Piraths Insel

Part 13

Chapter 133,725 wordsPublic domain

Und in den Tagen, die kamen, riß das strudelnde Temperament des Amtmanns Pirath unversehens bis über den Kopf in die Arbeit hinein. Ledinski schaffte wie mit Säbelhieben. Das Klima zerspellte an seiner Energie und guten Laune. Und oft noch abends, wenn Piraths Gehirn dumpf in die breiige Schwüle versank, unfähig eine eigene Überlegung zu führen, sprach der Amtmann vom Liegestuhl her neue Einfälle in die Dunkelheit. Bis er merkte, daß sein Gast nicht mehr folgte.

„O, wir trinken ein Gläschen Sekt, wie?“ rief er dann.

Um die Küchenecke erklang bald das kühlende Reiben der Sektflasche im Sodakübel. Pirath tauchte aus der Dumpfheit auf, und es wurden Gespräche über Menschsein und Menschen, über Europa und die Südsee geführt. Die schöne hohe blonde Frau ging zum Flügel und sang.

In den Tagen fuhren oder ritten Pirath und der Amtmann weit im Land herum. Ledinski hatte eine breite Straße an der Küste angelegt, die die einzelnen Pflanzungen mit Matantuduk verband. Diese Straße durchschnitt das Gebiet, das Jens Peter Pirath Söhne seiner jungfräulich urwaldlichen Hemmungslosigkeit entreißen sollten. Diese Straße war der Stolz des Amtmanns. Nirgends anderswo auf den Inseln hatte jemand ein solches Werk mit den mangelhaften Kräften der Eingeborenen fertig gebracht.

„Sehen Sie,“ sagte Ledinski einmal, als er mit Pirath und Schmitt, der bald ins Einvernehmen gezogen worden war, über die Straße zu ferner liegenden Pflanzungen ritt, „meine Straße ist zwölf Meter breit. Matantuduk wird einmal seine Eisenbahn haben, müssen Sie wissen.“

„Ich hoffe, daß Jens Peter Pirath Söhne Ihnen diesen Ehrgeiz erfüllen können!“ antwortete Pirath.

„Erfüllen müssen ...“ meinte Ledinski.

Sie gingen zu den Dörfern der Eingeborenen und sahen die Menschen in den dunkeln kleinen Hütten liegen und grunzen und sterben. Die Frauen waren mit fünfundzwanzig Jahren Greisinnen. Die Männer arbeiteten in den Pflanzungen bis zum zwanzigsten Jahr und ließen sich dann wieder zu ihren Weibern und Schweinen, ihrem Urwald und ihren dunkeln Hütten zurücksinken.

„Chinesen! Chinesen! als Arbeiter!“ rief Pirath.

„Das sag ich auch!“

„Und dem Bezirksamtmann bleibt es dann überlassen, was mit den Eingeborenen geschehen soll, die die Herren Pflanzer nun einmal aus den Wäldern gerissen haben!“

„Sie werden sehr gern und rasch dorthin zurück wollen,“ meinte Schmitt. „Trotz aller Bedürfnisse, die wir ihnen schaffen, damit sie Geld erwerben müssen, werden sie immer müder, in die Pflanzungen zur Arbeit zu kommen.“

„Wir können ihnen ja die Missionare mitgeben und retten den Ethos vor Europens erzürnten Augen, was, Schmitt!“

„Gern! Zwei Fliegen auf einen Schlag!“

Sie kamen an einer Kopradarre vorbei. Auf den Holzschiebern lagen Koprabrocken zum Trocknen. Schwarze saßen auf dem Boden im Schatten und schälten Kokosnüsse aus.

„Schauen Sie mal, wie sie sich anstellen,“ sagte Pirath. „Sagen Sie, woher kommt es, daß man überall hier noch derartig primitive technische Behelfe hat? Die Darren, ob Sonne oder Feuerdarren, das Ausschälen, das Abschlagen des Kunaigrases mit geschärften Faßbändern als Sägen ... Den Bast wirft man weg und verbrennt ihn, statt Seile daraus zu ziehen. Das Trinkwasser ist eine Quelle von allen Krankheiten, die fortwährend ein Drittel der ohnehin spärlichen Arbeiter der Arbeit fernhalten. In Europa wird alles auf die letzten technischen und hygienischen Ausnützungen gestellt. Hier ist Arbeiternot, und man läßt alles auf der Arbeit der Hände liegen ...“

„Die Sonne, mein Lieber,“ meinte der Amtmann. „Man macht soweit man unbedingt muß, um die Kopra in die Säcke und die Säcke aufs Schiff zu bringen, und dann: Whisky, Wein und Rutsch mir ... Und auch die Herren Kolonialärzte reißen sich nicht gern ein Bein aus wegen solch eines Ungeziefers von schwarzer Biesthaftigkeit.“

„Da könnte man viel Neues machen!“

„Wenn einer die Sache in die Hand nimmt, der viel Geld, Erfindungssinn und sonstige Fähigkeiten hat!“ sagte Schmitt. „Aber woher sollten die kleinen Pflanzer sich die technischen Behelfe beschaffen, die erst erfunden werden müssen?“

„Und die großen Gesellschaften?“

Aber der Amtmann und Schmitt zuckten nur die Achseln.

Nach einer Weile bemerkte der Amtmann: „Pfeffersäcke. Eine große Gesellschaft ist zum kleinen Pflanzer nicht wie hundert zu eins, sondern ist nur eine Multiplikation von zaghaften Einern mit eins, ist fünfmal eins oder achtmal eins.“

Da begann Pirath sich auch jenen notwendigen Erfindungen zuzuwenden, die die Kleinarbeit fördern konnten, und führte parallel mit diesen Bemühungen die Arbeit an der Aufteilung und der Organisation des ganzen Unternehmens.

An diesem letzten Werk schuf er mit systematischer Energie, immer wieder von der unermüdlichen Forschheit des Amtmanns, der sich für sein Werk Matantuduk aus dem Pirathschen Unternehmen die letzte Erfüllung versprach, dahin gewirbelt.

Pirath wurde in die andern paar Häuser eingeladen, er trank mit den ferner liegenden Pflanzern, die auf kleinen Wagen manchmal ankamen. Manchmal, wenn sie etwas vom Amtmann wollten, kamen auch die Verwalter der Choiseuil Compagnie, Australier, die nach englischer Art sich als den Mittelpunkt der Welt betrachteten und dennoch durch eine leichte nationale Verletzlichkeit das Gefühl von Konkurrenz, Neid und Unsicherheit verrieten, das sie den Deutschen gegenüber empfanden.

Sobald man sich trennte, gehörte Peter wieder ganz seinem Werk. Er fühlte dieses in sich anwachsen, wie ein Baum aus gut bereitetem Boden den kraftvoll sicheren Stamm erhebt, der sich in die Äste nach allen Richtungen aufreckt und sich in seinen letzten Äußerungen, in dem wirren aber planmäßigen, in dem an Richtungen nicht zusammenfaßbaren, aber an Willen einigen Netzwerk der Zweiglein in den nährenden Atemteich der Luft ausbreitet und Früchte reifen läßt.

Aus dem Boden der Finanzierungsberechnungen, die er zusammen mit dem Amtmann und mit Schmitt aufgestellt hatte, erwuchs sein Unternehmen und ordnete sich nach und nach zusammen wie ein kunstvolles Gebäude. Er fing alles in zusammengreifenden schriftlichen Darstellungen auf, die bestimmt waren, Hermann das Unternehmen zur letzten Entscheidung vorzuführen. Und aus diesen Blättern strömte ihm der Atem einer großen und kühlen Reife zu, sobald er sie in die Hand nahm.

Während in den ersten Wochen und Monaten, die der Entwirrung und der Formung jener unbewältigten Masse von Urwald galten, sein ganzes Menschsein mit in der Arbeit aufging, trat auf einmal auf dem Weg zur Vollendung ein neues und unbekanntes Gefühl nebenher. Es war eine schummerige flüchtige Sehnsucht nach einem formlosen wechselnden Etwas, das er vor sich in seinem Leben sah. Er spürte dies Etwas auf der Zunge, wenn es zu ihm kam; seine Fingerspitzen zückten danach; es lag wie ein bereifter Streifen auf seinen Augen; er konnte seine Wange darauf legen wie auf ein Kissen von Nebel, und sein Blut ging hoch wie ein Föhn, wenn es darauf drückte.

Gern ließ er sich abends aus der harten und starren Künstlichkeit seiner Arbeit in die Menschlichkeit des gastfreundlichen Paares sinken, von dem ihm dünkte, daß er nie schönere und edlere Menschen gesehen hatte.

Wenn dann die hohe blonde Frau sang, in Schubert die Seele der Heimat aus dem Schoß der Welt herauf sang, dann nannte er sie: Weyla, mit dem Namen aus jenem Gedicht, das er nicht verstand und das ihm doch alles Märchenhafteste und Zauberischste zwischen Mann und Weib zu sagen schien. Er umarmte sie in Vorstellungen von einer süßen Scham, und seine Augen wurden mild schmerzlich von den einsamen Heidemooren seiner Heimat betastet; seine Zunge empfand den tiefen schattenweichen Duft eines Waldes aus Norddeutschland, irgendwo erstand ein ruhiges mildes Haus, und Dämmerung regnete um ihn, während die abwechselnd warmen und leicht gekühlten Strudel der Abendluft seinen Leinenanzug durchstießen, die Grillen die ganze Nacht zum Kampf heraus pfiffen und fliegende Hunde wie lebendig gewordene Lappen von Palme zu Palme fielen und in den Wedeln klapperten.

* * * * *

Piraths Werk war vollendet. Der vierte Monat seines Aufenthalts ging zu Ende, und er wollte mit der „Java“ des Norddeutschen Lloyd, die dreimal im Jahre die Verbindung von Matantuduk nach Luabar machte, dorthin zurück, um den Prinzendampfer nach Australien zu nehmen. Dann kam gleich die Heimreise nach Europa.

Seit Tagen schon waren alle die Papiere wohlgeordnet und abgeschlossen, in denen der Plan des Unternehmens ausgebreitet, in denen die Mechanik vorgezeichnet lag, mit der jenes Stück wilden Landes drunten in den Weltverkehr und die deutsche Kraft eingezogen werden sollte.

Pirath faßte oft mit verliebten Fingern die beiden kleinen Bände an, von denen der eine ihm selber dienen, der andere als Abschrift davon Hermann gelten sollte. Aus der versenkten Ruhe seines Gemüts sprang dann in einem brausenden Glücksgefühl die Vorstellung von einer überquellenden Fruchtbarkeit auf. Er hielt die Hände von sich, spreizte die Finger und drückte sie zur Faust zusammen und sagte sich: „Es quillt mir zwischen den Fingern hervor!“

Er war Landwirt, Ingenieur und Kaufmann zugleich und verband so mit den von der Erde gegebenen Werten die Kraft, die Nutzanwendung des Geschenkten zu spekulativen Rechenmöglichkeiten zu steigern, die scheinbar sich zu grenzenlosen Räumen ausdehnen konnten. Sein Werk und seine Zukunft waren frei von der Verwirrung und der hitzigen Verstiegenheit des zeitgenössischen Treibens um Waren, um Geld, um Technik. Er schuf nicht für eine Mode, für einen Ehrgeiz, sondern nur für den ewig zeugenden Gedanken der Entwicklung, in dessen Schoß der Weg der Menschheit entsprang.

Aber wenn immer wieder einer dieser Tage des Wartens auf die Abreise zu Ende ging, so vermochte Pirath nicht, einer glitschigen Stimmung zu entschlüpfen, deren Zwiespalt ihn marterte. Hier hatte er seine Reife erlebt, und die Gastfreunde hatten daran teilgenommen, und nun, wo der Aufstieg vollendet war, mußte er sich von ihnen wenden. Das trat vor ihn, wie ein fataler Zug des Lebens. An einem dieser Tage vollendete er das siebenunddreißigste Lebensjahr. An diesem Tag erschien es ihm besonders verhängnisvoll, ja, von einer so bösartigen Vorbedeutung, daß er von seinem Feste nicht einmal zu den Gastgebern sprach.

Am Abend lag man in der dunkeln Veranda in den Liegestühlen, und die glitschige Abschiedsstimmung hielt alle drei zunächst erregt stumm.

Da begann Pirath, von diesem würgenden Schweigen bedrückt, von dem Zwiespalt und dem Ahnungshaften jener Gefühle zu sprechen, in denen er sich nun trennen müßte, da seine Reise zur Reife gelangt sei. Er lag im Stuhl auf dem Rücken und sprach geradeaus vor sich unter der Kante des Daches in die Nacht hinauf. Er wußte nicht, ob man ihm zuhorchte. Dem Amtmann geschah es öfter in der letzten Zeit, daß er unvermerkt einschlief. Vielleicht tat das Frau Ledinski heute auch. Um so freier sprach Pirath.

Als er geendet hatte, blieb es eine Weile stumm. Die Hitze quirlte aus den Palmen hernieder. Sie war wie ein Brei.

Und dann fiel plötzlich das Wort: „Ewe!“

Das Wort, von dem Pirath glaubte, daß nur zwei Menschen auf der Welt es kannten.

Er schrak ein wenig auf vor dem verklungenen Ton. Es war ihm einen Augenblick lang, als ob ein Gewölbe in ihm zusammenbräche. Aber er ertrug den Einsturz mit großer Beherrschung. Er richtete sich auf und schaute Frau Ledinski an. Sie hatte das Wort gesagt.

Sie reichte ihm durch die Dämmerung die Hand, und diese blonde, schmale Hand kam wie ein Engel durch die Dunkelheit und Hitze ihm entgegen. Pirath beugte sein Gesicht auf sie.

Eine Stimme klang: „Es kommt mir vor, als ob wir Verstecken um sie spielten. Ich mußte wenigstens ihren Namen einmal sagen.“

Piraths Gesicht sank inniger über die Hand. Es war, als ob er sein Gesicht in einen Rosen- und Liliengarten einschmiegte.

„Und sie ist es doch wert, daß man um sie leidet!“

„Ja!“ sagte Pirath entfernt und dunkel glücklich und unglücklich.

Sie schwiegen, und der Name war durch sie gegangen wie das Klingelzeichen, das den Vollzug des heiligen Geheimnisses in der Messe durch die inbrünstig verstummten Bänke der Gläubigen schwirren läßt.

„Daß Sie Ewe sagten!“ begann Pirath nach einer Weile und fügte dann ganz leise und zart hinzu, wie ein flehendes kleines Gebet: „Wissen Sie, wo sie ist?“

Nein! winkte Frau Ledinskis blonder hoher Kopf.

„Ich hab sie ja auch verwunden!“ sprach Peter still und fromm in die Nacht hinauf. „Sie ist mir wie eine der Wurzeln, mit denen ich unter der Erde ans Leben verwachsen bin. Nur weil Sie so unerwartet +den+ Namen sagten, den nur sie und ich kannten ...“

Frau Ledinski sagte leise vor sich hin: „Sie hat vorgefühlt, daß Sie zu uns kämen. Am Abend vor Kolombo sagte sie mir: ‚Wenn er kommt, so sprechen Sie einmal von mir‘.“

Da erfaßte unversehens ein wunderbares Gefühl, eine Erregung von ewigem Schmerz und ewigem Gut die Seele Peters. Er stürzte wortlos in die schwere Nacht der Tropen und in den wilden deutschen frühherbstlichen Sturm seines Herzens hinein.

Er ging den Weg hinter dem Häuserhügel hinab. Er sah über ferne Hügel die Gratlinien der schwarzen Inselgebirge durch die Sterne wandern. Die dunkeln Massen der Erde trugen die zarten südlichen Schwärme der Gestirne auf sich, wie wandernde Hünen zarte Vögelein auf den Gewölben ihrer Köpfe halten. Palmen spreizten ihre gefingerten Wedel üppig in die silbrige Finsternis hinauf. Mit einem Donner krachte nicht weit von Peter eine Kokosnuß in den Erdboden. Er erschrak vor diesem Ruf der Natur.

Pirath ging wieder den Hügel hinan. Er kam vor das dunkle und halboffene Haus der schwarzen Soldaten. Er sah die Schwarzen durch die offene Tür mit ihren Weibern zusammen in der Dunkelheit liegen. Nur manchmal glühte eine glimmende Kokosschale auf, wenn sich einer eine Pfeife anbrannte. Die Soldaten brummelten auf ihren Maultrommeln mehrstimmig und weich eines der Tanzlieder ihres Volkes. Es scholl heraus als eine verfließend begehrliche und wehmütig zarte Musik. Es war, als ob die Dunkelheit selber sänge und summte.

Die Brandung des Meeres scholl hinein, und in der Nacht leuchtete der Gischtstreifen des Riffs.

Plötzlich schwankte ein Licht auf dem Meer. Stimmen riefen aus der Dunkelheit: „Schiff! Schiff!“ Soldaten stürzten heraus. Pirath lief zum Kai hinab.

Dort stand der Amtmann. Der sagte: „Die ‚Java‘ ist es nicht!“ Pirath erschrak: Die „Java“ — der Abschied!

Frau Ledinski kam durch die Dunkelheit heran. Sie leuchtete in ihrem weißen Kleid in der Nacht wie eine Heilige.

Ein Boot hörte man mit regelmäßigen Schlägen rudern.

Das Boot trieb bald an den Kai. Ein schwarzer Soldat des Amtmanns hielt eine Laterne hin, und ein Mann stieg herauf. Der trug zu einer Kakihose einen dunkelblauen Rock mit messingnen Knöpfen. Auf jedem Knopf war ein Anker. Aber ein Anker war anders als der andre. Der Mann hatte einen ergrauten Knebelbart und eine riesenhafte rote Nase, an die er sich rasch faßte, wie um sie zu verdecken.

Er sagte: „Ich bin Kapitän Damm. Störe ich nicht? Ich bin nämlich besser als meine Nase, wenn Sie sich drüber wundern sollten, daß ich Sie, die Nase in der Hand, begrüße.“

„Nein, nein!“ riefen die drei zusammen. In der glitschigen Stimmung freuten sie sich, daß es noch nicht die „Java“ war, und sie waren glücklich, daß ein fremder Mensch zu ihnen kam und sie aufheiterte. Der Kapitän erklärte, er könne zwischen den engen riffigen Inseln nicht gegen den Wind kreuzen und müsse abwarten, bis der Wind umginge. Er habe die Häuser gesehen, und er mache hiermit seine Antrittsvisite. Er müsse wegen des fehlenden Zylinders um Entschuldigung bitten. Den behüte seine Ohlsche in Blankenese, wenn er nicht inzwischen ins naturhistorische Museum nach Hamburg gekommen sei. Aber er habe seine beste Mütze aufgesetzt.

Frau Ledinski lud den Kapitän gleich ein, mit ins Haus hinaufzugehen. Der Kapitän war ein Witzbold. Er trank für sich allein etwa fünf Flaschen Mosel und sagte: „Der is auch nicht an Ihren Palmen gewachsen.“ Manchmal bat er dazwischen um ein Gläschen aus der Kirschwasserflasche, die vom Kaffee her auf dem Tisch stehengeblieben war. „Es ist, um die einzelnen Gläser Mosel zu verbinden!“ bemerkte er. „Man muß trinken, daß es im Bauch eine Girlande wird, segg ik jümmer!“ Und sein Knebelbart hob sich seiner Nase entgegen, die wie eine prachtvoll rotbackige Bergamottebirne sich aus seinem Komikergesicht auf das Kinn niedersenkte, während beiderseits über dieser Nase die Äuglein, gleich zwei grünen Kügelchen, immer in einer entzückten Flüssigkeit schwammen und blinzelten. Es lag ein ganzer kleiner Himmel in diesen nassen Äuglein. Dies Gesicht änderte sich nie. Es war bei jeder Rede, sie mochte ernst sein oder zum Lachen reizen, von demselben schwerfälligen und komischen Verwurschteltsein. Es war, als sagte und hörte es ernst und gleichmütig die scherzhaftesten und witzigsten Dinge, und als lachte es sich faltig bei einem Gespräch über Leichen auf See. So war jeder Ausdruck in vielfach verschlungenen Zügen von vornherein darin ausgeprägt. Das war sehr belustigend, manchmal aber ein wenig geisterhaft anzusehen.

Man feierte den unerwarteten Besuch des ulkigen und errettenden Landsmannes bis spät in die Nacht hinein. Man fühlte sich wie aus einem Kessel voll zwiespältigen Unbehagens heraufgezogen und einer lieblichen burlesken Landschaft ausgeliefert. Die Urwaldgebirge schienen unter der Nacht freundlicher und vertrauter geworden zu sein. Man sprach übereinander. Der Kapitän Damm hatte ein kleines Haus mit einem Garten und Hühnern, Enten, zwei Ziegen und einem Schweinestall in Blankenese. Seine Frau verwaltete das. Er fuhr schon über anderthalb Jahre, ohne zu Hause gewesen zu sein. Er sprach mehr von dem Wurf von jungen Schweinen und der Sorge um einen rasseseltenen Enterich als über seine Frau. „Die Ohlsch weilt immer beim lieben Jott!“ bemerkte er. „Ick bin zu sehr ‚hienieden‘ for sie.“

Sein Schiff hieß „Hinnerjette Hahnbock“ und war eine kleine Viermastbark, die 1400 Tonnen faßte. Sie war mit Stückgut von Hamburg nach Sydney gefahren, hatte von Newcastle Kohlen für die Marine nach Matupi bei Rabaul gebracht. Der Kapitän war Mitinhaber des Schiffs. Er wollte eigentlich unter Ballast nach Australien zurück. Dort hätte er Getreide für Europa oder Kohlen für die Salpeterküste laden können. Aber es fand sich, daß es mit der Zeit schlecht ging. Das Getreide war schon verschifft. Die Kohlen zahlten augenblicklich so niedrige Fracht, daß er etwas anders unternahm. Er lud Muscheln und Kopra in Rabaul und wollte sie den neuen Weg durch den Panamakanal nach Europa bringen.

„Ich bin nämlich immer mal fürs andre!“ bemerkte der Kapitän, und um das in einem kleinen Beispiel gleich praktisch vorzuführen, fragte er: „Sehen Sie, Herrschaften, hätten Sie nich so nen lütten guden Rum of Jamaica. So dazwischen ...m ...m? Ohne Rum gibt’s für nen ollen Seeonkel doch kein Vergniegen nich.“

Dazu schien das Gesicht zu weinen, und Ledinski ließ die Rumflasche kommen. Da spitzte der alte Säufer den dicken Mund unter der Bergamottenase.

„So! dat schmiert all wiederum!“ Er fuhr fort zu erzählen, daß er nun etwa bis auf den 35. Grad hinunter müßte, und so bei den Kermadekinseln hätte er Rendetzvutz mit die braven westlichen Winden. Aber bis dahin habe die Bark „keinen Usus vor sich“, drückte er sich aus, das heißt sie konnte nicht auf schriftlich niedergelegte Erfahrungen hin segeln, sondern müßte sich ihren Weg zwischen den Inseln und Riffen selber suchen. Aber einmal da unten, da riecht die „Hahnbock“ ihren Weg. Sie hat ihn schon ein paarmal gemacht.

Während er dann von alten Reisen im Stillen Ozean erzählte und dabei, im Anschluß an seine zahlreichen Girlanden von Alkohol und die Palmenpflanzungen der Gegend, von Inseln phantasierte, die mit Kokosnüssen belegt seien, wie bei uns ein Pferdestall mit Roßknödeln und kein Mensch kümmere sich darum — vielleicht liegen diese Inseln im Mars — kam Peter Pirath eine Vorstellung, die ihn wie eine rasche Überschwemmung unwiderstehlich anfüllte und über abenteuerliche mächtige Wege der Wirklichkeit zu entführen drohte. Wenn er, statt mit dem braven Dampfer über Sydney nach Hause, seine Reise mit diesem großen Unternehmen schlösse: Mit der „Hinnerjette“ zum Panamakanal, von dort heimwärts? Und vielleicht fanden sie die Insel, die noch nicht entdeckt zu sein schien und deren Boden die Kokosnüsse bedeckten, wie in Deutschland die Buchenblätter den Waldboden. Das wäre ein Schlag!

Er sagte rasch und hitzig, als ob es ihm entgehen könnte: „Kapitän, nehmen Sie mich mit durch den Panamakanal?“

Der Kapitän schaute auf, blieb eine Weile stumm, und dann kam zum erstenmal etwas in sein Gesicht, das wie ein Lachen ausschaute. Alle Falten falteten sich noch einmal, die Kreuz und Quere zuckte es wie gebrochene Streichhölzer über die Backen, die Stirn, und die Nase schwibbelte ein wenig und wollte sich am aufstehenden Bocksbart kitzeln. Auch das Ehepaar schaute Peter erstaunt an.

Der sagte heftig: „Das ist doch einmal eine andere Sache! Und dann komm ich ganz um die Welt herum!“

„$All right!$“ rief dann der Kapitän ruhig. „Ich persönlich fahr aus Prinzip auf keinem Dampfer. Unser Menü ist am ersten, vierten und siebenten Tag der Woche Salzfleisch, am zweiten und sechsten Tag Salzfleisch und am dritten und fünften Tag Salzfleisch. Behagt Ihnen das? Mir recht. Ich geb Ihnen meine Kabine und den Salon. Und dann feuern wir der ‚Hahnbock‘ in die Nüstern. Sie ist ein Renner, $first class$. Bei raumem Wind nie unter hundertachtzig am Tag. ’n bäten Water schöpft sie ja wohl. Aber wir sitzen achtern hoch ...! Und am Panamakanal können Sie ja den Dampfer nach Europa nehmen, wenn Ihnen ‚Hahnbocken‘ zu schnell reitet, hi, hi, hi, und zu gut kocht ...! Wie ist’s mit der Seelenspeise?“ fragte er plötzlich, wie ernüchtert. „Ich bin nur auf mich eingerichtet ...!“ Und er zeigte auf die Wein- und Schnapsflaschen auf dem Tisch.

Da sagte Frau Ledinski ein wenig aufgeregt: „Wir können unsern Rest mitgeben. Die ‚Java‘ kommt ja morgen oder übermorgen mit neuem Proviant.“ Sie war begeistert von Peters Plan. „Auch Konserven! Brr, das Salzfleisch! Es schmeckt wie stickige Luft.“

„Wie Honig!“ warf Damm empört dazwischen. „Überhaupt das beste Essen, wo man hat. Und braune Bohnen dazu ...m ...m ...m!“

Er leckte mit der Zunge um seinen glattrasierten großen Mund und schlürfte.

„Haben Sie Hunger?“ fragte Frau Ledinski lachend.

Der Kapitän sagte ernst: „Ich bin ein aufrichtiger, ein ganz aufrichtiger Mensch.“

„Also ja!“ rief Frau Ledinski.

Damm winkte ernst zu.

Sie aßen alle noch einmal. Der Wein schwelte in ihren Köpfen weich auf. Er vergrößerte bei jedem die Eigenarten der Anlage. Ledinski sprudelte von Einfällen, der Kapitän war nudelig und knusperig, ging auf wie ein Strudel, Peter Pirath spürte das Gemüt wie einen tiefen Brunnen in sein Gehirn gegraben, und es scholl herauf und ward Musik, die alles Genaue und Greifbare verwischte, und Frau Ledinski empfand als ein eigenes das naive Glück dieser drei so verschiedenen Männer.

Schließlich wollte der Kapitän zum Schiff zurückfahren. Frau Ledinski sagte: „Aber Sie schlafen doch bei uns!“

Damm entgegnete mit ernstem Gesicht (oder lachte er?): „Ick slap immer bei meiner Hinnerjette, Hinnerjette! Hahnbock! Hahnbock! Nichts für ungut. Hahnbock!“ fügte er noch einmal energisch drauf.

Sie führten ihn zum Ufer. Die beiden Matrosen, die Damm an Land gerudert hatten, waren von Frau Ledinski hinter dem Haus bewirtet worden. Sie warteten am Meer. Einer von ihnen war betrunken und quatschte das Ehepaar und Peter immer an. Da nahm ihn der Kapitän bei der Brust, hob ihn über den Rand des Bootes und drückte ihn nieder: „Verteuf man en beeten, du Oos!“ Der Matrose maulte auf. Der Kapitän sagte: „Et is ne Dame hier. Bei Roerslag twintig butenland fangst eene, du Nickel, du Normann!“

Das Boot stieß ab.