Piraths Insel

Part 20

Chapter 203,828 wordsPublic domain

Das Tanzfest, ganz hinten in der Welt, ging weiter. Dem Frauentanz folgten die Tänze der Totemgruppen der sieben Dörfer, in denen die Männer eines jeden Stammes pantomimisch das Tier vorführten, das ihrer aller Vater war. Die Tänze gingen bis in die späte Nacht, und dann kam der neue Tanz „Regenbogen“. Aber während die besten Tänzer der sieben Dörfer tanzten und sangen, wie der Gott Regenbogen nach Kililiki kam und was er dort verrichtete und welcher Segen er dort war, und während sie das farbig bemalte Symbol aus Holz, auf dem alle Ereignisse niedergezeichnet waren, mit Grazie und Kraft in ihren schlanken Armen hin und her steuerten, in schwierigen Sprüngen, Stellungen und Bewegungen die Erlebnisse Peters zu Religion werden ließen, ging dieser allein durch die finstern Wälder. Er hatte sich mit einer sanften Bewegung von Seeschwalbe getrennt, die noch immer die schwarze Erde umarmte, erdrückt vom göttlichen Wunder, das ihr widerfahren war. Sie hatte ihre Hände zwischen Pflanzen in den dampfigen Boden gegraben und spürte an ihren Fingerspitzen die Hochzeit mit dem Geist, der in der Erde drinnen lebte und webte, und ihr Gesicht, das, nachdem der Gott sich von ihr gelöst hatte, mit finstern Zügen, in wilder Begier sich in die Blätter drückte, lag dort auf einem Kissen, durch das alles Leben der Welt pulste, die sie kannte.

Peter schlug sich durch das Gestrüpp bis ans Meer. Es war Ebbe. Der helle Sand leuchtete im Mond, wie eine weithin schwingende Bahn zu einem Zauberland. Was in dem schweißigen Schoß des Nachtwaldes geschehen war, stürmte durch seine Adern, fiel und stieg immer wieder mit wollüstiger Gewalt in sein Herz, verebbte und flutete neu und gewaltvoll auf. Der Mond schien anders. Das Meer war nicht mehr wie sonst. Die Nachtvögel kannten ihn. Er war dem fliegenden Hund, der sich vor ihm von einer Palme warf, Bruder. Er spürte die harmlosen schönen schlanken Schlangen, die nah im Gebüsch schliefen. Er roch durch die Finsternis die Früchte auf den Bäumen und im Boden. Er sah die nächtlich erregten Käfer in den schwarzen Rinden der Bäume knisternd übereinanderfallen. Er hörte aus den nur sanft heranwogenden Geräuschen des Tanzplatzes die Menschen dem Pulsschlag der Schöpfung taumelig hinfallen.

Er schritt weit und stark aus und sah seinen weißen Körper die Dunkelheit, die an ihn anfloß, leuchtend zurückstrahlen. Die Kraft seiner Schritte gewann etwas Symbolisches: er ging mit ihnen hemmungslos machtvoll, einer wunderbaren großen Kindheit entgegen. Vor ihm stand der Beginn einer neuen Rasse. Die Welt kreiste um ihn in Metamorphosen. Es ging vor sich wie eine Änderung des Alls.

Als er nach einer langen Wanderung in die Nähe seines Bootes kam, bemerkte er, daß jemand drin saß, und er sah gleich Seeschwalbes großes, muschelweißes Gebiß herrlich durch die Nacht ihm entgegen leuchten. Er teilte mit ihr seine Matte, und sie schliefen mit starken und erregten Atemzügen neben einander.

Die tanzenden Dörfer waren noch beisammen. Die Musik war ihnen mit brutaler Hitze ins Blut gekommen und hatte sie über die Laute von Wogenschallen, Windesbrausen, Nachttönen, Donnergeknatter, Vogelsang, Insektenzirpen, Blattrauschen und die eignen, nach Wohllaut lechzenden Zungen, dem in aller Macht ausgeglichenen guten und bösen Herzen der Schöpfung zugeworfen. Als dieser verbindende, ursprüngliche Rausch aufs höchste gestiegen war, hatte Möwenschnabel einen großen Einfall bekommen. Er hatte Regenbogen mit der Seeschwalbe fortgehen sehen. Er wußte, daß Regenbogen nun auch die Weiber Kililikis nahm, und er sprach:

„Männer der sieben Dörfer, so spricht der König zu euch in der Tanznacht: Der Gott Regenbogen hat die Seeschwalbe mit in den tiefen Wald genommen. Der Gott Regenbogen setzt sich nun an die Quelle des Lebens, da er jetzt auch über unsere Frauen kommt. Der König aber weiß etwas. Der König weiß, daß Regenbogen nichts weiß von dem Steinbruch Mutter, von den rothäutigen Magiern und ihren himmelhohen Steingöttern, die Tag und Nacht sich unsere Seelen erwünschen. So spricht der König zu euch, o Männer: Die Steingötter im Steinbruch Mutter leben, um die Seelen von den Körpern zu trennen, denn seit unsere Mutter Kililiki und unser Vater Ulawun den Steingöttern die Insel abgekämpft und abgenommen und die Steinkünstler in den Steinbruch eingesperrt haben, leben die Steingötter von unsern Seelen. Aber der Gott Regenbogen, der vom ewigen Geist kommt, der Körper und Seele zueinander tut, wünscht, daß sie zusammen bleiben. Darum spricht der König also zu euch: Die Steingötter, die in die Wolken ragen und die blaue Matte auf ihren Stirnen tragen, sind dem Gott Regenbogen feindlich. Wir wollen sie uns verpflichten, damit wir ihre Macht besitzen gegen Regenbogen und er uns nicht beherrscht. Und es spricht der König so, daß die Steingötter auf die Seelen erpicht sind, und daß wir Männer der sieben Dörfer ihnen sieben Menschenleben opfern, um ihre Gunst zu gewinnen, in jeder der kommenden Vollmondnächte ein Menschenopfer ...“

Es ging ein Zittern durch die schwarzen Männer. Ein jeder konnte das Opfer sein, viele waren mit den Mädchen in den tiefen Wald gewatet, und die Gier des Blutes überströmte sie dort wild und menschenfern. Aber Haufen standen noch am Tanzplatz und hielten Schau unter den Weibern. Möwenschnabel schritt geradeaus und Männer flüchteten nervös in die Finsternis. Seine Keule hieb einen von hinten nieder. Der Getroffene sank lautlos hin. Dann nahm der König ein Büschel weicher Farnkräuter, tauchte sie ins Blut des Getöteten und ging zu seinem Dorf. Er schritt bis ans Boot Regenbogens vor und spritzte von dem Blut auf die Sträucher rundum, schritt dann rasch bald geradaus, bald wieder zurückgehend, bald im Kreis, bald in Mäandern bis in den Wald und spritzte überall Blut aus und dachte sich, daß dieser Irrweg, den er mit dem Opferblut gezeichnet, die Schritte des Gottes Regenbogen abhielt, den Weg nach dem Steinbruch Mutter und zu seinen steinernen Feinden zu finden.

* * * * *

Als am nächsten Mittag Seeschwalbe damit beschäftigt war, in einem Kochloch der Kochhütte ihres Ohms Möwenschnabel für Regenbogen und sich das Frühstück zu bereiten, erschien auf einmal ein Trupp von Mädchen und Weibern im Dorf Vater, ging mit Lachen und Lärm zwischen den Hütten durch und auf den Strand zu. Sie kamen ans Gewese des Königs, blieben stehen und schoben sechs junge schöne Mädchen aus sich heraus. Eine ging vor und trat langsam, mit niedergeschlagenen Augen und doch lächelnd an das Boot heran, in dem Regenbogen saß, entblößte das langzähnige Gebiß, das im Schatten funkelte wie ein herrliches Gestein, legte die Arme im Kreuz auf die Brust übereinander und sagte:

„Rotmuschel spricht zu dir, o Gott Regenbogen, also: Rotmuschel will ihre Hütte neben dein Haus bauen und kleine Menschen mit dir zeugen.“

Dann trat Rotmuschel leis lachend und ernst, mit ihren schlanken hohen Beinen wieder in den Kreis der Frauen hinein, aus dem sich sofort eine zweite löste, zu Pirath trat und dasselbe sagte wie Rotmuschel. Eine dritte folgte. Dann kam noch eine vierte, eine fünfte, und mit der sechsten waren die Heiratsanträge erschöpft. Der Troß der Weiber trollte plaudernd und lachend von dannen und verschwand im Gebüsch aufs nächste Dorf zu.

Seeschwalbe kam zu Regenbogen. Sie lachte und sagte: „Wir wollen Pfahlhaus und Frauenhütten bauen und eine Kochhütte.“

Aber Peter war anfangs etwas überrumpelt. Auf Kililiki war es Sitte, daß die Mädchen um den Mann anhielten. Die sechs Mädchen, die diese Zeremonie gerade vor ihm erfüllt hatten, kannte er. Sie waren die schönsten Töchter der Häuptlinge. Die Auswahl zeigte ihm, daß die Bewerbung der Wunsch der Dörfer war. So sehr ihm Seeschwalbe in der ersten Zeit seines neuen Ehelebens zu genügen schien, so war ihm doch von Anfang an klar, daß er nicht „nein“ sagen könnte. Seeschwalbe umsprang ihn den ganzen Tag, überschäumend von den neuen Dingen, in die er und sie auf einmal geraten waren, und sie plauderte ununterbrochen über das, was nun geschehen möge und müsse.

Er ging, den Forderungen der Gewohnheit folgend, zum Mutterbruder eines jeden der Mädchen und sagte, er nehme das Angebot an.

Und noch am Abend wurde das durch alle Dörfer bekannt. Ein Glücksrausch flutete durch Häuser und Hütten, und die Bräute waren Gegenstand verstärkter Achtung, wurden beglückwünscht und mit Schmuck aus Muscheln und Zähnen beschenkt. Es wurde eine Versammlung von Möwenschnabel zusammengerufen, und man beschloß, Regenbogen und seinen sieben Frauen einen Platz zu umhegen und ein großes Pfahlhaus und Weiberhütten und eine Kochhütte zu bauen. Die Männer sagten: „Regenbogen wird reif und süß wie ein Mango! Er wird unsern Mädchen junge Götter machen!“ Es entstand ein heißes Wettbegehren unter den Dörfern um den Bau des Wohnhags. Gleich am nächsten frühen Morgen gingen alle Männer in den Wald und fällten Bäume. Die Holzschnitzer suchten sich gerade und fehlerlose Stämme und begannen sie schön auszuschnitzen und zu bemalen und jedem seinen Sinn zu geben, so wie ihn Haus- und Dachpfosten haben mußten. Ein Platz wurde neben dem Königshag gerodet und geebnet und die Arbeit rasch begonnen. Das Bauen der Hütten dauerte Monate. Zuerst erstand, größer und mächtiger als das Königshaus nebenan, reicher mit Schnitzereien und Malereien versehen, üppiger in der Formung, sorgsamer und verliebter in der Pflege der Einzelheiten, das Pfahlhaus. Es gedieh rasch hoch. Langsamer, weil der Schwung schon im Abebben war, entstanden rundum die sieben niederen Weiberhütten.

Währenddessen lebte Peter mit der Seeschwalbe in seinem Boot. Sie gingen zusammen fischen. Sie legten eine Pflanzung an. Seeschwalbe wob Matten, kochte und umgab den Mann mit einer schaumigen maßlosen Sorgsamkeit, wob ihn ein in ihre sorglose Heiterkeit, strickte ein liebliches Netz um ihn mit ihren Einfällen, die wie von jungen wilden Tieren so tolpatschig, so beißend spielerisch, so flammig rasend waren. Peter erlebte diese göttliche Zeit, als sei er ein Bergzug, der untätig unter Frühling und Sonne liegt und den von selbst Gärten und Wälder ansprießen. Die Scheibe der Tage und Nächte drehte mit ihm wie ein wunderbares, hastig mit Wollust und Sorglosigkeit, mit Musik und Farben erfülltes Karussell. Der sonnenbronzige Leib des jungen Weibes war um ihn und in ihm wie ein rauschender Bach, der die Kraft und die Frische des Gebirges trotzig durch die schweißige Sonnenniederung warf und Tiefen des Erschauerns und Gluten der Berührung hatte, die geheimnisvoll dunkel waren wie die Schöpfung, der er mit leidenschaftlicher Zweckergebenheit lebte. Peter sah mit Sorge der Zeit entgegen, in der er sein Boot und seine so sanft fließende Zweiheit mit Seeschwalbe aufgeben, in den Hag einziehen und für die Allgemeinheit der Insel leben mußte. Das Boot hatte sehr gelitten und brach schon überall morsch auf. Vom Segeldach war nichts mehr übrig. Er hatte ein Gestell aus Stämmen über das Boot errichtet, und die Eingebornen hatten es mit einem Palmblätterdach eingedeckt. Seeschwalbe trieb zum Umzug in den Hag. Ihre sozialen Gefühle verlangten gebieterisch diese Änderung, die ihrer Stellung, als erste und Hauptfrau Regenbogens, erst den vollen Glanz verleihen sollte. Mit einer kindlichen Hartnäckigkeit und einem raubtierhaften Egoismus betrieb sie ihre Agitation, war mit Spott und Anfeuern Tag für Tag hinter den arbeitenden Männern her. Aber sie konnte nicht hindern, daß der Schwung, mit dem begonnen worden war, hinstarb. War es in der ersten Zeit der Arbeit möglich gewesen, ein Dach in vier Tagen zu vollenden, so brauchte man jetzt zum Legen eines jeden Palmwedels die Zeit zwischen Frühstück und Abendmahlzeit, und viele Männer blieben oft aus.

Aber zugleich beschäftigten sich die Dörfer schon mit den Vorbereitungen zum Hochzeitsfest. Mangostein war dabei, einen neuen Tanz zu erfinden. Man sang und summte und machte im Beisammenhocken abends sitzend schon allerlei Tanzbewegungen und sprach nur noch vom Fest.

Da geschah es eines Morgens, als Regenbogen und Seeschwalbe zusammen in ihrer Pflanzung gearbeitet hatten, daß sie sich in ein am Rand des Ackers stehendes Gebüsch hineinzwängten. Sie wollten im dicken Schatten ausruhen. Sie saßen dicht aneinander, schauten stumm durch’s Laub hindurch auf den sonnenbedeckten Acker, als auf einmal jener fremde Rothäutige mit dem dicken Kopf und den Schlitzaugen plötzlich jenseits aus dem Gestrüpp auftauchte und mit großen Sprüngen durch die sonnenbeschienene Pflanzung herüberhüpfte. Sowohl Peter wie Seeschwalbe sahen ihn. Peter merkte, daß das Weib, dessen Haut die seine berührte, heftig aufzuckte. Sie stieß einen kleinen Schrei aus, der sonderbar in zwei Tönen ging, so wie ihn Peter nie auf der Insel gehört hatte. Der kleine Mann mit dem dicken Kopf schaute einen Augenblick heftig um sich und glitt dann wie eine Eidechse über den Boden in das nächste Gebüsch hinein.

Peter tat zunächst nichts. Er verhielt sich so, als ob er den Geheimnisvollen nicht bemerkt hätte, und er überlegte den ganzen Tag, wie er diesem Unbekannten auf die Spur kommen könnte. Er wußte, daß selbst Seeschwalbe das Geheimnis nicht ohne weiteres preisgeben würde, denn es schien etwas mächtig Dämonisches darin verknüpft zu sein. Er erinnerte sich, wie aufgeregt Möwenschnabel ihm die Reise um die Insel ausreden wollte, als er damals zum erstenmal den Fremden gesehen hatte.

In der Nacht weckte Peter plötzlich Seeschwalbe. Sie lag neben ihm auf dem Boden des Bootes wie ein junger Baum in der Nacht. Er stieß sie an. Sie rührte sich nicht. Er fuhr ihr über die Augen, über den Leib, alles war vergeblich. Sie schlief wie ein ins Meer versunkener Stein, so schwer und unlöslich von ihren Träumen überwogt. Der Tod ihrer Nacht deckte sie gewaltvoll ein. Da erhob Peter sich, schöpfte in seinem Eimer Wasser und ließ es langsam über ihr Gesicht fließen. Nach und nach bewegten sich ihre Züge. Sie drehte sich im Schlaf um. Aber das Wasser verfolgte sie weiter. Sie riß die Augen auf. Peter faßte sie unter die Arme, zog sie hoch, und als sie saß und sich die Augen gerieben hatte, sagte er ihr rasch:

„Auf, auf, Seeschwalbe! Es ist ein guter Wind. Wir segeln zum Nordufer.“

Da war Seeschwalbe mit einemmal mit großen und entsetzten Augen ganz wach und rief: „Nein!“

Peter lächelte: „Weshalb nein?“

Seeschwalbe aber starrte ihn nur aus der Finsternis heraus an. Peter beugte seine Augen tief zu ihrem Gesicht nieder und sah, daß das Entsetzen darin stand. „Auf! Auf! Du Seeschwalbe!“ sagte er noch einmal. Aber das Weib rührte sich nicht. Es war, als ob die Aufforderung sie mit einem dumpfen Zauber belegt habe. Peter hielt seine Augen nahe den ihrigen und sagte dann scharf und hart: „Ich will wissen, woher der Schiefäugige kommt!“

Seeschwalbe atmete mit einem Schrei auf und blieb stumm. Sie saß da und hüllte sich in die Schauer ein, die ihr über Herz und Haut liefen. Es war ihr, als schwirrten die bösen Dämone durch die Luft wie Eintagsfliegen. Sie zwang sich, mit keinem Nerv zu zucken. Vielleicht sahen sie sie nicht. Der Steinbruch Mutter lag im Norden der Insel als deren heiligstes Tabugeheimnis, und außer von des Königs Mund durfte sein Name nie ausgesprochen werden, durfte nie ein vorwitziger Willen ihn aufsuchen. Denn im Steinbruch Mutter, wo die Schlitzäugigen wohnten, wohnte auch der Tod.

Peter forderte Seeschwalbe auf, zu antworten. Sie zitterte und schwieg, und von plötzlicher Todesangst bewältigt, fiel sie zu ihm nieder, drückte sich an seine Beine an und preßte ihren Kopf von rasenden Schauern vergewaltigt, zwischen seine Knie. Er aber hob sie sacht auf, und ohne seinen strengen Ton zu ändern, beruhigte er sie. „Ich bin der, dem kein Gott etwas antut, du Seeschwalbe. Das weißt du!“ Zum erstenmal wollte er die Macht benutzen, die Kililiki ihm gegeben hatte. „Wenn zehn mal zehn mal zehn böse Geister im Norden mit Rotangschlingen die Menschen unters Wasser ziehen, so weichen sie erschrocken und bang, wenn ich komme!“ fuhr er fort. „Mein Tabu ist das mächtigste der Insel, und kein Lebender und kein Geist wagt es anzutasten. Das Verderben wäre ihm gewiß. Sieh, du Seeschwalbe, dies hier nehme ich ...“ Er ergriff die Revolver, die er stets in einer wasserdichten Kiste bereitliegen hatte ... „damit hab ich den König getötet. Und wir segeln im Nachtwind nach Norden, Regenbogen und du, Seeschwalbe. So spricht Regenbogen zu dir, nicht bös, weil du unfolgsam bist, aber streng und gewiß.“

Seeschwalbe begann ein seufzendes Wimmern auszustoßen. Peter spürte, wie sie ihr Gesicht voll an seinen Leib drückte, um nur nicht in die Finsternis zu sehen. Ihre Hände griffen erregt um seine Rippen, und die Finger krallten sich in ihn. Er fühlte, daß die Angst vor dem Geheimnis, das in dem Schiefäugigen lag, sich lockerte, und fuhr fort: „So spricht Regenbogen zu dir, du Seeschwalbe. Er entbindet dich des Schweigens über den Schlitzäugigen. Es sind keine bösen Geister um dich in der Finsternis. Sie fürchten meine weiße Haut. Du kannst sprechen, du Seeschwalbe. Du mußt sprechen! Denn Regenbogen will es. Regenbogen wird deine Worte in sich nehmen und gleich zerstören. Kein Ohr auf der Insel, in der Luft oder im Wasser wird sie hören. So spricht Regenbogen.“

Peter kämpfte noch lange und heftig auf diese Weise mit ihr, bis schließlich seine weiße Energie ihre dunkle Weichheit besiegte, ihr kleines angstgemartertes Hirn mürbe machte, und wie sie sich einmal entschlossen hatte, das Geheimnis des Steinbruchs Mutter preiszugeben, da war all ihr Vertrauen mit kindlicher Sicherheit bei dem weißen Gott. Sie hatte keine Angst mehr. Jahrelang hatte das gefahrgeladene Tabu jenes heiligen Platzes ihre Phantasie schwer bedrückt und geknechtet. Nun war mit einemmal die Phantasie frei, und sie flog auf wie eine Schwalbe, die sich aus dem Maul einer Schlange retten konnte. Sie erfaßte Peters Hand mit ihren beiden Händen, setzte sich auf die gekreuzten Beine nieder und sagte: „Seeschwalbe will sprechen!“

Dann erzählte sie:

„Einmal begann es auch bei mir, da entfloß zum erstenmal meinem Leib das Blut. Da durfte mich vier Tage und Nächte kein Mann sehen. Und ich saß mit meiner Mutter in der dunkeln Hütte. Da sprach meine Mutter zu mir: ‚Jetzt ist die Zeit da, daß ich dir vom Steinbruch Mutter erzähle.‘ Da erzählte die Mutter: Im Norden der Insel ist ein Loch in der Küste. Da ist ein großes Loch und hat hohe glatte Wände, und nicht vom Land kommt man hinein, sondern nur vom Wasser. In diesem Loch wohnen die schlitzäugigen Magier. Sie sind Menschen wie wir, und wenn die Seele sie verläßt, stirbt ihr Leib wie bei uns. Aber mit ihren Händen können sie sich von der Insel Kililiki versetzen, und dann leben sie über den Wolken, wo der große Geist alles Lebens wohnt. Dann ist es, als ob ein jeder in der tiefen dunkeln Weiberhütte droben über sich selber herfiele. Dann zeugt ein jeder mit sich selber, wie der Wurm sich in ein Altes und ein Junges abspaltet. Sie brauchen nicht Mann und Weib zu sein. Dann schlagen ihre Hände mit dem harten Nephritbeil große Menschen aus den Felsen, die mit den Füßen auf der Erde stehen und mit der Stirne die blaue Decke durchbrechen. Dann gehen Geister in diese Steine wohnen, die geheimnisvolle Macht über die Männer und Frauen haben. Als Kililiki vor vielen Zeiten übers große Wasser zu der Insel kam und zum erstenmal ihren Fuß aufs Ufer setzte, kamen die Schlitzäugigen aus dem Wald und wollten sie töten. Da rief Kililiki aus dem Wasser ein Krokodil herbei. Da kam das Krokodil und ging auf die Schlitzäugigen zu und zerknackte mehrere. Die andern aber sperrte es in das große Loch an der Nordküste ein. Kililiki baute ein Dorf. Das nannte sie Vater. Da nannten sie das Loch in der Nordküste, in dem die schlitzäugigen Magier wohnen: Mutter. Da bauten ihre sechs Söhne, die sie mit dem Krokodil erzeugte, ein jeder ein Dorf. Deshalb sind sieben Dörfer auf Kililiki. Das Krokodil aber hieß Ulawun.

Aber die Schlitzäugigen, die das Krokodil in das Loch eingesperrt hatte, schlugen aus den hohen Felsen ihre steinernen Götter. Sie trachteten nach den Seelen der Menschen. Denn sie würden zusammenfallen, wenn sie keine Seelen bekämen. Alle Seelen aber, die den Körper verlassen, werden vom Stammestier den großen steinernen Göttern in Mutter gebracht, und sie steigen langsam im Leib des Gottes hinauf, und wenn sie in die Stirn kommen, nimmt sie der große Geist über den Wolken wieder zu sich. Auch deshalb müssen die Steine immer neue Seelen bekommen. Die Schlitzäugigen arbeiten an jedem Steinbild so lange, wie eine Mutter und ihre Mutter und ihre Tochter leben. Dann ist immer ein Steinbild fertig. Dann ruft die Garamut, und die Männer der sieben Dörfer müssen alle nach Mutter kommen. Dann beben sie sehr. Dann steht am Fuß des fertigen Steines der älteste Mann der Schlitzäugigen. Er ist bemalt und geschmückt wie bei einem Tanzfest. Er bekommt sehr viel zu essen. Dann ist das Essen fertig. Dann legt er sich vor das fertige Steinbild. Vier Männer kommen, und an jedem Bein fassen ihn zwei an. Dann drehen sie ihn so lange herum, bis er wie ein Stück Holz in einem Strudel kreiselt. Dann schlagen sie seinen Kopf an den Fuß des steinernen Gottes, und seine Seele geht sogleich als die erste in den großen Gott wohnen und klettert in ihm hinauf, bis sie in die Stirn kommt und aus der blauen Decke herabschauen kann und ganz Kililiki sieht und jeden Mann und jede Frau sieht, deren Seele der steinerne Gott haben will. Das ist die Geschichte des Steinbruchs Mutter und der schlitzäugigen Magier. So erzählt sie dir die Seeschwalbe, so wie sie sie von ihrer Mutter gehört hat.“

„Wann waren denn die Männer der sieben Dörfer zum letztenmal im Steinbruch Mutter?“ fragte Peter, den diese Erzählung geheimnisvoll aufwühlte und der aus ihr tiefe und ewige Ahnungen des Menschseins empfing, so dunkel, so verschlungen, wie die Erzählung selber war.

Seeschwalbe antwortete: „Lange bevor meiner Mutter Mutter Seele ihren Körper bezogen hatte. Ich wohnte noch beim großen Geist über den Wolken.“

Dann schwiegen beide. Seeschwalbe war frei und glücklich, daß sie einmal dies Schwere und Verborgene aus ihrem Herzen herausnehmen konnte und sicher vor Gefahr war, weil Regenbogen eine wunderbare, über die Geister gebietende Macht besaß. Sie rutschte von Peter ab und sank plötzlich hin. Sie lag gebogen wie eine Katze auf der Matte und war gleich im tiefsten Schlaf. Peter legte sich auch wieder hin. Aber der Schlaf floh ihn, und während der dunkle schillernde Himmel seine gläserne Starrheit hoch über die einsame Insel wölbte, grübelte Peter hinter dem Sinn und den Zusammenhängen der Erzählung her, in der die Zuwanderung der sieben Dörfer zu der ehedem von schlitzäugigen Menschen bewohnten Insel in verwirrtem Zusammenhang mit Teilen von einem Erschaffungsbericht und dem Glauben an einen Kreislauf alles Lebendigen vermischt war.

Es regte ihn auf, wie der Glaube dieser Menschen die Tätigkeit der steinhauenden Künstler mit dem geschlechtlichen und mit dem ewigen Schöpfungsprozeß gleichstellte und die Bildner der Steingötter ihren Erschaffungen eine übermenschliche, geisterhafte Macht über die Menschen und sich selber einhauchen konnten. Er dachte an den Schöpfungsbericht der Bibel, daß Gott aus Lehm einen Menschen formte und Leben in den toten Stoff blies.

Peter beschloß bei sich, am Morgen gleich zum Steinbruch Mutter zu segeln.

Als sie Bananen zum Frühstück gegessen und zu den kalten Resten eines Huhns Kokosmilch getrunken hatten, sagte Peter zu Seeschwalbe: „Du Seeschwalbe, du gehst heut allein in die Pflanzung. Ich bleibe hier.“ Er dachte sich, Seeschwalbe widerspricht, argwöhnt und will mehr wissen. Wenn ich ihr sage, wohin ich gehen will, so erfindet sie Schauerdinge von Geistern, um mir es auszureden. Aber Seeschwalbe nickte nur stumm: Ja! und ging gleich mit dem Tragkorb davon. „Regenbogen geht jetzt nach dem Steinbruch Mutter!“ sagte sie sich, als sie das Dorf durchschritten hatte und im Wald war. Geheime Schauer überrannen sie.