Prinzessin Sidonie (Band 2/3)

Part 10

Chapter 103,601 wordsPublic domain

Der Chevalier befand sich so recht in seinem Element und also sehr behaglich, und Mühlfels theilte als Freund solcher Dinge dessen Stimmung. Ihm diente das Vernommene zugleich als ein Unterhaltungsmittel für den Prinzen, der, von der persönlichen Theilnahme an der Vorstellung abgehalten, dergleichen Geschichtchen mit Begier anhörte und sich dabei köstlich unterhielt.

Nachdem der Chevalier das Füllhorn seiner ergötzlichen Mittheilungen ausgeschüttet hatte, brach er mit dem Bemerken auf, sich von hier aus gerades Weges nach dem Palais der Prinzessin begeben zu müssen, um sich im Namen des Fürsten nach deren Befinden zu erkundigen.

»Wie geht es der Prinzessin, lieber Baron? Die gestrige unangenehme Geschichte hat sie doch nicht wirklich krank gemacht?« fragte er.

»Ich habe darüber noch nichts vernommen,« entgegnete Mühlfels zurückhaltend.

»O, o, lieber Baron, nichts vernommen! Wozu mir gegenüber dergleichen Koketterien?« fiel der Chevalier lachend ein.

»Ich versichere, es ist so!«

»Das machen Sie einen Andern glauben! Sie, der Begünstigte der Prinzessin, sollten nicht schon gestern Abend Gelegenheit gefunden haben, sie zu beruhigen?! Ah pah! Ich kenne die Frauen. Unter Umständen, wie die bekannten, suchen sie stets Trost in den Armen ihres Günstlings. Und das däucht mir auch durchaus praktisch. Unmuth und Zorn vergessen sich am leichtesten im Arm der Liebe.«

Mühlfels überwand eine augenblickliche Verlegenheit als Folge der von Boisière ausgesprochenen Voraussetzung, die ihm unter anderen Umständen sehr schmeichelhaft gewesen wäre, ihm jetzt jedoch die trüben Aussichten in dieser Beziehung leider nur noch fühlbarer machten. Er besaß jedoch viel zu viel Täuschungskunst, um sich zu verrathen und so der über ihn gehegten Meinung zu berauben, und darum beobachtete er ein gewisses zweideutiges Wesen, das durchaus geeignet war, des Chevaliers Voraussetzungen zu bestätigen. In den frivolen Ton desselben eingehend, bemerkte er:

»Sie werden Recht haben, lieber Chevalier; doch müssen Sie bedenken, daß Ihre Annahme nicht in allen Fällen zutrifft. Uebrigens spricht der Betheiligte von dergleichen nicht. -- Sie verstehen mich.«

»Vollkommen, vollkommen, und ich versichere Sie, ich billige Ihren Tact, lieber Baron. Eine gewisse Façon muß bei Liaisons immer beobachtet werden. Es hat das sein Gutes, namentlich wenn eine hohe Person im Spiel ist,« entgegnete Boisière mit überlegenen Mienen. Bildete er sich doch ein, das Muster eines galanten Cavaliers zu sein, von welchem die jüngere Welt gern Rath annahm und sich nach ihm bildete.

»Doch unter uns, =cher Baron=,« fuhr er leiser und vertraulich fort, »ich denke, Sie werden etwas über der Prinzessin Befinden und Intentionen wissen, namentlich, wie sie die Geschichte aufgenommen hat. Sie dürfen meiner Discretion unbedingt vertrauen; denn Sie wissen, daß in diesem Fall von einer leidigen Neugier nicht die Rede sein kann. Der Fall ist von Bedeutung, und es ist mir von Wichtigkeit, in dieser Beziehung gut unterrichtet zu sein, um dem Fürsten Bestimmtes sagen zu können. Serenissimus hat die Scene im Schauspiel noch nicht erfahren und ich würde ihn damit nicht behelligen, falls die Prinzessin nicht beabsichtigen sollte, irgend etwas darin zu thun. Ist dies jedoch nicht der Fall, so darf ich ihn nicht in Unkenntniß darüber lassen; er würde das sonst sehr übel vermerken. -- Sie erkennen, wie angenehm dem Fürsten unter den vorausgesetzten Umständen ein Mittel wäre, den etwaigen Ansprüchen der Prinzessin ein Paroli bieten zu können.«

Mühlfels erkannte das nur zu wohl, er erkannte aber auch die üble Situation, in die er gedrängt worden war und die ihm nur die Wahl ließ, seine Niederlage bei der Prinzessin entweder einzugestehen oder sich in der gespielten Täuschung zu behaupten. Daß er das letztere dem ersteren vorzog, verstand sich von selbst; es fragte sich nun, wie weit er gehen durfte. Aber er würde nicht ein Kind seiner Zeit, nicht der Vertraute eines ausschweifenden Prinzen, vor Allem nicht der eitle und ehrgeizige Mann gewesen sein, wäre er in diesem bedeutsamen Augenblick vor einer die Prinzessin entwürdigenden Lüge zurück geschreckt. Dazu war er viel zu leichtsinnig und von einer an Frechheit grenzenden Kühnheit erfüllt, die ihm in seiner bedenklichen Lage sehr zu Statten kam.

Mit der ihm eigenen Fertigkeit und Kaltblütigkeit hatte er das Alles schnell erwogen, hatte sich gesagt, daß dasjenige, was er zu erreichen bestrebt war, zu den Möglichkeiten gehörte und ihm dazu auch der Besitz des Liebesgeheimnisses Sidoniens ein wichtiges Mittel bot.

Warum sollte er daher die Täuschung nicht erhalten? Ueberdies beruhigte ihn die Ueberzeugung, daß Sidonie von Alledem niemals etwas erfahren würde; denn wer wol sollte sie damit bekannt machen? -- Was zwischen ihm, dem Chevalier und dem Fürsten verhandelt wurde, blieb allen Anderen ein Geheimniß; er wußte es.

Alle diese Gedanken waren rasch durch seine Seele geflogen, ohne daß selbst der scharfblickende Chevalier eine Ahnung davon gewann und die augenblicklich von Mühlfels verrathene Bedenklichkeit lediglich für Vorsicht hielt, die unter den obwaltenden, so bedeutsamen Verhältnissen durchaus gerechtfertigt erscheinen mußte.

Fragend schaute er den Baron an, der in Bezug auf die zu gebende Antwort mit sich bereits im Klaren war und bedeutsam lächelnd entgegnete:

»Mein lieber Chevalier, Sie wissen, daß wir Sie hier am Hofe als das Vorbild eines galanten Cavaliers verehren; versetzen Sie sich in meine Lage und rathen Sie mir, was ich Ihnen antworten soll. Sie haben vorhin bemerkt, jede Liaison verlange eine gewisse Façon; diese Meinung ist mir zu bedeutsam, um sie nicht in diesem Fall zu beobachten. Ich will meinem verehrten Vorbilde ein wenig Ehre machen. Und so stelle ich es Ihrer Klugheit anheim, dem Fürsten nach Belieben zu berichten; denn was Sie ihm zu sagen für gut befinden, wird meinen ganzen Beifall gewinnen. Ihnen mehr zu vertrauen, wird daher nicht nöthig sein, noch halte ich mich dazu berechtigt.« --

Der Baron hätte den Chevalier durch nichts leichter täuschen können, als indem er seiner Eitelkeit schmeichelte und, ohne ein wirkliches Geständniß abzulegen, sich auf Andeutungen beschränkte, die sehr geeignet waren, dasjenige zu errathen, was er verschwieg, jedoch als bedeutsam erkannt zu sehen wünschte.

»Als echter Cavalier gesprochen, =cher Baron=!« fiel der Chevalier geschmeichelt und vertraulich ein, indem er Mühlfels’ Hand ergriff und drückte. »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, und denke, Sie werden mit mir zufrieden sein. Ich will die Angelegenheit -- Sie haben ganz Recht, sie ist äußerst difficil -- in der gewünschten Weise tractiren; verlassen Sie sich ganz auf mich und seien Sie überzeugt, nicht nur in Ihrem ~Sinn~, sondern auch in Ihrem ~Vortheil~.«

»Ich habe das erwartet, mein theurer Chevalier, und bin beglückt, diese Sache in Ihren klugen Händen zu wissen,« entgegnete Mühlfels, indem er den Händedruck des Chevaliers erwiderte.

»Trotzdem muß ich noch einmal auf meine frühere Frage, ob Ihnen in Bezug auf die Intentionen der Prinzessin in der bewußten Angelegenheit nicht etwas Bestimmtes bekannt geworden ist, zurück kommen,« bemerkte der Chevalier und blickte Mühlfels fragend an. »Wissen Sie nichts?«

»Aufrichtig gesprochen, nein. Die Prinzessin war zu aufgeregt und unmuthig, um an dergleichen zu denken,« entgegnete Mühlfels in einer Weise, als hätte er Gelegenheit gehabt, Sidonie näher zu beobachten.

»Das ist fatal!« rief der Chevalier. »Ich weiß nicht, was ich dem Fürsten sagen soll.«

»Vielleicht ließe sich diese Angelegenheit durch mich erledigen,« bemerkte Mühlfels nachdenkend.

»Das wäre prächtig!« fiel der Chevalier erfreut ein. »Wie gedenken Sie, mein Lieber?« fragte er.

»Sie beabsichtigen, sich nach dem Befinden der Prinzessin zu erkundigen; ich war gleichfalls willens, mich aus diesem Grunde zu ihr zu begeben. Gestatten Sie mir, ihr an Ihrer Stelle den Gruß des Fürsten zu überbringen; ich habe besondere Gründe zu dieser Bitte, über welche ich mich nicht näher aussprechen möchte. Es ist aber gut, wenn die Umgebung der Prinzessin erfährt, daß ich ihr im Auftrage des Fürsten aufwarten möchte.« --

»Ich verstehe, ich verstehe!« fiel Boisière vertraulich ein und fügte dann hinzu: »Sie haben ganz Recht, lieber Baron. Man darf die Hofschranzen nicht zu sehr in die Karten blicken lassen; sie werden leicht lästig und gefährlich. -- Sie wollten also?« --

»Die Prinzessin bei dieser Gelegenheit über ihre Absichten ausforschen, wie Sie es wünschen,« bemerkte Mühlfels.

»Vortrefflich, vortrefflich! Ich bin überzeugt, es wird Ihnen das ganz nach Wunsch gelingen.«

»Ich denke, lieber Chevalier,« entgegnete Mühlfels selbstgefällig und sicher.

»So will ich Sie verlassen, mein theurer Freund, und in einer Stunde wieder bei Ihnen vorsprechen, um das Weitere zu erfahren,« sprach Boisière und brach auf, indem er zugleich fortfuhr:

»Ja, ja, Ihnen wird das leicht werden, was mir wahrscheinlich trotz aller Klugheit nicht gelungen wäre. Sidonie ist stolz und verschlossen; doch der Liebe öffnet sich ja leicht und gern das Herz. =Au revoir, cher Baron!= In einer Stunde bin ich wieder hier.«

Mit diesen Worten und dem angewöhnten Hüsteln entfernte sich der Chevalier, und Mühlfels bereitete sich zu dem Besuch der Prinzessin vor.

Er war hinsichts seines Benehmens gegen den Chevalier mit sich sehr zufrieden, von der Ueberzeugung erfüllt, den klugen Kammerherrn vollständig getäuscht zu haben. Mehr noch als dieses erfreute ihn der Umstand, die so sehr gewünschte Gelegenheit zu dem Besuch der Prinzessin durch Boisière erlangt zu haben. Da er im Namen des Fürsten erschien, mußte sie ihn vorlassen, was unter anderen Umständen wahrscheinlich nicht der Fall gewesen wäre. Während er sich ankleidete, überlegte er sein Verhalten gegen Sidonie, namentlich wie er es einrichten sollte, ihre Absichten betreffs der bekannten Angelegenheit zu erforschen. Denn er sagte sich, daß das Gelingen seines Vorhabens nicht nur die Täuschung des Fürsten befestigen, sondern ihm auch in Bezug auf die Prinzessin bei diesem eine vermehrte Würdigung verschaffen müßte. Also vorbereitet, begab er sich zu Sidonien. Diese befand sich zufällig allein in ihrem Boudoir, als ihr die Meldung von Mühlfels’ Erscheinen gemacht wurde. Ihre Stimmung war nichts weniger als zu einer Unterhaltung mit dem Baron geeignet, da er jedoch als ein Bote des Fürsten erschien, sie auch vermuthete, er sei als Vertrauter des Prinzen absichtlich von dem Ersteren, vielleicht auch von dem Letzteren, zu diesem Auftrag ausersehen worden, überwand sie schnell ihre Abneigung und empfing ihn mit Freundlichkeit.

Dieser Umstand erhob den Muth und die Hoffnung des Barons nicht wenig, indem er darin zugleich ein gutes Zeichen für das Gelingen seiner Absicht sah.

»Sie bringen mir einen Auftrag des Fürsten?« fragte Sidonie.

»Serenissimus wünschen zu erfahren, wie Euer Hoheit Befinden ist, da er zu seinem innigen Bedauern gestern vernommen, daß Hoheit durch Unwohlsein gezwungen worden sind, das Schauspiel vor dessen Beendigung zu verlassen,« entgegnete Mühlfels in theilnehmendem Ton.

»Ich bitte, dem Fürsten meinen ergebensten Dank für seine Freundlichkeit abzustatten und ihm zu berichten, daß ich mich wieder wohler fühle.«

»Ich bin glücklich, ihm eine so beruhigende Botschaft überbringen zu können, und Hoheit mögen mir die Versicherung gestatten, daß ich mich doppelt beglückt fühle, mich persönlich davon überzeugen und so meinen lebhaften Wunsch befriedigen zu können.«

»Ich danke Ihnen, lieber Baron,« sprach Sidonie wohlwollend und unbefangen, und fragte alsdann nach kurzem Zögern: »Haben Sie mir sonst noch irgend welche Mittheilung zu machen?«

»Im Auftrage des Fürsten nicht; doch stehe ich sonst zu Eurer Hoheit Befehl.«

»Der Fürst oder der Prinz hätten sich zu weiteren Aufträgen wirklich nicht bewogen gefunden?« fragte Sidonie mit Befremden.

»Ich muß das bejahen.«

»Wie, ist ihnen denn das Geschehene nicht bekannt geworden?« fuhr Sidonie mit Ueberraschung fort.

»So viel ich weiß, nein.«

»Das ist nicht denkbar! Der Fürst war ja ein Zeuge desselben, und Sie, Baron, sind mit dem Prinzen zu vertraut, um nicht zu wissen, daß ohne seine Billigung so etwas nicht geschehen konnte.«

»Ich habe Hoheit seit mehren Tagen nicht gesehen« -- bemerkte Mühlfels ausweichend.

»Und auch ~Sie~ wußten von ~jenem~ Besuch nichts?« fragte Sidonie und blickte ihn forschend an.

Mühlfels zeigte die aufrichtigste Miene, mit welcher er entgegnete:

»Ich versichere Eurer Hoheit, nicht das Geringste.«

»Unglaublich!« rief Sidonie und fragte alsdann: »Sie haben mir also nichts mehr von dem Fürsten zu sagen?«

»Durchaus nichts, und ich erlaube mir Eure Hoheit nochmals zu versichern, daß der Fürst bis jetzt den bewußten Vorfall nicht erfahren hat.«

»Freilich, das erklärt sein Verhalten,« bemerkte die Prinzessin und fragte: »Warum verschweigt man ihm denselben?«

Mühlfels zuckte die Achseln und schaute sie bedeutungsvoll an.

Sidonie verstand ihn und entgegnete:

»Ich verstehe Sie, Baron. Freilich, wer hätte den Muth, ihm dergleichen zu verrathen. Ob auch der ganze Hof beleidigt wurde, was hat das zu sagen? Man nimmt das schweigend in der Besorgniß hin, sich durch ein aufklärendes Wort die Gnade des künftigen Regenten zu verscherzen.«

»O, glauben Sie das nicht, Hoheit!« betheuerte Mühlfels mit Wärme. »Sie würden den Beweis dagegen erhalten haben, hätten Sie das Schauspiel nicht verlassen.«

»Wie das, Baron?« fragte Sidonie überrascht.

»Ich selbst war willens auf die Gefahr hin, mir des Prinzen Ungnade zuzuziehen, die Entfernung des Mädchens zu veranlassen,« entgegnete Mühlfels durchaus sicher.

»Sie, Baron? -- -- Und warum thaten Sie es nicht?«

»Weil ich durch maßgebende Personen davon abgehalten wurde; als ich trotzdem meine Absicht ausführen wollte, entfernten sich Hoheit. Damit hörte jedes Interesse für diese Angelegenheit für mich auf. Ueberdies war auf den Fürsten Rücksicht zu nehmen. Hoheit werden zugeben, daß jedes Aufsehen vermieden werden mußte, und dieses konnte mit Gewißheit bei dergleichen Maßnahmen erwartet werden. Das Entrée berechtigte einen Jeden zur Theilnahme an dem Schauspiel, und es war daher eine unangenehme Scene zu besorgen.«

Sidonie schwieg einige Augenblicke, alsdann fragte sie:

»Sie glauben also, daß der Prinz mit dem Besuch nicht bekannt war?«

»Ich wiederhole, daß ich mich außer Stande fühle, darauf zu antworten; ich versichere jedoch Eurer Hoheit, wie tief mein Schmerz und Unmuth war, Sie also leiden zu sehen.«

Die Prinzessin blickte nachdenkend vor sich hin, und es schien, als wäre sie durch seine Theilnahme an ihrem Kummer angenehm berührt worden.

Dies entging dem Baron nicht, und mit vermehrter Sicherheit und Wärme fuhr er fort:

»O, möchten Hoheit der Versicherung Ihres ergebensten Dieners ein wenig Glauben schenken, Sie würden ihn unendlich beglücken. O, ich habe es in jenem Augenblick erst ganz erkannt, daß es schmerzlicher ist, Diejenigen leiden zu sehen, denen unsere ganze Seele gehört, als selbst zu leiden. Klagen Hoheit mich nicht an, wenn ich das nicht früher that, was zu thun mich die Ehrfurcht und Verehrung für Sie drängte. Sah ich doch, wie Sie litten, schnitt es mir doch in die Seele, Sie einem ~solchen~ Wesen weichen zu sehen, Sie, die herrliche, hohe Frau, die über den heuchlerischen Larven des Hofes so hoch emporragt! O, gebieten Sie über meine schwachen Kräfte, Ihnen die gerechte Genugthuung zu verschaffen. Ich opfere Alles, Alles, meine Stellung, mein Leben, sobald Sie es fordern!«

Seine wohl berechneten Worte verfehlten ihre Wirkung auf Sidonie nicht; dieselben verriethen zu viel Aufrichtigkeit und Ergebung, um nicht glaubwürdig zu erscheinen und sie zugleich von Mühlfels’ gutem Willen zu überzeugen.

Die Arglose ahnte freilich nicht, wie viel Täuschung dabei stattfand, um ihr Vertrauen zu gewinnen und sie zur Mittheilung ihrer Absichten in dieser Angelegenheit zu veranlassen.

»Ich danke Ihnen, lieber Baron, für Ihre Ergebenheit, die mir sehr wohl thut; doch fern ist es von mir, das geringste Opfer von Ihnen anzunehmen. Was ich zu thun genöthigt bin, steht bereits in mir fest, und ich bedarf Ihrer Dienste dabei nicht; darum schätze ich jedoch Ihre Bereitwilligkeit, mir zu dienen, nicht minder. Auch zweifle ich nicht an Ihrem guten Willen, mir die gestrige üble Erfahrung zu ersparen, und erkenne, daß die besonderen Umstände mancherlei Rücksichten erforderten. Sie sind also in dieser Beziehung durchaus entschuldigt. Ueberlassen Sie alles Weitere mir. Ihr heutiger Besuch hat mir jede Hoffnung genommen, es könnte irgend welches Entgegenkommen stattfinden. Da ich darauf nun wol nicht rechnen kann, so bin ich genöthigt, persönlich zu handeln, und das will ich. Doch genug! Ich danke Ihnen nochmals, lieber Baron.«

Sidonie hatte in der Ueberzeugung von Mühlfels’ Aufrichtigkeit freundlich und wohlwollend und zugleich aufrichtiger zu ihm gesprochen, als sie dies unter anderen Umständen gethan haben würde. Als sie endete, reichte sie ihm als Zeichen des Dankes und der Entlassung die Hand.

Der Baron ergriff dieselbe und drückte sie an seine heißen Lippen, indem er zugleich, von seinen Empfindungen überwunden, vor ihr niedersank und in leidenschaftlichem Ton entgegnete:

»O, wie unglücklich bin ich doch, meine Dienste von Eurer Hoheit zurück gewiesen zu sehen!«

Sidonie entzog ihm rasch die Hand, die er noch immer hielt, und erwiderte in nicht eben angenehmer Ueberraschung über des Barons Verhalten mild und ruhig:

»Stehen Sie auf, Baron! Dieses Zeichen Ihrer Ergebenheit ist unpassend und ich liebe es nicht. Wenn es Sie beruhigt oder befriedigt, so verspreche ich Ihnen, falls ich Ihrer Dienste bedürftig sein sollte, dieselben nicht abzulehnen.«

»Tausend Dank für dieses gütige Wort!« rief Mühlfels und ergriff Sidoniens Hand, die er küßte, ohne daß Sie es zu verhindern vermochte. Sie ließ diese selbstgenommene Freiheit jedoch hingehen, die ja ein Zeichen seiner warmen Empfindungen für sie war, trat von ihm zurück und grüßte ihn mit Wohlwollen.

Mühlfels entfernte sich und ließ Sidonie in einer bewegten Stimmung zurück. Sein Benehmen und seine Worte hatten sie überzeugt, daß Aureliens Voraussetzung in Bezug auf seine Liebe zu ihr begründet sei; trotzdem vermochte sie nicht, ihn durch Kälte zurückzuweisen, obwol sie dazu herausgefordert wurde. Sie glaubte jedoch ihm gegenüber ein richtiges Verhalten beobachtet und ihn zu der Einsicht, daß sie weit entfernt sei, seine Huldigung anzunehmen, geführt zu haben. Mühlfels’ Mittheilungen hatten sie nämlich hinsichts des Fürsten aufgeklärt und ihr zugleich die Ueberzeugung eingeflößt, daß sie von diesem nichts zu erwarten hätte, da man ihm den Vorfall verschweigen würde. Um so bestimmter trat daher die Nothwendigkeit an sie heran, die mit Aurelien besprochene Absicht am nächsten Tage auszuführen.

Der Baron kehrte, von der Unterredung mit der Prinzessin sehr befriedigt, nach Hause. Ihre Freundlichkeit hatte ihn entzückt, noch mehr die gütige Aufnahme seiner etwas kecken Huldigung.

Dieser Umstand verleitete ihn, trotz der Kenntniß von Sidoniens Neigung für Römer, an einen tieferen Eindruck zu glauben, den seine Persönlichkeit und Ergebenheit auf sie hervorgerufen hatten.

So groß war seine Leidenschaft, aber auch seine Eitelkeit, um dergleichen Hoffnungen Raum zu geben! -- Ueberdies hatte er seine Absicht vollkommen erreicht, und das war in diesem Augenblick höchst wichtig für ihn.

Er fand den Chevalier bereits seiner harrend, und dieser war nicht wenig erfreut, als ihm Mühlfels Sidoniens Absicht, sich persönlich Genugthuung zu verschaffen, mittheilte.

»Benutzen Sie nun meine Nachricht nach Ihrem Ermessen, lieber Chevalier, und erinnern Sie den Fürsten zugleich, daß die Prinzessin irgend einen zufrieden stellenden Schritt erwartet; ob von ihm selbst oder dem Prinzen, weiß ich nicht. Vielleicht wäre es gut, ihr zuvor zu kommen; doch das müßten wir dem Fürsten überlassen,« schloß Mühlfels seine Mittheilung.

Der Chevalier lobte seine Klugheit, drückte ihm in den wärmsten Worten seinen Dank für die erhaltenen so wichtigen Mittheilungen aus und beeilte sich alsdann, den Fürsten mit dem Erfolg seiner Sendung bekannt zu machen. Auf seinem Gange dahin erwog er, wie nothwendig es sei, Serenissimus den bekannten Vorfall zu verrathen, da er ihm denselben nicht mehr verschweigen durfte. Es war dies seine Pflicht. Denn wie wir wissen, beehrte ihn der Fürst mit seinem besondern Vertrauen in Angelegenheiten der fürstlichen Familie und des Hofes.

»Es ist mir lieb, daß sich die Prinzessin wieder wohl fühlt,« bemerkte der Fürst, nachdem ihm Boisière hierüber berichtet. »Unsere Prinzessin,« fuhr er fort, »besitzt ein sehr erregliches Wesen und es könnte ihr nichts schaden, ein stärkendes Bad zu besuchen.«

Der Chevalier hüstelte ein wenig, ohne des Fürsten Worte zu bestätigen, indem er zugleich nachdenkend auf den Boden blickte, was er zu thun pflegte, wenn er gefragt zu werden wünschte. Der Fürst bemerkte das und fragte:

»Sind Sie nicht auch meiner Meinung?«

»Gewiß, mein Fürst,« entgegnete Boisière zurückhaltend.

»Wir haben in der gestrigen Erkrankung den besten Beweis, wie leicht Hitze und Geräusch die Prinzessin in hohem Maß angreifen, und solchen Nerven thut ein Bad gut,« fuhr der Fürst fort.

»Vielleicht, daß noch andere Umstände darauf einwirkten« -- bemerkte Boisière hüstelnd.

»Glauben Sie?«

»Die Vermuthung dazu liegt nahe.« --

»Wirklich? Und was vermuthen Sie?«

»Ich halte mich verpflichtet, meinen gnädigsten Fürsten auf einen Vorfall aufmerksam zu machen, der gestern im Schauspiel stattgefunden hat und seinem Auge entgangen ist, und der, wie ich erfahren, die frühe Entfernung der Prinzessin hervorgerufen hat.« --

»In der That, Chevalier?« -- fragte der Fürst überrascht.

»Ich betheure, es ist so.«

»So reden Sie! Was ist geschehen? Ich habe nicht das Mindeste bemerkt, das eine solche Wirkung auf die Prinzessin hätte ausüben können,« fiel der Fürst erregt ein.

»Es scheint eine kleine Unvorsichtigkeit von Seiten des Prinzen Hoheit dabei im Spiel zu sein« -- entgegnete Boisière, hüstelte ein wenig und fügte alsdann mit gedämpftem Ton hinzu: »Man hat die Favorite des Prinzen in einer Loge bemerkt.« --

»Was sagen Sie!« fuhr der Fürst auf.

Boisière nickte mit dem Haupt und bemerkte, die Hand auf die Brust legend, mit einer Verneigung:

»Es ist so, mein Fürst.«

»Welche Unvorsichtigkeit!« rief dieser und fragte dann: »Konnte man die Person nicht zur rechten Zeit entfernen?«

»Man erkannte sie zu spät und dann --«

»Ich merke, dann that man es nicht, weil man den Prinzen fürchtet!« fiel der Fürst ein.

»Das Mädchen war anständig gekleidet, hatte ihr Billet gelöst und benahm sich gut,« -- erwiderte der Chevalier.

»Wer aber hat die Prinzessin damit bekannt gemacht?«

»Ich vermag das nicht zu sagen, doch weiß ich, daß die etwas auffällige Theilnahme des Publikums für ihre Hoheit und die Favorite die Prinzessin veranlaßte, sich darnach zu erkundigen, worauf sie in großer Indignation die Loge verließ.«

»Das ist in der That ein ganz fataler Fall; denn bei der großen Reizbarkeit der Prinzessin kann man mit Bestimmtheit erwarten, daß sie die Sache nicht ruhig hinnehmen wird.«

»So ist es, mein Fürst. Wie ich erfahren, gedenken sich Hoheit Genugthuung zu verschaffen.«

»Wirklich, wirklich? -- Freilich, es ist ihr das nicht zu verdenken. Nun, da habe ich wieder eine üble Scene zu erwarten,« bemerkte der Fürst unmuthig und fügte alsdann hinzu: »Der Prinz treibt es in der That zu weit und meine Nachsicht hat ihn bereits zu sehr verwöhnt. Ich übersehe Vieles; aber Alles muß seine Grenzen haben. Ein solcher Besuch beleidigt nicht nur die Prinzessin, sondern den ganzen Hof. Das muß anders werden!«

Erregt schritt er durch das Gemach und fragte nach einer kleinen Pause des Nachsinnens:

»Hat Ihnen die Prinzessin selbst ihren Vorsatz mitgetheilt?« --