Piraths Insel

Part 11

Chapter 113,710 wordsPublic domain

Aber da schwiegen sie und schauten mit ihren großen feurigen Augen wild vor sich hin in die Lampe.

„Dann hab ich euch nichts mehr zu sagen, geht!“

Nachdem die Mädchen und die Diener gegangen waren, sagte Föhr zu Peter:

„Das war Hölle für die drei! Sie werden drei Monate nicht mehr lügen.“

Als Pirath in der Nacht zu seinem Hause kam, brannte die Lampe in seinem Schlafzimmer. Die Sterne schienen durch die Palmen durch. Die Nacht war tief und schwarz und die Luft mit einem scharfen, keimigen Meerdunst gefüllt. Peter spürte die Finsternis wie einen Leib seinen Körper streifen. Er erinnerte sich an eine Nacht im Roten Meer.

An seiner Treppe standen drei dunkle Gestalten. Sie standen so, daß der Schein der Lampe sie ein wenig berührte. Peter erkannte rasch, daß es die Mädchen waren. „Wollen sie sich an dir rächen?“ sagte er sich. Er erschrak ein wenig, machte sich dann angriffsbereit und ging gerade auf sie zu. Er sah die fremden Augen in der Nacht leuchten, wie aus Höhlen heraus. Der große weiße Kranz schimmerte. Die drei standen stolz und schön aufgereckt. Er schaute sie fest an und ging vorbei. Keine sagte ein Wort. Keine machte eine Bewegung. Die Sternenfinsternis floß über sie wie über Säulen.

Peter schaute durch die Jalousien seines Fensters noch einmal auf sie herab. Er kämpfte auf einmal heftig gegen diese braunrassige Luderhaftigkeit; es war ihm, als sprühte sein Blut durch die Haut zu diesen drei reifgehobenen wartenden Leibern, in denen Stolz und Gemeinheit, Rache und Hingebung geheimnisvoll eins waren. „Ich will nicht! Ich will meine Muskeln behalten!“ knirschte er. Er trat unwillig vom Fenster, zu dem die drei dunkeln Augenpaare nun heraufschillerten, und setzte sich an den Tisch. Er begann wieder zu schreiben, was der Tag gebracht hatte. Er riß nacheinander zwei Seiten heraus.

Er konnte nicht schreiben. Die Nacht feilte, schrie, feixte, roch, sprudelte. Er drohte ihr anheimzufallen, sich in der fremden Nacht ertrinken zu lassen. Die Mädchen warteten draußen. Ihr Schoß war krause Verführung, süßer wuchernder Urwald. Die Nacht lauerte in ihrem Schoß wie eine Sünde von einer tötenden Brutalität. Weshalb warf er sich nicht hin, nahm, trank, brüllte ... und schlief. „Ach, ich Jesus in der Wüste!“ klagte er. „Ich hab daheim versagt und muß nun wandern, suchen, mir selber Erlöser werden! Ich fühl jetzt meinen Jesus in mir, meinen eigenen Jesus. Denn es ist eine Lüge, daß dieser Gesalbte einmal eine leibliche Gestalt annahm. Ein jeder Mensch trägt den eigenen Gesalbten in seiner Brust. Es ist eine Lüge, und unsere Symbole zu Hause sind verwuchert und entweiht, damit einige Menschengruppen, die das Symbol zu verwalten vorgeben, ihre Macht über das Volk behalten.“ Wie klar empfand er das in dieser Stunde der Versuchung und des Verlorenseins in der tropischen Nacht! Das Meer rauschte wie eine Höhle, und die Grillen feilten grell, die Sterne machten die Bäume und Sträucher und Rasen leise schäumen. Die drei Mädchen sangen jetzt. Ihr Gesang war, als ob er das glasig fremde Sternenlicht verspönne. Das Gewebe ihres eintönigen, leisen und fremdlich aufduftenden Psalms strömte ins Haus herauf, strudelte an den Wänden entlang und wollte das deutsche Herz überströmen.

Aber das deutsche Herz, das seinen Erdulder und Erlöser entdeckt hatte, wehrte sich gegen den Gesang der drei braunen Münder. Das deutsche Herz roch den starken Atem, der den singenden Weibern aus den roten Mündern entströmte wie ein riechender, fremder Fluß im Urwald. Der Mann sank übers Bett und drückte die Fäuste an die Schläfen. Er wußte, es geschieht dir nichts, wenn du deinem Blut nachgibst; es wird nur eine Sünde sein, nur ... eine ... Sünde. „Sünden sind, damit sie begangen werden!“ hat einmal jemand ihm gesagt. Wer ...? Wo ...? Wann ...?

Ewe!

Peter sprang vom Bett. Er richtete seine starke Gestalt wuchtig in die strudelnde tropische Nachtluft und rief laut den Namen: „Ewe.“ Wie eine Glocke läutete der Name in die verborgen tobende Stille der Nacht. Der Gesang der drei Weiber brach ab. Der Name hatte ihn gelöscht. Peters Herz erhob sich um die ferne, in ihr Geheimnis dahingesunkene schöne, kluge und reife Frau. Der Spuk der javanischen Nacht zerschmolz. Ewe stand süß wie ein Berg, edel wie die hohen Schwärme der Sterne und ewig wie das bronzene Wogen des Ozeans in dem deutschen Herzen, das seine Erlösung gefunden hatte. Ein Erlebnis hatte sich aufgelöst in den Brodem der Phantasie. Eine Kreuzigung war vorbei. Ein Herz gerettet.

Draußen, wo unwillig und bös drei halbnackte schöne junge Weiber verschlungen an Sträuchern dahinstrichen, in denen Glühkäfer aufleuchtend sich begatteten, da wartete schon die nächste Versuchung. Als Peter so frei aufgereckt dastand und wunderbar Herr seines Innern geworden war, war es ihm, als spürte er seine Kräfte in sich stehen wie einen Baum. Sein Temperament und sein Intellekt waren vom fremden Klima aufgepflügt, waren in vielfachen Kreuzungen widerspruchsvoll berührt worden, waren nach hundert Richtungen gezückt. Kampfesselig, mannesbewußt fühlte er den Willen in seiner weißen Faust eine fremde spukhafte Nacht erwürgen. „Was ist’s, der Gefahr aus dem Wege zu gehen?“ sagte er plötzlich. „Man muß sie über seine Muskeln kommen lassen!“ Und er ging rasch auf die Veranda hinaus, von der Fruchtbarkeit seines plötzlichen Gedankens ungebärdig erfüllt und rief: „Mela!“ Er rief das Wort wie zum Kampf in die Sternennacht. Das Wort hielt, wie das unerwartete Anspringen eines Tieres, die drei Weiber an, die nicht fern unter den Palmen aneinander geschlungen davongingen. Sie blieben stehen, sie schauten alle drei zurück und lachten befriedigt und satt. Sie standen da mit ihren schönen, aneinander ruhenden Leibern, mit ihrem auf den Europäer gezückten Willen, wie die Scheide Javas. Dann löste sich Melas monumentale Brust aus dem Gemengsel der nackten braunen Arme und Schultern, und das junge Weib schritt langsam und geradeaus der Begierde des Weißen zu.

Peter nahm sie kurz, streng und wild. Kein Augenblickchen zitternden Nachgebens kam in seine Seele. Er blieb ganz sich selber und ihr der Herr.

Er dachte immer in den abspannenden Lüsten dieser Nacht, die wie Gewitterregen durch seinen Körper fielen, an Ewe und sehnte sich doch nicht nach ihr. Sie floß fern und verwunden, tief in den Schollen seines Seins, wie ein Geist gewordenes Licht. Er war im Bund mit ihr, und er sündigte nicht, daß er das braune Weib gerufen hatte. Sein Leib lag dann bis zum Morgenlicht einsam in einer süßen Abspannung. Er hatte die braune Seele in Besitz genommen, und sein weißer Wille zog auf Eroberung in die Urwälder.

* * * * *

Am nächsten Morgen wurden ihm zwei Briefe gebracht.

„Hermann!“ rief er erschrocken und glücklich und brach den ersten Brief auf, ohne den anderen anzuschauen. Er las mit fliegenden Augen und mit hastig nehmendem Gefühl. Ach, Gott, ja, das war der liebe, kleine, runde und edle Hermann. Peter wollte weinen. Der Brief war die Antwort auf die Beichte. Es stand etwa drin: „Ja, wenn Du gedacht hast, daß ich glaubte, Du brauchtest nur tausend Mark Passage auf einem Dampfer zu bezahlen, um sofort Jens Peter Pirath Söhne eine üppige Plantage in die Fettkessel zu werfen, so hast Du die Meinung, die ich von Dir habe, doch überschätzt. Du weißt, das einzige Buch, das ich immer wieder lese, sind die Schicksale des Wilhelm Meister. Daraus hab ich erfahren, wie man seine Lehrjahre machen muß. Du bist auf der Walze, lieber Geselle, und ich bin sicher, daß Du ein Meister werden wirst. Spring über Deinen ersten Schlag hinweg, wenn er nicht gelang. Es ist ja nur kindlicher Ehrgeiz, wenn Du verlangst, den Mißerfolg selber und allein tragen zu müssen.

Im übrigen arbeiten schon drei Deiner Zentrifugen daran, ihn gutzumachen. Das sind famose Maschinen, die Du uns vor Deinem Sprung in die Welt noch da ließest, Bruder ...“

Es war ein langer Brief voll Einzelheiten aus der Heimat, ein Brief, der einen liebkühlenden Atem in das offene sonnendurchspülte Haus brachte, ein wenig wehmütige Sehnsucht, krasse und milde Erinnerungen, Zuversicht, Stolz, Liebe. Und dann stand noch als Anmerkung: „Dein Prozeß ist geordnet. Alles vorbei und nach Wunsch gelöst.“ Peter mußte sich wirklich zuerst fragen: Was für einen Prozeß hab ich denn? — Dann lächelte er, und ein Wörtchen klang und verklang rasch in ihm: Ree! Viel mehr als ein Klang war es nicht.

Das andere Schreiben war von Ledinski aus der deutschen Südsee. Mit Ledinski korrespondierte Peter. Sie hatten sich allgemeine Dinge in den beiden Briefen geschrieben, die sie gewechselt hatten: über Pflanzungen, Koprapreise, Möglichkeiten des Marktes, über Arbeiterfragen, die wichtig und ungelöst wie ein Schatten die deutschen Inseln überlagerten. Ledinski schrieb ihm, die Eingeborenen dieser Inseln seien fast unbrauchbar und werden immer arbeitsunwilliger. Peter schilderte ihm die Tüchtigkeit der chinesischen Kuli.

Aber in diesem Brief schrieb der Amtmann:

„Die Aussichten auf meiner Insel sind einfach ungemessen. Die Deutschen sehen sie nicht. Australische Unternehmer fangen ihnen augenblicklich das Beste weg, und ich bin an die beschränkte Macht meiner Stellung gebunden. Ich möchte diese australische Invasion auch gar nicht verhindern — vorläufig. Denn ich hoffe immer noch, daß sie den deutschen Kapitalisten die Morgenkörner aus den Augen putzt. Aber was weiß man denn in Deutschland von unserer Südsee? Ein vortreffliches System hat ihre Kenntnis bei uns zurückgehalten. Und mir waren immer — gouvernemental — die Hände gebunden. Fuhr außerdem nie als $Commis voyageur$ der Südsee in die ‚goldenen‘ Ferien. Ich sah auf dem Schiff die Wirkung jener Technik an Ihnen. Wissen Sie noch, wie wir uns auf einem Dampfer unterhielten? Die schöne und kluge Frau Haug! Ich wurde kratzbürstig, als sie mich fragte. Jetzt sind die Ferien vorbei.

Ich vertraue Ihnen an, daß ich es fertig brachte, in unserer Nähe (der beste Einladehafen) ein ziemlich beträchtliches Gebiet frei zu halten — gegen alle Intrigen. 5000 Hektar. Zum größten Teil sandiger Boden mit Wasser, von dem man ehedem glaubte, er trage nichts. Europäisches Augenmaß: fett ist gleich fruchtbar ...! Schon vor zehn Jahren legte ich eine kleine Probe- und Musterpflanzung an. Daraufhin ist es im Laufe der Jahre der beste Boden für Palmen geworden. Er trägt etwa 5/4 Tonne pro Hektar. Der andere eine Tonne.

Noch mit den Zahlen locke ich Sie, die Sie auf den beigelegten Blättern finden. Diese Berechnungen sind von mir durch zwei Jahrzehnte Tätigkeit geprüft. Sie sehen daraus, daß eine Tonne im eigenen Betrieb etwa 80 Mark kostet + 100 Mark Fracht, Spesen und Eintrocknungsabzüge bis Hamburg, macht 180 Mark. Sie wissen ja auch, daß die Palme stabile Ernten gibt. Die Preise sind seit Beginn des Pflanzens in regelmäßiger Steigerung, augenblicklich zahlt Hamburg 640 Mark für die Tonne. Und weshalb sollte solch ein Welthandelsartikel einem Preissturz ausgesetzt sein? Selbst für den Fall eines Kriegs, den wir seit einiger Zeit ja alle im Osten erwarten, scheint mir wenigstens nichts Bleibendes zu befürchten zu sein.

Aber kommen Sie! Als unser Gast natürlich, sagt meine Frau über meinen Rücken, da sie erstaunt ist, daß ich einen so langen Brief schreibe, und auf so lange, wie es Ihnen beliebt. Kommen Sie bald, denn die Choiseuil Compagnie, die an der andern Küste unserer Insel 5000 Hektar in Pflanzung genommen hat, liegt mit einem schweren Auge auf meinen 5000 Hektar. Wenn auch das Gesetz einen größeren Besitz als 5000 Hektar in einer Hand verhindert, so verhindert kein Gesetz die Gründung einer neuen Gesellschaft und die Vorliebe, mit der der Deutsche das ausländische Kapital behandelt. Ich könnte dann, wenn mit ernsten Waffen auf mich losgegangen wird, die Sache nicht mehr retten, denn, wenn auch vielleicht geschätzt, so bin ich keineswegs beliebt an hoher Stelle. Dafür kann und weiß ich zuviel, und vor allem tu ich zuviel! Sie wissen, wie das ist ...“

Pirath ging gleich die beigefügten Berechnungen durch. Er fand, daß sie ungefähr mit dem übereinstimmten, was er auf Java erfahren hatte. Der Unterschied war nur im Bodenwert und in den Löhnen bedeutend, aber für ein noch nicht erschlossenes Land begreiflich.

Er berechnete: Die Fabrik arbeitete zu Hause bisher mit drei Systemen durchschnittlich 18 000 Tonnen jährlich. Ein Drittel Sesamsaat, ein Drittel Erdnüsse und ein Drittel Kopra. Also 6000 Tonnen Kopra. Das ergab in merkwürdiger Übereinstimmung die Ernte jener 5000 Hektar. Diese Pflanzung könnte also in acht Jahren Jens P. Pirath Söhne vom Kopra-Zwischenhandel frei machen.

Pirath schrieb dem Bezirksamtmann gleich, er sei fest entschlossen, sich der Sache mit allem Ernst anzunehmen. Er müsse nur mit der Reise warten, bis er auf Java frei würde. Auf alle Fälle bäte und berechtige er den Amtmann, für den Fall von Gefahr, das Land mit den Ansprüchen von Jens Peter Pirath Söhne zu belegen. Er schrieb ihm noch mit, was Föhr über die Südsee-Pflanzungen meinte. Er nenne sie immer: Palmenkarusselle. Wie das Pferd im Innern, wenn das Ding mal dreht, auch im Schlaf herumläuft, so gingen sie von selber. Er brauchte dort nur Verwalter, die nicht immer besoffen sind. „Die Kerle leben von unserer Geschicklichkeit!“ fluchte er. „Wir treiben die Preise, kanalisieren den Markt, und sie schieben so mit hinein.“

Peter versiegelte den Brief. Er hatte ihn am Abend nach Schluß seiner Arbeit geschrieben. Er steckte die Kopie in die Tasche und überlegte sich, ob er nicht mit Föhr diese Angelegenheit durchbesprechen sollte. Zwar war er sich bewußt, daß er unabhängig von Föhrs Meinung bei seiner Zusage bliebe. Denn Föhr war jetzt oft wunderlich gereizt und widerspenstig und zugleich von einer Vertrautheit zu Pirath, die Peter oft peinlich war. Unentschlossen, was er tun sollte, verließ er sein Haus. Er ging einen Umweg hinten durch das javanische Arbeitsdorf herum und sah dort Föhr auf einmal aus dem Haus kommen, in dem das kleine Gefängnis war. Der Administrator stürmte auf ihn zu, den Panama in der Hand, den spitzen Schädel mit Schweißtropfen besetzt und sagte, als er ihn erreicht hatte, wie außer Atem:

„Jetzt sah ich Ihre Mela. Ich bin weg. Herrlich, herrlich, wie ...“ Föhr formte ununterbrochen mit seinen Händen lebhaft und begeistert zwei Hügel ... „wie soll ich sagen, wie ... wie zwei Weltkugeln, wie ... nun ja, ich hab ihr fünf geben lassen.“

Pirath erschrak. „Wegen meiner?“ fragte er verwundert.

„Nein, ich bin unterrichtet. Sie haben sich ausgesöhnt. Ich weiß alles, was geschieht. Ich bin Gott auf A. B. und C. der Java-Amsterdam-Maatschappij. Ja, ja, also die Mela hat heut früh einen Chinesen bezichtigt, er habe ihr ein silbernes Armband gestohlen. Ich fragte: ‚Woher hast du das Armband gehabt?‘ Sie sagte: ‚Vom Assistenten ...‘ Föhr tippte Peter auf die Brust ..., aber ich sagte: ‚Du schlaues Luder! Du lügst und beschuldigst den Chinesen, damit ich erfahren soll, daß deine Hinterbacken den Gefallen des Assistenten gefunden haben.‘ Aber den Einfall fand ich so ulkig und sonderbar, daß ich ihr die Lüge durchgehen ließ, um so mehr als ihre Brüste mir entgegenprangten. Die schönsten Brüste der Java-Amsterdam-Maatschappij. Dann kam sie aber mittags nicht zur Arbeit. Weshalb? Sie habe ein blutiges Hemd. Wir führen ja doch Kalender darüber. Das war also nicht wahr. Sie vertraute auf die vergangene Nacht, das Rabenaas. So sind sie! Sie glauben, per Bett können sie die Disziplin vom Weg spucken, wie eine Mücke, die auf einem Blatt vor einem sitzt. Da diktierte ich ihr fünf zu. Sehen Sie, erst mußte ich aber ungerecht sein! Wegen der Brüste! Ekelig. Starnberger See! Der Schrei nach dem Starnberger See! Wieviel von uns sind schon zwischen zwei Weiberbrüsten ins Tiefe gerutscht. Ich verkomm! Lieber Pirath, nach fünfundzwanzig Jahren von mehr oder weniger Sauberkeit solche Sachen. Sagen Sie selber!“

Peter fragte sich: „Ist er nicht betrunken?“ Es widerte ihn ein wenig an, und er entschloß sich gleich, von seinem Brief an Ledinski nichts zu sagen. Dann tat dieser gewaltige und tüchtige, starke Mann ihm aber leid, der nicht erwarten konnte, sein Leben in die Seele einer deutschen Landschaft zu retten.

„Sagen Sie selber!“ drang Föhr in ihn. Ein Dunst von Alkohol flog Peters Gesicht an. Er wendete sich leicht ab. Das bemerkte Föhr. Da nahm er sich zusammen und sprach etwas von der Pflanzung. Sie durchschritten die Terrassenanlagen vor Föhrs Haus am Meer. Ketten von rotem Hibiskus kreuzten sich mit steifblütigen weißen Frangipanen, und weinrote Bougainvilles überschäumten einen langen Laubengang. Über andern blühenden Teichen erhoben sich als Abschluß mit grotesker steifer Feierlichkeit eine Reihe von Agaven, die ihre trächtigen Blütenstengel hoch aus den Blättern gegen die untergehende Sonne hoben. Hinter dem Hause wogten die Palmenwälder heran, mächtig in ihrer tropischen Eleganz, stark in ihrer unentwegten Fruchtbarkeit, widerspruchsvoll: Park, Urwald, Welthandel, drahtlose Telegraphie, Aufschwung und Niedergang ...

„Bald kann ich die Palmen nit mehr aanschaun,“ sagte Föhr in süddeutschem Dialekt, den er sich sonst abgewöhnt hatte. Peter durchlebte die Ahnung der haltlosen Geschehnisse, die im Innern dieses starken Mannes stürmten und ihn zu stürzen drohten. Jetzt, wo seine Seele den Duft des heimatlichen Sees schon so stark roch. Waren das die Tropen? Er schaute in die wirbelnde Buntheit, in die ineinandergepreßte Wirrsal von Farben und Formen rundum auf der großen Gartenterrasse. Die dunkeln Agaven standen wie Giraffen kahl und hochhalsig und uferlos dumm im sprühenden tiefen Sonnenlicht, das sie vergrößerte. Peter faßte Föhr unterm Arm und lenkte ihn in die Laube der Bougainville, und die weite, von Buntheit bebende Luft fuhr um die beiden rasch gestillt zusammen zu einer kühlen, schattigen, schweigsamen Kugel. Sie setzten sich in breite chinesische Sessel. In der Laube brannte schon die grelle Vergasungslampe, die jeden Abend um dieselbe Zeit von einem dazu bestimmten Diener angezündet wurde.

„Da haben Sie eine meiner Pfostenzigarren,“ sagte Peter. „Rauchen wir sie zusammen, als Friedenszigarre mit der Luft hier rundum.“

„Sie geben mir die Adresse Ihres Händlers. Die rauch ich auch am ... Also sooft ich jetzt noch einmal Starnberger See sage, so viele Whisky entzieh ich mir täglich!“ fuhr Föhr gegen seine eigene Rede auf.

Sie brannten die Zigarren an. Ihr Duft änderte den Geruch der steif mit Blumengerüchen und ferner Feuchtigkeit vollgepumpten Luft. Föhr schnupperte mit seinem eingetätschten Korken von Nase rund um seinen Kopf hinter dem Geruch her. Dann begannen sie ruhig und in leichter Ermattung nach dem heißen Tag über mancherlei zu reden und kamen in eine Unterhaltung, die sie einander nahe brachte und aneinander fesselte und die nach und nach sehr persönlich wurde. Sie söhnten sich in diesen Gesprächen beide mit der Mißstimmung der letzten halben Stunde rasch aus. Föhr ließ eisgekühlten Champagner kommen. Er fürchtete, die Laube und damit die Stimmung aufzugeben, diese Stimmung von seelischem Gleichgewicht, in dessen einer Schale Europa lag, während Unwägbarkeiten die andere füllten.

Er fragte, als es Abendessenszeit war: „Haben Sie Hunger? Ich habe keinen. Der Boy soll kalten Fasan bringen, eine Platte voll, und wir essen das so mit den Fingern. Nicht decken, gelt, wir bleiben so, bitte.“

Peter war einverstanden. Auch er fühlte sich glücklich. An einer unbekannten fernen Küste sproß es unter seinem Willen auf. Da zog er die Kopie seines Briefes an Ledinski heraus und gab sie Föhr zu lesen. Föhr las rasch und lachte dann auf.

„Also unter uns!“ ... Er tippte sich an die Stirn ... „Was haben sich eigentlich diese Koprafabrikanten drüben so lange gedacht? Ich sitze hier wie eine gespannte Flinte. Fünfundzwanzig Jahre wart ich auf das eine: Kommt denn nicht endlich einer auf die Idee, unsere hundert Prozent Dividende zu durchschauen und selber zu pflanzen, was er verarbeitet? Also wie Sie kamen, da war ich wie erlöst. Unsere holländischen Inseln sind ja wohl jetzt zu. Aber die Südsee ...! Das geht gewiß! Sie werden dort mit primitiveren, aber günstigeren und leichteren Verhältnissen rechnen können. Ich sah’s an der Aufstellung Ihres Bekannten. Die Arbeiter sind billiger, viel billiger. Taugen aber nichts. Sie werden sich schließlich doch zu Chinesen entschließen müssen.“

„Das hab ich mir auch schon gedacht!“ warf Peter ein.

„Gehen Sie hin, so rasch wie möglich!“ sagte Föhr.

Aber Peter entgegnete: „Ich will mein halbes Jahr hier fertig machen.“

„Was suchen Sie denn noch hier? Den Einblick, den Sie brauchten, haben Sie. Da drunten geht’s ja von selbst, wenn der Verwalter zu Anfang ein bißchen gut schmiert. Es ist ja wurscht. Ich geb Ihnen private Aufzeichnungen. Sie sollen allerdings vertraulicher Natur sein. Aber Sie sehen daraus, wie die Java-Amsterdam-Maatschappij geworden ist. Ich vertraue Ihnen ...“

Peter entgegnete: „Sie sind vielleicht jetzt in einer Laune, die ... Ich möchte nicht, daß Sie morgen bedauern, und bitte Sie, es mir nicht zu geben.“

Föhr sprang auf und lief davon. Er rief zurück: „Potztausend, so einer!“ Rasch war er wieder da und hatte ein fingerdickes, steif gebundenes Heft in der Hand. Er gab es Peter: „Ich werde morgen nicht bedauern. Arbeiten Sie’s durch. Es wird nicht umsonst sein. Wo wir hier anfingen vor soviel Jahren, da fangen Sie jetzt in Buka an. Nur daß die Koprapreise derweil um etwa ... etwa ... zweihundert Prozent gestiegen sind. Und damals ging’s uns auch nicht schlecht. Nach der ersten Krise.“

Sie plauderten lange. Föhr war vom Champagner wieder zum Whisky geraten. Er hatte den Korbsessel gegen den Liegestuhl vertauscht. In einem fernen Winkel brannte eine Glühbirne. Ein Ballen von großen und kleinen Insekten umwirbelte die feurige Kugel und tanzte mit dem Licht, das sie aus der gleichmäßigen Flut der Sternennacht von weit rundum erregend anzog. Peter war auf einmal ungeduldig, wegzukommen. Der Inhalt des Buches lockte ihn mächtig. Flüchtige Berechnungen entstiegen seinem Gehirn, ob man die Eingebornen gegen Chinesen umtauschen könnte. Die Berechnungen versprühten immer wieder plötzlich, und andre Vorstellungen hoben sich um die steif fruchtbare Urwaldküste des schwarzen Buka. Er begann auch Föhr zu fürchten, der jetzt mächtig Whisky trank und die ruhige Versenktheit ihrer bisherigen Unterhaltung zu durchbrechen anfing. Er redete heftige Sätze, unterbrach sich immer wieder und rief zwischen seine eigene Rede: „Ich sag’s nicht, ich sag das Wort nicht, Starnberger See kommt nicht über meine Lippen. Noch ein Whisky, Junge.“

Er richtete sich auf einmal auf in der Dunkelheit und sagte Peter leise: „Wenn Sie hierbleiben wollten die zwei Jahre, ich würde durchsetzen, daß Sie mein Nachfolger werden. Administrateur können Sie morgen sein. Ich hab heut den Hermings an die Luft gesetzt.“ Seine Stimme erhob sich allmählich ... „So etwas von Unfähigkeit! Welch Glück, daß Gott die Kopra immer gleich wachsen läßt. Wenn es nur um ein Prozent vom Können meiner dreißig Assistenten abhing, so hätten wir immer Mißernten. Ich werde jetzt die Arbeiter zu Assistenten machen und die Assistenten zu Käfersuchern. Diese Köppe von aufgeblasener Dummheit! Man muß selber für alles mit Kopf sein. Ist Europa denn dümmer geworden in den letzten zwanzig Jahren! Sagen Sie mir das! Oder welches neue System treibt die Unfähigsten in den Tropendienst? Nun gehen Sie auch hier weg!“

Peter lenkte ab: „Wir sehen uns ja in zwei Jahren in Deutschland wieder. Mein Haus liegt zwar nicht am See, dessen Namen man nicht sagen darf, aber es wird Ihnen trotzdem drin gut gehen, wenn Sie kommen.“