Piraths Insel

Part 19

Chapter 193,520 wordsPublic domain

Möwenschnabel sagte erschrocken: „Nein!“

„Weshalb nicht?“ fragte Peter.

„Im Norden wohnt in einem Loch am Ufer der böse Geist.

Der böse Geist hat unsere Mutter Kililiki getötet, hat ihre Seele behext und hält sie an einer langen, langen Rotangschnur und läßt sie, wie einen Falken über die Tauben, über die Menschen niederstürzen, die dort vorbeirudern.

Die verhexte Seele wohnt in der Luft und im Wasser. Sie kann von überall her über uns ...“

Peter ließ Möwenschnabel weiter reden. Er horchte nicht zu.

Der König überschüttete ihn mit weitläufigen dunkeln Worten, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen.

Peter ging in sein Boot.

Er hatte die Tage, die er seit der Ankunft an der Insel in seinem Boot wohnte, mit Kerben am Bootrand eingezeichnet und sie in Gruppen zu zehn abgeteilt. Er begann diese Kerben abzuzählen. Er kam bis zu dreihundert, und es stand noch eine Reihe vor ihm. Da ließ er es plötzlich bleiben.

„Was ist hier Zeit?“ fragte er sich. Ein Tag sind tausend Jahre und tausend Jahre sind ein Tag. Er war ein verschlagener Mönch von Heisterbach und ließ sich tief vor dem Wunder Kililikis versinken.

„Ich will die Tage nicht mehr anzeichnen! Was ist Zeit?“ fragte er sich noch einmal.

Und plötzlich erschien in diesen geheimnisvoll versinkenden Vorstellungen das Bild eines jungen braunen Mädchens.

Sie hieß Seeschwalbe und war ihm einmal unvermittelt im Wald begegnet. Da war sie stehengeblieben. Ihre schlanken Hüften stiegen sonnenbraun aus dem grünen Gestrüpp, wie aus einem Bad. Sie öffnete zum Lachen den Mund, und ihr großes und leuchtendes Gebiß legte sich bloß und war mächtig und unwiderstehlich, wie ein junges Raubtier.

An diese Begegnung dachte Peter in hin und her hastenden Vorstellungen. Er hatte sich immer ausgemalt, seine Kraft bestände darin, daß er die Weiber mied. Das fiel auf einmal lächerlich in ihm zusammen. Weiber waren, wie das atmende Laub an den Bäumen, wie die Ranken an den Lianen, menschliche Verknüpfungen mit der gewaltigen Natur. Sie waren die Wirklichkeit der Phantasie, das Gewähren der schöpferischen Güte, die dunkle innige Wölbung der Gebärmutter, aus der das Urleben sich herausschmiegte, die geheimnisvoll finstere Grotte, in der das Fleisch seine Haut und seine Lebensfähigkeit gewann.

Während er so grübelte, bemerkte er zugleich, daß die Vögel heftig über den Boden niederdrangen, plötzlich hochschnellten und im Bogen zur Erde zurückgingen. Gleich trieb ein Zug von Käfern am Bug vorbei und hastete dahin, wie in einer Flucht. Kleine Insekten überholten sie und Ameisen kamen, stauten sich, als sammelten sie Mut und in der Masse Kraft, es mit einem Feind aufzunehmen. Alles Leben trieb aus einer Richtung heraus auf den Bug seines Bootes zu. Die gleitenden Vögel, die sich wie Pfeilschüsse immer wieder auf die Erde warfen und wie Bumerangs im Bogen in die Luft zurückkehrten, näherten sich ihm rasch. Er stand auf und wartete, und auf einmal schlang sich um den Bug eine der giftigen schmalen und kleinen Schlangen herum.

Sie sah das plötzlich große Leben vor sich, unterbrach die aalende Wanderung, hob den Kopf und blies die Backen auf. Sie sammelte alle elektrische Kraft ihrer Ringe vor der großen Gefahr. Ihre Muskeln luden sich rasch und ballten sich, ihre Wirbel bereiteten sich zum Sprung, das Gift schwoll in der Drüse, die Stoßzähne zitterten. Aber bevor sie auf das weiße Feindliche losspringen konnte, hatte Peter mit einem Brett ihre Wirbelsäule zerbrochen. Die Schlange wand sich in unselig machtlosen, verdammten Krümmungen. Es war ihr, als ob der Sand sie umklammerte, als ob die Erde sie an sich saugte. Peter tötete sie vollends mit dem Brett und schleuderte sie zurück ins Gras. Die Seeschwalben stürzten über sie her und hackten im Flug in sie hinein. Die Ameisenarmee machte in Eilmärschen kehrt. Aber ein Reiher nahm die Schlange rasch mit übers Wasser. Sie hing wie ein totes Seil in seinem Schnabel, und er flog mit ihr vom Ufer davon. Die Seeschwalben stürzten in erregter Befriedigung, satt und glücklich vor Rache, hinter ihm her. Die Insekten, Käfer und Ameisen gingen, jede wieder von Sorge frei, der Richtung ihres Lebenserwerbs zu.

Übers Meer zog Regen heran. Wie eine schleifende graue Wand näherte er sich. Peter richtete das schützende Segel, das nur mehr aus Fetzen bestand, auf dessen größte Löcher Matten befestigt waren. Dann aber dachte er sich, es sei gut, wenn er sich auszöge und den seichten Strand hinab im Baden dem Regen entgegenginge. Seine Kleider mußte er vorsichtig behandeln. Das weiße Drilchzeug hatte der Zeit und Witterung und dem vielen Waschen schließlich nicht mehr standhalten können. Es war brüchig geworden. Er zog die Jacke und dann die Hose mit Sorgfalt aus, legte sie unter ein Brett ins Trockene und schritt dann dem Regen zu.

Da schimmerte auf einmal, wie ein Schlag durch die Luft, ein breiter mächtiger Regenbogen auf. Er stützte einen Fuß seiner Brücke scheinbar in den schweren alten Baum und trat mit dem andern, vor Farbigkeit strahlend, in das schieferdunkle Ungemessene des Raumes hinein. Peter schritt rasch aus. Er wollte in die farbige Nebelbrücke hinein. Die flimmernden Dünste wichen vor ihm zurück.

Aber Schildkröte, der ein Gefolgsmann des Königs war und nahe am Ufer im Sand saß, während das geschah, sah, wie Wolkenglanz rasch in die farbensprühende Säule des Regenbogens hineinging. Er erschrak. Zuerst verschlug ihm der Atem. Der Regen stürzte hastig heran. Wolkenglanz verschwand fast in den niederrauschenden Fluten. Der Regenbogen stieg breit in die dunkeln Wolken, wurde von ihnen halb verschlungen, wie von einem urhaften Krokodil, und Schildkröte sprang entsetzt auf, lief heulend ins Dorf, weinte, daß die Tränen wie der Wolkenbruch über die Blätter des Baumes an seinen Backen rannen, und brüllte:

„Der Gott Wolkenglanz verläßt Kililiki. Der Segen verläßt Kililiki. Die bösen Geister werden sich über Kililiki werfen!“

Männer und Frauen drangen aus den Hütten. Der Regen peitschte ihnen in die Augen. Sie sahen nichts. Nur die Trümmer des Regenbogens standen noch in der grauen Luft. Und alle erinnerten sich, daß Wolkenglanz über einen Regenbogen zu ihnen gekommen war. Und alle schrien auf einmal: „Der Gott Wolkenglanz ist auf dem Regenbogen zurückgekehrt. Wehe! Wehe!“ Möwenschnabel trat, vom Lärm aus seinem dunkeln Hause geführt, auf die schmale Veranda über der Leiter, hörte und glaubte, sein letzter Augenblick sei gekommen. Die Regen rasten knatternd hernieder. Sie trommelten auf Blätter, Dächer und Erdboden wie Steine. So sang der ewige Geist des heimkehrenden Sohnes Wolkenglanz das Tanzlied. Das war der heftige Lärm des Regens, und der ewige Vater brach hinter Wolkenglanz den Regenbogen ab. Deshalb sah man nur noch ein Stück des Bogens blaß in den hohen finstern Regenmassen.

Der Regen schleppte schwer und eilig über die Insel weiter. Er war bald davongerauscht, und gefrischt von der heftigen Kühle, über und über rinnend von Tropfen und Nässe, stand Wolkenglanz auf einmal wieder an seinem Boot. Die untergehende Sonne flog, wie leuchtende Tiere, auf seiner nassen Haut auf. Er flimmerte und blitzte und strahlte Licht aus und gehörte wieder Kililiki.

Da war heiße Freude im Dorf Vater, und die Männer, Frauen und Kinder kamen heran und tätschelten sein göttliches weißes Fell.

„Du, Ohm Wolkenglanz, warst beim väterlichen ewigen Geist!“ meckerte Möwenschnabel, der sich nicht fassen konnte vor Glückseligkeit. Er ergriff mit blöden, schmeichelnden Fingern Peters Handgelenk, bald seinen Daumen oder eine Brustwarze oder den Oberarm und tänzelte um ihn. „Der Ohm Wolkenglanz liebt Kililiki. Kililiki liebt ihn. Du, Ohm Wolkenglanz, kommst von einer großen Reise heimwärts zu Kililiki, und wir Männer und Frauen werden deine Rückkunft feiern.“

Es wurde ein großes Tanzfest angesagt. In der übernächsten Vollmondnacht sollte es stattfinden. Die Tage, die nun kamen, änderten das Leben der Dörfer vollkommen. Auf einmal löste ihre sonnenbeladene Stille sich in ein Summen und Brummeln auf, das früh mit dem Tagesgrauen anfing. Die Männer und Weiber gingen kaum mehr in die Pflanzungen. Sie holten sich nur, was sie zum Essen nötig hatten. Wo eine Gruppe beisammensaß, begann sie bald leise die alten Tanzmelodien zu singen, einer stieß mit einem Holz an einen Hauspfahl den Takt der Garamut, und im Sitzen machten alle die uralten Bewegungen, deuteten mit den Füßen die Tanzschritte an, ließen die Arme gehen und wiegten den Oberkörper. Und dann konnte es vorkommen, daß auf einmal die ganze Schar ins Flammen geriet, aufsprang und eine der Figuren tanzte. Sonst verspann sich tagsüber das Summen der Tanzweisen mit der Sonne über die Dörfer.

Wenn es dunkel wurde, fanden sich die Tänzer zusammen und übten.

Im Dorf des Häuptlings Fischreiher, das das siebente Dorf war, lebte der alte Mangostein, ein Ohm von Seeschwalbe. Er war berühmt als Erfinder von Tänzen und brachte jedes zweite Jahr eine Neuheit, die rasch in allen Dörfern aufgenommen und Mode wurde; das brachte ihm viel Muschel- und Zahngeld ein, denn die Tänze und Lieder waren ihrem Urheber geschützt. Mangostein erfand einen Tanz, der das Erdkommen und Erdwandern Wolkenglanzes darstellte. Er nannte den Tanz „Regenbogen“, und das war auch der Name, den Peter nun endgültig bekam.

Der Tanz sollte zusammen von den Männern aller sieben Dörfer getanzt werden, und man begab sich sofort an das schwierige Einstudieren. Mangostein ging zu den Holzschnitzern. Die mußten kleine Schnitzereien machen, die das Boot Peters darstellten, es aber halb als Kanu, halb als Muschel ausgestalteten und lebhaft bemalten. Es wurden viele Dinge darauf gemalt. Der Regenbogen stand darauf, die Wolke stand darauf, das große Wasser, die Insel Kililiki und die sieben Dörfer; das Farnkraut Tausendfuß war darauf gemalt, als das Zauberkraut gegen angehexte Krankheiten; ein Bogen und Pfeil und der fliegende Hund; der tote Mensch und der tote Geist, der weibliche Geschlechtsteil und der Bambus, der Regen und der große Geist über den Wolken ...

Und während dies Kunstwerk hundertfältig entstand und in neuen Erdfarben frisch in den Häuptlingshütten erglänzte, ging die Seele Regenbogens hinein, wohnte drinnen, und das Schiff war das Symbol der Allgegenwärtigkeit des erdgekommenen Gottes. Abends wurde es den Männern gegeben, und sie übten den Tanz, in einer Hand die Seele Regenbogens darbietend, mit der andern Kräuter und Blumen schwingend. Pirath wurde darüber der Regenbogen, die Fleischwerdung, der Zusammenhang zwischen Kililiki und der Überwelt des großen Geistes über den Wolken.

Die Männer übten in den Mondnächten den Tanz bis zum Aufbruch der Sonne und fielen dann in ihren Hütten in die Schlafecke und erwachten erst nach der Mittagsstunde, wenn der Hunger in ihren Leibern herumstieß. Dann begannen sie gleich wieder, und ihr Leben war nur Spiel und Traum in diesen Wochen. Herrlich, wunderbar und gottgemacht nannten sie dieses Leben. Sonst dauerte das Einüben eines Tanzes, der so schwierig und vielfach wie der Tanz „Regenbogen“ war, drei, vier anstrengende Monate. Die Aktualität der Ereignisse, die der Tanz „Regenbogen“ darstellte — ein jeder hatte alles unmittelbar miterlebt —, war für alle ein Ansporn und ein heftiger Reiz. Sie brauchten sich nicht erst mühselig in den Sinn hineinzuleben. Sie nahmen mit immer wacher Kraft, mit fortwährend aufgestacheltem Verständnis die Erklärungen und Darstellungen des Tanzmeisters Mangostein auf. Sie gruben Melodien, Worte und Bewegungen sofort in sich ein, und als die Vollmondnacht sich nach fast zwei Monaten näherte, waren sie vorbereitet und warteten auf das Ereignis, das wie ein Wunder vor ihrem Lebensweg lag und nur darauf harrte, von den Menschen in Besitz genommen zu werden.

Peter wußte, was vorbereitet wurde. Er verhielt sich dagegen, wie Erwachsene vor einer Bescherung, mit einer gemäßigten Spannung und einer gespielten Diskretion. Er lebte in einem leidenschaftlichen Auf und Ab. Bald floß er wie ein dunkler Strom, voll nächtiger Melancholie, voll rauschender Unrast und Sehnsucht nach seiner Heimat, seinem Bruder, seiner Tätigkeit, und dann konnte es geschehen, daß dieser Strom plötzlich verrann und, wie ein drohendes Stauwehr seinen Wall endlich bricht, ergoß sich die Glückseligkeit und die paradiesische Erfüllung der widerstandslosen Natürlichkeit Kililikis über ihn. Er fühlte, daß seine letzten Vorfrühlingstage vor ihm standen und daß der Sommer wartete, dessen reifender Saft mächtig aus dem Schoß der schwarzen einsamen Südseeinsel in ihn drang.

Als er früh am Tage des Festes vom Baden kam und die Sonne rasch seine Haut getrocknet hatte, wollte er seine Hose anziehen. Da riß das eine Bein von unten bis oben auf; morsch wie es war, konnte der Schaden nicht mehr gutgemacht werden, und Pirath entschloß sich zu der großen, für ihn symbolisch werdenden Entscheidung, von nun an nackt zu gehen wie die andern. Er riß einen noch brauchbaren Streifen aus der Hose und machte mit ihm einen der schmalen Schamgürtel, die zwischen den Beinen durchgezogen und hinten und vorn an einem Strick befestigt wurden, der den Leib umspannte. Diesen Schamgürtel trugen von der Mannbarkeit an die Männer Kililikis.

Der erste Besuch, den Peter in seiner neuen Toilette empfing, war der der Frauen Möwenschnabels. Sie schienen die Veränderung nicht zu bemerken. Auch Möwenschnabel, der dann kam und glücklich, wie ein Kind bei einem frohen Fest, ihn anmeckerte, nahm offensichtlich keine Kenntnis von Peters geänderter Tracht. Er streichelte dem Ohm nur über die Arme und Hände und schlug ihn dann roh auf die Schulter zum Zeichen, daß er heute des Königs Gast sei.

Er nahm ihn gleich mit. Im Königsdorf, auf dem mit Sträuchern, Blumen und Pflanzen, mit Tanzmasken, Königswaffen und schönen Matten ausgeschmückten Platz vor dem Königshaus fand Peter die Häuptlinge der Dörfer im Kreis auf dem Boden sitzen. Mit offenem Mund rülpsten sie ihm fröhlich, aus tiefster Kehle gurgelnd, den Gruß „Ö! Ö!“ entgegen.

Die Weiber arbeiteten unter der Kochhütte herum, wühlten mit Bambuszangen in den mit heißen Steinen gefüllten Gruben. Drinnen brieten Hühner und Tauben, zerstampfter Jam war, mit dem zu Brei geschabten Kokosfleisch gemischt und um zarte junge Taroblätter eingewickelt, zwischen zwei Lagen heißer Steine geordnet worden. In einem andern Kochloch wurden Taro, Jame und Bananen gedünstet, indem man die Matten, zwischen denen sie lagen, mit Wasser tränkte, das sich an den heißen Steinen auflöste. Haufen von Fischen, die zwischen Blättern gebacken worden waren, lagen schon bereit. Über drei offenen Feuern brieten Schweine am Spieß. Ein Hügel von gerösteten Brotfrüchten schichtete sich auf einer Matte um einen Pfosten der offenen Kochhütte auf. Suppen und süße Speisen wurden aus Papayafrüchten mit Stärkewurzel und Kokoskernsaft bereitet. Puddinge und Pürees, die aus Kokosmehl, Seewasser, Pfefferschoten und kleinen Zitronen bereitet wurden, kochten die Frauen in aufgerollten Bananenblättern und umgaben die Blätterhülle zur Verstärkung mit einem oben zugebundenen Beutel aus Brotfruchtblättern. Meertang und Tintenfisch, Taschenkrebs und das fette Fleisch der Tridaknamuschel, Taroklöße und Jam in Kokoskernsaft, Bananenbrei und Schnecken, Seeigel und Baumschlangen, Käferlarven und Würmer ...

Es wurde ein gewaltiges, übermenschliches Essen.

Es dauerte bis in die Dämmerung, und im Kernpunkt saß Regenbogen, umstrahlt von dem Glück und der Anbetung des fressenden Kililikis. Zu seinen Ehren stopften sich die schwarzen Bäuche. Die Frauen und die Königsdiener rannten und schwitzten. Der Essensgeruch wurde von der heißen Sonne, die über den Baumkronen und Palmenköpfen ihren grellen hitzigen Glanz aufwölbte, niedergedrückt und änderte die Luft des Schattens zu einer schweren, gereizten Sattheit um. Das Schmatzen, Plaudern und Rülpsen füllte melodisch den Essensplatz.

Als dann die Sonne hinter dem Meer versunken war und es einen Augenblick lang war, als ob Tag, Dämmerung und Nacht zusammen auf der Erde ständen, erhob man sich. Zwischen dem ersten und dem zweiten Dorf war der Tanzplatz gemacht worden. Die Männer hatten dort unter Palmen, die der Urwald dicht umschloß, einen langen schmalen Platz eben gemacht und rundum mit Blumen und Sträuchern geschmückt. Pirath ging mit dem König an der Spitze zu diesem Tanzplatz. Er hatte sich, trotz allem Zurückhalten, zu voll gegessen, und er ging neben dem König in einer faulen Benommenheit dahin. Er fühlte seine Adern bleischwer seinen Körper durchfließen. Oft schloß er die Augen und wünschte, daß er sich gleich zu Boden werfen und schlafen könnte, und dann reizte fast in demselben Augenblick ein Ruf in der Dunkelheit, eine Bewegung über seinen Augen, eine holperige Stelle unter seinen Füßen ihn jäh wach. Er schimpfte, und eine dunkle Wut schwoll in ihm an. Er konnte seinen Zustand nicht in eins fassen. Zerhackt, wie ein Ball geworfen, verirrt in rauschende Unbekanntheit, so kam er sich vor.

Möwenschnabel wollte, während ununterbrochen das Genossene sich bei ihm laut zur Erinnerung brachte, konversieren. Peter antwortete nicht und horchte nur dem schaukelnden Rausch seines Innern zu, und nach und nach geschah es ihm wieder, als ob das vielfach Aufgewühlte in ihm sich zu jenem geheimnisvoll sachten Sturz dämpfte, mit dem er in die sorglosen Wucherungen der Seele der schwarzen Insel Kililiki versank.

Sie kamen bald an den Tanzplatz. Dort waren für Regenbogen, für den König, die Häuptlinge und die Priester und Zauberer an einer Stelle Matten niedergelegt. Während sie sich darauf niederließen, ordneten in dunkelm Wirren die Scharen der sieben Dörfer sich unter die Palmen. Die großen Garamuttrommeln wurden bereitgestellt, und als auf einmal ein leises goldnes Flimmern die schwarzen Gitter der Palmwedel über den Köpfen berührte, klang es in einem dunkeln und einem hellen Ton in den Trommeln auf; der Doppelton riß einen schwirrenden Hagel von rasch aufeinander rückenden Klängen aus dem Holz, und an einem Ende des Tanzplatzes jagten fünfzig Weiberstimmen jäh in die Höhe und kreischten das zarte Mondlicht an. Peter fuhr aufgestört mit dem Kopf dorthin. Er saß inmitten der Häuptlinge und Priester auf einer schönen Matte. Er sah nichts und hörte nur das grelle Psalmodieren der Frauenstimmen. Auf einmal stieß ein starker flötender Ton aus der schrillen Melodie, und zugleich drang in langsamen Schritten die tanzende Weiberhorde aus dem fetten Schatten der Bäume in die sanfte Dunkelheit des Tanzplatzes. An der Spitze schritt Seeschwalbe. Peter erkannte sie gleich. Seine Augen hefteten sich an den edeln Schwung, in dem ihre rutenschlanken Beine sich in die Hüften ausbogen. Sie blies in eine Muschel und schwenkte mit der andern Hand ein Büschel von Kräutern und Blumen.

Die Frauen folgten den Bewegungen. Sie gingen vier und vier in einer Reihe, und Seeschwalbe immer voran. Seeschwalbe bog in zarter Spannung ihre Knie heraus, drehte sich halb um und auf wie eine Schlange, die tonberauscht sich zu unbewußten Bewegungen aufrafft, und zog die andern zu denselben Schritten hin, blies hoch und tief eintönig in ihre Muschel, und das Bündel von Blumen und Blüten schaukelte durch die Dunkelheit heran, auf Pirath zu. Der sah die zwei ungleichen, starken und spitzen Brüste wie reife Kokosnüsse dunkel und fest sich unter den Schultern spannen. Am schönen Leib wedelten knisternde Blumen und Sträuße, und der Bauch war in seiner bronzenen Rundung nackt und unbeweglich. Das sah Peter herankommen, mit kaum betonten Rhythmen hin und her weichen, ruhig und eben, denn die Frau liegt still unter dem Leib des Mannes ...

Peter saß da, alle fünfzig Weiber tanzten nur für ihn, all die schmalen Beine stiegen so schön in die Hüften nur für ihn, all die breiten Weiberschultern rundeten sich so edel in die Arme nur für ihn. In der mondgoldigen, sacht verklärten Finsternis dämmerten die beiden Kugeln, die von den Beinen getragen wurden, wie von Säulen, die aus lebendigen, verhaltnen Tieren gebildet waren. Die Kugeln ruckelten sich rundend auf und ab, ihm entgegen. Er saß da und war ein Pascha, die harrende Raserei eines göttlichen Begattens und Erzeugens schwoll ihm aus der Weiberschar und der millionenfach verschlungenen Waldesnacht entgegen. Schwellend wartete die rauschende Heimlichkeit des Waldes um den Tanzplatz, und der Liebestaumel von Leuchtkäferscharen knisterte hinter den Tänzerinnen im finstern Wald, entzündete sich, verlöschte, glühte wieder an, verschlang sich zu Licht und Nacht, zu Leben und Tod.

Peter löste seine heißen Augen nicht mehr von Seeschwalbe, die wie ein weiblicher Heros mit ihren melancholisch starren, unheimlich harten Muscheltönen und ihrem traumfremd behexten Vorausschreiten den Tanz leitete. Peter wußte, daß seine Stunde schlug.

Die Weiber wanden sich, wie zwischen Finsternis und Licht kletternd, mit den leis knatternden Blattbüscheln, den unerbittlich eintönigen, jähen Psalmen sinnloser Worte, mit Geruch von Käfern, Tigern und frisch geschälten Ruten an ihm vorbei über den langen Tanzplatz, und auf einmal verschlang die satte Finsternis wieder Ton, Tanz und Leib, wie sie am andern Ende des Platzes vorhin Ton, Tanz und Leib unversehens ins Flimmern des Mondlichtes geschoben hatte. Die Leuchtkäfer beeilten sich bei ihrem göttlichen Akt und funkelten über der Stelle, die die Weiber in Dunkelheit verschlungen hatte, wie Diamanten, die sich umkreiselnd vom Himmel fielen, aufblitzten und verlöschten und aufblitzten.

Peter stand auf und ging ruhig davon. Seine Umgebung hatte sich halb aufgelöst. Ein Teil saß, von der schweren Verdauung an den Boden geheftet, und schaute ihm blöden Sinnes nach. Sein hoher weißer Körper leuchtete in versprühenden Umrissen den Rand des Tanzplatzes dahin, wie ein heiliges, ehrfurchtbeladenes Tier. Er ging auf die Stelle zu, wo die Weiber verschwunden waren. Peter fand die Seeschwalbe gleich. Er legte seinen Arm über ihre edel gerundeten Schultern und zog sie sacht und selbstverständlich mit in den Wald.

Sie gingen rasch davon ins verschlungene Dickicht hinein, lange Zeit, bis die Entfernung und die Wirrnis der Pflanzen und Bäume den Lärm des Tanzplatzes von der Welt wegwischten. Dann sanken Lianen, junge Palmblätter, hundert Pflanzen, die von einem satten Drang emsig gefüllt waren, über sie. Tausend Käfer überstiegen das Hochzeitsgewölbe der Pflanzen und jungen Palmen. Zwischen dem an- und ausfunkelnden Liebesbegehren der Leuchtinsekten haschten sich Hunderttausende von dunkeln und unscheinbaren Kreaturen. Die Domhallen des Urwaldes breiteten sich hoch und schützend über ihnen aus, und der Mond, der vor einem Tag die Fluren Europas betastet hatte, schmückte den First der Kathedrale mit seinem ruhigen Glast und sickerte wie ein sanfter Segenquell des Alls zwischen den Blättern nieder bis auf das schwarze fette Bett Regenbogens und der Seeschwalbe.