Part 22
Die Stimme im Dunkeln war schwer vom wilden Zwang einer mühsamen Gleichmütigkeit. Pirath wußte, daß starke Spannungen sich in einige große Völker geladen hatten. Er sagte bewegt und ergriffen: „Nun, nun, Franz, das ist nicht so schlimm, wirst schon wiederkommen.“ Aber Franz rief aus der Dunkelheit verhängnisvoll herauf: „Nein, nein, Herr Pirath, i komm’ nimmer z’ruck!“ Und er ging langsam und ein wenig torkelnd, wie betrunken davon.
Da legte sich Pirath wieder ins Bett. Neben ihm rekelte und mummelte sich eine kleine rosenhäutige Frau und versuchte an ihn anzuwachsen, wie ein Blutegel. Er stieß sie zurück. Er sagte ihr entsetzt und kalt:
„Ich werde dich einfach zuvor töten. Denn du wirst mir nur Leid bringen und mich hindern. Ich kenne dich. Du willst mir Kililiki nehmen.“
Aber sie begann zu erzählen. Sie wurde eine weißrassige neuzeitige Scheherazade, öffnete den kleinen roten Bogen ihres Mundes, und die Zähne perlten leuchtend, und dem Mund entfloß eine weite unaufhörliche Wendung aller Dinge, eine ganze Geschichte der Zeiten und Völker. Er sah des Weibes Blut in den Adern wie in einem Pumpwerk allmählich steigen. Es wurde Dampf. Die perligen Zähne hüpften wie Zylinder, und die schlanken greifenden Arme umtobten ihn, wie Kolben, die rastlos die zeugende Gebärde ausübten.
Was rosig und mummelig gewesen, ward ein dunkler Bergschoß, der vor Triebkräften schmetterte. Die ganze Schöpfung spannte sich an rasende Treibriemen und schleuderte sich zu einer wahnsinnigen Heftigkeit. Und doch war all dies Fließen Pirath so selbstverständlich ... Doch blieb die Scheherazade das junge blonde Weiblein, das seiner begehrte.
Er stritt gegen sie. Er legte seine Finger an ihre Kehle. Aber sie hob nur, ohne sich um seine Finger zu kümmern, den Arm über das Bett und über ihn, und siehe! — der Arm ward eine Brücke. Diese kam aus der Tiefe der verflossenen Zeiten als ein Weg, der wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers weit hinten am Ursprung handschmal aus einer Höhle am Himalaja begann und ihm entgegen in unbegrenzte Breite wuchs.
Der nackte Adam hielt auf ihm seine Schlange in der Hand und schlug mit ihr nach dem Apfel. Salomon ging hinterher, eitel gereckt, und trug auf einem Buch feierlich das Lamm Gottes. Sieben Siegel baumelten aus den Seiten der Schrift. Das Lamm Gottes war umdampft von den Phantasmagorien der Offenbarung des Heiligen Johannes. Die Mutter Maria schritt, das Gesicht hoch in den Himmel gebadet, umfunkelt vom ewigen Glanz ekstatischer Tränen und ewig gewölbten Leibes zwischen den Männern.
Und vom Weg trat Homer auf die Brücke und schrie in skandierten Versen die Helden aus dem Nebel hervor. Aber niemand kam. Er schrie und schrie, daß Peter wütender über die Scheherazade herfiel und schon ihre Kehle zwischen den Knöcheln zu spüren vermeinte. Aber das Mädchen öffnete nur den Mund, und da stand auf einmal Attila vor Homer und hob die Faust, um ihm den singenden Mund zu schließen. Der kleine Napoleon jedoch schlug ihm mit finsterer Gebärde den Arm weg. Dürer ging auch in der Gruppe. Er zeichnete auf ein großes Blatt das Labyrinth der Melancholie, zu dem sich Goethe mit zerrauften Haaren und drei Blutstropfen auf der Schläfe, die ihm das Herz aus der Hirnschale getrieben, heftig, märtyrerhaft niederbeugte.
Mitten in einem Spiel goldener Glocken und zwischen schwarzen Sklaven und hellhäutigen jungen Perserinnen lustwandelte der Kalif Harun und lächelte mit seinem duftenden Gesicht, wie eine tropische Frucht. Kung Fu Tse wand sich durch die Schreitenden, bis er neben dem Lamm Gottes ging, und zeichnete mit stummer Beredsamkeit in die dunstigen Ausflüsse der Apokalypse das Fötuszeichen des Jinjangs, während er selber zu ertönen begann, wie eine uralte, mit Zeichen umkränzte bronzene Faßglocke und zu tönen nimmer aufhörte.
Da kam rasch und ruhig Röntgen und durchleuchtete die apokalyptischen Dämpfe, und Harun der Kalife lächelte schärfer, Dürer verwirrte das Wirrsal seiner Zeichnung noch mehr, und Goethes Augen wuchsen, und seine Schmerzen schlugen ihm zu Mund, Nase und Ohren heraus. Homer piepste nur noch, und Dehmel sang an seiner Stelle in einem Garten, daß die schwarzen Nächte voller Rosen und rauchschwelender Schlote vor schwerem Sternenglanz schweißig zerfielen.
Die Brücke ging vom rechten Tigrisufer nach dem Kaiser-Wilhelm-Hafen am linken Elbufer gegenüber von Hamburg, wo die „Vaterland“ mit einer Stimme zur Abreise in die Welt rief, die alle Zeiten verschüttete.
Und aus aller Mund sprach die süße giftige junge Scheherazade. Pirath wich mit seinen rasenden Händen nicht von ihrer Kehle, mordete sie tausendmal, und tausend neue alte Leben entquollen dem Geheimnis dieses Mords und seiner Sprache, das von des Mundes roten Bogenrippen süß umwölbt war. Pirath schrie ... schrie ...
Denn die ganze Brücke voll Geschichte, Die aus des Paradieses Schoß die Zeiten überwölbte Und in der Zukunft fernem Dämmern niedersetzte, Hatte zum Schlußstein, Am Scheitel ihres Bogens, Wild zerquetscht, Piraths Herze eingefügt. Und über dieses Herz hinweg Wandelten jene Männer und Frauen der Zeiten. Auf einmal sprang der wüste Zahn des Raubtiers Aus der uralten Höhle, die von Anbeginn der Welt Zum Ende aller Zeiten sich nie schließt, Jach mitten in die Gruppen. Die Töpferscheibe mochte mit dem runden Kreise Ihrer Sonnenähnlichkeit, das steinern Beil, Dem Zahn des Raubtiers nachgebildet, Von Menschenhänden handhabt, in den Schoß Der Völker friedlichen Keim versenken ... Die Keule und der Bruder Morgenstern, Zweihand-Schwert, Büchse, Mitrailleusen halfen Dem Raubtierzahn. Die schwarzen Sklaven über die Hellhäutigkeit Der persischen Kalifenweiber her! Und Attila Blähte gespitzte Kiefern. Surrend übersang Dynamos den Homer, Unsichtbare Quellen überströmten aus den Spulen Die Melancholeia, und Goethe stand, Steinern, wie ein Roland, Aufs Schwert gestützt und schaute, litt, erlebte, rang Und überwand. Das Lämmlein Gottes blökte mild und hilflos. Sal’monis Herrlichkeit notzüchtete, Derweilen Adam spaltete den Apfel mit der Schlange. Der Jinjang grölte pustend wie ein Stahlwerk. Personen schwanden vor Begriffen, Aus Hirnen strebten Völker, Öffneten sich zur Zerstörung Und schlugen sich wie Pelikane, Zahn an Zahn, Ins Blut der eignen Brust.
Pirath erfaßte seine Warze überm Herzen, Sie war ein Quell geworden, dem das rote Blut entzischte, Und die schöne, zarte und heimtück’sche Scheherazade Öffnete darunter das Gewölbe ihres giftigen Mundes und fing Den roten Springquell schlürfend ein und grausam.
Da rasten Völker wie zerborstene Vulkane. Wie Wolkenbrüche patschten Kugeln durch die Heere. Granaten sprengten Lehm und Bein zusammen — Die Schöpfung riß — Und warfen Wald und Stadt zum Himmel. Und als sie wieder niederfielen, Fielen sie auf das arme Herz des Peter Pirath, Das den Schlußstein der erdgeistigen Brücke machte Und als Jahreszahl Plus und Minus Unendlichkeit
in seine Kammern eingegraben trug, weil es verflucht war von der giftigen Scheherazade. Da schlug er kurz mit dem Steinbeil Kililikis nach ihrem Schädel, so schön er auch war. Aber sie lachte nur und entfleuchte und war nicht mehr bei ihm, war nichts mehr als Lug, Stank und Nichts.
Da schwoll sein Herz vor märzlicher Schmerzhaftigkeit glückselig an. Das Chaos seines Blutes stampfte von den Heerscharen des Todes, das über die gewaltige Bergstraße marschierte und, von üppigen Hengsten umsprungen und umwiehert, im donnernden Lärm gottstarker Geschütze zu Tal zog. Es war schon vom Zwang des Kriegs befreit, aber noch unter seinem Schatten. Es hatte schon den Pflugsterz, die Feder, den Hammer, das Steuer in der Hand, aber noch das Gewehr auf dem Rücken, und wohlig zur Ader gelassen, in machtladender neuer Jugend sang es in den Takten der scharf hinmähenden alten und schwermütigen Kriegsmärsche:
Das war der Herbst von Neunzehnhundertvierzehn! Das war der Herbst, der unser ist! ...
Während noch das große Morden sein Blut durchraste, begann aber schon das neue, das grenzenlose Ernten und Befruchten. Die gerechten Scheuern flogen mit unendlicher Geilheit auf. Aus dem Schoß der Erde donnerte das Kreißen einer neuen Zeit herauf, die sich an Größe mit allen Entwicklungen der gewesenen Menschheit maß ...
Pirath lag die ganze Nacht in die blutende Qual eingeschlossen. Die Schwüle des Gewitters, das sich nicht entladen konnte, hielt ihn unter ihrem dampfigen Druck. Die wehen Fieber stöhnten durch sein Blut, und in stundenlangem Ringen erlitt er diese Vision, mit der sein fieberndes Ahnen den Raum brach und die gottgesandten Ereignisse heranzog, mit denen ein Volk seinen gerechten Thron zu erbauen unternahm.
* * * * *
Als Pirath erwachte, lag er auf dem Boden neben dem Boot. Der Schweiß quoll ihm wie heiße Küglein aus allen Poren. Sein Blut rann ermattet durch den Körper. Sein Kopf war schwach, und den Muskeln fehlte jede Spannung. Er erhob sich schlaff und ging zum Meer hinab. Das Ringen der Nacht lag wie ein geheimnisvoller Spuk mächtig auf all seinen Sinnen. Er verstand nichts von dem, was ihm widerfahren war. Er badete sich den Schweiß weg, aber sein Körper behielt vom Salzbad einen schleimigen und hitzigen Belag.
Seeschwalbe und die Eingeborenen hatten ihn neben dem Boot liegen gesehen. Sie hatten ihn nicht angerührt, denn sie glaubten, er sei im Kampf gegen die Dämonen des Steinbruchs Mutter dorthin gelangt. Als er sich erhob und baden ging, kamen sie alle aus den Hütten hervor, in die sie sich versteckt hatten. Sie waren glückselig und gingen gleich in die Dörfer und erzählten, Regenbogen habe den Steinbruch Mutter besiegt, und kein Mensch brauche mehr zu sterben.
In Wirklichkeit war die Sterblichkeit in den Dörfern sehr gesunken, weil Pirath sich überall um Reinlichkeit und Krankenpflege bemühte. So schien in der nächsten Zeit, solange das Interesse am Besuch Piraths bei den Schlitzäugigen die Phantasien in Spannung hielt, weil niemand starb, die Macht Regenbogens wirklich dieses unglaubliche Ziel erreicht zu haben, und die Männer machten sich daraufhin mit neuem Eifer an die Vollendung des Wohnhags Regenbogens, um ihn durch die siebenfache Kette der sieben Mädchen fester an die Insel zu binden. Eines Tages kam dann der König und sagte Pirath, die Häuser seien fertig und man veranstalte ein großes Fest. Das Fest fand statt und dauerte drei Tage, in denen fast ohne Unterbrechung gegessen und getanzt wurde.
Pirath verließ das überdachte Boot am Strand unterm großen Baum und bezog das hohe geräumige Haus, das auf Pfählen stand und dessen Dach- und Türbalken ausgeschnitzt und mit lebhaften Farben freudig belegt waren. Seeschwalbe ging in eine der niedern Hütten wohnen, die das Pfahlhaus umgaben. Sie wählte die Hütte, die die Männer ihres Dorfes gebaut hatten und die gleich links vom Eingang in den Hag, neben dem offenen Kochhaus lag.
Die andern Hütten blieben inzwischen noch leer. Die sechsfache Hochzeit wurde immer wieder verschoben, weil stets bald das eine, bald das andre Mädchen mit dem Tabu ihrer monatlichen Blutungen belegt war und keines Mannes Auge die Unwürdige sehen durfte.
Aber Seeschwalbes Leib stieg unversehens in heimlich treibender Fruchtbarkeit. Wie sie, bevor dies geschah, immer straff und gespannt, heftig schön war, wie ein polierter Bogen aus dunkelm Palmholz, so baute sie sich jetzt auf in einer schwerfällig mächtigen Fruchtbarkeit. Sie blieb oft im Schreiten zum Ausruhen stehen; von Sonne oder Schatten übergossen, erhob sie sich, steil im Kreuz aufgerichtet, um die Last des Leibes besser tragen zu können. Ihr Bauch war wie die Kugel einer neuen Erde. Ihre Brüste strotzten ausschweifend mit mütterlicher Kraft gefüllt, und in der Hitze sog sich aus ihren pflaumendicken und pflaumenblauen Warzen von selber die Milch heraus. Sie sickerte in kleinen Rinnsalen an den Halbkugeln hernieder.
Wenn Pirath dieses Stehenbleiben, diese ausschwellende, drangvolle Fruchtbarkeit sah, die sein Werk war, so erfüllten ihn mächtige Gedanken. Er war Vater einer beginnenden neuen Rasse, die sich Kililiki erobern mußte. Er wollte aus dem entstehenden Leben ein Geschlecht auferziehen, das sich auf ihn stützen und von ihm aus entwickeln sollte, das ohne Verbindung mit den vorwärtsdrängenden Völkern jenseits des Meeres einen unsichtbaren Anschluß an die Triebkraft des weißen Geistes finden sollte. Und wenn dann einst diese Insel entdeckt werde, so müßte sie sich in den Gang des Weltverkehrs ohne Mühe und Blut fruchtbar einordnen können; es dürfte ihr nicht so ergehen wie den schwarzen Inseln, auf denen er vor Kililiki gewesen war und auf denen die Eingeborenen an der ungestüm eindringenden Energie und Stetigkeit des weißen Geistes starben.
Pirath arbeitete schon lange an der Fleischwerdung dieses Gedankens. Er begünstigte die Künstler und bemühte sich, ihren rein symbolischen Werken eine neue, stärkere und geistigere Geltung zu verschaffen. Die Häuser und Hütten hatten sich überall verschönt unter seinem Einfluß. Über die Bäche waren kleine Brücken gebaut worden, deren Geländer und Kappen in Schnitzereien ausgearbeitet waren. Die Menschen folgten diesem Eifer Regenbogens willig, denn er wandte sich ohne Vermittlung an ihre Phantasie. Die heimatliche Kunst des Farbigen war wie Musik. Sie war nicht im Erschaffen zusammenbändigend, sie löste auf, sie summte und sang die Erscheinungen der Schöpfung spielerisch und verliebt auseinander. Über ein Schnitzwerk konnte die Phantasie lange dahinstreifen und viele geheime Dinge auf sie beziehen.
Aber zugleich wo Pirath diesen Bedürfnissen des Herzens Nahrung gab, versuchte er auch, den Sinn für die Wirklichkeit, für die Dauer eines Lebens, für das Fortbestehen vergangener Zustände und Zeiten zu wecken. Er leitete Männer und Frauen an, regelrechte Palmenpflanzungen zu gründen. Er versprach ihnen einen späteren Lohn für die Arbeit der Gegenwart und bemühte sich ununterbrochen, die Phantasien vom Wert des zufälligen Augenblicks, dem sie sich weich und hinschmelzend stets ganz ergaben, abzulenken und alles Gegenwärtige in einen Zug zu bringen, der in die Zukunft strömte und irgendwo im Kommenden erst seine Ernten fand.
So versenkte er in die breiigen Massen, in denen die Einbildungskraft der Farbigen haltlos auseinander strömte, allmählich, wie eine ferne noch dunkel umbrandete Insel, den Anker des Gedankens.
Er wußte, daß es erfolglos sei, diesem Ziel die Männer und Frauen zuzuführen, und er ging sparsam mit seinen Kräften um. Er wandte sich nur an die Heranwachsenden, die noch weniger geformt waren; er schuf ihnen neue Werte, und er hatte Erfolg. Er hatte Erfolg, weil er zu gleicher Zeit, wo er mit stetiger Tatkraft die Werdenden auf seine Höhe heraufzog, auch sein eigenes Herz tief und weich sich in die Insel Kililiki eingraben ließ. In seiner unbegrenzten Vereinsamung verlor er ja den starren Maßstab, um das zu messen, was europäisch in ihm blieb und was südseeinselhaft wurde.
Was aber an weißer Erziehung in ihm verharrte, genügte, um von Weile zu Weile seinem Gottestum bei den Eingeborenen einen neuen Anstrich zu geben und den Einfluß seiner Macht immer frisch zu halten.
Eine geheime Mithilfe seines Blutes kam ihm dabei zustatten. Pirath war von Stechmücken vergiftet worden. Das Chinin, das er im Boot gefunden hatte, war ausgegangen, und er war der Malaria wehrlos ausgeliefert. In regelmäßigen Abständen schwärmten die neuen Bruten aus seiner Milz auf. Sie stürzten sich über seine roten Blutkörperchen und durchrasten seine Adern mit wilden Schmerzen. Dann lag er stöhnend auf einer Matte zu Füßen seiner hohen Treppe, und die Eingeborenen hockten sich um ihn. Sie sahen, wie er von Weile zu Weile diesem sonderbaren heftigen Gebaren anheimfiel.
Da erfand einer der Priester, daß in diesen Zeiten seine Seele den Körper verließe und zum großen Geist einkehrte, um sich mit neuen Kräften zu laden. Darüber jammerte und zuckte der Leib und schrie nach der Seele.
Wenn sich dann allmählich das Fieber löste und die plagenden Schwärme gestillt zurückstarben, dann überkam Pirath die Erleichterung seines Blutes wie eine Erlösung. Sein Herz erschwoll unter einem Ansturm von tiefen glückhaften Vorstellungen. Die Welt umschlang ihn in ewiger Liebe, und sein Mund ließ Worte von süßer, seliger Verbrüderung ausströmen. Die Menschen waren wie ein einziges, liebesgetränktes Herz, gierig, sich Gutes und Liebes anzutun, vom Geist geschaffen, damit das Glück, das im Erdschoß schlief, ihnen teilhaftig werde. Die Schwarzen hockten um ihn und horchten lautlos dem Zauber seiner Reden, der mächtig in ihr Blut einzog. Sie weinten vor weichen Gluten, die sie durchtränkten, vor geheimnisvollen Bildern, die sie durchzogen, und streichelten sich gegenseitig. Und ihre in nächtigem Dunkel erd- und tiergebundenen Phantasien durchbrach die erste Morgendämmerung des Menschwerdens.
* * * * *
Eines Frühmorgens sagte Seeschwalbe: „Meine Zeit ist da! Ruf die Mutter und die Verwandten!“
Sie setzte sich stöhnend an ihre Tür und umfaßte fest und gewaltig den Hausbalken. Ihr Leib arbeitete wie ein Vulkan. Die Schmerzensstiche durchrissen sie wie Erdbeben. Aber sie gab keinen Laut von sich, und als Mutter und weibliche Verwandte kamen, lag ein kleiner Knabe vor ihr. Mit einem Muschelscherben durchschnitt die älteste Frau die Nabelschnur und tröpfelte den Saft einer Pflanze auf die Wunde. Andre Weiber wuschen den Knaben mit Bachwasser und brachten ihn Regenbogen hin, der der Sitte gemäß den Wohnhag verlassen und, mit dem König sprechend, die Vollendung des Ereignisses abgewartet hatte.
Das Knäblein, das man ihm brachte, war fast ganz weiß. Pirath hatte das nicht erwartet und erschrak ein wenig darüber. Aber er hatte nie den Neugeborenen einer schwarzen Frau gesehen und wußte nicht, daß die Kinder alle die gottgesegnete weiße Farbe zur Welt mitbringen. Es brauchte dann auch nur etliche Tage Sonne und Luft, um die Haut zur Farbe der Insel zurückzuführen. Aber der Knabe, der gleich mit Haufen von Namen überschüttet wurde, behielt einen hellen Schimmer, der ihn von allen auszeichnete und der Seeschwalbe und ihre Sippe glücklich machte.
Nach drei Tagen war Seeschwalbe wieder auf den Beinen, und die großen Geburtsfeste begannen das Ereignis zu feiern. Die sieben Dörfer kamen vor dem Hag des Vaters zusammen. Pirath stand an der Treppe zu seinem Haus und bemühte sich um den Knaben. Auf einmal erscholl ein wüster Lärm. Die Dörfer hatten sich unversehens in Männer und Weiber geteilt und waren aufeinander losgegangen. Sie warfen sich mit Erdklumpen, Steinen, Früchten, sie schlugen mit Bambusstöcken aufeinander ein. Sie lachten und quietschten dabei und gingen doch rasch in eine leidenschaftliche Wut gegeneinander über. Es war, als entlüde die Natur in den beiden Geschlechtern einen langher aufgestapelten Haß, und Pirath erinnerte sich auf einmal, in seinem Innersten aufgewühlt, an den Satz aus dem Schöpfungsbericht: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und ihr!“ Und die Schlange war nicht die Schlange, sondern war ein Sinnbild für das männliche Glied. Da legte er den Knaben nieder; von zwiespältigen, gereizten Gefühlen gepeinigt, warf er einen Blick voll mühseligen Hasses auf sein Weib und ihr Kind und mußte sich bezwingen, um nicht brutal mit in den Kampf einzugreifen und auf die Weiber loszuschlagen.
Aber der Kampf der Geschlechter hörte auf, wie er begonnen hatte, ohne Übergang; ohne Übergang, wie alles auf der Insel. Während die Männer und Weiber sich wieder glücklich krähend und meckernd vermischten und einige, die bluteten, ohne weiteren Ärger die Wunden mit Blättern eindeckten, mußte Pirath noch lange, in seinen zwiespältigen dunkeln Zorn eingeschlossen, verstört umhergehen. Das Fest nahm seinen Verlauf, üppig und ohne Einschränkung. Sieben Tage lang tat man nichts andres als essen und tanzen, sich begatten und schlafen.
Dann war auf einmal eine Zeit da, in der die sechs Bräute Regenbogens alle gesund waren. Man eilte sich. Ohne weitere Umstände und Zeremonien bezogen die sechs jungen Mädchen eine jede ihre Hütte zu Füßen des Pfahlhauses. Nur die Sippe kam der Reihe nach zu Besuch, brachte Geschenke und nahm kostbarere Geschenke als Ausgleich mit zurück und aß Piraths Speisevorräte auf.
Als diese Besuche vorbei waren, legte ein jedes der Weiber unter Piraths Leitung eine Pflanzung an, in der in genau gesonderten Feldern Taro und Jame, Bananen, Papayas gepflanzt wurden. Außerhalb des Hags wurde ein großer Schuppen errichtet, in dem die Schweine sich aufhielten. Pirath lehrte die Weiber die Arbeit zu teilen und Zeit zu sparen und erübrigte für die Palmenpflanzung, die am unbewohnten Westufer vor dem Dorf Vater entstand, einen Teil ihrer Arbeitszeit. Die Männer hatten sich begeistert und in zornigem Arbeitseifer über die Anlage gestürzt. Aber länger als für das Roden hatten Kraft und Lust nicht gehalten. Immerhin war das die schwerste Arbeit. Die Eingeborenen kannten freilich Methoden, durch Keile Holz zu sprengen, die die Arbeit weniger mühselig machte.
Aber im großen ganzen waren sie auf ihre Steinbeile angewiesen. Nur Pirath hatte das eiserne Beil aus dem Rettungsboot. Er verrichtete siebenfache Arbeit, und die Eingeborenen, die zum erstenmal die Kraft des Eisens erlebten, erhoben das Beil zu einer Gottheit und nannten es die schnelle Schärfe. Pirath hatte durch eine List ihre Tatkraft so lange wach gehalten, bis ein Geviert, das etwa dreihundert Schritte in der Länge und hundert Schritte in der Breite maß, von Bäumen frei war. Er sagte ihnen, daß jenes Steinbeil, das der schnellen Schärfe an Kraft und Raschheit nachkäme, von demselben mächtigen Geist bezogen werde, der in seinem Eisen wohnte. Da schlugen sie drauf zu, und ein jeder hoffte, daß der Geist in sein Beil einzöge. Zum Aufsuchen und Eingraben von Pflanznüssen, zum Sauberhalten und Pflegen der jungen aufschießenden Bäume hatte Pirath nicht mehr soviel Kräfte nötig. Er konnte diese Arbeiten mit seiner jungen Garde und den Weibern bewältigen.
* * * * *
Pirath lebte als Erzeuger in die kommenden Jahre hinein. Er lebte zwischen den Frauen, fast unbewußt ihrer Gegenwart. Mit einem sonderbar fernen Anteil ging er zwischen diesen Geschöpfen, und von der einen zur andern führte ihn ein leicht zu erfüllendes Pflichtbewußtsein. Er war nur Erzeuger. Er ging fleißig von Hütte zu Hütte, als der große Gründer einer kommenden Rasse. Nie hatte er Schwierigkeiten mit den Frauen. Mit ihren Streitereien wagten sie sich nicht bis an ihn heran. Sie fürchteten seine stetige Strenge. Sie fügten sich alle von selbst unter die Herrschaft Seeschwalbes, die wie eine Prinzessin über Dienerinnen zwischen ihnen lebte und von Fruchtbarkeit und Glück strotzte.
Für Seeschwalbe allein wuchsen Gefühle von Zärtlichkeit und von innigem Zusammenhang in Piraths Herz. Ihr allein weihte er die Notwendigkeiten des Austausches von Gemüt zu Gemüt. Sie bewahrte ihre, oft plötzlich wie die Krallen einer Katze wild aufspringende, oft in süßer Trägheit dahindämmernde Grazie, und war er bei andern Frauen, so dachte Pirath sich zu ihr.
Die Frauen gebaren Jahr um Jahr. Eine starb. Das war Pirath nicht mehr, als ob er einen Tag dahinrauschen hörte. Sie wurde ersetzt. Andre wurden alt, häßlich und welk und traten von selber zurück. Im Laufe der Jahre wurde manche ausgewechselt.
Die Kinder erwuchsen. Der Vater nahm sich ihrer an, wie er auch die Kinder der Eingeborenen, die man bis dahin hatte frei herumlaufen lassen, in sein mildes aber stetiges überwachen und Erziehen genommen hatte. Die Ältesten gingen schon mit in die Pflanzung, in der die ersten Bäume Nüsse reifen ließen, und wurden mit leichten Arbeiten beschäftigt. Sie suchten die Käfer ab. Pirath erlebte an seinem Samen, daß er befähigter und anders war, und pflegte die Anlagen, in denen er sein Blut erkannte.