Part 6
Da begehrte Goed auf: „Verdomme! Wat anschauen! Wer hat Bekenntnis von die Geschäftsdepeschen, die in Kolombo liegen? Schauen Sie sich die Hochöfen und die Minen von Rote Erde an, wenn Sie Aktien darvon koopen? Dat is eene Maatschappij. Man setzt auf sie. Man setzt nicht auf sie. $Ça dépend du goût.$“
„Oder von der Vorsicht!“ lachte Pirath.
„Mit Vorsicht hat noch niemand nichts gemacht!“
„Und ohne Vorsicht sind viele schon hereingefallen.“
„Oder reich geworden!“
Da sah Peter im dunklen leeren Raum des offenen Fensters vor sich das helle blonde Gesicht der Amerikanerin. Es schaute nicht herein, sondern war in die Fahrtrichtung des Schiffes gedreht, der Wind schlug fest auf das Gesicht, das im Licht des Fensters stand, es schaute etwas aufwärts, es kniff die Augen in dem heftigen Luftstrom fest zu, und der Wind blies die blonden krausen Haare wie Schaum rückwärts. In der weißen Seidenbluse strafften sich die Brüste. Sie stand plötzlich da, voll Leben und doch wie eine Erscheinung.
Pirath antwortete dem Holländer zerstreut: „Nun ja, es muß aber doch nicht gleich sein.“ Goed sagte ruhig und nebensächlich: „Aber neen, aber neen! Eine gode Sache! Aber lassen Sie sich ein Rat gewen von einem erfahrnen Ostasiat: Ihr Deutsche hättet die Welt in die Handen, aber ihr seid niet couragiert. Ihr leset den Deutsche Gedanke in der Welt und wisset niet, wi ist die Welt. Der Herr Backhaus draußen vergißt über seinem Buch, sich die Welt anzusehen. Ganz zu hinderst in die Kopfen, da spielt sich das Leben af für die Deutsche. Ich bin erfahren. Herr Pirath, gehen wir bisken an die Luft!“
Peter sah die Amerikanerin nicht mehr. Der junge Mann mit der knotigen Gestalt und dem flaumigen Teint lag in seinem Stuhl und hielt das ewige Buch aufgeschlagen vor sich hin. Aber er schaute in die Finsternis. Dort donnerten die Wogen, die am Steven zerbarsten.
„Er sieht aus nach dem deutschen Gedanken in der Welt!“ sagte Goed.
Hei lehnte mit andern an der Reling und sprach. Pirath schaute nicht hin. Er schämte sich. Er ging bald zu Bett. Er war heut unzufrieden und gequält. Ree stieg so oft aus seinen Gedanken auf und wechselte plötzlich, wurde blond und drückte die Augen fest im Wind zu. Dort flatterte ein Tausendmarkschein. Heis schlaffer Augendeckel klappte danach wie ein Froschmaul und schlug ihn aus der Luft herab in seine Hosentasche. Peter schämte sich. Er fand keinen Schlaf und ging aufs Deck hinaus.
Es waren noch viele Reisende auf. Morgen lief der Dampfer Port Said an, und die meisten verließen dort das Schiff. Peter legte sich in seinen Stuhl, schloß die Augen und stöhnte auf. Da sagte eine Stimme neben ihm in der Dunkelheit:
„Sind Sie bös auf mich?“
Pirath schrak auf. Die Amerikanerin saß neben ihm und schaute herüber. Ihre hellen Augen und ihre blonden Haare leuchteten in der Finsternis.
„Sie mißverstehen mich. Sie kennen keine Menschen, die viel reisen, denen das Reisen Heimat ist und die darum sich leicht zu andern Menschen stellen, leicht und oberflächlich, und Dinge sagen, die in Häusern zu sagen gegen den Geschmack verstieße. Seien Sie mir nicht bös!“ bat sie in herzlichem Ton und schaute ihn an.
In Peter zerschmolz die Verstimmung. Es kam über ihn wie eine Erlösung, und er sagte nur: „Nein, nein!“
Sie reichte ihm die Hand. Es fiel ihm auf, daß alle ihre vielen und reichen Ringe an den Fingern fehlten. Da drängte etwas Peter, zu beichten, daß er dem Schuft tausend Mark gegeben habe, um etwas über sie zu erfahren. Sie machte eine heftige Bewegung, faßte sich aber rasch, und Pirath sagte: „Ich ließ es mir nicht sagen. Ich bin davongelaufen.“
Beide schwiegen. Sie trennten sich dann versöhnt und herzlich zufrieden.
Am nächsten Morgen ankerte der „Fürst Bülow“ in Port Said. Mrs. Haug, Pirath, der Holländer, der Richter und ein fünfter schlossen sich zusammen, fuhren mit dem Expreß nach Kairo und wollten am Abend im Expreß nach Suez reisen. Dort erwartete der „Bülow“ sie. In Kairo mieteten sie zwei Automobile. Der Holländer stieß die beiden Herren unversehens in das eine, sprang selber nach, und das andere blieb für Peter und Mrs. Haug. Sie fuhren froh und gesprächig durch die Sonne zu den Pyramiden.
Als sie zurück nach Kairo sollten, sagte Goed zu seinen beiden Begleitern: „Ick sag jetzt dem andern Chauffeur: $Go on!$ Die zwei werden sowieso niet viel auf unsere Geselligkeit halten. Wir haben noch Zeit auf den zweiten Zug nach Suez, und in Kairo gibt’s wat zu sehen, wat sich for eine Dame niet konveniert!“
Der Richter und der andere lachten. Es entging Mrs. Haug und Pirath, daß das zweite Auto zurückblieb. Sie erreichten den Zug, und Pirath sorgte sich um die drei Kameraden. Aber Mrs. Haug versicherte ihm, daß der Kapitän eben ein paar Stunden länger warten müßte, bis die Herren mit dem zweiten Zug kämen.
Sie gingen gleich in den Speisewagen und bekamen einen Tisch für sich. Der hastig gedrängte Tag war übervoll und schön gewesen. Sie fuhren bequem. Sie tranken Champagner zum Essen, und es war warm um sie. Es war ein milder, herzlicher Odem, der sie umfloß. Peter erzählte von zu Hause, von seinem Bruder und der Fabrik. Aber vor seinem Schicksalsschlag stauten sich seine Worte, und er ging drüber weg und erklärte ihr eingehend, was er in der Welt suchte. Er erzählte von Heis Angebot und sprach dann auch von den Gesellschaften Goeds und von dem, was Goed ihm darüber gesagt und zu lesen gegeben hatte.
„Ich kann nun natürlich nicht,“ sagte Peter, „gleich mit beiden Beinen in diese erste Sache hineinspringen. Aber es scheint mir sehr vorteilhaft, daß ich Herrn Goed traf. Solch ein solid fundamentierter Mann! Wissen Sie, wie ein historischer holländischer Pflanzer kommt er mir vor. Was meinen Sie: Es ist ein Glück für mich!“
Frau Haug antwortete: „Gestern hab ich Sie beleidigt, indem ich das zu Herrn Goed sagte. Ich will das gutmachen, indem ich Ihnen einen Rat gebe.“
Sie schaute Peter an. Er hob sein Glas gegen sie und wartete.
„Als ich Sie vor Hei warnte, da lehnten Sie sich gegen mich auf. Ich möchte nicht als eine fortwährende Verneinerin ausschauen. Wenn Sie wüßten, wie fest mein Leben auf ‚ja‘ aufgebaut ist! Sie dürfen hier draußen sich nicht anders unter Geschäftsleute begeben als mit der Auffassung: Sie gehen in einen Kessel voll Haie. Sie sind ein Neuling. Man weiß, was Sie wollen. Man kartelliert sich, um Sie zu verspeisen. Man feixt und ... kurzum, man freut sich auf den, nicht beleidigt sein! Dilettanten. Man will Sie in einem Hops nehmen. Und was Hei plump machte, machen andre mit erfahrenem Geschick und Sicherheit. Selbst die Frommen werden ihre Schnäbel nach Ihnen wetzen. Europa begann hier draußen als Pirat. Es bleibt, soweit es kann, bei dieser Tradition. Sagen Sie,“ lachte sie auf, „Ihr Ahne, der den Namen gab, kommt doch nicht etwa über Singapur oder Kolombo nach Deutschland?“
Peter lachte dagegen: „Einigermaßen schon. Aber was Sie sagen, ist mir doch nichts Neues. Mit diesem Wissen beginnt man ja seine Reise.“
„Lieber Herr Peter, ja, Sie wissen es. Aber wissen und anwenden sind sich fremde Dinge. Sie werden sehen.“
„Ich wende es nicht an? Wo hätte ich Gelegenheit gehabt, Sie zu dieser Ansicht über meine Handlungsweise zu bringen?“
Die Amerikanerin fragte unvermittelt: „Wieviel gedenken Sie in das Goedsche Unternehmen zu stecken?“
Peter überlegte: „Das kann ich nicht so sagen. Vielleicht dreißigtausend, vielleicht fünfzigtausend Mark. Mehr vorerst auf keinen Fall!“
„Sehen Sie, und diese dreißig, vielleicht fünfzigtausend Mark werden verloren sein, weil Sie Ihr Wissen nicht anwenden.“
Peter schaute sie fragend an.
„Ich weiß nichts von Goed!“ sagte sie. „Aber er hat die Manieren der Haifische von hier draußen an Ihnen gezeigt. Man überfällt nicht unbekannte Reisende mit Geschäften an Bord, wenn man nicht Hunger nach ihnen hat. Das gehört zur Bordpsychologie. Und man hat nicht sehr Hunger nach ihnen, wenn man hier draußen selber genug zu essen bekommt. Sie werden die Erfahrung machen, daß die Leute im Osten möglichst wenig von Europa heranziehen. Sie selber werden drum auch Schwierigkeiten finden, um Ihre Pläne durchzusetzen. Man wird Sie für einen Outsider halten und als solchen behandeln. Das ist hier nicht beliebt. Aus diesen Gründen trau ich Herrn Goed nicht. $Surely, Master Goed is not a good man!$“
Dann schwiegen beide. Peter fühlte sich verwirrt von dem, was er gehört hatte. Er glaubte, was diese erfahrene und kluge Frau ihm sagte. Es stritt gegen alles, was er sich an seinem Unternehmen gedacht hatte. Brauchen sie nicht Geld, guten Willen, fremde neue Kraft draußen? Ich bring von allem. So hatte er sich sein Werk vorgestellt. Daß es Schwindler dort gab wie daheim, war selbstverständlich. Aber es mußte doch noch jungfräulicher Boden draußen sein, und den Ernsten und Starken müßte er willkommen sein.
Er überlegte sich das wieder und sagte es ihr. „Nun machen Sie mich unsicher,“ fügte er hinzu.
Da lachte sie und reichte ihm die Hand. „Das will ich nicht! Tun Sie, wie Ihr Inneres Sie leitet. Ich kenne Sie ja eigentlich nur von der Gemütsseite. Und Ihre sicheren Instinkte sind ja mehr als meine Erfahrungen ...“ Dann änderte sie die Stimme: „Weshalb haben Sie das Gespräch auf diesen Weg gebracht? Sie erzählten von sich und von zu Hause. Ist das nicht viel interessanter und näher? Denn was man auf den Reisen erlebt, sind nicht Menschen wie Sie, sondern bestenfalls wie der Richter. Wie Hei! Goed! Wenn sie auch verborgen lassen, was hinter ihnen treibt, so tragen sie doch den Geruch davon an sich. Pfui! Weshalb lebt man so?!“
Peter schaute sie heftig an und fragte: „Sie haben mir nie ein Wort von sich erzählt? Nie haben Sie mich nur ein wenig davon sehen lassen, was Sie so von Schiff zu Schiff treibt.“
„Es wäre wohl wertvoll für Sie zu wissen, was das sein mag?“ lachte sie.
„Sehr wertvoll!“ antwortete Peter ernst.
„Ich weiß. Sie bestachen ja sogar den Hei!“
Da hielt Peter ihr rasch die Hand hin: „Bitte nicht. Ich schäme mich. Und ich bin ja gleich davongelaufen.“
Aber es kam plötzlich etwas Dunkles in seine Laune. Seine Augen zogen sich einmal heftig zusammen.
Der Zug brüllte wild durch die Nacht. Die fremde Finsternis raste draußen feindselig zurück, und wie aufgescheuchte verwirrte Vögel flatterten die erleuchteten Fenster mit dem Zug durch die Nachtwüste. Peter fühlte, daß eine heftige harte Wehmut in sein Herz fuhr.
Die Amerikanerin schaute auch hinaus. Sie neigte ihren blonden Kopf in den Luftzug, der gleich rasend ihre Löckchen erfaßte. Ein heißer Atemzug war in dieser Nachtluft. Sie hatte halb das Zusammenzucken der Augen gesehen. Nun schaute sie dem Schatten Piraths und ihrem eigenen Schatten nach, die vergrößert und verzerrt in einem hellen, verschobenen Viereck neben dem Zug durch die Nacht flogen. „Dieser schöne starke Mann liebt mich!“ sagte sie sich. Auch ihr wurde ein wenig weh ums Herz. „Du rastloses Herz!“ flüsterte sie ihrem Blut zu, „sei still! Freu dich! Nimm solang deine Zeit ist.“
Peter griff auf das Gespräch zurück: „Ich hab mich noch nie über etwas so geschämt wie über diesen Augenblick!“
Da fuhr ihr Kopf aus dem Fenster auf: „Sie sind streng! Streng wie ein Mönch!“
Peter schaute nieder und antwortete: „Man ist ja auch so etwas wie ein Mönch. So einsam!“
„Ich frag nicht, ob Sie keine Frau finden oder gefunden haben. Denn ich glaube, es steht eine hinter Ihrer Strenge.“
Peter erschrak. Er wußte nicht, wie es zuging, daß auf einmal in einem Augenblick sein fatales Erlebnis wie ein Gewitter in ihm sich auftürmte. Seinen Lippen entfuhr der kleine ängstliche Schrei: „Ree!“ Die Amerikanerin sah ihn wartend an. Ihre hellen Augen waren groß geöffnet, waren auf sein Herz geöffnet. Ihre Hand kam ihm langsam auf dem weißen Tischtuch entgegen. Sie beugte die schönen straffen Brüste herüber, und ihr Wesen überkam ihn, überschwemmend, heiß, wie der Odem der Nachtluft draußen. Er preßte seine Hand ans Herz und schaute hinaus in die davonrasende Nacht, während er mit stockenden Pulsschlägen alles von jener unseligen Qualvollen erzählte, deren Blut er nie in seinem gefühlt und die ihn in die Welt hinaus gestoßen hatte. Und während er von jener erzählte, wußte er doch, daß er der Frau verfallen war, die ihm zuhorchte. Er war nicht so kühn, zu ihr aufzuschauen. Mit einem süßen Erschrockensein hielt er den Blick auf die hellen flatternden Fenster gerichtet, die unter seinen Augen brausend durch die Finsternis schleiften und in denen das vergrößerte Bild der Geliebten mit dahinschwebte.
So war sein erstes Erlebnis nach dem Schicksalsschlag wiederum ein sentimentales. Begreiflicherweise. Denn dafür war sein Gemüt durchgeackert.
Als sie nachher nach einer schweigsamen halben Stunde sich vor den Türen der Schlafwagenabteile trennten, drückte sie Peter zärtlich die Hand, und er beugte sich über die schmalen beringten Finger nieder. Er verletzte seine Lippe leicht an einem Stein und nahm diese kleine Wunde als eine fließende Quelle der Gedanken an sie mit in seine Nacht.
Am nächsten Morgen, beide hatten eine schlaflose Nacht hinter sich, begrüßten sie sich wie zwei, die von ihrer Kindheit an Freunde sind. Sie fühlten sich warm aneinander.
Der „Bülow“ war noch nicht in Suez, als sie dort ankamen. Sie gingen am Meer entlang. Peter nahm die Frau bei der Hand. Die Sonne stach hernieder. Ihre Gedanken und Vorstellungen waren verträumt und ermattet in die fließende Hitze eingehüllt. Auf einmal rief der Dampfer draußen auf der Reede. Sie fuhren hinüber. Sie erzählten, daß sich die drei Herren von ihnen in Kairo verloren hätten und daß sie gewiß mit dem zweiten Zug kämen. Der Kapitän machte ein unfreundliches Gesicht. Mrs. Haug sprach zu ihm. Er sagte: „Nun ja, wir sind unserm Fahrplan ja wohl etwas voraus.“
„Eilen Sie also nicht so! Alle Kapitäne haben das Fieber, Meilen zu schlucken!“ sagte Mrs. Haug. „Das mögen Sie nicht?“ lächelte der Kapitän, ganz diskret anzüglich. Bei sich schüttelte er den Kopf: „O, diese Passagiere! Diese Passagiere! Da hätte ich den Herrn Pirath doch für einen soliden Mann gehalten! Diese Passagiere!“ ...
Dann umwölkten sich seine Vorstellungen: „Um Gottes willen, hoffentlich wird kein Skandal an Bord daraus!“
Bald kamen die drei Herren. Der Dampfer fuhr weiter in die Hitze des Roten Meers hinein. Hei umschlich Peter mit einer anzüglichen Vertraulichkeit. Vom Maharadscha Katipatituli sprach er nicht mehr. Für die Amerikanerin hatte er eine untergebene Höflichkeit. Goed sagte auch nichts mehr von seiner Atjeh Co. Er suchte aber stets die Nähe Piraths auf.
Der Tag wurde brütend und schweißig. Aus geilem Dunst stieg in harter Blässe der Sinai zwischen blauen Bergen auf. Beschlagene Augen suchten ihn. Die Adern waren ermattet. Das Leben pochte in den Körpern wie verzweifelte Quellen unter einer Bodenschicht, die sie nicht durchbrechen können. Die Reisenden, die seit Port Said auf ein Häuflein zusammengeschmolzen waren, lagen tief in den Stühlen und sprachen wenig.
Pirath ließ verwundert diese niederschlagende Hitze durch seine Adern strömen. Er träumte dumpf aus ihr auf. Er lag in seinem Stuhl und sah in fernem Leuchten neben sich den weiß bekleideten Leib der Amerikanerin ausgestreckt ruhen. Das Licht versprühte auf dem weißen Linnen. Es lag um sie wie ein Glorienschein. Peter dachte in sich hinein. Ein Reif lag auf ihm, ein süßer schwelender, schwerer Reif. Der Schweiß sprang wie Springbrunnen, jeder aus einem Tröpfchen bestehend, aus der Haut. Ja, Hermann hatte ihn bis Frankfurt begleitet. Auch im Zug war es heiß gewesen. Und dann blieb Hermann zurück auf dem Bahnsteig unter dem Fenster des Wagens und schaute herauf. Die schwarze Halle tobte. Hermann schaute mit seinem kleinen dicken Kopf immer herauf, und wie der Zug anfuhr, sagte er herauf, immer nach oben: „Und vielleicht wächst eine liebe Frau für dich auf einem Dampfer. Aber bring mir keine Schwarze mit!“ kicherte er. Der Zug fuhr. „Peterlein!“ stotterte Hermann noch. Hat er denn nicht Tränen im Aug gehabt, der gute Hermann, der liebe? Keine Schwarze. Aber eine liebe Frau. Sie wächst auf einem Dampfer. In Peters Brust türmte es sich auf: „Hermann, wenn ich dir die mitbringen könnte! Hermann! Hermann!“ flüsterte er.
Die Amerikanerin richtete sich auf und lachte ihn an. Sie erhob sich vom Stuhl und ging fort. Ihr Lachen blieb auf Peter liegen wie eine Umarmung. Er schlief unter ihr ein wenig ein. Er war müd von der schlaflosen Nacht im Zug und von der still stehenden saugenden Hitze. Er erwachte wieder und sah das weiße Kleid nicht. „Wo bist du?“ fragte er. Sie kam nicht, und Peter war unglücklich. Hei streifte heran. Peter tat, als ob er schliefe, und horchte, ob ihre weichen raschen Schritte nicht bald kämen. Hei setzte sich auf den Stuhl neben ihm. „Wünsche wohl geschlafen zu haben!“ sagte er, klapperte mit den schlaffen Augendeckeln und schlug sich auf den Schenkel, einmal mit der Rechten, einmal mit der Linken. „Wie war’s in Kairo? Sie ... Schwerenöter! Sie Glückspilz!“
Aber Peter hatte sich erschrocken umgewandt und horchte nicht hin. Die Maschinen stampften in fernem Takt in die Schläge seines Blutes. Der Trompeter trat aus einer Tür und blies zum erstenmal zum Nachtessen. Pirath erhob sich auf der Hei entgegengesetzten Seite aus dem Stuhl und ging in seine Kabine. Er zog zum erstenmal einen weißen Smoking an. Er fand, daß dieser Smoking aus feinem Pikee mit weißen Atlasaufschlägen ihn gut kleidete, und er dachte dabei kindlich an die Amerikanerin.
Die Amerikanerin erschien nicht bei Tisch. Peter ward unruhig. „Es fehlt dir nichts,“ sagte er in sich hinein, „nicht wahr, es fehlt dir nichts? Sonst wüßte ich’s! Aber ich möchte dich sehen, ich möchte deine Stimme hören und deine warme Haut riechen.“ Die Ventilatoren drehten mit dummer Eile unter der weißgoldenen Decke und verscheuchten die dampfige Hitze nicht. Peter aß nichts. Es lag tausendfach bedrängend auf seinen Sinnen. Er dachte: „Man sieht es mir an,“ und um abzulenken schimpfte er zum Kapitän hinüber: „Ah, die Hitze, die Hitze!“
Der Kapitän aber hatte ein Prinzip. An seinen Backen lief das Wasser herab. Trotzdem sagte er, wie verwundert: „O, es ist doch nicht so warm.“
„Es ist wie in einem Eiskeller!“ bemerkte der Holländer und fügte ein „Verdomme“ hinzu. Das herzliche Nußknackergesicht des Kapitäns lachte auf. „Vorbereitung auf die Südsee!“ meinte kühl der Richter, der trotz der Hitze den hohen Kragen nicht weggelassen hatte. „Jo, da werden Sie wat erleben!“ ermunterte ihn der Kapitän. „Das hier ist doch nichts ...!“ Aber alle wußten ja, daß das Rote Meer die heißeste Gegend der Erde war, weil die von den Wüsten ausgebrütete Hitze über die Wasser drang. Mijnheer Goed meinte zum Kapitän: „Es steht wohl in Ihre Instruktions, daß das Rote Meer niet heiß zu sein hat!?“
„Ist es denn wirklich so heiß?“ fragte mit unerschütterlicher Verwunderung der Kapitän. „Ich finde das nicht ...“ Er schaute der Reihe nach jeden an.
„Parbleu! so heiß allerdings, als wie ich in Abessinien drüben meinen ersten Löwen ...“ wollte Hei erzählen. Aber Goed fiel ihm ins Wort: „Parbleu! Lüge Sie niet! Niet in Abissinien da drüben war es so heiß. In Ihre Büxen war es noch heeter als jetzt, als Sie in St. Pauli in der Menagerie den ersten Löwen gesehen haben. So wolle Sie segge! Hein?“
Der Kapitän lachte mit vollem Mund. „M...m...m...“ Er konnte es nie ganz unterdrücken, daß jeder Hieb auf Hei ihm Spaß machte. Peter dachte: „Es ist furchtbar heiß draußen. Aber so heiß wie in mir ist es draußen nicht. Weshalb kam sie nicht?“
Das Essen ging vorüber. Was hinderte ihn, bei ihr anzuklopfen? Nein, das durfte er ja nicht. Vielleicht schlief sie. Was hinderte ihn, ihr eine Zeile zu schreiben? „Weshalb kommen Sie nicht? Sind Sie krank? Ich bin es auch.“ Er tat es nicht, weil er einem andern Menschen den Brief zum Überreichen hätte geben müssen. Er legte sich in seinen Stuhl. Heut ging niemand ins Rauchzimmer. Einige schlichen ein paarmal matt ums Deck, sanken eine Weile in ihre Stühle und verschwanden bald. Frühzeitig waren die Decks menschenverlassen. Peter hielt es nicht aus in seiner Kabine. Er zog ein Pyjama an, schleppte seinen Stuhl vorn in den dunkeln Gang, der auf dem Sonnendeck unbeleuchtet vor den stets geschlossenen Fensterläden des Kapitäns vorbeiführte und wie eine schmale Galerie an der Stirn des Schiffes lag. Ein ganz kleiner Luftzug war dort. Peter legte sich nieder. Die Hitze dampfte über ihn her. Er wälzte sich im Stuhl herum. Dann wie er ein wenig zum Schlafen kommen wollte, spürte er, wie ein Körper sich schwer auf seine Beine setzte. „He! he!“ rief er erschrocken. Der Unbekannte sprang auf und taumelte davon. Peter versuchte wieder einzuschlafen. Er knöpfte die Jacke vorn auf. Der Schweiß perlte auf seiner nackten Brust, die in der Finsternis grau leuchtete. Seine Hände strichen die Tropfen von der Haut ab. Die Haut war kühl. Sie war voll Wonnen kühl, wie eine Quelle im Teutoburger Wald. „Heimat! Heimat!“ stöhnte Peter. Aber aus Buchenwäldern und sanften Höhenzügen trat unversehens die Frau heraus, in ihn hinein, und er murmelte nur entzückt und verloren: „Du! Du! Du!“
Dann fiel er langsam ins Schlafen, immer wieder erwachend. Sooft er ein wenig zum Wachen kam, drang der Dampf der heißen Nacht auf ihn ein wie ein fremder Körper. Einmal erwachte er wieder. Er spürte den warmen Dunst schwerer auf sich liegen, ein Alp ... und hob abwehrend den Arm gegen ihn. Aber sein Arm kam nicht weiter durch die breiige Finsternis, er blieb an etwas stehen, und aus der Dunkelheit funkelte ihm ein weißes Gesicht zu und Augen glänzten nah über ihm. Eine weiche Stimme flüsterte sanft wie ein Maienhauch: „$Sweet heart!$“ Das Gesicht sank innig über ihn nieder. Er schloß die Arme und zog den blonden Kopf in der Finsternis an sich heran. Er fühlte die Hitze der fremden Haut seine nackte Brust benetzen. Die Nacht wälzte über ihn wie ein taumeliges Glück, und er drückte seinen Mund in die duftenden seidigen Haare. „Du! Du!“ Ein Kopf hob sich zu seinem Gesicht. Es flüsterte: „Süßes Herz mein!“ Er antwortete: „Du! Du!“ Die Nacht war süßeste Zauberei. Das Gesicht blieb lange weich über seinen Lippen liegen. Er ertrank in der rauschenden Seligkeit ... „Du! ... Süßes Herz mein ...! Wundernacht! ... Du! ... Nacht!“
Wie eine Flut umstieg ihn ein warmer Leib, den ein seidiges Gewebe so zart und duftend einhüllte, als sei er nackt, und der dann über ihn strömte, die Nacht selber und Ewigkeit war. Die maßlose Hitze fiel über sie wie ein verzaubertes Brautbett.
Keines sprach mehr ein Wort. Über dem Schiff fielen Sterne ins schwarze Meer, als ob das Firmament in die dunkle Erde verliebt sei. Fern und dumpf pochte der Herzschlag der Maschinen.
* * * * *
Als Frau Haug am nächsten Morgen an Deck erschien, lag Peter einsam über die Reling und ließ sich von der Hitze umstrudeln, wie vom Warten auf sie. Es war ihm, als spürte er sie kommen. Sein Blut schoß nach allen Seiten auf. Stechend zischte es in Brust und Augen, als suchte es irgendwo ein Ventil. Die Frau schob sich langsam neben ihm über die Reling, streifte ihn weich dabei und beugte sich vor, um ihm in die Augen zu schauen. „Geht es dir gut?“ fragte sie. Sie lachte glücklich. Peter stöhnte nur vor sich hin. „Soll ich jetzt denn wirklich weinen?“ fragte er. Er preßte die Fäuste auf die Schläfen. „Du, Kind!“ sagte sie, und ihre Hand zog ihm rasch die Fäuste vom Gesicht. Sie achtete nicht darauf, daß fremde Augen es sehen konnten. Da lachte auch Peter. Seine Wange haschte nach einer Berührung der sich entfernenden Hand, und er wollte ihr etwas zuflüstern, das in einem Laut die tosende Zärtlichkeit faßte, die sich durch ihn stürzte. Er fand nicht so rasch ein solches Wort, und seine Zunge bildete eins, willkürlich geschah es, nur ein Ton war es, der das Tiefste seines erregten Innern mit ihr verbinden sollte in diesem Augenblick. Der Laut wurde zufällig: „Ewe!“ Seine Ähnlichkeit mit Eva, der Weibesmutter, ließ Peter den Klang behalten, und zuerst in seinen Gedanken und dann auch im Gespräch nannte er sie stets Ewe!