Prinzessin Sidonie (Band 2/3)

Part 8

Chapter 83,508 wordsPublic domain

Mühlfels fühlte sich dadurch jedoch noch nicht befriedigt. Einzelne Andeutungen, die er von ihr vernommen, hatten ihm ihren früheren Umgang mit dem Grafen verrathen, und er wurde dadurch zu dem Entschluß geleitet, sich darüber in Sidoniens Heimath genügende Aufklärung zu verschaffen. Er sagte sich, daß der Besitz derselben ihm unter Umständen von großem Werth sein könnte. Er gedachte daher, sich in kurzer Zeit unter einem schicklichen Vorwand dahin zu begeben, ohne jedoch seine Reise weder Sidonien oder jemand Anders zu verrathen. Dieselbe mußte ein Geheimniß bleiben, damit Niemand eine Vermuthung von seinen Absichten gewann.

Was den von seiner Mutter vorausgesagten Briefwechsel zwischen Sidonien und dem Grafen anbetraf, so gelang es seinen Nachforschungen, zu entdecken, daß derselbe seine Vermittlerin in Aurelien gefunden hatte. Es kam nun darauf an, sich einen dieser Briefe zu verschaffen und den Inhalt derselben kennen zu lernen.

Dies gelang seinen unausgesetzten Bemühungen wirklich; indessen sah er sich getäuscht. Weder des Grafen noch Aureliens Briefe enthielten etwas von Bedeutung, wenngleich daraus auch Römer’s und Sidoniens Interesse für einander zu entnehmen war.

Er erkannte die große Vorsicht, welche die Schreibenden zu beobachten für gut fanden, und entnahm aus derselben um so mehr die Ueberzeugung eines geheimen Einverständnisses.

Der Prinzessin Name war in den Briefen niemals genannt worden, sondern sie wurde als Freundin bezeichnet, doch war unschwer zu erkennen, wer dieselbe sei. Ebenso verriethen des Grafen Andeutungen das wärmste Interesse für Sidonie. Dies genügte, Mühlfels und die Baronin in ihren Entschlüssen und Ansichten über diese Angelegenheit noch mehr zu befestigen. Um in den Betheiligten keinen Argwohn zu erregen, war Mühlfels bedacht, ihnen die unterschlagenen Briefe wieder zukommen zu lassen. In solcher Weise vorbereitet, ersah der Baron eine geeignete Gelegenheit und begab sich nach Sidoniens Heimath, und seinen eifrigen Nachforschungen daselbst gelang es in der That, Kenntniß von dem ehemaligen vertraulichen Umgang der Prinzessin mit dem Grafen zu erhalten. Ebenso erfuhr er der Prinzessin Schmerz und Weigerung, sich mit dem Prinzen zu vermählen.

Diese so wichtigen Entdeckungen waren mehr als hinreichend zu einer sichern und erschöpfenden Beurtheilung des gegenwärtigen Verhältnisses der Liebenden; ebenso wußte er sich jetzt auch Sidoniens Theilnahmlosigkeit für den Prinzen zu erklären. Bei seiner Rückkehr beeilte er sich, seiner Mutter über Alles Mittheilungen zu machen, und es darf kaum bemerkt werden, mit welcher großen Freude sie dieselben aufnahm.

Erfreut, jetzt mit größerer Sicherheit handeln zu können, war er entschlossen, dies ohne Säumen zu thun, worin ihm die Baronin durchaus beistimmte.

Sidonie sowol als Aurelie waren weit entfernt, die die Erstere bedrohenden Gefahren zu ahnen. Nicht das leiseste Zeichen verrieth, daß man Sidoniens Benehmen an jenem Abend anders, als sie es wünschten, gedeutet hätte. Was die Baronin und deren Sohn anbelangt, so wissen wir bereits, daß das Verhalten derselben sie vollkommen getäuscht hatte.

Diese Beruhigung that Sidonien in ihrer Trauer wohl, ebenso war es ihr angenehm, daß der Prinz sich durchaus fern von ihr hielt. Sie sah ihn nur selten, und auch dann stets zufällig, und erschien nur bei Hoffesten und Assembleen in seiner Begleitung, wobei dies nicht zu umgehen war, da es die Sitte also erheischte. Sie wechselten alsdann kaum einige Worte, Beide nur bedacht, dem Zwange sobald als möglich enthoben zu werden.

Aus dieser Ruhe der Trauer und Entsagung sollte Sidonie leider auf die empfindlichste Weise gestört und zugleich zu einem Schritt veranlaßt werden, an welchen sich die bedeutsamsten Folgen für ihr künftiges Geschick knüpften.

Der Winter war dem Prinzen in dem vertraulichen Umgange mit Marianen rasch dahin gegangen. Seine Zuneigung für dieselbe hatte sich während dessen nur noch gesteigert, und die Eingeweihten erstaunten über die Macht, mit welcher das einfache Mädchen ihn so dauernd an sich zu fesseln verstand. Denn man hatte seitdem nichts von einer neuen Liaison des Prinzen vernommen, obgleich das schöne Fräulein von Lieben die Gelegenheit nicht versäumte, sich und ihre Reize bei der Baronin dem Prinzen zu präsentiren. Dieser beachtete sie jedoch nicht und begnügte sich mit seinem Waldvogel, der ihm vor wie nach seine Lieder sang und in launigen Schelmstücken unerschöpflich war.

Zeigte sich jedoch das Mädchen in dieser Beziehung noch ganz so wie ehemals, so war doch bereits mit ihrem Charakter eine wesentliche Veränderung vorgegangen. Mit jedem neuen Tage den Einfluß mehr erkennend, welchen sie über den Prinzen ausübte, regten sich in ihr allerlei neue Wünsche, die der Prinz zu erfüllen sich beeilte.

Dieser Umstand mußte natürlich sehr bald dahin führen, ihr die früheren Belustigungen und Zerstreuungen mit ihren Vögeln und Affen, Spiel und Gesang langweilig erscheinen zu lassen und das Verlangen nach anderen Zerstreuungen in ihr zu erwecken.

Seitdem sie jenes prächtige Kleid getragen und der Prinz sie durch die Versicherung beglückt, daß sie schöner als die schönste Hofdame wäre, erwachte das lebhafte Verlangen in ihr, sich auch durch den Augenschein davon zu überzeugen.

Darum bat sie den Prinzen wiederholt, ihr zu gestatten, die Stadt und jene öffentlichen Vergnügungen, bei welchen sich auch Hofpersonen einfanden, zu besuchen. Ihre Bitte kam dem Prinzen sehr ungelegen, da für ihn, wie wir wissen, gerade in dem Geheimniß seines Umganges der eigentliche Reiz desselben lag. Erschien Mariane jedoch öffentlich, so mußte des Mädchens auffällige Schönheit die Welt zum Nachforschen veranlassen, und die Entdeckung dieses Verhältnisses konnte nicht ausbleiben.

Darum war er bedacht, sie durch eine Menge der kostbarsten Geschenke zu beschwichtigen, ohne jedoch seinen Zweck zu erreichen.

Mariane zeigte nicht die mindeste Freude darüber, sondern schmollte mit ihm und ihrer Umgebung, und bestand eigensinnig auf der Erfüllung ihres Verlangens. Sie that dies in dem Bewußtsein ihrer Macht über den Prinzen und wußte nur zu gut, daß er ihr früher oder später trotz seiner Weigerung dennoch zu Willen sein würde.

Und sie täuschte sich hierin in der That nicht.

Der Prinz war ein viel zu schwacher Charakter, um sich ihr gegenüber behaupten zu können. Er vermochte ihre üble Laune nicht lange zu ertragen und unterlag endlich in einer schwachen Stunde ihren verführerischen Bitten und Schmeicheleien. Er stellte jedoch die Bedingung, daß sie bei ihren Besuchen in der Stadt so einfach als möglich gekleidet erscheinen sollte, um jedes Aufsehen zu vermeiden, und war überdies bedacht, Madame Voisin, die Mariane bei diesen Ausgängen begleiten sollte, die genauesten Verhaltungsregeln zu geben, damit der von ihm gewünschte Zweck sicher erreicht würde.

Mariane ging mit Freuden auf alle seine Bedingungen ein und beobachtete genau seine Wünsche; trotz dieser bescheidenen Zurückhaltung zog das schöne Mädchen dennoch die öffentliche Aufmerksamkeit sogleich auf sich, und so geschah es, daß man sehr bald ihre Verhältnisse erforscht hatte. Dieser Umstand war jedoch nur zu sehr geeignet, daß die Welt ihr, wo sie sich zeigte, ein um so größeres Interesse schenkte.

Weder Marianen noch ihrer Begleiterin war dies entgangen; auf der Ersteren Wunsch wurde es dem Prinzen jedoch verheimlicht, da eine solche Nachricht ihn nicht nur unangenehm berührt hätte, sondern sie auch fürchten mußten, auf seinen Befehl die beliebten Besuche einzustellen.

Sie theilten ihm daher nur Erwünschtes mit und erreichten dadurch vollkommen ihren Zweck, indem der Prinz Marianen in dieser Beziehung fortan immer größere Freiheiten gestattete, da es ihm Freude bereitete, ihr Herz in solcher Weise erheitert zu sehen.

Das aber hatte das schlaue Mädchen nur gewollt; denn sie fühlte sich durch die erlaubten Genüsse durchaus nicht befriedigt, sondern ihre Wünsche waren noch auf ganz andere Dinge gerichtet.

Der Prinz erkannte die ihm gespielte Täuschung um so weniger, da Niemand die Pflicht und Neigung fühlte, ihn darüber aufzuklären, von der Vermuthung erfüllt, Marianens öffentliches Erscheinen habe seine Zustimmung. Seine Vorliebe, sein Verhältniß geheim zu halten, kannten überdies die Wenigsten. Die fröhliche Laune und Zärtlichkeit, der er sich seit Marianens Besuchen in der Stadt von ihr zu erfreuen hatte, waren ohnehin sehr geeignete Momente, ihn von jedem Forschen fern zu halten, indem er den Anlaß dazu lediglich in der ihr bewilligten Freiheit suchte.

Und das listige Mädchen sorgte dafür, daß sein Behagen in keiner Weise gestört wurde. Von Madame Voisin hatte sie keinen Verrath zu fürchten, da diese ihr mehr als dem Prinzen ergeben war; denn längst hatte diese Dame erkannt, daß ihre Zukunft lediglich von der Gunst der allmächtigen Favoritin abhing.

In solcher Weise gesichert, ging Mariane fortan unbekümmert ihren Neigungen nach, stets bedacht, ihre geheimen Wünsche bei der ersten sich zeigenden Gelegenheit zu befriedigen.

Mehre Wochen waren seitdem verstrichen. Der Frühling machte sich bereits durch Lerchengesang, knospende Gesträuche, die ersten Gartenblumen und eine milde Witterung geltend und hatte die Residenzbewohner in’s Freie gelockt, um sich zu Wagen, zu Roß und zu Fuß in der Stadt und den Anlagen zu ergötzen. Ueberall sah man ein reges, vergnügtes Treiben, das jedoch nicht allein durch das schöne Wetter, sondern zugleich auch durch den Umstand hervorgerufen worden war, sich am Abend einer ganz besondern Lustbarkeit erfreuen zu können, welche in dem von den vornehmsten Adelspersonen arrangirten Carrousselreiten bestand, zu welchem außer dem Hof auch das Publikum Zutritt hatte. Diese Vorstellung sollte in jeder Beziehung durch Pracht und Glanz ausgezeichnet sein, und so konnte es nicht fehlen, daß ein Jeder, ob Mitwirkender, ob Zuschauer, darauf bedacht war, den Erwartungen in der besten Weise zu entsprechen, und dadurch jenes bewegte Leben erzeugt wurde.

Schon lange vor dem Beginn des Schauspiels strömten die Zuschauer nach der zu dieser seltenen Vorstellung prächtig eingerichteten Reitbahn, ein Jeder beglückt, gegen hohes Eintrittsgeld einen Platz erhalten zu haben. Denn um ein vornehmes Publikum zu erzielen, war das Entrée sehr hoch gestellt, und trotzdem noch nicht einmal leicht zu erhalten.

Alle Räume der Bahn waren bald mit reich und glänzend geschmückten Damen und Herren besetzt, die in angenehmer Erregung dem Erscheinen des Hofes und dem Beginn der Vorstellung entgegen harrten. Wie gewöhnlich unter solchen Umständen belebte eine ziemlich laute Unterhaltung die in allen Farben, Sammet und Seide, Gold, Silber und Edelsteinen prangende Menge, und alle jene Beziehungen machten sich dabei geltend, wie sie der damalige frivole Zeitgeist bedingte.

Es wurde gescherzt, geliebelt, intriguirt, geklatscht und vor allen Dingen Vermuthungen über die Leistungen der Damen und Herren ausgesprochen, die sich heute dem Hof und Publikum als Reitkünstler vorzustellen so kühn waren. Man kannte die meisten derselben, und so war das Interesse ein um so größeres.

Von den Hofleuten fehlte fast Niemand. Kurz vor Beginn der Vorstellung erschien auch Sidonie in Begleitung der Baronin, Aureliens und anderer Hofdamen, und mit herzlicher Theilnahme wandte sich ein jedes Auge der edeln, anmuthigen Erscheinung zu, deren bleiches Antlitz nur zu sehr geeignet war, das Interesse für sie zu erhöhen, da man den Anlaß dazu genügend zu kennen glaubte.

Dieses Interesse wurde jedoch schon nach wenigen Augenblicken durch eine andere Dame beeinträchtigt, die in einer der gewöhnlichen Logen saß und durch ihre Jugend und Schönheit, vor Allem jedoch durch ihren kostbaren Anzug sofort die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Diese Wirkung wurde noch durch den Umstand erhöht, daß man sie nicht kannte, nirgends gesehen hatte, obwol die reiche Kleidung und die blitzenden Diamanten ihres Halsbandes und der Armbänder auf Reichthum und Rang schließen ließen.

Ein sich rasch fortspinnendes Fragen und Erkundigen nach ihr durchschwirrte die Menge, während man die Fremde zugleich ziemlich unbefangen musterte.

Dieser entging dies nicht, und es hatte den Anschein, als ob ihr eine solche Aufmerksamkeit nicht eben unlieb wäre; denn sie kam den Blicken ihrer Beschauer eben so dreist entgegen, was namentlich den lorgnettirenden Herren sehr zusagte.

Zugleich machte sich in ihrem von Erregung gerötheten Antlitz eine fast kindliche Neugier geltend; denn sie wandte den lieblichen Lockenkopf nach allen Seiten und betrachtete sich die Räume sowol als die Personen mit sichtlichem Interesse. Ab und zu richtete sie an eine hinter ihr sitzende ältere Dame ein und die andere Frage, und schien sich von dieser über Personen und Gegenstände Auskunft geben zu lassen, um alsdann mit gesteigertem Behagen ihre früheren Beobachtungen wieder aufzunehmen. Sie wurde darin durch das Erscheinen des Fürsten mit seiner Gemahlin und dem ganzen Hofstaat angenehm unterbrochen, indem sich zugleich ihre Aufmerksamkeit jetzt lediglich auf diese lenkte. Beim Eintreten des Fürsten ließ das Orchester einen rauschenden Marsch ertönen, und wenige Augenblicke darauf erschien der glänzende Zug der Reitkünstler, der die Bahn durchritt und sich alsdann vor der Hofloge aufstellte.

Lauter Beifall empfing denselben, der wohlverdient war. Denn die Schönheit der Personen, die Pracht der Anzüge, der goldene und silberne Schmuck der Pferde, die ausersehene Vortrefflichkeit derselben und die eben so geschmack- als wirkungsvolle Anordnung des Zuges, der, übergossen von dem Licht Tausender von Kerzen, einen wundervollen Anblick gewährte, waren in der That von so seltener Vollkommenheit, wie man dergleichen noch nie gesehen hatte.

Bald darauf begann alsdann die Vorstellung, die in verschiedene Tänze, Ringelstechen und ähnliche Leistungen zerfiel. Die an sich vortreffliche Ausführung derselben fesselte anhaltend die Aufmerksamkeit der Zuschauer, bis eine Pause der Erholung für diese und die Mitwirkenden eintrat.

Nachdem man die empfangenen angenehmen Eindrücke besprochen und allerlei kritische Bemerkungen daran geknüpft hatte, wandte man das Auge wieder der fremden Dame zu, und es regte sich auf’s Neue das Verlangen, deren Namen und Stand kennen zu lernen, da die in dieser Beziehung bereits angestellten Nachforschungen fruchtlos geblieben waren.

Die Bezeichnete schien von dem genossenen Schauspiel sehr erregt zu sein; ihre Augen strahlten von Lust, ihre Wangen waren hoch geröthet, und lebhaft unterhielt sie sich mit der bereits bezeichneten Dame.

Während dies geschah, flog plötzlich ein heimliches bedeutsames Wort von Munde zu Munde und steigerte die Aufmerksamkeit des Publikums für die Fremde in hohem Grade.

Fast gleichzeitig richteten sich auch die Blicke nach der Hofloge und auf Sidonie, die sich mit der Baronin unterhielt und davon anfangs nichts bemerkte, bis das Verhalten der Zuschauer sie endlich darauf aufmerksam machte und veranlaßte, nach der Ursache dieser Erscheinung zu forschen. Sie entdeckte dabei die fremde Dame und es entging ihr nicht, daß sich das Interesse des Publikums zwischen ihr und dieser theilte. Es schien ihr, als ob man einen Vergleich mit ihr und jener anstellte, oder sie in irgend welche Beziehung zu derselben gebracht hatte.

Das fiel ihr auf, und sie erkundigte sich zunächst bei der Baronin, wer die Fremde wäre.

Diese entgegnete verlegen, dieselbe nicht zu kennen, und ebenso thaten es die anderen Personen, an welche sich Sidonie mit der nämlichen Frage wandte, die gleich der Baronin eine auffällige Verlegenheit dabei verriethen.

Dieses Verhalten steigerte Sidoniens Verlangen, Aufklärung über die Dame und das besondere Benehmen des Publikums zu erhalten, indem sich ihrer zugleich eine erschreckende Ahnung bemächtigte.

Auch die Fremde war aufmerksam geworden, schaute nach der Prinzessin, musterte diese und deren Umgebung, während dessen sich in ihren Zügen ein Ausdruck der Freude geltend machte.

Länger vermochte Sidonie die sie quälende Ungewißheit nicht zu ertragen, und sie bat Aurelie heimlich, über die Dame sogleich Erkundigungen einzuziehen. Sie fühlte sich durch das dreiste Benehmen derselben verletzt, was auch in Bezug auf die sie umgebenden Damen der Fall war, die sich überdies noch durch die Schönheit und den prachtvollen Anzug der Fremden wesentlich beeinträchtigt fühlten.

Man warf sich bedeutsame Blicke zu, tauschte auch flüchtig ein heimliches Wort aus, und es verrieth sich sogar in einzelnen Gesichtern Unmuth und Aerger.

Alles das entging der Prinzessin nicht, und mit um so größerer Ungeduld sah sie Aureliens Rückkehr entgegen, die sich in Folge ihres Wunsches nach dem Corridor begeben hatte.

Aurelie traf daselbst Mühlfels mit Boisière und ein paar anderen Hofherren, die in einer heimlichen, vertraulichen Unterhaltung begriffen waren.

Der Baron entdeckte sie sogleich, und in der Voraussetzung, ihr vielleicht einen Dienst leisten zu können, nahte er sich ihr sogleich und fragte nach ihren Wünschen. Das kam Aurelien sehr gelegen, und sie zögerte nicht, ihm dieselben zu erkennen zu geben.

»Ich hatte es erwartet,« flüsterte er ihr bewegt zu. »Die Dreistigkeit dieses Mädchens ist in der That ganz beispiellos und hat eine allgemeine Entrüstung hervorgerufen. Ich begreife nicht, wie der Prinz so etwas gestatten konnte, da er doch wußte, daß sowol die Prinzessin als auch der Hof anwesend sein würden.«

»Jetzt ahne ich, wer die Fremde ist!« fiel Aurelie erschreckt ein.

»Und Ihre Ahnung täuscht Sie leider nicht.«

»Wie wird die Prinzessin diese Nachricht aufnehmen!« bemerkte Aurelie betrübt.

»Sie müssen ihr die Wahrheit verheimlichen.«

»Das mag ich nicht, denn ich fürchte, sie ahnt bereits, wer die Dame ist.«

Mühlfels zog bedauernd die Achseln und entgegnete: »So weiß ich in der That nicht zu rathen, und es wird eine Scene geben, die nun nicht mehr ausbleiben kann.«

»Hat man denn nicht daran gedacht, das Mädchen zu entfernen?«

»Allerdings, doch Niemand will sich dazu hergeben; man fürchtet sich dadurch des Prinzen Ungnade zuzuziehen. Auch scheut man das Aufsehen, das eine solche Maßnahme erregen würde.«

»So muß ich mich beeilen, der Prinzessin die Wahrheit zu sagen, denn es bleibt ihr unter solchen Umständen nichts Anderes übrig, als sich dieser entwürdigenden Lage so schnell als möglich zu entziehen!« rief Aurelie erregt und unmuthig, und kehrte zu Sidonien zurück, ohne auf des Barons weitere Vorstellungen zu achten.

»Welche herrliche Vortheile müßte mir der heutige Abend verschaffen, wäre dieser Graf nicht,« sprach Mühlfels unmuthig vor sich hin und gesellte sich alsdann den auf ihn harrenden Herren zu, denen er mit wichtiger Miene das eben Vernommene mittheilte und daran die Vermuthung eines Eclats knüpfte, zu welchem die Prinzessin durch die üble Nachricht veranlaßt sein würde. Man stimmte ihm darin bei und erwog zugleich, ob es nicht gerathen sei, demselben vorzubeugen; Alle aber zuckten die Achseln; Niemand von ihnen wollte für die arme Sidonie eintreten, und wir erkennen daraus, wie sehr hilflos dieselbe war.

Mühlfels täuschte sich in seiner Voraussetzung nicht, denn kaum hatte Sidonie das außergewöhnlich erregte Antlitz ihrer Freundin erblickt, so erkannte sie auch, sich in Bezug auf die Fremde nicht getäuscht zu haben.

Als ihr Aurelie mit wenigen Worten den Charakter der Letzteren bezeichnet hatte, erbleichte sie und schien rathlos; jedoch nur für einige Augenblicke; alsdann reichte sie Aurelien den Arm und bat sie mit so lauter Stimme, daß sie von ihrer Umgebung gehört werden konnte, sie nach dem Wagen zu geleiten, da sie sich nicht wohl fühle. Sie trug der Baronin zugleich auf, dem fürstlichen Paar die Meldung über den Grund ihrer Entfernung zu machen, und verließ alsdann an Aureliens Arm die Loge. Rasch schritt sie an den noch immer berathenden Herren vorüber, die sich schweigend und überrascht verneigten, nicht ohne zu bedauern, kein Mittel zur Vermeidung dieses Eclats gefunden zu haben.

Sidoniens plötzlicher Aufbruch erregte natürlich sowol bei ihrer Umgebung als auch bei den Zuschauern Aufsehen, und ehe die Prinzessin noch ihren Wagen erreicht hatte, durchlief bereits das Gerücht davon die Räume.

Die Meisten erriethen leicht, durch welche Umstände Sidoniens Entfernung hervorgerufen worden war, und billigten dieselbe mit vollem Herzen, und man unterhielt sich darüber so lange in vertraulicher Weise, bis die wieder beginnende Vorstellung das Interesse beanspruchte.

Der Fürst und seine Gemahlin, die von Alledem nichts ahnten, bedauerten Sidoniens unerwarteten Aufbruch um so mehr, da sie eben beabsichtigten, sie zu sich bitten zu lassen, um die Pause durch Unterhaltungen mit ihr auszufüllen.

Wir haben früher erfahren, wie leicht Sidonie durch Hitze und Geräusch angegriffen wurde; das fürstliche Paar war damit bekannt, und so hatte deren frühe Entfernung für sie durchaus nichts Auffälliges.

Wir kehren jetzt zu der fremden Dame zurück, die nach Sidoniens Entfernen durchaus unbefangen und mit vermehrtem Vergnügen der Vorstellung bis zum Schluß beiwohnte, ohne durch irgend Jemand darin gestört zu werden. Daß diese Dame niemand Anders, als Mariane war, darf wol kaum bemerkt werden.

Hören wir nun, welche Umstände sie verleitet hatten, an einem Ort zu erscheinen, an welchem sich, wie sie wußte, sowol der Hof, als auch die Elite des Adels und die Vornehmsten der Stadt versammeln würden.

Wir haben früher erfahren, daß ihr geheimes Dichten und Trachten darauf gerichtet war, sich persönlich zu überzeugen, ob sie wol, wie der Prinz gesagt, durch ihre Schönheit und prächtige Kleidung die Damen des Hofes verdunkeln würde. Dazu bot sich jedoch keine Gelegenheit dar, da der Prinz ihr den Besuch aller der Orte verboten hatte, an welchen der Hof erschien. Sie war untröstlich darüber und bereits entschlossen, gegen das erhaltene Verbot zu handeln. Ihre Eitelkeit prickelte sie unablässig, und nur von dieser bestimmt, fiel es ihr nicht ein, die Folgen zu erwägen, die ein solcher Besuch, namentlich in einer kostbaren und auffallenden Kleidung nach sich ziehen mußte. Da vernahm sie die Nachricht von der bevorstehenden Festlichkeit, die man ihr zugleich in so verlockender Weise schilderte, daß das Verlangen, derselben beizuwohnen, sich bis zur Leidenschaft steigerte. Das Schauspiel würde alle ihre Wünsche befriedigt haben, denn nicht nur fand sie bei demselben die Gelegenheit, den ganzen Hof und die höchsten Adelspersonen zu sehen, sondern sie konnte dabei auch zugleich das kaum mehr beherrschte Verlangen, in ihrer prächtigen Kleidung den gewünschten Vergleich anzustellen, erfüllen. Und wie groß mußte überdies das durch das Schauspiel gebotene Vergnügen sein, von welcher Pracht und Schönheit sich ihre lebhafte Phantasie die ausschweifendsten Vorstellungen machte.

Seitdem sie die erste Kenntniß von dem Schauspiel erhalten hatte, befand sie sich in einer unaufhörlichen Unruhe, lediglich darauf sinnend, ob es ihr nicht gelingen dürfte, das erstere besuchen zu können.

Vor allen Dingen bemühte sie sich jedoch, den Prinzen für ihren Wunsch zu gewinnen; dieser jedoch lehnte ihre Bitte mit dem entschiedenen Bemerken ab, daß sie aus den angegebenen Gründen auf den Besuch durchaus verzichten müßte. Er sprach zugleich sein Bedauern darüber aus, erklärte aber auch, sich den Verhältnissen fügen zu müssen. Marianens weitere Vorstellungen blieben gleichfalls fruchtlos, wodurch ihr ganzer Unmuth erregt wurde.