Prinzessin Sidonie (Band 1/3)

Part 5

Chapter 53,604 wordsPublic domain

Und so tönte kein freudiges Wort von ihren Lippen, als sie wie einst den Garten durchschritt; traurig und stumm saß sie am Weiher nur kurze Zeit, um, von innerer Unruhe getrieben, weiter zu eilen, in den Wald, auf den Hügel, auf welchem sie einst mit ~ihm~ der Sonne Scheiden stumm und schmerzvoll an dem feuchten Auge vorüber gleiten sah.

Und sie seufzte still vor sich hin: »Dahin, dahin, auf immer dahin!«

Länger denn eine Woche war nach ihrer Rückkehr verstrichen, ohne daß der Graf erschien, wie sie das erwartet hatte, und mit jedem neuen Tage steigerte sich ihre Sehnsucht, ihn endlich nach so langer, langer Zeit wieder zu sehen, ohne daß dieselbe jedoch befriedigt wurde. Des Grafen Fernhalten betrübte sie tief, mehr jedoch noch die Ungewißheit, in welcher sie über sein Leben schwebte. Allerlei beängstigende Sorgen quälten sie und raubten ihr die so nothwendige Ruhe, so daß sie darunter körperlich litt. Schon öfter hatte sie Aurelie gebeten, sich um Nachricht über den Grafen zu bemühen, ohne daß diese mehr zu thun vermochte, als bei des Letzteren Bekannten Erkundigungen nach ihm einzuziehen, die Sidonie nicht zu befriedigen vermochten.

Ohne daß die Letztere etwas erfuhr, langte durch einen geheimen Boten in dieser Zeit ein Billet von Römer an Aurelie an, in welchem er ihr mittheilte, daß er zu der schmerzlichen Ueberzeugung gelangt sei, daß es besser sei, Sidonie nicht mehr wieder zu sehen, da er dies für ihre Ruhe als durchaus nothwendig erachtete; Aurelie sollte ihn daher nicht erwarten. Er trug dieser zugleich auf, viele Grüße an Sidonie zu bestellen und als Grund seines Fortbleibens eine weitere Reise zu bezeichnen, die er im Interesse seiner Familie habe antreten müssen. Zu welcher Zeit seine Rückkehr erfolgen würde, sei er nicht im Stande zu bestimmen. Hinsichts des von der Prinzessin gewünschten Portraits sprach er die Meinung aus, daß es vielleicht geeigneter sei, Sidonie dasselbe erst nach ihrer Vermählung einzuhändigen. Zugleich vertraute er der Freundin an, daß, nachdem er zu dem Entschluß gelangt, Sidonie in den ersten Jahren nicht wieder zu sehen, er sich vorläufig nach Paris begeben würde, um von hier aus eine weitere Reise, die ihn voraussichtlich mehrere Jahre von der Heimath fern halten würde, anzutreten. Dies sollte Sidonien jedoch ein Geheimniß bleiben. Er bat Aurelie, ihm zu schreiben, bemerkte aber auch zugleich, daß er es von ihrem Wunsch abhängig mache, ob er ihr später wieder Mittheilungen zugehen lassen sollte. Den Grund dazu bezeichnete er in der Voraussetzung nicht näher, daß Aurelie denselben errathen würde.

Diese wurde durch den Inhalt des Schreibens kaum überrascht; der besondere Charakter des Grafen und sein Fernbleiben hatten sie ein solches Handeln bereits voraussehen lassen.

Sie billigte dasselbe nicht nur mit vollster Ueberzeugung, indem sie dessen Nothwendigkeit erkannte, sondern bewunderte auch die große Selbstverläugnung, die der Graf zu Gunsten der Prinzessin beobachtete.

Jedes Wiedersehen mußte nachtheilig auf die Letztere wirken, indem es zu dem Schmerz auch noch das gesteigerte Verlangen nach des Geliebten Besitz gesellte. Neue, schmerzvolle Kämpfe wären dadurch in Sidonien hervorgerufen worden, deren Folgen nicht zu berechnen waren und ihr den unvermeidlichen Schritt wesentlich erschwert hätten. Die Möglichkeit, ihn noch vor ihrer Vermählung wiederzusehen, mußte sie dagegen beleben, wenn die Gewißheit, daß dies in Jahren nicht stattfinden würde, ihr armes Herz vollständig niedergebeugt hätte.

Auch in Bezug auf die Einhändigung des Portraits, das dem Schreiben beigefügt war, theilte Aurelie des Grafen Ansicht, freilich mit dem nahe liegenden Bedenken, daß Sidoniens Gemüthszustand sehr leicht und wahrscheinlich bald eine Aenderung seiner Bestimmung erfordern würde.

Sie händigte dem Boten eine ausführliche Antwort an den Grafen ein, in welcher sie ihm nicht nur ihre Zustimmung zu seinen Entschlüssen und Maßnahmen, sondern auch ihre dankbare Bewunderung für seine so edle Selbstverläugnung aussprach. Ueber die an dem Hofe des Fürsten gemachten Beobachtungen betreffs des wenig empfehlenden Charakters des Prinzen schwieg sie, um den Grafen nicht noch tiefer zu betrüben und zugleich in der Voraussetzung, daß er in dieser Beziehung wohl besser unterrichtet sein würde, als sie selbst. Denn es darf kaum bemerkt werden, daß man sich wohl hütete, einer Hofdame der Prinzessin Anderes als nur Lobenswerthes über den schönen Prinzen, den Abgott der Frauen, mitzutheilen.

Aurelie täuschte sich in dieser Voraussicht durchaus nicht. Der Graf, obwol seit längerer Zeit den Hof seines Fürsten meidend, dessen Ton ihm nichts weniger als zusagte, stand dennoch durch seine daselbst oder in dessen Nähe lebenden Verwandten mit demselben in einem ziemlich regen Verkehr, und so konnte es nicht fehlen, daß er auch mit des Prinzen leichtsinnigem Leben genügend bekannt gemacht wurde. Die Gewißheit von dem geringen sittlichen Gehalt des Letzteren, der für ihn früher nur höchstens sein politisches Interesse beansprucht hatte, war jetzt ein Grund kummervollster Sorge geworden, welche den Schmerz der Entsagung nur noch erhöhen mußte.

Wäre Sidonie die Gemahlin eines achtungswerthen Fürsten geworden, so würde er leichter auf ihren Besitz verzichtet haben; jetzt jedoch von der Ueberzeugung erfüllt, daß der Prinz niemals Sidoniens Werth erkennen und daher auch nie auf ihr Glück bedacht sein würde, litt sein Herz tausendfach mehr. Darum war er rasch zu dem Entschluß gelangt, fern von der Stätte, an welcher er sein Liebesglück begraben wußte, die Zeit und das Geschick walten zu lassen und seinen Schmerz in abgeschiedener Fremde auszukämpfen. Wenige Tage nachdem er Aureliens Mittheilung erhalten hatte, begab er sich zu einem entfernten Verwandten und von diesem später nach Paris.

Aurelie entledigte sich ihres Auftrages gegen Sidonie mit großer Vorsicht und treu der ihr von dem Grafen gegebenen Rathschläge.

»So ist mir denn auch die einzige Freude geraubt, die mir noch geblieben und auf welche mein Sehnen und Hoffen gerichtet war!« -- entgegnete Sidonie, durch das Vernommene schmerzlich überrascht. »Doch ich darf nicht klagen; denn ich habe ja kein Recht dazu. -- Ja, ja, ~er~ sprach leider nur die volle Wahrheit. Entbehren und Entsagen, das ist das allgemeine Loos der Menschen, und ich muß mich bemühen, diese Wahrheit anzuerkennen, indem ich mich ihr geduldig unterwerfe. -- Ich fühle es nur zu wohl,« fuhr sie nach kurzem sinnenden Schweigen fort, »welchen Entsagungen ich entgegen gehe, und wie nothwendig es ist, mich schon zeitig daran zu gewöhnen.« -- Wieder schwieg sie und schaute gedankenvoll vor sich hin; alsdann bemerkte sie in wehmüthigem Ton: »Eine wunderbare, unergründliche Welt! Alle Geschöpfe in der Natur scheinen sich eines ungetrübten Glücks zu erfreuen und folgen froh den inneren Trieben; nur das höchste, edelste Geschöpf, der Mensch, schafft sich Qualen und Sorgen, Leid und Verzweiflung, indem er seinen Willen über die Gesetze der liebenden Natur stellt. Ich vermag das nicht zu verstehen, und forsche vergeblich nach den Gründen, warum der Mensch das wahre, einzige Glück des Lebens einem eingebildeten und nur mit schmerzvollen Opfern erkauften vorzieht, das ihm am Ende doch keine Befriedigung gewährt.« --

»Wer vermöchte Deine gewiß schon häufig ausgesprochenen Gedanken zu beantworten! Vergebens haben sich die Weisen darum bemüht, und alle Weisheit lief endlich auf den einen Satz aus, daß des Menschen Leben eben so geheimnißvoll sei, wie das Leben überhaupt,« entgegnete Aurelie, von ihrer Freundin Betrachtung nicht wenig überrascht, da sie dergleichen zum ersten Mal aus ihrem Munde vernahm und Sidonie durch das volle Leben, dem sie sich bisher hingegeben hatte, von allen philosophischen Grübeleien fern gehalten worden war, wozu ihre Natur überhaupt nicht zu neigen schien.

Aber es bewährte sich auch in diesem Falle der Satz, daß Leiden uns zu Philosophen machen, selbst wenn wir nicht die geringste Anlage dazu besitzen. Für unsere ~Freuden~ forschen wir nach keinem Grund; der ~Kummer~ jedoch, das nicht selbst heraufbeschworene Weh, unter welches wir uns beugen müssen, fordert die Frage an das Unbekannte heraus.

Sidonie hatte Aureliens Worte mit Aufmerksamkeit vernommen; als diese schwieg, ließ sie eine gewisse Zeit vorüber gehen, ehe sie antwortete; alsdann sprach sie sinnend:

»Wie wunderbar! Der Mensch empfindet tiefer als die Gottheit, die ihn geschaffen, und erscheint mir höher als diese, da er ein glückliches Dasein für alle Menschen fordert und oft mehr an dem fremden als dem eigenen Unheil zu Grunde geht. Wie kommt’s, daß ich das Gute empfinde und mit Inbrunst für Alle verlange, obgleich ich nicht allliebend und allgütig genannt werden kann und derjenige, dessen Allmacht wir anerkennen, ja anbeten, sich so lieblos und ungütig seinen Geschöpfen gegenüber zeigt? -- Däucht Dir in solchem Fall nicht der Mensch erhabener als die Gottheit? Ohne allmächtig zu sein, schafft er dennoch das Liebevolle, und wo er sich zum Schaffen unfähig fühlt, adeln ihn wenigstens seine edeln Triebe und das Mitleiden mit dem Unglück. -- -- Ich weiß nicht,« bemerkte sie nach kurzem schweigenden Nachdenken, »ich weiß nicht, wie es zugeht, daß sich solche Betrachtungen mir in die Seele drängen, indem meine Gedanken dem Grafen in die Ferne folgen, ihn aufsuchen an fremden Stätten, um im Geist mit ihm zu verkehren, da ich ihn nicht Auge in Auge begrüßen darf. -- Kann uns das Leid so sehr umändern und kann diese Umänderung so ganz ohne unsern Willen vor sich gehen? -- Ich verstehe es nicht. Niemals ist es mir bisher eingefallen, die Welt nicht für vollkommen zu halten, und jetzt führt mich mein eigenes Leid zur Einsicht der großen Unvollkommenheiten derselben und erfüllt mein Herz mit nie gekannten Zweifeln an den Gott der Liebe.« --

»Diese Zweifel werden schwinden, wenn Dich das Leben wieder herausfordert, meine Sidonie,« bemerkte Aurelie und war eben im Begriff, der Freundin Gedankengang auf einen freundlicheren Weg zu leiten, als diese, ohne darauf zu achten, fragte:

»Nicht wahr, Aurelie, ~er~ wird nicht zu lange fortbleiben und sich mit seinen Geschäften beeilen, damit wir uns noch oft sehen, uns noch oft an einander erfreuen können?« --

»Ich denke, er wird es thun,« sprach Aurelie mit gepreßter Stimme und bemüht, unbefangen zu erscheinen.

»O gewiß, gewiß wird er darauf bedacht sein; denn er liebt mich ja so innig, und so wird er sich auch nach meinem Anblick sehnen, wie ich mich nach dem seinigen sehne!« fiel Sidonie eifrig ein und fuhr alsdann, in der Erinnerung an den Geliebten verloren, mit Innigkeit fort: »Ich habe Dir noch niemals von meiner Liebe zu ihm gesprochen; ich hielt dies für überflüssig und es drängte mich nicht dazu. Du sahst ja meine Liebe keimen und sich entfalten, Du sahst das Glück, das sie mir brachte; wozu also der Worte für das, was sich doch nicht aussprechen läßt. -- Welch ein süßes, geheimnißvolles Weben und Leben in der Seele! Wie spinnt sich unbewußt Faden und Faden vom Herzen zum Herzen und knüpft alles Leben, Fühlen und Denken immer fester und fester an einander, bis ein unzerreißbares Gewebe aus ihnen entsteht, das sie auf ewig vereint. Ja, ja, auf immer und ewig!« wiederholte sie mit Nachdruck und fügte sinnend hinzu: »Wie der Ton des Geliebten uns so eigenthümlich berührt, die Seele mit süßem Schauer erfüllt und dieser Schauer sich in lautere Seligkeit und Hingabe umwandelt, wenn wir nun an seiner Seite hingehen und in das geliebte Auge schauen! Ich weiß nicht, ob es einem jeden Mädchen so ergeht, wie mir; ich möchte jedoch jene Empfindungen nicht entbehren, die vielleicht erst dann schwinden, wenn das größere Glück des Besitzes uns mit mächtigeren Gefühlen begeistert.« --

Sie seufzte, von dem Gedanken bedrängt, sich eines solchen Glückes niemals erfreuen zu dürfen, suchte Aureliens Hand, die sie in die ihrige schloß, und fragte, wie es schien, von einem plötzlich in ihr auftauchenden Gedanken ergriffen:

»Glaubst Du, daß ~er~ sich vermählen wird?«

Ueberrascht blickte Aurelie sie an und entgegnete nach kurzem Zögern: »Ich bezweifle es.« -- --

Sidonie senkte das Haupt, schaute sinnend zu Boden und fragte ängstlich:

»Wird ihm meine Liebe einen Ersatz für sein vereinsamtes Leben bieten können?«

»Ich glaube Deine Frage bejahen zu dürfen und denke, des Grafen Charakter berechtigt mich zu einer solchen Voraussetzung; doch bin ich überzeugt, meine theure Freundin, daß Du weit entfernt bist, einen solchen Verzicht von ihm zu verlangen.« -- --

»O gewiß, gewiß!« fiel Sidonie lebhaft ein. »Wie sollte und könnte es auch anders sein! Glücklich, ganz glücklich will ich ihn wissen, und würde mein eigen Leid leichter ertragen, wüßte ich, er wäre es geworden. Ich würde sein Weib mit meinen Armen umschlingen und freudig an das Herz drücken, da es die hohe Aufgabe erfüllt, dem Geliebten das Leben zu verschönern! Freilich,« fuhr sie mit leiser, wehmüthiger Stimme fort: »jenes Glück, das meine Liebe ihm gebracht hätte, jenes Glück wird sie ihm nicht gewähren können! -- O, möchte sein Auge wieder in Freude erglänzen und seine edle Seele sich aufrichten in der Liebe edler, treuer Menschen!« -- -- schloß sie mit erhöhter Stimme und in einem überaus herzlichem Tone, der deutlich bekundete, daß ihr Wunsch den Tiefen ihrer Seele entquollen war.

Alsdann fragte sie nach kurzem Schweigen: »Hat er des Portraits nicht gedacht?«

»Gewiß, und wünscht Dir dasselbe später zu übergeben,« erwiderte Aurelie, eingedenk des von dem Grafen ausgesprochenen Wunsches.

»Später!« seufzte Sidonie und fügte dann hinzu: »Wie sehr hätte mich der Besitz seines Bildes, da ich ihn selbst nicht sehen darf, beglückt! Doch ich will geduldig sein und harren, bis es ihm gefällt, mir sein Versprechen zu halten, und mich bemühen, das ungestüm nach seinem Anblick verlangende Herz zu beschwichtigen.«

Im Lauf der Folgezeit wiederholten sich diese Unterhaltungen und Fragen von Seiten Sidoniens, angeregt durch des Grafen dauerndes Fortbleiben, das sie in der Annahme nicht zu begreifen vermochte, der Geliebte theile ihre Sehnsucht. Und je mehr sich die Zeit bis zu ihrer Vermählung abkürzte, um so häufiger und ängstlicher forschte sie nach ihm, um so häufiger sprach sie die Besorgniß aus, er könnte wol gar durch seine Geschäfte so lange in Anspruch genommen werden, daß ein Wiedersehen in der Heimath unmöglich würde.

Aurelie erschöpfte die Kräfte ihres mitfühlenden Herzens, um Sidonie zu beruhigen und in der bezweckten Täuschung zu erhalten; trotzdem litt die Prinzessin unter dem sich immer mehr und mehr in ihr geltend machenden Gedanken, den Grafen nicht mehr zu sehen, so sehr, daß Aurelie es für besser erachtete, ihr nichts mehr zu verhehlen und zugleich das Portrait einzuhändigen.

Mit großer Vorsicht bereitete sie die Prinzessin darauf vor, indem sie mit ihr gemeinschaftlich erwog, ob dem Fernhalten des Grafen nicht vielleicht ein bestimmter Zweck zu Grunde liegen und dieser Zweck die wohlgemeinte Absicht in sich schließen könnte, sowol Sidonien als dem Grafen selbst den Schmerz der Entsagung zu verringern.

Sie erinnerte die Freundin zugleich, daß eine solche Absicht gewiß eben so edel als durch die Umstände geboten sei, und bat sie, der Rücksichten zu gedenken, die sie dem Grafen zu schenken verpflichtet sei. Sie erinnerte sie alsdann, daß der Letztere nicht minder als sie selbst unter den unheilvollen Verhältnissen leiden müßte, und es daher vielleicht im Interesse Sidoniens und seiner eigenen Ruhe für besser erachtete, ein Wiedersehen vorläufig zu vermeiden.

Aurelie kannte der Freundin Herz zu wohl, um nicht von der guten Wirkung ihrer Vorstellungen überzeugt zu sein, und täuschte sich in dieser Beziehung auch nicht. Sidonie gab trotz ihres Verlangens und Schmerzes die Richtigkeit und Zweckmäßigkeit zu, welche des Grafen Fernhalten in sich schloß, und die Erinnerung an des Geliebten Leid genügte schon, ihm zu Liebe das Verlangen nach seinem Besuch zu beschwichtigen.

In dem Gedanken seines Kummers vergaß sie fast ihr eigenes Weh und wünschte sogar, er möchte nicht kommen, um sein Leid nicht zu vermehren.

Als Aurelie die guten Wirkungen ihrer Worte auf Sidonie bemerkte, glaubte sie den Zeitpunkt gekommen, ihr des Grafen Portrait einzuhändigen; denn jetzt meinte sie nicht nur keine üble, sondern vielmehr eine wohlthätige Wirkung davon auf die Prinzessin erwarten zu dürfen. Sie täuschte sich auch in dieser Beziehung nicht; es war in der That so.

Sidonie hatte sich in Folge aller der bezeichneten Erwägungen bald mit dem Gedanken vertraut gemacht, den Grafen vor ihrer Vermählung nicht mehr zu sehen, und es fiel ihr dies um so weniger schwer, da sie einen solchen Verzicht im Interesse des Geliebten für nothwendig erachtete. Der Besitz seines Portraits, statt ihre Sehnsucht nach seinem Wiedersehen zu erhöhen, erfüllte sie vielmehr mit einer süßen Ruhe und kräftigte ihre Seele.

O, mit welchem glücklichen Blick begrüßte sie dasselbe, mit welcher Innigkeit heftete er sich an die geliebten Züge! Mit ihrer Freundin vereint betrachtete sie die letzteren und forschte, in wie weit es dem Künstler gelungen war, die Natur wieder zu geben. Sie fand sich freilich nicht ganz befriedigt, denn sie betrachtete das Bild mit den Augen der Liebe, während der Künstler es doch nur als solcher zu gestalten befähigt war. Aber was dieser nicht hineingelegt hatte, verbesserte ihre Erinnerung, und so fühlte sie sich durch seinen Besitz ganz beglückt.

Bald waren auch die letzten Tage, die sie in der Heimath verleben durfte, verflossen, und sie sagte derselben ein schmerzliches Lebewohl, um in Begleitung ihrer Eltern und ihres Bruders sich auf den Weg nach dem fürstlichen Hofe zu begeben, woselbst die Vermählung gefeiert werden sollte. Beim Beschreiten der Grenze des Fürsten wurde sie von dem Prinzen mit einem glänzenden Hofstaat empfangen und nach der Residenz und dem Schloß geleitet, woselbst sie die zu ihrer und der Ihrigen Aufnahme prachtvoll ausgestatteten Gemächer bezog.

Am folgenden Tage fand die Vermählung in der fürstlichen Schloßkapelle statt, der sich eine Menge Festlichkeiten, theils in dem Schloß, theils an anderen Orten anreihten und mit Opern und Ballets abwechselten. Nachdem dieselben ihr Ende erreicht hatten, vertauschten die Neuvermählten das Residenzschloß mit einem Palais in einer, wenige Meilen von der Residenz entfernten, kleinen Stadt, woselbst der Fürst schon seit vielen Jahren lebte. Der Letztere hatte derselben wegen ihrer Naturschönheiten vor der geräuschvollen Residenz den Vorzug gegeben und sie im Lauf der Zeit mit Schlössern und vielen anderen Prachtbauten, Parkanlagen und Wasserkünsten geziert, und lebte hier in einem Kreise geistreicher Männer den Wissenschaften und in einer beschaulichen Ruhe, nach welcher sich gewöhnlich das Alter mit seinen körperlichen Beschwerden zu sehnen pflegt.

Da die Verwandten des fürstlichen Hauses und der Adel theils in der Residenz, theils in der Nähe derselben wohnten, und sich nur die von dem Fürsten bevorzugten Personen sowie einige der Cabinetsbeamten hier dauernd aufhielten, um in jeder Stunde sich ihm zu Diensten stellen zu können, so herrschte sowol an des Fürsten Hof, wie in der Stadt selbst, stets eine an Einförmigkeit grenzende Ruhe, die selten durch ein Hoffest unterbrochen wurde. Der Fürst, über die erfolgte Vermählung seines Neffen sehr erfreut, wünschte dessen Nähe und hatte ihm darum ein prachtvoll ausgestattetes Palais daselbst angewiesen.

Es geschah dies zugleich in der Absicht, den Prinzen von seinen lockeren Freunden zu entfernen und für eine ernste Beschäftigung zu gewinnen. Die wichtigsten Staatsgeschäfte wurden gewöhnlich an dem Wohnsitz des Fürsten erledigt, und so war die dauernde Anwesenheit des Prinzen daselbst um so mehr erforderlich, sollte er in die ersteren eingeweiht werden. Dieser schien sich in die Bestimmungen seines Oheims gern zu fügen, ja es schien sogar, als ob er in dem Besitz seiner Gemahlin weniger Werth auf die so lange mit Leidenschaft aufgesuchten Genüsse legte.

Dies war in der That jedoch nur für kurze Zeit der Fall und währte nur so lange, als der Reiz der Neuheit seine Wirkung auf ihn ausübte; sobald dieser jedoch aufhörte, fühlte der an stete Zerstreuungen gewöhnte Prinz eine peinigende Langweile. Das einförmige Leben wurde ihm unerträglich, wozu sich noch der unangenehme Zwang gesellte, den ihm sein eheliches Verhältniß auferlegte.

An Verlockungen von seinen alten Freunden fehlte es natürlich nicht, und so geschah es, daß er sehr bald und häufig wieder in der Residenz gesehen wurde. Die Höflinge bereiteten zu Ehren seiner Rückkehr ein wahres Freudenfest, das, eben so reich als wohl überdacht, nur zu sehr geeignet war, den Prinzen mit neuen Fesseln an sie zu ketten.

Gewohnheit, mehr noch die angeborene Neigung thaten das Uebrige, und wenige Monate nach seiner Vermählung hatte sich der Prinz seinem ehemaligen ausschweifenden Leben wieder mit ganzer Leidenschaft ergeben.

Aus diesen Umständen ist leicht ersichtlich, wie geringen Einfluß Sidonie trotz ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit auf ihren Gemahl ausübte. Vielleicht würde dies mehr der Fall gewesen sein, hätte sich des Prinzen Charakter zur Entfaltung ihrer sittlichen Vorzüge geeignet und wäre durch die Uebereinstimmung ihrer Naturen jenes Vertrauen in ihr erwacht, das ihre Schüchternheit und Abgeschlossenheit besiegt hätte.

Wir kennen Sidoniens Abneigung gegen den Prinzen, die um so weniger schwinden konnte, da der nähere Umgang mit ihm durchaus nicht geeignet war, dieselbe wenigstens in ein achtungsvolles Gefühl umzuwandeln.

Ihre Schüchternheit und Duldsamkeit verleitete ihn, ihr gleich einem Kinde zu begegnen und nur die nothwendigste Aufmerksamkeit zu schenken, da sie ja überdies von ihm nichts mehr zu beanspruchen schien und sich in einem zurückgezogenen Leben gefiel. Niemals äußerte sie einen Wunsch, niemals erhob sie irgend einen Anspruch auf etwas, obgleich sie ihre Stellung dazu berechtigte. Ebenso schien ihr des Prinzen Fernhalten eher erwünscht, als ungebilligt zu sein, wie das ihre Umgebung zu bemerken glaubte und was ihre schweigende Duldung obenein noch bestätigte. Wir wissen, daß dies in der That der Fall war, wenngleich Niemand die eigentlichen Gründe ihres Benehmens ahnte und dies ihrem einfachen, anspruchslosen Charakter zuschrieb. Wie natürlich, daß der Prinz, von gleicher Täuschung befangen, seinen Neigungen allmälig mehr und mehr die Zügel schießen ließ.

Sidonie ahnte ihres Gemahls Treiben nicht, denn ein Jeder hütete sich, ihr dasselbe zu verrathen, und sie selbst war weit entfernt, nach demselben zu forschen, obgleich ihr des Prinzen Wesen und Benehmen und seine häufigen und längeren Besuche in der Residenz mit der Zeit immer mehr Veranlassung dazu boten.

In dem vertraulichen Umgange mit ihrer treuen Freundin Aurelie und in einem gewählten Genuß der ihr gebotenen Zerstreuungen, sowie in den eifrigen Bemühungen nach geistiger Ausbildung und ihres musikalischen Talents, fühlte sie sich, so weit dies eben sein konnte, befriedigt, und je weniger sie durch das Hofleben in dieser Abgezogenheit gestört wurde, um so angenehmer war es ihr.

Da des Fürsten Gemahlin, von diesem getrennt, ein stilles, zurückgezogenes Leben und er selbst ein ähnliches führte, so konnte es nicht ausbleiben, daß Sidoniens Wünsche ziemlich befriedigt wurden, und dies um so mehr, da der Prinz selbst keine Veranlassung fühlte, seine schüchterne Gemahlin durch geräuschvolle Feste zu zerstreuen, oder sie für sich zu beanspruchen.