Part 24
Pirath trat über die Leiche hinweg, Seeschwalbe umging sie, erschauernd und zufrieden. Sie brachen sich in geradem Weg durch den Wald zum Dorf Vater durch. Seeschwalbe ging vor, und Pirath hatte ihre kleine zuckende Hand in seiner Faust. Pirath schien es ohne Überlegung klar geworden zu sein, wohin er wollte. Er schritt wie eine Katastrophe Europa zu. Ein krasser und brutaler Schmerz saß starr in seinem Herzen. Es war kein Kampf in diesem Herzen. Aber die Selbstverständlichkeit dessen, dem er sich näherte, war von derselben einfach rohen Größe und Geradheit wie alles Lebendige der Insel Kililiki. Europa stand vor ihm wie ein Zwang, der einmal vor langen Zeitwenden, in einer Urzeit, unausrottbar in ihn eingesät worden war. Jetzt gedieh er und war ein Urwald in ihm, und dieser erste große Schritt zurück zu dem Einst trug all die überströmend und haltlos aufpflügende Wehmut in sich, die stets die geheimnisvoll in die Tiefe weisende Begleiterin aller großen Taten des Herzens wird.
So schritt Pirath hinter Seeschwalbe durch den Wald. Er wußte, daß zum letztenmal die widerstrebenden und zähen Wogen des Urgestrüpps seine nackten Flanken umpreßten, und er malte mit einer spitzen Angst im Leib die weißen Gesichter vor sich, die drunten am Strand auf ihn warteten.
Aber als die beiden an ihren Hag kamen, saß das ganze Dorf drin und auch das Nachbardorf und viele, viele andre Menschen. Sie sprangen auf und liefen schreiend durcheinander und umströmten Pirath wie Strudel. Weiße Männer waren jedoch keine zu sehen.
„Wo sind sie?“ fragte Pirath, der sich mit Gewalt auf seine Leiter durchstieß.
„Im Norden!“ riefen alle.
Dann ging Pirath in sein Haus, suchte ein weißes Brett und nahm eine angebrannte Kokosnußschale. Mit ihr schrieb er auf das weiße Brett: „Bitte um Kleider!“ Er sagte Seeschwalbe, sie solle gleich im Kanu zu den Weißen fahren und das Brett abgeben.
Nach einigen Stunden war Seeschwalbe wieder zurück. Sie hatte ein Paket, das in Papier gewickelt war. Die Männer und Frauen lagen noch alle im Hag und rundum und stürzten auf Seeschwalbe los. Aber sie rang sich durch, das Paket in den hochgestreckten Armen haltend. Die Männer griffen nach dem Bündel, dessen Hülle ihnen unbekannt war. Sie regten sich auf. Seeschwalbe mußte alle Kraft und List anwenden, um sich durchzuarbeiten. Sie entwischte und stürzte auf den Hag zu. Die Männer sprangen bös hinterdrein. Sie flog die Treppe hinauf, die mannshoch war, und rief Regenbogen, und zugleich, als sie oben war und Pirath in die Tür kam, wollten die ersten Männer die Leiter heraufsetzen. Das Erscheinen Regenbogens kühlte ihren Ansturm etwas. Die Leiter war nur breit genug für einen Mann.
Pirath rief streng: „Geht!“
Aber sie gingen nicht, sondern die Vordersten begannen langsam die Leiter zu ersteigen. Pirath rief noch einmal: „Regenbogen spricht zu euch also: Ihr geht gleich aus dem Hag!“ Da setzte sich das erste schwarze Bein auf die kleine Plattform vor der Tür, und der Schwarze rief eigenwillig: „Nein!“ Pirath aber trat rasch vor und schlug von oben herab mit seiner Faust heftig auf den frechen schwarzen Kopf. Der offene Mund des Schwarzen klappte zu und machte einmal „Keh!“ Dann fiel der Körper langsam und willenlos zurück. Er drückte den Hintermann einige Sprossen abwärts, der dritte fiel unter dem unerwarteten Stoß von der Leiter und riß den vierten mit, und bald lag ein Knäuel von Menschen am Fuß der Leiter. Sie versuchten möglichst rasch auf die Beine zu kommen und flüchteten. Einer zog den Besinnungslosen mit.
Dann sagte Pirath zu Seeschwalbe: „Ich sprech’ zu dir, du liebe, treue Seeschwalbe: Regenbogen wird jetzt ein andrer werden und muß die Insel verlassen.“
Kaum hatte er das gesagt, so fuhr Seeschwalbe zu Boden und begann händeringend zu stöhnen. Ein kurzer Gedanke durchflog Pirath, ob er Seeschwalbe mit sich nehmen könnte. Aber er wußte gleich, daß er sie nicht aus dem Boden reißen dürfte, und daß drüben in Europa nichts aus ihr werden könnte. Er fuhr fort:
„Du wirst die Königin über Kililiki sein und auf die Kinder aufpassen und die Männer und Frauen zur Arbeit in den Pflanzungen anhalten. Und wenn ich einmal zurückkomme, so wirst du Rechenschaft ablegen. Ich weiß, du wirst mir gute Rechenschaft ablegen, denn du bist ein starkes und kluges Weib. Du darfst nicht stöhnen und weinen. Eine Königin stöhnt nicht. Sie herrscht und ordnet. So spricht Regenbogen zu dir und du gehst jetzt in deine Hütte und wartest.“
Seeschwalbe war aufgestanden, und ihre Augen durchleuchtete der mädchenhafte Glanz einer neuen Zeit, die sie unter den Worten Regenbogens dämmernd in sich aufsteigen sah. Sie ging stolz in ihre Hütte und setzte sich in den Sand. Und ihre Kinder setzten sich um sie. Es waren fünf Knaben und zwei Mädchen, und sie waren von schönem großen Wuchs, von heller Haut und reinen Augen. Und Seeschwalbe sprach zu ihnen: „Euer Vater Regenbogen geht in sein Land und kommt zurück. Eure Mutter ist nun Königin von Kililiki. Möwenschnabel liegt erschlagen im Wald; denn er war bös. Aber aus dem Innern eurer Mutter kommt das Gute, weil der Gott Regenbogen sie befruchtet und gesegnet hat. Der ewige Geist will, daß wir Palmen pflanzen, die später reifen und unsern Kindeskindern eine Arbeit hinterlassen und eine neue Arbeit anzeigen. So spricht eure Mutter, die Seeschwalbe, zu euch, die jetzt Königin auf Kililiki ist.“
Pirath öffnete das Paket und fand einen Zettel drin. Darauf stand: „Wir kommen am Nachmittag. Von Wiltingen.“ Er zog die Kleider an, die das Paket enthielt. Es war ein blauer Leinenanzug. Strümpfe, ein Hemd und Schuhe. Er zog Stück für Stück an in einer gespannten Feierlichkeit, langsam, wichtig und schwerfällig, und ein Glanz erstand um ihn, der voll Seligkeit war. Er berauschte sich an der heiligen Handlung des Anziehens, mit der er sich Europa, Deutschland, der Mutter wiedergab.
Als er angezogen war, wartete er, ohne das Haus zu verlassen. Er saß ruhig mitten im Raum und dachte in bebenden Wonnen an seinen Bruder, an die Vaterstadt, an Arbeit und Fabrik, an Verwandte und an Menschen, deren Gesichter willkürlich in seiner Erinnerung aufflossen. Auf einmal hörte er draußen schreien. Männer und Frauen riefen: „Das große Kanu mit dem Feuerloch kommt! Ö! Ö! Niemand rudert es. Es hat kein Segel auf, und es geht doch rascher als unsre Kanus! Ö! Ö!“
Da erhob Pirath sich langsam und ging hinaus. Er sah den Haufen der Menschen am Strand und bemerkte dann auch den kleinen schönen Dampfer, und er stieg die Leiter hinab und er ging zum Meer. Die Männer und Frauen, an denen er vorbeiging, erschraken auf einmal, als sie ihn sahen, und wollten fliehen. Aber ein Weib rief: „Es ist Regenbogen!“ Da hielten sie an und schauten ihn ungläubig und unsicher an. Was war mit ihm vorgegangen? Wo war seine göttliche weiße Haut? Was hing an seinen Gliedern? ...
Er stellte sich vor sie, das Gesicht zum Meer hin, die Augen an das weiße Schiff gebannt, das ein wenig traumhaft seine kleinen Manöver in dem blauen Wasser verrichtete, und harrte. Er sah, wie die Jolle niederging, wie Leute in weißen Anzügen hineinstiegen; ihre Haut leuchtete ein wenig, und er biß die Zähne aufeinander, furchtbar von diesem Neuen und Unerhörten gepackt, das ihn nun aus dem Leben der einsamen Insel Kililiki zurücknehmen sollte.
Aus der Jolle stieg zuerst der alte Professor von Wiltingen heraus. Er kam, groß, breit und gutmütig, wie er war, mit seinem langen grauen Bart auf Pirath zu und, nicht wissend, mit wem er es zu tun hatte, reichte er ihm ernst und stumm die Hand. Die jüngeren Herren warteten eine Weile diesen Willkommengruß ab und machten sich so lange an der Jolle zu schaffen. Pirath sprach kein Wort. Es war ihm, als verdunste alles in ihm an der Berührung. Es kämpfte schwelgerisch in ihm, und er preßte mit aller Kraft die Tränen zurück. Dann ging er auf die drei jüngeren Männer zu und reichte jedem die Hand und schritt dann stumm voraus auf seinen Hag. Da wußte der Herr von Wiltingen und die andern, mit wem sie es zu tun hatten, und sie begannen auf eine lange und starke Erzählung zu warten. Sie traten hinter Pirath in den Hag ein. Die Eingeborenen stellten sich weit im Kreis um das Gehöft. Alle sieben Dörfer waren nun da. Aus dem Schatten der ersten Hütte trat Seeschwalbe heraus und auf die Männer zu. Sie lachte und war stolz. Hinter ihr hielten sich furchtsam ihre sieben Kinder. Und Pirath legte seinen Arm leicht auf ihre Schulter und sagte: „Das war meine alte Kameradin.“ Das war das erste Wort, das er sprach. Die andern Weiberhütten waren leer, die Weiber hatten sich in den Kranz von Neugierigen gemischt, die den Hag umstellten.
Als die Männer oben waren, schweigsam sich im Raum umhersetzten und Pirath noch immer kein rechtes Wort fand, brach der Herr von Wiltingen das Schweigen und fragte mit seiner milden Freundlichkeit: „Herr Pirath, gehen Sie mit uns nach Europa zurück?“
Und da löste sich auf einmal an dieser einfachen und selbstverständlichen Frage die verknollte Erstarrung, die jene kühle scheinbare Sicherheit in Piraths Herzen vollbracht hatte. Pirath, der auf einem Holz saß, hob seine Augen noch zu dem Frager hoch, aber gleich fuhr er in sich zusammen, schlug die Hände übers Gesicht, und es stieg ein tränenloses Schluchzen aus allen Wurzeln seines Daseins herauf und rüttelte ihn wie ein Erdbeben. So kam die erste Abrechnung mit Kililiki, und obgleich er, nachdem er von jenem Fieberanfall befreit, sein Bewußtsein wiedererlangt hatte, keinen Augenblick unsicher war, daß er Kililiki verlassen mußte, daß Europa ihn rief und er dem Ruf der Quelle seines Blutes folgen mußte, so überrannte ihn nun doch das Schwere und Gewalttätige seines Entschlusses.
Die Männer ließen ihn gewähren. Als er sich beruhigt, trat der alte Herr von Wiltingen zu ihm und legte seine Hand auf seine Schulter. Pirath sagte, seiner wieder ganz sicher: „Verzeihen Sie mir den Anfall. Ich muß so viel hier zurücklassen.“
„Wie lange waren Sie hier?“ fragte Herr von Wiltingen, und alle lauschten gespannt auf die Antwort.
„Ich weiß es nicht. Die Jahre sind über mich hergestürzt. Nennen Sie mir das Datum, das Sie heute schreiben.“
„Morgen ist Weihnachten neunzehnhundertachtundzwanzig.“
Da erschrak Pirath. Er stammelte: „Dann sind’s fünfzehn Jahre. Das hab ich nicht gedacht. Dann bin ich ja ein alter Mann. Dann bin ich ja schon über fünfzig.“
„Donnerwetter!“ entfiel es dem Professor. „Und Sie sehen aus wie Mitte dreißig.“
Dann lachte der alte Herr: „Die Hose ist etwas kurz, die wir Ihnen geschickt haben.“ Jetzt erst bemerkten die jüngeren Männer und auch Pirath, daß die Hose ihm kaum über die Mitte der Waden reichte. Sie grölten alle auf. Das Eis war geschmolzen. Der Professor sagte: „Da muß ich, als der Längste von uns, Ihnen meine Garderobe zur Verfügung stellen. Wollen wir zum ‚Seepferd‘ hinüber?“
Pirath sagte: „Wie Sie wünschen. Bitte lassen Sie mich noch eine Stunde auf der Insel. Ich muß mit den Leuten sprechen, und das geht besser, wenn Sie fort sind. Ich will auch einiges hier aus dem Haus einpacken und mitnehmen.“
Die vier Männer gingen. Pirath begleitete sie zur Jolle und wartete, bis sie auf dem Schiff waren. Dann sagte er zu den Scharen von Männern und Frauen, die sich am Ufer drückten: „Ihr Leute, kommt in meinen Hag. Regenbogen muß zu euch sprechen!“
Alles stürzte hin, und Pirath erstieg die Leiter zu seinem Hause und sprach von oben:
„Es spricht Regenbogen zu den Männern und Frauen Kililikis so:
Regenbogen muß von euch gehen. Seine weiße Insel hat ihn gerufen. Er fährt mit dem großen weißen Kanu zu seiner Mutter. Er läßt euch allein. Unter euch wohnte ein Mann, der war bös und falsch wie eine Schlange. Deshalb hat Regenbogen ihn von euch fortgenommen. Das war euer König Möwenschnabel. Er liegt im Wald, und seine Seele ist aus seinem Leib fort. Aber fürchtet euch nicht. Sie tut euch nichts Böses. Regenbogen hat sie gebannt. Es spricht nun Regenbogen zu euch, daß die Seeschwalbe eure Königin sein soll. In sie ist das Tabu übergegangen, und ihr müßt ihr gehorchen. Regenbogen hat euch oft erzählt, daß ihr weiterlebt in dem, was ihr arbeitet, und ihr lebt weiter in den schönen und fruchtbaren Palmen, die ihr in den Pflanzungen hegt, und wenn eure Seele den Körper verläßt, bleibt sie als Geist in den Palmen wohnen, und sie ist ein guter Geist, der euern Kindern nichts Böses antut, sondern nur das Gute. Darum müßt ihr immer in den Pflanzungen arbeiten und sie schön instand halten. Denn ihr müßt wissen, Regenbogen kommt einmal wieder nach der Insel Kililiki und schaut sich die Pflanzungen an, und wehe, wer unordentlich und faul war. Und das spricht Regenbogen noch zu euch: Sooft es für einen Mann oder ein Weib Zeit ist, daß die Seele den Körper verläßt, so oft ist Regenbogen auf Kililiki und fragt die Seele, die davon will: Hat der Körper in der Pflanzung gearbeitet? Hat der Körper auch seine Kinder angehalten, das zu tun, wie Regenbogen es zeigte? Und die Seele, die ‚Ja‘ sagen kann, wird es gut haben im Lande Jenseits. Jetzt geht Regenbogen.“
Er stieg hinab und ging durch die Menschen durch. Die waren erst erstaunt und betreten, und dann, wie Regenbogen sie durchschritten hatte, da ging seine Rede wie eine süße Verzweiflung in ihnen auf. Sie waren glücklich an den Jahren, die der weiße Gott unter ihnen verbracht hatte, und waren verzweifelt, daß er sie verließ. Sie warfen sich auf den Boden, und ihr Weinen und Heulen, ihre Rufe und ihr Gestöhn folgten ihm, bis sein Kanu an dem weißen großen Schiff anlegte und er über die schwankende Treppe ins Innere verschwand. Seeschwalbe aber lag im Sand ihrer Hütte und drückte ihre Kinder an sich. Kein Laut drang aus ihren aufeinander gepreßten Lippen. Freude und Schmerz aber überschwemmten mit grenzenloser Wucht ihr Inneres. Sie war wie eine Gebärerin voll des Heiligsten an Lust und Leid, und es war ihr nicht geringer, als ob sie eine ganze Insel Kililiki gebären müßte.
Pirath kam nicht mehr ans Land zurück. Er sagte den Forschern, er habe schon Abschied genommen. Da meinte der Professor, dann könnten sie abdampfen. Der Zweck, den ihr Unternehmen verfolgte, sei ja schon vor dem Besuch auf Kililiki erreicht gewesen.
Das kleine weiße „Seepferd“ dampfte im späten Nachmittag ab. Pirath stand auf Deck und schaute heimlich zu, wie Kililiki ins Meer und in die Ferne versank. Nach dem Abendessen erzählte er bis in die tiefe Nacht hinein, gepackt von den Erinnerungen und dem hingegeben, was er wiedergewinnen sollte, seine Erlebnisse. Als er geendigt hatte, sah er, daß seine Zuhörer aufgeregt und ergriffen waren von dem Weg, den sein Leben genommen hatte. Da änderten auch in seinem Inneren seine Erlebnisse das Gesicht. Sie waren ihm bis dahin selbstverständlich vorgekommen. Nun legte er einen Maßstab an, den die Welt ihm hinhielt. Er war melancholisch. Es war ihm, als ob ein Riß in seinem Leben wäre, und nur die Aussicht, das verlorene Europa wiederzugewinnen, stand wie ein tröstendes Heim in seiner Richtung. Als er seine Erzählung beendet hatte, schaute Professor von Wiltingen ihn innig an und sagte: „Das ist das größte und sonderbarste Menschenschicksal, das mir unter den vielen, die ich mitansehen durfte, begegnet ist. Der neue deutsche Robinson.“
Vierter Teil
Der Heimgekehrte
Der Heimgekehrte
An einem widerwärtig launischen und nassen Märztag saß Hermann Pirath in der deutschen Stadt in seiner Villa und dachte an etwas, was in seinem Leben nicht eingetreten war. Ein kleiner Schein dieser unlustigen Gedanken fiel auch rückwärts in eine Zeit, die verflossen, und auf einen geliebten Menschen, der verblichen war, und der Gedanke, der also abirrte, wurde rasch ausgelöscht. Wozu soll er durch sein Blut leuchten? Die Toten kommen nicht zurück. Hermann Pirath hörte, daß die Türglocke ging. Dann brachte ein Dienstbote eine Visitenkarte. Pirath kannte den Namen, aber er erinnerte sich nicht. „Professor Anastasius von Wiltingen.“ Wer? Wer? Woher? ... Ein vornehmer älterer Herr trat ein. Hermann ging ihm entgegen. Jetzt wußte er, daß er diesen Mann niemals gesehen hatte. „Ich steh zu Ihrer Verfügung, Herr Professor. Womit kann ich dienen?“ sagte Hermann entgegenkommend. Man wandte sich manchmal bei Stiftungen an ihn, und er suchte schon mit den Augen nach einer Feder. Denn bald sollte wohl die Liste aus der fremden Manteltasche erscheinen, auf der schon der Oberbürgermeister fünfhundert Mark, die Frau Annie Dübelstein, wenn es sich um Wissenschaften, oder die Frau Natalie von Brank, wenn es sich um ein soziale oder religiöse Geschichte handelte, ebenfalls fünfhundert Mark eingetragen hatten. Während Hermann im Geiste sah, wie aus seiner Feder die Fünf und die beiden Nullen flossen, erinnerte er sich auf einmal, daß er vor wenigen Tagen den Namen des Professors von Wiltingen im Zusammenhang mit einem wissenschaftlichen Unternehmen gelesen hatte. „Na, also, fünfhundert. Meinetwegen!“ sagte er bei sich. „Herr Professor, Sie waren der Leiter der deutschen Südsee-Tiefenmessungsfahrt!“ wandte sich Hermann noch einmal an den Besucher, um gutmütig die Rede gleich auf ihr Ziel zu lenken.
Aber da sah er, daß der alte Herr um Worte verlegen war. Hermann schaute aufmerksam in das vornehme, vergeistigte und großzügige Gesicht, dessen Ausdruck im Widerspruch zu der Ratlosigkeit stand, in der sich der gelehrte Mensch befand. Da trat etwas in Hermanns Inneres, eine seltsame, bedeutende, unbekannte Erwartung. Der fremde Mund sagte schließlich: „Mein Besuch hat keinen Zusammenhang, weder mit jenem Unternehmen noch mit meinem Beruf. Herr Pirath, ich bin mit einer ganz sonderbaren, ganz großen und freudigen Mission für Sie betraut worden. Sie könnten erschrecken, wenn ich auf einmal damit herauskäme, mit dem einen Wort ... wenn ich ... wenn ich ... sogleich einen Namen nennte ...“
Da war es Hermann, als ob sich sein Brustkorb, sein Leib, sein ganzes Ich zu einem Luftballon ausweitete und emporhob. Er sprang auf und warf die Arme hoch. Er wußte alles, und er rief das Wort, den Namen: „Peter!“ und fiel dann dem alten Herrn von Wiltingen an die Brust, um irgendwo zu spüren, wo ein warmes Leben schlug, das einen Anteil nehmen könnte an der schmetternden Süße, die sein aufwallendes Bruderherz durchraste. Der Professor sagte lachend im Schluchzen: „Ja, Peter. Ihr Bruder! Nun seien Sie ruhig und verständig! Wir haben ihn mit herübergebracht.“ Hermann raffte sich zusammen und flog hinaus und rief in alle Zimmer, in den Flur, ins Treppenhaus: „Der Peter! Der Peter!“ Seine Frau kam auf die Rufe aus ihrem Zimmer. Hermann sah sie nicht und rief: „Tilla, der Peter! Tilla! Tilla! Der Peter!“ Das Dienstpersonal lief zusammen. Der Johann machte der Zofe Annaliese ein Zeichen: „Er hat einen Sparren!“ Die Zofe machte mit dem Finger Zeichen auf der Stirn und flüsterte: „$Tet$.“ Die dicke Köchin keuchte aus dem Erdgeschoß herauf und schmetterte erschreckt von sich: „Wat is nu los?“ Der Chauffeur hörte die Rufe im Hof und trat neugierig in den hinteren Flur. Hermann stürzte zum Professor zurück und rief ihm überschwellend zu: „Dank! Dank! Herr Professor! ...“
Da sah er, daß seine Frau im Zimmer war. Sie hatte verstanden, daß der fremde Herr eine Nachricht von dem verschollenen Schwager brachte. Hermann fiel zu ihr hin und rief: „Tilla, der Peter!“ und konnte kein anderes Wort finden als immer: der Peter! Die Frau lächelte ihn an und sagte mit einer freundlichen Kühle und Gewandtheit: „Aber Hermann! Willst du so lieb sein, mich mit dem Überbringer einer so unerwarteten und glücklichen Nachricht bekannt zu machen?“ „Ja, ja!“ stotterte Hermann. „Verzeih! Verzeihung, Herr Professor, Herr Professor von Wiltingen — meine Frau. Herr Professor hat uns den Peter mitgebracht. Wo ist er, Herr Professor? Steht er hinter Ihnen? Draußen? Wartet er in Ihrem Wagen? Wo? Ach, ich werde ihn nicht mehr erkennen. Er wird mich nicht mehr erkennen. So lange ... alt geworden ... fünfzehn Jahre! Sechzehn Jahre! Wie sieht er aus? Ist er gesund oder krank? ...“
Der Professor besänftigte Hermann. Er erzählte das Notwendigste in großen Zügen und fügte hinzu: „Ihr Bruder ist in meinem Hotel, und er wartet darauf, zu Ihnen gerufen zu werden.“
„Das Auto! Chauffeur! Hans! Hans!“ rief Hermann. „Wir fahren gleich! Gleich!“
Seine Frau aber sagte ruhig: „Bleib doch besser hier! Meinen Sie nicht auch, Herr Professor? Es wird meinem Schwager lieber sein, daß das Wiedersehen in einem bekannten Haus und nicht in einem Auto auf der Straße ist.“
Sie stand da, groß, braun und glanzhäutig, wie sie war, sieghaft und sicher mit ihren schönen dunkeln Augen überlegen und gewandt den Auftritt beherrschend, und Hermanns Inneres sagte schmerzlich betroffen: „So kalt wie immer!“ Aber er mußte ihr recht geben und der Professor auch. Das Auto fuhr mit Herrn von Wiltingen davon.
Hermann strampelte vor Erregung und Ungeduld. Er warf sich in einen Sessel und hielt sich mit Gewalt an den Lehnen fest und schloß die Augen. Er versuchte, für eine Zeitlang sein Bewußtsein auszulöschen. Aber er mußte bald wieder aufspringen. Seine Frau zog sich nach einer Weile in ihr Zimmer zurück.
Peter kam. Er ging, von der Dienerschaft hinter den Vorhängen heraus angestaunt, schwerfällig und mit klopfendem Herzen durch den breiten Flur, und auf einmal flog etwas auf ihn zu, stürzte an ihm hinan, und die beiden Brüder hielten sich stumm umarmt und weinten. Dann gingen sie in Hermanns Zimmer, und sie tätschelten sich nur eine Weile und schauten sich an, unfähig zu sprechen.
Die Tür ging auf, und Frau Tilla kam herein. Sie ging groß und stolz rasch auf Peter zu, nahm schnell und lange seine Hand und sagte mit leuchtendem Auge: „Peter, ich freu’ mich!“ Zu Hermann gewandt, mit einer koketten, beleidigt tuenden Miene, fügte sie hinzu: „Du hättest mich wohl bis morgen auf meinen so unerwarteten Schwager warten lassen, damit du ihn allein hast. Egoist!“
Hermann war aber noch ganz umfangen von dem Ansturm des ersten Wiedersehens. Er sagte nur zu Peter: „Das ist Tilla, meine Frau!“ Tilla dehnte ihren schönen Leib auf vor Peter. Die Brust straffte sich unter den Spitzen zum Gewölbe, und ihre Hüften flossen schmal, gespannt und geschmeidig ab. Ihre Haut auf den nackten Armen und im Blusenausschnitt war von einem marmornen Braun. Sie hatte eine schmale, leicht gebogene Nase, aber ihr Mund war gewöhnlich und hatte verschwommene Linien um die rote Massigkeit der Lippen.
In einem messenden kalten und großen Blick sah Peter diese fremde Frau an. Er war auf einmal betroffen und beleidigt. Er hatte nichts von Hermanns Ehe gewußt. Er war nicht eifersüchtig. Er war mißtrauisch. Sie stand da, in Kleidern, die vor Vornehmheit kühl und befremdend waren, gepflegt, unter einem entfernenden Reif und rückte doch alles an sich vor und ins Licht. Dem dunkeln Glanz, den die großen braunen Augen über ihn ausstrahlten, begegnete Peter mit trotzigem Staunen. Es sagte eine Stimme in ihm: „Ich glaub dir nicht, Glanz. Du bist ja falsch ...“ Und dennoch bezwang der Glanz etwas in ihm. Peter zog sein Herz scheu zurück. Er fürchtete sich ein wenig, vor etwas Verstecktem, was in dieser steinkalten Person sich hinter Freundlichkeit verborgen hielt. Da fühlte er eine eisige Fremdheit sein Herz unglücklich machen, und er sprach kaum mehr. In seinem Innern fragte es immer: „Weshalb ist sie dreißig Jahre alt und Hermann noch einmal soviel?“ Er hatte die ganze Reise Hermann vor sich aufgestellt wie eine Vase. Hermann war das Gefäß gewesen, das seine europäischen Erwartungen gefaßt hielt. Er hatte falsch an ihn gedacht. Und während ihre Gespräche stockend und vorsichtig zwischen den Abenteuern und der Rückkehr Peters und dem hin und her flatterten, was in der Heimat zurückgeblieben war, fragte Peter unablässig heimlich in sich: „Sag, bist du denn der alte liebe Hermann aus der ersten Zeit meines Lebens?“
Aber weshalb wollte er den ersten Teil seines Lebens wieder treffen? Welcher verhängnisvolle Irrtum!
Sie gingen früh zu Bett, ein jeder mit seinen Sorgen. Niemand schlief im Haus in dieser Nacht.