Piraths Insel

Part 21

Chapter 213,832 wordsPublic domain

Sie dachte nach, was für einen Gegenzauber es gegen den Einfluß der Schlitzäugigen gab. Aber es bestand kein Kraut, kein Trank, keine Speise, keine Blume, keine Worte, keine Handlung, die den Menschen gegen den Steinbruch Mutter gefeit hätten, denn im Steinbruch Mutter wohnte die Höhle der ewigen Einkehr und Trennung. Zugleich sagte sie sich aber auch: „Du, Regenbogen, du bist weiß, wie ein Wolkenglanz, der übers Wasser streift, du bist groß und stark wie ein Irimabaum, du bist kampftüchtig wie eine Gottesanbeterin. Wer mag dir etwas antun können?“

„Hi! Hi!“ lachte sie mit einem tiefen Ton kichernd und warf sich vor kindlichem Genuß über einen Strauch. Sie purzelte rasch über den weichen Zweigen nieder auf den Boden und blieb in der tiefen Wiege des Waldes liegen, in der sie Regenbogen zum erstenmal in sich empfangen hatte, und lachte gurrend wie eine Taube in den Palmen am Meer und krähte grell wie ein Kakadu. Eine kleine dicke Grille streckte vor ihren Augen den Steiß aus dem Boden und rieb sich klirrend die Hinterbeine an die Flanken. Seeschwalbes Finger ergriffen sie unversehens, ihr leuchtendes freudiges Gebiß zermalmte sie im Nu, und sie schluckte die Bissen jauchzend, als ob sie einen Strahl des Erdglücks verzehren dürfte.

Peter machte sich derweil reisefertig. Er verpackte seine beiden Revolver in einen kleinen bastgeflochtenen Beutel, lud Eßzeug ins Kanu und nahm dann, um Möwenschnabel zu täuschen, das Fischgerät und die Schlinge und Klapper zum Haifischfang mit. Der König rief: „Ö! Ö!“ herüber. Peter sah die Ausleger des Einbaumes nach, zog die kleine Matte auf und stieß das Boot ins Wasser. Dann segelte er gleich nahe am Ufer um den Vorsprung, der ihn den Blicken des Dorfes entzog. Der Wind ging gut. Er kam von Südwest. Peter zog an der dorflosen Küste entlang, an der sich überall uralte Hünenbäume schwerfällig und gewaltig über den hellen Strand auswölbten.

Auch hier, wo keine Siedlungen waren, drangen Palmen empor, und ganze Scharen standen, wie steil erstarrte urhafte Riesenschlangen, über den Wald hinaus in der blauen Luft. Die Nüsse baumelten unter den Stützen der Blattwedel, orangenfarbig leuchtend in fetten Klumpen zusammen. Da dachte der einsame weiße Segler an die Pflanzung Matantuduk und an ein Werk, das er einst verrichtet hatte. Menschenzüge strömten an ihm vorbei, die ihm einst nahe gestanden hatten, und alles war doch ungreifbar blaß, war wie eine Projektion aus der Raumlosigkeit heraus in die dampfig-heiß um ihn verrinnende Sonnenatmosphäre. Von der rasch verfließenden Vision behielt er nur einen Vorsatz in sich, über den er halb sich selber lächelnd leid tat und dennoch einen Atemzug von Zukunft empfing: er wollte die Einwohner der sieben Dörfer anlernen, ordentliche Palmenpflanzungen zu schaffen.

Die Insel war geformt wie ein Kreissegment. Der Bogen lag nach Süden und trug die sieben Dörfer in sich. Die beiden Schenkel waren nur unbegangener Wald und liefen nach Norden spitz in ein mäßig hohes baumüberschwemmtes Felsgebirge aus. Peter segelte an der Westseite entlang. Das Dorf Vater lag hier am Beginn des Kreisschnitts, als erstes Dorf der Reihe, und war man um die scharfe Ecke gesegelt, so war nichts mehr von Hütten oder Menschen zu sehen. Die Sonne stieg steil auf. Die niedern Berge näherten sich mit immer häufigeren, aus dem Wald aufsteigenden Felsklötzen dem Ufer. Das Kanu zog nun rasch vor dem Wind einher. Peter hielt es in Steinwurfweite vom Ufer. Er mochte vier Stunden unterwegs sein, als er in seiner Fahrtrichtung das kleine Gebirge gerade und plump aus dem Meer aufsteigen sah. Da stellte er das Boot noch mehr unter die Küste, und eine große Ungeduld erfaßte ihn. Er nahm die Revolver heraus und legte sie zurecht.

Nach einer langen Weile kam er unter den Felsen, an dem eine sanfte Dünung schaukelte. Er umfuhr den Felsen. Er sah, daß er wie eine Bastei ins Meer hineinragte, kahl und blaugrau und zeitgehämmerter Granit war. Der Wind trieb das Boot an. Peter strich rasch das Segel ein und ruderte. Jenseits des Felsens lag ein bewaldeter Uferstreifen flach auf dem Meer. Aus den Bäumen dieser Küste stieg dann wieder rasch das niedrige felsige Gebirge an. Peter ruderte den Einbaum an den Felsen. Er wußte, daß er an seinem Ziel war. Den Felsen sah er im Bogen durch den Wald rückwärts schweifen und zweihundert Schritte vom Strand über den Bäumen sich wie einen Zirkus runden. Er wollte am Ufer entlang rudern und den Eingang in diesen Zirkus suchen.

Da sah er plötzlich in Manneshöhe über dem Wasser, das Flut hatte, einen Fußweg wie ein Band sich am Felsen dahinschlingen. Er ruderte zu der Stelle, wo der Wald an den Felsen stieß. Dort zog er das Boot aufs Ufer, band sich die Revolver an und kletterte mit Hilfe eines Baumstamms auf den Steg im Felsen. Dieser Steg war nicht breiter, als sein Fuß lang war. Peter mußte sich mit dem Rücken gegen den Felsen weiterschieben. Die Äste der Bäume drückten sich fest an den Stein. Mühsam zwang Peter sich weiter hindurch. Dann verließ der Pfad den Felsen und wand sich ins Gestrüpp hinein, und mächtige Baumkronen, von hellen riesenhaften Stämmen getragen, über sich, drang Peter vor.

Auf einmal stand er am Rand eines Kessels. Er sah zwischen den Bäumen durch, unter denen er stand, untief zu seinen Füßen einen weiten, von Baum und Gestrüpp freien Kreis. Die Sonne schien hinein. Er trug die Spuren von Arbeit und Menschen, aber Peter sah keine Seele. Er hörte nur einen Lärm, wie ein auf Dächer prasselnder Regen. Auf einmal bemerkte er, daß der freie Platz jenseits einen Steinwurf weit an einer dunkeln Felswand aufhörte. Diese Felswand stieg steil und eben auf, hoch wie ein Seglermastbaum.

Peter stand erschrocken still. Die glatte ungeheure Wand sah schwarz aus wie ein rasender Gewitterhimmel. Peter strengte sich an, zwischen den Bäumen durchzuschauen, die sich auf seiner Seite über die Kante des Kessels warfen, und allmählich sah er, daß die Wand nicht glatt war. Er erkannte mit schlagendem Herzen, daß schwarzleibige Gestalten mit ungeheuren Leibern aus dem Granit hervorragten. Es war, als hockten sie auf kurzen plumpen Beinen im Gestein und der Leib reckte sich dann frei auf. Der Bauch stieg wie eine Kuppel über die Schenkel. Die Schultern rundeten sich ab, schwerfällig und drohend wie Bastionen. Die Arme lagen wie hünenhafte Schlangen über den Bauch gekreuzt, und über ihnen stieg die Brust auf und war aufgestautes steinernes Meer, das sich jeden Augenblick verhängnisvoll über die Insel loswälzen kann. Der Kopf war gebildet wie ein mächtiger oben sich ausweitender Kegel; als eine Balustrade baute sich die Stirn auf, niedrig und scharf vorgewölbt, und die großen schiefstehenden Augen waren flach und trugen die schauerliche Starrheit eines von Ewigkeit zu Ewigkeit dauernden Totseins in sich, das dennoch geheimnisvoll mit dem urlangsamen Wachstum des dunkeln Granits angefüllt war.

Peter sah eine Reihe von diesen steinernen Ungeheuern nebeneinander sich errichten. Sie waren wie Türme, denen ein Gott furchtbare, brutale Menschenformen gegeben hatte. Sie waren versteinerte Urtiere. Eines war wie das andere, und sie waren doch unterschieden unter sich. Schließlich erkannte Peter, daß seitwärts der Steinbilder der Felsen von zwei parallel in die Höhe laufenden Reihen kleiner Terrassen gefurcht war. Die Terrassen waren mit Bambusstangen untereinander bis auf den Boden und bis zum Scheitel der hohen Felswand verbunden.

Als er eine Weile angestrengt schaute, bemerkte er, daß auf den kleinen Terrassen sich etwas regte. Er trat unwillkürlich vor. Ein toter Ast zerkrachte unter seinem Fuß. Ein Ruf mit sonderbaren zwei gleichzeitigen Tönen stieß durch die Luft. Die Terrassen, die Peter durch das Laub nur in kleinen Flecken sah, schienen sich aufzulösen. An den hellen Bambusstangen rasten dunkle Leiber aufwärts. Peter, vom Schauer des Sehens, vom Willen zu nehmen, gestoßen, brach gewaltsam an die Kante des Kessels durch.

Er sah, daß sie nicht tiefer als eine doppelte Mannshöhe bis auf den Boden maß. Mit Hilfe eines überhängenden Astes ließ er sich hinabrutschen, fiel hin, sprang zugleich empor und lief, mit den Händen nach den Revolvern tastend, quer in den Kessel hinein, auf die Terrassen zu. Er sah einige kleine dickköpfige Menschen schon ganz oben an den Bambusstangen davonfliehen und erkannte zugleich, daß die Terrassen das Gerüst waren, von dem aus eine neue Steinfigur aus dem Felsen geschlagen wurde. Die kurzen schwerfälligen Beine waren schon fertig. Das Gewölbe des Bauchs hob sich über die Schenkel, die Brust, die Augen, die Stirn schauten auf ihn herab. Aber Leib und Kopf staken noch tief im Felsen drin.

Da rief eine Stimme: „He, du! Mann, Mann!“

Pirath schaute weiter in die Höhe, als ob er nicht gehört hätte. Er sagte sich: „Meine Ohren sausen von dem raschen Herabspringen und Laufen. Wie soll eine deutsche Stimme hierhin kommen?“ Aber gleich rief es wieder: „Du! Du! Mann! Hier! Hier!“

Da wurde es Peter so schwach in den Beinen, daß er sich zu Boden legte. Über ihn wuchsen die schwarzen Urtiere, die starren Menschenungeheuerlichkeiten, die das Leben Kililikis in sich aufsaugten und voll von Gewittern staken, denen alles Blut Sklave war. Aber entsetzlicher, grauenerregender als die granitnen Furchtbarkeiten, die sich gewaltvoll über ihn bauten, überstürzte ihn diese plötzliche deutsche Stimme, die auf einmal wie eine Katastrophe die Einsamkeit der Insel Kililiki und seine eigne weiße, erwartungsloser Ewigkeit ergebene Vereinsamung donnernd zerschmetterte.

Peter lag am Boden. Sein Herz stach wie ein auf- und abschnellender, an beiden Enden gespitzter Pfeil. „Ich werde irrsinnig!“ murmelte er. „Der Zauber des Steinbruchs hat mich vergiftet. In der Luft fliegt ein Wahnsinn. Die steinernen Götter sind alt und mächtiger als Europa ...“ stotterte er sich vor, halblaut, um seine Stimme zu hören und vergleichen zu können, ob die deutschen Worte, die immer zahlreicher, bald flehend, bald drohend, immer brüllender aus einem unsichtbaren Loch über ihn fielen, Laute einer anderen Stimme seien.

Nach und nach erholte sich Peter. Das niederschmetternde Entsetzen, das durch die grausame Plötzlichkeit dieser Laute ihn überkommen war, verlief sich in seinem Blut. Er erhob sich, die Stimme rief: „So komm doch, komm. Hier! Hier! ...“ Peter schaute rund um sich. Er sah eine Seite des Kessels in Höhlen ausgegraben, die wieder vorn zugebaut waren. Diese Höhlen bedeuteten wohl die Wohnungen der Schiefäugigen. Aber die Stimme kam nicht von dort. Peter ging langsam und angestrengt horchend auf die Laute zu. „Hier! Hier!“ brüllte es. „Mehr rechts! In der Ecke!“ Peter ging rasch ein paar Schritte vor, und dann bemerkte er, daß ein Winkel des Kessels mit jungen Bäumen bewachsen war, und daß ein haushoher Hag unter den Bäumen diesen Winkel abtrennte. Da eilte er dorthin, denn von dort erschollen die Rufe. Er suchte den Hag ab und fand bald eine kleine viereckige Tür aus dicken aneinandergebundenen Bambusstäben. Von außen konnte man sie mit einem Griff öffnen, und als er sie offen hatte und einen Augenblick sich besinnend zurücktrat, zwängte sich etwas in das offene Loch hinein, das Pirath zunächst für nichts andres als eine Masse hielt. Das Loch war eine Weile verstopft von der hellen Masse, die lebhaft arbeitete. Endlich zwang sie sich durch, und auf dem Boden lag ein ganz nackter weißer Mann, dessen Haut fast krebsrot gebrannt war und dessen Leib von einer mächtigen Überfülle an Fett schwabbelte.

Diese Gestalt rollte sich bis an Peter heran. Ein blonder kleiner Kopf hob sich aus der Masse heraus und stammelte zusammenhanglose Laute. Pirath sprach dem am Boden Liegenden nicht weniger verwirrte Töne zu, um ihn zu beruhigen. Aber auf einmal arbeitete der Koloß sich mühsam mit Händen und Beinen los und stand dann, ungeheuer, mit Falten von Fett behängt, vor Peter. Der kleine blonde Kopf mit kleinen blauen Augen saß wie eine Haselnuß auf den fettgepolsterten Schultern und öffnete plötzlich mit wütenden Lauten einen kleinen Mund. Es war Peter, als ob der Fettkloß ihn anbellte.

„Was! Du ... du ...!“ zeterte der Dicke mit einer fisteligen, nach Worten happenden Stimme. „Du wolltest mich da liegen lassen! Du wolltest mich da liegen lassen, du Hund, du falscher Engländer!“

Peter gewann bald die Fassung wieder und warf rasche beruhigende Worte in die Rede des andern: „Nein, nein! Ich bin ein Deutscher und schiffbrüchig auf die Insel gekommen wie Sie. Beruhigen Sie sich! Wie heißen Sie? Wie kommen Sie her?“

„Einen Dreck!“ brüllte der andere. „Einen Dreck, wie ich heiße und wie ich herkomme. Jetzt schaust du, daß ich aus diesem Loch davon komme. Nun lieg’ ich lang’ genug zwischen diesen schwarzen Schweinen ...“ Er hörte nicht auf zu schreien und rief ununterbrochen Unflätigkeiten.

Da dachte sich Peter: „Er ist verrückt geworden durch die Aussicht, vielleicht doch noch Europa wiederzusehen. Ich kann ihm nicht helfen. Ich laß ihn sich austoben.“

Er stellte sich ruhig hin. Der Dicke schrie und wütete. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten und legte sich bald hin und raste am Boden weiter mit wilden Worten gegen Peter, gegen die Insel, gegen ein Schiff, das er „Jingo“ nannte, gegen die Schwarzen, gegen sich selber, gegen Europa ... Peter wartete.

Allmählich wurde der Atem des Schimpfenden schwerer und stechender. In der Kehle pfiff es ihm. Und mit einemmal war er still. „Brandy!“ sagte er noch. Aber Peter winkte nein, er habe keinen Branntwein. Der Dicke lag ausgestreckt am Boden, wie ein Tier, das sich sonnte. Peter betrachtete ihn und hatte dabei das peinliche Gefühl, daß er diesen Menschen nicht aus dem Kessel der Schiefäugigen retten wollte, weil er nicht wußte, was er auf Kililiki mit ihm machen sollte. Er warf diesen Vorstellungen vor, sie seien falsch, treulos, egoistisch. Aber er vermochte nichts gegen den dunkeln Instinkt, der ihm diesen Menschen störend und gefährlich erscheinen ließ, und seine erst zaghaften Bedenken wurden rasch zu einem unumstößlichen Entschluß.

Nachdem der andere eine Weile mit schwerfälligem Atem am Boden gelegen, richtete er sich in eine Sitzstellung auf und sagte, er wolle erzählen, wie er hergekommen sei.

Er begann eine verworrene Rede, in der er sich fortwährend im Erzählen wiederholte, die Erlebnisse zeitlich nicht auseinander zu halten vermochte, sie haltlos vermischte, und Pirath konnte nur mit Mühe verstehen, daß der Dicke mit dem englischen Dreimaster „Jingo“ scheiterte und allein an die Insel geworfen wurde, wo ihn die Schwarzen auf einmal überfielen, festbanden und in den Steinbruch schleppten. Dort lag er tagelang in einer Ecke festgebunden, und er sah, wie sie einen hohen Hag bauten. Als der Hag fertig war, banden sie ihn los und führten ihn hinein. Er dachte, es ginge in den Tod. Aber weit entfernt! Im Hag waren sieben Weiber, die auf ihn warteten und sich alleweile mit ihm ergötzen wollten. Nie in seinem Leben habe er so tolle Weiber gehabt. Sie wollten ihn ganz auszapfen, so versessen waren sie auf ihn. Und Essen brachten sie und die Schwarzen, mehr als er wollte und konnte: Nüsse, Fische, Schweinebraten, Hühner, Tauben, Taro, Früchte, Bananen, Papayas, und wenn er nicht mehr essen wollte, kitzelten ihn vier Frauen, und die andern stopften ihm das Maul voll Essen. Aber aus dem Hag ließen sie ihn nicht hinaus. Sonst lebte er, wie er sich’s nie besser gewünscht hatte. So wurde er dick.

Im Laufe der Jahre lernte er dann die Sprache und hörte von den Weibern, daß die Schwarzen glaubten, er sei ein Gott. So eine ähnliche Geschichte mit Weißen hätten sie sich immer vorher erzählt. Und wie er am Strand gefunden wurde, da haben sie geglaubt, er sei der angekündigte, gefährliche weiße Gott, und sie haben ihn unschädlich gemacht und für sich zu gewinnen versucht, dadurch daß sie ihm die tollen Weiber gaben und ihn mästeten.

Als er seine Geschichte erzählt hatte, fragte Pirath ihn über die Schlitzäugigen und über das Steinbild, an dem sie arbeiteten. Da wurde der andre auf einmal wieder rasend. Er schrie: „Leck’ mich ... Was soll es jetzt mit den Schwarzen, du ... du ...! Heraus will ich. Heim! Nach Buxtehude ...“

Pirath sagte: „Nein!“

„Was! Nein!“ brüllte der Gemästete. „Nein? Du schuftige Laus. Willst mich hier verfaulen lassen. Willst mich ... Wart’, du ... du ..., ich ...“ Und damit wälzte er sich schwerfällig auf Pirath los. Der wehrte sich. Aber der Dicke griff nach den Revolvern in Piraths Gürtel, er bekam den Browning zu fassen, riß ihn heraus und stieß, ihn abdrückend an Piraths Leib. Pirath trieb mit aller Wucht seine Faust in das kleine knollige Gesicht, zweimal, dreimal, während er mit der andern Hand den Revolver von seinem Leib abzuschlagen versuchte. Der kleine Kopf fuhr zurück und richtete sich unter den Schlägen immer wieder auf. Die fette Hand stieß den Revolver immer wütender in Piraths Bauch und drückte knackend. Pirath selber wunderte sich, daß er keinen Schuß hörte, daß er nicht von einer Kugel zerfetzt hinstürzte. Aber auf einmal erinnerte er sich, daß er seine Revolver ja ganz ausgeschossen und im Boot nur Kugeln für den Revolver, nicht aber für den Browning gefunden hatte. Da ließ er dem Wahnsinnigen den Browning und lief der Stelle zu, wo er in den Kessel herabgestiegen war. Er kletterte rasch zwischen einem Baumstamm und dem Stein die niedere Felswand hinan. Der Dicke versuchte sich zu erheben. Eine wilde Flut von Unflätigkeiten sprudelte er aus sich heraus, und er warf ohnmächtig die Browning nach ihm, raffte Steine auf und schleuderte sie blind vor sich.

Pirath drang den Pfad durch den Wald rasch voran, fand den schmalen Felssteig und war bald an seinem Boot. Er schob es eilig ins Wasser, ruderte um den Felsen herum und zog das Segel auf. Dann ließ er sich einen Pfeilschuß weit ins Meer hinaustreiben und begann an der Ostseite wieder nach Süden zu segeln. Sein Kopf war angefüllt mit einem furchtbaren Chaos von Kampf und Friedensglück, von Schwarz und Weiß und von schwülen schleimigen unklaren Dingen.

Es war schon finster, als das Kanu beim Dorf Vater auf den Strand lief. Das ganze Dorf stand am Ufer. Die erste Gestalt, die Pirath erkannte, war Seeschwalbe. Sie hatte das Dorf so spät wach gehalten, und als Pirath dem Kanu entstieg, rief sie auf einmal in die Finsternis:

„Wißt ihr denn, Leute, von wo Regenbogen kommt? Er war im Steinbruch Mutter bei den schiefäugigen Magiern und den Riesengöttern!“

Auf einmal stand sie allein in der Dunkelheit. Alle Menschen waren mit dem Schrei des furchtbarsten Entsetzens zu Boden gestürzt und wanden sich dort, von heißen angststechenden Schauern durchstoßen. Es war ihnen, als ob die Luft, die um den hell in der Dunkelheit sprühenden Körper Regenbogens hing, mit Untergehen und Donner geladen sei. Sie beruhigten sich nur allmählich und schleppten sich verstört in ihre Hütten.

Pirath und Seeschwalbe blieben allein. Das junge Weib warf sich ausgelassen und mit quiekender Zudringlichkeit um ihn herum. Pirath wies sie sanft ab, und als er ihr schließlich ein strenges Wort sagen mußte, legte sie sich gleich hin auf ihre Matten und schlief fast im selben Augenblick tief ein. Legte sich Pirath auch hin, oder blieb er auf der Kante sitzen, den langen nackten Leib tief wie über sich selbst herübergebogen? Die Erlebnisse im Steinbruch Mutter schwemmten ihm wie eine stechende Ätze durch den Kopf. „Hat mich der Zauber des Steinbruchs vergiftet?“ fragte er sich und preßte die Hände auf die Schläfen. Er dachte an die paar Augenblicke, wo der Fettkloß mit ihm gerungen hatte und ihn töten wollte. Es war ekelhaft und furchtbar. Und jener widrige Überfall und Mordversuch waren ihm jetzt doch wie die notwendige Folge seines Vorsatzes, den Dicken im Steinbruch zu lassen und ihn nicht zu retten.

„Ich hab mich von Europa losgesagt dadurch!“ flüsterte Pirath in die stockige Nacht, in der von Weile zu Weile ein ferner Donner verrann. Die hitzige Luft drang auf ihn ein. Aber seine Haut blieb trocken auf der innerlich aufbrennenden Hitze. Ein Blitz nach dem andern verschwelte hinterm Laub des großen Baumes. Wellend dumpfig strich die Luft heran und füllte sich von Weile zu Weile fern oder nah mit der verzuckenden Grellheit der Blitzstrahlen. Da sah Pirath auf einmal auf dem Bootsrand gegenüber einen kleinen dunkeln Vogel sitzen. Seine Perlenaugen leuchteten schwärzer als die Nacht, und er piepste leis. Pirath verhielt sich bewegungslos. Es war ihm, als wollte dieses zarte Geschöpf Gottes seine qualvolle Einsamkeit teilen. Eine duftige Wärme erfüllte Piraths Herz, und dennoch ließ das schmerzende Pochen in Augen und Schläfen nicht nach.

Der kleine schwarze Vogel hörte nicht auf zu piepsen. Er fügte zwölferlei, zwanzigerlei dünne Laute aneinander, verschlang sie unter sich, begann wieder, trillerte süß und leis und piepste, schob den Kopf vor und umkreiselte mit dem Schnabel gleichsam die Laute, die ihm entquollen. Pirath hörte entzückt zu. Es war eine schmelzende Anmut in dem Geplapper, und Piraths Herz sagte dem Vöglein: „Du bist ein so süßes Gottesgeschöpfchen. Ich möchte deinen kleinen lieben Kopf küssen.“

Da antwortete der Vogel: „Du bist krank, Pirath!“

Pirath lächelte mild und leis und entgegnete: „Ja, ich glaub es selber!“

„Ja!“ fuhr der Vogel fort, „lieber Pirath, dich haben die Mücken vergiftet. Was euch Menschen zur Qual da ist, das ist uns zur Lust da. Sie schicken durch die Adern das Fiebergift in eure Milz, lieber Pirath, aber wir fangen sie im Sturzflug zur Nahrung. Das ist ein wunderbarer Genuß!“

„Ist das so?“ fragte Pirath erstaunt.

„Gewiß! Und das weißt du doch auch, du weißer Pirath. Denn du bist kein Gott!“ piepste der Vogel.

Da gab Pirath dem kleinen Vogel bei sich rasch einen Namen, und er antwortete: „So sag mir, süßer Vogel Ewe, was bin ich denn?“

„Du bist der Sklave der Insel Kililiki!“

„Woher weißt du das, liebes Vöglein Ewe?“

„Das weiß ich!“

„Aber so sag mir doch, wieso du das weißt, süßes Vöglein Ewe!“ bettelte Pirath sanft und wehmütig.

„Wenn du dein Blut fragst, so hörst du die Antwort!“ zwitscherte der Vogel.

„Ich frag mein Blut und höre nur, daß es mit giftigen Pfeilen in meine Schläfen und in meine Augen stößt. Bitte, bitte, mein innigstes Vöglein Ewe, so sag es mir doch, wieso ich der Sklave Kililikis bin.“

„So frag die Seeschwalbe!“ entgegnete der Vogel hartnäckig.

„Die Seeschwalbe schläft, und um sie aufzuwecken, müßte ich Wasser in meinem Eimer holen, und wenn ich zu dieser Verrichtung aufstehe, so fliegst du fort. So sag’s mir doch, du!“ machte Pirath unruhig.

„So frag dein Kanu, das dort unterm Blätterdach liegt!“ setzte der Vogel dem querköpfig entgegen.

Pirath wurde immer ungeduldiger. Es erregte ihn, daß er dies kleine Geschöpf nicht unter seinen Willen zwingen konnte. Er erwiderte barsch: „Das Kanu hat keinen Mund und kann nicht reden. Nun, mach keine Umstände und sprich, sonst ...“ Damit griff er listig, rasch und wütend durch die Nacht nach dem Vogel. Aber ein Blitz schlug auf, die Hand faßte ins Leere, der Vogel rief aus der Luft herab:

„So frag den dicken Weißen, den du nicht aus dem Steinbruch der Schlitzäugigen retten wolltest!“

Weil der Vogel mit diesen Worten sein tiefstes und erregtestes Innere getroffen hatte, sprang Pirath rasend auf und wollte nach dem frechen Vogel in die Luft springen. Aber da war es ihm, als öffnete er in seiner Villa zu Haus das Fenster im Schlafzimmer. Unten im Garten hatte eine Stimme gerufen: „Herr Pirath! Herr Pirath!“ Er hatte die Stimme seines Kutschers, der ein Schwabe war, erkannt und war rasch aufgestanden, im Schrecken des plötzlich gestörten Schlafes, das Blut noch voll schwerer Schlafwärme, und ans Fenster geeilt. Er legte sich über die Brüstung und rief der Gestalt, die unten im Dunkeln stand, zu:

„Was ist denn?“

Der Schwabe antwortete: „Adihö, Herr Pirath, mueß in ’n Krieg!“