Piraths Insel

Part 25

Chapter 253,733 wordsPublic domain

Peter lag tief im Bett. Er fröstelte an seinen unerlösten Gefühlen und packte sich in die Tücher ein, als könnte er in ihrem weichen Schwall die süße Wärme finden, die ihm das Wiedersehen mit Europa versprochen hatte. Er lag mit den Augen gerade noch heraus, und seine Augen spannten sich groß und offen in den Fensterrahmen, der von außen erleuchtet in der Dunkelheit stand und in dem sich die Formen eines andern Gebäudes in der hellen Nacht zackten. „Ich bin unglücklich!“ sagte er. „Was ging mir nicht in Erfüllung, da ich hierhin kam?“ Er wußte sich nicht anders zu antworten als immer wieder mit dem Vergleich zwischen jener schönen jungen Frau und Hermann. „Das ist Tilla, meine Frau!“ hatte Hermann gesagt. Das waren die Worte. Peter fühlte sie weiter aus, und er begann in Gedanken durch die Nacht ein Zwiegespräch mit Hermann. Er fragte: „Was ist sie mehr als deine Frau?“ Hermann seufzte: „Der Berg von Unglück und Unzufriedenheit, den ich vor mir aufgehäuft hab.“

Peter: „Aber sie ist ein schöner Berg.“

Hermann: „Ich kann ihn nicht übersteigen.“

Peter: „Schau ihn von unten herauf an.“

Hermann: „Stets waren alle Sinne in mir ein Ganzes. Sehen, Fühlen, Nehmen, Besitzen.“

Peter: „Es ist Schicksal, sich untreu werden zu müssen.“

Hermann: „Aber sie ist so schön.“

Peter: „Was ist es: schön sein? Und sein Schönsein nicht an das Herz der lebenden Dinge anschließen können! Ein unnützes, vampirhaftes Schönsein.“

Hermann: „Ich werde nicht daran sterben. Ich hab mein Temperament umgeleitet. Es fließt um den Berg, den ich nicht besteigen kann, und überströmt um so größere Ebenen.“

Peter (kalt): „Darum bist du nicht mehr der alte liebe Hermann.“

Hermann (getroffen): „Liebst du mich nicht mehr?“

Aber Peter warf sich rundum. Er stöhnte: „Ich bin so eindeutig scharf auf die Menschen hier eingestellt. Das kommt, daß Kililiki die Willkür und Ungehemmtheit der Natur war, und ihr hier habt euch alle umgeleitet. Meine Sinne tun mir weh unter euch!“

So schnitt er das Zwiegespräch ab, und er erinnerte sich, daß einmal auf dem „Seepferd“ der Doktor Stein ihn allein in eine Ecke drückte und Peter, noch bevor der andere den einleitenden gleichgültig tuenden Satz gesprochen, schon erfaßt hatte, daß Stein ihn ausnutzen, sein außergewöhnliches Schicksal in irgendeiner Weise für sich ausbeuten wollte. Eine halszuschnürende Angst überrannte Peter, und er stand dem Ausbeuter willenlos Rede und Antwort. Er fühlte sich wie vergewaltigt von dem fremden, ungeraden Willen.

Während Pirath diese sonderbaren Erlebnisse ausdachte, entdeckte er plötzlich durch die Finsternis hindurch, daß er ja in seinem alten Haus war, in dem Haus, wo er und ... und er fand den Namen nicht gleich ... Nur wie ein Anprall von Leid und Schmerzen überfiel der Name ihn. Da peitschte Peter sein Hirn auf, daß es den Namen jener Frau in seine tiefste, schallose Vergessenheit vertreiben sollte. Aber es war zu spät, und die Dunkelheit sagte rauh und hart, wie eine Stahlschneide: Ree! Pirath floß in sich zusammen, und das neue Land, an das er getrieben war, errichtete sich grausam vor ihm und wehrte ihm brutal den Eintritt. Er lag im Bett in sich eingekrümmt, furchtsam, verzagend, und der kleine rohe Name schwang sich durch die Finsternis um ihn wie Peitschenhiebe.

Während das in der Seele des Mannes und im dunkeln Zimmer vor sich ging, lag in einem andern Zimmer nach vorn Frau Tilla, schön und halb von den Bettdecken befreit, und hob ihr langes und üppiges Bein in das heimliche rote Licht des Bettkandelabers. All ihre Gedanken strömten zu dem riesenhaften, sonnenbraunen Mann, in dessen eiserner Muskulatur ferne große Abenteuer schlummerten, die ihn mit etwas Bedeutendem und Außergewöhnlichem umhängt hatten. Sie schloß die Augen, und sie sah diesen Riesen auf sich zukommen. Sie lächelte, halb gepeinigt, halb lustvoll, und sagte frivol und wegwerfend: „Weshalb heiratet man meine Schönheit mit sechzig Jahren? Das ist gefährlich! Was kann ich dafür! Der schöne Leib will baden, erleben, erleben ...“

Aber sie hatte empfunden, daß dieser schöne große wilde Mann etwas aufrichtete zwischen sich und sie, einen Nebel von Mißtrauen, Argwohn ... oder nur vielleicht Angst? Dann ... Aber eher Argwohn! Sie wollte jetzt nicht weiter daran denken, und sie erinnerte sich, daß vorgestern, nach dem Essen beim Hauptmann, der Sänger ihre Hand eigentümlich geküßt habe, als ob seine dünnen heftigen Lippen etwas auf ihre braunen Handrücken geschrieben hätten. Ja! Ein Verlangen! Servus! Dös glaabst! Er brüllte beim Singen etwas, der Sänger. Er vermochte nicht, sich vom Theaterraum auf den Haussaal zurückzubeschränken. Das fand sie geschmacklos und unmusikalisch. Aber er war schön, und seine Brust war so breit und gewölbt, wie in reizvollem Gegensatz seine Gesichtszüge unter den wellig fallenden Haaren weich und bleich waren. Doch der andere! Der aus der Südsee! „Ich bin Eis und Vulkan zugleich,“ sagte Frau Tilla und war unglücklich daran, daß sie sich ganz weder zu Eis noch zu Vulkan entschließen konnte. Ach, der aus der Südsee! So schlief sie ein, das schöne Bein nackt dem roten heimlichen Licht des Bettkandelabers überlassen. Ihr Zimmer war weich geheizt.

* * * * *

Als sie am nächsten Morgen Hermann und Peter am Frühstückstisch traf, hatten sich alle drei erholt von dem Unerwarteten und Gewaltsamen, was das Wiedersehen gestern zwischen sie gebracht hatte. Tilla drückte Peter mit Wärme die Hand und schlug einen kameradschaftlichen Ton an. Sie sagte: „Also jetzt wird bald das Große kommen — die Erzählung unseres Robinson!“

Peter aber fragte sich erschrocken: „Was ist das für ein Geschöpf? Das soll die Frau des lieben Hermann sein?“

Er schloß sich hart zu vor ihr, und wie ihn auch das Herz drückte, dem geliebten Mann, der ihn fortwährend mit leuchtenden und glücklichen Augen anschaute, zu erzählen, was er erlebt hatte, so sagte er sich jetzt doch: „Ich kann es nicht, wenn die dabei ist! Weshalb?“ fragte es weiter in ihm. Eine Antwort kam zögernd und tief aus dem Dunkeln: „Weil sie so schön und falsch ist. Weil sie mich stößt!“

Es hatte sich etwas in Peter unversehens verwandelt. Seine Begier nach Europa hatte sich das Wiedersehen des Bruders als den Scheitelpunkt des Glücksgefühls, die alte Heimat wieder in Besitz zu nehmen, aufgebaut. Aber er wußte nun, nachdem seine Nerven sich an dem Persönlichen gestillt hatten, daß Hermann nur eigentlich wie eine Verkleidung der Statue gewesen war, in der er sich die Wiedersehensfreude zu einem körperlichen Bild errichtet hatte. Unter der Verkleidung stand aber heimlich das Gerüst, und dies Gerüst war er selber, einst, in jenem ersten Abschnitt seines Lebens, der ihn in die Vereinsamung von Kililiki entlassen hatte. Ja, womit hing er an dieser neu zurückerworbenen Welt? Womit hing er seit alters her an ihr? Hatte er nicht einst eine Saat in sie gesät? Und jeder Mensch ist sein eigener Acker. Er selber sollte als Ernte der vorsorglichen Saat aus dem Frühling des Lebens nun aufsprießen. So gab er sich Europa wieder, dachte er. Hatte er nicht eine große Maschine erfunden, ein bedeutendes Unternehmen gegründet? Und war er nicht durch diese Taten seines Willens auch von der Einsamkeit Kililikis herüber mit seinem alten Europa fruchtbar verknüpft geblieben? Ohne ihn hatte Deutschland seine Ellbogen wuchtig ausgestoßen und seine Geographie vergrößert, seinen Geist in die Völker geworfen. Aber waren seine Werke nicht eine der Kräfte gewesen, die an diesem wunderbaren und doch natürlichen Ereignis mitgewirkt hatten? Wie hatte das, was er geleistet, am Rad mitgeschoben, das Deutschland höher getrieben hatte? Weshalb ist dies ärgerliche Weib da? Er konnte nicht vor ihr fragen. Deshalb störte sie ihn besonders. Er haßte sie. Es brannte in ihm, zu fragen. Aber diese Dinge waren so keusch eingebettet in sein Innerstes! Wenn die Gegenwart der Frau ihn auch nicht gestört hätte, die eigene Scheu hätte ihm gewehrt, das Heiligste laut werden zu lassen, mit dem er an der Heimat verwurzelt geblieben war. Er sprach im großen Kreis rundum, von der neuen Zeit, die den Kriegen entsprossen war, dem neuen Deutschland, von Ingenieur und Kaufmann ... und hoffte, daß wie von selbst die Sprache ...

Da mischte sich Tilla ein. Sie lehnte die nackten Ellbogen auf den weißen Damast, und über ihren gekreuzten marmorbraunen langen Fingern fragte ihr formloser roter Mund: „Ja, nicht wahr, mein Schwager, das stelle ich mir unerhört interessant vor, ohne die geringste Ahnung, ohne die geringste Teilnahme an der Entwicklung so auf einmal aus der einsamen Insel in unsere Zeit gehoben zu sein.“ Der kalte Glanz der Augen prangte ihn an. Peter hielt seine Augen scheu aus dem Bereich dieser Blicke. Tilla fühlte das, und ein Gefühl von übermütiger Rechenlust und kühler Spielsucht war auf einmal in ihrem Herzen. „Ich werde ihn verführen!“ sagte sie sich. „Meine Schönheit wird seine spröde, verwilderte Männlichkeit besiegen ...“

Peter antwortete nicht auf ihre Frage, sondern fuhr, ohne ihr Achtung zu geben, in dem Satz fort, den er begonnen hatte. Da schaute sie ihn erstaunt und herrschsüchtig an. Er fühlte, wie dieser Blick ihr Inneres verriet. „Was will sie?“ fragte es stockend in Peter, und er sprach lauter, um die Last dieser Erkenntnis los zu werden. Tilla saß nun stumm da, spielte mit ihren Händen und ihrer Frisur und beobachtete ihn. Sie wollte seine Augen in ihre Augen zwingen. Sie dachte, was in ihm vorging, sei dem ganz fremd, was ihr eigenes Inneres erdachte; seine unhöfliche Nichtbeachtung habe nichts mit ihr zu tun, sondern sei das ungebändigt Männliche, das er vom Paschaleben der einsamen Insel mitgebracht hatte.

Peter sprach und sprach, mit wenig Worten, aber so vielerlei von weither. Hermann merkte schon lange, was sein Bruder wollte. Zugleich, wo Peter seine Kreise enger zog und auf die Frage nach seinem Schatz und Anker zusteuerte, dachte Hermann mit schmerzendem Herzen an die Form, wie er ihm mitteilen könne, was Peter wissen wollte, ohne daß es Peter zu sehr traf. Und auf einmal war Peter wirklich bei der Fabrik.

„Sie geht!“ sagte Hermann. „Sie geht ganz ausgezeichnet. Die verstärkte Zeit hat sie von selbst mit hochgehoben. Du kannst dich rasch wieder einarbeiten und vergleichen, was uns das letzte Jahrzehnt gab. Wir haben uns selbst überflügelt ...“ Und mit einem schweren Lachen, das die Sache leichter machen sollte, fügte er hinzu: „Denn die deutschen Ingenieure sind während deines Aufenthaltes in der Südsee nicht untätig gewesen. Ein junger Bremer hat ein Verfahren erfunden, das wir einführen mußten. Du mußt dich also dahinter machen und ihn übertrumpfen.“

Etwas verlöschte in Peter. Ein befruchtendes seliges Licht ging aus in ihm. Das Erschrecken atmete ihn heftig an. Europa entsetzte ihn. Er versuchte sich zu fassen, indem er sagte: „Das erscheint selbstverständlich, daß meine Zentrifugen überholt wurden.“ Hermann freute sich schon, daß dem Bruder die Sache doch nicht schwerer würde. Aber auf einmal fragte Peter, fast drohend und mit einem spöttischen Grimm: „Und hat sich Matantuduk ebenso überlebt wie die Zentrifuge? Wahrscheinlich doch auch!“

Seine Augen krallten sich an die blauen Blicke Hermanns. Aber Hermann sah ihn an und fragte erstaunt zurück: „Wie nennst du das? Matu... Was ist das? Mantuduk?“

Peter war’s, als müßte er sein Herz fest in die Faust einpressen. Er bewältigte noch mit Mühe sein zerspellendes Blut und fragte: „Hast du denn meine ... die Aufzeichnungen über die Gründung und Einrichtung einer Pflanzung in der Südsee nicht bekommen?“

Hermann winkte: „Nein!“

„Nein!“ wiederholte Peter und stand auf. Aber das kleine Wort schleuderte ihn unversehens wieder in den Sessel zurück. Er warf die Arme auf den Tisch, den Kopf hinein, die Tassen und Teller spritzten weg, und er weinte tränenlos und stotterte laut: „Ich hab ja umsonst gelitten und gelebt ... umsonst gelitten und gelebt ...“ Jeder Halt zerrann in ihm. Er war wie ein Kind, das unglücklich und ungerecht gezüchtigt wurde; er war ohnmächtig, wie der Willen eines Kindes gegen die mächtige Energie des Vaters, er war wund wie das Herz eines Kindes, das die Ungerechtigkeit der Welt nicht faßt. Er hatte seine Erfindung und seine Pflanzung verloren, Ewe verloren, Europa und Kililiki verloren. Hermann tröstete ihn und beugte sich über ihn. Peter aber weinte und schluchzte, und seinem Mund entfuhr immer nur das machtlose Stammeln: „Umsonst gelebt und gelitten!“

Tilla stand auf. Wie lächerlich war dieser Mann! Das war spröde Männlichkeit, Südseewildnis, ungedämpfte Natur, diese weinende Armseligkeit. Weil einer eine andre Maschine erfunden hatte! Weil im Krieg ein Brief nicht angekommen war! Sie war verlegen über das, was sie gegen ihn unternommen hatte. Sie streifte ihn mit einem kühlen Blick und ging davon. Sie setzte sich ans Klavier und wollte Chopin spielen. Dann sagte sie aber wegwerfend und hochmütig: „Das paßt wohl nicht, wenn ich dazu Musik mache!“ Das Klavier wurde wieder geschlossen, und sie ging zu ihrem Schreibtisch und schrieb an drei Freundinnen, ob sie sich ihren Robinson nicht einmal anschauen kommen möchten. Sie wußte doch, daß der armselige Riese vorläufig als Kuriosum gesellschaftlich außerordentlich auszunützen sei, und daß nun Leute kämen, um die sie sich bisher vergebens bemüht hatte. Zum Schluß schrieb sie auch an den Sänger.

Nachmittags fragte jemand nach Peter Pirath. Es kam eine Visitenkarte mit einem unbekannten Namen. „Erwin Arnold Kirsch.“ Sonst stand nichts darauf. Peter empfing ihn. Er war ein Reporter. Er sei nicht nur am hiesigen Tageblatt, sondern auch Vertreter der großen Berliner Zeitung am Platz, sagte er und meinte, es sei ja wunderbar, was Herrn Pirath widerfahren. Das sei ja wie ein Robinson, nach allem, was man höre, und das deutsche Volk habe ein Recht darauf, mehr davon zu wissen. Herrn Piraths Schicksal und Erlebnisse seien eine Sache, die der Menschheit gehört.

Peter schaute den kleinen lebhaften Herrn feindselig an. Der andre fragte. Peter wehrte sich. Er wollte über ihn herstürzen, ihn erwürgen. Aber er saß da; durch die eindringlichen Fragen schienen seine langen Glieder an den Stuhl gefesselt, und sein Willen folgte den Fragen im Schlepptau. Am Morgen kam das Tageblatt. „Ein neuer Robinson,“ hieß die dicke Überschrift. Peter las es nicht. Tilla schob es spöttisch hin: „Lies doch nur, Schwager! Du bist ein berühmter Mann.“ Tags darauf kam es auch in der großen Berliner Zeitung; dort war es aufgewürzt durch eine typographische Anordnung mit kleinen krassen heftigen Überschriften. Aus dem Berliner Blatt ging es in die Provinz, nach Österreich, Dänemark, der Schweiz. Es kamen täglich Telegramme: „Redaktion erlaubt sich höflichst anzufragen, ob sie auf ausführliche persönliche Darstellung Ihrer ganz außerordentlichen Geschichte zählen darf, wodurch Sie Redaktion und Leser außergewöhnlich verpflichten.“ Da ein Antworttelegramm bezahlt war, wurde zurücktelegraphiert: „Leider nicht in der Lage.“ Es kamen neue Telegramme: „Ergebene Bitte, da Sie persönlichen Bericht nicht zusagen könnten, unserm Vertreter Unterredung zu gewähren. Vertreter, Herr Armin Fritzcohn, wird sich mit Legitimation versehen zur Verfügung halten. Schließen Sie aus der Wahl dieses Mitarbeiters, dessen Reiseschilderungen und massenpsychologische Veröffentlichungen bei unsern Lesern solche Erfolge fanden, wie sehr uns an einer ernsten Darstellung Ihrer Erlebnisse liegt.“

Peter beantwortete dieses Telegramm nun nicht mehr. Auch das Antwortformular gab er dem Boten mit zurück. Von Doktor Stein aber wurde ein Buch angekündigt: „Fünfzehn Jahre Südsee-Einsamkeit!“

Wenn Peter durch die Stadt ging, so blieben die Menschen stehen. Horden folgten ihm. „Bin ich denn ein ausgesprungenes Menagerietier?“ fragte er sich erbost. Dunkle Erinnerungen stiegen in ihm auf. Wie schon einst die Stadt ihn verfolgt hatte und er in Haß aus ihr entflohen war. Er verließ das Haus nur mehr in der Dämmerung und schritt dann, groß und gerade, mit eiligen Schritten, fast im Lauf, durch die Wege des großen Stadtwaldes, die nur spärlich beleuchtet waren, und sah nicht rechts noch links.

Einmal hielt jemand ihn unter einer Laterne an: „Verzeihen Sie!“ sagte der Unbekannte. „Dürfte ich um Feuer an Ihrer Zigarre bitten!“ Peter reichte ihm erschrocken die Zigarre und sah ihn an. Der Unbekannte war ein großer, schwammiger Mensch, etwas geckenhaft gekleidet. Er hatte ein verschwommenes Gesicht mit weichen Zügen, und lange Haare waren künstlich beiderseits über die Schläfen gestrählt und an ihren Enden einwärts aufgelockt.

„Ist’s nicht ein Weib?“ fragte Peter sich. Der Unbekannte reichte ihm zögernd die Zigarre zurück, ohne sie ganz loslassen zu wollen, und Peter sah, wie die fremden Augen ihn im Laternenlicht scharf musterten. Da wußte er: Jetzt sagt er: „O, Sie sind ja der neue Robinson!“

Der Unbekannte sagte mit leiser, weich ausbetonender Stimme: „Wissen Sie, daß Sie das Gespräch und die Gedanken von Terpsichore und mir während dreier Wochen bilden. Sonderbar! Ich geh durch diese große, fremde Stadt. Ich geh durch sie mit dem Mut und der Sucht, den sonderbaren Zwangseinsiedler, den die Südseeeinsamkeit in Fesseln schlug und der nun unversehens in ein neu bereitetes Volk zurückgesät wurde, zu finden. Der Zufall muß es sein, sagte ich mir. Denn der Zufall gab diesem Mann das einzige Schicksal, der Zufall gab ihn der Erde wieder. Sie waren mir in den drei Tagen, die ich hier herumgeh: der Verhüllte. Ich schrieb Terpsichore noch erst heut: Die Monomanie des Entdeckens hat mich gepackt. Es ergeht mir so, schrieb ich an Terpsichore, wie es mir in Südafrika geschah, als ich die Seele eines Erdteils suchte und das Ghetto der Stadt auf dem Spitzschädel des Erdteils entdeckte.“

Da drehte Peter sich heftig um und stürmte in einen dunkeln Seitenweg hinein. Er lief davon, so rasch ihn seine langen Beine tragen konnten. Er hörte noch in der Nacht hinter sich einen Ruf ihm heftig nachprallen, wie ein ohnmächtiges Lasso: „Ich bin doch ...“ schrie die Stimme schrill und endigte leiser und verwischend ... „Cohn! Armin Fritzcohn! Von der großen Zeitung!“ Peter lief. Der andre war anfangs wütend. „Jetzt dachte ich, ich hab ihn schon!“ sagte er sich enttäuscht. Aber nach und nach wandten sich seine mißmutigen Gedanken. Im Davongehen ging es ihm allmählich auf, was für einen köstlichen kleinen Aufsatz er aus dieser Nachtbegegnung und komischen Flucht machen könnte. Das war ja mehr und reizvoller als ein Jahrhundert einsamer Südseeinsel. „$Goddam! It’s a beauty!$“ flüsterte er, und sein Gehirn bildete schon verzwickte Wortwickel, die nach Feder und Papier ungeduldig verlangten, wie die Stirnhärchen einer den Ball Erwartenden nach der Brennschere.

Mit dem Nachtzug reiste er nach Berlin. Im nächsten Abendblatt stand der köstliche kleine Aufsatz unter dem Titel: „Der neue Robinson im nächtlichen Park.“ Tilla wurde die Zeitung von einer Freundin gebracht. Sie legte sie Peter hin, ein wenig hochmütig und verächtlich. Peter las den Titel und wußte. Tilla sagte lachend: „Sie machen dich zu einem entsprungenen Wunderaffen!“ Peter war kleinmütig und unglücklich. Tilla war es nicht gelungen, mit der Sensation „ihres Robinson“ ihre gesellschaftlichen Erfolge zu steigern. Anfangs waren sie gekommen und hatten ihn ausgefragt, dumm, plump und ohne Absicht. Dann entzog er sich jeder gesellschaftlichen Veranstaltung.

Auch Gelehrte kamen mit Empfehlungen von Professor von Wiltingen. Er mußte sie aufnehmen und stand ihnen Rede und Antwort. Sie fragten Dinge, über die Peter staunte und die er nicht beantworten konnte, weil sie ihm selbstverständlich erschienen. Er fühlte sich nicht wohl in Europa. Die Luft des Weltteils lag um ihn wie ein verbrauchter Atem. Es widerte ihn ein wenig an.

„Sie stoßen mich aus dir hinaus!“ sagte er. „Sie machen mich zu einem Kuriosum. Und ich will doch nur mich achtlos und unauffällig wieder in dich einmischen.“

„Komm, wir arbeiten uns zusammen wieder ein!“ versuchte Hermann ihn mitzuziehen. Peter ging mit in die Fabrik und die Geschäftsräume. Er bemühte sich, dort eine Stellung zu gewinnen. Aber er sah, daß alles voll besetzt war. Wo er hingriff, war er doch nur eine parallele Kraft zu einer andern, die für sich ausreichte, und all seine Anstrengung war innerlich überflüssig, seine Arbeit unnötig.

Er bekam von Weile zu Weile leichte Fieberanfälle, die ihn dann immer wieder auf zwei oder drei Tage fern und im Bett hielten. Wenn er dann seine Arbeit nachholen wollte, fand er, daß sie stets schon eine der namenlosen Kräfte gemacht hatte. Nach und nach gab er es darum auf. Er nahm die alten Zeichnungen und Notizen über seine Erfindung hervor und wollte sich von neuem versuchen. Aber sein Geist hatte jene alte Fähigkeit, Bewegungen, Richtungen, Kräfte in eins zusammenzuleiten und über den Umweg der Abstraktion Körperliches zu schaffen, ganz verloren. Es war ihm, wenn er über diesen Zeichnungen saß, als sei etwas aus ihm ausgeflossen. Er sank über sie hin, in brütender Ohnmacht an Vorstellungen verloren, die Tiere und Pflanzen, Licht- und Wasserbewegungen, Menschenregungen und unfaßbare Kräfte wehrlos mit zuckenden Maschinenteilchen und quetschenden Sieben, mit Berechnungen und Zeichnungen austauschten und vermischten.

An einem Maientag spürte er, daß wieder Fieber kam. Er nahm kein Chinin. Er trotzte. Er rauchte und trank und lehnte sich scheu auf. Das Fieber warf ihn ins Bett, stürzte sich gewaltsamer als jemals zuvor über ihn her. Die Temperatur stieg tagelang über vierzig Grad. Ein Tropenspezialist kam. Auch er konnte nichts anderes sagen: „Chinin. Und dann Luftveränderung!“ Er riet von der Radikalkur der Salvarsaneinspritzungen ab. Das Herz habe sehr gelitten.

Hermann besprach sich mit Tilla. Er fragte sie, ob sie schon Lust habe, in den Wiener Wald zu reisen und die Sommervilla zu beziehen. Tilla war gern einverstanden. Wien war ihre Heimat. Sie hatte mehr Beziehungen mit ihr behalten, als neue durch ihre Heirat in der Heimat ihres Mannes gewonnen. Übrigens war der Freund Arnulf Dvorak, der Sänger, auch jetzt in Wien.

Als Peter nach dem starken Malariaanfall das Bett verließ, spürte er, daß er älter geworden war. Er ging gleich zu einem Spiegel. Er war um zehn Jahre gealtert. Er sagte es Hermann. Der tröstete ihn, burschikos tuend: „Zunächst kannst du nicht verlangen, daß eine solche Krankheit dich gleich jünger macht. Und dann hast du ja Spielraum vor dir. Mit deinen zweiundfünfzig siehst du aus wie fünfunddreißig,“ lachte er. „Was tut’s auch?“ entgegnete Peter müd. „Ich meinte es nicht als Klage.“ Er erholte sich auch nicht mehr ganz. Kleine fortwährende Wechselfieber griffen ihm ans Herz. Auch seine innere Spannung fühlte er immer noch lockerer werden. Er kämpfte kaum mehr. Die Welt um ihn entglitt sacht. Er fand keinen Anschluß mehr an sie zurück. Sie kreiste so heftig und willkürlich um ihn. Sie war so grausam eilig und unberechenbar, launisch und roh. Und über ihm lag, wie ein schwerer Dampf, immer drückender werdend, eine ferne Sattheit, eine faule Welt von Sinnlichkeit und schwülem Instinkt. Aber auch diese Welt hatte er verloren. Er lag zwischen dem All und war verflucht. Zwei kleine Fäden verbanden ihn mit der Erde. Bruderliebe und Tilla. Aber Tilla war furchtbar, war Leid und Haß und Unerlöstheit.

Eines Tages reisten sie dann nach Wien.

Die große Villa lag in einem Tal, das jäh von Bergen, Wäldern und Felsgruppen umzogen war. Sie lag in der Mitte eines Hangs, und der Tannenwald, der hinter ihr am Berg weiterstieg und eine große künstliche Ruine umzog, senkte sich bis in den Garten hinein. Durch einen Felsenengpaß, der den Zugang zum Tal wie ein verwittertes Tor gestaltete, sah Peter die ungarische Tiefebene grenzenlos verströmen. Die Ortschaften lagen drin wie Schiffe im Meer.