Pilgerreise zur seligen Ewigkeit
Part 9
+Christ.+ Gewiß ist dies zweierlei, so verschieden auch Seele und Leib voneinander sind. Denn gleichwie der Leib ohne die Seele nur ein toter Körper ist, so gibt auch dem Reden allein das +Tun+ die Kraft und das Wesen. Die Seele des Christentums offenbart sich in der Ausübung desselben. „+Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich von der Welt unbefleckt erhalten+“ (Jak. 1, 27). Darauf achtet +Schwätzer+ nicht; hören und reden, meint er, macht einen guten Christen, und so betrügt er seine eigene Seele. Das Hören gleicht dem ausgestreuten Samen, und über religiöse Dinge reden können, ist kein Beweis dafür, daß in Wahrheit Früchte im Herzen und im Leben sind[89]. Laß es uns tief zu Herzen nehmen, daß die Menschen am Tag der Rechenschaft nach ihren Werken gerichtet werden. Es wird nicht gefragt werden: „Was habt ihr geglaubt? Was habt ihr geredet?“ sondern: „Seid ihr Täter des Wortes gewesen?“ Und danach wird das Urteil gefällt. Das Ende der Welt wird mit einer Ernte verglichen, und du weißt, daß man in der Ernte nichts andres als Früchte erwartet[90]. Nicht als könnte Gott etwas wohlgefallen, was nicht aus dem Glauben kommt; ich will nur zeigen, wie völlig bedeutungslos das Bekenntnis eines +Schwätzers+ an jenem Tag sein wird.
+Getreu.+ Das erinnert mich daran, was Mose von den reinen und unreinen Tieren sagt: „Alles, was die Klauen spaltet und wiederkäut unter den Tieren, das sollt ihr essen. Was aber wiederkäut und hat Klauen und spaltet sie doch nicht, das ist euch unrein, und ihr sollt’s nicht essen“ (3. Mos. 11, 3. 4; 5. Mos. 14, 6 ff.). Der Hase käut wieder, ist aber gleichwohl unrein, denn er spaltet die Klauen nicht -- ein treffendes Abbild eines +Schwätzers+. Er käut wieder, d. h. er sammelt sich einige Kenntnisse auf religiösem Gebiet, um sie in seinen Reden wiederzugeben; aber er spaltet die Klauen nicht: er scheidet sich nicht von dem Weg der Sünder, sondern er bleibt unrein wie der Hase, dessen Fuß dem eines Hundes oder Bären gleicht.
+Christ.+ Du hast meines Erachtens das rechte evangelische Verständnis von diesem Text. Laß mich noch etwas hinzufügen. Paulus nennt einen solchen Menschen ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle (1. Kor. 13, 1), das sind, wie er es an einem andern Ort erklärt (1. Kor. 14, 7), Dinge, die einen Laut von sich geben und doch nicht leben; das will sagen: ein solcher Mensch ist ohne wahren Glauben, ohne die Gnade des Evangeliums; er wird deshalb auch nicht in das Himmelreich unter die Kinder des Lebens aufgenommen, und wenn er gleich mit Engelzungen redete.
+Getreu.+ So gern ich anfangs mit ihm sprach, so müde bin ich jetzt seiner geworden. Wie kommen wir von ihm los?
+Christ.+ Tue, was ich dir jetzt sage, und du wirst sehen, daß er deine Gesellschaft bald satt hat, es sei denn, Gott rühre sein Herz und wandle es um.
+Getreu.+ Nun, was soll ich denn tun?
+Christ.+ Gehe zu ihm und fang ein ernstes Gespräch mit ihm an über die Kraft der Gottseligkeit und frage ihn geradezu, wenn er eingewilligt hat -- und das wird er ohne weiteres tun -- ob sich die Gottseligkeit auch in seinem Herzen, in seinem Hause und in seinem Wandel finde.
+Getreu+ wendete sich nun wieder an den +Schwätzer+ und sprach zu ihm: „Nun, wie geht es dir?“
+Schwätzer.+ Ich danke, recht wohl. Wir hätten in dieser Zeit ein langes Gespräch führen können.
+Getreu.+ Willst du, so können wir jetzt ein Gespräch beginnen, und wenn ich den Gegenstand vorschlagen darf, so möchte ich die Frage aufwerfen: Wie offenbart sich das Werk der seligmachenden Gnade Gottes im Herzen der Menschen?
+Schwätzer.+ Wir haben also, wie ich sehe, von der Kraft einer Sache zu reden. Gewiß, eine sehr gute Frage, die ich gern beantworten will. Ich will die Sache kurz so fassen: Erstens, wo die Gnade Gottes im Herzen ist, da erhebt sich ein großes Geschrei gegen die Sünde. Zweitens --
+Getreu.+ Ich bitte, laß uns eins nach dem andern erwägen. Es scheint mir richtiger, wenn man sagt: Da erhebt sich in der Seele ein großer Abscheu vor der Sünde.
+Schwätzer.+ Ei, was ist denn für ein Unterschied zwischen einem großen Geschrei gegen die Sünde und einem großen Abscheu davor?
+Getreu.+ O ein sehr großer! Es kann ein Mensch wohl aus bloßer Weltklugheit gegen die Sünde viel Redens machen; verabscheuen aber kann er sie nur durch die Kraft der göttlichen Gnade. Ich habe gar manchen schon von der Kanzel herab gegen die Sünde schreien hören, die er aber nichtsdestoweniger in seinem Herzen, in seinem Hause und in seinem Wandel sehr wohl duldete. Josephs Gebieterin schrie mit lauter Stimme, als wäre sie sehr heilig; und doch war sie eine Ehebrecherin. Manche schreien wider die Sünde, wie eine Mutter, die ihr Kind auf dem Schoß wegen seiner Unart schilt und es dann sogleich wieder herzt und küßt.
+Schwätzer.+ Du liegst auf der Lauer, das merke ich wohl.
+Getreu.+ O nein, ich will nur die Sachen ins rechte Licht stellen. Was aber war die zweite Äußerung der Gnade, von der du reden wolltest?
+Schwätzer.+ Große Erkenntnis der Geheimnisse des Evangeliums.
+Getreu.+ Dieses Kennzeichen hättest du zuerst nennen sollen, aber auch dann wäre es falsch gewesen; denn Erkenntnis, ja große Erkenntnis in den Geheimnissen des Evangeliums kann man erlangen, ohne daß deshalb ein Werk der Gnade in der Seele sein müßte. Ja, man kann alle Erkenntnis haben und doch nichts sein und mithin auch kein Kind Gottes (1. Kor. 13, 2). Als Christus Seine Jünger gefragt hatte: „Habt ihr dies verstanden?“ und sie antworteten: „Ja,“ da fügte Er hinzu: „+So ihr solches wisset, selig seid ihr, so ihr’s tut+“ (Joh. 13, 12. 17). Er legt den Segen nicht auf das Wissen, sondern auf das Tun. Es gibt eine Erkenntnis, die nicht von der Tat begleitet wird; es gibt Knechte, die ihres Herrn Willen wissen und nicht danach tun (Luk. 12, 47). Es mag einer Erkenntnis haben wie ein Engel, ohne doch deshalb ein Christ zu sein. Darum ist dein Kennzeichen falsch. Das Wissen gefällt Schwätzern und Prahlern; das Tun gefällt Gott. Nicht als könnte ein Herz ohne die Gnade gut sein, ohne die es immer verfinstert bleibt; aber es gibt eben zweierlei Erkenntnis. Es gibt eine Erkenntnis, die in bloßer äußerer Betrachtung besteht, und eine Erkenntnis, die von Gnade, Glaube und Liebe begleitet ist, wodurch der Mensch getrieben wird, den Willen Gottes von Herzen zu tun. Die erste genügt dem Schwätzer, der wahre Christ gibt sich ohne die andre nicht zufrieden. Seine Bitte ist: „+Unterweise mich, daß ich bewahre Dein Gesetz und halte es von ganzem Herzen!+“ (Ps. 11, 34.)
+Schwätzer.+ Du liegst schon wieder auf der Lauer, das dient nicht zur Erbauung.
+Getreu.+ So gib ein andres Kennzeichen der Gnade an!
+Schwätzer.+ Nein, ich sehe, wir stimmen doch nicht miteinander überein.
+Getreu.+ Gut, so will ich ein Zeichen angeben.
+Schwätzer.+ Das steht dir frei.
+Getreu.+ Das Werk der Gnade im Herzen offenbart sich dem, der es an sich selbst erfährt, und denen, die um ihn sind. Wer es an sich selbst erfährt, dem offenbart es sich so: Er kommt dadurch zur Erkenntnis der Sünde, besonders der Unreinheit seines ganzen Wesens[91]; er erkennt die Sünde des Unglaubens[92], die ihn allein schon verdammen müßte[93], wenn er nicht Gnade bei Gott findet durch den Glauben an Jesus Christus. Diese Überzeugung und dieses Gefühl erweckt in ihm Traurigkeit und Scham über die Sünde. Aber nun wird der Seligmacher der Welt seiner Seele geoffenbart[94], sowie die Notwendigkeit einer Vereinigung mit Ihm für das ganze Leben[95]; es regt sich ein Hungern und Dürsten nach Ihm, das eine große Verheißung hat[96]. So stark nun sein Glaube an seinen Heiland ist, so stark ist seine Freude, sein Friede, seine Liebe zur Heiligung, so stark das Verlangen, Ihn noch mehr kennenzulernen und Ihm zu dienen in dieser Welt. Aber dennoch ist der Mensch selten fähig, das Werk der Gnade in sich selbst zu erkennen, teils wegen der noch anklebenden Sünde, teils weil die Augen des Gemüts noch nicht das rechte Licht haben. Deswegen wird bei dem, der solches Werk in sich hat, ein sehr gesundes Urteil erfordert, ehe er fest und sicher schließen kann, daß dies ein Werk der Gnade ist.
Bei andern offenbart es sich zuerst durch ein solches Bekenntnis des Glaubens an Christus, dem man es ansieht, daß es aus eigener Erfahrung kommt; dann durch ein Leben, das dem Bekenntnis gemäß ist, nämlich durch einen heiligen Wandel in der Welt, der sich als Frucht seines geheiligten Herzens ebenso in seinem Hause wie auch überhaupt im Umgang mit andern Menschen erweist, so daß man die Sünde und sich selbst um der Sünde willen im Herzen verabscheut, sie in seiner Familie unterdrückt und Gerechtigkeit in der Welt zu fördern sucht, und zwar nicht durch bloßes Sprechen, wie ein Heuchler und Schwätzer tut, sondern indem man im Glauben und in der Liebe sich der Herrschaft des göttlichen Wortes willig unterwirft[97]. Hast du etwas zu dieser kurzen Beschreibung des Gnadenwerks und seiner Offenbarung einzuwenden, so sage es; wo nicht, so erlaube mir eine zweite Frage.
+Schwätzer.+ Meine Sache ist jetzt nicht, zu tadeln, sondern zu hören; ich erwarte deine zweite Frage.
+Getreu.+ Hast du das, was in dem ersten Teil beschrieben wurde, an dir selbst erfahren, und gibt dein Wandel Zeugnis davon? Oder steht dein Christentum nur in Worten und auf der Zunge und nicht in der Tat und in der Wahrheit? Willst du mir darauf antworten, so sage nicht mehr -- ich bitte dich --, als wozu Gott im Himmel amen sagen und was dein Gewissen rechtfertigen kann. „Denn darum ist einer nicht tüchtig, daß er sich selbst lobt, sondern daß ihn der Herr lobt“ (2. Kor. 10, 18). Dazu ist es eine große Gottlosigkeit, dich für einen Christen auszugeben, wenn dein Leben und alle deine Nachbarn dich Lügen strafen.
Bei dieser Frage errötete der +Schwätzer+; er faßte sich aber wieder und sagte: Du kommst jetzt auf Erfahrung, auf Gewissen und auf Gott selbst; ich muß dir gestehen: diese Wendung des Gesprächs ist mir unerwartet; du willst mich wie ein Kind ausfragen, aber ich fühle mich durchaus nicht aufgelegt, auf solche Fragen zu antworten, und ich kann dich nicht als meinen Richter anerkennen. Aber sage mir doch, wie kommst du dazu, solche Fragen an mich zu richten?
+Getreu.+ Weil ich sehe, daß du nichts hast als einiges Wissen. Aber ich will die volle Wahrheit sagen: ich habe gehört, daß dein ganzes Christentum im Schwatzen besteht und daß dein ganzer Wandel das Bekenntnis deines Mundes Lügen straft. Man sagt, daß du ein Schandfleck unter den Christen bist, daß du dem Christentum durch deinen ungöttlichen Wandel schadest, daß du schon manchen durch dein gottloses Wesen verführt hast und ihrer noch mehr in gleicher Gefahr stehen. Dein Christentum vertrage sich auch ganz gut mit Saufgelagen, Geiz, Unzucht, Schwören und Lügen und schlechter Gesellschaft. Das Sprichwort, daß eine Hure aller Frauen Schandfleck ist, paßt auf dich: Du bist ein Schandfleck aller Gläubigen!
+Schwätzer.+ Da du auf Gerüchte merkst und so rasch einen aburteilst, so muß ich dich für einen grämlichen, trübsinnigen Menschen halten, mit dem man nicht reden kann, und darum: Lebe wohl!
„Sagte ich es dir nicht voraus?“ sprach +Christ+, indem er zu +Getreu+ trat, „deine Worte und seine Gelüste konnten nicht zusammen stimmen. Er hat lieber deine Gesellschaft als sein sündliches Leben verlassen. Laß ihn gehen; den Schaden trägt er selber davon. Er hat es uns erspart, uns von ihm loszusagen, denn bleibt er, wie er jetzt ist, so wäre er nur ein Schandfleck für uns gewesen, und der Apostel sagt: ›+Tue dich von solchen!+‹“ (1. Tim. 6, 5)
+Getreu.+ Ich bin doch froh, daß ich dieses Gespräch mit ihm hatte. Ich habe ihm offen und ohne Rückhalt die Wahrheit gesagt, vielleicht denkt er doch einmal daran zurück, wo nicht, so bin ich wenigstens rein von seinem Blut.
+Christ.+ Du hast wohlgetan, daß du so deutlich mit ihm sprachst. Dieser Offenheit bedient man sich in unsern Tagen nur zu selten, und deshalb sind viele Menschen gegen das Christentum so widrig gesinnt. Denn eben diese schwatzhaften Toren, deren Leben von ihrem Bekenntnis so sehr absticht, sind es, welche, in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen, der Welt ein Ärgernis geben, auf das Volk Gottes Schande bringen und die Aufrichtigen betrüben. Möchte nur jeder gegen solche Schwätzer so vorgehen! Entweder sie fingen ein Leben an, wie es sich für Christen ziemt, oder es würde ihnen in der Gemeinschaft der Heiligen der Boden unter den Füßen brennen, daß sie es in deren Mitte nicht mehr länger aushielten.
Hierauf stimmte +Getreu+ ein Lied an und sang:
Mein Gott, ach lehre mich erkennen Den Selbstbetrug und Heuchelschein, Nach Christi Namen mich zu nennen Und doch nicht Christi Glied zu sein! Ach, wirk in mir zu Deinem Ruhm, Mein Gott, das wahre Christentum!
Hilf, daß ich Dir allein ergeben, Der Sünde abgestorben sei; Laß mich mir sterben, Dir nur leben, Und mach in mir, Herr, alles neu! Ach, wirk in mir zu Deinem Ruhm, Mein Gott, das wahre Christentum!
Fußnoten:
[84] Also spricht der Herr: Sie sollen zum Fluch, zum Wunder, zum Hohn und zum Spott werden, darum daß sie Meinen Worten nicht gehorchen (Jer. 29, 17-19).
[85] Joseph sprach zu der Versucherin: Wie sollte ich denn ein solch großes Übel tun und wider Gott sündigen? und er gehorchte ihr nicht, sondern floh und lief zum Haus hinaus (1. Mos. 39, 7-12).
[86] Sehet an, liebe Brüder, eure Berufung: nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen, sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt (1. Kor., 26. 27).
[87] Dieser Welt Weisheit ist Torheit bei Gott (1. Kor. 3, 19).
[88] Wer sich Mein und Meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, des wird sich auch des Menschen Sohn schämen, wenn Er kommen wird in der Herrlichkeit Seines Vaters mit den heiligen Engeln (Mark. 8, 38).
[89] Das aber in das gute Land gesät ist, das ist, wenn jemand das Wort hört und versteht es und dann auch Frucht bringt (Matth. 13, 23).
[90] Um der Ernte Zeit will Ich zu den Schnittern sagen: Sammelt das Unkraut, daß man es verbrenne; aber den Weizen sammelt Mir in Meine Scheuer. Die Ernte ist das Ende der Welt (Matth. 13, 30. 39).
[91] Ich elender Mensch! wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes? (Röm. 7, 24.)
[92] Er wird die Welt strafen um die Sünde, daß sie nicht glauben an Mich (Joh. 16, 9).
[93] Wer nicht glaubt, der wird verdammt werden (Mark. 16, 16).
[94] Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden (Apostelg. 4, 12).
[95] Ich will Mich mit dir verloben in Ewigkeit (Hos. 2, 21) und: Ich lebe aber; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir (Gal. 2, 20).
[96] Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden (Matth. 5, 6) und Ich will dem Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst (Offenb. 21, 6).
[97] Liebet ihr Mich, so haltet Meine Gebote (Joh. 14, 15).
Sechstes Kapitel.
Der Markt der Eitelkeit und die Treue bis in den Tod.
Fröhlich wanderten die Pilger ihres Weges weiter. Sie kamen nun durch eine Wildnis, deren Öde sie jedoch über ihrem brüderlichen Gespräch fast vergaßen. Gegen das Ende dieser wüsten Gegend rief +Getreu+: „O wer kommt denn dort?“ +Christ+ wandte sich um und sprach: „Das ist ja der +Evangelist+, mein treuer Freund!“ -- „Auch mein lieber Freund,“ versetzte +Getreu+, „denn er war es, der mich zur engen Pforte hinwies.“ In kurzem hatte sie der +Evangelist+ erreicht und grüßte sie: „Friede sei mit euch, meine Geliebten!“
„Willkommen, willkommen, mein lieber +Evangelist+!“ rief +Christ+ mit großer Freude. „O wie treu, wie unermüdlich hast du für mein ewiges Wohl gesorgt!“
„Tausendmal willkommen!“ rief +Getreu+, „wie herrlich ist es für arme Pilgrime, wenn sie mit dir pilgern können, du lieber +Evangelist+!“
„Wie ist es euch in dieser Zeit ergangen, meine Freunde? Was ist euch alles begegnet, und wie habt ihr euch verhalten?“ fragte der +Evangelist+.
Sie erzählten ihm alles, was ihnen begegnet war und unter welchen Gefahren sie diese Gegend erreicht hatten.
„Ich freue mich sehr,“ sprach der +Evangelist+, „nicht daß ihr mit so vielen Versuchungen zu kämpfen hattet, sondern daß ihr als Sieger bestanden seid, und daß ihr, ungeachtet mancher Schwachheit, euren Weg bis auf diesen Tag fortgesetzt habt. Ja, ich freue mich sehr um meinet-, sowie um euretwillen. Ich habe gesät, und ihr habt geschnitten, und es kommt der Tag, daß, wenn anders ihr beharrt bis ans Ende, beide, +der da sät und der da schneidet, sich miteinander freuen werden+ (Joh. 4, 36); +denn zu seiner Zeit werdet ihr ernten, so ihr nicht müde werdet+ (Gal. 6, 9). Die Krone wird euch vorgehalten; die unverwelkliche Krone des Lebens; +so laufet nun also, daß ihr sie ergreifet+! (1. Kor. 9, 24.) Manche treten in die Laufbahn, und nachdem sie eine Weile gelaufen, kommt ein andrer ihnen zuvor und nimmt ihre Krone hinweg. +Haltet+ darum, +was ihr habt, daß niemand eure Krone nehme+! (Offenb. 3, 11.) Noch habt ihr den Kampf mit dem Argen nicht ausgekämpft; +ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden in dem Kämpfen wider die Sünde+ (Hebr. 12, 4). Laßt das Himmelreich euch immer vor Augen sein und glaubt festiglich an die unsichtbaren Dinge! Laßt nichts von alledem, was von dieser Welt ist, bei euch Eingang finden! Vor allem wachet wohl über euer eigenes Herz und seine Begierden, denn das Herz ist ein trotziges und verzagtes Ding. Macht euer Angesicht wie einen Kieselstein; denn alle Gewalt im Himmel und auf Erden steht euch zur Seite.“
+Christ+ dankte für diese Ermunterung. „Wie würden wir uns freuen,“ sprach er, „wenn du uns auf unserm Weg auch fernerhin behilflich sein würdest und uns zusprächest; und weil du, wie wir wohl wissen, ein Prophet bist, so sage uns doch, was für Gefahren uns noch bevorstehen und wie wir sie überwinden können!“ +Getreu+ stimmte von ganzem diese Bitte ein, und der +Evangelist+ sprach zu ihnen:
„Meine Söhne, ihr wißt aus dem Wort der Wahrheit des Evangeliums, +daß ihr durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen müßt+ (Apostelg. 14, 22) und daß Bande und Trübsal allerorten euer warten (Apostelg. 20, 23). Darum dürft ihr nicht erwarten, daß ihr auf eurem Pilgerweg lang ohne Trübsal irgendeiner Art bleiben werdet. Ihr habt bereits die Wahrheit dieser Zeugnisse erfahren, und es wird sogleich noch mehr folgen. Ihr seid beinahe aus dieser Wildnis heraus und werdet nun in eine Stadt kommen, wo die Feinde euch sehr bedrängen, ja euch nach dem Leben stehen werden, und ohne Zweifel wird wenigstens einer von euch das Bekenntnis dessen, an dem ihr haltet, mit seinem Blut besiegeln; aber +seid getreu bis an den Tod, so wird der König euch die Krone des Lebens geben+ (Offenb. 2, 10). Welcher von euch beiden hier stirbt, wenn auch eines gewaltsamen Todes und vielleicht unter furchtbaren Qualen, dem ist doch das bessere Los zugefallen als seinem Gefährten, denn er darf eher in die himmlische Stadt eingehen und entgeht vielen Gefahren, die dem andern bevorstehen. Wenn ihr nun dermaleinst in die Stadt kommt und sich an euch erfüllt, was ich euch zuvor gesagt, so gedenkt an euren Freund! Seid nun männlich und seid stark und befehlet Gott eure Seelen als dem treuen Schöpfer in guten Werken!“ (1. Petr. 4, 19.)
Ich sah in meinem Traum, daß sich, sobald sie am Ende der Wüste waren, vor ihnen eine Stadt ausbreitete mit Namen +Eitelkeit+. Das ganze Jahr hindurch wird hier ein Markt abgehalten -- wohlbekannt unter dem Namen +Eitelkeitsmarkt+. Er heißt so, weil die Stadt, darin er gehalten wird, weniger wiegt als nichts[98] und weil alles, was dahin kommt und dort feilgehalten wird, nichts denn Eitelkeit ist nach den Worten des Weisen: „+Es ist alles ganz eitel!+“ (Pred. 1, 2)[99] Dieser Markt ist nicht eine Einrichtung neuerer Zeit, er besteht schon sehr lange. Laß mich dir etwas von seiner Entstehung erzählen.
Es sind nun ungefähr fünftausend Jahre her, da wanderten auch Pilgrime, gleich diesen beiden redlichen Männern, nach der himmlischen Stadt; und da +Beelzebub+, +Apollyon+ und +Legion+ mit seinen Genossen merkten, daß ihr Weg durch diese Stadt führte, beschlossen sie, hier einen Markt einzurichten, wo das ganze Jahr hindurch alle Arten von Tand feilstehen sollten, wie Häuser, Ländereien, Gewerbe, Ämter, Würden, Beförderungen, Titel, Landschaften, Königreiche, Lustbarkeiten, Vergnügungen und Genüsse aller Art, wie Dirnen, Weiber, Gatten, Kinder, Herrschaften, Dienstboten, Leben, Blut, Leiber und Seelen, Silber, Gold, Perlen, Edelsteine und wer weiß was noch alles! Ja, noch mehr, auf diesem Jahrmarkt sind allezeit zu sehen Gaukeleien, Betrügereien, Glückspiele, Schauspiele, Narrenteidinge, Affen, Schelme und Schurken und allerlei derart. Ferner gibt’s, und alles umsonst, zu sehen Diebereien, Mordtaten, Ehebruch, Meineide, sämtlich in blutroter Farbe.
Und wie man es schon auf unbedeutenden Jahrmärkten antrifft, daß man bestimmte Waren in bestimmten Straßen haben kann, so hat man auch hier gewisse Plätze, Straßen und Gassen -- das sind die verschiedenen Länder und Reiche --, wo die Waren dieses Jahrmarktes am leichtesten zu bekommen sind. Es gibt hier eine englische Straße, eine französische, eine italienische, eine spanische, eine deutsche, und in jeder werden bestimmte Arten von Eitelkeiten vorzugsweise verkauft. Und gleichwie auf andern Märkten etwas ist, was der wichtigste und hauptsächlichste Artikel ist, so fanden auf diesem Markt die Waren aus Rom besonders starken Absatz. Nur die Engländer und etliche andre Völker haben keinen großen Gefallen daran.
Mitten nun durch die Stadt, wo dieser Jahrmarkt gehalten wird, geht der Weg zur himmlischen Stadt; und wer also nach dem Berg +Zion+ reisen und nicht hier durch diese Stadt ziehen wollte, +der müßte die Welt räumen+ (1. Kor. 5, 10)[100]. Selbst der Herr der Herrlichkeit, da Er auf Erden wandelte, mußte den Weg zu Seinem eigenen Land durch diesen Ort nehmen, und zwar gerade an einem Markttag. +Beelzebub+, der Vorsteher des Jahrmarkts, lud Ihn ein, etwas von seinen Eitelkeiten zu kaufen, ja Er sollte alles zum Geschenk haben, wenn Er ihm Ehre erweisen wollte. Und weil Er von so hoher Abkunft war, führte Ihn der Satan von Straße zu Straße und zeigte Ihm in kurzer Zeit alle Reiche der Welt, ob der Hochgelobte nicht zu bewegen wäre, etwas von seinen Eitelkeiten zu kaufen. Aber der Herr hatte nicht Gefallen an dieser Ware; Er verließ die Stadt, ohne auch nur einen Heller an eine dieser Eitelkeiten verwandt zu haben. (Lies Matth. 4, 1-11.) Dieser Markt also besteht seit uralter Zeit und ist sehr groß.
Die Pilger nun mußten, wie gesagt, notwendig über diesen Jahrmarkt kommen. Kaum hatten sie die ersten Schritte in die Stadt getan, als alle Marktleute, ja die ganze Einwohnerschaft sich erregte und mit großem Tumult auf sie zuströmte, und das aus verschiedenen Gründen.
Erstens: Ihrer fremdartigen Kleider wegen wurden sie von dem Volk mit Erstaunen angegafft, aller Augen richteten sich auf sie; einige sagten: „Es sind Narren,“ andre: „Tollhäusler,“ wieder andre: „Ausländer“[101].
Zum andern: Gleichwie sie sich über ihre Kleidung verwunderten, so sehr fiel ihnen ihre Sprache auf. Sie redeten natürlich die Sprache Kanaans; die aber hier Markt hielten, waren Kinder dieser Welt. So kamen sie von einem Ende des Marktes bis zum andern den Leuten fremd und unverständlich vor[102].
Drittens: Was den Kaufleuten am unbegreiflichsten erschien, war, daß sie die Waren nicht der geringsten Aufmerksamkeit wert achteten, und wenn man sie anhielt, etwas zu kaufen, so hielten sie sich die Ohren zu und beteten: „+Wende meine Augen ab, daß sie nicht nach Eitlem sehen!+“ (Ps. 119, 37), und sie blickten in die Höhe, zum Zeichen, daß ihr Wandel im Himmel wäre[103].