Part 9
Der „Koning“ verließ am späten Nachmittag Kolombo. Peter sah Goed noch den Steg heraufkommen. Aber er wollte allein sein, mußte allein sein und stellte sich in seiner Kabine ans Fenster. Langsam sank der Hafen zurück. Das rote Gall Face erschien, Palmen am Strand, Erinnerungen, die ihn erdolchen wollten; er kämpfte mit sich, rasend und stark, Kolombo verschwand hartnäckig langsam, und als nichts mehr wie Meer vor dem Fenster blaute, in der eiligen Dämmerung weich beflort sich maßlos ausdehnte, da war es erst recht voll Melancholie um ihn. Er wandte sich zurück und ging hinauf ins Rauchzimmer. Es überfiel ihn die Versuchung, wie gestern abend zu trinken, zu trinken, bis sein Blut so moorig schwer würde, daß die Wirklichkeit von ihm sich erdrücken ließ. Aber er spürte den Alkohol noch in seinen Adern bohren, sein Mund hatte einen solch klebrigen, widerwärtigen Geschmack behalten, daß es ihn grauste. „Unappetitlich!“ flüsterte er der Versuchung zu. Er bestellte einen schwarzen Kaffee und rauchte eine große Havanna dazu. Goed ging durchs Rauchzimmer, grüßte und schritt zur andern Tür hinaus.
„Was hat der denn?“ fragte sich Peter. Dann lächelte er: „Er schämt sich seiner Besoffenheit von gestern.“
Aber bei der zweiten Begegnung mit Goed ging es nicht anders. Der Holländer saß mit flackrigen Augen da, sprach nicht, gab kurze mürrische Antworten und brutalisierte die Bediener. Peter zog sich von ihm zurück.
Am vierten Morgen fuhren sie zwischen Mangroven dem Kai von Belawan zu. Goed ging auf dem Deck hin und her, hastig und wie aufgestört. Seine wurzelhafte Ruhe war hin. Er hatte einen großen Panama auf und rauchte Zigaretten ohne Unterlaß. Auf dem Kai stand ein junger Mann und ein Mann mit einem großen Vollbart. Die winkten Goed zu und holten ihn dann ab. Man mußte durch den Zoll, dann über eine feuchte, verfilzte Straße, Belawan war in einen Mangrovenmorast gebaut, zum Bahnhof. Goed kümmerte sich nicht um den ortsunkundigen Pirath. Er war verschwunden. Die malaiischen Zollbeamten sprachen Deutsch und zeigten Peter den Weg hinter seinen Gepäckträgern her.
Erst im Zug sah Peter Goed wieder. Goed lag tief in einem Sessel in der Ecke des Wagens. Neben ihm saß der junge Mann. Der mit dem Bart saß von beiden entfernt. Einige vornehme alte Chinesen in seidenen Kleidern mit großen goldenen Brillen und breiten Manilahüten begrüßten sich mit edler Höflichkeit. Ihr fremdes und schönes Benehmen lenkte Peter von Goed ab. Die Fahrt bis Medan dauerte nur drei Viertelstunden. Am Bahnhof trat Peter auf Goed zu und fragte ihn: „Welches Hotel ist das beste in Medan?“
Goed antwortete: „Der Herr von der Linden“ (er stellte damit den jungen Mann vor) „seggt mir, dat ik keen Chauffeur hebben kann, weil het javansch $new year$ is. Nemme Sie een Sados. Wohne Sie im Hotel de Boer. Het is dat best in Medan.“
Er gab Peter die Hand und sagte: „Ik seh Sie ja wohl noch in Medan!“ und ging.
Peter blieb verblüfft stehen und schaute ihm nach. Dann ärgerte er sich: „Wart, mein Lieber, dich krieg ich noch!“ sagte er beleidigt. Er fuhr ins Hotel de Boer. Er schrieb auf einen Bogen: „Liebe Ewe! Ich bin unglücklich und unlustig. Ich konnte nicht mehr auf Zeylon bleiben und bin in Medan, Hotel de Boer. Wo bist Du? Erreicht Dich dieser Brief?“ Er brachte den Brief zur nahen Post. Er ging früh zu Bett.
Als er am nächsten Morgen frühstückte, wunderte er sich, daß Goed noch nicht nach ihm fragen gekommen war. Es war schon halb elf. Eine sumpfige Hitze strich über den großen Platz und auf die Terrasse vor dem Hotel herüber. Peter sah im Schatten von Bäumen braune Männer hocken, und jenseits gingen zwei weiße Europäeranzüge davon. Ab und zu lief ein chinesischer Kuli mit einer Rickscha vorbei. In jeder Rickscha saß ein weißgekleideter Europäer, der sich vor der Hitze unter dem Tropenhut zusammenduckte. In keiner Rickscha saß der große Körper Goeds.
Die Mittagsstunden vereinsamten den Platz und das Hotel vollständig. Peter sagte sich: „Man kann es Goed nicht verübeln, daß er diese Hitze meidet.“ Er legte sich ins Bett und schlief bei geschlossenen Läden ein. Im Garten schrien Grillen und Vögel. Über die Decke liefen kleine graugrüne Eidechsen und jagten Mücken. Eine Eidechse stürzte herab und weckte Peter. Das Tier fiel auf seinen nackten Hals und kribbelte entsetzt davon. Erschrocken stand Peter auf. Er klingelte. Ein kleiner nacktfüßiger Malaienjunge kam. Peter fragte nach Goed. Der Junge verschwand und brachte dann einen Zettel, auf dem auf englisch stand, Mr. Goed sei nicht dagewesen.
Als Goed auch am nächsten Tag nichts von sich hören ließ, entschloß sich Peter kurz, erkundigte sich, wo er wohnte und fuhr in seiner Rickscha hin. Er kam in eines der üblichen Kolonialhäuser. Es sah etwas schmutzig aus. Peter ging auf die Veranda hinauf, ins Vorzimmer. Es schien kein Mensch in dem Haus zu wohnen. Er klatschte in die Hände. Da kam ein dickes junges weißes Mädchen. Es hatte verweinte Augen und sprach nur Holländisch. Es zeigte nach hinten und sagte dazu: „Mijnheer Goed!“ Peter durchschritt noch einen Raum, der nach hinten auf eine kleine Terrasse ging. In dem Raume saßen nebeneinander auf dem Boden drei strohblonde bleiche Kinder und weinten, und Peter sah durch die breite offene Tür auf einen Tisch, an dem Goed hockte. Der schwere Mann saß weit über den Tisch gebeugt. Es standen zwei Flaschen und ein leeres Glas vor ihm, und er stierte auf einen alten malaiischen Diener, der gegenüberstand. Auf einmal schoß der schwere Körper in die Höhe, eine Hand ergriff eine der Flaschen und warf sie nach dem Malaien. Der Malaie bückte sich. Die Flasche flog an eine Säule und zerschellte. Peter hörte hinter sich die Kinder aufweinen. Er war schon in die Tür getreten, und Goed hatte ihn gesehen. Der Holländer stand krumm über den Tisch gebeugt und schaute ihn mit seinen kleinen flackrigen Augen stier an. Dann sagte er, als ob plötzlich ein Unwillen ihn packte und er gleich auf den Besucher losstürzen wollte:
„Ach Sie! Sie!“
„Ja! Sie kommen nicht ins Hotel, so komme ich zu Ihnen!“
Da hob sich Goed vom Tisch los, lachte und kam auf Peter zu. Der bemerkte jetzt erst, daß der Holländer betrunken war. Goed war plötzlich gesprächig und liebenswürdig. Er schob Peter das Zigarrenglas hin, ließ ein Trinkglas kommen und setzte sich wieder. Plötzlich rief er: „Aantje!“
Das dicke holländische Mädchen kam widerspenstig in die Tür. Goed lachte ihr zu: „$Come on!$“ Das Mädchen zögerte. Goed lockte mit freundlicher Stimme: „Veroorlof mij, dat ik U aan mijnheer Pirath voorstelle ... dat ist die liebe Erzieherin meiner Kinder!“ wandte sich Goed an Peter. Das Mädchen verlor den widerspenstigen, mißtrauischen Zug im Gesicht, kam heran und reichte Peter die Hand. In diesem Augenblick schlug Goed ihr in weitem Schwung klatschend auf den bloßen Fettnacken. Sie kreischte zurück. Goed lachte närrisch und fiel in seinen Stuhl. Peter sagte sich: „Welch sonderbares Spiel!“ Er hörte die drei Kinder und die Erzieherin weinen. Er schaute Goed an. Sein Gesicht war rot gedunsen und die Augen voll Feuer. „Trinken Sie!“ sagte Goed. Aber das Sodawasser war warm. Peter ließ den Whisky stehen. Goed goß ihm wieder ein. Er sah nicht, daß das Glas noch voll war. Auch sich goß er ein und rülpste auf. Peter verzog das Gesicht. „Schmeckt es U niet?“ fragte der Holländer. „Daran moet U sik gewoonen in den Kolohnnijen!“ fügte er barsch hinzu. Peter warf ihm in Gedanken „Schwein!“ hin, stand auf und sagte: „Adieu.“
„Was fang ich mit dem besoffenen Menschen an?“ sagte er sich. „Ich komm lieber morgen noch einmal.“
Am nächsten Vormittag kam Peter um dieselbe Zeit. Sein Kuli legte gerade die Deichseln der Rickscha nieder, als er bemerkte, daß Goed im Begriff war, in eine andere Rickscha zu steigen. Er sah, wie Goed den Fuß hob, den Tritt verfehlte und stolperte. Da schlug der Holländer dem kleinen Chinesen seine Faust roh in den Rücken. Der Chinese schaute stumpfnasig auf, wie rätselhaft unbeteiligt an dem Schlag. Goed schimpfte: „$Bloody, bloody!$“ ... Peter sah, daß er wieder betrunken war. Aber er wollte ihn diesmal nicht entwischen lassen. Goed stieg, ohne Peter zu sehen, schließlich ein, der Chinese wollte anziehen. Peter rief: „Stopp, stopp! He! Herr Goed! Herr Goed!“
Der Holländer drehte sich umständlich um. Er sah Pirath und zuckte mit dem Arm auf in einer abschüttelnden Bewegung. Er rief nach hinten: „Sie hebbe ja Ihre Aktie.“ Er stieß mit dem Fuß den Kuli ins Gesäß und brüllte: „$Go on, quick, bloody$ ...“ Der Kuli huschte davon. Peter stand da und schaute nach. Goed drehte sich nicht mehr um.
„Und die Atjeh Exploration Co.! Und meine Palmen! Meine einundfünfzig Prozent Aktien!?“ fragte sich Peter und war zuerst mehr erstaunt über diesen Mann als geängstigt. Aber rasch stellten sich dann die Bedenken ein, wie es um seine Aktien stehe, und er dachte an Ewe, als er in der Rickscha zum Hotel zurückfuhr.
Er wollte sich über Goed gleich Gewißheit verschaffen. Er hatte ein amtliches Empfehlungsschreiben an einen deutschen Konsul. Das suchte er hervor. Er wußte ja nichts von Sumatra, weil er von den Straits gleich nach Java fahren wollte. Mit diesem Schreiben suchte er den deutschen Konsul in Medan auf und schickte es mit einer Visitenkarte ins Büro. Ein liebenswürdiger eleganter Herr kam im Kontor auf ihn zu, stellte sich vor als Konsul Behnke und bat ihn, mit in sein Arbeitszimmer zu kommen. Er reichte ihm das Zigarrenglas und schaute ihn fragend an. Peter erklärte, weshalb er das Schreiben an den fremden Konsul benützt habe.
Der andre sagte: „Ihre Firma ist uns ja nicht unbekannt. Sie sind auch so empfohlen.“
Dann ging Peter gleich gegen Goed vor und fragte: „Kennen Sie einen Herrn Goed, der Administrator der Tanadjava Rubber Co. ist? ...“
„War!“ unterbrach der andre.
Peter erschrak. Er sah fragend auf.
Der alte Herr ergänzte: „Bis vor vierzehn Tagen war.“
Peter warf erregt ein: „Und die Atjeh Exploration Co.?“
„Da ist er noch Administrator. Aber das ist mehr platonisch.“
„Ist es Schwindel?“
„Man kann es nicht so nennen. Aber einigermaßen ist es das. Das Gebiet, das sich die Gesellschaft zugelegt hat, ist unerreichbar und hat also, bis auf weiteres wenigstens, keine Abfuhr für etwaige Produkte. Es liegt in einem nur halb pazifizierten Land, und der Besitz des Bodens dürfte außerdem noch nicht ganz einwandfrei in den Händen der Atjeh Exploration Co. liegen.“
Peter fühlte, daß er erbleichte. Seine Hand zitterte mit der Zigarre erregt über den Rand des Aschenbechers.
„Haben Sie Aktien der Gesellschaften?“ fragte der andre. „Die Rubbergesellschaft ist im Grund solid, wenn auch kein glänzendes Unternehmen. Aber man hofft, sie nach dem Herausschmiß des Herrn Goed zu heben.“
Peter antwortete unsicher: „Nur von der Atjeh habe ich Aktien. Allerdings für eine große Summe.“
Der andre: „Ich möchte nicht indiskret sein. Aber es liegt wohl im Interesse Ihres Besuchs bei mir, wenn ich weiß, wieviel es ist und auf welche Weise Sie die Papiere bekamen.“
„Ich kaufte von Goed am elften Oktober in Kolombo einundfünfzig Prozent der Atjeh-Aktien.“
„Das ist empörend,“ rief der Konsul und sprang lebhaft auf. Sein Gesicht rötete sich. Er ging hastig um den Tisch herum. Dann setzte er sich wieder und sagte ruhig:
„Da ich Ihr Haus kenne, weiß ich, daß diese Summe Ihnen nichts allzu Schweres bedeutet. Aber ich muß Ihnen sagen, daß das ganze Geld so gut wie Null ist, vorläufig wenigstens und für absehbare Zeit. Denn bis Atjeh in den Verkehr gezogen ist, werden wir nicht mehr da sein ...“ Der Konsul sagte noch: „Es ist uns mitgeteilt worden, daß sich Goed irgendwo zwischen Port Said und Hongkong einen Schlepper unterhält, einen Belgier namens Speecht.“
Da lachte Peter verzweifelt: „Ja, der wirkte auch bei mir mit!“ Er knirschte vor Wut und Scham und ballte die Fäuste. Er erzählte, wie Goed auf dem Dampfer als Mann von Einfluß, Glück, Macht galt, wie sein Auftreten von Selbstsicherheit und Breite gewesen sei und wie Speecht diese Meinung in ihm gekräftigt habe. Dann sei er mit Goed nach Sumatra gekommen. Da habe Goed ihn plötzlich nicht mehr gekannt. Daraufhin sei er Goed aufsuchen gegangen und habe ihn zweimal am lichten Vormittag betrunken vorgefunden.
„Er ist ein verlorener Mann,“ antwortete der Konsul. „Das typische Schicksal der Tropen. Einst sah er beßre Tage und konnte im Zirkus die vollen Champagnerflaschen an der Rampe zerschlagen. Er ist ein verlorener Mann. Körperlich und finanziell ruiniert.“
„Und meine einhundertundfünfzigtausend Gulden?“ fragte Peter. „Was macht er damit?“
Aber der Konsul hob nur die Hand und zuckte mit den Schultern. „Er ist wie ein Moloch,“ sagte er. „Man hat schon öfter versucht, gesetzlich an ihn heranzukommen, mußte es aber aufgeben. Er soll ganz in der Hand einer schlauen Mischlingsmalaiin sein. Die pflegt seine Trunksucht. Aber der können Sie den Teil Ihres Geldes, der jetzt von ihr auf Zinsen angelegt wird, nicht mehr entreißen. Ich kann Ihnen auch nicht dazu raten, die Hilfe des Gerichts in Anspruch zu nehmen. Den Kosten, die das verursacht, steht wohl nur gänzliche Aussichtslosigkeit entgegen. Der Osten ist ein habgieriges Maul. Und — seien Sie nicht bös — Sie waren leichtsinnig.“
„Ich tat es unter dem Druck gewisser ... Stimmungen, Erlebnisse!“
„Stimmungen sind im Thüringerwald, am Bodensee zu Hause. Im Osten gibt’s nur ‚$business$‘. Sagen Sie sich, es ist Lehrgeld ...“ In verändertem Ton fügte er hinzu: „Sie würden mir große Freude machen, wenn Sie dieser Tage einmal bei mir zu Gast wären. Wann es Ihnen beliebt. Heut abend? Morgen? Gut, heute abend. Um acht Uhr. Abgemacht. Ich freue mich sehr.“
Peter dankte und ging.
Er ging eigentlich ganz beruhigt daher, sagte er sich. Er trat durch den Schatten von Gummibäumen, um deren schwarze Haufen die Sonne weiß und grell niederfiel. Er blinzelte in dem von Licht umfluteten Schatten rund um sich. Nur weniges Leben war umher. Zwei stangenbeinige halbnackte Inder gingen mit wiegenden Hüften, mager, gerade und dumm — schön durch die steile Sonne. Ein alter weißbärtiger Malaie unter einem großen europäischen Hut trieb einen Ochsenwagen langsam daher. Er sah aus wie ein wandernder Pilz. Die beiden Ochsen drückten die Köpfe auf den Boden, und ihre Leiber schwankten steif hin und her. Die Sonne floß auf ihre unregelmäßigen Höcker. Sonst war nichts um ihn. Nichts als die drei fremden Menschen, die beiden fremden Tiere und die sonnenvergewaltigten, verstummten und geschlossenen Fassaden der beiden Häuserreihen, die sich im Winkel trafen. Ein fremder Geruch von exotischen Gewürzen strich durch den erhitzten Schatten. Alles war fremd.
„Wie bin ich so allein!“ sagte sich Peter. Er ging etwas schneller. Er sah das Hotel drüben im Winkel des Platzes gegenüber der sonderlich gebauten Post liegen. „Dies könnte Maastricht sein,“ sagte sich Peter. Dies Gebäude eines modernen, europäischen Architekten stand da in der von Faulheit, von niedergebogenen und doch erregt quellenden Instinkten geschwängerten Luft wie ein Kunststückchen. So eine Lüge! Das täuscht Europa her. „Europa als Vogelkäfig!“ schimpfte Peter, und auf einmal fiel die grelle Verlassenheit der Stadt, die an den drei fremden Menschen, den beiden fremden Tieren, dem fremden Geruch noch verlassener wurde, widerstandslos über ihn her. Er lief dem Hotel zu. Er flüchtete. Wovor? Er wußte nicht, wovor er flüchtete. Rund um ihn ballte es sich zusammen, und er war so verlassen, so verflucht der einsamen Fremdheit ausgeliefert.
Bald war er im Hotel. Die Terrasse war öde und sonnenbeschwemmt, die Säle dahinter hatten eine stillstehende Hitze aufgestapelt, in der die Ventilatoren mühsam wie in einem Brei drehten und keine Kühle schafften. Der Atem ging einem bedrückt. Die Säle waren leer.
Auf einmal aber kam breitbeinig tretend, etwas unsicher zwischen den Tischen durchschreitend, Goed daher. Seine Glatze leuchtete in der Dunkelheit des Saales. Peter spürte einen Stich im Herzen. Es war, als ob dieser Stich ihm unversehens einen drohenden und rasenden Ärger gegen den Schwindler eingeimpft hätte, von dem er sich hatte prellen lassen.
Aller Zwiespalt, alle Enttäuschung, alle Vereinsamung, alle Ohnmacht nahm er zusammen und trat auf den Holländer zu. Er sagte ihm: „Herr Goed, jetzt setzen Sie sich einen Augenblick an diesen Tisch. Ich habe mit Ihnen abzurechnen.“
Goed richtete sich mühsam stramm, schaute Peter hassend an mit seinen grünen kleinen Augen, die im Rausch flackerten, und rief aufgeregt: „Wat wellen Sie?“
„Mit Ihnen abrechnen.“
„Det hebben wir ja. Ik hebb ja die Anwising for die Aktie! Sie moeten slaapen gan. Die Hitz’!“ Goed wollte weiter.
In seiner Aufregung faßte ihn Peter an den Schultern und schrie ihm ins Gesicht: „Sie bleiben hier! Sie stehen mir Rede!“
Goed riß sich los und brüllte in stotternder Wut: „$Oh, you ... go on ... bloody mouth$ ...“ Er hob die Hand und schlug mit aller Kraft zu. Peter fing den Schlag ab und griff rasch nach dem Hals des Holländers, drückte mit der ganzen Kraft seiner Muskeln den großen Kopf zurück und schleuderte den massigen Leib über einen Liegestuhl.
„Du willst mich schlagen,“ schrie er dazu, „du Schwindler, du Gauner, du Haifisch!“ Der schwere weißgekleidete Mann fiel hin wie ein Klumpen.
Peter fühlte sich weggedrängt. Menschen erschienen plötzlich in Massen. Wo kamen sie her aus dieser schleimigen Verlassenheit der sonnenbebrüteten Stadt? Er wich ihrem Drängen. Er sah weiße Anzüge um sich, ließ sich weiter schieben, ohne zu wissen, was mit ihm geschah. Allmählich gewann er die Besinnung wieder und begann den Unbekannten erregt zu erklären, weshalb er Goed an den Hals mußte.
Einer beruhigte ihn und bemerkte auf englisch: „Herr Goed ist kein Mann, dem man die Ehre einer Ohrfeige gibt.“
Peter hörte den Holländer schimpfen und brüllen. Aber er war in einem andern Raum. Er sah nichts mehr von ihm. Er dankte den Herren für den Beistand. Einer sagte burschikos: „$Boy, give him a Whyski-Soda.$“ Peter stürzte das Glas in den Mund. Die andern lachten. Für ihn aber war alles von bitterem Ernst. Er schämte sich auch, daß er sich so vergessen hatte in der Wut und entschuldigte sich fortwährend. Die Gesellschaft in den weißen Anzügen aber scherzte mit ihm und über ihn. Es waren meist Holländer.
Einer sagte auf deutsch: „Sie brauchen sich doch nicht zu exkusieren. Was liegt an einer Ohrfeige? Sie sind noch jung im Land. Die Sonne wird auch an Ihnen das ihrige tun. Nur abwarten!“
„Aber er wollte mich doch schlagen!“ rief Peter.
„Das vergeht!“ sagte der andre.
„Und er hat mich mit Atjehaktien betrogen!“
Das kam wie ein Druck auf einen Einschalter. Alle brüllten ergötzt auf: „Atjehaktie! Atjehaktie!“
Peter war beleidigt. Er war zum Gespött geworden. Rasch durchfuhr ihn die Vorstellung all der großen Hoffnungen, der stolzen Erwartungen, des starken Willens, der besiegten Verzweiflung, der Welt, die auf ihn wartete, als er in Genua auszog. Er duckte sich kleinlaut unter den Spott. Mürbe, müd und heimatsüchtig war er. Was war verlorenes Geld gegen diese Zerrissenheit und Mutlosigkeit seines gestürzten Herzens?
Einer sagte noch: „Lassen Sie Ihre Atjehaktien droben im Nachtkasten liegen. Was machen Sie mit dem unnützen Ballast.“
Ein andrer: „Ich gebe Ihnen meine Manilazigarre dafür.“ Er hielt ihm eine halbgerauchte Zigarre hin.
Ein Belgier mit einem blonden Hahnenkopf rief: „Wollen Sie einen Kuß für Ihre Atjehs?“ und alle lachten.
Peter ging. Er hatte nicht mehr zugehört. Und auch Ewe kam zu Besuch, und all ihre Süße, ihre klare Klugheit, ihre reichen Launen erneuerten ihren Verlust in ihm.
„Ach, mehr als die Atjehaktien bin ich auch nicht wert!“ klagte er. Und als er dann allein, dumpf und verzweifelt in seinem verdunkelten Zimmer des Hotels de Boer in Medan stand, da war er an der ersten Station seiner Welt- und Eroberungsreise angekommen.
Zur zweiten Station
Peter Pirath arbeitet schon im dritten Monat in einer Palmenpflanzung auf Java. Er ist dort Assistent. Den ganzen Tag geht er unter Palmen und verteilt die Arbeit an braune Javaner, die in lässiger Arbeitsgleichgültigkeit im dünnen Schatten der Palmen wirken, und an gelbe Chinesen, deren unermüdliches Arbeitsgewissen ihn aufstachelt und ihm ein Volkswunder Gottes dünkt. So geht Peter Pirath weite Wege unter Palmen, wo die braunen Nüsse in Pyramiden aufgehäuft sind. Er kommt an Haufen von Männern und Weibern, die die Nüsse aufschlagen und das weiße Fleisch, die Kopra, herausschälen. Er läßt das Fleisch zu den großen Darren führen, wo es in zahllosen Eisenblechfächern getrocknet wird. Er läßt die getrocknete Kopra in Säcke zu sechzig Kilogramm füllen, aufspeichern und von Weile zu Weile in den kleinen Dampfer verladen, der der Gesellschaft gehört und die Kopra nach Sumatra bringt. Acht Tage sieht er nur Nüsse schlagen und ausschälen, acht Tage dörrt er, acht Tage kümmert er sich um Aufspeicherung und Verpackung.
Er wohnt im Gästehaus des Hauptverwalters. Er hat die Stelle, auf der er ein Gehalt von dreihundert holländischen Gulden im Monat bezieht, durch einen Brief des Konsuls Behnke an den Hauptadministrateur, einen Bayern namens Föhr, bekommen. Deshalb wohnt er im Gästehaus des Verwalters. Das Haus ist zu groß für ihn. Er benutzt nur zwei Zimmer, die an der offenen Veranda liegen. Diese Veranda öffnet sich wie eine Höhle ins Haus hinein, und Peter Pirath sitzt abends dort und nimmt sein Nachtessen, liest europäische Zeitungen und fachliche Bücher, oder studiert Javanisch, oder denkt in die Nacht hinaus, die vom Meer gekühlt und vom eisernen Schrillen der Millionen Insekten durchlärmt wird.
Schöne braune javanische Mädchen gehen an ihm vorbei. Der Sarong, mit Gold durchwirkt, sitzt prall über die spitzen Brüste, umgürtet eng die Hüften, daß wie eine leichte Kuppel der Bauch sich vorne hebt. Die Mädchen sagen nichts zu ihm. Sie gehen des Abends auf der Veranda an ihm oft vorbei mit dem leis drehenden, gespannten Gewölbe ihres Bauches und den auf und ab schlüpfenden Hüften, und wenn sie vorbeigegangen sind und Peter sie rückwärts sieht und ihre beiden Kugeln dort unter dem Sarong wie Früchte reif hüpfen, dann weiß er: sie möchten in dein Bett. Aber obschon er weiß, daß nichts von seiner Seele mit in diese tierhaft leibliche, urwaldwirre, gewaltige Verführerischkeit der jungen Javanerinnen fiele, so widersteht er doch den Lockungen seines Rückgrates. Der Ethiker! Er sitzt so weltenfern einsam in dem heißen und doch wie von kühlem Reif beatmeten javanischen Abend und läßt die schönen Weiber hängen. Sie gehen nur an ihm vorbei, um von ihm gepflückt zu werden. Er brauchte sie nur mit den Augen zu berühren, und sie fielen in sein Bett, wie reife saftige Mangos.
Er aber geht in sein Wohnzimmer, in dem eine unsichtbare Hand eine Stehlampe angedreht hat, setzt sich unter die Lampe an den Tisch und zieht aus der Schublade ein kurzes dickes Büchlein. Dorthinein schreibt er — in Notizenstil —, was er am Tage gesehen, erfahren und gedacht hat.
Der erste Teil des Buches ist voll von Ewe. Dort singt die sorglos uneingeschränkte Genießerischkeit jenes paradiesischen Monats auf Zeylon.
Der zweite Teil ist Arbeit, Lernen, Selbstbeschränkung, Einfügen in den kleinen Kreis.
Dieser zweite Teil beginnt mit dem Abend, den er beim Konsul Behnke in Medan verlebt hatte, nachdem er Ewe noch nicht verwunden hatte und in seiner ersten Eroberertat geprellt worden war. Diese Einzeichnung liest er manchmal. Sie lautet: