Part 10
„Der Konsul kam mir entgegen und sagte: ‚Ich hab nur Sie geladen, weil ich dachte, daß wir dann ungestörter das besprechen können, was Ihnen am Herzen liegt. Nicht einmal meine Frau ist da. Sie ist augenblicklich zugunsten ihrer roten Blutkörperchen mit den zwei Kindern in Deutschland.‘ Später im Gespräch über unsre Angelegenheit sagte er: ‚Es ist ein Buch erschienen: „Königliche Kaufleute“. Ich hab’s nicht gelesen, aber dieser Titel kitzelt alle diese Hamburger und Bremer bis nach Jokohama. Doch das gibt’s nicht mehr: „Königliche Kaufleute!“ Wir in den alten soliden Häusern sind nur noch Krämer. Sehr geregelter Massenverkauf gegen vorsichtige kleine Gewinste. Daneben Spekulanten. Ehrliche, glückliche und verunglückende und meistens andre. Goed wurde aus dem ersten der zweite und aus dem zweiten der dritte; Tropenschicksal: Aufschwung und Niedergang in einem Atemzug.
Sie, Herr Pirath, kommen mit Temperament und Gewissen in die Tropen. Ob das gut oder schlecht ist, ist Nebensache. Es kommt darauf an, wie man es mit seinen Geschäften — versöhnt, wenn es in einem bewußt bleibt.
Gehen Sie in die Südsee. Da ist es noch jungfräulich. Hier ist alter angelsächsischer gepflügter Tropenboden. Die Jungfräulichkeit der Südsee erwartet Ihr Temperament und Ihr Geld. Hier braucht man das nicht. Ich kenne einen Beamten dort, der wirklich etwas von der Gegend und der Sache versteht. Der wird Ihnen mehr als gerne helfen ...‘
Ich: ‚Auf dem Bülow fuhr der Amtmann Ledinski mit, der ...‘
Der Konsul: ‚Komisch, den meine ich gerade.‘
Der Konsul will ihm schreiben.
Der Konsul: ‚Arbeiten Sie wie jeder hier: Von der Pike auf! Sie brauchen ja nicht die technischen Einzelheiten so genau zu kennen, nur einen Einblick nehmen, Boden, Arbeitsart und vor allem die Menschen kennen lernen, wissen, in welcher Atmosphäre ein Pflanzungs- und Handelsbetrieb hier steht.‘
Empfehlung an den Direktor Föhr auf Java, seinen Freund ...“
Diese Aufzeichnung las Peter öfters. Von ihr ging ja sozusagen das neue Gesicht aus, mit dem er jetzt schaute. Und wenn Peter diese Aufzeichnung liest, in dem nach dem Tageslauf der Sonne wie von einer fernen Kühle beatmeten javanischen Abend, in seinem leichten schönen Haus an der Küste, dann lebt er wieder die langsame, qualvolle Übergangszeit durch, die jenem Tag folgte. Nicht die Tat, die ihm den Verlust von einhundertundfünfzigtausend Gulden und seine Sicherheit brachte, rechnet er sich bös an, sondern die Ursache. Die Tat, ob gut oder Sünde, ist heilig.
Ewe, von der im Grunde diese Tat ausging, ist in der Entfernung in ihm sonderbar schön ausgereift. Im Verzicht, zu dem er sich endgültig durchkämpfte, ist sie vom Zeitlichen befreit worden und ist gedanklich groß und edel. Sie war ein Mensch, daß er hätte achtungsvolle Scheu vor ihrem Geheimnis haben müssen, statt haltlosen Egoismus. Ihr Geheimnis ist eine Erschaffungstat in ihm geworden, ein Prinzip, erfüllt mit dunkler Notwendigkeit und Fruchtbarkeit.
Weil er menschlich an ihr gefehlt hatte, deshalb ist er dem Preller unterlegen. Er spürt den Zusammenhang mit seinem innerlichen Erlebnisse jenes Abends auf Zeylon als Fehl und Sühne. Eine katholische Philosophie. Er dachte, so etwas sei ihm fremd. Aber es scheint, als ob sich die katholische Erziehung von vor der Reformation her in seinem Blute durchsetzte.
Wie Ewe, so trägt Peter auch Goed tief in sich vergraben. Beide liegen in ihm wie ausstrahlende Radiumkörper. Sie sind erlebte zeitlose Symbole geworden.
In seiner verwunderten Bewunderung vor dem Leben und der Philosophie der Tausende von chinesischen Arbeitern, mit denen er auf Java zu tun hat, ist er den Einrichtungen dieses Volkes nachgegangen und hat das alte, das urhafte Zeichen des Jinjangs gefunden. Die Unerschaffenheit der Welt war eine leere Scheibe. Allmählich entwickelten sich in ihr zwei Lebewesen, zwei Keimzellen, eine männliche und eine weibliche, eine positive und eine negative, ein Prinzip des Guten und eines des Bösen, und diese beiden Prinzipien umschlangen sich zur Fruchtbarmachung; die Welt entstand aus ihnen und besteht in ihnen weiter. Überall, wo Chinesen waren, sah er die Zeichen des Jinjangs, eine Scheibe, in der ein roter und ein schwarzer Fötus ineinander geschlängelt liegen, wie zwei Körper beim Begatten. Die Elektrizität, die sich vereinigt, wenn zwei gegensätzliche Strömungen, eine positive und eine negative, sich treffen, war eine physikalische Betätigung dieser uralten chinesischen Philosophie, dieser Philosophie, die alle europäische Philosophie als spekulativen Wahn, als Spielerei auf angenommenen, aber im Innern unbeständigen Werten verhöhnte. Das war eine Philosophie, die so wahr war wie Musik. Man konnte ihr Körper geben, die unmittelbar den Weg zum Dasein fanden.
Wie dieses Jinjangbild seiner chinesischen Arbeiter stand die vorfrühlingshaft verwühlte Zeit in ihm, die eine war das Jin, die andere das Jang, und die beiden hatten sich in ihm getroffen und ihn zu seinem neuen Schauen und Leben fruchtbar gemacht.
Peter denkt sich dann auch aus, wie es sich in ihm dabei wiederholt hatte, daß eine Katastrophe seine Selbstachtung, seinen Mut zerstört, ihn zu einem armen zerzausten Vogel gemacht, aus dem Nest geworfen hatte, daß er mitleidsweich, närrisch gegenstandslos wie ein Schlemihl geworden, sozusagen ins Nichts geglitten war.
Und aus diesem Nichts, aus diesem wie verfluchten Brachboden waren ihm dann neue und unerwartete Energien aufgesprossen. Er mußte sich, so wie es bei Ree gegangen war, vom Bösen abhäuten, und erst nach dem Weg durch diese Hölle war er wieder stark, war er wieder Ackerboden.
Das war es, was Hermann immer das Erbteil des alten Jens Peter nannte, die Sturmsicherheit der Pirathen.
Peter hatte in der Zeit der Scham, nach Befreiung ringend, seinem Bruder eine Darstellung seiner Katastrophe geschrieben. In dem Brief war Hermann angefleht worden, das verlorene Geld auf Peters Konto zu verrechnen. Sonst könnte er nicht geheilt werden. Hermann müsse Peters Eitelkeit diese Konzession machen.
Auf diesen Brief hatte er noch keine Antwort.
* * * * *
Der Direktor Föhr war sehr entgegenkommend zu seinem Assistenten; er behandelte ihn mehr als Gast. Er lud ihn ein, wenn Bekannte oder Freunde kamen. Peter lernte viele Menschen kennen. Er trank auch im Klub mit den Angestellten und den Besuchern und zog sich vor keinem Fest zurück. Er stand mit allen andern mitten in der Daseinsart des Betriebs. Aber er sah nicht mehr sich in jedem Fremden und hielt sich zurück aus den Menschen. Er ließ jeden nach seiner Art leben und ging nicht den Menschen, sondern dieser Art zu leben, nach. Dadurch gewann er eine Ruhe des Überblickens, die er nie gekannt hatte und die ihn mit einer stillen Sicherheit zu erfüllen begann.
Es kamen viele Menschen an ihm vorbei: Männer aller Arten, Gesetzte und Abenteurer, Verlorene und Gerettete, Hilfesuchende und Verrückte, die glaubten, die Tropen und die Pflanzung hätten sie durchaus nötig. Er absorbierte alle diese Vorübergehenden. Furchtbare Schicksale erlebte er aus nächster Nähe, er beschaute langsame und schnelle Aufstiege und das mitleiderregende Stillstehen der meisten seiner Kollegen, die ihm in besonderen Stunden erzählten, mit was für Erwartungen sie vor fünf oder zehn Jahren die Heimat tauschen wollten. Er versuchte den kleinen Wirrgängen der fremden Arbeiterseelen zu folgen und hatte beim Schlichten von Streitigkeiten, wie sie oft zwischen Chinesen und Javanern ausbrachen, ein ungewöhnliches Glück.
Was der Hauptadministrateur durch die Gewalt und Schlagkraft seiner Persönlichkeit vollbrachte, das gelang Peter durch seine einfühlende Art. Föhr sagte ihm einmal: „Sie haben eine so sonderbare Weise mit meinen Arbeitern. Ich sah nie eine glücklichere Hand als die Ihrige. Was ich mit meinen Muskeln kaum fertig bringe und was die Herren Assistenten mit ihrem europäischen Dünkel und ihrer Nichtigkeit stets versauen, das machen Sie ... ich weiß nicht wie ... nicht weich und nicht energisch ... so selbstverständlich machen Sie das. Ich lass’ bei solchen Konflikten ja auch den Arbeiter sehen, wie wichtig ich seine kleine Sache nehme. Aber Ihnen gelingt es, den Mann zu überzeugen, daß Europa nur nach Java kommt, um Streitereien zwischen Chinesen und Javanern zu schlichten. Potz der Tausend, das ist eine neue Macht, die Sie dem weißen Fell über das braune und das gelbe sichern.“
Während dieses Gesprächs fuhren sie im Auto Föhrs durch die Pflanzung. Die Pflanzung bedeckte Land von der Größe eines deutschen Fürstentums. Sie war in einige Bezirke eingeteilt, die A. B. C. hießen und von denen jeder seinen Verwalter, seine bestimmten Assistenten und seine Arbeitsbevölkerung hatte. In der Mitte eines jeden Bezirks lagen, wie eine Insel, die Kolonie der Europäer und die Arbeiterhäuser, die Barren- und Lagerräume. Föhr fuhr jeden Tag von Bezirk zu Bezirk. Er hatte eine gottspielende Art des unerwarteten Überallseins. Er lenkte sein Auto wie ein Akrobat über die engsten und holprigsten Wege und schlang es durch Palmen hindurch. Er war milder zu den farbigen Arbeitern als zu den europäischen Angestellten. Die Arbeiter vertrauten auf ihn, die Europäer fürchteten ihn. Er behandelte die Menschen nach der Achtung, die er vor ihnen hatte. Die Arbeiter und Arbeiterinnen grüßten lachend oder verehrungsvoll, indem sie schon von fern den Hut abnahmen und stehenblieben, die Europäer ergeben.
Als Föhr und Peter von der Fahrt zurückkamen und das Auto langsam um eine Ecke in der Arbeiterniederlassung fuhr, kamen einige Mädchen herangelaufen und riefen etwas. Föhr hielt an und fragte. Da trat eine vor und sagte: „Der Assistent hat mich geschlagen!“ Sofort riefen die andern aufgeregt: „Und mich auch! Und mich auch!“ Sie schrien durcheinander. Föhr lachte und beruhigte sie. „Welcher Assistent?“ fragte er. Da sagten sie alle durcheinander: „Der da!“ und zeigten auf Peter.
Peter war betroffen. Er sagte: „Was haben die Weiber? Es ist nicht wahr!“
„Lassen Sie sie!“ sagte der Direktor lachend. Den Mädchen rief er zu: „Es wird untersucht.“ Er ließ das Auto anspringen und fuhr weiter. Sie waren gleich vor seinem Haus. Föhr bat Peter: „Essen Sie mit mir zu Nacht.“
Sie sprachen dann über die Beschuldigung. Sie war Peter ein Rätsel. Er behandelte alle Leute stets mit großer Milde und Ruhe.
Der Direktor lächelte und sagte: „Es ist die Aufregung nicht wert. Seien Sie nur ruhig. Wir bekommen schon heraus, was da los ist. Irgendeiner scheint da gehetzt zu haben. Kennen Sie die Mädchen?“ fragte er plötzlich.
Peter sagte: „Nein.“
Da lachte der Direktor auf: „So, so! Ich glaub, dann hab ich’s schon! Sie keuscher Joseph!“
Peter schaute ihn ein wenig erschrocken an.
Föhr sagte bestimmt: „Sie berühren kein Weib auf meiner Pflanzung.“
„Woher wissen Sie? ...“
„Weil dies die Mädchen waren, die Ihnen sozusagen kontraktlich zustehen. Sie arbeiten in Ihrem Haus. Und wenn Sie sie nicht kennen ...“
„Ich versteh!“ lachte Peter. „Rache der Verschmähten.“
„Das ist landesüblich!“ entgegnete nebenbei der Direktor. „Die bekommen morgen jede fünf auf ihre schönen Backen. Sie haben schöne Backen.“
„Ich schau ihnen manchmal nach, wenn sie davongehen.“
Der Direktor sagte: „Ich muß Ihnen ein Geständnis machen. Das ist das einzige, was von meinem Gewissen hier draußen blieb: ich bedaure, daß ich mich mit den farbigen Weibern eingelassen habe. Praktisch gesprochen, ich habe sie nie gefürchtet, und es hat nie Folgen, weder schlechte noch gute gehabt. Dem einen schadet’s, der andre bleibt eben der Herr. Bei mir ist dies Bedauern vielleicht nur eine unüberdachte Äußerung des weißen Dünkels. Je mehr wir uns von der Natur entfernen, um so mehr bilden wir uns ein. Man soll zwar nichts tragischer nehmen, als es ist, und es ist selten etwas tragisch. Aber ich genier’ mich vor mir, wenn ich an meinen Harem denke.“
Peter antwortete darauf: „Ich meinerseits mache Ihnen auch das Geständnis, daß es mir nicht immer leicht fällt, diese Hüften vorbeigehen zu lassen, wenn ich abends auf der Veranda sitze. Aber ich schau ihnen nur halb und sozusagen durch die Gitter meiner javanischen Grammatik nach, und dann ... geht’s.“
Föhr lachte: „Das Gitter ist zerbrechlich!“
Durch Peters Gedanken wogte, wie ein Licht, Ewe.
Sie legten sich nach dem Essen in die Streckstühle und rauchten frische Manilazigarren zum Whisky. Sie sprachen nicht mehr viel. Der Vorfall und das, was er aufgedeckt hatte, hielt einstweilen ihre Gedanken im Innern. Peter wurde sich seiner Tugendhaftigkeit eigentlich erst bewußt durch ihn. Föhr sann nach über diesen sonderbaren Peter, der als Mitinhaber einer großen Firma, Weltreisender usw. solchen Prinzipien folgte, als Unerfahrener eine so sichere Behandlung der Eingeborenen ersonnen hatte und sonst doch ein Mensch schien, der nichts Außergewöhnliches an sich hatte, weder in gutem Sinn noch nach der üblichen verrückten Seite. Nur manchmal kam es ihm vor, als ob im ganzen Zug dieses blonden hünenhaften Wesens etwas ungeweckt schlief, eine Energie vielleicht zusammengekugelt lag, die nicht gelöst sein wollte ... Sonst geben die Menschen doch allen Dampf ab, den sie haben. Meist ist es ja beträchtlich wenig. Aber gerade, wenn sie zu uns in die Tropen kommen, dann wollen sie doch gleich mit Aeroplangeschwindigkeit die vermeintlichen rasenden Möglichkeiten des Glücks in Besitz nehmen ...
Auf einmal sagte Föhr seinem Gast das, was er über ihn dachte. Föhr, der König, war nicht gewohnt, vor andern zurückzuhalten.
Als Peter hörte, wie sich sein Wesen in einem andern Bewußtsein formte, war er sehr erstaunt, denn es schien ihm vertraut zu sein, daß etwas in ihm auf Entfaltung wartete.
Föhr sagte noch: „Die meisten Menschen, die bis auf unsre Pflanzung oder nach Batavia schwemmen, sind merkwürdig, wenn sie das sind, nicht durch ihr Wesen, sondern durch ihre äußeren Schicksale.“
In Peter strömten, da ein andrer, den er für so bedeutend und kraftvoll hielt wie diesen Direktor, in das dunkle Chaos seiner Gefühle gegriffen hatte, die Vorstellungen zuhauf. Sie waren in ihm gelöst worden, wie ein Wind Wolken zum Wandern löst. Er fühlte sich dazu gedrängt, Geheimstes von sich einem andern Bewußtsein zu übermitteln, damit es dadurch für ihn selber an Körperlichkeit gewänne, in dieser Zeit des Übergangs zum Sicheren und Abgegrenzten. Er sagte:
„Ich hab eine sonderbare, erschöpfende Art, Erlebnisse in mir sich ausleben zu lassen. Sie müssen mich stets wie bis zum Nichts zerstören, bevor ich wieder zum Gleichgewicht und zu Kräften komme.“
Der Direktor lachte. Es klang halb spöttisch: „Sie sind Jesus in der Wüste.“
Föhr hatte das Bedürfnis, stets den Dingen auch nebensächlicher Art ihren Anschluß ans Große, ans Allgemeine, Vergangene und Zeitlose zu geben. In seinem Beruf dachte er genau, scharf und detailliert, wie eine Präzisionsmaschine, die auf Bruchteile von Millimetern feilen muß. Aber wenn er aus diesem praktischen Weg herauskam, dann wollte er nichts, als irgendeiner Anregung, die von weither an ihn herankam, durch ein Wort einen raschen Ausdruck geben. Er wollte die Kraft seines Kopfes nur spüren; diese Gedanken schlug er aus seinem Hirn wie Felsbrocken. Er dachte sie nicht aus. Das Unausgeformte, das in ihnen lag und nur das Wesentliche faßte, schien ihm so lebenswahrer und schöpferischer zu sein, als wenn er der Anregung weiter nachging und die Ätze seines scharfen und skeptischen Kopfes die Größe des Einfalls rasch zu zersetzen begann.
Der Verwalter hob sich langsam aus dem Streckstuhl und trank seinen Whisky aus. Er schmiß die dicke halbgerauchte Manila in die Nacht hinein und schaute nach, wie sie an einem Stamm in Funken zerstob. Er warf sich wieder zurück und rief: „$Boy, one Whisky more$,“ und sagte fast zugleich schon: „Ich fühle meinen Jesum hier“ — er zeigte auf seinen Kopf — „und hier“ — er zeigte auf seinen Bizeps. „Der Jesus wechselt mit Umständen und Zeit. Ich habe Urwald, javanische Arbeitswiderspenstigkeit, chinesische Unbegreiflichkeit und europäische Geldgier und Unfähigkeit organisieren müssen. Ganz aus dem Rohen heraus. Ein wenig Erschaffer muß man spielen. Da sinkt Moral hin. Alles ist Objekt, reine Masse. Also Erschaffer spielen. Wenn man aus dem mehr oder weniger fertigen Europa kommt, dann heißt es: den Kopf umordnen. Zwischen uns gesagt: es ist auch das nicht nötig, und meine Administratoren, die Sie kennen, und die Kollegen von den andern Gesellschaften brauchten den Kopf nicht umzuordnen, weil sie keinen hatten. Es geht doch, wie Sie sehen. Die Java-Coffee verteilt auch hundert Prozent.“
„Und was sagt auf die Dauer der umgeordnete Kopf bei Ihnen?“ fragte Pirath.
Ein javanisches Mädchen schlich langsam vorbei. Der Sarong spannte über ihre steilen, zitronenförmigen Brüste, ihre Hüften tanzten. Der Gang hatte etwas absichtlich Verweilendes. Das Weiß der rasch herüberblickenden Augen leuchtete mahnend.
Da fuhr Föhr gegen das Weib auf: „Geh fort, Kreuzdonner!“ schrie er. Ruhig lächelnd wandte er sich zu Peter zurück und antwortete ihm: „Der umgeordnete Kopf, dem es eine Reihe von Jahren gut ging, ist nun schließlich dazu gekommen, sich nach seiner primären Ordnung zurückzusehnen. Er will nicht mehr mit den Dunkelheiten von drei Rassen rechnen und hofft, daß er in drei Jahren in einem Haus am Starnberger See sich Java und Kopra sehr aus der Ferne betrachten kann. Das wäre dann so etwas wie meine Erlösung.“
Föhr sprang auf, schlug mit der Faust durch die Luft und sagte fast schreiend: „Das ist, was einem bleibt von fünfundzwanzig Jahren Tropen! Und ich hab doch Erfolg gehabt. Ich komm mir armselig vor mit meiner Sehnsucht nach dem armseligen Starnberger See. Aber diese Luft hat mich ausgetrunken ...“
Er hielt die starke, etwas aufgeschürzte Nase seines spitzen glattgeschorenen Kopfes über die Veranda schnuppernd in die weiche, nur leicht gekühlte Nachtluft, in der das Schrillen von Insekten und das Verdonnern der Dünung ineinanderflossen und unbekannte Tiere manchmal einen Schrei, wie einen Dolchstoß so heftig, so tragisch, aufwarfen. Peter schaute ihm zu. Er ging seinen Gedanken nach und lebte doch bei diesem Mannesherzen, das sich wie ein empörter Hengst rückwärts bäumte vor der Fremdheit draußen, die es nicht ganz besiegen konnte.
„Ach was!“ sagte Föhr plötzlich roh und warf sich auf seinen Streckstuhl zurück, daß das Rotanggeflecht krachte und schrie. „$Whisky, boy!$“ rief er sanft tuend, und als der Javaner herankam, faßte Föhr ihn um den Hals und schüttelte ihn heftig. Der Javaner schlug das Weiße seiner Augen leuchtend auf, der kleine Körper zappelte erschreckt. Föhr entließ ihn mit einem milden Stoß aus seinen Händen, der Braune torkelte und drohte zu fallen, aber Föhrs Hände hatten ihn schon wieder unter den Achseln und stellten ihn auf die Beine. „Du brauner Hund,“ sagte er lachend, „wir wollen dir doch nichts tun. Wir sind doch zivilisierte $Orang blanda$, weiße Orang-Utans, wie ihr Schweinepack uns nennt. Whisky, Whisky, rasch, mein Junge!“ rief er, und der Javaner glitt lautlos in die Dunkelheit des Hauses.
„Morgen müssen wir noch Ihre drei Doñas prügeln!“ sagte Föhr. „Wollen Sie dabei sein? Sie sehen alle drei wunderbar aus, aus dieser Vogelschau. Je fünf über beide Backen. Das genügt. Die Weiber haben ja schließlich recht, Sie Jesus in der Wüste.“
„Vielleicht geht’s auch ohne Prügel,“ versuchte Peter.
Föhr schwieg. Der Lärm der Nacht strömte über die beiden Einsamen, die auf der Veranda in die Stühle versanken. Nach einer Weile sagte der Direktor plötzlich: „Wir wollen sie anders bestrafen.“
Er rief einen Diener und befahl ihm auf javanisch: „Dasima, Samium und Mela sollen gleich herkommen und alle Diener und der Koch.“
„Die Babus schlafen,“ antwortete der Diener widerspenstig.
Föhr schaute ihn an, und der Braune hastete eilig hinweg. Föhr sagte zu Peter: „Er glaubt, wir wollen uns eine für die Nacht aussuchen. Es ist der auch bei uns bekannte Neid.“
Nach einer Weile kamen die Weiber. Sie hatten sich schön gekleidet, gebatikte Sarongs um die Hüften gelegt und einen farbigen Schleier um den Kopf gezogen. Föhr lachte: „Sehen Sie, sie glauben, wir wollen uns jeder eine wählen.“
Aber die Weiber standen da und schauten gleichgültig und eher abwehrend an den Europäern vorbei. Föhr fuhr sie streng an. Er sprach Javanisch mit ihnen.
„Der Assistent sagt, es ist nicht wahr, daß er euch geschlagen hat.“
Sofort quietschten alle drei: „Er hat uns geschlagen. Er hat uns auf die Schultern und aufs Gesicht und aufs Gesäß geschlagen. Und mich hat er auch auf den Bauch geschlagen.“
Der Direktor winkte „nein“ mit dem Kopf.
Die Mädchen schrien frech weiter: „Doch, er hat uns geschlagen.“
Peter schaute sie an, gespannt, aber auch bekümmert. Denn er gab sich Mühe, alle Leute gut zu behandeln. Auch er winkte „nein“ und sagte: „Wie könnt ihr das sagen? Ich hab euch nie angerührt.“
Da schrie Mela, die wildeste und schönste, die ihre großen Brüste vor sich trug wie Gewölbe voll Schwung, Schatten und Gewalt, zu Föhr: „Er hat uns geschlagen, auch wenn er nein sagt. Er kann nein sagen, denn der Tuwan, der Herr, gibt uns immer recht gegen die Assistenten!“
Da stand Föhr langsam auf, ging auf sie zu und gab ihr eine Ohrfeige. Die Ohrfeige kam Mela unerwartet. Sie erschrak, aber sie nahm sie entgegen, ohne zu zucken. Er sagte ruhig: „Ich geb dem recht, der recht hat. Ob das ein Assistent, eine Babu, ein Chinese, ein Javaner oder ein Hund ist. Das wißt ihr. Der Assistent hat euch nicht geschlagen. Ihr lügt ...“
Rund um die Weiber standen die braunen Diener. Einige lachten. Die andern schauten bös und dumm drein.
„Ich weiß, weshalb ihr lügt. Ihr lügt, um euch zu rächen. Ihr geht jeden Abend über die Veranda, wenn der Assistent dort nach dem Nachtessen sitzt. Und ihr wollt, daß er euch mit schlafen nimmt. Das wollt ihr nur, damit er euch dann Geschenke macht. Ihr wollt nicht mit ihm gehen, weil es im Bette schön ist. Ihr wollt euch verkaufen, ihr schmutzigen Mädchen.
Aber der Assistent liest in Büchern und kümmert sich nicht um euch. Deshalb seid ihr erzürnt gegen ihn. Ihr bekommt keine Geschenke, und so sagt ihr: er schlägt euch. Die Mela hat euch verführt, das zu sagen ...“
Die drei Mädchen standen da mit bösen und trotzigen Gesichtern. Sie schauten an Föhr vorbei. Die Männer begannen zu kichern.
„Und wißt ihr, weshalb der Assistent liest? Weil seine Bücher schöner sind als ihr. In den Büchern stehen gute Dinge. Ihr seid schlecht. Ihr seid habgierig und habt kein Feuer im Blut. Ihr seid unsauber. Ihr badet nicht. Ihr seid häßlich. Eure Gesichter sind wie Kokosnüsse so uneben. Eure Leiber riechen wie Durianfrüchte. Ihr haltet euch so krumm wie ein Pavian. Eure Stimmen sind so häßlich wie die von Papageien. Ihr habt Glieder, die so schlaff sind wie getrocknete Tintenfische. Geht fort, ihr häßlichen Weiber! Ihr bekommt nicht einmal Schläge auf den nackten Hintern, obschon ihr das verdient. Denn ich will den Jungen es nicht antun, daß sie welke und häßliche Hinteren sehen. Geht!“
Föhr legte sich nieder. Die Weiber standen da, leidenschaftlich bewegt, bösartig wie angebundne Schlangen. Die Jungen kicherten.
„Weshalb geht ihr nicht?“
Da rief Mela frech und bös: „Ich will Schläge!“ Die beiden andern riefen nach: „Ich will Schläge!“
„So! Weshalb?“ fragte Föhr.
„Ich hab keinen häßlichen und welken Hintern!“ zischte Mela.
„Das sagst du! Ich sag aber, du hast einen!“
„Der Tuwan hat ihn nicht gesehen!“ entgegnete Mela rauh.
„Davor hat Mohammed mich bewahrt,“ sagte der Direktor ernst. Er schwieg einige Sekunden und fragte dann: „Er ist häßlich, oder ihr habt gelogen, und der Assistent hat euch nicht geschlagen.“
„Dann haben wir gelogen!“ brach es aus Mela heraus.
Die drei Weiber standen schlank und gerade da und reckten ihre Körper auf, daß Brüste und Bauch die Sarongs auseinandersprengen wollten.
„Und wir wollen keine Geschenke!“ sagte das Mädchen. Die beiden andern schrien auch: „Wir wollen keine Geschenke.“
„Was wollt ihr denn?“ fragte Föhr.