Part 8
Zugleich ließ er sich am Tisch nieder. Es kam ein kleiner Mann in einem sehr gut gemachten Flanellanzug herbei. Peter und Ewe kannten ihn vom Sehen. Er schien auch im Hotel zu wohnen, und er hatte, wo es ging, am Zeitungstisch, im Stiegenhaus, in den Verkaufsläden in der Halle, sich gegen Ewe und Pirath stets sehr zuvorkommend gezeigt, so, als wünschte er mit ihnen bekannt zu werden. Aber die beiden hatten aneinander genug.
Nun stellte Goed ihn vor: „Mein halver Landsmann, Herr Speecht aus Brüssel.“
„Wie ein Specht sieht er auch aus,“ dachte Ewe, und lächelte unter der Vorstellung, wie Name und Mensch übereinstimmten. Herr Speecht sprach beredt von ihrem häufigen Zusammentreffen, und er sei etwas unglücklich gewesen, daß sich die Bekanntschaft nie machen wollte. Jetzt sei er Goed außerordentlich dankbar, daß jener ihn solch netten Leuten zugeführt habe. Die Gesellschaft im Hotel sei augenblicklich sehr dürr. Amerikanische Kapitäne und mittlere englische Kolonialbeamten usw. Sie dürften es ihm nicht verübeln, daß er bei ihnen Anker zu werfen trachte.
Ewe sagte mit einem kurzen Lächeln: „Sie finden schlechten Ankerboden, Herr Speecht. Wir reisen morgen ab.“
Speecht war wie niedergeschmettert. Auch Goed entfuhr ein erstaunter Ausruf. Die beiden sahen sich rasch einmal an und waren unruhig. Dann ließ Speecht eine lange bedauernde Rede über sie strömen. Sie gingen zusammen zum Essen. Goed bot Ewe den Arm. Speecht schritt mit beflissenen Trippelschrittchen neben dem großen Pirath.
Er rief zu ihm hinauf: „Dieser Freund Goed sieht so aus, wie er ist: ein gutmütiger Riese, ein wohl fundierter, breiter holländischer Pflanzer, den dicken Bauch voll Aktien zu fünfzig bis hundert Dividende. Dieses Sumatra treibt ja Gold aus seinem Boden. Haben Sie gelesen, die Medan hundertzehn Prozent. Da muß man hinein in dieses Land! Goed hat eine große Nase, lieber Herr Pirath, aber auch eine gute. Dieser Geldriecher.“
Pirath sagte sich währenddessen: „Dieser Herr Speecht ist so außerordentlich liebenswürdig. Aber seine Freundlichkeit ist leimig. Weshalb ist er mir unangenehm?“ Er fragte: „Sind Sie auch in Sumatra engagiert?“
„Leider nicht genug. Aber ich hoffe, Goed zu benutzen,“ flüsterte er zu Pirath hinauf. Er lachte kindlich dazu.
Nach dem Essen hielten die beiden Peter und Ewe noch fest, und es wurde spät, bis sie sich trennten. Peter und Ewe waren mit widersprechenden Gefühlen bei ihnen gesessen. Oben lag der gemeinsame letzte Abend voll Drohungen in ihrem Zimmer. Sie fürchteten ihn, trotzdem Peter ungläubig über die Trennung war und Ewe stark zu sein glaubte.
Sie kamen dann hinauf und gingen nicht wie sonst auf die Veranda. Ewe sagte: „Ich will den Rest meiner Sachen noch einpacken.“
Peter lachte: „Du fährst ja doch nicht!“
Ewe über einen Koffer gebückt: „Ich hab doch die Passage!“
„Die hattest du schon in Genua. Sie läßt sich verlängern. Oder ich kauf auch eine für mich.“
Sie neigte sich tiefer: „Wo ich hinfahr, da wachsen keine Palmen.“
Ihre Stimme war nicht fest, als sie das sagte. Peter erschrak. Es war ihm, als stünde eine zweite Bedeutung hinter diesen Worten. Er sprang über die Betten auf sie zu und rief: „Wo du hinfährst, da bist aber du. Da brauchen keine Palmen zu sein.“
Er wollte sie an sich reißen. Aber er blieb mit einem Knopf am Fliegennetz hängen und begann sich eilig loszunesteln. Ewe trat von ihrem Koffer zurück und sagte: „Die Zeit ist aus. War sie nicht schön?“
„Schön?“ rief Peter und arbeitete noch immer am Netz.
„Peter, mit mir ist es nicht einfach. Peter, wir müssen uns trennen!“
Sie sagte das „müssen“ mit einer kalten Härte, und Peter wußte auf einmal, daß irgend etwas in dem Unbekannten war, das um diese Frau lag; etwas, das stärker war als er, als Liebe, als der vergangne Monat. Schauer fuhren über ihn nieder. Er zog den Knopf gewaltsam aus dem Netz, das krachend aufriß. Er blieb stehen und fragte mit einem Herzen, das bebte, zweifelte, hoffte und über dem der vergangene Monat sich plötzlich in einer geraden gefährlichen Wand zurückstaute, wie in einem Wunder das Meer vor den durchziehenden alten Juden: „Sehen wir uns wieder?“
Ewe schaute ihn an, eine Weile ohne Antwort, dann begann es in ihrem Gesicht zu arbeiten; sie versuchte sich zu meistern, aber bald fiel sie über den Koffer nieder und begann in wilder, verzweifelter Weise zu schluchzen. Peter stürzte ihr zu Knien und umfaßte ihren Kopf. Er wollte ihn, den sie in ihre Arme preßte und der im Weinen erregt auf und nieder schlug, zu sich heranziehen.
„Sehen wir uns wieder?“ fragte er noch einmal, und auch seine Stimme fuhr das Weinen an, daß sie schwer klang, wie ein zusammenstürzendes Gewölbe.
Da tönte es aus dem verborgenen Gesicht: „Ich kann nicht lügen. Nein, nie!“
Sie warf sich ganz über den Teppich, und ihr Körper flog in verzweifelten Zuckungen hin und her. Peter kniete vor dem Koffer, dumm und verlassen. Es regnete grau, niedrig, heftig. Der Wind raste in den Bäumen. Staub flog in Wolken durch die Luft. Die Erde hat kein Firmament mehr. Das war norddeutsche Rauheit in der Tropenluft. Peter schaute geschlagen vor sich hin auf die braune Fläche des Koffers, die ein roter Strich gerade und schroff durchzog, und in dem breiten blutroten Strich standen zwei Buchstaben und eine Nummer, und viele farbige Zettel klebten auf dem braunen Boden. Er sah sie der Reihe nach an und las, was auf ihnen stand, und verstand es nicht. Es waren Hotelnamen, Schiffe, Städte und Länder. Sein Gehirn ließ die Buchstaben nicht in sich hinein. Er las immer wieder, während Ewe nun ruhig weinend am Boden lag und sich an den Füßen eines Tisches anhielt.
Auf einmal nach einer langen Weile stand sie auf, wusch die Augen mit einem Schwamm und kam auf Peter zu. Sie setzte sich auf den Koffer und legte ihre Hände auf seine Schultern. Sie schaute ihn an. Er sagte kurz und rauh:
„Ich hab schon kein Glück!“
Sie aber erhob weich und herzlich ihre Stimme: „Ich weiß, ich tu dir mehr als weh. Du bist so und sollst nicht anders sein. Du bist mein großes deutsches Herz, und du wirst wieder stark sein, wenn ich davon bin. Nimm mich in deine Zukunft mit als ein rätselhaftes Herz, eine Mischung von Alt und Neu; von meinem deutschen Blut her hab ich Sehnsucht, und von meinem Vaterland her die Ökonomie des Gemüts.“
„Du hast mit mir gespielt!“ grollte Peter auf.
„O, nein, Peter, das hab ich nicht. Wenn ich lange von dir fort bin, dann wirst du in dir etwas von dem Guten, das du durch mich hast, klar erleben. Ich bin nicht gut, nicht schlecht, nicht leichtsinnig und nicht tugendhaft. Hinter mir steht ein sonderbares Geschick. Erlaß es mir, dir davon zu erzählen. Unsre Zeit wird dir reiner und lieber bleiben, wenn du von mir nur weißt, was du an mir erlebt hast.“
Sie schwieg einen Augenblick. Dann fragte sie unvermittelt und wild: „Und war das nicht gut und schön?!“
Peter legte sich ganz auf den Boden und küßte ihren Fuß, wo die Haut über dem ausgeschnittenen Schuh durch die Muster der durchbrochenen Strümpfe leuchtete, weißer als der Strumpf. Dann zog er seinen Kopf ruhig von ihrem Fuß weg, rundete die Arme über dem Koffer, legte das Gesicht hinein und begann schwer und verhalten zu weinen. Ewe strich ihm über den Kopf.
„Versteh, Peter, mein Geschick mache ich klar durch die Art, in der mein Temperament es überwindet.“
Mitten im Weinen sagte Peter: „Ich versteh nichts von dir. Ich hab dich nur lieb gehabt und lieb’ dich!“
„Und ich?“ fragte Ewe.
Peter richtete sich auf. Er hielt das Taschentuch an die verweinten Augen und stammelte: „Ich versteh nichts von dir ... Ich hab schon kein Glück! Ich wollte, ich wär zu Hause geblieben. Wie ist das Reisen so schwer!“
Er sprach fast nichts mehr. Er brütete in sich hinein, und in seinem Innern rollten Schmerz und Verlangen, Unbegreifliches und Groll durcheinander, eins im andern und jedes für sich. Die beiden Menschen legten sich schlafen, und in der ruhigen Dunkelheit stieg das innerliche Wühlen stärker und wilder in diesem geprüften Männerherzen auf; es wogte und balgte sich, stampfte und schrie wie Maschinen, bis allmählich eine unheimlich kalte, hartnäckige Ruhe alle innere Erregung in sich verzehrte. Diese Ruhe kannte er. Wie war es zugegangen, als er glaubte, er sei verloren, wenn er diese Ruhe aufgäbe, die seine Hände damals an den Tisch schraubte, zu Hause, an den großen schweren Schreibtisch. Sein guter dicker Bruder war gekommen und hatte eine kleine entsetzliche Sache erzählt. Und wie der gegangen war, der liebe kugelrunde Hermann, da ... So strömte die kalte Ruhe auch jetzt über ihn, so langsam und unaufhaltsam, ein Frost, ein Gletscher, dessen Eisigkeit ihn erstickte.
Das ging in der dunkeln Nacht in seinen Vorstellungen vor, und mit einem schleifenden Surren trieb der Ventilator irgendwo, und durchs Fenster fiel der eiserne Klang der Millionen Grillen. Peter wehrte sich gegen diesen Frost, der wie ein tötender Odem über sein Herz zu kriechen begann. „Ich will wild und heftig dies Leid über mich nehmen. Es soll nicht in mir erfrieren,“ schrie es in ihm. „Ich erfriere mit.“
Da hörte er, daß Ewe sich hochhob, und er spürte bald ihre Hand an sich, und ihre Stimme bat durch die Finsternis: „Peter!“
„Ach nein!“ sagte er bös, „du gehörst nicht mehr zu mir! Geh! Ich bin kein Maulesel!“
Die Stimme in der Dunkelheit sagte weich: „Doch, ich gehöre zu dir.“
„Ich weiß nicht, wer du bist!“ antwortete Peter heftig. Er sprang aus dem Bett. Die Kälte seines Innern war gewichen. Eine rasende Verzweiflung fuhr durch seine Adern. Er brüllte: „Ich will wissen, wer du bist!“
Er hastete nach dem elektrischen Licht und drehte es an.
„Wer bist du?“ schrie er noch einmal.
Sie schaute ihn nur an.
„Du sprichst nicht. Ich weiß, wie du heißt. Ich weiß, was dich von mir treibt. Ich fahr nach Chikago. Ich frag, schlag, schieß’ mich durch zu dir. Es ist mir alles einerlei. Ich bin an dich ... an dich verdammt. Ich bin verrückt nach dir. Chikago ...“ Er hielt plötzlich inne und fragte wie erstaunt: „Oder weiß ich denn deinen richtigen Namen?“
Sie antwortete nicht.
Peter wurde wieder heftig: „Sag, weiß ich denn deinen richtigen Namen? Du heißt nicht so und du bist nicht aus Chikago. Ach! Nichts weiß ich von dir! Du bist ein böser Geist. Du bringst Unglück auf die Erde.“
Da legte Ewe ihre Hand auf seinen Mund und sagte rasch: „Peter, hüte dich! Wir wollen nicht bedauern müssen, daß wir einen Monat auf Zeylon im Paradies waren.“
Peter schob ihre Hand weg und warf feurig hin: „Ja, Paradies! Du bist die Wiederkehr der Erbsünde!“
Ewe entgegnete ruhig: „Sünden sind Sünden, damit sie begangen werden.“
„Das ist verfluchter, weicher, unmoralischer Katholizismus!“
„Ich bin darin erzogen worden.“
Peter trat einige Schritte wie erschrocken zurück: „Ich fürchte dich. Ich bin keiner, der zu leichtsinnigen und flüchtigen Liebesgeschichten erschaffen ist. Ich bin ausgereist, um das Erlebte zu vergessen und um zu arbeiten. Du hast mich von meinem Weg gelockt. Jetzt bin ich da, wo ich in Deutschland anfing.“
Da sagte Ewe fest: „Das ist nicht wahr, Peter!“
Aber Peter hatte im Augenblick, wo ihm diese Worte aus dem Mund kamen, auch gedacht: Das ist nicht wahr! Und in einem plötzlichen heißen Umschwung wurde es weich und lind in seinem Herzen. Er wandte sich ab und sagte leise: „Nein, Ewe, es ist nicht wahr. Du warst mir Glückseligkeit. Ich hab von dir und dem einen Monat mehr gehabt als von meinen ganzen vergangenen fünfunddreißig Jahren.“
Sie bat ihn, er möchte sich wieder niederlegen. Er legte sich aufs Bett und nahm ihre Hand und küßte sie heiß und verehrungsvoll. Dann schob er sie unter seinen Kopf und schloß die Augen, um die Formen des verflossenen Glücks vor sich aufschreiten zu sehen. Ewe sprach sanft und leis zu ihm. Sie drehte das Licht aus. Sie ließ die Hand unter seinem Kopf liegen. Sie hörte, wie ungestüm vor den Fenstern die Brandung mit der Erde kämpfte. Sie hörte, wie die Grillen eisern in die Nacht hinein lärmten und wie der Ventilator fast lautlos rundum surrte. Sie wachte und dachte dran, daß ihr nichts so Schweres im Leben begegnet war, wie dies eine „Muß“ auf Kolombo, und das Blut strömte vor unglücklicher Zärtlichkeit zu der Hand hin, die den lieben schweren Kopf auf sich liegen hatte. Und währenddessen wälzten die furchtbaren Schicksale von Frauengenerationen durch ihre Gedanken, die in Deutschland, Kanada, auf einem der großen Holzwerke bei Chikago mitten aus dem kräftigsten und fruchtbarsten Frauentum von plötzlichem Verfolgungswahn hinweggemäht wurden, Schwestern, Mutter, Großmutter, Urgroßmutter ... und verzweifelte Männer erschienen in den schrecklichen Gedanken und Kinder, die nur dem Fluch der Familie ihr junges Leben entgegenlebten, und die Absicht, als letzter weiblicher Leib dieser Rasse ein Ende zu setzen.
Währenddessen überwältigten müder Schmerz und weher Schlaf den Mann, und im Kopf, der auf der kleinen weißen Hand lag, zogen rohe, qualvolle Träume zu Hauf.
* * * * *
Am nächsten Abend war Peter allein auf Kolombo. Er ging, saß, lag, las ruhelos umher und fluchte seiner Einsamkeit. Er trank viel. Er wollte Goed suchen oder wenigstens Speecht. Aber keiner der beiden ließ sich sehen. Peter fragte unruhig immer wieder nach. Auf einmal, kurz vor dem Nachtessen, sah er Speecht eilig die Halle entlang herbeistürzen. Speecht setzte sich zu ihm, rieb sich die Hände und sagte: „Fein, daß Sie nicht abgereist sind.“
Peter sagte entgegenkommend, glücklich, nicht mehr allein zu sein:
„Mrs. Haug ist ja allein gereist. Ich bleib noch acht Tage hier. Hab noch im Innern zu tun.“
„So zu tun. Unangenehme Geschäfte im Osten. Aber die können Gold bringen. Übrigens, Herr Pirath, ich hab sie!“ lächelte der Kleine und klopfte auf seine Brusttasche.
„Was haben Sie?“
„Na, ich erzählte Ihnen doch gestern, Aktien von Goeds Gesellschaft.“
„Ach ja, ich sollte mich doch auch einmal darum kümmern. Mr. Goed sprach nicht mehr davon ...“
„Ja, aber ob er noch welche hat?“ machte Speecht bedenklich.
„Ich kann ja mal fragen.“
„Er kommt heute erst nach Tisch. Er ist beim Direktor der Chartered Bank eingeladen. Goed hat kolossale Verbindungen. Und eine Hand, eine Hand, wie ein Croupier in Monako.“
Speecht lachte.
Sie sprachen allerlei nebensächliche Dinge, während in Peter die Geschiedene langsam ein neues Leben begann. Er haßte sie und überschüttete sie mit brennender Sehnsucht zugleich. Aber ganz im Innern dachte er, hinter ihrem Geheimnis stünde nur Zeit, es zu lösen, und er käme nicht bis Sydney, ohne von ihr einen Brief zu bekommen, daß alles geordnet und nichts ihrer Vereinigung mehr im Wege wäre. Dieser Trost schwebte wie ein ferner wohliger Klang durch alle seine Vorstellungen.
Um zehn Uhr kam Goed.
„Ik weet schon durch den Manager, daß Mrs. Tschikaügoü allein afreist ist,“ rief er Pirath zu.
Diese Begrüßung und der Name, der aus einer Zeit stammte, da er nichts von ihr wußte, als daß ihn ein dunkler Wunsch ihr verband, machte Peter erschrecken und wühlte auf einmal wieder die mühsam beruhigten Leidenschaften auf. Goed setzte sich nieder. Er ließ eine Flasche Champagner kommen und lud Pirath und Speecht dazu ein. Peter trank heiß und leidenschaftlich. Die Unruhe seiner Nerven ließ ihn das Glas immer wieder nehmen. Er bestellte eine zweite Flasche, Speecht die dritte. Sie machten noch eine Runde auf diese Weise. Peter trank immer begehrlicher. Sein Blut wurde milder dabei.
Sie sprachen über Pflanzungen, die er besucht hatte, über Geschäfte, und Speecht klopfte sich kindlich lachend auf die Brusttasche.
„Wat hebben Sie an Ihrem Herzen?“ fragte der Holländer.
„An meinem Herzen hebb ich die Atjeh! lieber Goed.“
Goed wandte sich an Peter: „Den Speecht war et niet te heet. Er koofte, die Sie bekomen sollten!“
Peter antwortete: „Es werden wohl noch welche da sein!“
„Aber nicht viele!“
„Also her damit!“ schrie Peter. Es war mehr eine Äußerung seines aufgewühlten Innern. Er mußte laut werden. Er konnte nicht immer so still dasitzen und es in sich wühlen lassen. Eine Tat mußte er tun! Der Champagner heizte seiner Phantasie ein. Der Champagner log ihm rasch vor: Du vergißt die Frau, wenn du arbeitest. Der Erfolg deines Unternehmens macht dich im Nu glücklich. Beginn aber endlich!
Goed sagte ihm: „Sie seegten mir auf dem Steamer, wat Sie vorhaben. Dat Sie selber Pflanzungen besiten möchten und den Zwischenhändler op de Seide stellen wollen. Dat können Sie doch niet, wenn Sie nur voor zwanzigtausend Gulden Aktien kaufen. Und mehr sind niet mehr frei.“
„Was soll ich denn, meinen Sie?“
Speecht schaute erwartungsvoll zwischen die beiden.
„Was Sie sollen? Dat will ik seggen. Ik kann Ihnen von einer meiner Maatsschappijen so viel Aktien abtreten, dat Ihre Stimm naar Statut — wie seggt man — ausschlaggebend ist. Sie können nach Sumatra gehen, und Sie können sehen, wie die Coconut sind, die jetzt schon staan, und können nur Coconut pflanzen laaten. Verstaan Sie?“
„Ja! nicht schwer! Wieviel Aktien sind das?“
„Einhundertundfünfzigtausend Gulden!“ sagte Goed, nicht wichtiger, als ob er den Rauch seiner Zigarette ausbliese.
„Einhundertundfünfzigtausend Gulden!“ echote Speecht.
„Einhundertundfünfzigtausend Gulden!“ wiederholte Peter. Er leerte ein Glas auf einen Zug. Es war heiß im Saal. Die Ventilatoren summten mit einem hartnäckigen Geräusch, wie große Brummer, die nicht mehr aus dem Zimmer fliegen wollen.
Speecht hockte auf der Kante seines Stuhles und schaute geradeaus, wie ein Pferd. Goed brannte sich eine neue Zigarette an. Er wischte sich mit seinem riesenhaften Taschentuch den Schweiß von seiner hohen geröteten Glatze: „God verdomm! het is heet, so heet wie im Rooden Meer,“ sagte er.
Peter glaubte, das sei eine Anspielung auf jenes Gespräch auf dem „Bülow“, als Goed ihm ein Geschäft anbot und ihm dann sagte: „An die Hitze müssen Sie sich gewöhnen, wenn Sie im Osten Geschäfte machen wollen.“
Goed rief: „$Boy, one pieci Champain more!$“
Ein brauner Kellner lief auf nackten Füßen eilig herbei, verbeugte sich und wiederholte: „$One pieci Champain more!$“ und eilte davon zum Getränkboy. Der Getränkboy kam, verneigte sich und sagte: „$One pieci Champain more!$“ Der Holländer fuhr ihn an, indem er eine Bewegung machte, als ob er ihm eine Ohrfeige verabreichen wollte: „$Oh! you ... me talki, quick you swine!$“ Der Boy eilte davon.
Goed wandte sich wieder an Peter: „Dat Geschäft slag ik voor, dat is guud und is grot; da können Sie wat maken. Op de ‚Bülow‘ hebb ik Ihnen die Kartchen und die Prospectus gezeigt ... maken Sie nu, wat Sie wollen. Aber natürlich, ik mut een Geschäftche dabei maken und, wie seggt man, Abfindung bekommen. Ik nehm niet viel. Sie weeten, ik heb $intérêt$, dat unsre Kolohnjen hoch gehen und ik heb lever Duitschers darin und keene Englishmen und keene Yankees. Ik nemm drei Prozent.“
Da fuhr es Peter durch den verdunkelten Kopf, daß Ewe etwas von Haifischen gesagt hatte. „Ich will nichts von dir erfahren!“ sagte er aufbegehrend zu sich selber. „Was willst du von mir? Du! Wer bist du? Wohin fährst du denn ... aus meinem Bett heraus ... wohin?“
Er richtete sich ein wenig auf, sah Goed leidenschaftlich an und sagte: „Ich will!“
Sie schrieben einen provisorischen Vertrag; als Peter die Füllfeder Goeds zur Unterschrift ansetzte, sagte er sich: „Ich bin betrunken!“ Einen Augenblick, während er den Namen schon zur Hälfte geschrieben hatte, wollte er das Papier zerreißen und davongehen. Dann sah er aber, wie glatt er die Feder führte. Er war klar bei Sinnen. Er machte seine erste Tat.
Die drei tranken weiter. Nur Speecht hielt zurück. Auf einmal war er verschwunden. „De Belgier, he is so klein. Ik seh nich, wenn er geht!“ lachte Goed. Nach dem Champagner setzten sie sich in die Halle und tranken abwechselnd gemischte Schnäpse und dazwischen Whiskysoda. Goed war betrunken, und als er aufstehen wollte, fiel sein schwerer Körper über einen Stuhl. Hilfbereit sprangen drei nacktfüßige Boys auf ihn zu. Er hatte sich aber schon aufgerichtet und stieß mit dem Fuß nach ihnen. Er brüllte ihnen unflätige Schimpfworte zu und verfolgte sie torkelnd aus der Halle.
Je mehr Peter trank, um so mehr fiel die Wirklichkeit aus ihm. Er erinnerte sich auf einmal, daß Ewe gesagt hatte: „Laß dein deutsches Gewissen draußen.“ Da schimpfte er bei sich: „Hat sie denn ein Gewissen? Was ist sie denn? Wohin ist sie denn gefahren, aus meinem Bett heraus? Gewissen! ...“ Peter war nun allein am Tisch. Goed war davon. Die Halle war leer. Nur hinter der einen oder anderen Säule stand in weißem über die Hose hängenden Hemd einer der braunen Boys. Sie schauten alle wortlos auf Peter und flogen wie Geister, wenn er rief. Er trank weiter. Er trank, bis sein Blut so schwer war, daß er auf dem Stuhl einschlief. Nur über seinem Tisch brannte noch ein Licht. Dann kam der deutsche Geschäftsführer, weckte ihn sanft auf und bot ihm seinen Arm. Peter sagte: „Ewe!“ und ging schwer an der Seite des Fremden bis in sein Zimmer. Zwei braune Diener halfen ihm beim Auskleiden, und kaum lag er im Bett, so raste er aus sausenden Kreisen heraus, die sich erst allmählich beruhigten, in einen Schlaf von Blei, Moor und stählerner Hitze.
Peter schlief bis in den tiefen Morgen hinein und erwachte aus schwerem Traum, krank, geschlagen, voll Scham und Angst.
Goed erwartete ihn schon in der Halle. Speecht zeigte sich nicht. Goed sprach kein Wort von der Trinkerei. Sein Kopf war rot und seine Augen klein und flackerig. Sie besprachen das Abkommen, das sie gestern getroffen hatten, und Peter beschlich der beunruhigende Wunsch, er hätte nicht solcher Laune nachgeben und eine so bedeutende Summe herauswagen sollen. Wenn auch Goed ein einflußreicher und mächtiger Mann war!
Aber er war kleinlaut mit seinem müden, kranken Blut. Er brachte schnell die Angelegenheit in Ordnung und fuhr dann mit dem Auto davon. Er wollte zu den großen Teepflanzungen nach Matebe. Er wollte arbeiten. Sein Kopf stach ihn. Es fieberte ihn durch Adern und Nerven. Er warf sich ungeduldig im Wagen hin und her und preßte sich dann mit Gewalt in eine Ecke. Er befahl sich Ruhe an und wollte immer wieder seine Gedanken zu seinem Unternehmen zurückzwingen. Er griff wie hilfesuchend an seine Seite und griff auf einmal ins Leere. Aber der leere Sitz hatte einen leichten Duft von Ewe behalten, und wie ein Kartengebäude stürzte es in ihm zusammen. Er wollte nicht fahren. Er wollte liegen und schlafen ... oder baden? ... oder trinken? Er befahl dem malaiischen Chauffeur zum Gall Face zurückzufahren.
In der Tür stand Goed.
„De ‚Koning‘ kommt $to day$. Depesche! Ik fahre nach Deli.“
Da war Sumatra Peter plötzlich wie eine Rettung vor der Leere, die er überall um sich vom Dufte Ewes erfüllt spürte, und er sagte rasch: „Ich fahre mit.“
Goed zögerte ein wenig. Sie hatten besprochen, daß Peter in acht Tagen nach Deli käme. Goed hatte ihm gesagt: „In mijn huis wohnen Sie und mein $motorcar$ fährt Sie durch Sumatra.“ Jetzt sagte er langsam: „$All right, as you like.$“
Peter bat den Manager durch einen Boy, seinen Koffer packen zu lassen. Er fuhr zur holländischen Agentur und ließ sich eine Passage nach Belawan geben. Der Dampfer fuhr direkt nach Sabang und Belawan.