Piraths Insel

Part 27

Chapter 271,658 wordsPublic domain

Die Schnaken auch hatten sich drunten aus dem trägen Bach erhoben, der hinter den Häusern die Gärten durchfloß und dessen stinkige Faulheit von ihrer Blutgier hitzig belebt war. Aus der Dämmerung waren sie dorthin mit ihrem Raub von Menschenblut zurückgekehrt, und nun zog sie der Mond hinan, wie er alle Völker aus den Büschen, Gräsern, Steinen und Bäumen zog. Die Schnakenweiber schwärmten auf, die Ranzen gedunsen voll Menschenblut; mit den sechs langen Beinen im Flug durch die Luft rudernd, steuerten sie, den blutgefüllten Schlauch schwer, aber hitzig geradeaus, und als sie Peter überflogen, leuchtete das Blut ein wenig himbeerrot durch die Leiber durch. Die Männchen umfuhren sie tänzelnd im Aufwärtsdringen und wedelten erregt mit den großen Blättern ihrer Hörner. Eine jede Schnake hatte den Kopf klein und hart unterm Nacken niedergebeugt wie zum Stoß. Der Saugrüssel stieg steil geradeaus aus ihm, die Fühlhaare waren fest und geil angepreßt, und er stieß heftig vor in den Zauber des Mondlichtes wie eine Bohrmaschine.

Da fliegt das Blut Tillas und das Blut des Sängers! sahen die Augen Peters. Das gestohlene Blut! Und Tilla wird mit ihren marmornen braunen Fingern jetzt an den Knöchel oder seitwärts ans Knie greifen, wo sie angezapft wurde. Und der Sänger wird über sie hergehen. Und Hermann ist arm und fern und unglückselig. Peters Augen flossen über, verdehnten sich, waren auf einmal Teiche, die in ihm quollen und wie Seen über die Welt her sich verbreiteten.

Und es kamen noch hinter den Bluträubern die schönen Kotbienen, die wie Tiger so schön sind, schwarz und gelb beringt, und die wie Maschinen im Flug auf der Luft stehenbleiben können und die doch verrufen sind, weil sie von Gestank und Fäkalien leben.

Aber auch sie hörten Peter nicht an, als er rief: „He, ihr! Ihr wenigstens, nehmt mich mit! Kililiki, Kililiki!“ Sie schnitten in der Luft übereinander hin wie Torpedos, blieben plötzlich im rasenden Geradeaus übereinander stehen und schossen dann in sich hinein wie Kugeln und schnitten hart wie Stahlschneiden von hinten schräg aufwärts in die andern Völker, die in dichten langen Schwärmen dem Molochmaul über dem Anninger zuflogen. Peter sah, wie der weite unübersehbare Schwarm, der trotz der Massen nur zart in die Nacht leuchtete wie ein verschwimmender Rauch sich hoch und höher zog und fast wie eine Brücke aus braunem Reif von der Erdenhöhe zum Mond ging. Die getigerten Torpedos überrannten von hinten alle Schwärme. Die Schnaken wollten heftig vor ihnen davonstoßen. Aber es war zu spät. Sie sanken getötet durch das lächelnde Licht des Mondes. Aus den Schwärmen der Motten flatterte der Staub verzweifelt auf. Der Mond lachte kalt, dumm und geil und ewig wie Kililiki. Er war Kililiki. Er riß sich weit auf und die Insekten strebten ihm bebend und totgeweiht zu. Ihre Brut schwebte schon auf die Erde nieder. Ihr Leben war daran, sich in ihrem Tode zu erfüllen. Die zarten Dreischwänze waren vom Wind, der sich über den Bergrücken aufwarf, erdrückt worden und gingen wie ein braungepunkteter Schnee wieder auf die Erde nieder, ein Schnee von Leichen, die befruchtet waren. Das Volk „Grüne Braut“ wurde von den Motten überrannt, die Motten zwischen den Scharen der erregten Schmetterlinge erdrückt, und die Schmetterlinge, eingeschlossen in die zusammenpressenden Netze der Schnaken, schlugen nur mehr schwer mit den Flügeln und sanken scharenweise zu Tode ermattet aus den Höhen, und alle Tiere, die der grünen neuen Welt, die leuchtend über die Erde stieg, zustrebten, waren dem Tod verfallen. Sie gingen volkweise unter. Sie waren Völker und Zeiten, sie waren Gestirne, und die Atmosphäre der Ewigkeit, die zwischen Erde und Mond lag, zerstörte sie.

Diesen Krieg sah und erlebte Peter Pirath.

Der Vollmond stieg den sich mächtig hebenden Bergrücken steil entlang. Er stieg über den Anninger wie einst über die Insel im Stillen Ozean. Bestand sie noch? Sie bestand nicht mehr, seitdem Peter unterging. Unterging wie die Welten der prismenäugigen Nachttiere. Die Fieber schwangen sich durch Peters Adern und zielten nach der Quelle des Bluts. Er sah in sich die Malariatierchen wie Milliardenheere über seine roten Blutkörperchen einstürzen, sie zerstören und verschlingen und unwiderstehliche Artillerien weiter auf die Festung im Mittelpunkt seines Landes zurasen, auf die rote mürbe Herzfestung, die soviel Leben erlebt hatte. Und dann nahmen die Scharen plötzlich das Gesicht des Sängers an, das blasse, feiste Gesicht; er öffnete sein großes, schwarzes Maul und schlang und schlang von Peters Blut, daß seine Mundwinkel wie Stromfälle troffen, bis die schöne Schwägerin Tilla, die nebenan stand, sagte: „Unser Robinson spritzt sein Blut dahin!“ Und dann schlug der Sänger rasch sein Nußknackerkinn zu, und stieg, die Hand um den hohen Frauenbusen pressend, Amfortas singend, mit dem Weib in die Wälder. Die Fieber zogen zuhauf in Peter, wie die Insekten nach dem Mond gezogen waren, wie die Wünsche und Erinnerungen an Kililiki zu seiner Seele strömten. Er harrte der Erlösung, so wie er einst, wenn die Fieber wichen, den Eingeborenen die schweren süßen Worte der Verbrüderung ins Blut senkte ... Es rasten Erkenntnisse durch ihn statt der Erlösung. Erkenntnisse wie auf Kililiki so roh natürlich, so gewaltsam selbstverständlich. Blutzusammenhänge von Entwicklungen und Geschehnissen aus seinem Leben und seinem Untergang. Er rief:

„Erbarmen! Erbarmen! Mir Armen! Mir Armen!“

Nachtvögel strichen über ihn, tief und heftig sich aus der grünen Dunkelheit auf ihn niederschleudernd. War es denn noch wahr, daß er die Völker der Insekten nach dem Mond streben und sterben gesehen hatte? Wo war der Mond? Er stand wohl schon hinterm Berg. Sahen seine Augen nicht mehr? Erbarmen! Erbarmen! Sein Herz ging wohl noch. Dann auf einmal schlug es wie ein Tennisball ins auffangende Netz. Äh! äh! Ich komm’ nicht mehr heraus. Das Strickgewirr der Maschen umsaugt mich. Äh! äh! erstickt mich ... rief das Herz. Der ewige Reif stieg kalt aus Peters Blut auf die entsetzten Gewölbe seiner Augen. Und da der Mond versunken war, konnte die Venus über die Hochebene leuchten. Im bleiernen Glanz der zwei erstorben aufwärts gerichteten Augkugeln blieb sie mit einem kleinen blitzenden Widerschein stehen, kalt und hart. Robinson war tot.

Ende

Werke

von

Norbert Jacques

+Funchal.+ Eine Geschichte der Sehnsucht. Zweite Auflage. Geheftet 2 Mark, in Leinen 3 Mark.

+Der Hafen.+ Roman. Gebunden 1 Mark, in Leinen 1 Mark 25 Pf.

+Heiße Städte.+ Eine Reise nach Brasilien. Zweite Auflage. Geheftet 3 Mark, in Leinen 4 Mark.

+London und Paris im Krieg.+ Erlebnisse auf Reisen durch England und Frankreich in Kriegszeit. Siebzehnte Auflage. Geheftet 1 Mark 50 Pf., Pappband 2 Mark.

+Die Flüchtlinge.+ Von einer Reise durch Holland hinter die belgische Front. Gebunden 1 Mark.

+In der Schwarmlinie des österreichisch-ungarischen Bundesgenossen.+ Dritte Auflage. Geheftet 1 Mark, in Leinen 3 Mark.

Funchal

Eine Geschichte der Sehnsucht

Von der Sehnsucht des Menschen nach der unendlichen Ferne, von der Sehnsucht nach dem +einen+ Menschen erzählt dieses Buch. Aus zwei Erlebnissen, die sich in der Grundstimmung finden, ist es herausgewachsen. Dasselbe Gefühl der Sehnsucht läßt den Findling Tho wandern und wandern, vorüber an den weißen Bergen hin nach der Stelle, wo der Himmel die Erde berührt, läßt den Künstler träumen von der unbeschreiblichen Schönheit von Thos Tochter. Tho findet nicht Funchal, das Ziel seiner Wanderung, und resigniert; das habsüchtige Meer erfaßt das braune, schöne Mädchen und zieht es hinab und läßt dem Künstler nur den schlanken Bornholmer Granit, um daraus das Bild der Geliebten zu formen: süß betörend, errettend. — Norbert Jacques schreibt seinen eigenen Stil. Etwas Schweres, Erdrückendes liegt in ihm. Die Fülle überraschender Bilder erinnert an Gottfried Keller, an den die Sprache überhaupt gemahnt. Und es scheint mir kein Zufall, daß die Schweiz das zweite Vaterland des Dichters geworden ist: seine Verwandtschaft mit den großen Schweizer Poeten, von Keller bis zu Hesse und Walser, ist unverkennbar.

(Berner Rundschau)

Der Hafen

„Der Hafen“ ist nicht nur ein wilder Abenteuerroman, sondern vor allem auch eine Dichtung, welche die Erziehung und Entwickelung eines jungen leichtsinnigen Schülers zu einem pflichtbewußten Menschen darstellen soll. Baptist Biver, der Held des Buches, flieht kurz vor seinem Schulexamen aus dem Hause des ihn nicht verstehenden Vaters; er zieht mit italienischen Musikanten von Ort zu Ort, bis ihn der Dolchstoß eines eifersüchtigen Liebhabers niederstreckt. Er sucht in den Armen von Dirnen seine Seelenruhe, lügt und stiehlt und findet endlich den Hafen seines Lebens in dem Gedanken an die große soziale Arbeit des deutschen Volkes. Der Roman legt Zeugnis ab von der großen Kraft eines werdenden Dichters. Mit außerordentlicher Anschaulichkeit sind die Menschen dieses Buches gesehen und gezeichnet, mit einem einzigen Strich sind einzelne Gestalten so scharf umrissen, daß wir sie nie mehr vergessen können. Neben Ausgeburten einer wilden, allzu jugendlichen Phantasie stehen in dem Werk vereinzelte Szenen voll tiefstem Stimmungsgehalt, voll echtester Lyrik. Hier erklingt ein leiser Ton, der an den Dichter des „Funchal“ von fern gemahnt. In seiner Geschichte der Sehnsucht hatte uns Norbert Jacques hineinschauen lassen in die letzten Tiefen seines Seelenlebens. In dem neuen Buche tritt er vor uns hin als der Realist, der mit offenen, grausamen Augen hineinblickt in die Wirklichkeit.

(Berliner Tageblatt)

Heiße Städte

Die Reise Norbert Jacques’ nach brasilianischen Städten unterscheidet sich von all diesen Fahrten durch zweierlei: durch das reine, von keinerlei spekulativer Voreingenommenheit getrübte Sehnsuchtsgefühl, von dem er sich in die Weite, neuen Bildern und Erlebnissen entgegen tragen läßt, dann durch das starke Heimatsgefühl, das ihn stets davon zurückhält, sich ganz an den fremden Eindruck zu verlieren. Diesen Eindruck trachtet er kritiklos, mit völliger Hingabe an seine Reise und mit der möglichst stärksten Intensität wiederzugeben, und dank einer hochentwickelten, suggestiven Kraft dichterisch beschwingter Schilderung gelingen ihm zuweilen breit hingeworfene Freskobilder von leuchtender Frische und überzeugender Lebensechtheit. So namentlich das der Kaffeestadt Santos, von Serra do Mar und das der Reise nach dem Serra do Mirrador, dem Berge der Wunder. Auch rein inhaltlich genommen, wird man das Buch angeregt und gefesselt lesen. Neue, ganz unbekannte Kultur- und Unkulturwelten tun sich auf, seltsame Mischbezirke von europäischem Unternehmergeist und halb orientalisch anmutender Verkommenheit, dazwischen bizarre und auch tragische Aspekte auf seltsame Schicksale, wie sie sich nur an diesen gesegneten und dennoch just von den Erntenden verfluchten Küsten erfüllen können.

(Pester Lloyd)

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig