Part 18
Der Fluch des Geborenseins war aus ihm herausgebleut. Die Wut der Männer hatte ihn gereinigt zum Königsein. Machtvolle Dämonie zog in ihn ein. Er war ein Vater, von alters her heilig und doch von Mißgunst und Bosheit der Menschen umlagert. Sie hatten ihm gezeigt, daß sie ihn, den Höchsten, töten konnten. Statt des Todes hatten sie ihm das Bewußtsein ihres Mißtrauens und ihrer Kraft gegeben. Und nun erstrahlte er vom heiligsten Tabu, und nicht einmal den Schorf der Wunden, die sie ihm geschlagen, durfte ihre kleinste Bewegung anrühren.
* * * * *
Am Abend dieses Tages verschoß Peter seine letzte Rakete. Er sah sie in die Gewaltigkeit des einsamen Sternenhimmels dringen, zuerst mit begehrlichem Zischen wie ein machtvoll brünstiger Ruf zwischen den Sternen dahinschießen, ein Ruf, der sich über die ganze Erde weben sollte. Und dann verglühte sie rasch in den märchenhaften, zarten Regen der Leuchtkugeln, die geräuschlos zwischen den hohen Sternen erloschen, und nichts war mehr in seiner Hand, den Menschen der andern Welt, der er angehörte, von ihm zu zeigen. Wiewohl er wußte, daß niemand seinen Ruf vernommen haben könnte, begann er in die Nacht hinein zu warten. Er entzündete ein hohes Feuer am Ufer, um die Stelle zu zeigen, wo er harrte. Aus der fernen Nacht scholl der Lärm der Tänze und Gesänge, mit denen man im zweiten Dorf die Königseinsetzung feierte, und die Garamut dröhnte dunkel hinein, wie ein Pulsschlag der fremden Erde, zu der er verbannt war.
Unter dem fernen Lärm stieg in seinem vergeblich harrenden Herzen Europa auf. Es stieg auf wie die letzte Rakete und begann geräuschlos und farbig zwischen den Sternen zu versinken. Die Schwarzen kannten seinen Revolver nicht. Das war gewiß. Und wohl nie hatten sie also einen Weißen gesehen. Gab es denn noch eine Insel auf der Welt, die so einsam war, daß kein europäisches Schiff sie erreicht hatte? Das fremde Singen und die dunkeln Stöße der Trommeln hetzten seine Gedanken. Er sah den Zug der Menschen in weißen Städten in mächtigem Mechanismus die Straßen überströmen, und Maschinen surrten zielstark unter niedern weiten Hallen, denen einmal alle seine heftigsten Gedanken gegolten hatten und verflohen wie ein prasselnder Regen auf einer Asphaltstraße. Er sank hin unter der drückenden Melancholie des grauen Verregnens. Er wachte in die blaue Nacht, und Europa sollte verschollen und versunken sein unter ihrer dampfenden Hitze. Er warf Holz übers Feuer, die Flamme loderte heißer auf, und seine Sehnsucht schwoll und sank wieder nieder, wenn das Reisig verbrannt war, und wurde auch tiefer, schwebender, verwehender Regen. Europa starb langsam und heftig in ihm. Es starb so, wie einst eine Frau in ihm erstorben war, von der er Erde und Himmel erhofft hatte. Fliegende Hunde stiegen wie flatternde dunkle Tücher über dem Lichtstrahl aus den Bäumen. Ein Schrei scholl im Wald. Die Grillen arbeiteten die Finsternis in grellen Lärm um. Im Wald flog der Schall des unbegreiflichen Festes der Wilden wie eine Seele, die ein Netz über die Insel, die Küste und ihn sponn, um ihn zu trennen von dem, was war.
„Als ob ich auf dem Mars wäre!“ sagte er und biß die Zähne in die Lippen und schlug seine Fäuste raffend über die linke Brust, um seiner Tränen Meister zu werden. Er wachte und dachte die ganze Nacht und unterhielt sein vergebliches Feuer. Die Verlassenheit stand rauh und schroff über ihm wie ein ungeheuerliches Karstgebirg, und jenseits ging eine Welt unter für den Schiffbrüchigen.
* * * * *
Die Menschen kehrten zum Dorf Vater zurück. Peter sah, als er morgens im Schatten seines Baumes erwachte, ihre Scharen die Hüttenkreise füllen, dann und wann bis an sein Boot herankommen und wieder gehen. Er sah auf der Treppe des größten Hauses, das auf hohen Pfählen stand, den Schwarzen, den sie gestern geprügelt hatten. Möwenschnabel hatte seine Wohnung ins Königshaus verlegt. Der Schwarze winkte Peter zu, indem er erfreut lachte, einmal mit dem Kopf in die Höhe fuhr und „Ö!“ rief. Da ging Peter zu ihm. Er stieg die Leiter hinauf und setzte sich neben ihn. Er öffnete den Mund und fuhr mit der Hand öfter hin, das Zeichen des Essens machend; der Schwarze unterlegte dies Zeichen mit einem Laut, und das erste Wort, das Peter von der Sprache Kililikis lernte, war das Wort für Essen.
Der Schwarze rief, und Frauen erschienen in den kleinen Öffnungen der Hütten, die hinten um das Königshaus herumlagen. Die Frauen brachten Kokosnüsse und zwischen Blättern gebackne kalte Fische. Das Dorf umstellte den dünnen Zaun des Königshags, und Männer und Weiber nickten mit dem Kopf in die Höhe, grinsten Peter glücklich zu und quetschten den kurzen Laut: „Ö! Ö!“ aus ihrem Mund. Möwenschnabel aber nahm Peter ins Innere der Hütte, das ein einziger großer Raum, vollgestopft mit Gegenständen und Waffen war. Dort richtete er ihm am Essensplatz das Mahl auf kleinen Mattentellern an, und er schickte die Weiber fort, die sich in die Tür drängten. Und während Peter aß, nahm er den ersten Sprachunterricht beim König, und er lernte die Namen der einzelnen Speisen.
Als er fortging, nahm er einen der Bogen und ein Bündel Pfeile mit. Er wollte ihn gebrauchen lernen, weil er ihn zur Verteidigung des Lebens oder zum Erwerb seines Unterhalts nötig hatte. Dann zog er auf dicken Bambusrollen sein Boot hoch ans Land herauf, daß die Flut es nicht mehr erreichte. Er schob es an den Baum an und baute das große Segel als ein Dach darüber. In der Nacht war ein Regen vorbeigerauscht, der wohl nicht lange gedauert hatte; aber das Laub war doch nicht dicht genug, um das Wasser abzuhalten. Der König schickte ihm Matten, mit denen er sich ein Schlaflager machte. Er sammelte einen Haufen Kokosnüsse auf und brachte sie ins Boot, und als das die Eingeborenen sahen, schleppten sie alles Eßbare an, worüber sie verfügten. Peter war auf Wochen verproviantiert.
Als es dunkel wurde und die fliegenden Hunde aus dem Walde heraus in die Dämmerung stürzten und sich wie Lappen durch die Luft schwangen, schoß er danach. Es war ein merkwürdiger Zufall, daß er gleich beim ersten Schuß traf. Das sahen die Eingeborenen, und alle, die den fliegenden Hund im Totem hatten, wurden bang. Sie liefen zum Häuptling Muschelkalk und sagten ihm: „Wolkenglanz schießt unsern Stammesvater tot!“ Den Häuptling, der von dem trächtigen Fußtritt Möwenschnabels daniederlag, beschlich eine wahnsinnige Furcht. Er wußte, daß er das heiligste Tabu verletzt hatte, denn aus Eifersucht und Neid sann er auf weiter nichts als darauf, daß er den glücklichen König Möwenschnabel beseitigen könnte, und er hatte schon zehn, zwölf wilde, blutdurstige Mordarten erwogen. Er fiel auf sein Lager zurück. Sein Unterleib begann fürchterlich zu stechen. Er rief: „Wehe, wehe! Wolkenglanz tötet den Stammesvater, und die Seele weiß nicht, wohin sie im Tod gehen soll.“ Das Fieber durchraste ihn wütend. Der Fußtritt hatte ihm eine Ader gesprengt, an der er sich verblutete. Er aber glaubte, er müsse sich in den Tod hineindenken, weil er ein Tabu angerührt hatte, das an Macht das seinige zehnmal und öfter übertraf. Er starb in der Nacht. Die Garamut warf die Nachricht seines Todes rasch in die Küstendörfer. Alle des Stammes vom fliegenden Hund sahen ihre letzte Stunde gekommen. Sie versteckten sich im Wald und heulten, denn Wolkenglanz erschoß ihren Stammesvater, der ihre Seelen in die Steinbilder im Steinbruch Mutter getragen hatte. Und so wußten sie nicht, was ihrer elenden verfluchten Seele widerfuhr. Möwenschnabel aber nützte die Gelegenheit. Der fliegende Hund war der Rivalenstamm und hatte vordem durch eine Bluttat dem Totem Kakadu das Königshaus geraubt, bis der Ahn Möwenschnabels seine alten Rechte wieder eroberte, indem er den Ahn Muschelkalks erschlug.
Doch war der Stamm „Fliegender Hund“ noch stark an der ungestillten Wut gegen diesen Mord. Er reizte sich ununterbrochen heimlich zur Rache auf an dem geschändeten Blut. Die Stellung Möwenschnabels war darum keineswegs sicher. Nun war es dem König in die Hand gespielt worden, seine Sache sicherzustellen. Wolkenglanz zeigte an, daß er die Vernichtung des Totems wollte, und der König machte sich daran, das Werk zu vollenden, das der weiße Gott symbolisch begonnen hatte, als er den ersten fliegenden Hund zufällig mit seinem Pfeil durchbohrte. Mit Hilfe der Priester, die seinem Stamm angehörten oder ergeben waren, wurde das Werk vollbracht. Sie schoben die menschliche Angelegenheit in die Schicht, die unsichtbar und dämonengefüllt über den Köpfen der Menschen stand. Man fing so viel Männer des fliegenden Hundes ein, als man erwischte, und man band sie an die Palmstämme. Dann umwickelte man die Gebundenen um die Stämme mit breiten Bananenblättern, so daß man nichts mehr von ihnen sah, und schnürte das Bündel von Fleisch, Knochen, Blättern und Holz mit Baststricken und Rotang so fest zusammen, daß die Seile gespannt waren wie Bogensehnen. Das geschah noch in der Nacht. Peter hörte die Weiber heulen. Sie flohen oder wurden mit Keulen erschlagen. Das Blut der Schwarzen schäumte gärend. Die Bewegungen, die Griffe, die Schläge, das Einbinden wurden heiß und scharf und machten sich mit knapper Sachlichkeit, wie bei Tieren, die Beute jagen. Die Nacht flimmerte rot von Blut und Totschlag.
Als Peter am nächsten Morgen ins Dorf ging, gesellte sich ihm Möwenschnabel bei. Möwenschnabel war ein junger sehniger Mensch, seine Haut hatte einen hellen Schimmer, sein Kopf war hoch und die Nase schmal und einwärts geschweift. Aber er hatte einen dünnen langen Mund, der sich spitzte wie ein Wolfsmaul. Möwenschnabel hatte brennend rote Hibiskusblüten in seinem hohen, gepflegten Haar. Seine Augen waren wie blau bestaubt und die großen Ovale fast orangenfarben angelaufen.
„Gelb und Blut!“ sagte sich Peter, als er hineinsah. Möwenschnabel verzog das Maul zu lächelndem Gruß, entblößte das vom Betelkauen blutig gefärbte Gebiß und stieß sein „Ö!“ hervor.
Aber da sah Peter die sonderbar formveränderten Palmstämme. Er trat an einen heran und erschrak. Ein leises Wimmern stieg in dem Blattpaket auf und gurgelte wie Blasen, die sich tief von einem moorigen Grund erheben. Er zeigte mit der Hand fragend hin und sah den Schwarzen an. Dorfmänner umringten die beiden rasch, lachten glückselig. Sie hatten alle rote Blumen in den Haaren. Der König ahmte das Bogenschießen mit den Armen nach und sprach ein Wort mehrmals dazu. Peter verstand nicht. Das gurgelnde Stöhnen erregte ihn. Er nahm sein Messer und schnitt die Stricke durch, begann die Blätter abzureißen, und plötzlich löste sich etwas vom Palmstamm und fiel plump nieder. Es war ein Mensch. Er wand sich zuckend am Boden. Die Augen quollen aus den Höhlen, der Mund war verzerrt aufgerissen, und Schaum und Blut sprudelten aus ihm. Peter lief zu einem zweiten Stamm, schnitt rasch auf, und der Mensch fiel und regte sich nicht mehr. Ein dritter lebte noch. Ein vierter war tot. Der fünfte war tot.
Und zugleich, wo Peter dunkel zu verstehen begann, daß dies hingerichtete Feinde seines schwarzen Freundes waren, verwirrten sich seine Vorstellungen an der Grausamkeit des Geschehenen, sank all sein weißer Halt zusammen und rohe Gelüste sprangen ihn an wie Tiger. Es war ihm, als sei er wie eine Kugel auf einen Stein auf diese furchtbare Tat aufgeschlagen und prallte immer weiter, blutdürstig sie fortzusetzen. Er wollte dem farbigen Hund, der sie verrichtet, an die Kehle rasen und den roh springenden Adamsapfel zerfleischen, das Leben dieses Tiers zu Brei vernichten. Er sprang auf ihn zu. Aber im letzten Augenblick fand seine Wut nichts als eine furchtbare Ohrfeige, die mit einem plumpen Klatsch in das schwarze Gesicht sprang. Diese Ohrfeige war lächerlich gegenüber der dämonischen Erregung, aus der sie kam.
Möwenschnabel jedoch lächelte unbeirrt. Durch die Zuschauer lief ein freudiges Murren. Die Mäuler kamen in Bewegung und brachten frohe Laute hervor. Sie riefen: „Seht! Seht! Auch Wolkenglanz schlägt Möwenschnabel zum König. Der fliegende Hund ist niedergewürgt. Seine Seele irrt umher und findet den Weg nicht nach Mutter in den großen steinernen Gott. Wir müssen unser Essen, die Abfälle und unsern Speichel bewahren vor den bösen Geistern der Seele des fliegenden Hundes, daß sie uns nicht behexen. Aber Wolkenglanz, der Töter des fliegenden Hundes, steht uns bei.“
Peter sah fassungslos um sich. Das Rätsel blieb ihm starr verschlossen. Er war auf dem Mars. Eine kalte verlassene Wehmut rann durch seine Adern. Er ging zum Boot und brachte den Apothekerkasten heraus. Aber er wußte nicht, was er mit den beiden, wie Karpfen nach Luft und Leben zuckenden Leibern tun sollte. Er rieb die Quetschstriemen, die die Stricke gelassen, mit Salbe ein. Er faßte nach den schlagenden Armen und bog sie in einer regelmäßigen Bewegung ein und zog sie wieder aus, wie man Ertrunkenen das Leben wieder zu gewinnen versucht. Er hielt das Ätherfläschchen in ihre Nase. Die schlagenden Glieder dämpften nach und nach ihre Verzweiflung. Der Kampf erlosch, und die beiden Halbtoten fielen in Schlaf.
„Was tut der Ohm Wolkenglanz?“ fragte der König. Aber Peter verstand und beachtete ihn nicht. Die Männer rundum sahen angstvoll dem Beginnen des Gottes zu und bissen erregt auf ihre Betelnüsse. Sie prusteten den ersten herben Saft wie einen Sprühregen aus und wagten nicht einander anzuschauen. „Er gibt die Seele in den Körper zurück!“ stotterten sie. Und das Grausen packte sie, und sie gingen, sich in die dunkelste Ecke der Hütten zu ihren Lieblingsweibern hocken, sprachen nicht mehr und fürchteten die zweifeldunkle Kraft des Gottes. Die zwei Hingerichteten erhoben sich bald und gingen zu ihrem Dorf zurück. Niemand rührte sie an. Ihre Geschichte sprach sich eilig durch alle Dörfer herum, die Männer und Frauen, die man im Wald nicht aufgespürt hatte, kamen zurück, und Wolkenglanz stieg an Macht wie an Rätselhaftigkeit. Niemand fühlte sich mehr sicher vor ihm, und zugleich, wo in der Tiefe des beunruhigten Blutes roher Drang aufstieg und um den Gottesmord sich unbewußt die Adern erhitzten, dämpfte das furchtbar Drohende, ewig mit Donner und Verdammnis beladene Tabu diese urhafte Wildheit zu zitternder Straffurcht, zager Todessüchtigkeit und kindlich naiver Ergebenheit zurück.
Peters Kraft wurde nun jeden Tag beansprucht. Es kamen Verliebte, es kamen Rachsüchtige, es kamen eifersüchtige Verdächtler, es kamen Frauen, denen die Kinder immer starben, es kamen kranke Behexte ... Sie sprachen ihn mit den schönen, bald wie ein Bach im Wald verschmelzenden, bald wie ein niederkrachender Baumstamm roh aufstoßenden, bald wie ein Vogelschrei kindlich tirilierenden Lauten ihrer Sprache an. Die Wörter merkten sich, wie naive Naturgeschehnisse, so leicht und tief. Pirath benahm sich eingehend zu jedermann, und wenn er nicht verstand, so nickte er lächelnd trostvoll oder suchte durch allerlei Zeichen seine Sprachkenntnisse weiter zu bilden und führte dadurch den Hilfesuchenden unbewußt so weit ab vom Gegenstand seiner Sorge, daß er seine Wünsche erfüllt glaubte. Die meisten Krankheiten waren ungepflegte, beschmutzte Geschwüre und Fieber, die aus den in die Küstenwälder zwischen die Dörfer gebetteten Sümpfen aufstiegen. Das konnte er alles heilen, und da die Menschen glaubten, eine jede Krankheit sei die Folge einer Behexung durch einen Fluch, so gewann die Gottwerdung Piraths von Tag zu Tag an Festigkeit und Umfang.
Er hielt die Phantasien der Menschen in Aufregung. Überall hin trug er sein europäisches Gewissen, wetterte gegen jeden faulen Schmutz, gegen Trägheit und Lässigkeit, gegen Grausamkeit und Mordlust. Das verstanden diese Menschen nicht, bei denen die Instinkte ein ungedeckter Brunnen waren und der Impuls so viel wie die Tat. Denn sie lebten zu lange mit der Natur zusammen, wie zwei, die im Beischlaf sich einander vermengen, und hielten sich an das mütterliche Beispiel, das sie an Pflanzen und Tieren, an Wasser und Wolken sahen. Oft sprachen sie über die Unverständlichkeiten des mächtigen Wolkenglanz. Aber ihre Liebe zum Plaudern ging damit heimlich und vorsichtig um, und sie wandten allerlei geheime Schutzmittel an, um sich ihrer Klatschsucht ungestraft hingeben zu können. Sie nannten ihn dann jedesmal, wo sie ihn erwähnten, mit einem neuen Namen, den sie im Augenblick des Sprechens erfanden und den dennoch jeder verstand. So bildete sich Pirath in diesen Gemütern zu einem Kreis von gesonderten Vorstellungen aus, von denen eine jede einen bestimmten Namen hatte. Die Menschen konnten ihn nicht in einen Begriff fassen. Er war in viele Kräfte der Natur gespalten. Sie verehrten, liebten, fürchteten und haßten ihn. Die Phantasien bildeten alles um, was mit ihm in eine Berührung kam, und so waren zum Beispiel jene wenigen, die von der allgemeinen Vertilgung des Totems Fliegender Hund errettet worden waren, fortan zu einer neuen, von dämonischer Scheu umgebenen, tabugeladenen Kaste geworden, weil Wolkenglanz den zwei Hingerichteten die Seele zurückgegeben hatte.
Etwas Besonderes reizte die Gemüter: Er ließ sich unbeweibt!
In den Dörfern lebten schöne Mädchen. Sie hatten ebenmäßige, gedämpft wilde Gesichter, die schlanken Beine stiegen in heißem Schwung der Schenkel in die Hüften, die Brüste standen wie große spitze Zitronen, hart wie unreife Früchte, reif wie goldene Bananen, und die Schultern überstiegen sie, breiter als die Hüften, und mit einer genauen Muskulatur, als ob sie allein die spitz starrenden festen Brüste, die gewölbte Kugel des Bauches, die ausschweifend zusammengehaltenen Hüften tragen müßten. Die farbige Haut, auf deren dunkelem Grund helle Töne flimmerten, war ihm wie ein Fell von seidigem Glanz, von lebendig polierter Bronze, in die sich die geile Sonne gefangen hatte. Peter schaute ihnen gereizt nach, wenn sie vorbeigingen und ihre weißen großen Gebisse vor dem glücklich scheuen Gruß: „Ö!“ weit entblößten.
Alle Mädchen warteten, daß Wolkenglanz zum Mutterbruder ginge und um sie bat. Alle Stämme warteten, daß ihre Mädchen die Götterkinder im weißen großen Kanu empfängen und gebaren. Aber in Pirath bildete das Weiße seiner Herkunft eine sagenhafte Scheu aus vor dieser letzten, innigen Vermischung.
Fast wie in einem Wunder, so unversehens fühlte er sich diesem primitiven Volk hinwachsen. Er verstand Einrichtungen, Sitten, Verhältnisse aus seinem Instinkt heraus. Einige Monate vergingen. Er konnte schon mit den Menschen in den Lauten sprechen, die dieser Urwald zusammen mit der Meereseinsamkeit gebildet hatte. Er empfand auch, daß all die Mädchen und Stämme auf ihn harrten. Da war ihm über dem allem, als ob die körperliche Hingabe an die Weiber der letzte Verzicht auf Europa sei, und er wollte nicht verzichten — so verloren und verlassen Kililiki auch im Ozean lag. Der Krampf seines nach Europa sehnsüchtigen Herzens machte die Begehr nach den Weibern zu etwas Sündhaftem, machte seine Keuschheit zu einem Symbol; die Bewahrung der heimatlich weißen Persönlichkeit stand in ihr. Aber ach, er wußte, daß seine Anstrengungen, dies Symbol aufrechtzuerhalten, immer mehr blutlose Gebärde würden.
Monate flossen dahin, unaufhaltsam und sanft, und Peter erlebte in einer manchmal blutig gereizten, manchmal schwerfällig dunkeln Melancholie vorfrühlingshafte Änderungen in sich. Er erlebte, als sei es an einem Menschen neben sich, den er kannte, wie das europäische Gewissen, das Ummodeln jeder Erscheinung in geistig vermünzte Werte, langsam von dem Urwald überwuchert wurde, der um die Hüttenkreise der Dörfer vom gelben Sandufer aus, wie heimliches Frauenhaar über den Venusberg, sanft aufregend, verbergend, süßer Fruchtbarkeit willenlos ergeben, die Höhen überquoll. Er verspürte diesen Nebenmenschen, der ihm so innig verwachsen war, in ein weiches Aufgehen in dieser einsam fremden Natur versinken, und eine üppige Entfaltung der Phantasie drängte sich machtvoll durch. Impulse stiegen trächtig und greifbar wie Taten durch seine Adern. Die voraussetzungslosen Formen der Natur, die keine Erinnerungen in sein Blut geritzt hatten, wirkten vertiefend und beschleunigend hinein. Ihre sorglose Üppigkeit und selbstverständliche Begrenzung waren ihm wie eine erreichbare Ewigkeit. Die Zeit hörte auf. Er verlor das kurze Verrechnen der Tage gegeneinander. Tage und Jahre kosteten nichts. Die Zeit spaltete sich nicht mehr in Arbeitszeiten und Nächte. Sie war wie ein kreisender Globus von Glut und Schatten, die hellen Stunden heiße Flammen, die dunkeln schwarzes Versinken, aus dem mächtige Träume stiegen. Wie im Traum, so schränkte auch im Wachen keine Kraft die seinige ein. Er lebte, wie sein Blut ihn trieb. Er lebte wie die Pflanzen, von keiner Sorge gehindert, keine Hemmung kam ihm in die Quere.
Er wurde allmählich sich weniger wertvoll und wuchs immer inniger in die Natur zurück. Er war nicht mehr ein dunkles kleines Glied, beengt und gezerrt, verantwortungsvoll und bescheiden in die europäische Kette gespannt. Er war selber ein Urwald.
Durch Wochen hindurch vollzog sich dieser sachte Übergang. Kaum gab er sich Rechenschaft darüber. Einmal, als er in einem kleinen Kanu aufs Meer zum Fischen segelte, fühlte er an dem Benehmen der Fregattenvögel und Möwen, die über ihm hin und her strichen, daß etwas sich mit einer Spannung lud, daß etwas gefährlich und drohend wurde. Er wußte nicht, was geschah. Die Beobachtung sickerte unbewußt in sein Blut, pulste durch seine Adern und bewog ihn, sein Kanu landeinwärts zu drehen. Da hetzte es hinter ihm her wie eine wirbelnde Angst. Er erreichte das Land, bevor der furchtbare Orkan ausbrach, den keine Wolken und kein Wind angezeigt, dessen gefährliches Kommen aber die Vögel seinem Blut gemeldet hatten.
Von diesem Tag ab bemerkte er öfter plötzlich, wie er den schärferen Witterungsinstinkt der Tiere benutzte, um sich vor Gefahren zu schützen, um einen Rückweg von verlorenen Waldwanderungen zu finden, um Nahrung zu suchen oder das Wetter zu prüfen. Aber auch dies Bewußtsein begann nach und nach in die unsichtbare Tiefe zu sinken.
* * * * *
An einem Morgen, als alle Männer schon in den Wald gegangen, schickte sich Peter an, in seinem Kahn stehend, den Bogen zu spannen, wobei ihn junge Weiber umstanden.
Die Weiber schauten zu und plauderten mit ihm über ihre Kinder, ihre Männer, Essen und Wetter. Auf einmal, während er sich niederbückte, hörte er jähes Schreien. Er richtete sich auf.
Die Frauen stoben schon zwischen den Hütten davon, und nahe bei ihm am Ufer stand ein Mann, den er auf der Insel nie gesehen hatte.
Das Bild der Gestalt flog mit einem Blick den erstaunten Peter an. Der Fremde hatte eine rötliche Hautfarbe. Er war klein, mit einem kegelförmigen dicken Kopf, auf dem drahtiges Haar aufstarrte. Seine Nase unter den geschlitzten und schiefen Augen war nicht groß, aber schwer und hing in einer gebrochenen Linie auf den dünnen geschwungenen Mund zurück.
Der dicke fremde Kopf schaute Peter mit dumpfem Entsetzen an, einen Augenblick nur, dann schoß die kleine Gestalt in die Höhe, warf sich herum und raste davon. Peter setzte mit einem Sprung über den Bootsrand und flog mit seinen langen Beinen hinterdrein. Der Kleine durchstürmte das Dorf, lief am Wald entlang und schlüpfte wie eine Eidechse plötzlich ins Dickicht.
Peter lief ihm blind und ohne Gefühl nach, war nur mehr ein Jäger, dem das Blut in den Augen flimmerte. Nach einer Weile verlief sich der jähe Anfall.
Als Peter durch den Wald zurückging, fiel ihm plötzlich ein, wie die Weiber sich gegen den Fremden benommen hatten. Sie kannten ihn. Er gehörte einem Geheimnisse an, das man ihm vorenthielt.
Deshalb hatte er keine Aussicht, etwa von Möwenschnabel mehr zu erfahren, und Peter nahm sich vor, seine Waldstreifen weiter auszudehnen und einmal in einem Kanu ganz um die Insel herumzufahren. Das hatte er bis dahin sonderbarerweise nie getan, und es fiel ihm nachträglich auf, daß die Fischer ihn stets abgehalten hatten, nach dem Norden zu segeln.
Das dachte er sich nun und sagte zu Möwenschnabel:
„Wir segeln jetzt um die Insel!“