Piraths Insel

Part 26

Chapter 263,762 wordsPublic domain

Tilla war oft in Wien. Hermann mußte wegen seiner Geschäfte manchmal nach Deutschland. Er blieb dann stets ein oder zwei Wochen fort. Für Peter, dessen Fieberanfälle nicht nachließen, stellte man schließlich einen Krankenwärter an. Als dies Peter eröffnet wurde, zog sich sein Inneres noch scheuer, kranker und unfähiger von Europa zurück. Eine Mattigkeit überkam ihn, ein wehes, weites Sehnen nach ungreifbaren Dingen.

Peter ging über die Straße. Ein Pferd stand dort an einem Wagen. Es war Sommer und Sonne. Peter schaute dem Pferd in das große Auge, das Fliegen umschwärmten. Das Auge war schön und kannte keine Grenze von dumm und klug, von Leid und Lust. Alles in diesem Glanz war ein Reif, in dem sich das Leben in allen Äußerungen bedeckte, in dem sich Menschheit, Tierreich, Pflanzen, männlich und weiblich verschlangen. Wo war es einst so? Und aus der Tiefe seines Blutes brodelte es heiß auf, und eine kräftige Stimme sang geradeaus: „Ki ... li ... li ... ki ...!“ Die Insel hob sich in ihm wie eine Erlösung, wie eine Erfüllung des physischen Lebens ohne Rest von Sehnsucht und Suchen, von Streben und Gehirnkraft, die in tausend Richtungen verlief, man sah nicht wohin. So riß er sich vom Pferdeauge los, das ihn zwei Minuten lang erlöst hatte. Kreise von Vorstellungen drehten in ihm auf. Und es geschah in ihm, daß er einen jeden dieser Kreise durch einen Laut festhalten wollte, durch einen kurzen melodischen Laut, wie der Urwald drüben sie in Menschenkehlen legte. Er sagte: „Ping!“ kurz, scharf und laut, und das bedeutete etwa: Ich zeuge mit Seeschwalbe in süßer milder Nacht. In einer Hecke höhnten zwei Knabenstimmen ihm nach: „Pang!“ Und Kindergelächter überfiel ihn und stieß ihn zurück von der weißen Welt und der schwarzen, zurück in Einsamkeit und Krankheit. Er ging als Sonderling umher. „O, der!“ sagten die Leute, wenn Fremde nach ihm fragten. „Das ist der Lange mit dem Span aus der Villa Walküre.“

Wenn jemand seine Schwägerin fragte: „Was fehlt ihm eigentlich?“ so sagte sie lächelnd: „Das Paradies kam ihm abhanden!“ — „Das Paradies?“ — „Ja, ja. Er sucht im Wiener Wald das Killekille, das er in der Südsee verloren hat. So ähnlich hieß seine Insel drüben.“ Die Menschen lächelten.

Wenn Peter zu den Ruinen hinaufstieg, durch den struppigen Tannenwald, und dann weiter oberhalb des Kalkbruchs durch die harte Heide ging, das war sein liebster Spaziergang, denn es begegneten ihm nie Menschen dort, dann spürte er sein Herz, als ob es eine dünne Blase sei, die zerplatzen könnte. Der Arzt im nahen Sanatorium sagte, das Herz sei sehr in Unordnung. Er riet zu einer Wasserkur. Der Wärter begleitete Peter dann jeden zweiten Tag in die Wasserheilanstalt. Peter ließ lächelnd den Badediener die Kur vollziehen. Er lag dann in den Flanelldecken, und in der wohligen Ermattung, die ihn überfloß, erstaunte er, daß man sich so viel Mühe mit ihm gab. So viel vergebliche Mühe. „Denn sieh, Doktor, ich will doch sterben!“

Im Garten traf er immer ein Schwesternpaar, die Töchter des Arztes. Es waren zwei junge Mädchen, mit schmalen Köpfen, einer braunen Haut und großen dunkeln Augen, und es war ihm, als ob diese beiden näher jener Sonne gewachsen waren, deren heimlichen Fluch er nach Europa gebracht hatte. „Perserinnen,“ sagte er, so oft er sie sah, für sich, „ich liebe euch!“ Die Leute hörte er stets sich über die Ähnlichkeit der beiden Mädchen ergötzen. Sie waren Zwillinge, und niemand konnte sie recht auseinanderhalten. Aber er konnte das sofort. Er sah auch, wie die eine fließend weich und die andere glühend hart war, was sonst niemand sah.

Einmal standen sie am Tor, als er allein von der Kur kam und nach Hause gehen wollte. Er schaute sie an, wollte ihnen zulachen und sah, wie die beiden großen Augenpaare, wie zwei Scheinwerfer, Mitleid auf ihn strahlen ließen. Da blieb er stehen und sagte leise: „Aber Kinder, das Sterben ist doch meine Heimat!“ Die Schwestern jedoch streichelten seine Wangen und mußten sich dazu auf die Zehen stellen. Ihre großen Augen waren zugleich voll Tränen und Lachen, und das weiche Herz und das glühend harte Herz fühlten das Große, was diesen kranken Mann durchrauscht und verlassen hatte.

Jenseits des Weges war Tilla vorübergegangen. Sie grüßte hochmütig lachend und sagte später zu Hause: „Robinson, du machst Eroberungen!“

Hermann war telegraphisch fortgerufen worden und schickte aus Hamburg ein Telegramm, er müsse nach Neuyork reisen und hoffe in einem Monat wieder zurück zu sein. Als Peter das Telegramm las, überkam ihn eine fröhliche Wehmut, die er selber nicht verstand. Er dachte und dachte und glaubte dann, diese sonderbare Stimmung käme daher, daß er nun Hermann den Anblick seines Sterbens ersparen könnte.

Dies Gefühl überrankte sein Herz so stark, daß er unbedachtsam Tilla davon sprechen wollte. Aber kaum hatte er den Mund geöffnet, so wurde etwas kalt in ihm. Er sagte: „Der Dvorak läutet!“ Tilla hatte nicht läuten hören. Da rief die Klingel, kaum daß Peter das letzte Wort gesagt hatte. Tilla erschrak. Was wußte er? Sie stand groß in ihrer schlank gefaßten Üppigkeit vor ihm, schön wie eine Zeder, achtlos dieser Welt ergeben, siegreich und stolz in ihrer Gesundheit. Sie fürchtete ihn jetzt manchmal. Seine Verrücktheit schlug auf gefährliche Nebenwege. Mit dem Sänger hatte sie sich in eine Art eingelassen, die ihr selber nicht ganz recht war. Aber Peter sah sie vor sich, vom Zwiespalt seiner Gefühle heftig umdrängt. War sie das fremde Land nicht etwa, das er verloren hatte? Sie sagte gierig: „Woher weißt du, daß es Dvorak ist? Robinson, woher ...?“

Da kam das Dienstmädchen und warf das Wort: „Herr Dvorak!“ zur Tür herein.

Herr Dvorak trat ein, üppig und weich von der Wichtigkeit, die er sich anhaften glaubte, geschaukelt. Tilla rief: „Herr Dvorak! Servus! Denken Sie sich, unser Robinson hat Sie geahnt!“ Aber heimlich stürzte ein Schauer über ihre braune Haut bei den letzten Worten.

Peter ging, schmerzlichen Gefühlen eine Beute, und er wußte und wußte nicht, was für Gefühle das seien, die ihn von Tilla und dem Sänger davongestoßen hatten. Er hatte von der Begegnung mit den süßen Zwillingen her eine Wärme im Blut behalten. Er glaubte, er müsse sie auf Tilla übertragen. Und er wußte doch, wie es um Tilla und den Fremden stand. In heimlichen Zwiegesprächen, die er nachts im Bett mit sich durch seine zähe Schlaflosigkeit hindurch hielt, hatte er sich mit dem Blut der Schwägerin auseinandergesetzt. Das Blut der Schwägerin war wie das Blut einer Zuchtstute gewesen, schwer, voll Drang und zuwartender Kraft. Kein Name war bei diesem Zwiegespräch gefallen. Keine andre Person war zwischen sie und ihn gekommen. Es war ein aus der Ewigkeit her reines Beieinandersein des tiefsten und wahrhaftigsten Bluts gewesen.

Peter ging den steinigen Weg wieder hinab, dann über den weichen gepolsterten Tannenwaldweg und zur Wasserheilanstalt. Er wollte die Zwillinge sehen und mit ihnen sprechen. Aber sie waren nicht da, als er kam. Der Arzt fragte im Vorübergehn: „Wie schaut’s bei Ihnen aus?“ „Gut!“ sagte Peter nur und entfernte sich. Er ging jetzt schon wie zögernd, auf einen Stock gestützt und tief wie über sein krankes Herz vornüber gebeugt. Im Hotelgarten neben dem Sanatorium saßen viele Leute um eine Schrammelmusik. Ein Glas zersplitterte. Eine heftige Stimme schimpfte. Ein Maulbeerbaum warf Peter eine reife kleine Dolde seiner Früchtchen auf die Hand, die den Stock führte. Ein schleimiger Saft blieb von den Beeren auf der Haut. Vier junge Mädchen kamen von der Badeanstalt herauf. Das Wasser schien noch an ihnen zu glänzen. Ihre Jugend strotzte. Peter schaute sie im Vorübergehn scharf an. Er sah in ihnen hinter den jung drängenden Brüsten, die den geblümten Stoff heimlich aufpreßten, hinter den dummen funkelnden Kinderaugen, hinter dem mutwilligen Gang, Keim und Skelett. Entstehn und Endigen! Das war nicht schreckhaft, nur von der Ewigkeit her natürlich.

Die vier Mädchen tollten vor ihm daher wie junge Hunde. Sie gingen seinen Weg im Zickzack vor ihm hinauf, auf die Villa Walküre zu. Dort stand Tilla in der Tür. Vielleicht hatte sie den Sänger hinausbegleitet. Der stieg die lange Treppe ins Dorf und zur Elektrischen hinab.

Peter ging zu ihr und sagte ruhig: „Tilla, schau diese vier Mädchen an, die vom Baden kommen. Ich sehe in ihnen Keim und Skelett.“

„Pfui!“ machte Tilla. Sie wollte gehen. Aber sie blieb. Seit einiger Zeit kam etwas immer stärker aus Peter, das sie gegen ihren Willen heimlich in Besitz nahm, eine dunkle, geschlossene Kraft, die sie nicht erkannte.

„Ihr seid alle,“ fuhr Peter fort, „angeknüpft an ein Drahtseil zwischen eurer Geburt und eurem Tod. Aber sieh, ich bin das nicht. Ich bin ins Endlose abgeschnitten worden.“

Dann ging er an ihr vorbei und in seine Zimmer, und er war so etwas wie glücklich, daß der Sänger nicht mehr bei ihr war. Abends aßen er und Tilla zusammen, während eine ihm fremde Dame hereintrat. Sie begrüßte Tilla lärmend und schaute sie mißtrauisch an. „Ach, verzeih, du kennst ja unsern Robinson noch nicht!“ sagte Tilla. Früher hatte Tilla diesen Namen stets nur in der Familie benutzt, jetzt wandte sie ihn bei jeder Gelegenheit an. Sie nannte diesen Namen, weil er ihr verächtlich erschien und weil sie sich für die Gewalt, die der Schwager mit dem Span über sie gewann, rächen mußte. Manchmal variierte sie auch: „Unser Peter aus der Südsee, oder der Killekillepeter.“ Aber Peter verstand das wohl und verargte es ihr nicht. Es knüpfte sie ja, aus dem dunkeln Chaos heraus, in dem sich alles ungelöst Ursprüngliche der Menschen in Gut und Blut durcheinander mengte, an ihn an, aus der strudelnden Schlucht des Gefühls heraus. Und durch diese Schlucht hatte Kililiki ihm Wege gebahnt.

* * * * *

Ein gewittriger Augusttag ging schwer und gereizt dahin, an dem Peter sein Herz noch um ein Gewichtchen leichter werden fühlte. Er legte sich in einer späten Nachmittagsstunde, oben, wo der Rasen an den Wald stieß, mit dem Bauche auf den Boden, öffnete das Hemd und drückte die nackte linke Brust fest an die krümelige Erde. Es war ihm, als ob der Boden leise wellte unter seinen schweren Herzschlägen. Peter wußte nicht, weshalb er so sein Herz in den Erdboden hineinklopfen ließ. Er lag eine Viertelstunde da, dann hörte er Tilla heraufkommen, und er schloß rasch sein Hemd. Die Erde rann wie Tierchen an seiner Haut hinab. Er stand auf.

Tilla sagte im Vorbeigehen: „Ach, Robinson! Du!“

Peter schaute sie an, und sie blieb unter seinem Blick stehen. Es war ihr, als läge dieser Blick tief in der Erde und sei ein Wasser, das sie von dorther plötzlich anschaute. Sie erschrak.

Peter sagte gleichmütig: „Es erleichtert dich, wenn du mich mit diesem Namen nennen kannst.“

Tilla erschien es wie selbstverständlich, daß er dies an ihr durchschaut hatte. Sie antwortete einfach: „Ja!“

Da meinte Peter: „Das tut mir leid, denn morgen kannst du nicht mehr Robinson zu mir sagen.“

„Weshalb nicht?“ fragte sie.

„Weil ich heute oder morgen sterbe!“ sagte er ruhig und gleichgültig.

Es schauerte sie. Ein Grausen überlief sie, wie vor einer Weissagung; es war, als ob eine der geheimen Kräfte den Nebel vor dem kommenden Tag weggeblasen hätte, und sie sah den erschreckend nackten Leib des nahen Teils der Zukunft. Sie wurde kleinlaut. Sie sagte: „Peter, ich werde es nicht mehr tun, wenn es dir weh tut. Verzeih mir!“

„Ich hab nichts zu verzeihen!“ antwortete er. „Du bist jung und gesund. Auch ich hab einst getan, was ich wollte.“

„Du warst König einer Insel!“ meinte Tilla. Der Spott wich ganz von ihr. „Soviel ist keiner von uns gewesen.“

„Wenn du am Klavier spielst, so bist du das auch, und mir ist, als ob ich’s wieder sei. Wenn ich in eines der großen Pferdeaugen schaue auf der Straße, oder vor der Wirtschaft unten, so bin ich’s wieder! Heute ist Vollmond.“

„So! die Nachtinsekten fliegen wieder so stark.“

„Woher weißt du das?“

„Ich sehe sie jeden Abend.“

„Nein, ich meine, woher weißt du, daß sie fliegen, weil der Mond kommt.“

„Das weiß ich nicht!“

„Aber ich weiß es; ich spreche mit ihnen.“

„Was sagst du ihnen denn?“

„Ihr könnt sterben, ich muß leben!“

„Peter!“ schrie Tilla auf. Es ward ihr unheimlich. Die Dämmerung floß aus dem nahen finstern Wald. Sie waren beide allein im Garten. Sie wäre gern ins Haus gegangen. Aber der grausige unverständliche Zauber seiner sonderbaren Worte hielt sie draußen bei ihm.

„Ja, das sag ich doch!“

„Und sie ... sie antworten dir?“

„Natürlich!“

„Was sagen sie denn?“

„Sie werfen sich in Lüsten übereinander und zeugen, und sie sagen: ‚Unser Tod ist doch unser höchster Augenblick. Unser Tod wirft uns von Zukunft zu Zukunft.‘ Und ich sag: ‚Das weiß ich. Euer Tod ist Glück!‘“

„Hassest du sie wegen dieses Glücks?“ fragte Tilla.

„Ich hasse sie. Aber das ist Liebe. Ich hasse dich ja auch.“

„Also liebst du mich auch?“ lachte Tilla, aber unsicher.

Da sagte Peter: „Der Sänger kommt den Weg herauf. Geh!“

Tilla erschrak. Wieder der Sänger? Sagte er das in einer Absicht? Denn er konnte von hier aus weder hören noch sehen, ob jemand drunten den Weg heraufkäme, besonders in der Dunkelheit.

Peter meinte: „Du siehst ihn nicht. Aber ich sehe ihn! Das ist, weil ich mit den Nachtinsekten sprechen kann, weil ich sechzehn Jahre auf Kililiki gelebt habe, und weil heute oder morgen, wenn der Mond über den Anninger steigt, ich sterbe. Gott sei Dank. Ihr habt die Natur verlassen, deshalb konnte ich nicht mehr zu euch zurück.“

„Aber du bist doch bei uns. Mußt du dich über uns beklagen? Pflegen wir dich denn nicht gut, sag, Peter?“

„Ja, als Kranken pflegt ihr mich. Ich aber war König von Kililiki und sah der Welt durch den Nabel. Da ist der Sänger.“

Peter wandte sich schroff um und ging davon.

Hinter den Hecken trat der Sänger hervor. „Servus, Gnädigste! Die Zofe sagt mir, Sie sind ...“ Er sah den langen Robinson davongehen ... „Stör’ ich?“ fragte er beleidigt.

Tillas Herz machte einen Schlag. Woher wußte Peter, daß Arnulf kam. Er hatte es gefühlt. Sie ging rasch den Weg zum Haus hinab. Der Sänger trottelte hinter ihr drein mit ängstlichen Fragen. Sie wehrte ihm unwirsch ab. Das Grauen lief wieder über sie hin und her. In ihrem zwiespältigen Herzen dämmerte etwas auf von der fremd gewordenen Seele Peters, die sich in die geheimnisvollen Zustände der unentdeckten Insel in der Südsee zurücksehnte. Erst als sie eine Weile mit dem Sänger im hellen Zimmer war und über allerlei alltägliche Dinge gesprochen hatte, wich der Spuk von ihr.

Peter ging in den Wald hinauf. Er lief oben durchs Gestrüpp an der Ruine vorbei. Dann kam er über die Kalkgruben an die nackte Kante der Hügel. Der Mond hob sich hinter der künstlichen Ruine in die freie Nacht und warf sein Licht auf den steilen Buckel des Anninger. Peter ging bis zu den Felsen, die den Hang einbordeten und die gerade der erste Mondstrahl streifte. Peter schlich am unebenen Rand entlang, jäh an der Kante, streckte den müden Kopf steil rückwärts und sagte: „Bitte, erhöre mich, du Drunten!“

Aber der Mond füllte die Kluft des Kalkbruchs unter seinen Füßen schnell mit einem dicken Teich von grüner zäher Dämmerung. Er warf Peters Schatten lang, vielfach gebrochen und dünn vor ihm her über die Steine und in die Bäume hinein. Im grünen Himmel zogen sich dünne Wolkenschwaden zusammen und spreizten sich jäh auf über das ganze Firmament, wie eine weitausgestreckte Hand mit fünf Fingern. Allmählich erkannte Peter das Bild der Wolken. „Nimmst du mich, Hand?“ fragte er da.

Er sprang von einem Felsen hinüber zum andern. Es schwindelte ihn ein wenig beim Sprung. Er fiel jenseits nieder und krallte sich in ein Eichengebüsch hinein. Ein Fuß trat hinterrücks ins Leere. Das Herz zuckte veratmend in den tiefen Trichter zurück. Aber Peter ließ die Hände nicht los und zerrte sich hoch.

Da ging er von den Felsen davon in den dunkeln Wald. Er spürte sein Blut im Fieber dünn und heiß werden. Wie schmerzende und schneidende Töne durchfloß es seine Schläfen. „Jetzt singt er Amfortas!“ sagte Peter, „und sie spielt dazu.“ Er schritt rasch durch den Wald zurück. Das Fieber stieg hastig. Seine Beine zitterten. Seine Augen fingen das Nachtbild nur mehr schwankend auf. Er ging zur Villa. Von hinten aus dem Wald heraus fiel er den Hang hinab in den Garten. Er hörte die Stimme des Sängers. Sie schwebte durch die Nacht wie eine andre Welt, und wie ein süßes mächtig wühlendes, steigendes und stampfendes Segelschiff zog die Musik des Klaviers mit der Stimme daher.

Peter stürzte durch den Garten hinab näher zur Musik hin, die sein Herz umarmte. Seine Schläfen bebten. Seine Adern durchzogen die mordenden Schwärme der Malariatierchen, und wie eine unerschöpfliche Kaserne warf seine Milz immer neue Bruten aus, die erobernd ihn durchstürmten. Der Schmerz betäubte ihn ein wenig. Sein Gemüt floß in die Töne hinein, die ihm entgegendrangen.

Da sah er in ein offenes helles Fenster. Er ließ sich in den Rasen nieder und schaute. Am Klavier saß Tilla. Ihre Bluse war aus weißer leichter Seide, tief ausgeschnitten, und das Licht drang unter dem Schirm am Klavier hell auf die starke Brust ein. Ihre Finger rissen Töne aus den Tasten. Ihre scharfe Nase sprang ins Licht der Klavierlampe, und der Mund verzerrte sich in der Leidenschaft des Spiels wie eine Pflanzenranke. Der Sänger stand hinter ihr. Es brannte im Zimmer kein Licht außer der Klavierlampe. Der schwarze, große und weiche Kopf des Sängers stand im Dunkeln, nur blaß beleuchtet von dem grünen Licht, das durch den Schirm aufwärts drang. Man konnte nichts erkennen in diesem Gesicht, nur daß es abwärts gerichtet war, und daß sich der große Mund öffnete und ihm das Wunder des Verfluchtseins entströmte, wie ein Atem Gottes, der willkürlich Lust und Leid auswirft.

Peter sog die Musik auf. Er ließ keinen Blick vom hellen Fenster, und während der Sturm des unheilbaren Gemüts herübertoste, voll triefender Schwärze und ewig strömend, sagte sich Peter: „Ich sehe durch das helle Fenster wie in einen offenen Menschen. Jetzt wird der Sänger sich herüberlehnen und sie anfassen, denn sein Blut begehrt ihrer.“

Er war nicht eifersüchtig. Gewiß liebte er Tilla. Aber er starb ja. Die Musik des Amfortas quoll wie ein Schoß aus, wie ein trächtiger Schoß voll Ewigkeit, voll Formen und Geruch, peinigend und erlösend und wieder verstoßend. Und da legte sich langsam der schwere dunkle Körper des Mannes von hinten an die weiße zarte Bluse an. Eine Hand griff aus dem dunkeln Teich des Raumes heraus, blätterte rasch um und ging nicht wieder zurück in den Teich, sondern blieb an dem gehobenen Gewölbe der wogenden Frauenbrust liegen, die tief im Licht entblößt war, und die zerrenden Töne der Menschenstimme und die rasenden Schreie des Klaviers riefen nur heftiger und schmerzhafter auf.

Da wälzte sich Peter wieder davon und eilte in den Wald zurück. Die Erde sauste kreiselnd vor seinen fieberbedrängten Augen. Der Boden schaukelte unter seinen fiebergefüllten Beinen davon. Peter keuchte und stöhnte, sprang und fiel durch die Finsternis des Waldes den Berg hinan. Oben lief er, über Stock und Stein hinstürzend und sich wieder hochraffend. Sein Herz schlug wie ein Glockenschwengel, aber es schlug nicht genug zum Sterben, und er lief und lief. Er hörte seine Herzschläge wie eine Sturmglocke die nächtliche Heide überbollern.

Dann stürzte er hin. An einer hellen Stelle stürzte er hin, mit dem Rücken über einen flachen Felsblock, und um den Block krauste sich das Gebüsch wie verborgen schwarzes Haar. Der Mond schien groß und dumm, wie die Erde, mitten in seine Augen. Das Herz stieß wie ein Maschinenkolben in seiner Brust, seinem Willen fremd. Er riß die Augen auf, denn aus der Tiefe der Gräser und des Buschwerks, der Steine und aus dem Spalt des Tals und aus den Eichen und Tannen stiegen Heere von Insekten auf. Der Mond stand wie ein Molochmaul feurig geöffnet in der Nacht. Die Nacht, allmählich und dunkel erglühend, war wie ein ungeheurer Ofenbauch aufgewölbt. Die Sterne blitzten wie Löchlein in den eisernen Flanken, durch die das innere Feuer schlug.

Aus einem Wacholderbusch säuselte das Volk „Grüne Braut“ auf. Es waren zephirgrüne, zarte Insekten und durchsichtig wie ein Tautropfen, und die Männer trugen zwei buschige hellbraune Hörner am Kopf. Die Prismen ihrer Augen funkelten herausgeschoben nach allen Seiten in Gier, und das Quentchen Blut, das in dem Körperchen war, fühlte sich unversehens, so im Wirbel des Schwarms, zu ewiger Seligkeit erhitzt. Und eins das andre in tändelnder Gewalt überhuzelnd, nahmen sie ihren Flug, zu dem großen feurigen Maul der Nacht, das sich weit und rund über dem schwarzen Anninger aufriß. Das Volk der zarten Dreischwänze folgte ihnen gleich aus dem trocknen Gras heraus. Die schwanken drei Fäden am Steiß steuerten das braune Pünktchen des Leibes sicher durch die grüne entzündete Luft. Die Fädchen griffen im Steuern nacheinander, fühlten sich zärtlich ab und hingen auf einmal aneinander. In kleinen erregten Klümpchen und in ganzen Grüppchen liebegesegnet, stiegen die Tiere auf, die Luft zischelte leis von ihrer ungeheuren Schar, und der Mond riß sich ihnen glühend entgegen. Und noch geringere Tiere rasten in Ballen verführt aufwärts und kreiselten zugleich in wütenden Kringeln um den Geruch, die Verführung und die Lust des Geschlechts herum, als ob sie alle an kurzen unsichtbaren Schnürchen an die eine Vorstellung festgebunden wären.

Die Tannen warfen einen Schwarm von kleinen braunen Motten in die Nacht aus. Die Flügelschläge schlugen weich und samtig, und der leise Lufthauch ließ die Flügel süß flattern, wenn sich Mann und Weib trafen. Ein weißes Heer von Schwänen strömte hinterdrein. Das grüne Zauberlicht tränkte ihren weißen Staub. Die großen braunen Augen waren mit grünem Reif des Mondlichts überzogen. Die beiden männlichen Fühler wedelten am Kopf wie Palmwedel in einem heißen Seewind. Und Eintagsfliegen kamen aus Tümpeln hoch und kreiselten durcheinander und liebten sich, während der große runde Mond sie an sich ansog und sie selber wie ein Ball aus Millionen von Verliebtheiten geradeaus in die Nacht aufwärts zogen, dem Volk „Grüne Braut“ und den Motten nach. Fliegende Ameisen mit Leibern wie Tannennadeln, dünn und lang, und geäderten Seidenflügeln schossen spröd, blind und raschelnd zusammen zur großen Scheibe empor. Dann entstiegen den jungen Eichen wilde ungebärdige Schwärme von fett behaarten, dicht bestaubten Schmetterlingen. Wie ein Pusten warfen sie sich auf, einer über den andern, steil dem Mond zu, und der Staub fegte von ihren dicken Leibern, wenn die vielen Männchen den geheimen Duft eines Weibchens trinken wollten und sich über sie herwarfen, dreißig, fünfzig über eines. In stoßenden verwilderten Schwärmen kugelten sie dann unglücklich und gewaltsam aufsteigend um die paarweis verbundenen Glücklichen, die, aneinander gefesselt, der geheimen Süßigkeit des Mondes zustrebten und in denen Sehnsucht, Begattungsseligkeit und Fortpflanzung eins waren. So kamen Schwarm um Schwarm von den Nachttierchen. Alles was Flügel hatte strebte aufwärts an Peters heißen Augen vorbei.

„He! he! ihr!“ flüsterte er. „Nehmt mich mit! Ich bin ja euer! Von Kililiki. Wißt ihr denn nicht mehr?“

Sie aber liebten sich und flogen hoch.