Part 7
Dem Vortrage des Musikers folgte ein kleines Concert von einzelnen Mitgliedern der Hofkapelle, nach dessen Beendigung die gewöhnliche zwanglose Unterhaltung wieder aufgenommen wurde, an welcher sich auch Sidonie lebhaft betheiligte.
Sie hatte einige Damen und Herren, darunter auch den Grafen, um sich versammelt und besprach mit ihnen ein von dem Adel zu veranstaltendes Carrousselreiten, das in nächster Zeit stattfinden sollte und das Interesse, namentlich in den höheren Gesellschaftskreisen, ganz besonders in Anspruch nahm, als sich ein Diener nahte und dem Grafen ein Zeichen gab, daß er ihn zu sprechen wünschte. In der nahe liegenden Voraussetzung, daß nur ein wichtiger Anlaß die Ursache dazu gegeben haben könnte, zögerte der Graf nicht, sich dem Diener zu nähern. Zu seiner Ueberraschung vernahm er, daß soeben ein Bote aus der Heimath des Grafen angelangt sei, der ihn sogleich zu sprechen wünschte, da die Botschaft nicht den geringsten Verzug gestatte.
In der Besorgniß, eine üble Nachricht zu vernehmen, begab sich der Graf sofort zu dem Harrenden, und seine Besorgniß steigerte sich rasch, als er in dem Boten einen Jäger seines Vaters erkannte, dessen Aussehen die Eile und Anstrengung verriethen, mit welcher er den ziemlich weiten Weg bis zu der Residenz zurückgelegt haben mußte.
»Ihr bringt mir keine gute Nachricht!« rief Römer ihm entgegen, und der Diener bejahte mit ernster Miene. »Was ist geschehen?« fragte der Graf rasch.
»Euer Gnaden Vater ist plötzlich erkrankt und wünscht Ihre schleunige Rückkehr.«
»So ist sein Zustand bedenklich?«
»Der Arzt meint es.«
Der Graf bekämpfte seine Bestürzung und beauftragte den Jäger alsdann, sich sofort in seine Wohnung zu begeben und seinen Diener anzuweisen, ohne Verzug Alles zur Abreise vorzubereiten. In kurzer Zeit würde er zurückkehren und alsdann sogleich aufbrechen.
Der Jäger entfernte sich, und der Graf verharrte einige Augenblicke in dem Vorzimmer. Die erhaltene Nachricht hatte ihn tief gebeugt; er mußte sich sammeln, um der Prinzessin mit der erforderlichen Ruhe wieder nahen und ihr Lebewohl sagen zu können.
Eine schmerzliche Ahnung hatte ihn ergriffen.
Sein Vater war bejahrt und daher ein übler Ausgang der Krankheit um so mehr zu fürchten, da der Arzt dieselbe bereits als bedenklich bezeichnet hatte.
Er durfte daher mit der Abreise nicht säumen, und so begab er sich bald darauf zu der Prinzessin, um ihr die traurige Botschaft zu bringen. Er wußte, wie sehr sie dadurch erschreckt werden würde, und war daher bedacht, ihr dieselbe in der schonendsten Weise mitzutheilen.
Mit dem ganzen Aufwand seiner Beherrschungskraft nahte er sich ihr; seine Erschütterung war jedoch viel zu tief, als daß er dieselbe hinreichend zu verbergen vermochte, die sein bleiches Antlitz und seine besorgten Mienen überdies verriethen.
Sidonien war die Veranlassung seiner Entfernung nicht entgangen und, gleich ihm von einer übeln Ahnung ergriffen, sah sie seiner Rückkehr mit Unruhe entgegen. Bei seinem Eintreten hatte ihr Auge sogleich in seinem Antlitz geforscht und seine tiefe Bewegung errathen, die sie mit der Gewißheit erfüllte, daß Römer irgend ein besonders wichtiges Ereigniß betroffen haben müßte. Ihre Liebe ließ sie die nothwendige Vorsicht vergessen. Als er nahte, ging sie ihm ein paar Schritte entgegen und erkundigte sich mit der sorglichsten Theilnahme nach dem Geschehenen.
Der Graf theilte ihr mit wenigen Worten die traurige Botschaft und seine Absicht, sogleich abzureisen, mit, und obgleich er dies in ziemlich ruhiger Weise that, wurde Sidonie dadurch dennoch so sehr bewegt, daß sie ihre warmen Empfindungen für ihn nicht zu verbergen vermochte. Der zärtliche Blick, mit welchem sie sein Auge suchte, hätte dazu schon hingereicht, wenn sich nicht in ihrem erbleichten Antlitz ihr großes Interesse für ihn zu erkennen gegeben hätte. Zwar kehrte ihre Besonnenheit rasch zurück, und sie bemühte sich, so viel als möglich unbefangen zu scheinen; leider zu spät, denn das Geschehene hatte ihre Empfindungen den sie Beobachtenden leider bereits verrathen.
Die gegenwärtigen Verhältnisse gestatteten ihr nicht, ihrem Herzen zu folgen und den Grafen allein zu sprechen und ihm ein Lebewohl zu sagen; gewaltsam mußte sie ihre Empfindungen in sich verschließen und sich von ihm in förmlicher Weise trennen, um dann noch eine kurze Zeit der Gesellschaft anzugehören.
Wir kennen Sidoniens heiße Liebe und werden daher die große Selbstverläugnung ermessen, zu der sie sich, um jedem Argwohn vorzubeugen, gezwungen sah. In dem Bewußtsein jedoch, sich, wenn auch nur für Augenblicke, verrathen zu haben, bot sie alle Kraft auf, den etwa erregten Verdacht über sich zu zerstören. Daher bemühte sie sich, so viel als möglich unbefangen und theilnehmend zu erscheinen, verharrte nach der Entfernung des Grafen noch eine längere Zeit in der Gesellschaft, und zog sich erst zurück, als sie ihre Kräfte gänzlich erschöpft fühlte.
In ihrem Gemach angelangt, brach der so lange verhaltene Schmerz über Römer’s Leid und seine ungeahnte Abreise mit ganzer Gewalt hervor.
»So mußte denn das Geschick meinem Hoffen und Glück ein so jähes, schreckliches Ende bereiten! O, der arme Bernhard! Wie sehr wird er leiden, und wer kann voraussehen, ob sein Leid nicht noch durch den Verlust seines Vaters erhöht wird!«
Also rief sie, in den Sessel sinkend, indem sich ihre Augen zugleich mit Thränen füllten.
»Wahrscheinlich erhalte ich in kurzer Zeit Nachricht von Römer; wir wollen hoffen, daß dieselbe tröstlich lautet,« beruhigte Aurelie, die sich bei Sidonien befand.
»O, möchte das der Himmel geben, um ihm und Allen das Herz zu erfreuen! Leider vermag ich eine solche Hoffnung nicht zu hegen; trübe Ahnungen eines schweren Unglücks, das ihn treffen wird, erfüllen mich.«
»Diese Besorgniß liegt allerdings nahe, denn des Grafen Vater ist bejahrt, und man muß daher auf Uebles gefaßt sein.«
»O, wie wenig darf der Mensch auf die Beständigkeit des Glücks hoffen! Und wie unbarmherzig ist das Geschick, ihm dasselbe gerade in einem Augenblick zu entreißen, in welchem ihn der Vollgenuß reinster Freude beseligt!« rief Sidonie in schmerzlicher Bewegung aus und fügte nach kurzer Pause hinzu: »Da ist der Sturmwind plötzlich über mein Paradies herein gebrochen und hat daraus alles Licht und Leben verscheucht, und nach kurzer Freude stehe ich wieder trauernd an den vernichteten Herrlichkeiten, die zu genießen ich mir so schön gedacht! Wann, wann wird die Zeit wieder kommen, die das Grab meines Glücks mit neuen Freudenkränzen schmückt und neues, frohes Leben daraus erstehen läßt?! Ach, ich wage nicht mehr Gutes zu hoffen! Wer so viel geduldet und so viel entbehrte, wie ich, dem scheint selbst die Hoffnung nicht mehr gestattet. Und mein Schmerz ist doppelt, da ich nun auch den Geliebten dem Leid preisgegeben sehe, einem Leid, das ihn mir nun wol für lange, lange Zeit, vielleicht für immer, fern halten wird!«
Sidoniens Klage war leider nur zu sehr begründet. Denn selbst bei einem glücklichen Ausgang der Krankheit war Römer genöthigt, in der Heimath vorläufig zu verweilen; starb sein Vater jedoch, so mußte sich sein Aufenthalt auf eine noch viel längere Zeit dort ausdehnen, da das Ordnen der Verhältnisse seine Gegenwart daselbst erforderte. Der Graf hatte die Pflichten eines Sohnes gegen seine Mutter zu erfüllen, die durch den Tod ihres Gemahls mehr denn bisher auf seine Pflege und seinen Beistand angewiesen wurde.
Sidonie erwog mit ihrer Freundin alle diese Umstände, auf welche sie Rücksicht zu nehmen hatten und die leider zu sehr geeignet waren, ihnen jede Hoffnung auf die baldige Rückkehr des Grafen zu nehmen.
Sidonie war überaus betrübt, und nur der Freundin Erinnerung, daß des Grafen innige Liebe sie nicht vergessen und bedacht sein würde, selbst die wichtigsten Hindernisse zu besiegen, um zu ihr zurückkehren zu können, tröstete sie ein wenig. Und mehr noch als die Freundin beruhigte sie die geheime Stimme ihres eigenen Herzens, die ihr sagte, wie innig der Graf sie liebte und wie sie seinem leuchtenden Auge das Glück abgelauscht, das er in ihrer Nähe empfand. Wie ~er~ ihrem Leben Reiz und Bedeutung verlieh, so war ~sie~ es auch, deren Liebe sein edles Herz mit süßer Freude erfüllte.
Und gewiß, so war es auch. Sie ahnte freilich nicht, daß noch andere Gründe den Grafen veranlaßten in ihrer Nähe zu weilen, und eben so wenig, daß er seinen Aufenthalt bei ihr nicht ohne Opfer erkaufte. Seine Familie und seine näheren Verwandten billigten nämlich seinen Besuch der fürstlichen Residenz nicht und wünschten überdies, er möchte sich endlich vermählen. Daß er dies trotz aller Erinnerungen dennoch nicht that, so wie seine früheren Reisen und noch andere Umstände hatten den Verdacht einer geheimen Liebe für die Prinzessin erweckt. Denn es muß hier bemerkt werden, daß trotz des Grafen großer Vorsicht, seine Neigung zu verhehlen, sich dennoch allerlei dunkle Gerüchte darüber in seiner Familie und unter seinen Bekannten schon seit langer Zeit geltend machten.
Sein wiederholter und längerer Besuch der Residenz und vor Allem sein näherer Umgang mit Sidonien schienen dieses Gerücht wesentlich zu bestätigen. Man hegte jedoch eine zu aufrichtige Theilnahme für den Grafen, um nicht zu bedauern, daß er sich einer Neigung opferte, die ihm weder ein wirkliches Glück verhieß, noch auch ganz gefahrlos genannt werden konnte.
Darum würde man es gern gesehen haben, hätte er den Hof, namentlich jedoch Sidoniens Umgang gemieden; denn nur so glaubte man ihn vor einem verfehlten Leben zu retten. Das Alles wußte der Graf sehr wohl; mancherlei Andeutungen hatten ihm das verrathen; seine Liebe für Sidonie war jedoch viel zu selbstsuchtslos, um sich dadurch in seinen edeln Absichten und Handlungen beirren zu lassen. Schweigend duldete er manches mahnende Wort, das er von seiner Familie hinnehmen mußte, und fand es mit einem Lächeln ab, und wenn sich auch der Unmuth bisweilen in ihm erhob, so kämpfte er denselben doch schnell in dem Gedanken an Sidonie nieder.
Ohne eine Ahnung der unheilvollen Folgen, welche sich an seine Abreise knüpften, eilte der Graf in der dunkeln Winternacht auf dem Weg nach der Heimath dahin. So groß auch seine Bangigkeit war, kehrten seine Gedanken dennoch oft in den Gesellschaftssaal der Prinzessin zurück und vergegenwärtigten sich ihre Lage, die sie zwang, ihren Gästen ein unbefangenes Antlitz zu zeigen, obgleich ihre Seele so tief betrübt war. Und er seufzte still vor sich hin, daß es so sein mußte. Er hätte freilich auch ein Bedauern seiner selbst aussprechen können, denn die Gründe dazu waren genügend vorhanden; seine Liebe war jedoch viel zu groß, um selbst unter so bedeutsamen Verhältnissen an sich zu denken.
Während er in der kalten, unheimlichen Nacht Strecke um Strecke zurück legte, sehen wir die Baronin mit ihrem Sohn in großer Behaglichkeit in dem warmen Gemach sitzen und in vertraulichem Gespräch begriffen.
Mühlfels war wie gewöhnlich mit seiner Mutter nach Hause gefahren; Beide beobachteten während der Fahrt ein unheimliches Schweigen, das die Baronin erst unterbrach, als sie ihr Hôtel erreicht und vor dem Kamin Platz genommen hatten.
»Nun, mein Sohn,« begann sie, »ich meine, der heutige Abend ist für uns von großer Bedeutung gewesen, indem er uns eine eben so wichtige als erwünschte Entdeckung machen ließ.«
»Leider!« seufzte der Baron unmuthig.
»Du sagst, leider? Wie soll ich das verstehen? Ich erwartete Deine Freude zu vernehmen und höre statt dessen ein Bedauern!« bemerkte die Baronin mit Ueberraschung.
»Finden Sie dasselbe nicht natürlich? Ich bin überzeugt, Sie haben eben so viel, als ich selbst, gesehen und daher erkannt, daß --«
»Daß ich mit meiner Voraussage durchaus Recht habe!« fiel die Baronin ein und fügte alsdann hinzu: »Es ist so, mein Sohn. Aber ich dächte, dieser Umstand sollte Dir eher Freude als Unmuth bereiten.«
»Wie kann das sein, da er mir die letzte Hoffnung raubte, das Ziel meiner Wünsche jemals erreichen zu können und dem Spott des Fürsten zu entgehen.«
»Deine Eifersucht raubt Dir alle Ueberlegung.«
»~Das~ hätte ich nie und nimmer erwartet!« rief Mühlfels, ohne den Vorwurf seiner Mutter zu beachten.
»Beruhige Dich deshalb. Täuschungen der Art sind namentlich bei vorgefaßten Meinungen sehr natürlich. Doch übersieh in Deinem Unmuth die Vortheile nicht, welche uns die heutige, so willkommene Entdeckung gewährt. Ich denke, mein Sohn, wir sind Deinem Ziel mit großen Schritten näher getreten, indem wir nicht nur der Prinzessin Neigung, sondern auch den Gegenstand derselben kennen gelernt haben.«
»Dieser ernste, kalte Graf!« warf Mühlfels geringschätzig und unmuthig hin.
»Du weißt, mein Sohn, es suchen sich die Gegensätze; doch, davon abgesehen, frägt es sich, ob des Grafen Wesen und Benehmen nicht eine Maske ist, durch welche er zu täuschen bedacht war. Er ist vielleicht eben so wenig kalt als ernst.«
»Daß sie ihn liebt, ist kein Zweifel mehr!« rief Mühlfels erregt.
»Und eben so wenig, daß ein Einverständniß zwischen ihnen besteht,« fiel die Baronin ein und fügte mit Bestimmtheit hinzu: »Ich täusche mich in dergleichen Angelegenheiten nicht so leicht.«
»Wie ihr Auge ihn ängstlich suchte, wie sie bei seinem Anblick erbleichte, als gelte es ihr eigenes Unglück! Sie muß ihn heftig lieben!«
»Ich denke, weiteres Forschen wird diese Voraussetzungen noch mehr bestätigen.«
»Bei Gott, er soll sich ihrer Liebe nicht erfreuen!« rief Mühlfels zornig und streckte die Hand drohend aus.
»Nur ruhig und besonnen, mein Sohn! Bedenke, daß es in diesem Fall nicht gilt, die Liaison zu stören, sondern vielmehr, Dich durch sie vor dem Spott des Fürsten zu bewahren. Darum beherrsche Deine Leidenschaft und gieb allein der Klugheit Gehör.«
»O, Sie lieben nicht, meine Mutter, und können also auch nicht den Schmerz ermessen, der mich bei dem Gedanken meiner Niederlage ergreift!«
»Doch, doch, mein Sohn! Deine Ehre steht mir jedoch eben so hoch, als Deine Liebe; die erstere wol noch höher, und darum müssen wir bedacht sein, Dir dieselbe zu sichern. Ich wiederhole Dir daher meine früheren Rathschläge und bitte Dich inständig, dieselben genau zu befolgen, damit uns der gewünschte Vortheil nicht entgeht. Beherrsche darum vor allen Dingen Deine Leidenschaft und Deinen Unmuth; bemühe Dich, durch Dein Benehmen die Prinzessin von Deiner gänzlichen Unkenntniß ihrer Liebe zu überzeugen; verdoppele Deine Aufmerksamkeit für sie, wozu Du bei der Abwesenheit des Grafen leicht Gelegenheit finden dürftest. Heuchle ihr die tiefste Ergebenheit, ohne jedoch Deine Liebe zu verrathen, um ihr Vertrauen zu gewinnen, und ist Dir das gelungen, so denke ich, wird Dir auch mehr gelingen. Der Graf wird, ich bin dessen gewiß, früher oder später bestimmt zurückkehren und sich alsdann für Dein ferneres Handeln auch der geeignete Moment finden. Aber sei und bleibe beharrlich und geduldig, denn nur so vermagst Du Dir die gewünschten Erfolge zu sichern. Im gegenwärtigen Augenblick bleibt uns nichts Anderes zu thun übrig, als die Prinzessin im Geheimen zu beobachten. Gewiß werden zwischen ihr und dem Grafen Briefe gewechselt werden; vielleicht könnte man sich in den Besitz eines solchen setzen; das wäre ein großer Erfolg, denn mit einem solchen Beweis in der Hand ist Sidonie ganz in Deine Gewalt gegeben. Das bedenke, das überlege! Uebrigens dürfen wir auch den glücklichen Zufall nicht vergessen, der ja so oft wirksamer als alle Klugheit ist.«
In solcher Weise war die Baronin bedacht, ihren entmuthigten Sohn zu beruhigen und zu einem entsprechenden Handeln zu veranlassen, und ihre Mühe war nicht vergeblich. Mühlfels sah sich genöthigt, die Zweckmäßigkeit ihrer Rathschläge anzuerkennen, da ihm überdies unter den obwaltenden Umständen nur das Befolgen derselben gestattet war. Und als er ihr dies zu erkennen gab und sie ihn deshalb lobte, ergriff sie seine Hand und bemerkte in überlegenem Ton:
»Du theiltest früher meine Ansicht über der Prinzessin Neigung zu dem Grafen nicht; jetzt kann ich Dir vertrauen, daß ich dasselbe bereits geahnt habe, und muß Dir auch sagen, daß Deine Annahme, der Gegenstand von Sidoniens Liebe sei außerhalb des Hofes zu suchen, mich veranlaßte, die Hilfe meiner Freundin in dem Palais in Anspruch zu nehmen, durch die ich erfuhr, daß jener Reiter niemand Anders als der Graf war. Wir dürfen an der Wahrheit dieser Nachricht um so weniger zweifeln, da mir das Fräulein dieselbe aus der ersten Hand, nämlich von der Dienerin der Prinzessin selbst zu verschaffen wußte. Nach dem heute Erlebten erscheint mir das Zusammentreffen der Prinzessin mit Römer nicht mehr bedeutungslos; ich erkenne darin ein abgeredetes Spiel, das auf eine größere Intimität zwischen ihnen hindeutet.«
»Ich habe das gefürchtet,« fiel Mühlfels ein. »O, könnte ich den Räuber meines Glücks verderben!« fügte er hinzu.
»Keine Rachegedanken, keine Leidenschaft, mein Sohn, ich bitte Dich, bleibe besonnen! Nicht verderben sollst Du den Grafen, sondern sein begünstigter Rival werden. Um diesen Vortheil jedoch zu erlangen, darf von einem Verrath dieser Liaison -- falls eine solche bereits bestehen sollte -- nicht die Rede sein. Du mußt vielmehr der Freund des Grafen zu sein scheinen; denn durch einen Verrath zerstörtest Du Dir selbst alle Vortheile, die zur Erhaltung Deiner Ehre so nothwendig sind. Gelingt es uns, die untrüglichen Beweise von Sidoniens Schuld zu erhalten, so hast Du auch ein Mittel, sie zur Erfüllung Deiner Wünsche zu zwingen, und Du kannst nicht voraussehen, ob daraus für Dich nicht der Vortheil entspringt, daß sie Dir früher oder später vor dem Grafen den Vorzug giebt. Diese Voraussetzungen und Hoffnungen müssen für die Folge Dein Handeln und Benehmen bestimmen, und ich bin überzeugt, Deine Bemühungen werden nicht fruchtlos, sondern nach Deinen Wünschen sein. Ich bitte Dich, dies Alles genau zu erwägen.«
Ihre so klugen Worte verfehlten ihre Wirkung auf den Baron nicht; er gab ihr Recht und das Versprechen, nach ihrem Rath fortan zu handeln.
Aus diesem Gespräch entnehmen wir, daß es Sidonien trotz aller Mühe nicht gelungen war, ihre Liebe zu verbergen, noch auch den erweckten Verdacht zu zerstören. Ob dies nur in Bezug auf die Baronin und ihren Sohn der Fall war, die eifrig bedacht gewesen, sich nicht das Geringste in dem Benehmen und Wesen der Prinzessin an jenem Abend entgehen zu lassen, muß dahin gestellt bleiben. Jedenfalls zeigt die Sicherheit, mit welcher die Baronin ihre Schlüsse zog, wie auffällig Sidonie sich verrathen haben mußte.
In dem angenehmen Bewußtsein, für ihr künftiges Handeln nun die feste Bahn gefunden zu haben, schieden Mutter und Sohn in später Nacht von einander. Die Erstere sehr befriedigt, die Spur der wichtigen Angelegenheit entdeckt zu haben; der Letztere, zwar noch unmuthig, aber doch in so weit beruhigt, wenigstens eine Aussicht gewonnen zu haben, das heiß ersehnte Ziel, wenngleich auch auf Umwegen, vielleicht dennoch erreichen zu können.
Fünftes Kapitel.
Ohne die belebende und beglückende Nähe des Geliebten gingen Sidonien die Tage fortan in freudloser Einförmigkeit dahin, die für sie um so drückender war, da ihre Verhältnisse sie zwangen, in der gewöhnten Weise fortzuleben, ihre Gesellschaften zu geben und an den öffentlichen Vergnügungen Theil zu nehmen. Von dem Bewußtsein beängstet, ihre Neigung verrathen zu haben, glaubte sie im Einverständniß mit Aurelien ihre ganze Sorge darauf richten zu müssen, daß man ihr Benehmen gegen den Grafen an jenem Abend lediglich nur für herzliche Theilnahme halten sollte. Sie war daher bedacht, die nächste Gesellschaft bei sich so heiter als möglich zu gestalten und dabei selbst heiter zu erscheinen, und versäumte auch nicht, über das den Grafen betroffene Unglück zu sprechen und dabei ein warmes Interesse für ihn an den Tag zu legen. Ebenso unterließ sie nicht, im Theater zu erscheinen, ja, ihre Vorsicht ging so weit, daß sie selbst Mühlfels mehr als gewöhnlich in die Unterhaltung zog mit ihm und seiner Mutter über die Krankheit des leidenden Grafen sprach und ihnen über den Fortgang derselben Einiges mittheilte.
Ihre Absicht gelang ihr in den meisten Fällen vollkommen, und selbst Mühlfels gestand seiner Mutter, daß er an der Wahrheit der gemachten Entdeckung zu zweifeln geneigt sei.
Die Baronin antwortete ihm darauf jedoch nur mit einem überlegenen Lächeln; ihren Scharfblick vermochte Sidoniens Benehmen nicht zu täuschen; vielmehr erkannte sie dasselbe ganz richtig als ein Mittel zum Zweck und sah darin eine vermehrte Bestätigung ihrer Voraussetzung.
Aber sie sowol als ihr Sohn spielten die vorbedachte Rolle der Prinzessin gegenüber vortrefflich, und indem diese überzeugt war, ihren Zweck erreicht zu haben, ward sie selbst ein Opfer ihres Bemühens.
Diese Täuschung minderte allmälig die gehegte Sorge, die endlich vor den wichtigeren, ihre ganze Theilnahme herausfordernden Ereignissen schwand. Wie Aurelie erwartet hatte, lief schon nach einigen Tagen ein Brief von Römer bei ihr ein, der die betrübende Nachricht enthielt, daß der Tod seines Vaters in kurzer Zeit zu erwarten sei, da dessen Kräfte sichtlich schwänden und der Arzt alle Hoffnung auf Genesung aufgegeben hätte. Seines Schmerzes gedachte er nicht, noch klagte er über den so jähen Wechsel der anscheinend so glücklichen Verhältnisse. Doch trug er ihr viele Grüße an die Freundin auf, deutete darauf hin, daß er nun wol für längere Zeit von ihr fern gehalten sein würde, indem doch aus seinen Worten zugleich die Hoffnung sprach, sie dereinst wieder zu sehen.
Wie tief Sidonie durch diese und spätere Nachrichten, namentlich den bald darauf erfolgten Tod des Grafen betroffen wurde, darf kaum erwähnt werden. Ihr Leben war ja so innig mit dem des Geliebten verkettet, daß auch sein Schmerz der ihre war. Um so schwerer wurde es ihr daher, unter solchen Umständen die so nothwendige Unbefangenheit der Welt und ihrer Umgebung gegenüber zu behaupten; dennoch ließ sie in ihrem Bemühen nicht nach und dieses war auch in der That nicht ganz fruchtlos. Von Schmerz und Unruhe erfüllt, minderte sich jedoch bald die Frische ihres Antlitzes, und ebenso verrieth der betrübte Ausdruck desselben ihre Empfindungen, und die Baronin beeilte sich ihren Sohn darauf in dem angenehmen Bewußtsein aufmerksam zu machen, sich in keiner ihrer Voraussetzungen getäuscht zu haben. Durch diesen Umstand noch mehr in der Gewißheit von Sidoniens Liebe befestigt, war nun der Baron bedacht, sich ihr unter der Maske der tiefsten Ergebenheit wieder zu nähern, und es gelang ihm dies auch in der That so weit, daß ihn Sidonie nicht mehr wie früher absichtlich mied, sondern sich seine Bemühungen gefallen ließ. Mühlfels war ihr viel zu gleichgiltig und sein Benehmen gegen sie auch fortan so anspruchslos und zurückhaltend, daß sie zu der Annahme geleitet wurde, sich in ihrer früheren Beurtheilung über seine Gefühle für sie doch wol getäuscht zu haben. Ihre Trauer um den fernen Geliebten und die Vernichtung ihres Glücks war überdies auch viel zu groß, als daß ihr dergleichen Momente noch Interesse abzugewinnen vermochten.
So konnte es denn geschehen, daß sie ihre Empfindungen, wenn auch nur für Momente, selbst dem jetzt schlau operirenden Mühlfels verrieth.
In geschickter Weise lenkte er nämlich das Gespräch häufig auf den Grafen, indem er sein herzliches Bedauern über dessen Abwesenheit aussprach und daran das schmeichelhafteste Lob der hohen Vorzüge desselben knüpfte.
Ein solches, anscheinend durchaus unbefangenes Benehmen verfehlte seine Wirkung auf Sidonie nicht, und so erreichte Mühlfels zum Theil seinen Zweck.
Seine scheinbar herzliche Theilnahme that Sidonien wohl und verleitete sie, die nöthige Vorsicht zu vergessen und sich offener mitzutheilen, als dies gut war.