Piraths Insel

Part 5

Chapter 53,787 wordsPublic domain

„Sie lesen immer in diesem Buch?“ fragte er.

„Ja, gewiß!“ antwortete der andre.

„Ist es so fesselnd?“

„Nun wohl!“ sagte Backhaus. „Ich will mir mit deutschem Bewußtsein die Welt anschauen.“

„Und dann?“

„Dann übernehm ich das Geschäft meines Vaters.“

„In Hamburg?“

„Nein, in Kassel!“

„Das lernen die deutschen jungen Leute jetzt wohl von den Engländern?“ fragte Peter. „Zuerst umschauen, wie die Welt aussieht. Lehrjahre! Und dann erst zu Haus beginnen. Nicht wahr?“

„Das deutsche Bewußtsein erwacht jetzt!“ sagte der junge Backhaus. „Hätte es das früher getan, so wäre es besser um uns.“

„Nun, es geht uns doch nicht schlecht.“

„Aber falsch. So wie unser moderner Turnunterricht zu Haus die Glieder neu schult, so müssen wir auch den Geist, das Bewußtsein unsrer Persönlichkeit neu erziehen.“

„Das steht in diesem Buch?“

„Nein. Es ist mehr historisch. Schon das Ergebnis sozusagen.“

„Verzeihen Sie, Herr Backhaus, das ist mir unklar. Noch kein Geschäft, aber schon eine Bilanz.“

„Es handelt sich hier um höhere Dinge als Geschäft.“

„Aber Sie nannten doch als Endziel das Geschäft Ihres Vaters in Kassel. Meinen Sie denn nicht, daß, wenn uns das Geschäft in die Welt führt, eben dieses Geschäft das höchste der Dinge ist. Das Geschäft natürlich in der ganzen Atmosphäre einer deutschen Mentalität ...? Das Geschäft als Spitzenführer der Gruppe unsrer guten deutschen Eigenschaften. Anders wäre es doch wieder der alte verstaubte deutsche Stubengeist!“

Der Blonde machte: „Nun ja!“ Er strengte sich an, nachzudenken, und seine blauen Augen gingen unruhig hin und her und fielen dann aufs Buch und waren gleich still und besänftigt. Aber auf einmal, als Pirath schon dachte, er sagt nichts mehr, bemerkte er ganz ruhig und bestimmt: „Es nutzt doch alles nichts, bis der Krieg entscheidet!“

Der Holländer kam und nahm Pirath hinweg. „Wat seggt der deutsche Gedanke?“ fragte Goed. Pirath erzählte. Goed antwortete, ein wenig nebenbei: „Die Deutsche sind tüchtige Menschen. Aber ihr müßt eure Gedanke zu Haus lassen. Wisse Sie, was ist Welt? Welt ist Geld! Und nicht sich über ein Buch versammeln und mit dem Kopf drüber brühen, wie die Hühner auf die Eiern brühn. Tun! Das müßt ihr. Dann gibt es nichts Besseres in die Kolohnjen als der Deutsche. Aber diese Gedanke ... diese Gedanke ... Wenn ein Deutscher ein Loch in seinen Schuhn hat, dann denkt er zuerst über die Entstehung der Schuh nach, dann studiert he die Fabrikation von das Ledder in den dicke Buks ... Englishman — $all right!$ Sie gehn nicht rundum in Gedanken, aber mit der Faust darauf zu.“

Pirath war ärgerlich, daß einer das deutsche Wesen so nicht erkennen konnte. Er antwortete gereizt: „Lassen Sie die Engländer gradaus auf ihren Pfeffersack und ihren Fußball zugehn. Wir sind Deutsche! Das ist etwas andres! Wir wollen auch in Geschäftssachen fühlen, wie uns das Herz schlägt.“

„Durchschnittlich siebzigmal in der Minut!“ lachte Goed, „wie bei die andern Nationen.“ Allmählich führte er dann, während sie zahllose Male ums Deck gingen, das Gespräch auf seine Pflanzungen auf Sumatra. Er erklärte, wie viel Möglichkeiten diese Insel noch berge.

Einmal sah Pirath, daß die Amerikanerin mit einem langen Blick ihm entgegenschaute, während sie so umhergingen. Er hätte gern mit ihr gesprochen. Aber er hörte zum erstenmal etwas, was seinem Unternehmen galt, und in Gedanken versuchte er fortwährend beim Pflanzer etwas von seinen großen Plänen anzubringen. Ein zögernder Instinkt befahl ihm aber vorsichtig zu sein, und da sagte er gar nichts, weil es ihm unehrlich erschienen wäre, mit halben Verdeckungen zu sprechen. Der junge Backhaus ging jetzt allein umher, das Buch unter die Achsel geklemmt. Der Tigerjäger stand im Winkel hinter dem Rauchzimmer und erzählte ununterbrochen.

* * * * *

Peter hatte seine Zeichnungen und Arbeiten über die Zentrifuge mitgenommen. Er dachte sich, die lange Schiffahrt ließe ihm vielfach freie Zeit, die er mit der Fortsetzung der Arbeiten ausnützen könne. Aber das sorglose und ein wenig planlose Hinundher, das Neue der Atmosphäre an Bord, die steigende Hitze hinderten ihn, voll und ganz an die Arbeit zu kommen. Er fühlte sich dann unzufrieden mitten in einer Anhäufung von Sorglosigkeit, wenn er so halb tätig, halb abschweifend sich über seine Papiere bückte. Es haftete auch ein feindseliger Geruch von Vergangenheit an diesen Blättern und Notizen. Ree entstieg ihnen, und allmählich bildeten sich die Empfindungen, die er aus ihnen empfing, stets zu dem einen Eindruck zusammen, daß in dem Land, das hinter ihm verschwand, in dem Leben, das anfing, ein wenig wesenlos hinter ihm zu werden, er versagt hatte, er jämmerlich unterlegen war.

Ein paarmal versuchte er dabei sich zusammenzuraffen. Aber dann lehnte er sich auf. Er gab sich damit zufrieden, daß er die Pläne der Zentrifuge in der bisher erreichten Form dem Bruder überlassen hatte, der sie dem Patentamt vorlegen und in der Fabrik einführen wollte.

Es kamen nun auch große, gemeinsame Ausflüge in den Häfen, die sie anliefen. Er fuhr mit Mrs. Haug, mit Goed und dem Richter nach Pompeji. Das war Ablenkung und Neues. Er wollte es ganz haben und befreite sich von allen andern Sorgen. Pompeji ließ ihn ohne Eindruck.

Als sie auf den Dampfer zurückgekehrt waren, sagte er der Amerikanerin: „Es sind Stumpen einer Stadt. Ich hab Ruinen nie geliebt, und diese haben nicht einmal das Malerische von Ruinen deutscher Burgen!“

Als sie ihm antwortete, ob es ihn nicht ergreife, daß Pompeji eine Stadt sei, die man nicht sterben lasse, sah er, in der Erinnerung, den Ausflug auf einmal mit andern Augen an. Sie standen abends an Deck zusammen, und er sagte ihr, wie richtig und schön ihre Bemerkung gewesen und daß ihm darnach erst der Sinn in das Trümmerfeld gekommen sei.

Sie bemerkte darauf: „Ich möchte mit Ihnen durch die Welt reisen!“ Und Peter fühlte sein Herz wärmer gehen, und es war ihm auf einmal, als täte es ihm wohl, die Asche, die in ihm lag, etwas zu entfernen und ihr zu zeigen, was drunter brannte. Denn so weit seine Heimat auch hinter ihm lag, aus seinen Adern war Ree nicht gewichen. Um nicht erzählen zu müssen ging er von der Amerikanerin fort und umwanderte ungezählte Male das Deck, während die Ladebäume knarrend arbeiteten und in der Tiefe auf dem Wasser in beleuchteten Kähnen Musikbanden neapolitanische Lieder fruchtbar machten.

Pirath ließ sein Leben hinter sich — und sein Leben war zusammengefaßt in den harten Schlag: Ree — als etwas, das unwürdig war. Nicht Ree war minderwertig. Aber er, er hätte sich nicht in diese Luft begeben sollen, er, der eine Energie war und doch sein Gemüt wie ein Moor in sich trug. Und da Ree keine Wurzeln in seinem Leben schlagen konnte, wucherte dieses Verhältnis auf seinem Gemütsleben wie auf einem Komposthaufen.

Die Amerikanerin schaute ihm unverhohlen nach, wenn er an ihr vorüberging. Sie empfand es nicht als eine Beleidigung, daß er sie hatte stehen lassen. Sie sagte sich: Es ist, als sei er irgendwo wund. Bei gewissen Dingen verliert er seine breite Ruhe und fängt an zu pendeln. Dieser Mann steht kurz hinter einem Erlebnis. Und als er wieder vorbeiging, sprach sie ihm leis für sich in den Luftzug hinein nach, der hinter seinem raschen Gehen sie streifte: „Es wäre süß, Sie zu lieben, mein Herr! Und von Ihnen geliebt zu sein, so zwischen Neapel und Hongkong.“

Das Schiff fuhr einige Tage ohne Unterbrechung durchs Mittelländische Meer. Der nächste Hafen war Port Said. Für Peter, den Unerfahrenen, entwickelte sich das Leben an Bord verführerisch sorglos und weich und bildete eine neue ungeahnte Realität, der er sich mit vollem Herzen hingab. Man plauderte, schaute, spielte, aß, trank, scherzte, die Welt lag fern um die Scheibe des Horizonts herum und konnte nicht über einen kommen. Selbst an Hei hatte man sich gewöhnt. Seine Aufdringlichkeit war manchmal nicht ohne Witz. Nur der Kapitän widersetzte sich. Wenn man ihm sagte: „Hei ist doch ein Scherz!“, dann machte er empört: „O, gehn Sie!“ und sprach von etwas anderm. Hei fuhr fort, Pirath aufzusuchen, und erzählte ihm wunderbare Jagdgeschichten, die Pirath nicht glaubte. Hei ließ dafür Pirath seine Getränke aufschreiben. Er log und schmarotzte sich im Kreis durch die Schiffsgesellschaft und versuchte, als niemand seine Jägergeschichten mehr hören wollte, mit einer geheimen Mission wichtig zu tun, die er nicht direkt, aber verdeckt im Auftrag eines großen Staates, der natürlich nur Deutschland sein konnte, unternahm. Dadurch leitete er den Zorn und das besondere Mißtrauen des Richters auf sich, der nach der Südsee fuhr.

Der Richter sagte zu Pirath, indem er vor Empörung rot wurde: „Das ist ein Schwindler!“

Der Holländer meinte: „Er wird nicht von Bord gehen, ohne uns weismachen zu wollen, daß er wegen seiner guten Flint Erbprinz von Johore wird.“

Die Amerikanerin vermutete: „Er wird nicht von Bord gehen, ohne versucht zu haben, uns alle anzupumpen. Und bei einem wird es ihm gelingen. Bei Ihnen, Herr Pirath, wo er anfangen wird.“

„Weshalb bei mir?“

„Er riecht den Neuling in Ihnen, den Reisedilettanten.“

Goed sagte: „So wie ich Bekenntnis von Ihne hab, Herr Pirath, geben Sie ihm Kredit bis zu drei Nulle!“

„Er wird sich schneiden!“ rief Pirath.

Der Richter: „Dem Schwindler! Bis zu drei Nullen?!“

Mrs. Haug: „Nein, nein! Nichts! Ich werde über Ihr gutes Herz wachen.“

Der Holländer löste die Aufregung in Lachen auf: „Mrs. Tschikaügoü als schützender Engel! Ik hab ja niet gesagt, daß auch noch ein Ziffer vor die Nulle kommt!“

Dann kam Hei.

Goed rief: „Hei, hei, schau, wer kommt wieder? Vertrau ik meine Augen, der Herr Hei!“

Der Hei lachte und sagte: „Mijnheer, Sie haben Augen, wie ein Boa-Constrictor-Jäger. Das ist eine Jagd. Gottverdomme ...!“

Herr Goed hielt beschwörend die Hände vor: „Bitte Jagd, nicht mehr Jagd! Man fühlt sich seinem Leben niet mehr seuker! Mit all Ihre Boa Constrictor, Tigers und rasende Elefants und dem Sumatra-Nilpferd. Ik lauf davon. Komme Sie mit, Mrs. Tschikaügoü?!“

Hei hielt Pirath am Jackenknopf fest: „Für Sie hätt’ ich was,“ sagte er, als die andern davon waren. „Es reisen so viele, die Jagdmärchen erzählen, daß einem ehrlichen Jäger, wenn mal einer kommt, niemand glaubt. Aber hier haben Sie’s schwarz auf weiß, mit Schrift und Kamera festgehalten.“

Hei zog eine alte Nummer der Woche heraus und schlug eine Seite auf. Pirath las: Moderne Tropenjagd von Hartmuth Hei. Hei drückte ihm die Zeitschrift hin. Pirath sollte lesen. Als sie sich später wieder trafen, fragte Hei: „Glauben Sie mir nun? Sie wenigstens? Auf Sie kommt es mir an.“

„Weshalb gerade auf mich?“

„Weil ich etwas Großes mit Ihnen vorhab.“

„Nicht möglich!“

„Ja, ich brauch nicht um Diskretion zu bitten, denn ich weiß, daß Sie’s machen, machen müssen, sobald ich Ihnen die notwendigen Aufschlüsse gegeben habe.“

„Ich warte.“

„Wir industrialisieren ein großes Jagdgebiet in Hinterindien.“

„Wer ist das: wir?“ fragte Pirath.

„Nun: Sie und ich. Hören Sie, Pirath. Da bin ich mit einem Maharadscha befreundet, einem Fürsten, einem König von immensen Gebieten. Aber der $Nervus rerum$, $voilà$, der ging ihm aus. $Cherchez la femme.$ In seinem Harem hat er tausend Mächens, eins schöner als das andre. Das kostet sein Vermögen. Denn es müssen immer tausend sein und nicht nur aus Indien. Da sitzen die schönsten Europäerinnen drunter. Und er ist bereit, sein Gebiet zur Jagd zu verpachten. Es wimmelt von Elefanten, von alten Bullen mit Stoßzähnen, wie ein deutscher Eichbaum so dick.“

Pirath wollte ihn los sein und sagte: „Stoßzähne interessieren mich nicht. Dumdumkugeln noch weniger! Also ...“

„Still! pst!“ machte der Hei und hob den Finger. „Ich hab ja noch etwas in der Reserve. Weshalb wende ich mich denn gerade an Sie, an Herrn Peter Pirath, Mitinhaber der Firma Jens Pirath Söhne, unsere größten Kopraverarbeiter. O, ich weiß, mein Lieber. Tigerjäger und Schriftsteller! Mitarbeiter der Woche. Abgesandter der ... na, gehst du, Hei! Maul zu! Diplomatie! Ich weiß, wer meine Mitreisenden sind. Es gibt, na, raten Sie mal was? Es gibt in dem Fürstentum hinter den Bergen immense, unbekannte ... un...be e..kann...te! horchen Sie auf, Pirath, unbekannte Palmenwälder, sozusagen Palmenurwälder. Wir verbinden Stoßzähne, Kokospalmen mit den schlechten Finanzen des Haremkönigs Katipatituli und sind jemacht! Nun sprich, Freund! Wat seggst de nu?! Starr, was?! Un...be...kann...te ...“

Der Hei stand da wie ein Hahn neben einer Henne, der sich eben überlegt, ob er oder ob er nicht. Seine kleinen grauen Augen, die sonst verschwommen glänzten, hatten etwas Starres bekommen. Sie lauerten.

Peter überlegte sich rasch. Ganz wahr konnte es nicht sein, was Hei ihm sagte. Denn solche Palmenwälder warten wohl nicht auf Hei. Aber wenn auch nur etwas dran wahr wäre? Es lockte ihn, wenn er sich auch sträubte. Denn Hei war gewiß eine Art von Hochstapler. Hochstapler können auch einmal in ihrem bewegten Hinundher auf etwas Solides stoßen. Donnerwetter, Palmenurwälder in einem unbekannten Fürstentum! Hermann! Hermann! Das wäre was ... Dies Glück! Schon an der ersten Station!

Hei merkte, daß der Fisch um den Köder herumging.

Er schob ihn noch einmal vor: „Die Stoßzähne übernehm ich. Die Kopra Jens Pirath Söhne. Und vielleicht fällt etwas von den tausend Weibern zum Zeitvertreib auch auf uns, wenn wir droben sind.“

Er klapperte mit den schlaffen Augendeckeln und schlug sich auf die Schenkel.

In diesem Augenblick trat Mrs. Haug auf sie zu und sagte zu Peter: „Darf ich eine Sekunde Ihre Dienste beanspruchen, Herr Pirath?“ Sie führte ihn weg. Hei schaute ihr wütend zu und stampfte mit dem Fuß auf. Er schickte ihr ein unflätiges Wort nach und ging in die Bar, wo der Holländer Cocktails zum besten gab. „Ich schließ mich an!“ sagte Hei. „Vor dem Essen ist so ein Cocktailchen doch das Beste. Wie mischen Sie ihn? Scherry und ... was? ... ’n Schuß Gin! Famos! Aber solche Scherry-Cocktails wie es die im Haus des Gouverneurs von Waßmann in Deutsch-Ost gab, als ich dort mit Schillings im Tanganjika auf Krokodile jagte ...“

Der Holländer brüllte: „Halten Sie das Maul! Gottverdomme!“

Hei schaute ihn unentschlossen ein Weilchen an. Schließlich zuckte er mit den Schultern und bemerkte: „Da kann man nichts machen. Gesondheid, Mijnheer! Proscht, meine Herren!“

Der Barsteward lachte. Hei warf ihm einen giftigen Blick zu. Er sagte verächtlich: „Sie Bierganymed!“

Die Amerikanerin zog Peter ins Musikzimmer. „Was hat er Ihnen so Dringliches vorgeschlagen? Sie haben nicht einmal Zeit gefunden, nach mir umzuschauen ...“

Das sagte sie kameradschaftlich und selbstverständlich, ohne Koketterie. Pirath lehnte sich auf. Sie ist doch nicht meine Reisemutter! Ich fahr in die Welt, um Palmenpflanzungen für Piraths Söhne anzulegen und soll mich von Mrs. Tschikaügoü im Gehstuhl herumführen lassen.

„Jetzt lehnen Sie sich gegen mich auf!“ sagte unvermittelt Frau Haug.

Peter antwortete einfach: „Ja!“

„Nein, lieber Freund, das ist nicht recht. Ich bin eine sehr erfahrene Frau und vielleicht ein wenig gescheiter als Sie intelligenter Mann, und herumgekommen ...“

Pirath grollte hin: „Auf einen Hei fall’ ich, trotz meiner Unterlegenheit, doch nicht so ohne weiteres herein!“

Sie sagen selber: „Nicht ohne weiteres! Das bedeutet doch, daß Sie ihm zugehorcht haben. Daß er etwas sagte, was Sie beschäftigt.“

„Ja!“

„Er ist aber durch und durch ein lumpiger Schwindler. Ich kenn’ ihn. Ich hab ihn auf Sumatra gesehn, und er kennt mich auch. Er ist frech wie Gassendreck. Zu tun, als ob wir uns nie gesehen hätten. Dort hat er in einem Haus schmarotzt und hochgestapelt, in dem ich verkehrte, bei einem Tabakpflanzer. Alle seine Jagdgeschichten von Sumatra sind Feuilletonerfindungen. Und mit Ihnen hat er nichts anders vor, als daß er Geld von Ihnen erschwindeln will.“

Sie sprach zum Schluß ganz heftig. Das reizte Peters gekränkten Ehrgeiz wieder auf. Er sagte spöttisch: „Ich danke Ihnen für Ihre mütterliche Vorsorglichkeit.“ Bei sich: „Wie wird sie so heftig! Als ob sie eifersüchtig wäre, daß ein andrer Mensch mit mir in Berührung kommt. Hat sie mich vielleicht gepachtet?“

Das Gespräch verlief in Mißstimmung. Als Pirath ging, lächelte die Amerikanerin ihm herzlich nach. Er ist lieb; der Riese ist wie ein Kind. Aber dann faßte sie der böse Gedanke, was die Welt wohl aus diesem weichen Mann machen mochte, der ausgezogen war, sie zu erobern. Denn sie kannte das Erbteil des alten Piraten Jens an ihrem Freund noch nicht. Die fatale Energie!

Der Hei bemächtigte sich Piraths, sobald es ihm möglich war. „Nun? Überlegt?“ schnauzte er ihn an. „Der Holländer dürfte auch zugreifen wollen, wenn er’s wüßte.“

Hätte das Gespräch mit der Amerikanerin nicht stattgefunden, so wäre Pirath dem Hei ohne weiteres über den Mund gefahren. Er hätte ihm gesagt: „’n Buckel runter!“ So fand er es selbstverständlich, mit Gefahr und Schwindel noch erst ein wenig zu spielen.

M...m...! wiegte Pirath mit dem Kopf hin und her, als ob er halb zustimme. Der Hochstapler war aus seinem Beruf heraus ein Optimist. Er mißverstand drum Piraths M...m! und legte es so aus, daß der Karpfen zugebissen hatte, jedoch noch etwas gleichgültig tat, um zu verbergen, daß er schon an der Angel hing. Der Karpfen tut schlau! flüsterte der Hei sich wonnig zu. Ich werde ihm eins hinter den Kopf geben, dann vergeht ihm die Schläue. Laut sagte er zu Pirath: „N... ja! Also nein oder ja! Oder der Holländer! Aber eins vorausgeschickt. Als Provision bekomm’ ich vor dem Nachtessen zehn Blaue. Sonst bleibt der Maharadscha Katipatituli, der natürlich nicht so heißt, in seinen Finanzschwierigkeiten zwischen seinen tausend Weibern in Hinterindien, wo natürlich die Palmenwälder nicht liegen. Also Pirath, zeigen Sie, daß Sie ein großer Kaufmann sind, ein echter moderner Deutscher. Verhindern Sie, daß diese Geldquelle in ausländische Hände fließt. Prr, zugegriffen! Der Auerochskopf hängt mit gebrochnem Genick in Ihren Muskeln.“

Sieh, sieh! Der Hei ist sicher! Und wie er frech geworden ist! Es kam Pirath nun humoristisch vor. Er dehnte die Geschichte aus und meinte: „Lieber Herr Hei, es ist eine große Sache. Viel Geld! ’n bisken viel Geld! Wieviel gedenken Sie hineinzulegen ...?“ Hei schaute ihn sonderbar an ... „Nun sehn Sie, ich weiß. Sie sind der Kopf, die einführende Energie ...“ Hei nickte mit aufleuchtenden Augen. „... Wie gesagt, viel Geld! Da Sie aber nun glauben, Herr Goed möchte auch, so wollen wir ihn doch einfach hinzuziehen. Mit seiner Finanzkraft und kolonialen Erfahrenheit! Die Größe des Objekts verträgt zwei Nationen ...“

Hei legte Pirath heftig die Hand auf den Arm: „Still! pst!“ sagte er und klappte einmal mächtig mit den schlaffen Augendeckeln über seinen grauen verwischten Augen. „Der Holländer möchte. Schauen Sie mir in die Augen, Pirath, Hand her! Diskretion! — Der Holländer ist ein Schwindler!“

„Wa...as?“ fragte Pirath.

„Ehrenwort! Ich kenn ihn. Ein Schwin...dler! Er tut großmächtig an Bord. Wollen sehen, ob er in Penang seine Zeche bezahlen kann ... Auf Sumatra ...“

Aber Pirath lachte Hei laut ins Gesicht. So ein kleiner Betrüger, so ein hochstapelndes Wichtchen spuckt nach Mijnheer Goed, dem soliden, breitbeinigen, historisch aussehenden Pflanzer. „Hören Sie mal, Herr Hei,“ fuhr ihn Pirath an, „kennen Sie auf Sumatra ein Haus so und so ...?“

Da sah Hei melancholisch zu ihm auf: „Jugendsünden!“ flüsterte er ganz zerschmelzend. Aber plötzlich änderte er die Haltung. „Das haben Sie von der Amerikanerin. Pfui! Sie soll sich was schämen, einem Mann seine Jugendeseleien nachzurechnen. Gerade sie!“

„Weshalb gerade sie?“ fragte Pirath rasch.

„No, reden wir nicht weiter drüber. Eine Dame. Seien wir galant! Was hat diese ... Dame mit unserm Geschäft zu tun? Sie haben meinen Artikel gelesen. Die Aufnahmen beschwören sozusagen die Wahrheit. Sie können mir trauen. Zehn Blaue, und Sie erfahren als Erstes Namen und Lage der Palmenurwälder ... Ur...wälder! und des Harems mit den tausend Weibern, zu denen die Amerikanerin als tausendundeinte gehörte, denn ... pst, Hei, Maul zu. Tiger gehen dich was an, Stoßzähne! Aber diese Mrs. Tschikaügoü ...!“

Da sagte Pirath eisig, obschon es in ihm wie bei einem Erdbeben zuging: „Ich geb Ihnen die tausend Mark, wenn Sie den Satz zu Ende sprechen.“

Heis faule graue Augen wurden starr und die Augdeckel klappten wie ein verrückter Vorhang. Aber schon besann sich Peter, und eine brennende Scham überätzte ihn, daß er sich diesem Subjekt gegenüber so gehen gelassen hatte. Hei schien zu fürchten, daß der andre hinter sein Wort gehen könnte und beeilte sich: „Die Amerika ...“

Aber Pirath brüllte: „Seien Sie still!“ Er lief davon. Er ging in seine Kabine, legte einen Tausendmarkschein in ein Kuwert. „Der Hund bekommt das schöne Geld!“ sagte er. Er spuckte in das Kuwert hinein, bevor er es schloß. Dann klingelte er und sagte dem Kellner: „Bringen Sie das dem Schriftsteller Hei.“

Als der Kellner zum Weggehen die Tür öffnete, ging draußen die Amerikanerin vorbei. Peter starrte auf die Tür, sah in ein einsames, üppiges, von Palmen umstandenes Pflanzerhaus, an dem alle Jalousien tief versperrt waren und hörte eine bekannte Stimme drin. Er schüttelte sich wütend. „Was geht das mich an? Was geht das mich an?“ fragte er sich gequält und zornig.

Beim Nachtessen war er schweigsam und ließ seine Nachbarin allein reden. Plötzlich sagte sie: „Sie antworten mir kaum. Seien Sie doch nicht so unhöflich!“ Pirath befleißigte sich dann eines spöttischen und erregten Entgegenkommens, das sie mit fragenden Blicken erwiderte. Als das Essen vorbei war, setzte er sich eine lange Weile in seine Kabine und rauchte dort seine Zigarre, statt der Gewohnheit nach ins Rauchzimmer zum schwarzen Kaffee zu gehen und zwischen seinen Tischgenossen zu sitzen. Später stellte er sich vorn am Schiff einsam an die Reling. Er stand eine Weile da im vollen Licht einer Decklampe, da sah er von hinten den dicken Holländer mit wackelndem Bauch heranlaufen; mit kurzen, hastigen, durch die Kleider behinderten Schritten folgte ihm Mrs. Haug. Als Goed bei Pirath ankam, rief der Holländer ganz außer Atem: „Weten Sie, wat Mrs. Tschikaügoü gesagt hett! ‚O, der Herr Pirath sind ein so schöner Mann!‘ Dat hat sie gesagt!“

Er lachte Mrs. Haug an, die wie wartend straff stand und vom Laufen erregt atmete. Goed rief: „Seuker, dat haben Sie gesagt! Zu mir!“ Pirath wurde über und über rot und warf ihr einen empörten Blick zu. „Plump wie ein Amerikaner!“ sagte er für sich. Sie aber stieß mit dem Fuß auf und ging davon. Goed sagte zu Pirath dann: „Kommen Sie mit in die Bar! Ick wünsche Ihnen etwas zu zeigen!“

Sie gingen. Sie setzten sich allein an einen kleinen Tisch. Goed zog aus der Tasche ein Pack Papiere, breitete eine in farbigen Flächen zusammengesetzte Karte aus und zeigte Pirath die grünen großen Flecken: „Die gehören meiner Maatschappij. Und die gelben gehören Ihnen, wenn Sie wollen. Sie sind uns vorge... wie sagt man ... gezeechnet! Grün ist Rubber und Gelb hat alte Kokonutbestände, die man vergroteren kann. Sie, Herr Pirath, sind niet wie soviel Deutsche, wie der Herr Deutsche Gedanke! Sie lesen! Sie greifen zu. Die Welt ist Geld!“

Unvermittelt fragte er, was Hei ihm am Vormittag gesagt hätte. Peter erzählte es. „Schwindler!“ antwortete Goed. Mehr sagte er nicht. „Aber dies ist gut, exzellent. Deli-Sumatra wächst, Atjeh Co. prima, prima!“

Pirath schaute die Karte an. Hier bot sich ihm Ernstes, das wußte er. Goed war ein Ehrenmann. Die holländischen Kolonien genossen, seitdem der Kautschukschwindel vorbei war, den besten Ruf. Sonst ließen nicht England und Amerika ihre Kapitalien dorthin fließen. Goed bemerkte auch: „Rund um uns warten Engländer und Amerikaner. Sie overstromen, overschwemmen das Land mit Geld! Da ist es der deutsche Gedanke, zuzugreifen, vorzukommen, mitzukommen. Herr Backhaus aber leeset nur.“

Pirath sagte: „Man müßte sich das anschauen, natürlich!“