Part 17
Die Menschen glaubten, die Schweine seien auf rätselhafte Art durch jene weißen Geister gekommen und, daß ihr Blut nun zum großen Geist zurückkehrte, versöhnte Donnermund. Die Bewohner des Dorfes Vater, vor dem Donnermund gelandet, zogen alle aus. Das Grauen stand am Strand aufgerichtet wie eine dunkle Höhle. Ein Loch war dort, in dem sich die Luft verzitternd in die Geheimnisse der Nacht verwebte, die über dem Kopf eines jeden Menschen einherlief und voll Ungewißheit und Tabu war.
* * * * *
Donnermund saß, während dies geschah, auf dem Steuersitz, das Gesicht gegen Land gekehrt, die Revolver in der Hand. Die Sonne knallte auf seinen Kopf und seinen Rücken. Er riß mit raschem Griff das Segel ab und zog es hinterwärts über seinen Kopf. Er war gespannt wie seine Revolver, denn er wartete auf einen neuen Angriff. Eine aufwühlende Erregung wirbelte durch sein Blut, die Nerven schienen aus seiner Haut herauszusprühen, und das Geschehene stand riesenhaft und blutig in ihm, wie eine Schöpfertat. „Was mochten sie weiter tun?“ fragte er sich, und diese Frage, deren Antwort für ihn Sein oder Nichtsein bedeutete, machte so ungefähr alles aus, was stundenlang seinen Kopf durchfuhr. Er sah, wie die Menschen sich mit einemmal erhoben, tief vom Strand zurückwichen und nicht herüberschauten. In der Dämmerung sah er auch, wie das Dorf auszog, und er knirschte ihnen nach, im Zorn darüber, daß sie um sein Leben gespielt hatten: „Ihr Bluthunde!“ Es kam ihm allmählich sonderbar vor, wie alles zugegangen war und zu seinem Besten geendigt hatte. Langsam, während er beobachtete, was die Feinde taten, wuchsen Sicherheit und Trotz, und er begann zu ahnen, was für einen unerwarteten, ja wunderbaren Sieg er gefeiert hatte. Aber es war alles noch dumpf und roh in ihm von dem großen gewaltsamen Ereignis, daß er sich das Leben gerettet und Menschen getötet hatte. Er begann einen furchtbaren Hunger zu verspüren, und er aß und trank lange.
Im zweiten Dorf versammelten sich nun alle Menschen des großen Wassers, lebendige und tote. Die Flüchtlinge stellten sich aus den Wäldern ein. Die Priester begannen die Reinigungszeremonien, um Menschen und Landschaft vom zorndrohenden Tabu zu befreien. Rund um das Dorf wurde Feuer aus Kokosschalen und Palmenfasern unterhalten, um die bösen Geister fernzuhalten. Die Priester begannen bei den Leichen, die vor dem Pfahlhaus des Häuptlings Möwenschnabel nebeneinander lagen. Der König lag allein. Aus einem kleinen Loch in seinem faltigen großen Bauch sickerte Blut, und niemand wagte es, das Loch anzuschauen. Denn aus ihm hatte Donnermund die Seele herausgerissen. Ein jeder der Toten hatte solch eine kleine Höhle, der Königssohn hatte die seinige in der Stirn, der Häuptling des sechsten Dorfes in der Flanke, ein Mann des zweiten Dorfes im Unterleib ... Zehn Tote lagen da. Und sie waren verdammt, denn Donnermund hatte ihre Seelen alle zu den kleinen Löchern herausgerufen, und sie konnten nun nicht mehr in ein Tier schlüpfen und von ihm ins All verpflanzt werden.
Aber wegen der Lebenden mußten die Leichen vom Tabu befreit werden. Der Priester zerschlug über dem König eine Kokosnuß und bespritzte die Leiche mit dem Saft, der aus dem Innern quoll. Er sprach, rund um sie gehend, dunkle Laute dazu, die sich heftig erregt steigerten und in einen schwerfällig heißen Gesang endigten, während die Schritte in stürmischen plumpen Kadenzen rasch rund um die Toten auf den Boden klopften. Der Häuptling Möwenschnabel meinte plötzlich mitten aus seiner Erregung heraus mit gleichmütigem Sinn: „Der König braucht viel Befreiung. Seine Seele war lange Zeitabschnitte in seinem Körper.“ Dann fiel er wieder in das brütende, geängstigte Stöhnen und Brummen, mit dem die Menschen rundum die Reinigung mitmachten.
Die Priester eines jeden Dorfes bewarfen, nachdem sie die Toten erledigt hatten, ihre Angehörigen mit dem Saft der Kokosnuß, sprachen und sangen, und unmerklich riß diese Zeremonie ab, und die Menschen kamen in ruhigere Stimmung, hofften, und während die Priester noch Kokoswasser streuten, unterhielten sie sich, Männer und Frauen, schon heiteren Sinnes über allerlei. Sie dachten bei sich: Wenn unser Mund dem neuen Tabu fernbleibt, so merkt uns das neue Tabu vielleicht nicht mehr, so wie ein Taschenkrebs, wenn er kein Loch findet, sich unbeweglich wie ein Stein zusammenrollt und dem Auge entgeht.
Aber der Häuptling Möwenschnabel brachte die Rede wieder auf Donnermund. Möwenschnabel war der zweite Häuptling, und da alle Söhne des Königs tot waren und er auch, wie der König, den Vogel Kakadu zum Stammvater hatte, so war er an der Reihe, König zu werden. Und er wäre König, sobald die Prügelzeremonie getan worden wäre, mit der der König eingesetzt wurde. Er fand sich in dieser heiligen Stellung Donnermund näher als alle andern, ja verwandt mit ihm, denn sein Totem war auch das Totem Kililikis gewesen, die vor ungezählten Zeiten zusammen mit dem Ulawun die Insel gegründet hatte.
Und auch Kililiki war vom großen Wasser gekommen. So bei sich rechnend, wie er seine neue Macht gewinnen und vergrößern könnte, weilten seine Gefühle ununterbrochen bei Donnermund und den Ereignissen des Tages, und von Stunde zu Stunde fühlte er sich enger in diese Geschehnisse hineingeflochten. Er wühlte sich weiter, blind und unaufhaltsam, wie eine Quelle im Boden. Er war tabu, er, der zweite Häuptling, morgen der König. Er war der, den Donnermund, wenn er über den Regenbogen zurück zur Heimat gegangen war, zurückgelassen hatte. Aber war Donnermund zurückgegangen? Saß er nicht etwa noch in seinem großen weißen Kanu vor dem Königshaus am Strand? Bereit, die sieben Dörfer zu verschlingen? Doch ihn verschlang er nicht. Er war aus seinem Mutterstamm.
Da sprach Möwenschnabel in das angeregte Plaudern hinein, bei dem die Männer rundum am Boden hockten:
„Donnermund ist mein Ohm!“
Erst wollte ein Schrei aus jeder Brust. Aber dann sagte sich jedes Gemüt: Solch etwas Großes muß wahr sein! Und einige Priester, die durch ihre Erziehung und ihren Beruf zur Schlauheit gelangt waren, spürten etwas von dem, was Möwenschnabels Willen anstrebte. Sie wußten, daß ihre Macht auf denselben Grundbalken stand wie die des Königs, und der Häuptling und der Priester Kokosbast vom zweiten Dorf sagte gleich: „Möwenschnabel wird jetzt unser König. Seine Lippen lassen nur Wahrheit aus seiner Seele.“
Möwenschnabel rief: „Wir müssen Donnermund Essen bringen.“
Hämisch und neidisch entgegnete der Häuptling Muschelkalk: „Donnermund ging über den Regenbogen heimwärts.“ Er schwoll an vor Zorn, daß er nicht auf den Einfall gekommen war. Er kicherte lauernd, biß eine Betelnuß an und sprühte den ersten herben Saft gewaltsam zwischen seinen breiten Lippen vor sich in die Dunkelheit. Dann biß er die Nuß und die Pfefferschote wie ein Menschenfresser und stopfte sich zehn Holzlöffel voll Kalk ins Maul, bis kein Platz mehr drin war und kaute und spuckte.
Niemand antwortete ihm.
Möwenschnabel sagte: „Bringt Kokosnüsse, Bananen und Taro! Ich bring’ dem Ohm im großen weißen Kanu Essen.“
Der Priester Kokosbast rief: „Bereitet euch zum Königsfest! Wir prügeln, wenn die Sonne dreimal stieg, den Häuptling Möwenschnabel zum König. Berührt zweimal zwischen Sonne und Sonne kein Weib!“
Durch alle Männer stieg wie eine befriedigte Wut die Lösung des schweren Tages, und sie schafften Kokosnüsse, Taro und Bananen herbei.
Möwenschnabel belud sich damit und ging geradeaus zwischen den Feuern in die Nacht hinein. Aber als er den Lichtkreis verlassen hatte, zerschlug er eine Nuß und spritzte den Saft über sich, und achtete sorgsam darauf, daß nichts auf den Weg fiel und von bösen Geistern gefunden werden konnte. Er war nun gefeit. Doch je mehr er sich dem Dorf Vater näherte, um so dunkler und ungewisser bestrahlte ihn die Macht Donnermunds, und er bückte sich erst, und als er das Boot in den Sternen leuchten sah, legte er sich nieder und kroch mit seiner Last weiter. Er schlüpfte hinter das verlassene Königshaus, wand sich zwischen den Hauspfosten durch, um den Hag herum und erreichte zwischen Bambusbüschen den Bereich des großen Baumes. Er sah das Boot schief auf dem wasserlosen Strand liegen, und nichts rührte sich, und die Sterne „zwei Leute“ leuchteten schon hoch, fern von ihrem östlichen Beginn, über den großen Baum. Da legte er sein Essen in den Sand und schlich zurück.
Und wie er dem Dorf Vater schon so fern war, daß er sich aufrichten und ruhig davongehen konnte, da sagte er sich: „Donnermund ist mein Ohm!“
* * * * *
Peter wachte bis tief in die Nacht hinein. Die Ebbe entführte das Wasser unter dem Boot und das Schiff legte sich schief. Er hatte daran gedacht, das Boot von Land zu stoßen und in die Nacht hinauszusegeln. Vielleicht fand er einen Platz, wo keine Dörfer waren. So sah er sich unerwartet gezwungen zu bleiben. Er rückte kaum auf seinem Sitz. Wie ein Sklavenvogt war der mächtige Wunsch zu leben hinter all seinen Sinnen her. Er schaute und horchte in die buschige Finsternis des Ufers hinein, das der Sternenglanz ungewiß bestrich. Es war ihm, als wöbe das feilende Schrillen der Grillen ein eisernes Netz über den Boden, und plötzliche, unsichtbare Flügelschläge schreckten ihn auf. Seine Haut war wie elektrisiert von der Spannung aller Nerven und empfand jede Änderung des Luftdruckes wie ein Quecksilber, und wenn die Müdigkeit doch Meister wurde, so schlug er hart mit den Knöcheln der Faust auf die Holzkante und der Schmerz erfrischte ihn auf Minuten. Wenn er so von neuem ganz erwachte, dann überströmte plötzlich das verschlungene leidenschaftliche Lärmen der Nachtinsekten seine Ohren, dann überfiel die unkenntliche, lebendige Krausheit der Nachttiefen seine spähenden Blicke wie ein wilder feindlicher Angriff ... bis seine abspannenden Sinne, sein müd gemartertes Gehirn sich wieder nach und nach von der Außenwelt zurückzuziehen begannen, all das undeutlich Furchtbare, Unerkenntliche sachte sich mäßigte und zu einem milden Wogen sich dämmte und zu Nichts verschwand. Einmal wachte er nicht wieder auf. Im Schlafen sank er um und rutschte langsam von der Bank lang hin auf den Boden.
Er schlief, bis das Tageslicht hell auf seine Lider drückte und sprang auf, entsetzt, todesgewiß und sah nichts als ein leeres Dorf zwischen Bäumen und auf dem Strand zwei Kokosnüsse, ein Bündel Bananen und einige Taroknollen. Da überlegte er sich: Es war einer dagewesen, der das gebracht hatte. Peter hatte ihn nicht gesehen. Also war der Wilde gekommen, während er schlief. Der Wilde hätte ihn töten können. Weshalb legte er ihm Nahrungsmittel hin statt dessen? Fürchtete man ihn und getraute man sich nicht, ihn hinzurichten? Die Speisen waren vergiftet worden, weil man sich fürchtete, ihn selbst im Schlaf zu berühren. Er ließ sie liegen. Er knackte den Zwieback und trank laues Wasser dazu, und die mächtige Sonne stieg in seinem Rücken hoch und strahlte übers Meer und brannte geil über die fette Insel.
Da drang auf einmal am Ufer zwischen den Häusern eine große Schar Schwarzer hervor. Sie waren alle mit Blumen und Blättern, Muscheln und Farben geschmückt und trugen keine Waffen. Sie kamen wie im Tanz heran, und Peter griff erschrocken nach dem Revolver. „Es ist eine Falle!“ sagte er sich. Die Schwarzen blieben hinter dem Hause des Königs stehen und einer kam aus ihnen heraus. Das war ein großer Mensch, mit einer gewölbten Brust, und er hatte einen fast sanften Kopf, auf dem sich die Frisur glänzend schwarz hochtürmte und wie eine Rokokohecke beschnitten war. Der kam wiegend heran, langsam und lächelnd. „Das ist eine Falle!“ sagte Peter und war unschlüssig. Der Schwarze rief: „Ohm Donnermund, ich bin der Häuptling Möwenschnabel und werde, wenn die Sonne sich zum drittenmal aus dem Osten hebt, zum König geprügelt ...“
Peter verstand nichts von seinen Worten. Er hörte nur: sie waren freundlich und sanft, und er war mißtrauisch und hielt den Revolver bereit. Er war entschlossen zu schießen, sobald der Schwarze die eine Baumwurzel erreicht hätte, die etwa dreimal so weit, wie das Boot lang war, sich aus dem Sande aufkrümmte. Und er schrie in seiner Erregung und der trotzigen Entschlossenheit: „Du schwarzer Laushund! Zurück! Ich schieße! Zurück!“
Und kaum hatte er ein Wort laut gesagt, so war Möwenschnabel wie ein Fisch schnellend zurückgesprungen und lief der großen geschmückten Schar zu, und die ganze Schar hatte kaum die Worte gehört, so warf sie sich herum, floh und brüllte: „Er ruft unsere Seelen aus dem Leibe.“ Alle tasteten sich entsetzt ab, ob sie nicht das furchtbare kleine Löchlein irgendwo verspürten. Als aber Möwenschnabel die Fliehenden erreichte, da kicherten sie im Davonlaufen und meckerten und machten: „Krr! krr!“ höhnisch und schadenfroh, und der Häuptling Muschelkalk zog Mund und Nase zusammen, daß sein Gesicht aussah wie zwei nebeneinandergeklebte schwarze, wellige Muscheln und feixte: „Der Ohm ist schlecht in der Laune. Krr! krr!“ Aber Möwenschnabel sagte nur großhin: „Er hat mir zugerufen, daß er den sieben Dörfern noch zürnt.“
An dem Tag kamen sie nicht zurück. Peter hatte bei einer genauen Durchsuchung des Bootes eine kleine Eisenkiste gefunden, die mit Signalraketen gefüllt war. Es waren fünfzehn Raketen. Er sagte sich: „Ich brenn’ sie ab. Drei an jedem Abend, eine jede eine Stunde nach der andern ...“ Aber welches Auge ging durch diese maßlose Abseitigkeit des Meers, um sie zu sehen? Er wußte, daß es nur Feuerwerk wäre, Sterne, die steigen und ersticken und sonst nichts sind. Er sah an der Stätte, wo die Menschen vorhin gestanden waren, ein Räuchlein aufsteigen und verließ zum erstenmal das Boot, um sich das Feuer zu holen. Es war brennender Bast. Er sammelte Holz und Bast und schürte am Strand ein Feuer und hielt sich’s bis zum Abend. Gequält umging er den Haufen frischer Nahrungsmittel, der noch immer im Sand lag. Er ließ sie, so sehr sie ihn lockten. An den Häusern standen nur hohe Palmen, deren Früchte er nicht erreichte, und er mißtraute denen, die am Boden lagen. Er knackte Zwieback. Das Wasser war warm und riechend geworden. Er wußte, in den beiden Nüssen liegt eine köstliche Quelle. Der große Baum warf in den Stunden um Mittag einen fetten Schatten über sein Boot; der Schatten umstieg ihn wie ein laufeuchtes Bad. Er zog Jacke und Hemd aus und die Luft rötete rasch seine blonde Haut. Er begann auch im seichten Wasser zu baden, als die Flut kam, und hätte gern einen Fisch gefangen und verbrachte mit zahllosen, kleinen, immer in die Nähe des Boots gebundenen Verrichtungen den Tag; die Augen hatte er nie vom Revolver abgewandt, die Sinne waren ununterbrochen aufs Sterben gerichtet, und es war ihm, als überströme ein tiefer Fluß sein klares Bewußtsein und als läge er auf dem Grund des grünen, schwerfließenden Wassers, und droben über der gläsernen, zähen Halbdurchsichtigkeit stand das Leben.
Die Menschen aus den sieben Dörfern am großen Wasser durchzogen ihre Siedlungen eine nach der andern. Sie wußten nicht, was sie tun sollten. Daß Donnermund kein unbedingt böser Geist war, das mußten sie sich sagen. Denn er ließ alle Seelen in den Körpern und behexte niemanden, und Möwenschnabel soll er zugerufen haben, er zürne noch wegen des Angriffs. So mochte es wohl sein. Und morgen zürne er nicht mehr, sang es in ihnen, denn die Kokosnüsse wuchsen rascher auf den Palmen und die Taros gediehen dicker. Die Bananen reiften zahlreicher, als der Mund sie brauchte ... Morgen zürnt Donnermund nicht mehr. Aber nehmen wir ihn nicht so in den Mund, sonst wird er immer wieder auf uns aufmerksam. Wir wollen ihm einen andern Namen geben, wenn wir von ihm sprachen. Sein Name sei Wolkenglanz. Denn seine Haut ist der Glanz der Wolken auf dem Rand des großen Wassers ... Und dann sprechen sie wollüstig über Wolkenglanz, der nun nicht mehr hörte, wenn ihr Mund bei ihm weilte, und ihre Bäuche waren unruhig stechend und voll von seiner Rätselhaftigkeit, seinem Ungewissen und Unbekannten.
Aber, als es dunkel geworden war, gingen die Männer langsam und vorsichtig zum Dorf Vater. Sie gingen durch den Wald und über das Dorf hinaus und dann an die Küste, und wie sie den Sand betraten, auf dem Ebbe war, und den großen Baum erkannten, da stieg unter dem Baum unversehens die Feuerschlange auf, bohrte sich heftig wie ein Pfeil schräg übers Meer hinan und stieg und stieg, und in die Eingeweide der Männer raste wie ein Speer der gewaltige Schrecken. Sie fielen hin und stammelten und schauten der wilden Feuerschlange entsetzt nach. Nichts war in ihnen, wie das große leere Entsetzen. Aber auf einmal verlöschte die Feuerschlange. Ihr Kopf neigte sich in der Finsternis und spaltete sich langsam und sacht in zehn große strahlende Sterne, die stärker leuchteten als die Sterne der Nacht und lange und mild droben auseinander segelten und auf andere Sterne niederglitten.
Da schauten sich die Männer des großen Wassers an und lachten: „Kch! Kch!“, feixten ein jeder mit sich und riefen: „Schön! Schön!“ und blieben im Sand sitzen, wundersam berührt, bis einer nach einer langen Weile sagte: „Wolkenglanz ist in der Feuerschlange zum großen Geist zurückgeflogen.“ Aber der hatte das kaum aus dem Mund, so stieg eine zweite Schlange hoch und säete sich sacht droben auseinander und pflanzte ihre blinkenden Kugeln auf die Sterne. Da rief Möwenschnabel mit starker Stimme: „Der Ohm macht Sterne!“
Und langsam wurde Pirath zu einem Gott.
Der Schiffbrüchige, Einsame machte nun jeden Abend Sterne. Jede Nacht, wenn die Sterne „Zwei Brüder“ weit von ihrem östlichen Aufgang standen und das Sternbild Schlange über den Rand des großen Wassers stieg, schlich Möwenschnabel mit Kokosnüssen, Bananen und Taro zum großen Baum und legte die Nahrungsmittel in den hellen Sand. Peter sah den neuen Haufen an jedem Morgen neben dem alten Haufen liegen, und wenn er seinen hölzernen Zwieback knackte, sagte er sich, nicht mehr so entschlossen: „Sie sind vergiftet.“ Die geschmückten Männer kamen jeden Morgen ins Dorf Vater, und Möwenschnabel trat jeden Morgen vor und Peter schrie, mit dem Revolver in der Hand. Aber er schrie jeden Morgen weniger heftig und weniger, und Möwenschnabel trat jeden Morgen weiter ans Schiff heran, und die Flucht wurde von Tag zu Tag weniger ungestüm ...
Eines Morgens lag der fünfte Haufen am Strand. Da glaubte Pirath, daß er sicher sei, und er faßte einen Entschluß. Als Möwenschnabel dem Boot entgegenkam, nahm Pirath den Revolver in die linke Hand, ließ den Schwarzen möglichst nahe herankommen und sprang plötzlich mit einem großen Satz auf ihn zu. Der Häuptling schnellte herum, die Männer warfen sich im wirren Haufen dem Wald entgegen. Möwenschnabel hetzte wie ein Kasuar dahin, aber mit seinen langen Beinen erreichte Peter ihn bald, griff in seinen hohen schönen Haarwuchs und riß ihn rückwärts zum Boot zurück. Die Männer hielten ihre Flucht an. Sie versteckten sich in die Bambusbüsche und lugten zwischen den Stangen hervor, was Wolkenglanz mit dem Häuptling machen wollte. Sie atmeten kaum. Sie dachten alle: Jetzt reißt er seinen Mund so groß auf wie sein Kanu und schlingt Möwenschnabel hinunter.
Als Peter mit dem Schwarzen bei den fünf Haufen angekommen war, nahm er eine Banane, riß sie auf und steckte sie dem Wilden ins Maul. Er machte dazu mit dem Mund die Bewegungen des Essens. Der Schwarze ließ im Sand kniend seine dummen dunkeln Augen in den gelblichen Scheiben hin und her zucken, wie gefangene wilde Tiere, die mit der Kette davonspringen wollen. Dann aß er die Banane. Peter schlug mit dem kleinen Beil eine Nuß auf. Der Schwarze trank ihren Saft und aß ihr Fleisch.
Und da klopfte Pirath ihm wohlwollend auf die Schulter und sagte: „Gut!“
Auf Kililiki war aber der Schulterschlag die feierliche Begrüßung des Gastgebers an seine Gäste, und kaum hatten die Eingebornen in den Bambusbüschen diese Zeremonie gesehen, so sprangen sie heraus und tanzten und brüllten glückselig und riefen: „Wolkenglanz ist der Ohm des Häuptlings.“ Und Peter sah Möwenschnabel auf einmal kindlich beglückt sich niederhocken. Die dummen schwarzen Augen leuchteten auf einmal kindlich fröhlich, und die rauhen schwarzen Hände strichen wie treue Hundepfoten über seinen Arm. Möwenschnabel brach eine Nuß auf und trank an, Peter nahm sie und trank weiter wie ein Marder an einem Hahnenhals; während Möwenschnabel eine andre aufbrach, verschlang Peter das Fleisch der ersten und nahm dem Schwarzen auch die zweite aus der Hand. Möwenschnabel aß dann eine dritte, und sie gingen zu den Bananen. Peter aß hastig. Alle Poren waren ihm offen nach frischer Nahrung. Möwenschnabel glaubte, mit ihm Schritt halten zu müssen, und sie verschlangen um die Wette Nüsse, Bananen und Taro. Währenddessen war die Schar der Wilden immer näher gekommen. Sie standen bald einige Schritte entfernt im Halbkreis um die Essenden und lachten und feixten, machten „Ö! Ö! Ö!“ Der Priester Kokosbast ging unter ihnen umher und sprach auf sie ein, und Möwenschnabel aß Bissen um Bissen Wolkenglanz nach; dann hatte Peter genug, und auch der Schwarze hielt sofort auf, grinste Wolkenglanz brüderlich an, streichelte mit den Hundepfoten über den Ärmel und stieß zwei Rülpser aus. Peter lachte: „Mahlzeit!“
Die Wilden erschraken und zuckten auf, um kehrtzumachen. Aber es kam nichts nach hinter dem einen Wort. Sie begriffen nun schon, daß er Wörter hatte, die Fangkraft über die Seele und Wörter, die das nicht besaßen. Sie lachten und grunzten und wollten alle das Wort nachsprechen und kamen dabei immer näher an Peter heran und faßten tollpatschig nach seinen Händen, nach seinen Backen, und die weiße Farbe ging nicht ab. Peter wich allmählich zum Boot zurück.
Da auf einmal war es, als ob ein toller Schrei tanzend durch alle Kehlen fuhr. Die Schwarzen sprangen, reckten die Arme und ließen sie wie Hämmer niedersausen, und Peter sah plötzlich, daß sie sich alle über seinen Eßkameraden herwarfen und auf ihn einzuschlagen begannen.
Die ganze Schar geriet in eine kreiselnde Bewegung. Bald stampften sie in regelmäßigen Schritten, die wie leiser Donner im Boden widerschollen, um den Liegenden herum, bald verwirrten sie den schwerfälligen Reigen zu einem chaotischen Brüllen und sprangen, und ein jeder schlug auf Möwenschnabel ein. Der saß mit einem Gesicht in dieser wilden Gärung, als ob ihn die Schläge nichts angingen. Sein Herz war zufrieden. Der Ohm hatte geholfen. Er wurde König. Er dachte weiter an nichts. Aber auf einmal sah er den Häuptling Muschelkalk auf sich zudringen. Das kleine, in der Breite gezweiteilte Gesicht seines alten Gegners war wild gefältet, und Möwenschnabel bemerkte, daß der andre einen Stein in der Hand hatte. Da stieß er unversehens, ehe Muschelkalk bis an ihn herankommen konnte, zwischen den andern Tanzenden mit dem Fuß gegen den Bauch des Häuptlings. Dieser brach stumm in sich zusammen. Er wurde aus dem Kreis geschleppt. Die Zeremonie ging weiter. Die kreiselnde Bewegung machte die Männer toll, und die uralte Gewohnheit dieses Festes steigerte mit ihrem geheimen geisterhaften Sinn den heiligen Wahnsinn. Möwenschnabel blutete schon aus mehreren Löchern im Kopf, und eine Schulter war aufgerissen. Die Priester der Dörfer schlugen auf Trommeln, die aus gehöhlten Baumstämmen bestanden, den Takt und sangen alte Psalmen, deren Worte keinen Sinn mehr hatten und deren ferne dumpfe Melodie das Blut in allen Adern aufwühlte und glühend machte.
Peter sah dem zwiespältig erregt zu. Es war ihm rasch klar, daß die Wilden irgendeine Sitte übten, und er hatte oft gelesen, daß diese Tänze die Blutgier entzündeten. Er sah sich wieder in Gefahr und verschanzte sich ins Boot. Aber niemand kümmerte sich um ihn. Dann schlugen die Trommeln fünf regelmäßige dunkle Schläge, und auf einmal hörte der Hexensabbat auf, und die Männer setzten sich lachend und kichernd auf den Boden, plauderten und schrien. Möwenschnabel erhob sich. Er blutete über und über. Er ging an Peter vorbei und schickte dem Ohm ein zufrieden lächelndes „Ö!“ zu. Dann stieg er ins Meer.