunehmen, ohne daran zu denken, ihm dafür nicht nur mit dem ~Herzen~, sondern auch durch die ~That~ zu danken? Wer liebt und geliebt wird, übernimmt auch heilige Pflichten, die zu erfüllen sein Bestreben sein muß. Ich habe das Alles oft und oft bedacht, bin in mancher ruhelosen Nacht darüber mit mir zu Rathe gegangen, und immer und immer hob sich der einzige Gedanke vor allen anderen heraus, ihm für seine aufopfernde Liebe nur ein freudenloses Leben zu bereiten. Dieser Gedanke läßt mir aber keine Ruhe, und so steht der Entschluß in mir fest, die gegenwärtigen Umstände in meinem Sinne zu benutzen. Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie sehr mich die Erfüllung meines Wunsches beglücken würde; Du kennst ja meine grenzenlose Liebe für ihn, Du weißt, wie unendlich beseligt ich mich fühlen würde, sein freudloses Dasein durch sie zu verschönen und, von dem Zwang der Verhältnisse befreit, in seinem Glück das eigene zu genießen. O, welch ein süßer, wonniger Traum, zu süß, zu schön, um Wahrheit zu werden! Doch er soll mich ermuthigen zu dem Kampf, den ich aufzunehmen gedenke, und er wird es, das fühle ich!«
»Ich habe das voraus gesehen, ja ich habe, ohne es Dir zu verrathen, schon lange gewünscht, es möchte zu einem entscheidenden Schritt kommen, um Dich und ihn aus einer so unheilvollen Lage zu retten. So sei es denn! Bin ich auch zu machtlos, um Dir mit der That beistehen zu können, so weißt Du doch, daß Du über mein Herz gebieten kannst,« entgegnete Aurelie, die Freundin liebevoll umarmend.
Noch manches wichtige und berathende Wort tauschten die Freundinnen aus, manche süße Hoffnung wurde ausgesprochen, mancher noch süßere Traum daran geknüpft, bis endlich die späte Stunde sie zur Trennung zwang.
Die gute Marion war nicht wenig überrascht, als sie die Prinzessin entkleidet hatte und, an der Uhr vorübergehend, gewahrte, daß es fast Morgen geworden sei. Sie schüttelte bedenklich das Haupt, und es wurde ihr klar, daß irgend welche wichtige Dinge vorgegangen sein und die Prinzessin betroffen haben müßten; denn ihr waren deren Aufregung und verweinte Augen nicht entgangen. Wie herzlich that ihr die liebe Prinzessin leid; so jung und so schön und dennoch so unglücklich sein zu müssen, das schnitt ihr in die Seele. Sie wußte, daß Sidonie den Prinzen nicht gemocht und nur aus kindlichem Gehorsam geheirathet hatte, hatte ihres Lieblings Thränen und Schmerzen gesehen und mit ihr im Geheimen geweint und gelitten, und litt und weinte noch immer, ohne Hoffnung auf ein Besserwerden. Denn das war ihrem verständigen Sinn längst klar, daß sich die Prinzessin mit einem so leichtsinnigen Gemahl, wie der Prinz, und würde er auch einst Regent, niemals glücklich fühlen könnte.
»Da sprecht mir von der Weisheit und dem Glück der Großen und Gewaltigen der Welt; es ist Alles eitel Tand und eitler Schein. Die Weisheit und Güte bringt nicht der Stand, die muß der Mensch im Herzen tragen, und wer sie nicht hat, ist auch als Fürst darum nicht besser, wie gemeine Menschen. Die Krone thut es nicht und auch nicht der Reichthum und die Macht. Vor Gott ist nur der Gute und Gerechte etwas, da gilt das Herz und nicht der eitle Flitter. Gott bessere diese verderbte Welt, in der meine gute Prinzessin leben und von der sie so schwer leiden muß!« Also dachte sie und überlegte das Alles noch in später Nacht, als sie sich seufzend zur Ruhe begeben hatte, bis sie unter einem Gebet für ihren Liebling endlich einschlummerte.
Auch Mühlfels wurde durch den Vorfall bei der Vorstellung mehr betroffen, als man dies hätte erwarten sollen.
So heftig seine Leidenschaft für Sidonie auch war, stand ihm dennoch die Gunst des künftigen Regenten höher als ihr Dank, dessen er jedenfalls sicher war, hätte er Mariane zum Verlassen der Loge genöthigt. In der Vermuthung jedoch, das Mädchen sei mit Wissen des Prinzen erschienen, wagte er das nicht. Ihm war nur zu wohl die Macht bekannt, die Mariane auf den Prinzen ausübte; er hatte sich persönlich davon überzeugt. Der Letztere gestattete ihm nämlich bisweilen, ihn zu dem Mädchen zu begleiten und in ihrer Gesellschaft eine Stunde zuzubringen. Denn bei der von dem Prinzen für Mariane gehegten großen Vorliebe war es diesem angenehm, den Vertrauten mit den Vorzügen seines Lieblings bekannt zu machen und sich an dessen Lob des Mädchens zu ergötzen, das in überschwänglicher Weise auszusprechen Mühlfels natürlich nicht unterließ. Trotz aller dieser zu nehmenden Rücksichten erwog der Baron dennoch, in wie weit er den Vorfall in seinem eigenen Vortheil benutzen sollte; denn es lag die Voraussetzung nahe, Sidonie könne vielleicht auf seinen Beistand gerechnet haben, und wie wir erfahren, täuschte er sich in dieser Annahme nicht.
Er mußte sich daher bei ihr entschuldigen und ihr die Unmöglichkeit seines Handelns klar machen, um ihre Gunst nicht vielleicht ganz und gar einzubüßen. Ein solcher Verlust würde seine Absicht, sich ihr Vertrauen zu erwerben, unerreichbar gemacht haben; überdies konnte es für ihn keine geeignetere Gelegenheit geben, ihr seine Ergebenheit an den Tag zu legen. Ihr plötzliches Entfernen aus dem Schauspiel verrieth ihm die tiefe Kränkung ihrer Seele, und er konnte daher mit einiger Sicherheit annehmen, daß sie irgend einen besondern Schritt in dieser Angelegenheit thun würde. Unter solchen Umständen ist der Rath eines ergebenen Mannes von Wichtigkeit, der dem Prinzen so nahe stand, wie er.
Auch war ihm bekannt, daß die Prinzessin keinen andern Mann bei Hofe mit ihrem Vertrauen beehrte; Grund genug also für ihn, alle diese Umstände zu benutzen.
Es kam nun darauf an, eine geeignete Gelegenheit zur Ausführung seines Vorhabens ausfindig zu machen. Eine Audienz bei der Prinzessin nachzusuchen wagte er nicht. Dieser Schritt wäre zu auffällig gewesen; er mußte ihn daher vermeiden. Um so erwünschter wäre ihm ein durch den Zufall herbei geführter Anlaß gewesen. Sein Verlangen sollte in der That erfüllt werden.
Am nächsten Vormittage besuchte ihn Boisière, um mit ihm über die Vorstellung und die dabei vorgekommenen kleinen pikanten Ereignisse, sowol unter den Acteurs als Zuschauern, zu plaudern.
Denn es darf kaum bemerkt werden, daß eine Menge interessanter Geschichtchen, die man entweder selbst erfahren oder von Anderen vernommen hatte, von Munde zu Munde gingen, und zwar zum großen Ergötzen der Nichtbetheiligten. Wie hätte das in der damaligen Zeit auch anders sein können, die nicht nur der Klatschsucht den reichsten Stoff, sondern auch zugleich nur zu sehr geneigte Personen, diese Stoffe in der ergiebigsten Weise zu benutzen, darbot. Ein prickelnder Witz, eine ähnliche Zweideutigkeit, vor Allem jedoch eine auf Thatsachen beruhende pikante Geschichte wurden eben so sehr gesucht, als mit übergroßem Beifall aufgenommen.
Und was wußte der Chevalier nicht Alles zu erzählen, was hatte er nicht selbst gesehen, belauscht und errathen, und wie viel mehr war ihm noch zugeflüstert und mitgetheilt worden! -- Da war Material, um den Hof und die Stadt einen ganzen Monat zu unterhalten. Und was würden die nächsten Tage noch Alles erzählen!