Prinzessin Sidonie (Band 1/3)

Part 6

Chapter 63,527 wordsPublic domain

Wie manche Stunde saßen die beiden Freundinnen in vertraulichem Gespräch bei einander, sich der Vergangenheit und des gemeinschaftlichen fernen Freundes erinnernd, der, wie sie wußten, die Alpen durchzogen und jetzt in dem sonnigen Italien lebte, wo er Geist und Seele an den Reizen der Natur und reichen Kunstschätzen labte, um sein Leid zu mildern und die zur Thätigkeit nothwendige Ruhe zu finden. Denn der Graf war, seinem Vornehmen getreu, beim Nahen des Herbstes von Paris nach der Schweiz gereist und ging von hier nach Italien, woselbst er sich längere Zeit aufzuhalten gedachte.

Sidonie war durch Aurelie mit alledem bekannt gemacht worden und billigte, wenn auch seufzend, sein Fernhalten, und es beruhigte sie der Gedanke, den Geliebten in Orten zu wissen, die so wohl geeignet sind, der leidenden Seele angenehme Eindrücke zu gewähren. Hatte sie doch früher selbst das Verlangen gehegt, jene Länder zu sehen, und es sich so überaus reizend gedacht, an des Gatten Seite einst dort leben zu können.

Alle die schönen Träume, wie waren sie zerronnen, zerstoben vor einer kalten, lieblosen Wirklichkeit! --

Der Graf hatte nach dem ersten Briefe nur noch zweimal an Aurelie geschrieben und sich von ihr über Sidonie Mittheilungen erbeten, nach deren erfolgter Vermählung er es für besser erachtete, den Briefwechsel vorläufig zu unterbrechen. Bei seiner Ankunft in Rom hatte er zum letzten Mal geschrieben und seitdem nicht wieder.

Etwa fünf Monate waren seit Sidoniens Vermählung dahin gegangen, als neue Interessen ihre Seele erfüllten, Interessen, die jedes weibliche Herz mit ganz besonderen Empfindungen zu erfüllen pflegen. Es war die Hoffnung, Mutter zu werden und dadurch den so heiß gehegten Wunsch des Fürsten zu erfüllen. Diese Hoffnung übte einen tiefen Einfluß auf das stille Leid ihrer Seele aus, indem sie dasselbe durch ihre Bedeutsamkeit verklärte.

Der Fürst empfing die so erfreuliche Nachricht durch den Prinzen, und seine Theilnahme daran war größer als diejenige des Letzteren, dem die Geburt eines Kindes, namentlich wenn es kein Thronerbe war, von keiner Bedeutung erschien. Ihm waren die Gefühle, welche die Hoffnung auf den Besitz eines lieblichen Kindes einzuflößen pflegt, durchaus fremd und wurden auch durch die Aussicht der baldigen Vaterschaft nicht geweckt.

Hatte sein bisheriges Benehmen ihn schon nicht für Sidonie gewinnen können, so war die kaum bemäntelte Gleichgiltigkeit, mit welcher er ihre Mittheilung aufnahm, um so weniger dazu geeignet. Von der Ueberzeugung erfüllt, daß die letzteren ihn mit der höchsten Freude erfüllen würde, sah sie sich in der empfindlichsten Weise getäuscht und erkannte mit Schrecken, daß des Prinzen Gemüthsart noch übler sei, als sie es bisher geglaubt.

Seit diesem Augenblick trennte sich ihre Seele noch mehr von ihm, und es trat eine Kälte zwischen ihnen ein, zu deren Beseitigung der Prinz nichts weniger als bemüht war, indem er, ohne die unter den besonderen Umständen Sidonien schuldende Rücksicht zu beobachten, seinen Neigungen unbeschränkt nachging.

Sidonie, dadurch tief verletzt, forschte zum ersten Mal nach den Ursachen einer solchen Lieblosigkeit und seiner so häufigen und oft Tage währenden Besuche der Residenz, und erfuhr sehr bald, in welchen Genüssen der Prinz Befriedigung fand. Es konnte in Folge dessen nicht ausbleiben, daß sie sich immer mehr von ihm zurückzog und ihr eheliches Leben kaum noch ein solches genannt werden durfte. Sie sah den Prinzen höchstens einmal in der Woche und auch dann nur flüchtig, da er sich selten lange bei ihr aufhielt. In solcher übeln Weise war die Zeit dahin gegangen und Sidoniens Entbindung genaht. Die Prinzessin knüpfte daran so mannichfache Wünsche und Hoffnungen.

Liebte sie auch den Prinzen nicht, so war es ihr doch als seine Gemahlin nicht gleichgiltig, was man über denselben und mit Recht sprach und wie man über ihr eheliches Verhältniß urtheilte. Des Prinzen Ausschweifungen mußten sie verletzen, indem sie dadurch in der Achtung ihrer Umgebung und der Welt herab gesetzt wurde. Sie hatte davon schon mancherlei Beweise erhalten und wünschte daher so viel Einfluß auf den Prinzen zu gewinnen, um dergleichen übeln Erfahrungen für die Folge vorzubeugen.

Was war natürlicher als die Voraussetzung, dies durch die Geburt eines Kindes zu erreichen, und die Hoffnung, daß das Interesse für dieses den Prinzen zum Aufgeben seines wüsten Lebens veranlassen und zu einer achtungsvolleren Annäherung an sie führen würde. Sie sollte sich jedoch in diesen Erwartungen bitter getäuscht sehen.

Denn als sie glücklich eines Mädchens genas, zeigte sich der Prinz um so weniger geneigt, ihre Freude darüber zu theilen, da seine Wünsche hinsichts eines Thronerben sich nicht erfüllt hatten.

Sidonie war untröstlich darüber, und ihr Schmerz steigerte sich, da sie erkennen mußte, daß auch selbst die natürlichsten Gefühle dem Prinzen mangelten, jene Gefühle, die so sehr geeignet sind, die Herzen aneinander zu ketten.

Vielmehr schien ihm Sidonie seitdem nur noch gleichgiltiger geworden zu sein, was auch in der That der Fall war, da er, von den Reizen buhlerischer Frauen umstrickt, sich diesen mit der Zeit ganz hingegeben hatte und in dem Wechsel des Genusses allein Befriedigung fand.

Gewährte Sidonien auch ihr Mutterglück einen ganz neuen, köstlichen Trost in ihrem Kummer, so überwand sie dennoch die erfahrene Ehrverletzung von Seiten des Prinzen nicht. Gern verzichtete sie auf seine Liebe, doch nicht auf die ihr schuldige Achtung, und erkannte das für eine Pflicht gegen sich selbst, sollte sie nicht endlich nur zu einer bemitleideten und belächelten Person herabsinken, der man nach dem Vorbilde des Prinzen immer weniger Achtung zu bezeigen sich erdreistete. Nach den bereits gemachten Erfahrungen drohte ihr diese Gefahr mit aller Bestimmtheit, und dieser Umstand forderte ihr ganzes, verletztes Selbstgefühl heraus.

Sie hatte Aurelien schon oft ihren Kummer darüber vertraut und mit ihr berathen, was sie noch thun könnte, da die bereits näher bezeichneten Umstände nicht den geringsten Einfluß auf den Prinzen ausgeübt hatten. Sie erachtete es für das Zweckmäßigste, dem Prinzen selbst Vorstellungen zu machen und sich dadurch den gewünschten Erfolg zu sichern. Sie glaubte diese Rücksicht beobachten zu müssen, um ihn durch Vermittlung Anderer, etwa des Fürsten, nicht zu verletzen.

Daß sich Sidonie dazu nur sehr schwer zu entschließen vermochte, werden wir im Hinblick auf ihren besondern Charakter erklärlich finden; wir würden uns jedoch in der Annahme täuschen, ihr hätte der erforderliche Muth dazu gefehlt.

Bekanntlich sind die Verhältnisse, in welchen wir leben, zur Entwicklung unseres Wesens von der höchsten Wichtigkeit, und je bedeutsamer dieselben sind, je mehr sie uns herausfordern, um uns ihren Einflüssen gegenüber zu behaupten, um so rascher entfalten sich unsere Seelen- und Geistesanlagen, und der angeborene Charakter des Menschen tritt schärfer und bestimmter hervor. Und so geschieht es, daß uns bekannte Personen nach längerem Wiedersehen oft sehr verändert erscheinen und ihr Wesen uns ganz neue Seiten zeigt, von denen wir früher nicht die mindeste Ahnung gewonnen. Je nach der Besonderheit der Einflüsse und der Naturanlage werden diese Veränderungen verschieden und eben so übel als angenehm sein.

Diese Erscheinungen treten ganz besonders bei dem weiblichen Geschlecht und unter den bei Sidonien angegebenen Umständen hervor, wozu wir noch das jugendliche Alter zählen müssen, in welchem neben der körperlichen auch die sittliche Entwickelung gewöhnlich stattzufinden pflegt.

Dergleichen Veränderungen waren auch mit der Prinzessin vorgegangen, ohne daß dieselben von dem Prinzen beachtet wurden. Ihr Charakter war durch die herausfordernden Verhältnisse rasch gereift, und ihr tief verletztes Ehrgefühl erfüllte sie mit Muth, sich dem Prinzen gegenüber zu behaupten und, was man ihr nicht freiwillig brachte, sich in ihrem guten Recht zu fordern.

Wir haben früher erfahren, welchen nachtheiligen Einfluß des Prinzen Verhalten gegen Sidonie ausübte, indem dasselbe die Umgebung der Letzteren und selbst den Hof verleitete, ihr mit Geringschätzung zu begegnen. Diese Wirkung wurde noch bedeutend dadurch erhöht, als die Prinzessin, von ihrer feinfühlenden Natur bestimmt, es wagte, sich mißbilligend über das sittenlose Treiben auszusprechen, und diejenigen Personen von ihrer Nähe fern hielt, welche sich keines besonders guten Rufs erfreuten. Das wurde ihr in hohem Grade verdacht, denn sie verletzte dadurch die Eitelkeit, und diese ist bekanntlich unversöhnlich.

Sie gab aber auch ihren Widerwillen gegen die unzüchtigen und karikirten Trachten der Frauen zu erkennen, indem sie sich sittsam und stets einfach kleidete und die Benutzung der damals beliebten tausendfachen Toilettenmittel verschmähte, wodurch sich die Damen und auch die Herren zu verschönen bedacht waren.

Damit verstieß sie noch mehr gegen die herrschende Sitte, die sich in der Frivolität wohl fühlte und darum an Züchtigkeit und Sittlichkeit nicht erinnert sein wollte.

Es konnte daher nicht ausbleiben, daß die Prinzessin sehr bald ziemlich allein dastand und nur wenig Nachahmung fand, sich jedoch auch eben so wenig Freunde erwarb.

Sie ließ sich dadurch jedoch nicht zum Aufgeben ihres Verhaltens bestimmen, und that dies um so weniger, da sie ihre sittliche Natur dazu nöthigte.

Ueberdies hatte sie längst erkannt, daß man an einem Hof nicht auf wahre Freundschaft hoffen durfte, und fühlte sich im Besitz ihrer Freundin Aurelie befriedigt. Huldigungen der Welt waren ihr durchaus bedeutungslos, auch war sie nicht eitel genug, darnach zu streben, und bedauerte daher in der ihr gezeigten Abneigung keinen Verlust.

Ihr Verhalten entsprang jedoch nicht etwa aus der bestimmten Absicht, auf ihre Umgebung in solcher Art eine Wirkung auszuüben, sondern lediglich aus den angeborenen Trieben. Doch würde es sie sehr beglückt haben, hätte man sie verstanden und das Bessere anerkannt.

Wir sehen, daß sie sich dadurch in einen Widerspruch mit der sie umgebenden Welt gesetzt hatte, und werden erfahren, in welcher Weise sich derselbe lösen sollte.

Einige Wochen waren dahin gegangen, ohne daß sie den für nothwendig erkannten Schritt zu thun vermochte, bis endlich der Zufall sie darin unterstützte.

Bei einem Hoffest hatte sich die Oberhofmeisterin der Prinzessin gegenüber eine verletzende Freiheit erlaubt, indem sie ihre Mißbilligung über deren Verhalten in wenig passenden Worten gegen diese aussprach.

Hatte sie sich bereits früher öfter in dieser Beziehung gehen lassen, durch Sidoniens ruhiges Hinnehmen der Belehrung verleitet, so überschritt ihr Benehmen in dem angegebenen Fall die zu beobachtenden Rücksichten in vermehrtem Grade.

Welche Ueberraschung malte sich jedoch in ihrem und dem Antlitz der in der Nähe befindlichen Hofdamen, als Sidonie, statt wie gewöhnlich die Belehrung ruhig hinzunehmen, sich stolz aufrichtete und der Oberhofmeisterin mit festen und ruhigen Worten bedeutete, sich künftighin in den ihr vorgeschriebenen Grenzen der Etikette zu halten, um nicht durch ihr Benehmen dem Hofe ein übles Beispiel zu geben.

Die stolze Dame, in solcher Weise und so durchaus ungeahnt von der schüchternen Prinzessin zurecht gewiesen, blieb starr und bestürzt vor dieser stehen, ohne ein Wort der Entschuldigung zu finden, ja sie vergaß sogar die übliche Verneigung, als sich die Prinzessin nach jenen Worten mit den Hofdamen rasch entfernte und sie einsam zurückließ.

Sie würde den Vorfall für eine Vision gehalten haben, hätte sie sich nicht ganz allein in dem Saal gesehen und hätten die zurechtweisenden Worte der Prinzessin nicht in der mißtönendsten Weise noch immer ihre Ohren durchklungen. Die sich über das Erfahrene in ihr erhebende Entrüstung erweckte sie aus der Bestürzung, und kaum wieder so weit gesammelt, um den unerhörten Fall genügend zu erwägen, war sie auch sofort entschlossen, sich bei dem Prinzen darüber zu beklagen und ihn zu bestimmen, der Prinzessin das Ungehörige ihres Benehmens gegen sie vorzustellen und diese zugleich zu einer ihr zu gebenden Genugthuung zu veranlassen. Sie kannte ihren Einfluß auf den Prinzen und die geringe Achtung, die dieser seiner Gemahlin schenkte, nur zu wohl, um des Erfolgs nicht gewiß zu sein. Sie hatte die Prinzessin niemals leiden mögen, und diese Abneigung theilte sie mit einer nicht eben geringen Anzahl Gleichgesinnter. Der Grund dazu lag darin, daß Sidonie durchaus ihren eigenen Willen haben wollte und ihre klugen Worte stets unberücksichtigt ließ. Ueberdies verschmähte sie auch die gebräuchlichen Mittel, die Toilette zu verschönen. Denn sie bediente sich weder der falschen Haare, noch des Puders, färbte eben so wenig die Augenbrauen, noch verschönte sie ihren Teint durch Schminke und Schönpflästerchen. Sie verachtete alle diese Dinge, obgleich der herrschenden Mode gemäß sich die Damen des Hofes und der Aristokratie in solcher Weise zu verschönen für eine Anstandspflicht erachteten. Dieser Umstand diente ihr und ihren Gesinnungsgenossen für einen Beweis, daß sich die Prinzessin klüger als sie Alle dünkte, den guten Ton vom Hofe zu verbannen bedacht wäre und obenein die Absicht hegte, daselbst ein prüdes, moralisches Leben einzuführen, wozu sie wie ihre Freunde nicht die geringste Lust verspürten. Gründe genug in Verbindung mit dem soeben Erfahrenen, die Prinzessin recht von Herzen zu hassen.

Um so mehr war sie daher bedacht, sich Genugthuung zu verschaffen.

Sie sah sich in ihren Erwartungen auch wirklich nicht getäuscht; denn nachdem sie dem Prinzen die Angelegenheit in ihrem Sinne vorgetragen und dabei der ihr obliegenden Pflichten als Oberhofmeisterin der unerfahrenen, einem kleinen herzoglichen Hofe entsprossenen Prinzessin gegenüber gedacht und somit ihr Verhalten gegen diese als durchaus berechtigt bezeichnet hatte, gab ihr der Prinz nicht nur seine Zustimmung zu ihrer Klage zu erkennen, sondern auch das Versprechen, die Prinzessin zu der gewünschten Abbitte zu veranlassen. Er sprach überdies seine Ueberraschung über das Verhalten seiner Gemahlin aus, das er durchaus nicht erwartet, überhaupt nicht vermuthet hatte.

Sehr befriedigt schied die Oberhofmeisterin, ihres Sieges gewiß.

Sidonie glaubte den Prinzen mit dieser Angelegenheit nicht behelligen zu müssen und schwieg darum, ohne den Schritt der Oberhofmeisterin zu ahnen; sie war daher nicht wenig überrascht, als der Prinz sie aufsuchte und ihr in ziemlich verletzender Weise Vorstellungen über ihr Verhalten gegen die Erstere machte und es zugleich als eine Nothwendigkeit bezeichnete, derselben einige entschuldigende Worte zu sagen.

Sidonie hatte ihn, wenngleich mit gesteigerter Ueberraschung, so doch ruhig angehört; als er schwieg und ihre Zustimmung erwartete, blickte sie ihn fest an und entgegnete eben so fest, daß sie weit entfernt sei, sein Verlangen zu erfüllen, und sich dazu durchaus berechtigt glaube. Zugleich setzte sie ihm den Vorfall genau auseinander.

Der Prinz schaute sie mit Ueberraschung an; in solcher Weise hatte die Prinzessin noch nie zu ihm zu sprechen gewagt und ebenso wenig ein so bestimmtes, festes Wesen gezeigt. War dies auch zurückhaltend und ruhig, so verrieth es dennoch nichts von der früheren Schüchternheit und Befangenheit. Was jedoch den Prinzen für seine Gemahlin hätte gewinnen sollen, reizte vielmehr seine Empfindlichkeit, und so geschah es, daß er, statt ihr Recht anzuerkennen, auf seinem Verlangen beharrte.

Jetzt schien Sidonien der rechte Augenblick gekommen, dem Prinzen alle jene Momente zu bezeichnen, durch welche das ungeziemende Verhalten der Oberhofmeisterin hervorgerufen worden war, und ihr volles, tief verletztes Herz zögerte damit nicht. Ihre Worte waren bestimmt, sie bezeichneten nur die nicht abzuläugnenden Thatsachen und deren unausbleibliche Folgen, und drückten endlich das bestimmte Verlangen aus, der Rücksichten eingedenk zu sein, die der Prinz ihr als seiner Gemahlin schulde.

In großer Erregung und sprachlos vor Erstaunen starrte sie der Prinz an. Ihre Vorstellungen erschienen ihm als Vorwürfe, die sie ihm zu machen wagte, indem sie sich erkühnte, ihre Mißbilligung über sein Treiben und Verhalten gegen ihn auszusprechen und von ihm eine Rückkehr zu einem bessern, sittlichen Leben, sowie eine achtungsvollere Begegnung von seiner Seite verlangte. Fest, stolz und nichts weniger als schüchtern stand sie vor ihm da, blickte ihn eben so fest an, und ihre ganze Haltung zeigte, daß sie es sehr ernst damit meinte.

Die Wirkung der letzteren auf den Prinzen war eine um so tiefere, da sie ihn so durchaus ungeahnt überraschte und zugleich erkennen ließ, wie sehr er sich hinsichts Sidoniens Charakter getäuscht hatte. Dieser Umstand diente jedoch leider nur dazu, seinen ganzen, ihm beiwohnenden Jähzorn zu erregen und der Prinzessin in der verletzendsten Weise zu entgegnen, daß ihre Vorwürfe eine Anmaßung wären, die er ein- für allemal zurückweise, worauf er sie in großer Erregung verließ.

Durch diesen so unglücklichen Erfolg ihrer Bemühungen tief gebeugt, durch des Prinzen Jähzorn und heftige Worte beleidigt, fühlte Sidonie die ganze Bedeutungslosigkeit ihrer Stellung, war aber auch zugleich überzeugt, daß damit alle näheren Beziehungen zu dem Prinzen ihr Ende erreicht hätten. Sie befestigte sich um so mehr in dieser Ueberzeugung, da der Prinz seit dieser Unterredung nicht nur nicht an ein Aufgeben seines wüsten Lebens zu denken schien, sondern dieses vielmehr in noch erhöhterem Grade fortsetzte, gleichsam um ihr den Beweis der geringen für sie gehegten Achtung zu liefern.

Sidonie nahm das ruhig und geduldig hin; sie hatte die Pflicht gegen sich und den Prinzen erfüllt; mehr zu thun vermochte sie nicht. Wie groß ihr Schmerz darüber war, darf kaum bemerkt werden.

In der Liebe und der Pflege ihres Kindes und in dem vertraulichen Umgang mit Aurelien fand sie den so nothwendigen Trost, wenngleich sie erkannte, daß mit jener Begegnung des Prinzen der erste Schritt zu einem dauernden Kampfe mit demselben gethan war, wollte sie sich dem ihr gewissen Schicksal nicht für die Folgezeit unterwerfen. Daß sie das nicht durfte und auch ihrem Charakter nach nicht vermochte, stand in ihr fest; in welcher Weise sich jedoch ihre Lage entscheiden würde, war eine in der Gegenwart schwer zu beantwortende Frage.

Zwar hatte der Fürst, dem das eheliche Zerwürfniß nicht unbekannt geblieben war, sowol dem Prinzen als auch Sidonien Vorstellungen darüber gemacht und sich bemüht, eine Aussöhnung zwischen ihnen herbeizuführen; jedoch ohne jeden Erfolg.

Der Prinz zeigte keine Neigung, auf Sidoniens, wie er es nannte, überspannte und ungehörige Forderungen einzugehen, und sie vermochte ihren Widerwillen gegen ihn nicht zu bezwingen, und so blieb Alles beim Alten.

In trüber Einsamkeit gingen Sidonien seitdem die Tage hin, zehnfach kummervoller im Hinblick auf ihr verlorenes Liebesglück und in dem Gefühl der Machtlosigkeit, ihrem Leiden ein Ende zu machen. Wie oft ruhte in jener Zeit ihr von Thränen gefeuchtetes Auge auf den Zügen des fernen, so edlen Geliebten! Welch einen Gegensatz bot dieser zu dem Gemahl! -- In dieser Zeit ihrer Leiden sollte sie noch ein neuer tiefer Schmerz treffen und ihre Seelenkraft herausfordern: ihr Vater erkrankte bedenklich.

Sie eilte an sein Lager, jedoch nur, um ihn bald zur Gruft zu begleiten.

Zwei Monate darauf starb auch ihre Mutter.

Wir übergehen den schmerzvollen Kummer, den dieser so rasch auf einander folgende doppelte Verlust in ihrer Seele hervorrief; derselbe beugte sie in dem Gefühl, in ihrem Leiden nun auch noch des elterlichen Beistandes beraubt und der Willkür ihres Gemahls anheim gegeben zu sein, unendlich tief und raubte ihr allen Lebensmuth.

Diese sie betreffenden Ereignisse waren zugleich die Ursache, daß sie des Prinzen zügellosem Leben keine Aufmerksamkeit schenkte und froh war, wenn sie nicht durch irgend welche Umstände daran erinnert wurde.

Obgleich der Prinz mit ihr dasselbe Palais bewohnte, lebte er dennoch von ihr getrennt in dem einen Flügel des Schlosses, während sie den andern Theil benutzte. Es fanden daher persönliche Berührungen um so seltener statt, da der Prinz, wie schon bemerkt, sich überdies häufig in der Residenz oder an anderen Orten aufhielt und bei seiner Rückkehr vorzugsweise im Kreise seiner näheren Freunde befand und Gemahlin und Tochter unbeachtet ließ. In solcher Weise waren die Jahre bis zu dem Zeitpunkt dahin gegangen, mit welchem unsere Erzählung beginnt.

Sidonie war, nachdem sie sich von den sie betroffenen Schicksalsschlägen wieder erholt hatte, bemüht, ihr Leben nach ihren Neigungen zu gestalten, das, an und für sich ziemlich einfach, doch nicht ganz der angenehmen Zerstreuung entbehrte.

Außer den Besuchen ihres Bruders, der an des Fürsten Hof eine militärische Stellung bekleidete, empfing sie einmal in der Woche ein paar Herren und Damen, deren sittliche und geistige Vorzüge ihren Wünschen entsprachen.

Musikalische und Theater-Aufführungen gehörten sodann zu den von ihr beliebten Genüssen, denen sie ein gewisses Interesse schenkte.

Ohne jede Rücksicht auf ihren Gemahl gestaltete sie so ihr Leben durchaus selbstständig und wurde darin durch die frühere Oberhofmeisterin nicht mehr gestört, da ihre Vorstellungen bei dem Fürsten die Entfernung derselben trotz dem Prinzen erzielt hatten. Freilich war sie durch den Ersatz derselben auch nicht besonders erfreut worden, da die neue Dienerin allerdings feinere Manieren und ein achtungsvolleres Verhalten beobachtete, übrigens jedoch nichts mehr war, als was in jener sittenverderbten Zeit eine Dame in ihrer Stellung zu sein pflegte. Steife Formen, ein hohles Herz und ein nicht minder hohler Geist, gemischt mit der Vorliebe für Intriguen und dem Verlangen, sich überall Einfluß, namentlich auf die Prinzessin, zu verschaffen.

Trotz alledem war es Sidonie durch ihr sicheres Benehmen gelungen, sich in ihrer Umgebung Ehrerbietung und Achtung zu verschaffen, die sich bei einzelnen Personen sogar bis zu wirklichem Mitgefühl mit ihrem traurigen Geschick steigerte.

Die Welt nannte sie nun nicht mehr die ~schüchterne~, sondern die ~unglückliche~ Prinzessin; denn es konnte nicht fehlen, daß das Gerücht von dem ehelichen Zerwürfniß schon lange über die Hofkreise hinaus gedrungen war.

Mit der aufrichtigsten Theilnahme hing manches Auge an dem bleichen, traurigen Antlitz der Prinzessin, wenn sie sich öffentlich zeigte, und mancher Wunsch zu ihrem Glück und einer befriedigenden Aenderung ihrer Lebensverhältnisse wurde ausgesprochen.

Um wie viel größer würde diese Theilnahme gewesen sein, hätte man eine Ahnung von dem Schmerz gehabt, den Sidonie überdies im Herzen trug.

Doch davon wußte die Welt nichts; denn Sidoniens Liebe war Jedermann unbekannt geblieben, Dank des so vorsichtigen und richtigen Verhaltens des edelsinnigen Grafen. Wie sehr dieser bedacht war, dies Geheimniß zu bewahren, können wir aus der Vorsicht entnehmen, welche er bei dem Wiedersehen der Prinzessin beobachtete.

Sehen wir nun, in wie weit es Aurelien gelang, ihre so wohlgemeinte Absicht auszuführen.

Viertes Kapitel.

Die zu des Grafen Besuch bezeichnete Stunde nahte und Aurelie schaute erwartungsvoll durch das Fenster auf die Straße, auf welcher sich der Erstere dem Palais nähern mußte.

Wie war ihr treues Herz doch erfüllt mit Besorgniß, Freude und Kummer, und wie viel hatte sie dem Grafen mitzutheilen, wie viel von ihm zu erfahren! Fast drei Jahre der Trennung lagen ja zwischen ihrem letzten Zusammensein und dem heutigen, so ungeahnten Wiedersehen.