Prinzessin Sidonie (Band 1/3)

Part 7

Chapter 73,481 wordsPublic domain

Aurelie hatte die ihr bis zu dem Empfang des Grafen gebliebene Muße dazu benutzt, sich in der ihr eigenthümlichen verständigen Weise alles das zurecht zu legen, was sie dem Grafen mittheilen wollte und wie sie die von ihm jedenfalls zu erwartenden Fragen über Sidonie zu beantworten hätte, um sein edles Herz nicht zu sehr zu betrüben. Sie sagte sich allerdings, daß der Graf mit der Freundin Unglück trotz seiner langen Abwesenheit von der Heimath gewiß bekannt sein würde, ein Verhehlen oder Beschönigen desselben von ihrer Seite daher also kaum einige Wirkung auf ihn ausüben würde; dennoch wollte sie so viel zum Guten beitragen, als in ihren Kräften stand.

Kaum erkannte sie den Grafen wieder, als ihr ausschauendes Auge seine Annäherung gewahrte. Zwar schritt er noch wie ehedem sicher und fest einher; doch zeigte sein durch die südliche Sonne gebräuntes Antlitz einen viel tieferen Ernst als früher, und sein Auge blickte, wenn auch frei, so doch fast düster vor sich hin. Ebenso erschienen ihr seine Züge und die Linien seines Gesichts schärfer ausgeprägt und noch charaktervoller wie ehedem.

In gemäßigtem Schritt und ohne im geringsten die Absicht zu verrathen, seinen Besuch etwa zu verheimlichen, nahte er sich dem Palais. Er trat durch einen Nebeneingang ein und ließ sich von dem daselbst anwesenden Diener zu Aurelien führen. Der Zufall wollte, daß er auf dem Gange zu ihr von Niemand sonst bemerkt wurde. Der festliche Empfang bei der Prinzessin beschäftigte alle Hände in Palais; denn welche Vorbereitungen erforderten damals nicht die übermäßigen Toiletten und wunderlich gestalteten Haartrachten der Damen und auch, wenngleich in geringerem Grade, diejenigen der Herren bis zu dem kleinsten Pagen und Lakaien hinunter. Wie wenig geneigt war man daher, unter solchen Umständen einen so einfach gekleideten Herrn, wie der Graf, dessen Aeußeres seinen vornehmen Stand nicht verrieth, irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken, selbst wenn man ihn bemerkt hätte. Eine Menge der verschiedensten Personen aus der Stadt gingen in dem Palais aus und ein, die Aufträge und Geschäfte aller Art daselbst zu erledigen hatten, und so würde man den unbekannten Grafen vielleicht auch zu diesen gezählt haben. Den üblichen Formen gemäß ließ sich der Graf durch Aureliens Kammerzofe anmelden und wurde von der Freundin eben so förmlich empfangen. Alles das geschah in der geheimen Absicht, die stets spionirenden Diener zu täuschen und seinem Besuch jede Auffälligkeit zu nehmen.

Der Graf war mit dem Hofleben viel zu sehr vertraut, um nicht zu wissen, daß in dem vorliegenden Fall eine solche Förmlichkeit eben so nothwendig war, wie eine durch Geschicklichkeit unterstützte Vorsicht. Alle diese Rücksichten endeten jedoch in dem Augenblick, als sie sich allein sahen. Mit der ehemaligen Herzlichkeit und in sichtlicher Bewegung begrüßte der Graf die Freundin. Schweigend drückte er ihr die Hand, und es gingen mehre Augenblicke dahin, ehe er hinreichend gesammelt war, das Wort an sie zu richten.

»Mein Brief wird Sie überrascht haben,« -- bemerkte er.

»In der That; denn ich hatte keine Ahnung von Ihrer Rückkehr, noch weniger von Ihrem Besuch hier am Hofe.«

»Ich werde Ihnen die Veranlassung dazu in einer andern Stunde mittheilen; jetzt sagen Sie mir, ist Sidonie wohl und -- wie erträgt sie ihr Loos?« --

»Sidonie ist wohl, wenngleich ich leider hinzu fügen muß, daß Sie sie sehr verändert finden werden.« --

»Ich bin darauf vorbereitet,« -- entgegnete der Graf finster und fügte hinzu: »Ist es möglich, sie vor dem Empfange zu sehen? Ihre gütigen Worte, beste Freundin, haben mich mit der Hoffnung erfüllt, daß dies geschehen könnte.« --

»Sie haben sich in Ihrer Voraussetzung nicht getäuscht; meine Einladung zu diesem Besuch bezweckte das, und ich wußte, daß Sie meine Worte in meinem Sinn verstehen würden.«

»Sie nehmen meinem Herzen dadurch eine schwere Sorge und ich spreche Ihnen meinen heißen Dank dafür aus,« entgegnete der Graf mit sichtlicher Erleichterung. »So werde ich ~sie~ also vorher sehen und sprechen können?« fragte er.

»Ja, mein Freund. Sidonie erwartet Sie, und ich bin sicher, wir werden von Niemand beobachtet werden. Der Prinz ist nicht anwesend, und diesem Umstande verdanken wir die Ermöglichung dieses Wiedersehens.«

»Das Alles giebt mir meinen Muth wieder; denn ich verhehle Ihnen nicht, mich peinigte die Besorgniß, es würde dieses vor dem Hof geschehen müssen.«

»Wir haben das Alles erwogen und sind daher auf einen Ausweg bedacht gewesen. O, wie glücklich ist unsere arme Freundin in dem Bewußtsein, Sie endlich wieder zu sehen!« bemerkte Aurelie und fragte alsdann:

»Sie sind mit Allem -- ~Allem~ bekannt?«

Der Graf bejahte mit einem schweren Seufzer.

»Ihr Anblick und Ihre Nähe werden ~ihr~ Herz mit Muth und Trost beleben, die ihr so nothwendig sind.«

»Möchte der Himmel unser Wiedersehen beschützen und segnen!« -- fiel der Graf bewegt ein und fuhr nach kurzer Pause fort: »Ich weiß, daß die Augenblicke für uns kostbar sind, darum bitte ich Sie, mir zu sagen, ob ich Sie an einem andern Ort ungestört sprechen kann, um von Ihnen Näheres über Sidonie zu vernehmen und zugleich die von Ihnen und der Freundin gewünschten Mittheilungen über mein vergangenes Leben machen zu können.«

»Sie kommen meinen Wünschen damit entgegen; denn einen andern Weg giebt es nicht zur Erfüllung unseres Verlangens, da Ihre längeren und wiederholten Besuche bei mir sehr bald bemerkt und besprochen werden würden. Ueberdies sind wir genöthigt, unsere näheren Beziehungen zu einander zu verheimlichen. Denn an unserm verderbten Hofe ist schon das Geringste hinreichend, irgend eine üble Deutung daraus zu ziehen, da man den Werth und das Benehmen Anderer nach sich selbst beurtheilt. Daher gebietet die Vorsicht, uns an einem andern Ort zu treffen, und das soll geschehen. Der heutige Tag nimmt mich, wie Ihnen bekannt, durchaus in Anspruch; doch morgen Nachmittag um die vierte oder fünfte Stunde besuche ich meine Verwandte, Frau von Techow, in der Stadt und werde Sie dort anmelden und erwarten. Frau von Techow ist Witwe und lebt ziemlich eingezogen, und wir werden bei ihr die geeignetste Gelegenheit zum Austausch unserer Gedanken finden.«

»Tausend Dank! Ich werde Sie dort aufsuchen, und es bedarf wol der Versicherung nicht, wie sehr ich mich auf diese Stunde freue.« »So kommen Sie denn, mein Freund. Wir dürfen nicht länger zögern, soll uns unsere Absicht nicht vereitelt werden. Ich führe Sie nach einem Blumenzimmer, zu welchem wir unbemerkt gelangen können, dasselbe grenzt an den großen Gartensaal und dort werden Sie Sidonie sehen. Ich darf Ihnen Ihr Verhalten wol nicht näher bezeichnen, falls wir von irgend einer Seite überrascht werden sollten. Ihr Wunsch, das Palais ein wenig in Augenschein zu nehmen, hat mich bewogen, Sie dahin zu führen. Natürlich müßten dadurch unsere freundschaftlichen Beziehungen verrathen werden; das wäre jedoch in solchem Fall ohne alle Bedeutung. Für Sidonie haben Sie nichts zu besorgen, selbst wenn man Sie im Gespräch mit ihr sähe. Der Zufall und der Ihnen von dem Herzog gegebene Auftrag an die Prinzessin dürften genügende Gründe zur Entschuldigung dieser Annäherung bieten. Ueberdies pflegt Sidonie auch häufig von dem Saal aus nach dem Garten zu gehen, und es dürfte daher nicht auffällig erscheinen, wenn dies auch heute und in dieser Stunde geschieht.«

»Das eben war’s, was mich besorgt machte; nun ich in dieser Beziehung gesichert bin, fühle ich mich ruhiger und bitte, führen Sie mich jetzt zu ihr,« entgegnete der Graf, sichtlich erfreut und beruhigt.

In Folge von Sidoniens Wunsch war Aurelien in dem Erdgeschoß des Palais, und zwar in der Nähe ihrer Gemächer, eine Wohnung eingeräumt worden, damit die Freundin leichter und bequem zu der Prinzessin gelangen konnte.

Aureliens Wohngemach lag neben einigen unbewohnten Zimmern, an welche das Blumenzimmer und der Gartensaal grenzten.

Dieser Umstand ermöglichte es Aurelien jetzt, den Grafen nach dem Ort der Zusammenkunft unbemerkt führen zu können.

Glücklich gelangten sie in das Blumenzimmer, das ihnen einen Ueberblick über den Saal und den Garten gestattete. Die daselbst befindlichen hohen Gewächse schützten sie vor einem zu leichten Erkennen von etwa zufällig Vorübergehenden, indem ihnen dieser Vortheil zugleich gestattete, falls es nothwendig wurde, sich unbemerkt zurückziehen zu können.

Aurelie hatte sich sogleich nach dem offnen Ausgange in den Saal begeben, um sich zu vergewissern, daß daselbst Niemand sei, und zugleich Sidoniens Ankunft zu erwarten, während der Graf zwischen den Pflanzengruppen zurückblieb.

Wie sie es vorausgesehen war der Saal leer, auch deutete die lautlose Stille ringsum an, daß sich in der Nähe kein zu fürchtender Lauscher befand, und so athmete sie froh und beruhigt auf.

Während sie dem Grafen ein Zeichen gab, näher zu kommen, öffnete sich die Thür in Sidoniens Gemach, und die Prinzessin trat mit sichtlicher Erregung ein. Niemand folgte ihr. Sie war bleich und nur das belebte Auge verrieth ihre innere Bewegung. Sie blickte sich forschend um und gewahrte Aurelie und den Grafen.

Sie that wenige Schritte, alsdann blieb sie stehen und lehnte sich auf die ihr rasch genahte Freundin, von der Heftigkeit ihrer Empfindungen überwunden. Mit einem eben so schmerzvollen als innig zärtlichen Blick streckte sie dem nahenden Grafen die Hand entgegen, die dieser ergriff und an die Lippen drückte.

Niemand von ihnen sprach ein Wort. Auge ruhte in Auge, so betrachteten sie sich einige Secunden. Ein unendlich schmerzliches Gefühl zog durch des Grafen Seele, als er die große Veränderung gewahrte, welche die einst so jugendfrische Gestalt der Prinzessin in den wenigen Jahren erlitten hatte.

Die weichen, lieblichen Züge waren einem leidenden Ausdruck gewichen, der sich trotz des liebenden Gefühls, das sie in diesem Moment dem Geliebten gegenüber erfüllte, geltend machte.

Die reizende Jugendfülle war geschwunden und hatte sich in eine auffällige Schlankheit umgewandelt, die um so sichtlicher hervortrat, da ihre Haltung in diesem Augenblick noch hinfälliger als sonst war.

Auch des Grafen Aussehen trug Spuren großer Veränderung; er schien fast um zehn Jahre gealtert; Sidonie bemerkte das sogleich und mit tiefer Wehmuth ruhte ihr Auge auf seiner Gestalt.

O wie schmerzvoll war ihr Wiedersehen! Obgleich von ihren Empfindungen mächtig zu einander gezogen, waren sie dennoch gezwungen, sich fern zu bleiben und mit einem Händedruck zu begnügen. Aber ihre Lage gebot, auch selbst darauf zu verzichten, und bald lösten sich die bebenden Hände von einander und der Graf trat von ihr zurück, um die gewöhnliche ehrerbietige Entfernung zwischen ihnen herbei zu führen.

»O, welche unendliche Freude, Sie endlich, endlich und ~heute~ wieder zu sehen!« sprach Sidonie, den Grafen mit inniger Freude betrachtend.

»Ich verdanke dieses nicht gehoffte Glück dem Auftrage Ihres Bruders, dem ich bei meiner Rückkehr einen Besuch abstattete und der mir denselben ertheilte, nachdem er von mir die Absicht vernommen hatte, mich hierher zu begeben,« erklärte der Graf.

»O, wie gut, wie herrlich, daß Sie wieder hier und nicht mehr so weit von mir entfernt sind!« fiel Sidonie ein und fügte alsdann fragend hinzu: »Sie bleiben doch hoffentlich längere Zeit hier?«

»Ich hatte meinen Aufenthalt auf zwei Wochen festgesetzt« -- -- entgegnete der Graf zögernd.

»Nur zwei Wochen?! O, das ist eine sehr kurze Zeit!« rief die Prinzessin in schmerzlichem Ton. »Nicht wahr, Sie werden ihren Aufenthalt, wenn es sein kann, verlängern und mir dadurch die Gelegenheit verschaffen, Sie öfter und unter günstigeren Verhältnissen wieder zu sehen?«

»Dürfte uns ~das~ gestattet sein?« fragte der Graf mit Betonung. »Und warum nicht? Aurelie wird Ihnen mittheilen, in welcher Weise ich hier lebe, und Sie daraus entnehmen, daß ich seit Jahr und Tag mein Leben nach meinem Gutdünken einrichte. Ich empfange in der Woche ein- bis zweimal einige Bekannte, wer wollte es mir verwehren, auch den Freund meines Bruders zu empfangen?« --

»Mir war das unbekannt, und es bedarf wol der Versicherung nicht, wie sehr mich Ihre Güte beglückt,« entgegnete der Graf, eben so sehr überrascht als erfreut.

»Ich setze voraus, Sie stimmen mit meinen Wünschen überein. Warum sollte ich in meiner Lage einer so schönen Freude entsagen, warum den Trost, den mir der Himmel in seiner Güte so unverhofft sendet, zurückweisen? O, ich bin nicht so stark, Uebermenschliches zu ertragen und die Hand nicht nach dem theuren Freunde auszustrecken, der mich in meinem Kummer aufrecht erhält. Die mich umgebende gleißende Herrlichkeit mit ihren Menschen verdient es nicht, ihnen so große Opfer zu bringen. Niemals würde ich mich dazu verstehen. Sie werden Aurelie sprechen und sie wird Ihnen Alles sagen, was Sie wissen müssen, mein theurer Freund, und dann mögen Sie selbst entscheiden,« sprach Sidonie mit festerer Stimme und fügte schmerzlich hinzu: »Ach, wie könnte ich von Ihnen scheiden ohne die Gewißheit des Wiedersehens, eines so oft ersehnten Wiedersehens!«

In tiefer Bewegung ergriff der Graf ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen, während sie freudig erregt fortfuhr: »O, welch eine schöne Stunde wird es sein, in der Sie mir ungestört alles das mittheilen werden, was Ihnen in der langen Zeit unserer Trennung begegnet ist. Wie oft haben wir Ihrer gedacht und Sie auf Ihren Reisen im Geist begleitet! O, wie wahr haben Sie einst gesprochen, daß die Ferne treue Herzen nicht zu trennen vermag, ich habe es an mir erfahren.«

»Wie beglückt es mich, theure Prinzessin, dies Alles aus Ihrem Munde zu vernehmen und Ihnen gestehen zu dürfen, daß meine Einsamkeit in der Fremde stets durch die Bilder der Heimath belebt worden ist,« entgegnete der Graf, indem sein Auge dem ihrigen voll Innigkeit begegnete.

»Ich wußte es ja!« fiel Sidonie ein und fügte hinzu: »Welche wundersame Kraft hat dieses Wiedersehen! Mir ist, als wäre ich dadurch mir selbst wiedergegeben worden und meine gefesselte Seele hätte Flügel der Freiheit gewonnen, um sich über alles Erdenleid fortzuschwingen! Mit wie ganz anderen Empfindungen gehe ich jetzt dem mir sonst so unangenehmen Empfange entgegen, da ich weiß, daß ich dabei meinen lieben Freund wiedersehen werde!«

»So laß mich ihn zurückführen, ehe der günstige Augenblick uns enteilt,« fiel Aurelie mit Besorgniß ein.

»Muß es sein?« fragte Sidonie rasch und besorgt.

»Du kennst die Gründe meines Drängens. Wir müssen jede Vorsicht beobachten,« bemerkte Aurelie.

»Du hast Recht! Sei es denn, und so leben Sie wohl, mein Freund,« sprach Sidonie und war eben im Begriff, dem Grafen die Hand zu reichen, als man das rasche Heranrollen eines Wagens vernahm, der gleich darauf an dem Palais still hielt.

»Das ist der Prinz! Fort, fort in Dein Gemach!« rief Aurelie erschreckt, während sie zugleich des Grafen Hand ergriff und ihn eilig nach dem Blumenzimmer zog.

Kein Lebewohl wurde gesprochen. Gleich einem gescheuchten Reh eilte Sidonie in ihr Zimmer, und ehe sich noch die Thür hinter ihr schloß, hatte Aurelie mit dem Grafen bereits das Blumenhaus erreicht. Dieses sowie die anderen Gemächer wurden hastig und schweigend von ihnen durchschritten, und wenige Augenblicke darauf befanden sie sich in dem Wohngemach der Dame.

»So, jetzt ist Alles gut!« sprach Aurelie tief aufathmend. »Sie ist unbemerkt in ihre Gemächer gelangt; wir haben nichts zu besorgen! O, wie freue ich mich, daß es uns gelungen ist; denn ich habe nur zu wohl erkannt, wie nothwendig diese Zusammenkunft war, sollte sich Sidonie nicht verrathen.«

»Ich theile Ihre Empfindungen, meine theure Freundin, und mein Dank für Ihre Güte ist darum um so heißer. Nichts von dem schmerzlichen Eindruck, den ich von Sidonien empfangen habe. Die Wirklichkeit hat alle meine Erwartungen übertroffen. O, sie ist ja nur noch ein Schatten dessen, was sie einst war!« sprach der Graf in kummervollem Ton.

»So ist es!« seufzte Aurelie und fügte alsdann hinzu: »Doch die Zeit drängt, daher kein Wort mehr! Sie müssen mich sogleich verlassen; Ihr längeres Hiersein in dieser Zeit würde Aufsehen erregen, auch bin ich nicht sicher, durch den Besuch einer der hier wohnenden Hofdamen überrascht zu werden. -- Also auf Wiedersehen morgen bei Frau von Techow, mein Freund!« Sie reichte dem Grafen die Hand, die dieser herzlich drückte und sich alsdann entfernte.

Niemand außer Aureliens Dienerin bemerkte sein Fortgehen.

Das Fräulein beobachtete ihn durch das Fenster, um sich zu vergewissern, ob er irgend etwa einer Person von Bedeutung begegnete. Dies war jedoch nicht der Fall, sondern der Graf erreichte unbemerkt die an dem Platz vorüberführende Straße, welche er verfolgte und bald ihren Blicken entschwand.

Durch alle diese Umstände noch mehr beruhigt, ging sie an ihre Toilette, da die Stunde des Empfanges nahte.

Sie hatte sich in ihrer Voraussetzung von des Prinzen Ankunft nicht getäuscht; derselbe war so eben angelangt.

Zitternd und schweißbedeckt von der übermäßigen Anstrengung hielten die Pferde vor dem Palais. Der Prinz hatte, um noch zu guter Zeit daselbst einzutreffen, den mehre Meilen langen Weg von der Residenz in der höchsten Eile zurückgelegt.

Er hatte während der Fahrt geschlafen und erwachte erst, als der Wagen still stand.

»Sind wir da?« fragte er seinen Begleiter und persönlichen Adjutanten, den Major, Baron von Mühlfels. Dieser bejahte. Ziemlich schwerfällig stieg der Prinz aus dem Wagen und ging gähnend an der ihn respectvoll erwartenden Dienerschaft vorüber in sein Wohngemach, woselbst er sich auf einen Divan warf. »Wie viel Uhr ist’s, Mühlfels?« fragte er.

»Eilf Uhr vorüber.«

»So haben wir ja noch mehr denn eine Stunde vor uns! -- Kleide mich aus, Henry,« herrschte er dem auf seine Befehle harrenden vertrauten Kammerdiener zu, indem er demselben die Füße hinstreckte.

Henry unterzog sich dem Befehl mit der an ihm bewährten Eile und Geschicklichkeit, und nach wenigen Augenblicken befand sich der Prinz in einer behaglichen Morgentoilette.

»Rasch, Henry, ein Bad, aber heute ein würziges Kräuterbad, wie sonst!« befahl darauf der Prinz, und der Diener, der, in das Leben seines fürstlichen Herrn des genauesten eingeweiht, ein solches bereits hatte vorbereiten lassen, entgegnete, daß dasselbe zu der Hoheit Befehl stände.

»Das ist gut. So geh’ und erwarte mich!« befahl der Prinz und Henry entfernte sich. »Eine verteufelt hübsche Nacht, die wir bei der kleinen Zelia zugebracht haben,« fuhr der Prinz in der Erinnerung des Verlebten fort. »Das Dämchen ist allerliebst und ihre Freundinnen stehen ihr wenig darin nach. Ich denke, Mühlfels, Sie pflichten mir darin bei?«

»Gewiß, Hoheit. Sie besitzt eben so viel körperliche Reize, als die angenehmste Weise, dieselben geltend zu machen,« entgegnete dieser vertraulich und entgegen kommend.

»Sie würden Zelia noch mehr preisen, kennten Sie sie so genau wie ich,« fiel der Prinz lachend ein und fügte dann mit einem cynischen Blick auf den Major hinzu: »Doch ich denke, Sie sind durch die anderen Mädchen für diese Unkenntniß entschädigt worden. Es war eine köstliche Nacht, und ich habe mich schon lange nicht so vortrefflich amüsirt wie dieses Mal. Man muß es Ihnen lassen, Mühlfels, Sie verstehen sich magnifique auf diese Dinge und Ihre Erfindungsgabe verdient alle Anerkennung. Sie wissen überall ’was Subtiles aufzutreiben, so daß immer ein neues Amusement da ist und man keine Langeweile spürt. -- -- +A propos!+« fragte er sich besinnend, »wie viel habe ich verloren?«

»Dieses Mal ziemlich viel. Fünfhundert Ducaten an Zelia und fast eben so viel an die anderen Damen und Herren,« entgegnete Mühlfels.

»Bagatelle!« rief der Prinz und fügte hinzu: »Ich dachte, es wäre mehr. Lassen Sie sich das Geld von meinem Schatzmeister geben und händigen Sie es den Leuten ein. Ich denke, meine Kasse wird nicht erschöpft sein. Ich werde selbst mit Tendler -- dem Schatzmeister -- sprechen. -- Doch da fällt mir ein, daß ich der Zelia einen Halsschmuck und Bracelets versprochen habe; ich bin ihr eine Erkenntlichkeit schuldig; sagen Sie meinem Juwelier gelegentlich, daß er für die Spielerei sorgt und sie mir in den nächsten Tagen bringt. Ich will Zelia das Geschenk selbst einhändigen. Nun aber in das Bad, um meinen Gliedern wieder Spannkraft zu geben, denn ich fühle mich doch ein wenig angegriffen. Werfen Sie sich unterdessen in die Staatsuniform, denn wir müssen ja der langweiligen Empfangs-Ceremonie beiwohnen und dabei ein gutes Aussehen haben. Sind Sie angekleidet, so kommen Sie wieder zu mir, damit ich Sie bei der Hand habe.«

Mit diesen Worten erhob er sich, schlug den Schlafrock fester um seine Glieder und begab sich in das Bad, das seine erschöpften Kräfte wieder stärken sollte.

Trotz der schlaffen Haltung, des bleichen, überwachten Antlitzes und der matten, eingefallenen Augen war des Prinzen Erscheinung dennoch keine unangenehme, da sich seine körperlichen Vorzüge selbst noch unter den angegebenen Umständen geltend machten. Er besaß eine hohe, stattliche, schön gebildete Gestalt, ein nicht minder schön geformtes Antlitz, dem neben dem sinnlichen ein gewisser gutmüthiger Ausdruck nicht mangelte, der sich auch in seinen blauen Augen widerspiegelte und Vertrauen erweckte. Dieses Vertrauen wurde auch in der That nicht getäuscht; denn der Prinz war eben so gütig, als leichtsinnig und verschwenderisch, und der Bittende konnte Alles von ihm verlangen, sobald er seine Schwächen zu benutzen verstand.

Dagegen konnte der Prinz eben so rauh und jähzornig werden, sobald man seinen Neigungen und Verirrungen entgegen trat; ebenso übte seine Stimmung einen großen Einfluß auf ihn aus und man mußte sich hüten, ihn in solchen Augenblicken irgendwie zu reizen, wozu oft schon ein nicht gut gewähltes Wort hinreichte.

Seine Umgebung und selbst sein vertrauter Kammerdiener Henry hatten das Alles schon oft erfahren müssen. Sein Zorn konnte sich selbst bis zu Thätlichkeiten steigern, in Folge dessen sich alsdann gewöhnlich sein Unmuth verlor und einer an Schwäche streifenden Gutmüthigkeit wich, die alsdann von den klugen und listigen Leuten zum Nachtheil des Prinzen wieder ausgebeutet wurden.

Diese Zeichnung wird zugleich genügen, des Prinzen Verhalten gegen seine Gemahlin zu erklären. Charaktere, wie derjenige des Prinzen, besitzen bei aller Gutmüthigkeit dennoch eine gewisse Abneigung vor Personen von wahrhaft sittlichem Gehalt, deren Anerkennung und Würdigung ihnen nicht nur höchst unbequem ist, sondern auch zugleich nicht denjenigen Genuß zu gewähren vermag, der von ihrer sinnlichen Natur gefordert wird.