Piraths Insel

Part 12

Chapter 123,691 wordsPublic domain

Aber Föhr ließ sich nicht abbringen. Er klagte: „Ich komm ja nicht! Ich verkomm ja hier noch in den zwei letzten Jahren. Die Geschichte mit den prangenden Brüsten der Mela ... Boy, noch einen Whisky ... Ich erzählte ja. Und zwischen den Brüsten der farbigen Weiber geht ein $watershoot$ für weiße Liebhaber in die Tiefe. Der Mohammed soll sie alle zu seinen Huris nehmen, daß wir Christen diese Plage bis in alle Ewigkeit los werden! Aber schön sind sie, die Äser. Die Mela ... wie zwei Erdkugeln! Die ganze Geilheit des Urwaldes hat an diesem Paar Backen mitgearbeitet. Ich muß ihr morgen noch einmal fünf geben lassen.“

Peter lachte peinlich berührt: „Das können Sie einfacher haben.“

„Wie denn?“ fragte Föhr gierig.

„Ich schick sie Ihnen jetzt herüber.“

Föhr rief auf: „Pirath, Sie sind der Verführer Beelzebub. Weiche! Weiche ...!“ Lauernd aber fragte er gleich darauf: „Was machen Sie denn heut abend?“

„Ich arbeite Ihre Aufzeichnungen durch.“

Da besann sich Föhr. Er sagte sich bezwingend: „Nein, Spaß! Gehen Sie schlafen! Es ist Zeit.“

Er erhob sich, und sie verabschiedeten sich.

Peter ging einsam durch die schrillende Nacht seinem Haus zu. Diese Kämpfe und das Unterliegen, das Gewaltsame und das Versagende des Direktors erregten ihn. Als Peter vor vier Monaten kam, war dieser Mann wie stählern gewesen, von einer unwandelbaren Gleichmäßigkeit. Er spürte, als ob die fremde, dampfend weiche Luft wie ein Gift in seinen Atem und seine Nase dränge. Er wehrte sich gegen Java. Weshalb hatte er Mela gestern nacht gerufen? Es verursachte ihm Pein, an die Nacht zu denken. Er ging rasch auf seine Veranda hinauf. Es brannte Licht in seinem Zimmer. Mela machte sich drin zu schaffen. Ihr großes und edel tierisches Gesicht lachte ihm unmerklich zu, und ihr Leib straffte verständnisinnig die Brüste und den Bauch auf, als er sie ansah. Er sagte ihr schroff: „Geh! Der Tuwan Administrateur wünscht dich.“ Sie zögerte. Er drängte: „Geh, geh! Rasch hinüber! Sonst gibt’s was! Geh!“

Da ging sie. Er schaute nicht nach, wohin. Er setzte sich an den Tisch und öffnete das Buch Föhrs. Er las einen Anfang von Ziffern und Zahlen, die sich zu dem immer mächtiger werdenden Gebäude einer glasklaren, wuchtigen Sprache aufbauten. Er las und machte sich Notizen, und während draußen Meeresrauschen und Insektenlärm sich im fernen Licht unter Palmen ineinander bohrten, versank er mit weit und hart arbeitenden Gedanken in die Geschichte der Java-Amsterdam-Maatschappij. Er las vor allem eine Bestätigung der kurzen aber raschen Erfahrungen seiner letzten vier Monate. Eine Sicherheit und Kraft überkamen ihn, daß er glaubte, er knete über zweitausend Meilen Entfernung hinweg die richtungs- und sinnlose Urfruchtbarkeit der schwarzen Urwaldküste Bukas in jene wie geometrische Figuren gebaute Häuserwürfel hinein, in denen seine Zentrifugen jetzt rauschend kreiselten und dem wachsenden weißen Volk dienten.

* * * * *

Einige Wochen später wurde Föhr krank. Er wehrte sich gegen die Fieber, die ihn durchprasselten und sein Blut verschlangen. Er wollte sich nicht legen. Im Bett war er wehrlos. Dann kamen die fremden Geister aus den Palmbäumen, aus dem Schoß des Bodens, der vor zwanzig Jahren randlosen Urwald getrieben hatte, aus der dumpfigen Sonnenluft, aus dem Feuer der flackernden braunen Augen und aus der schleimigen Phantasie der Javaner und erwürgten ihn unversehens. Er raste umher, ruhelos, mit heftigen Launen, er schrie und schlug. Er wurde mager und klapperig, seine Haut ergelbte, seine Augen färbten ihr Weißes und zitterten in den Höhlen, als ob sie in einem heimtückisch unsichtbaren Feuer verschwelten.

„Einer hat mir Bambushärchen ins Essen gestreut!“ schrie er einmal. „Jetzt weiß ich’s.“ Er ging dann immer lauernd, spionierend umher. Er aß nichts mehr. Alles an ihm war Mißtrauen, und einmal sah er, als er hinter einer Jalousie verborgen spähte, Mela aus der Küche seines Hauses in den kleinen Hof treten, wo die Destillierfässer das Wasser von einem in das andre rinnen ließen. Da sprang er wahnsinnig auf sie los, griff nach ihrem Hals und würgte sie zu Boden. Weit und breit war kein Mensch. Föhr hatte seine Riesenkraft in der Krankheit behalten. Er preßte den Kopf hinterrücks auf die Steine und stemmte mit einem Knie die schweren Brüste nieder. Wild flüsterte er dem erstickenden Weib zu: „Du Aas hast mir Bambushaare ins Essen geworfen! Jetzt weiß ich’s! Was machst du in der Küche? Sprich! Warst du’s! Du verdammte Hure! Du fleckiger Teufel! Sprich, sag ich. Gesteh’s! Bambushaare! Ich muß krepieren. Was? Ich befehl dir: Sprich!“

Aber das Weib sagte nichts mehr. Ihre Augen quollen auf. Ihr Körper lag auf den Steinen gebogen wie ein in einer Netzmasche im Wehren verreckter Fisch. Ihr Mund war weich und weit geöffnet, und die Lippen hingen herunter. Das weiße Gebiß schimmerte. Da stand Föhr auf, schaute sie kalt an und sagte befriedigt: „So!“ Darauf ging er ins Haus und legte sich ins Bett.

Er starb in der Nacht.

Peter war an diesem Tag in Batavia gewesen und kam mit dem Auto am nächsten Vormittag zurück. Er hörte, was geschehen war. Er sah die Leiche des Weibes, aus dessen üppiger Fruchtbarkeit das Leben verkrampft gewichen war, sah die blauen Quetschwunden an ihrem mächtigen Hals und wandte sich ab. Er sah die Leiche Föhrs. Sie lag im weißen Anzug, in dem er sich ins Bett geworfen, weit ausgestreckt auf der Matratze. An den Füßen staken noch die weißen Tuchschuhe. Die Augen waren glasig weit offen, wie fürchterlich schillernde Gewölbe, unter denen dunkle Urrätsel gingen. Der Mund stand weit und bös aufgereckt, als bisse er nach Teufeln, und der Rücken hielt im Starrkrampf den Leib etwas aufgerundet. Die Füße drückten sich tief in die Matratze hinein.

Ein schwarzer ungeheuerlicher Widerwillen fiel über Peter her. Sein Wille war wie von grünspanigen heißen Dämpfen getrübt. Er flüsterte nur vor sich her: „Der fremde Tod! Immer dasselbe. Der fremde Tod!“ Er ging in sein Haus. Es hetzte rundum ihn nieder, von der Decke, durch die Fenster, aus den Wänden. Er fürchtete sich. Er packte seine Koffer, hastig und wild. Seine Arme zitterten. Es bebte über seinen Rücken, durch seinen Leib. Seine Beine waren kraftlos. „Bin ich auch krank?“ fragte er sich erschrocken. Er hetzte weiter und fuhr dann in der schrillen Sonne der Mittagsstunde im Auto durch die Pflanzung davon. Hinter dem Wagen raste der Staub auf und stürzte unter dem aufgeklappten Dach herein, und die böse, ekelhafte Feindseligkeit der ganzen Pflanzung strömte über sein Herz, wie ein Meer, das die Dämme gebrochen hatte.

In Batavia wurde er erst ruhiger. Er ging zu dem deutschen Konsul und erzählte ihm, was geschehen war. Der Konsul sagte ihm, er könnte Java ruhig verlassen. Da er an dem fatalen Tag nicht am Schauplatz der Tat war, brauchte man ihn nicht, und seine Abreise könnte keine Folgen für ihn haben.

Einige Tage später fuhr er mit der „Manila“ des Norddeutschen Lloyd über Makassar nach den Inseln. Die Nachricht, daß er die Südsee besuche, war ihm schon lang vorausgeeilt. In der Hauptsiedelung Luabar, wo der Sitz der größeren Pflanzungs- und Handelsgesellschaften war, sah man seiner Ankunft mit einem etwas aufgeregten Mißtrauen entgegen. Er war von Europa aus jemandem angekündigt worden. Dieser erzählte von Pirath den andern Herrn. Sie saßen zusammen in dem mit Eingeborenenwaffen angefüllten Zimmer Archibalds, eines Australiers. Dieser hatte die Tatsache, daß alle Frauen Luabars untereinander zerstritten waren, weil jede die Stellung ihres Mannes für die bedeutendste haben wollte, ausgenützt, um den Männern die Möglichkeit zu schaffen, manchmal beisammenzusitzen. Er hatte seinem Geschäft deshalb eine Schankstube beigegeben, die stets gut besucht war. Denn in Luabar gab es weder Wirtschaft, noch Hotel. Als bei Archibald von dem bevorstehenden Besuch erzählt wurde, warf Herr Steifkragen seine Augen vorsichtig lauernd über die Kneifergläser und wartete, bis sich ein anderer äußerte. Herr Foß ließ seiner Gewohnheit nach seine Augen umherwirbeln und drehte mit dem Körper auf dem Stuhl wie eine Bauchtänzerin. Dann kaute er aus dem rechten Mundwinkel heraus: „Fehlt ooch noch, daß nu sämtliche Fettwarenonkels von drüben die Prozente kontrollieren kommen!“

Er wartete eine halbe Minute und lachte dann quäkend heraus. Herr Steifkragen lächelte ein wenig. Der Konsul Frisch, der sich in jedes Haus, in das er hineinging, sein Konsulswappen nachtragen ließ, tat gleichgültig: „Soll er kommen! Es ist ja hier nicht alles durchsichtig.“ Und der kleine giftige Dicke mit den Schweinsaugen und den roten Bäckchen fuhr hervor: „Ginge er zum Mars! Ich sag, das ist ein Semit. So ein überschlauer Jud ...!“ Da stach Foß mit seinem Finger dreimal in die Luft und sagte begeistert dreimal: „Das ist es!“ Herr Foß war nämlich selber ein Jude, aber niemand wußte es.

Von dieser Unterredung an nannten die Herren Peter Pirath immer nur: „Der Jud!“

Dann kam die „Manila“.

Die Herren liefen mit eiliger Höflichkeit an Deck, um den verdächtigen Juden zu empfangen, schauten nach einer krummen Nase und schwarzen Löckchen aus und wurden auf einmal vom Kapitän vor einen Mann gestellt, der den Größten von ihnen um einen halben Kopf überragte, seinen Panama über einem Schopf leuchtender blonder Haare lüftete und überhaupt so aussah, als sei er Germanien. Sie machten sehr zuvorkommende Verbeugungen, indem sie ihre Namen nannten.

Peter blieb einige Tage in Luabar. Er fand das Benehmen der Herren merkwürdig. Ihre übereinstimmende überhastige Liebenswürdigkeit, die ihn nicht zu Atem kommen ließ, war wie auf Kommando, und er empfand rasch heraus, daß sie hinter dieser Maske passiven Widerstand gegen ihn trieben in allen Dingen, die Geschäfte angingen. Er ersparte ihnen das Äußerste und sprach nie über Geschäfte. Da waren sie erst recht ängstlich. Sie zuckten um ihn, wie die Fische um den Köder, der so plötzlich ins Wasser fällt, daß die Fische vor Schrecken nicht wissen, was sie tun sollen, und ununterbrochen um ihn herumlaufen.

Peter war gleich zum Gouverneur gegangen, hatte dort erfahren, daß der Amtmann ihn schon angemeldet hatte. Der Gouverneur hatte ihn dann eingeladen, sein Gast zu sein.

„Das ungastliche Fehlen eines Hotels in der Kolonie macht es Ihnen zu einem für meine Frau und mich außerordentlich erwünschten Zwang, anzunehmen, lieber Herr Pirath!“ sagte er mit genau betonender Aussprache. Sie saßen lange Stunden abends zusammen und plauderten. Peter hatte sich einen Gouverneur anders vorgestellt. Dieser Mann war ein Gelehrter. Ein Gelehrter, der nichts aus Büchern, sondern alles in unmittelbaren Taten erlebt hatte, was er wußte. Er sprach, wie ein Professor, mit feierlicher Gründlichkeit, mit rhetorischer Färbung und doch voll Begeisterung. Dahinten in einem Wald starb ein Volk an seiner eigenen Armseligkeit. Er hätschelte diese Lebensuntüchtigen mit begeisterten verliebten Worten: „Ein wunderbares Völkchen, lieblich, naiv und bunt, wie ein Rapunzel im Wald,“ sagte er von ihm. Aber Peter lernte an diesem Abend die einzelnen Inselgruppen aufs genaueste kennen, ihre Topographie, Ethnographie, Geschichte ... Nur fiel ihm auf, daß sein Gastgeber es vermied, von den Kolonisten zu sprechen, und auf sie kam es Peter ja wahrhaftig im Augenblick mehr an.

Am nächsten Abend gab einer der Verwalter ihm ein Abendessen. Herren und Damen trennten sich nach dem Essen. Die Herren saßen in einer Ecke der Veranda, rauchten und tranken Schnäpse und Bier, und wieder, wie auf Kommando, überfielen sie auf einmal Peter mit der Arbeiternot. Die Gegend geht dem Ruin zu. Die Regierung sei nicht der Weißen, sondern der Schwarzen wegen da. Denken Sie sich: verschließt ganze Gebiete dem Anwerben. Blöd, hirnverbrannt. Ruin.

Peter warf hin: „So nehmen Sie doch chinesische Kuli.“

Da zeterten sie wieder auf: „Chinesen genug! mehr als genug! Die Regierung spielt ihnen die fettesten Pflanzungen in die Hände, diese gelben Gauner stecken uns demnächst ein.“

Nur Steifkragen, der gescheiter als die andern war und auch gebildeter, bemerkte, daß die Einfuhr chinesischer Kuli viele Schwierigkeiten habe. Sie verteuern nicht nur die Arbeitslöhne außerordentlich, sondern vor allem folge der Chinese dem tief in ihm liegenden Handelstrieb. Er arbeitet drei Jahre und gründet dann einen Handel.

Peter bemerkte: „Das mag jetzt sein, wo im ganzen vielleicht hundert Chinesen in den Inseln wohnen. Aber wenn Sie lauter Chinesen hier haben, so können sie doch nicht alle Handel treiben.“

Herr Foß warf seine Augen hin und her, drehte sich wie eine Bauchtänzerin und quetschte aus dem Mundwinkel heraus: „Es gibt ooch noch andre Chinesen hier. He, he, he! In der Chinatown ... Mächens! Aber mehr japansche!“

„’n Bordell!“ präzisierte der giftige Dicke mit den polierten Backen. Weil er mißtrauisch war, war er ein Freund von genauen Ausdrücken.

Und so waren sie wieder vom Geschäft abgeglitten. Manchmal kamen sie noch auf die Arbeiternot zurück, schimpften über zu hohe Abgaben und schlechte Transportmittel. Dann sang eine Dame in die breiig warme Nacht hinaus. Sie sang edel und gepflegt, und Peter horchte ihr erstaunt und warm zu. Sie hob ihren schweren schönen Körper wuchtig neben dem Klavier auf, und ihr schmaler Mund sang geradeaus in die schwere Nacht, als riefe er ihrer strudelnden, von fremdem Lärm erregten Finsternis etwas aus der Seele Europas zu. Bald darauf fuhr Peter, mit einem Schwarzen neben sich, im leichten Wagen seinem Bett entgegen.

Peter drängte weg aus dieser sonderbaren kleinlichen Siedelung. Es war dort nichts für ihn zu holen. Er mietete einen Motorschoner, der einem reichen Japaner gehörte, um nach Matantuduk, der Insel Ledinskis zu gelangen. Er fuhr am Vormittag ab. Der Besitzer begleitete ihn. Ein Schwarzer steuerte. Der Japaner war wie ein sanfter Fluß von Liebenswürdigkeit. Nach dem Essen ließ er jedesmal eine Flasche Champagner auftragen, von der er nur zum höflichen Schein mittrank. Er umsprang Peter mit Fragen, Bewegungen, Höflichkeiten, wie ein spielender Schimpanse. Eins schien die Absicht des andern decken zu wollen. Peter fragte, wie es mit der japanischen Kolonisation in der Insel stünde? In Luabar hatte man über eine japanische Invasion der Karolinen gesprochen. Aber der andre tat, als ob es unbescheiden wäre, von der eignen Nation zu sprechen. Der Japaner sagte nur: „Oh! Die Deutschen sind viel bessere Pflanzer, ein großes Volk!“ und jonglierte zu etwas anderm über.

Die Fahrt dauerte bis zum übernächsten Abend. Der Schoner war einen halben Tag an einer bewaldeten Küste, die erst eine Strecke flach aus dem Meer stieg, dann wild zu einem Gebirgsstock hinankletterte, entlang gefahren. Am Ufer erschien dann eine Reihe heller Häuser, die aus dem fetten Grün leuchteten. Sie waren wie auf eine Bank auf einen kleinen Höhenzug gestellt, der in kurzer Entfernung vom Strand in gerader Linie mit ihm dahinzog. Das war Matantuduk.

Pirath sah an dem größten der Häuser an einem hohen Flaggenstock eine riesenhafte deutsche Fahne hochgehen. Ein weiß gekleidetes Paar erschien am Ufer. Sie winkten. Pirath hatte gleich den Amtmann Ledinski und seine Frau erkannt, die schöne, schlanke und blonde Frau. Der Schoner glitt an den kleinen Landungskai. Im Schatten eines Schuppens scharten sich Schwarze mit reinlichen weißen Schurztüchern zusammen, und in der Sonne auf dem Kai stand das Paar, vom Licht, von der dunkeln Masse des Hintergrunds der Wälder und Gebirge und der stillen Vereinsamung der hellen Häuser eingefaßt wie von einem Glorienschein. Ein König und eine Königin waren sie.

Pirath sprang an Land. Er sah die Augen der Frau mit einem so wohligen wie herzlichen Leuchten ihn empfangen und grüßen, und er küßte ihr die Hand in einer tiefen Verbeugung. Er empfand einen kurzen und warmen Augenblick lang ein Erwarten von irgend etwas als ein stürmisches Glücksgefühl, das rasch durch seine Adern lief und ein Gefühl der Verehrung, gepaart mit einem Gefühl des Geborgenseins, zurückließ.

Der Amtmann drückte seine Hand und schlug ihn auf die Schulter.

Nach einigen Schritten zeigte er die Küste hinab, wo Wälder lagen und sagte lachend: „Das grüßt Sie durch mich und wartet auf Sie!“

Man stieg eine steinerne Treppe hinan, über deren Balustraden beiderseits schwere Gebüsche von Gummisträuchern sich wie grüne Wolken niederließen und einen schwarzen kühlenden Schatten machten, der wie ein leiser Strom seinen Körper umfloß. Oben lag inmitten von großen Veranden das Haus.

Vor dem Nachtessen standen die beiden Männer noch auf der Veranda umher. Der Bezirksamtmann zeigte dem Gast die Siedelung Matantuduk. Dort der Arzt! Ferner die Mission! Die Filiale der Handelsgesellschaft, die Kaserne der schwarzen Soldaten, ferner das Haus eines Mannes namens Schmitt, der sich aus sehr dunkeln Verhältnissen zu einem achtbaren und wohlhabenden Menschen aufgearbeitet habe.

„Das ist alles, was wir von Menschen hier haben! Hinter dem Waldstück wohnt noch oder vielmehr trinkt ein kleiner Pflanzer und etwas weiter noch einige kleine Pflanzer und damit $finish$. Die Choiseuil Co. ist weit weg am entgegengesetzten Ufer. Sie besteht nur geschäftlich.“

Frau Ledinski bat zu Tisch.

„Wir wollen lieber allein sein am ersten Abend. Das ist Ihnen doch recht, wenn auch die Nachbarn pikiert sein werden?“ fragte sie.

„Pikiert?“

Ledinski lachte schnarrend: „Ja, können Sie denn ermessen, was für ein Wundertier heut mit der Jolle von dem Japaner hier an den Rand der Welt kam? Ungeduldiger erwartet als der Messias von den Juden! Stellen Sie sich vor: Die Frau Doktor und die Frau Schmitt, ja sogar die Frau Unteroffizier Hartmann haben seit drei bis fünf Jahren keine andre Visage mehr gesehen als die ihrer Männer. Sie liegen, ich schwöre es, hinter den Gardinen und lassen unsre Veranden nicht aus dem Fernglas.“

„Wir lechzen manchmal nach einem Menschen, nach einem wirklichen Menschen!“ sagte die blonde Frau, und ihre strahlenden Augen legten sich herzlich in Piraths Gesicht. Pirath empfand wieder jenes rasche Glück, das in seinem Blut aufstieg und seine Blicke eine Sekunde lang verdunkelte.

Sie blieben lange auf und lagen in der dunkeln Veranda in den Streckstühlen, und Frau Ledinski und Pirath sprachen ohne Hemmung über Dinge ihres Innern, die man in Europa nie zu besprechen gewagt hätte. Aber es war, als ob die Ferne im Raum und das Bewußtsein der Heimat in dieser fremden, fremden Luft die Seelen, wie Blumen so naiv, geöffnet hätte. Nur der Amtmann horchte bloß zu und schaute mit einem kühl verliebten und überlegenen Lächeln seine Frau an, wenn sie sprach. Er freute sich, daß sie über den Besuch glücklich war.

Nachher stand Frau Ledinski auf und ging in das kleine Musikzimmer. Sie setzte sich an den Flügel, auf dem eine Vase mit weißen steif schönen Frangipanenblüten stand, und sie sang:

„Du bist Orplid, mein Land ...“

Piraths Phantasie war eingelullt in die schwere dampfige Abendluft, in das Essen und den Wein, in die unerwartete und rasche Freundschaft mit diesen beiden großen und schönen Menschen, die wie König und Königin ihre Einsamkeit lebten. Das Lied überfiel ihn. Es wurde ein plötzliches heißes Erlebnis. Schauer rauschten durch sein Blut. Er erschrak vor der vereinsamten Schönheit dieser Frau, die drinnen leidenschaftlich sang und die weiß, strahlenäugig und blond war, wie Deutschland. Er stand vom Stuhl auf und lehnte sich über die Balustrade. Er warf seine Blicke in den schwülen Teich der Nacht wie ein Lasso. Die Nacht und die Sterne und die schwarzen Rücken der Gebirge gehörten ihm und bäumten sich an der zusammenschnellenden Schlinge seines Willens auf.

Als er sich wieder aufrichtete und die Blicke durch die nahe helle Tür ins Musikzimmer schickte, kam ein Luftzug, und einige Frangipanenblumen brachen auseinander und fielen mit einem leisen reifen Pochen auf den Ebenholzdeckel des Flügels.

Pirath ging rasch ins Zimmer hinein. Das Lied war aus. Frau Ledinski stand auf. Die weißen Kleider umflossen eng ihren schönen strahlenden Leib. Sie kam wie Diana auf ihn zu, beide schauten sich in die Augen, lächelten und wurden ein wenig rot. Keiner sagte etwas. Ein kleiner Schwarzer brachte Champagner, und sie leerten ihre Gläser zusammen.

Als Pirath später allein in seinem Zimmer war, sah er zum Fenster hinaus. Der Mond war aufgegangen, beleuchtete das Meer und die Küste und hob die gewaltigen Stürze der Gebirge aus der grünen Finsternis. Überall krochen wirre Wälder. Drunten hin hatte der Amtmann gezeigt, als Peter ankam. Dieses krause verschlungene Land wartete auf ihn. Er sah das alles an. Er fühlte, daß die Überschwenglichkeit ihn verlassen hatte, und seine Blicke maßen das Land kühl unter der Nacht. Er war nicht erschrocken vor ihm, nicht begeistert und nicht enttäuscht. Er sagte sich nur: „Jetzt wird die Arbeit beginnen!“

* * * * *

„Heut bin ich nicht zu gebrauchen. Verübeln Sie es mir nicht, bitte!“ sagte der Bezirksamtmann nach dem Frühstück. „Ich muß heute ‚papieren‘!“

„Papieren?“

„Was das ist? Eine Erfindung des Teufels ... eine Staatsschöpfung! Die Leiche eines Substantivs zu einem lebendigen Zeitwort gemacht. Die Kraft eines Mannes in Tinte ertränkt! Ein Diebstahl an Zeit, Energie, Nerven! Eine Umsetzung von Energie in Schwatz! Amtliche ... Beerichtee ... schreiben! Dazu sagen wir hier: ‚Wir papieren.‘ Einen Tag pro Monat muß ich papieren. Ich hab’s aufs Minimum gesetzt, aber drunter ist es nicht abzutun.“

„Was schreiben Sie denn?“ fragte Pirath.

„Was ‚Oberste Stelle‘ in Luabar wünscht!“

„Und Sie wissen, was die wünscht?“

„Natürlich! Das Gegenteil von dem, was notwendig und gut ist und was ich hier tue. Adieu!“

Er ging, und Frau Ledinski sagte: „Ich lade Ihnen zur Information und dem Ärger meines Mannes zur Zerstreuung auf heute mittag die Nachbarn ein. Wir dürfen Sie ihnen nicht länger vorenthalten. Mögen Sie? Sonst laufen wir Gefahr zu beleidigen. Jede Gegend hat nun einmal ihren besonderen Formenkodex. Mein Mann meinte sowieso, ob Herr Schmitt nicht vielleicht an Ihren Pflanzungsplänen interessiert werden soll. Er hat zweihundert Hektar Pflanzung, die in drei Jahren tragen. Sie mögen gewiß die Vorarbeiten bald beginnen, und es ist Ihnen nützlich, wenn Sie dabei schon den späteren Verwalter hinzuziehen könnten.“

„Sie sind sehr lieb!“ Pirath küßte die Hand der Frau Ledinski.

Das Mittagessen verlief mit den Gästen zwischen Gesprächen über Kolonisieren, Pflanzern, Eingeborenen und der Papiertaglaune des Amtmanns. Schmitt gefiel Pirath. Er fühlte in ihm einen Mann, der mehr als auf seinem Erwerbsgebiet strebte. Schmitt sprach über Weltpolitik wie über deutsche Schriftsteller jüngster Art. Er versuchte in allen Richtungen sich den Anschluß an das zeitgenössische Deutschland zu wahren. Er war auf die Neue Rundschau und auf den Kosmos abonniert und las die Frankfurter Zeitung in den Tagesausgaben. Um Kleinigkeiten gingen seine Gespräche in schlauer Klugheit. Sprach er aber über die bedeutenden Dinge von Leben und Beruf, so tat er das mit einem allgemeinen Umfassen und dem Versuch, ans Große anzuschließen.

Pirath sprach später mit dem Ehepaar darüber.

„Glauben Sie, daß dieser Mann, bevor er herkam, ein anrüchiges Hotel in New Orleans besaß?“

Als man sich am nächsten Morgen zum Frühstück traf, rief der Amtmann über die Veranda herüber Pirath entgegen: „So! Jetzt bin ich frei, gebadet und gereinigt vom papiernen Tag von gestern und spüre meine Muskeln wieder. Ich sag Ihnen, der Professor in Luabar bekommt diesmal Berichte ... wie bei einer gut gelösten Mathematikaufgabe klappt’s ... So gelang es mir noch nie zu schreiben. Jetzt wollen wir dann aber mit der Arbeit beginnen!“