Piraths Insel

Part 23

Chapter 233,765 wordsPublic domain

Aber zugleich, wo er so das Alte, was er aus dem weißen Erdteil herübergetragen hatte, so hoch in sich hielt und es in seiner Nachkommenschaft zur Blüte brachte, überstrickten ihn doch die Scharen der halbfarbigen Kinder, die aus seinen Weiberhütten quollen, wie ein Netz und verbanden ihn immer tiefer und enger der Muttererde Kililikis. Mit sachtem Verblassen schwand Europa stetig hin.

So stürzten zwischen Zeugen und Gebären, Festzeiten und sanften Alltagen, gemäßigt schreitender Arbeit und Sorglosigkeit die Jahre über ihn dahin und schienen sich nicht mehr um ihn zu kümmern als er um sie. Er maß die Zeit nicht. Er besaß rund um sich keinen Maßstab dafür, trotzdem die Alten starben, und die Kinder aufwuchsen; denn er war das oberste Gesetz für die Insel; so wie die Insel ihm, so war er sich selber gleichermaßen untertan; wie ein mächtiger Saft strotzte er durch das Leben der Insel; er sah seinen Weg nicht, er folgte ungestümem Drang, denn wenn er nachts bei den Frauen lag und, sich mit ihnen vermischend, immer tiefer der fremden Seele zusank, so blieb doch vor ihm das Letzte, die endgültige Besitznahme, wie der Horizont, der von dem drauflos rauschenden Dampfer zurückweicht. Aber das war seine dumpfe Kraft, daß er Gemüt und Instinkt über Kililiki herrschen ließ und nicht das Hirn, dem der Weg zu der schwarzen Seele doch verrammt geblieben wäre.

Einmal in dieser ungemessenen Zeit erscholl die Garamut, und Pirath, der sich nun auf ihre Sprache verstand, hörte heraus, daß sie die Männer nach dem Steinbruch Mutter rief; ein neuer Gott war dort fertig geworden. Er sah den König Möwenschnabel, dessen ursprünglich heftige Energie immer erschlaffender sich ihm unterbötig machte, mit einer unausgesprochen bleibenden Frage um ihn herumgehen. „Ö! Ö!“ machte Möwenschnabel und blies vor Pein die Lippen auf wie ein Seelöwe. Pirath verstand. Er selber war nicht mehr im Steinbruch gewesen. Sein Abenteuer mit dem Gemästeten war durch die Jahre in ihm weitergewachsen. Die Qualen der Kriegserscheinung der auf den Besuch folgenden Nacht waren in ihm zu einer geheimnisvollen Wurzel gewachsen, die fortwährend Ranken ausschlug. Etwas Fernes plagte ihn, wenn er dran zurückdachte, und die Nachwirkung jener Visionen, die nicht sterben wollten, und die Formen, die die furchtbare Begegnung mit dem unflätigen Dicken im Laufe der Zeit annahm, waren nach und nach in ihm wie ein schmerzgeladenes Symbol davon geworden, wie er Europa nie ganz verlor und Kililiki nie ganz gewann, und wie sein Leben in der Vereinsamung doch etwas rätselhaft Volles war, das er nicht zu fassen vermochte. In der Erinnerung an die kurze, gewalttätige Berührung mit der geifernden weißen Fleischmasse, die gerettet werden wollte, hatte sich ein unsteter und unsicherer Haß entwickelt, der nicht nur dem Dicken galt, sondern auch insgeheim etwas in Pirath selber traf. Oft nahm Pirath seine Zuflucht zu diesem geheimnisvollen Haß. Er wühlte sich hinein, roh wie ein Schakal, falsch wie eine Schlange, grausam wie ein Falke, ganz und auflodernd wie ein Kililikimann. Dann war es ihm, als bestiege er ein heilsames, kriegerisches Bad, und Unsicherheit und Schwanken häuteten sich von ihm ab. Er entstieg seinem Haß, aufs neue Herrscher über Kililiki und die Einsamkeit des Stillen Ozeans.

Das war Pirath gegenwärtig, als Möwenschnabel so unentschlossen um ihn ging. Einen Augenblick stieg es verführerisch durch das Blut des Schwarzen auf: ich nehm eine Keule und schlag ihn von hinten tot! Dann kann ich machen, was ich will ... Aber furchtsam machte er gleich einen heimlichen Zauber hinter diesen Einfall, damit Regenbogen nichts davon verspüren soll. Pirath aber sagte ihm einfach: „Die Männer werden nach dem Steinbruch Mutter gerufen! So spricht Regenbogen: Geht! Aber die jungen Leute, die in der Pflanzung arbeiten, gehen nicht und Regenbogen geht auch nicht.“

Damit war der König nur halb befriedigt. Was sollte er sagen, wenn die Schlitzäugigen nach den jungen Leuten verlangten? Er drückte sich noch immer herum und wagte endlich seine Bedenken hervor: „Der König meint, die jungen Leute ...“ Aber Pirath schnitt ihm erregt das Wort ab und rief unwillig: „Regenbogen spricht: Die jungen Leute bleiben hier. Geh!“ Da ging Möwenschnabel und tröstete sich mit dem Bewußtsein der Übermacht, die Regenbogen gegen den Steinbruch Mutter besaß.

Alle Männer, die an Pirath vorbeigingen, um ihre Kanus ins Wasser zu setzen, sahen bedrückt und furchtsam aus. Pirath verfiel in eine wüste und harte Stimmung. Er wollte die Männer nicht aufhalten, aber es beleidigte ihn doch etwas daran, daß sie zum Steinbruch gingen. Der Steinbruch war sein Feind. Aber vielleicht war der dicke Weiße in den Jahren gestorben? Doch seine Erinnerung klebte im Kessel. Der Haß umstieg Pirath. Er warf den Davonrudernden, die alle gedrückt sich in die Kanus füllten, Spottreden nach, und als der König Möwenschnabel, üppiger geschmückt als die andern und das schwere Halsband aus Muschelringen über Schultern und Brust, das er alle fünf Jahre einmal trug, sein Kanu bestieg, rief Pirath: „Der König verliert ja aus Angst vor den Schlitzäugigen seinen eigenen Dreck!“

Das war das Furchtbarste, was einem Kililikimann gesagt werden konnte. Denn die heftigste Scham und die entsetzlichste Angst hüteten die Leiberabgänge vor fremden Augen. Sie entstiegen dem innern Ort, an dem die Seele den Körper belebte und waren jeder Behexung aufs äußerste zugänglich. Alle Männer erschraken, als sie dies hörten, und der König blickte entsetzt unter sich. Er sah nichts, aber er glaubte. Ein finsterer Impuls schwoll in seinen Adern. Es war der Haß gegen den Unterdrücker Regenbogen, die Furcht vor dessen göttlicher Gewalt, die Liebe zu dessen Dasein auf Kililiki, die Grenzenlosigkeit zwischen Regenbogens Macht und der des Steinbruchs Mutter, dem sie entgegenfuhren, all der dumpfe Zwiespalt von Jahren. Regenbogen hatte etwas Neues gebracht, aber die alten dämonischen Säfte waren weiter durch Kililiki geflossen. Das alles ballte sich in ein rasendes Eins zusammen und durchwirbelte das Blut des Königs. Aber da in diesem Hirn Impuls und Tat keine genaue Abgrenzung kannten, genügte der dunkle Ansturm, um den König angstvoll niederzuducken und an einem geheimen Tabu Sühne und Sicherheit zu suchen.

Die Männer ruderten davon. Pirath sah, daß in den Kanus doch einige der jungen Leute saßen, denen er die Fahrt verboten hatte, und das steigerte seinen Zorn und Haß. Er geriet allmählich in eine Stimmung, an der er zu zerspringen drohte. Es war ihm, als zersprühten seine Nerven durch die Haut hindurch und als verlöre sein Körper den Halt. Jähzornig stieg er umher, warf sich bald hin und schnellte wieder empor, schoß mit dem Bogen nach allen Tieren, die er sah, raste durch die Weiberhütten und trieb die Frauen auf. „In die Pflanzung! Arbeitet!“ schrie er. Er stürmte zur Pflanzung und fuhr mit heftigen Worten drein. Die Kinder heulten. Pirath schlug sich in den Wald, lief zwischen Hag, Pflanzung, Wald und Meer ruhelos stundenlang umher.

Als er sich entschloß, das Kanu ins Wasser zu schieben und aufs Meer hinauszurudern, sah er plötzlich zwei Kanus um die Ecke biegen. Die Kanus strebten mit aller Kraft der Ruder aufs Land zu. Sie flogen surrend über das ruhige Wasser. Da ließ er sein Kanu liegen und wartete auf die beiden andern. Kaum hatte der Bug den Sand berührt, so sprangen die Männer in der Hatz ans Land und liefen. Er hielt einen an. „Was ist?“ rief er ihm ins Gesicht. Und der andre fiel in die Knie und stammelnd und ohne Zusammenhang mit schreiender Stimme: „Großes Kanu, so groß wie Kililiki, und aus einem Kopf Rauch! Und weiße Männer eingedrungen in den Steinbruch ...“

Da verließ die Kraft Piraths Arme. Der Mann entriß sich ihm und stürzte wie ein Kasuar davon. Aber Piraths Herz war wie explodiert. Es war ihm beim ersten Wort klar, daß ein Dampfer den Norden der Insel angelaufen hatte, daß ihm ein Wiedersehen mit Europa bevorstand. Das Ereignis fiel über ihn her wie ein zusammenbrechender Steinbruch. Er war ihm nicht gewachsen. Seine flatternden Nerven verloren den letzten Halt. Seine Vorstellungen purzelten um. „Nun wird der Dicke gerettet!“ stammelte er vor sich hin, von jenem kindischen Wahn umfangen. Er war niedergefallen. Langsam erhob er sich, und betäubt ging er davon mit immer demselben halblauten Stottern: „Nun wird der Dicke gerettet!“ Da geschah es in der furchtbaren Verwühltheit seiner betäubten Sinne, daß die Dinge sich auswechselten. Er hatte einmal Europa in dem Dicken verraten, hatte es ununterbrochen durch seine Hingabe an die Insel verraten. Er wurde mit einemmal das schwarze Kililiki, und der Dampfer und die Weißen rückten ihm bedrohlich als Todfeinde entgegen.

Er eilte in sein Haus, schaffte allerlei Lebensmittel zusammen, nahm den Revolver und schlich sich dann in seinem kranken Trotz, von der Unfaßbarkeit jener plötzlichen großen Nachricht in die Flucht gejagt, in den Wald hinein. Er hatte auf Jagden gegen Kasuare ein Tälchen entdeckt, in dem Felsen mitten in einem Teich von Grün weit über moosigen Boden sich auswölbten. Unter den Felsen war es wie in einem geschlossenen Haus. Dorthin wühlte er sich durch den Wald. Es war schon dunkel, als er ankam, und die Ermattung des Waldlaufens und die Wirkungen des unversehenen Ereignisses mähten ihn gleich aus dem Wachen. Aber sein Schlaf war wie ein zuckendes Von-Traum-zu-Traum-Flüchten. Jeden Augenblick wachte er halb auf, und der folgende, im Ungewissen beginnende und rasch zu grausamer Körperlichkeit steigende Traum riß ihn ein Stück weit durch einen entsetzlichen Schlaf, bis er gleich wieder aufschreckte. Eine dunstige Hitze sickerte aus seiner Haut. Als das Frühlicht durch die grüne Wand bis in die Höhle brach, lag Pirath stöhnend im Moos und wälzte sich unglückselig und schmerzgepeitscht im Fieber.

Die Forschungsgesellschaft

Im Norden ankerte die kleine Dampfjacht „Seepferd“. Sie war mit einer deutschen Forschungsgesellschaft hergekommen, die ausgezogen war, dem Stillen Ozean einmal gründlich auf die Eingeweide zu fühlen, und sie hatte bei monatelangen Kreuz- und Querzügen schließlich doch einmal auch Kililiki getroffen. Sie wären vorbeigedampft, denn ihre Arbeit war abgeschlossen. Aber diese Insel war nicht in ihre Karten eingetragen. So warfen sie Anker, und die jungen Mitglieder ruderten mit zwei Matrosen gleich ans Land. Sie sahen den Steg in dem Felsen, und sie kamen wie ein Gewitter, das auf einmal mitsamt Blitz, Donner und Wolken auf die Erde fällt, über die Versammlung im Steinbruch her.

Die Schlitzäugigen, die allerhand geheime Wege hatten, waren über diese zum größten Teil entwischt. Die Uferleute drückten sich ängstlich in die baumbestandene Ecke, in der sich der Hag des Dicken befand. Regenbogen hatte den jungen Leuten oft von jener ungeheuren Insel erzählt, die so groß war wie die blaue Matte über Kililiki und dem großen Wasser, und die Dörfer hatte, die doppelt so groß wie die ganze Insel waren, und in den Dörfern wohnten nur weiße Männer, Frauen und Kinder.

Die Alten hatten auch einiges von diesen Erzählungen aufgeschnappt, sie vermochten jedoch nicht recht zu glauben, daß die Erde noch mehr weiße Menschen trug als Regenbogen. Aber die Jungen, die durch jene Erzählungen Regenbogens mit den weißen Männern schon etwas vertraut waren, riefen den Alten zu, sie brauchten keine Furcht zu haben, das seien Brüder Regenbogens. Die Weißen kamen auf die Geängstigten zu und hoben die Arme hoch, um zu zeigen, daß sie keine Waffen hatten und ihnen nichts tun wollten. Sie sahen, daß die Schwarzen alle ebenfalls waffenlos waren. Das verstanden die Männer aber nicht, und sie drückten sich heftig gegen den Hag. Pfähle krachten und Matten rissen. Auf einmal erscholl ein entsetzliches Gebrüll. Ein Klumpen mengte sich unter die Männer, die in den eingedrückten Hag gerieten, preßte sich mit brüllenden Lauten zwischen ihnen hindurch, rollte nieder und erhob sich und fiel wieder hin. Es war der Gemästete. Das Fett hing, nun da er alt wurde, wie Würste schlapp um ihn herum. Er war entsetzlich kurzatmig und schimpfte zusammenhanglose Unflätigkeiten. Dünne graue Haarsträhnen klebten zwischen den Fettfalten seines Schädels. Er wälzte sich bis an die Weißen heran und rief: „Äser! Äser!“ und griff nach einem. Sie erwehrten sich seiner ohne Mühe. Ein Matrose hielt ihn fest. Der Dicke war dem Wahnsinn verfallen.

Die Männer aus den Dörfern aber verstanden nichts von dem, was geschehen war. Sie glaubten, der Dicke sei eine Sau, eine ulkige Mißgeburt, die schreien konnte wie ein Mensch, und weil sie sich dazu auch noch wie ein Mensch gebärden konnte, fanden sie ihn außerordentlich komisch, und sie begannen im Gebüsch und Hag allmählich immer lauter aufzumeckern. Das Gebaren der so drollig geratenen Sau ergötzte sie aufs höchste und machte sie den Weißen zugleich zutraulicher.

In Möwenschnabel regte sich das Blut, das ihn zum König gemacht hatte. Er nahm all seinen Mut zusammen, denn er war nicht sicher, ob nicht wie damals, als Regenbogen gekommen war, plötzlich das große Donnern wieder über die Männer dreinführe. Er schlüpfte etwas aus dem Gebüsch heraus auf die Weißen zu und entblößte weit sein Gebiß, indem er freundlich und lauernd: „Ö! Ö!“ grüßte. Dann wartete er zugleich auf Donner und Tod und auf gutes Gelingen seines Unternehmens. Ein Mann trat auf ihn zu. Er sah aus wie Regenbogen und klopfte ihm versichernd auf die Schulter, und auf einmal wußte Möwenschnabel und wußten alle die nackten Männer im Gebüsch, daß all die Weißen nichts anders seien wie Regenbogen. Ein Individuum schwand, und ein Begriff trat an seine Stelle, so wie in diesen Urwaldphantasien Leben lebloses Ding und lebloses Ding Leben, eine Tat, eine Vorstellung, ein Mensch und aus einem Menschen oder einer Tat eine Vorstellung werden konnte. Sie wurden auf einmal ganz zutraulich. Sie wälzten sich aus dem Schutz des Hags heraus und tolpatschten, lachten und machten ihre freundlichsten „Ö! Ö!“ um die Weißen, wie junge spielerische Hunde. Sie redeten die Weißen an und glaubten verstanden zu werden und griffen nach ihren Armen und sagten immer: „Regenbogen! Regenbogen!“

„Lausch, verstehen Sie, was da auf einmal vorgegangen ist?“ fragte der Doktor Stein seinen Kameraden.

Der meinte nur: „So was haben wir nirgends erlebt ... Wer ist denn der weiße Dicke?“ fragte er plötzlich.

Der weiße Dicke lag in der Sonne auf dem Boden und streckte die Beine und Arme weg. Er war tot. Er war tot wie ein Tier. Ein Herzschlag hatte ihn erlöst. Doktor Stein, der Arzt war, bückte sich zu ihm nieder und versuchte lange, durch die Fettbehänge dem Herzen nahe zu kommen. Es schlug nicht mehr. Er sah sich den Toten an und bemerkte seinen Kameraden: „Als ob er gestopft worden wäre, wie eine Mastgans. Welches Geheimnis ist diese Insel? Kneifen Sie mich mal in die Nase, Lausch, ob ich wirklich lebendig und bei Sinnen hier stehe ...“

Lausch kniff ihn. Stein sagte: „Ja!“ Dann zeigte er Möwenschnabel auf den Toten. Möwenschnabel erschrak und machte eine Bewegung, die heißen sollte: „Ich weiß nicht, hab ihn nie gesehen.“ Auch die andern Schwarzen schienen nichts von ihm gewußt zu haben. Sie lachten nur, denn sie glaubten noch immer, der weiße Körper sei eine Mißgeburt von einem Schwein. Stein sagte den Matrosen, sie möchten eine Grube graben und den Toten hineinlegen.

„Was machen wir jetzt?“ fragte er Lausch und die beiden andern. „Was meint ihr, wenn wir an Bord zurückkehrten, Papa Wiltingen berichteten und ihm nahelegten, mit diesen Männern in deren Dörfer zu gehen. In diesem Loch können sie doch nicht wohnen ...“

Dabei drehte er sich herum und blieb auf einmal mit offenem Mund, erschrocken und wie geschlagen, stehen. Lausch folgte den Bewegungen Doktor Steins, und es geschah ihm plötzlich dasselbe. Der Biologe Doktor Hardt, der zu dem dicken Toten niedergebeugt kniete, sah, daß die beiden auf einmal, gleich der Frau Lots auf der Flucht, wie Säulen dastanden, folgte der Richtung ihres Gesichts, sprang auf, und auch der Zoologe Doktor Meister, der im Haufen der Schwarzen stand, gewahrte unversehens die Riesenbilder und trat mit einem Ruf des Erstaunens und Erschreckens aus dem Haufen heraus.

Er fand zuerst die Besinnung vor der fürchterlichen Gewaltigkeit dieser plötzlichen erdenschwarzen Hünen aus Granit, und er sprach das Wort: „Osterinsel!“

„Ja, aber viel älter, viel mehr Urwald und ... furchtbar, furchtbar!“ rief Lausch. Auch Stein sagte: „Ganz anders!“

Er zeigte Möwenschnabel und den Schwarzen die Bilder. Sie wichen erschrocken zurück. Sie versuchten die Weißen mitzuziehen. Sie waren sich nicht gewiß, wie die entsetzlichen Seelenfänger dort die Berührung mit den Weißen auffaßten. Einer der Europäer sagte: „Sie scheinen sich davor zu fürchten. Sie wollen uns weghaben. Kommt! Wir können ja morgen wiederkommen.“

Sie gingen, von den Männern umschwärmt. Die Kililikier zogen ihre Kanus unter den Bäumen heraus, die Weißen ruderten zur Jacht und erzählten dem Professor von Wiltingen, dem Leiter der Expedition, was sie erlebt und gesehen, und baten ihn, den Anker zu lichten und zu den Eingebornen zu fahren. Die Kanus hielten sich in gemessener Entfernung. Der Anker rasselte hoch, und auf einmal begann das Schiff sich in Bewegung zu setzen. Da scholl, wie eine Gewehrsalve, das Lachen aus den Kanus auf. Das Schiff fuhr ohne Ruder und ohne Segel. Hat man das je auf Kililiki gesehen? Ohne Ruder und ohne Segel. Das Lachen knatterte vom Felsen wider. Das „Seepferd“ fuhr mit wenig Dampf. Die Kanus lagen wie ein Schweif hinter ihm. Dann, nach zwei oder drei Stunden rückten sie auf einmal ab und ruderten ans Ufer. Der Dampfer setzte die kleine Jolle aus, und die Europäer fuhren ans Ufer, wo sie zwischen Bäumen Hütten sahen.

Als sie ein paar Schritte hinter Möwenschnabel her den Strand hinaufgegangen waren, kroch Seeschwalbe plötzlich aus dem Ufer. Ihre Augen funkelten vor gieriger Freude, sie hob die Arme hoch, sie wußte, wer gekommen war und sagte rasch hintereinander die sechs deutschen Worte, die sie von Pirath spielerisch gelernt hatte: „Peter, Deutschland, weiß, schwarz, Kinder, gebären!“ ... Die Europäer lachten, und Seeschwalbe entblößte mit tausend Gefühlen des Glücks, das sie wie ein wilder ungestümer Vogelschwarm überfiel, die großen schönen Zähne und sagte: „Regenbogen!“ und zeigte auf ihren Hag. Sie sprang voraus. Die Europäer kümmerten sich nun nicht mehr um den lächelnden, stammelnden Möwenschnabel, sondern folgten ihr.

Sie rief ununterbrochen ins Haus hinauf: „Regenbogen! Regenbogen!“ Aber Regenbogen kam nicht. Sie wußte nicht, daß er sich geflüchtet hatte. Da eilte sie vor den Europäern die Treppe hinauf. Die Weißen folgten. Seeschwalbe trat enttäuscht wieder aus dem Haus und hob die Matte vor der Tür hoch, damit die Weißen hineingehen konnten. Sie standen in dem dunkeln, leeren Raum und wußten nicht, was geschehen sollte. Da holte Seeschwalbe das Eisenbeil, den Kompaß, das Taschenmesser, die Uhr ... alle europäischen Dinge hervor, die Regenbogen im Boot mitgebracht hatte. Die Deutschen schauten sich an und schauten sich die Sachen an, sahen aus den Schriften darauf, daß sie deutscher Herkunft waren, und der alte Professor flüsterte: „Ein neuer Robinson!“

Er trat zu Seeschwalbe, legte mild seine Hand auf ihre Schulter und fragte mit eindrucksvollen Bewegungen, wo der Besitzer dieser Gegenstände sei. Seeschwalbe verstand die Frage und wollte den Weißen mitteilen, sie sei erschrocken, daß er nicht hier sei, und wisse nicht, wo er sich befände. Bevor sie aber diese Antwort geben konnte, erblickte sie auf einmal in dem halbdunkeln Raum in einer Ecke den König Möwenschnabel. Ihr Blick fiel zufällig unmittelbar in dessen Augen, und da sah sie etwas Gefährliches darin stehen. Sie fühlte in der raschen dumpfen Erkenntnis ihres Herzens, daß hinter diesen selbstvergessenen Augen etwas vorging, das auf Regenbogen zielte. Sie antwortete den Deutschen nicht mehr. Sie setzte zwischen ihnen hindurch, fiel über die Stiege hinab und sauste in den Wald hinein, zuerst ohne Richtung und nur heiß und angstvoll der Absicht folgend, Regenbogen zu suchen. Etwas, was Angst, Dankbarkeit, Hundetreue, Liebe, die ersten dämmernden Lichter von Gewissen war, hetzte sie so in den Wald hinein. Sie preßte sich hastig, bebend und stammelnd durchs Dickicht. Sie lief im Zickzack hin und her. Da fand sie auf einmal an einem geknickten Ast einen Faden hängen. Der Faden war von Regenbogen. Kein Mann auf der Insel besaß solches Gewebe. Sie rief und folgte hastig einer Spur im Gebüsch. Es wurde dunkel und finster. Sie schnitt sich rasch geradeswegs, scharf und drohend wie ein Messer durchs Gestrüpp. Denn jetzt fühlte sie, wo er hingegangen war.

Sie fand die Höhle. Sie stürzte zu ihm, der im Moos lag und im Fieber redete und stöhnte. Sie nahm seinen Arm und strich mit ihrer Hand unermüdlich und beruhigend drüber hinauf. Das Fieber war in der Auflösung begriffen. Piraths Hände drückten Seeschwalbe an sich. Er war glücklich, in seiner qualvollen Einsamkeit und Krankheit des Leibes und der Seele dieses Geschöpfes Teilnahme zu empfinden. Langsam schlief er dann ein, von der Ermattung bewältigt. Seeschwalbe aber wachte und horchte in den Wald hinaus. Es war ihr in ihrem aufgestachelten und besorgten Argwohn, als könnte sie ihr Gehör und ihre Nerven wie Pfeile in den Wald hineinwerfen. Und auf einmal nach Stunden, da die Dämmerung schon grün vor der Höhle im Wald aufleuchtete, da trafen ihre lauernden Vorhuten ein Geräusch, da empfand sie, daß sich etwas näherte.

Sie weckte Regenbogen leise und sagte ihm: „Möwenschnabel will dich töten. Wach auf, Regenbogen! Seeschwalbe ist dein Vogel, der gewacht hat, wie die Fregattvögel überm großen Wasser den Sturm aufrufen.“

* * * * *

Als Möwenschnabel hinter den Weißen in Regenbogens Haus eingeschlichen war und gesehen hatte, daß Regenbogen nicht darin war und daß Seeschwalbe sich erschrocken über seine Abwesenheit zeigte, da durchfuhr ihn plötzlich ein großer Einfall. Sein Inneres sagte ihm: „König Möwenschnabel, laß deinen Bauch zu dir sprechen: Der Regenbogen ist vor den Weißen geflohen. Sie sind so viele, als eine Hand Finger hat. Regenbogen ist allein. Er fürchtet sich. Diese Götter sind also mächtiger als Regenbogen. Ich werde ihn töten. Das wird dem König Möwenschnabel nützen.“

Sobald die Weißen dann zum Schiff zurückruderten, nahm er die Keule und schlug sich in den Wald. Er suchte. Dann kam die Finsternis, und er ging zurück in sein Haus. Aber mit der ersten Dämmerung brach er wieder auf. Bald fand er Spuren. Er folgte ihnen, verlor sie wieder, aber der Drang zu morden stand mit brutaler Sicherheit in ihm und schärfte seine Sinne. Nach und nach fand er den Weg von Regenbogens Flucht und sah den Felsen schon durch die Bäume durchdringen. Da faßte er seine Keule fest in die Faust und drückte sich hitzig durch die Sträucher durch. Auf einmal hörte unter den Felsen das Gestrüpp auf. Möwenschnabel sah einige Schritte vor sich Regenbogen auf dem Boden sitzen, und vor ihm stand Seeschwalbe. Die beiden erwarteten den König. Regenbogen erhob sich vorsichtig und langsam. Der König trat vor. Er meckerte laut seinen Gruß: „Ö! Ö!“ Er rief ihn halb spöttisch, halb von Haß zerbissen, mit Genugtuung und Gier; er schob Seeschwalbe, die vortrat, ohne weiteres auf die Seite und machte harmlos tuend eine Bewegung mit seiner Keule. Er lachte. Aber Piraths Revolver war rascher, und die Kugel traf mitten in das lachende Gesicht. Möwenschnabel stürzte vornüber. Er lachte im Tod. Seine Finger umkrampften den Griff der Keule wie einen Knollen. Alles lag in diesem, im Tod lebendig bleibenden Griff, was unter der spitzen Wölbung des durchlöcherten Schädels gelebt hatte. Die Finger glichen, hart, dünn und klein, wie sie waren, der spärlichen Masse des Gehirns, die sie in den Tod gestoßen hatte.