Part 7
Es geschieht auf Schiffen, daß man tage- und wochenlang neben Menschen reist, die einem so fremd bleiben wie die weltab liegenden hafenlosen Küsten, die die Fahrt streift. Und auf einmal stellt ein Zufall einen zum andern, ein willkürlicher Vorfall bannt die Augen von gänzlich fremden Menschen auf einige Sekunden zusammen, der Mund sagt ein höflich abgleitenwollendes Wort, und man wird aus dieser spielerischen Minute heraus Freunde. Hundert Menschen bedeuten auf dem Schiff einen ganzen Weltteil. In jedem einzelnen potenzieren sich darum die Bestandteile seines Wesens. Die guten und die schlechten. Man kann sich nicht verbergen. Und es ist nun auf den Schiffsreisen wie ein Ventil, daß man sich vor manchen Menschen gleichsam eine Tarnkappe aufsetzt und wochenlang so tun kann, als ob man sie nicht bemerkte und sie selber einen ebenfalls nicht sähen. Vielleicht beobachtet man sich sogar gegenseitig, aber man sieht sich nicht.
So erging es gegenseitig dem Paare Peter und Ewe und einem mitreisenden Ehepaar. Dieses mitreisende Paar war auffallend. Ewe sagte vom Bezirksamtmann Ledinski: „Er sieht aus wie ein blonder Adler. Ich glaube, er ist Offizier.“
„Er ist Bezirksamtmann in der deutschen Südsee, sagte mir der Kapitän. Aber schau die Frau einmal an. Sie fährt in die Südsee wie Deutschland, so blond, so strahlend ...“
„Weshalb sprechen wir nie mit ihnen?“
Und sie gingen trotzdem an Ledinskis vorbei, die auch ihrerseits manchmal sich über Pirath und Frau Haug unterhielten. Eines Abends war man dann beisammen gestanden und hatte die paar höflichen gleichgültigen Worte gesagt. Man grüßte sich von nun an, und es dauerte nicht länger als drei Tage, bis man sich freundschaftlich aufsuchte ... soweit das natürlich die Notwendigkeit des einsamen Beisammenseins von Peter und Ewe zuließ.
Denn die Glocke, unter der sie sich inmitten der Fremden bewegten, war aus durchsichtigen Unbegreiflichkeiten aus tändelnden Stimmungen verspinnender Melancholie und aus hastigen heißen Erfüllungen zart aufgesponnen.
Wie eine Sternennacht voll Glitzern, voll fließender Schatten, voll süßer und melancholisch rauschender Unendlichkeit staute sich die Zukunft vor Peter. „Ich will nicht wissen, was sie bringt!“ sagte er. Denn nach ihren Schiffskarten hätten sie sich in Kolombo eigentlich trennen müssen.
Die Hitze der viertägigen Fahrt durchs Rote Meer war unergründlich, war wie ein uraltes Moor. Man konnte Schauer vor ihr bekommen. Peter und Ewe lagen tagsüber, mühsam einander ferngehalten, unter ihr, in den Stühlen, wie in einem Pfuhl. Nur in der Nacht, die sie im Freien verschliefen, auf dem finsteren schmalen Gang, auf dem Sonnendeck, faßten sie nacheinander und beschenkten sich mit den ungebärdigen Zärtlichkeiten ihrer gestauten Sehnsucht.
In der dritten Nacht sagte die Frau zu Peter: „Ich fahr nicht weiter. Ich bleib mit dir in Kolombo! Wir wohnen zusammen im Gall Face Hotel am Meer. Wir lieben uns. Wir sind Mann und Weib!“
Und Peter erschauerte.
„Ich helf dir bei deinem Unternehmen,“ flüsterte sie weiter. „Wir fahren zusammen zu den Pflanzungen, wir mieten ein Auto für uns allein. Peter, es gibt Gelehrte, die sagen, in Zeylon habe das Paradies gelegen. Wir verlegen es wieder dorthin. Wir sind Mann und Weib.“
Und Peter ward trunken. Die schwere Nacht war voll keimender und brodelnder Dunkelheit. Der Takt der Maschinen rollte mit wogenden Stößen fern im Schiffsleib wie der Blutschlag alles Seins.
Am nächsten Morgen faßte der Holländer Peter am Jackenknopf. „Heda!“ rief er, „wo wohnen Sie jetzt? Ik seh Sie niet mehr!“
Pirath hauchte: „O, man zerschmilzt!“
„Wieviel Aktie soll ik Ihne denn notiere? Wir können ja gleich zum Wireleß Mann hinaufgehen.“
„In der Hitze wollen Sie drahtlos Aktien notieren!“ lachte Pirath ausweichend.
„An die Hitze müssen Sie sich gewönnen, wenn Sie Geschäftchens im Osten machen wollen. Sonst zerschmilzt Ihnen die Chancen vielleicht.“
Pirath genierte sich seines Zögerns. Aber er blieb fest im Vertrauen auf die Worte der klugen Ewe. Er sagte sich rasch: Selbst das Vertrauen auf sie in solchen Dingen ist mir etwas Süßes. Zum Holländer scherzte er: „Wir können die Chancen derweil auf Eis legen!“
„Auf Eis ist nur die Champagnerbuddel gut!“ entgegnete der andre.
Da schüttelte ihn Pirath ab, indem er burschikos hinwarf: „Mijnheer Goed, Sie wollen doch nicht im Ernst jetzt Geschäftstelegramme versenden. Lassen Sie mich ungeschoren. Ich seh nicht aus den Augen. Ich verdampf.“
Später erzählte er Ewe von dieser Unterredung. Sie sagte aber nichts dazu.
* * * * *
Am fünften Morgen erlöste ein Monsun die Reisenden des „Bülow“ von der Qual des Roten Meers. Der Monsun kam um die Ecke von Aden herum und rauschte über den Dampfer wie ein Wasserfall. Er ließ Kühle herniedersausen, Kühle und harte starke Luft. Der Dampfer bäumte sich gegen ihn auf. Die Menschen kehrten zu sich zurück, besannen sich auf sich selber, und das erste, was sie sahen, war, daß mittlerweile etwas zwischen ihnen vorgegangen war.
He, he, der Herr Pirath trinkt nicht mehr mit uns seinen Morgenschoppen! Sieh mal! sieh mal! Timotheus! Der Herr Pirath knobelt nicht mehr mit uns um die Getränke vor Tisch. Unglaublich! Dieser Herr hat die Schkatpartie gesprengt! Empörend ...! Aber was macht denn eigentlich statt dessen der Herr Pirath? Fühlen wir ihm ein wenig auf den Puls. Ho! ho! Hören Sie! Der Turnsteward hat gehört ... vom Gepäckmeister ..., der es von der Stewardesse hörte ..., Sie wissen, von der molligen mit die rote Haar ..., aber gesehen hat’s einmal, zweimal, viermal hi ... hi ... der Decksgast, daß ... der Obersteward hat aber auch schon ... hem! hem! ... schon dem Kapitän berichtet. Schweinerei! Schkandal! Mrs. Tschikaügoü! Frauenzimmer!
Der Schiffsarzt, der das Benehmen der Reisenden öffentlich zu besprechen pflegte, weil er dadurch seine Unabhängigkeit von der Kompanie zu beweisen glaubte, sagte: „Und von diesem Pirath einfach un...“
„Unkollegial!“ ergänzte rasch mit einem schnarrenden Lachen eine Stimme. Es war die des Amtmanns Ledinski. Er schaute den Arzt mit einem bösen und spöttischen Lächeln an. Der Arzt entgegnete diesen Blick ungewiß. Er verstand nicht sofort, was jener meinte. Aber am Ton merkte er, daß jemand ihm aufs Fell rücken wollte. Hinweisend fuhr er drum mit dem Finger den Durchzieher entlang, der seine hohe mongolische Backe wie ein Wappenschild zweiteilte.
„Bitte?“ fragte er.
Der Amtmann wandte sich aber ruhig und immer noch lachend weg.
Da errötete der Arzt.
Er hob plötzlich seinen blonden Kopf quer und wie ein Kahn in die Gesellschaft hinein, ohne eine bestimmte Person zu beschauen, und sagte laut und wie eine Drohung: „Es ist jetzt Mode geworden, daß die Kapitäne, die das Kreuz der Reserveonkels in der Flagge führen, dies weglassen. Weil sie sonst unter Umständen Forderungen seitens ihrer Schiffsärzte ausgesetzt wären.“
Dann schaute der Arzt mit sieghafter Bezüglichkeit den Richter und Hei an und gab sich damit zufrieden. Der Richter ging davon. Der Arzt sagte zu Hei: „Wissen Sie, weshalb der Onkel da aus der Südsee steigen wollte? Man hat sich mal erzählt, seine Olle habe zarte Beziehungen zu meinem Kollegen auf dem ‚Derfflinger‘ unterhalten. Seitdem kann er, scheint’s, nicht mehr von illegitimen Beziehungen reden hören!“
Hei klapperte und schlug sich auf die Schenkel: „Diese Schiffsärzte! Ihr Schwerenöter! Glückspilze! Weiber, wie mein Freund, der Maharadscha Katipatituli. He! Tausend Weiber! Der Maharadscha. Ich war auch nicht untätig da ... hö! hö! hö! ... So zwischen nem wilden Elefantenbüffel und ner Tigerkatze so ’n braunen indischen zahmen Braten von ner Prinzessin! Als Zwischengericht! Ha! ha! ha! ... Se gehn auf Weiße wie Stare auf die Kirschen.“
„Tju! tju! tju!“ grunzte der Arzt.
Hei: „Weshalb haben Sie sich nicht da ’ran gemacht? ...“ Er klapperte mit dem linken Auge zum Fenster hinaus, in der Richtung, wo Pirath und die Amerikanerin saßen und sich anschauten. Der Arzt zuckte mit den Schultern, zog die Mundwinkel herunter und lachte anzüglich in sich hinein, als wollte er sagen: „Du Schaf! Du Harmloser! Woher weißt du denn, daß ich nicht ...“
Hei warf seinen Hahnenkopf hoch und schmetterte ein Lachen in die Luft: „Da schau her! Auch in jenen Jründen jepirscht!“
Der Arzt sagte, indem er noch immer wie nachgenießend vor sich hinlächelte: „Darf ich mir erlauben, noch zwei Töpfe anfahren zu lassen.“
„Sie Doktor,“ näherte sich Hei, „Diskretion. Kennen wir auch!“ Er klapperte wieder mit dem linken Auge nach auswärts, wo die beiden Verliebten sich anschauten ... „Sumatra. Hab da mal ... Hei, behalt deine Liebesabenteuer for dich alleene! ... hö! hö! hö! ...“ lachte er breit und sagte sich zugleich: „Dieser blöde Schwindler von einem Kurpfuscher! Nicht einmal ihre Fingernägel hat er berührt ...“
„Tju! tju! tju!“ grunzte der Arzt und dachte: „So ’n Aufschneider! So ’n Lügner! Die Fußspitzen würde er sich ablecken ... das Schwein! wenn er ...“
Dann blies es zum Mittagessen, und sie sagten sich förmlich: „Mahlzeit!“ Hei fragte noch: „Wollen Sie Leibarzt bei meinem Freund, dem Maharadscha von Katipatituli, werden? Tausend Weiber! Keines mehr, keines weniger. Immer das Tausend voll! Das ist zu viel für ’nen einzelnen wie der Fürst, und der Arzt ist der nächste dran.“
Der Arzt winkte ab: „Danke für Linsen! Bleib daheim und nähre dich redlich! Bin froh, wenn ich von diesem Kasten mal runter bin!“
Hei sagte bei sich: „Bei dem Hungerleider ist doch nischt zu holen. Hundertfünfzig Mark Monatsgehalt und zwei Mark Weingeld am Tag, von denen er sich auf Einkäufe in Japan fünfundsiebzig Pfennige jeden Tag zurücklegt.“
Dann riefen sie sich noch einmal „Mahlzeit!“ zu und trennten sich mit gesellschaftlicher Verbeugung.
Pirath hatte sich nach Port Said eine Kabine geben lassen, die an einem kleinen überdachten Deck lag. Die Ochsenaugen der Kabine gingen offen auf dieses Deck. Sein Bett lag unter einem der Fenster. Als er am zweiten Abend, nachdem der Dampfer das Rote Meer verlassen hatte, seine Kabine aufsuchte, um eine Zigarre zu holen, fand er auf seinem Bett einen Brief liegen. Er nahm ihn in die Hand. Auf dem Kuwert stand sein Name, mit großen lateinischen Druckbuchstaben geschrieben. Er öffnete und las einen wirren Haufen von Unflat, mit dem ein anonymer Schreiber ihn und Ewe bewarf. Es war ein haltlos vergeiltes, ekelig kombinierendes Zeug, wie das kranke Erbrechen einer verfluchten Phantasie.
Peter war zuerst mehr erstaunt und erschrocken, als ungehalten und beunruhigt. Er erinnerte sich an den entlarvten Schmutzfinken aus der Fabrik. Bissinger hatte er geheißen. Der Name kam ihm auf einmal in den Kopf. Pirath knüllte das Papier, eine abgerissene Briefhälfte, wütend und erregt zusammen.
Da war ihm auf einmal, als ob ihm das Papier bekannt sei. Er riß es wieder auf, glättete es, hielt es gegen das Licht und sah einen Palmbaum drin, in dessen Kopf ein $P$ stand. Das war das Wasserzeichen der Geschäftspapiere von Jens Pirath Söhne. Wie kam es auf den Dampfer? Pirath setzte sich aufs Bett und dachte nach, grübelte, erregte sich das Gedächtnis. Er fand keine Erklärung.
Er brannte sich eine Zigarre an und ging ins Rauchzimmer. Ewe saß bei Ledinskis. Er setzte sich zu ihnen, und Ewe fragte nach den Pflanzungen in der Südsee. Aber der Amtmann lachte mit seiner schnarrenden Stimme: „Mit Leib und Seele bin ich an meinem Platz. Aber verübeln Sie mir nicht, Gnädige, daß ich Ferien hab und sie ausgenießen muß! Das ist ein Prinzip bei mir: In Matantuduk Tag und Nacht zur Verfügung. Davon erhole ich mich in den Ferien!“
Frau Ledinski, die empfand, daß dieser entschlossene Ton, an den die Mitreisenden nicht gewöhnt waren, auffiel, sandte Frau Haug einen ihrer Blicke, die wie ein blauer See erstrahlten, und begann von ihrem Dasein auf der einsamen Insel zu erzählen.
Pirath achtete nur halb hin. Die Südsee hatte für ihn keine rechte Bedeutung. So klein! So Puppenkolonie! Man wußte nichts Rechtes von ihr, und er wollte höher.
Bald kam Goed und brachte den Obermaschinisten mit an den Tisch. Dieser war ein gut gekleideter und gepflegter Mann von etwa vierzig Jahren, von schwerem, weichem Körperbau. Er hatte ein Gesicht, das stets verbindlich lächelte und in dem die Nase sich vorn hob, als ob ihr Rücken zu kurz sei. Er hieß Bissinger. Da fiel Pirath plötzlich der anonyme Brief wieder ein: „Bissinger, so hieß auch jener anonyme Schmähhund aus der Fabrik,“ sagte er sich. Pirath hatte den Brief schon halb vergessen gehabt. Er wurde nun die peinliche Erinnerung an ihn nicht los. Goed horchte herablassend der Erzählung der schönen Frau. Dann antwortete er großsprecherisch absprechend, nannte Südsee und ihre Pflanzungen Käsebetriebe. „So viel Kaas, wissen Sie, von die rote, ronden, machen wir in Holland, wie Sie Kopra in der Südsee ...“ Der Amtmann sah ihn schweigend und mißtrauisch an. Seine Frau verstummte nach einem langen, messenden Blick auf den Holländer.
Als nachher Pirath in seiner Kabine allein war, fragte er sich: „Wer mag so etwas schreiben wie diesen Brief? Wer hat uns gesehen? Wer ist solch ein unglückseliger Dreckskerl? Hei? Ein Reisender oder ein Angestellter? Wer? Wer? Woher das Papier mit unserm Wasserzeichen? Ein Steward? Warum kümmert man sich um uns? Was geht das einen dieser Fremden an?“
Darauf war Peter noch mit Ewe zusammen, und die zwei Stunden, die einzigen, die sie im ganzen Tag für sich besaßen, erfüllten die Bedenken, ob er von dem anonymen Brief sprechen sollte oder nicht. Auch niemals waren so viele Menschen in jenen Nachtstunden über das schmale Sonnendeck gegangen, auf dem ihre Stühle standen. Es war, als ob das ganze Schiff keinen Schlaf gefunden hätte, weil das kleine Deck es magisch anzog. War ein Matrose hastig vorbeigesprungen, so folgte in weißer Jacke und dunkler Hose mit verweilenden Schritten ein Steward, kam langsam vorbei und machte einem Reisenden oder einem Ehepaar Platz, die vor den Nasen der zwei Liebenden eine Weile sich an die Reling stellten und ihre Rücken in der Dunkelheit leuchten ließen.
„Das ist aufregender, nichtiger, als gar nicht zusammen zu sein!“ sagte Ewe.
Peter streifte ihr Gesicht: „Ich bin unglücklich!“
Ewe: „Wir sind bald in Kolombo! Allein!“
Peter: „Und Mann und Weib!“
Ewe: „Ja, süßes Herz mein!“
Peter: „Du!“
Jeder ging in seine Kabine, sich Gewalt antuend, mit Schmerzen die begehrenden Blicke voneinander reißend. Und sobald sie einander verschwunden waren, stürzte, wie ein verfluchtes Tosen, die verlangende Verlassenheit, die Sehnsucht über sie hernieder.
Peter träumte in dieser unruhigen Nacht gegen Morgen einen entsetzlichen Traum um Ewe ... Er war mit ihr in einer dunstigen und zotigen Gesellschaft. Jeder faßte nach ihr. Sie quiekte auf, und er war todunglücklich und verdammt und weinte vergeblich. Aus einer Ecke dämmerte ein riesenhafter Gorilla auf. Der schlug mit den langen Fingern den Takt zu Peters Weinen und zu einem Tanz, in dem Ewe sich von ihm loslöste. Er sah, der Affe wollte Ewe haben. Der Affe zog die Nase hoch, so daß die Spitze in die Höh stand, als ob ihr Rücken zu klein sei. Er kam näher auf Pirath zu, immer näher. Er war kolossal wie ein Berg und war doch der Obermaschinist Bissinger, und kam heran wie eine Lawine. Pirath wich zurück. Er war wie angeschmiedet. Und der Affe fiel über ihn her und hatte ein Instrument in der Hand. Damit wollte er Pirath in den Mund fahren. Aber Pirath hielt sich den Mund fest zu und schrie hinter seinen beiden aufgepreßten Händen furchtbare tote Schreie, die keinen Laut annahmen.
Da stieß der Affe ihm das Instrument in die Nase. Es war mit Unrat gefüllt, und Pirath erkannte nun, daß es eine kleine Saugpumpe war. In einem verzweifelten Sprung warf er sich aus dem Traum; schweißgebadet, gemartert sprang er aus dem Bett und erinnerte sich plötzlich, daß er am zweiten Tag der Reise dem Obermaschinisten auf einem Briefbogen von Jens Pirath Söhne eine Pumpe aufgezeichnet hatte, die Pirath für die Arbeit an seiner Zentrifuge gebraucht hatte. Der Traum hatte dem anonymen Schmutzbrief Gestalt gegeben und zugleich die kleine Erinnerung mit aus der Tiefe aufgewühlt.
Pirath schrie: „Also der ...! der!“ Er lief im Schlafanzug auf das Deck hinaus. Es war schon hell. Die Wut drosselte an seiner Kehle. Ich schlag ihn! Ich stoß ihm die Faust ins Gesicht! rasch! hundertmal! Wie einen Kolben. Der Dreckskerl! Ich würg ihn, daß sein Schweineblut ihm aus der Nase spritzt! ... Pirath lief aufgeregt auf dem Sonnendeck herum. Ich geb dem Kapitän den Brief. Der Gesellschaft ... Nein, ich will nicht, daß Ewe in einen so dummen Schmutz gezogen wird. Es ist empörend! Man kann sich gegen so was nicht wehren. Was ist das denn für eine Welt! Gerade wie damals zu Hause. Dort eine Stadt. Jetzt ein Dampfer. Auch eine Stadt. Werden denn Menschen im Zusammenleben zu gemeinem Viehzeug? Alle die blöden Anspielungen dieser Tage! ...
Da kam Ledinski und blieb grüßend stehn. Peter gab ihm die Hand und sagte heftig: „Ich geh mit Ihnen auf Ihre einsame Südseeinsel. Da gibt’s keine Menschen!“
„Ja, ja!“ machte der Amtmann. „Weshalb sind Sie an so frühem Morgen schon so menschenfeindlich, daß Sie auf einmal die Insel so schätzen?“
„Ach, ich hab ... da! Lesen Sie! ...“ Er riß den Brief heraus, den er am Abend in den Schlafanzug gesteckt hatte. „... Ich bin so aufgeregt. Lesen Sie! Ist das nicht eine Schweinerei?!“
Der Amtmann las rasch und ruhig und gab das Papier zurück. Er zuckte mit den Schultern.
„Das ist das Leben an Bord!“ sagte er. „Man liegt sich zu nah auf der Haut und verträgt sich bald nicht mehr. Man hat keine andere Beschäftigung, als den Widerwillen zu pflegen, den man gegeneinander empfindet. Wenn das Geschwür aufbirst, dann geht das da, dieser innere Schmutz, mit auf. Zerreißen Sie den Wisch und vergessen Sie ihn.“
„Ja, das ist wahr,“ antwortete Pirath. „Ich zerfetz ihn ...“ Er riß das Papier in kleine Fetzen und warf sie in den Wind übers Meer. „Aber ich kann’s nicht vergessen ...“ Er schaute an sich herab. „Bin ich nicht mit Dreck besabbert? Ich fühl’ mich verunreinigt.“
„Seien Sie klug!“ sagte der Amtmann nur und zuckte die Schultern.
Daß ein Mann diese Angelegenheit so nebensächlich behandelte, beruhigte Pirath. Er sagte sich: „Wer weiß, ob es der Maschinist war? Er kann das Blatt abgerissen und fortgeworfen haben, und ein andrer nahm es.“ Daß nun keine leibliche Gestalt mehr hinter dem Unflat stand, milderte den Eindruck und schwächte ihn nach und nach. Zu Ewe sprach er nicht von dem Brief. Kolombo winkte schon. Morgen werden sie für sich sein, allein, Mann und Weib!
* * * * *
Es war einen Monat älter in der Welt geworden. Kolombo war morgen aus. Am ersten Abend hatte Ewe im Gall Face Hotel gesagt, als sie noch im Staubmantel und Hut war, und die Koffer, verschlossen und unbekannt, durcheinander standen: „Wir machen uns einen Monat zum Geschenk. Wir nehmen den Monat, der heut beginnt, und schauen und fragen nicht links, nicht rechts, nicht hinter uns, nicht vor uns und geben ihn unserm Leben. Gib mir deine Hand drauf!“ ... Dann erst packten sie aus und hängten ihre Kleider durcheinander in die Schränke.
Wenn Peter manchmal im Verlauf der vier Wochen sich um das zu kümmern anfing, wie dieser Beginn ihrer Zeit dauernd für sie werden sollte, so sagte Ewe lachend: „Laß dein deutsches Gewissen vor der Tür, wenn du zu mir kommst. Wir haben unsern Vertrag beim Einzug gemacht. Komm, wir gehen auf unsre Veranda und werfen es ins Meer ...“
Sie zog ihn mit, griff in seinen Kopf und warf das Gewissen hinab, wo die Dünung am Fuß von Palmen schallend und brausend mit dem Ufer kämpfte und der Sonnenleib stets eng und gewaltvoll auf der Erde lag, wie ein ungeheurer Begatter.
Sie waren in den vier Wochen viel ins Innere hineingefahren und hatten zusammen unermüdlich den Betrieb der Pflanzungen studiert. In langen Gesprächen waren sie mit ihrer noch frischen europäischen Straffheit nachher in ihren Räumen oder unterwegs im Auto das Gesehene durchgegangen und hatten Verbesserungen besprochen. Sie führten ein gemeinsames Tagebuch, in das Peter all ihre Unternehmungen und Gespräche gewissenhaft in einem Notizstil buchte. Oft vermerkte Peter zum Schluß etwa folgendes: Dies herausgefunden von Ewe, deren geschmeidige Klugheit mich Dummkopf melancholisch macht. Oder: Von dem ebenso gescheiten und erfahrenen wie schmalen und schönen Kopf Ewes entdeckt. Sie schrieb dann eine zärtlich spöttische oder verliebte Bemerkung dran.
Nach dem Nachtessen in dem maurischen Speisesaal, in dem in dieser Jahreszeit sehr wenig Gäste aßen und zahllose Maschinchen die Luftfächer umherwarfen, spazierten sie eine Weile am Strand. Der rothaarige Herr Backhaus wohnte auch im Gall Face. Er war der einzige Mensch, den sie hier kannten. Sie sahen ihn selten. Er ging immer zu Fuß, einerlei ob es kühl am Abend oder brühend am Mittag war. Alle Europäer fuhren in Rickschas, Pferdewagen, Autos ... Backhaus ging immer zu Fuß die roterdige und baumlose Esplanade hinunter, die das Hotel von der Stadt trennte, und die Eingeborenen schauten ihm geringschätzend nach. Ging das Paar an ihm vorbei, wenn er einmal in der Halle saß, so las er stets in seinem Buch. Sie sprachen selten mit ihm. Backhaus selber mied ebenfalls die Gelegenheit, mit dem Paar zusammenzutreffen.
Sie hatten eine kleine Flucht von Räumen gehabt, mehr als notwendig gewesen wäre. Aber sie hatten sich darin unbeschränkt gefühlt wie in einem eignen Haus, und wenn sie nachts vom Meer heraufkamen, drehten sie alle Lichter an und setzten sich in die offene Veranda, die sie dunkel ließen.
Dann begann ihre Nacht über sie herzubrausen. Aus des einen Blut toste es wie mit Untergang bringender Gewalt durch des andern Blut. Wasserfälle! Die Dünung des Meeres donnerte über ihre Nacht, als deckte sie sie vor der Menschheit zu. Es war dann zwischen ihnen, als ob zwei sich feindliche Klimas ineinander stürzten. Das geschah in Katastrophen, die in dunkeln Leidenschaften erdbebten und in denen die Lust vor Melancholie brüllend sang.
Kolombo war eine Zeit gewesen, die eine mühe- und hemmungslose Aufteilung zwischen Sehnsucht und Gewähren, Spannung und Traum, Arbeit und Gemüt in sich gefaßt hatte.
Morgen war sie vorbei.
Peter wußte, daß sie morgen vorbei sein sollte. Aber er nahm es leicht: Er glaubte es nicht. Er wußte, daß Ewe eine Schiffspassage bis Hongkong hatte und daß er selber noch auf Kolombo bleiben sollte. Aber er belächelte das. Bevor sie an diesem letzten Abend zum Nachtessen hinabgingen — Ewe trug ein Kleid aus taubenblauer alter chinesischer Seide, die mit Blumen und Vögeln in $à-jour$-Rändern durchwirkt war —, kam sie auf Peter zu, legte ihre Arme um seinen Hals und schaute ihn an. Nach einer Weile sagte sie lächelnd: „Morgen!“ Aber ihr Lächeln hatte etwas von der Härte eines Steins.
Peter lachte fröhlich auf: „Halt deinen süßen Mund!“ sagte er und zog sie mit zur Tür. Sie gingen eingehängt die breite Treppe zur Halle hinab. Es war noch eine Viertelstunde zu früh zum Essen, und sie setzten sich an eines der Tischchen im Fenster und tranken etwas. Ewe war von einer hektischen Gesprächigkeit. Peter fand sich jedoch nur wie unter dem Bewußtsein erregt. So ziehen sich hinter der Bergwand die Gewitter zusammen, die der Talbewohner nicht früher sieht, als bis sie sich über sein Haus entladen.
Da hörten die beiden auf einmal eine Stimme vor sich: „$O well!$ Herrschaftchens! $How do you do?$“
Sie fuhren erschrocken auf und sahn Goed. Er hielt ihnen seine beiden Hände hin.
„Noch immer in Kolombo?“ fragte er.
Ewe erholte sich zuerst und fragte dagegen: „Ich denke, Sie sind auf Sumatra? Fahren schon Luftschiffe über den Indischen Ozean?“
„Nein, Gott sei gedanken!“ antwortete der Holländer. „Die Steamer fahren schon viel zu schnell. Ich, Sumatra? Ja, wenn es niet Telegraphen gäbe! In Penang Depeschen. So ’n Stoß Depeschen! $Go back Colombo. All right, me go back!$ Und so bin ik hier!“