Pilgerreise zur seligen Ewigkeit

Part 10

Chapter 103,679 wordsPublic domain

Da jemand spöttisch die Frage an sie richtete, was sie denn kaufen wollten, und sie mit Festigkeit und Ernst erwiderten: „+Wir kaufen Wahrheit+“ (Spr. 23, 23), so brach von allen Seiten der bitterste Spott und Hohn gegen sie los; und einige riefen den andern zu, sie ins Angesicht zu schlagen. Kurz, alle Ordnung des Jahrmarkts verkehrte sich in ein entsetzliches Getümmel. Die Sache wurde vor den Obersten des Marktes gebracht, der sogleich einige seiner vertrautesten Freunde abschickte, die Fremden, die einen solchen Auflauf veranlaßt hätten, zu verhören.

So wurden die Pilger festgenommen und vor Gericht geführt.

„Woher kommt ihr? Wohin geht eure Reise? Und warum erscheint ihr in so ungewöhnlicher Tracht?“ Dies waren die Fragen, die man ihnen im Verhör vorlegte.

„Wir sind Gäste und Fremdlinge auf Erden,“ antworteten sie; „wir wandern nach unsrer Heimat, nach dem himmlischen Jerusalem. Weder den Einwohnern der Stadt noch den Marktleuten haben wir Veranlassung gegeben, uns so zu mißhandeln und aufzuhalten; ausgenommen, daß wir einem, der uns fragte, was wir kaufen wollten, die Antwort gaben: Wir kaufen Wahrheit.“

Diese Aussage war ausreichend, um auch die Richter zu überzeugen, daß sie nichts andres seien als tolle und verrückte Leute, die einzig und allein beabsichtigten, den ganzen Markt in Verwirrung zu bringen.

Daher legte man von neuem Hand an sie; sie wurden geschlagen, mit Kot beworfen und in ein Gefängnis gelegt, wo sie, den Augen des Volkes ausgesetzt, eine Zeitlang der Gegenstand des allgemeinen Hohnes, der ausgesuchtesten Bosheit waren. Und der Oberste des Marktes weidete sich an diesem Schauspiel. Indes blieben aber die Pilger geduldig, vergalten nicht Scheltwort mit Scheltwort, sondern segneten dagegen (1. Petr. 3, 9); sie übten Güte für erlittenes Unrecht, so daß einige besonnene Männer, die weniger vom Vorurteil befangen waren als die andern und die Geduld der Fremdlinge mit Bewunderung beobachtet hatten, sich ihrer gegen die erbitterte Menge annahmen. Nun aber wandte sich deren Zorn auch gegen diese Bessergesinnten. „Ihr seid,“ so rief man ihnen zu, „ebenso nichtsnutzig wie die beiden da am Pranger und wohl ihre geheimen Verbündeten und verdient die gleiche Strafe!“

„Es sind,“ erwiderten jene, „soviel wir sehen können, redliche und friedliche Männer, die niemand etwas zuleide tun. Mancher ist auf unserm Markt, der eher ins Gefängnis, ja an den Schandpfahl gehörte als diese Männer, die man so schändlich mißhandelt.“

Eine Weile noch fiel Rede auf Gegenrede, währenddessen sich die Pilger ruhig und besonnen verhielten. Aber bald kam es von Worten zu Händeln und blutigen Auftritten, und es entstand die größte Verwirrung.

Hierauf mußten die armen Pilger aufs neue vor ihren Richtern erscheinen; sie wurden hart verklagt, daß sie die Ursache am letzten Aufruhr auf dem Jahrmarkt wären; man stäupte sie in grausamer Weise, man legte sie in Ketten und führte sie den Markt auf und ab, zum abschreckenden Beispiel für andre und zu verhindern, daß jemand für sie spräche oder sich ihnen anschlösse. Sie benahmen sich dabei so ruhig und trugen die Schande mit so viel Sanftmut und Ergebung, daß mehrere auf dem Markt -- indes nur eine geringe Zahl im Vergleich mit der Menge -- für sie gewonnen wurden. Dies setzte die andern in desto größere Wut, und sie beschlossen den Tod der Fremdlinge. Darum drohten sie ihnen, daß Pranger und Ketten für sie zu gelinde Strafen seien, daß sie vielmehr sterben sollten, und zwar um des angerichteten Schadens willen und weil sie alles Volk auf dem Markt erregt hätten. Man führte sie wieder in das Gefängnis zurück und legte ihre Füße in den Stock, bis das Urteil über sie gefällt sein würde.

Hier gedachten sie der Worte ihres treuen Freundes, des +Evangelisten+, die so genau in Erfüllung gegangen waren, und wurden dadurch nicht wenig in ihrem Glauben gestärkt. Es wurde ihnen auch ganz gewiß, daß einer von ihnen hier sterben werde; einer sagte es dem andern zum Trost, daß das Los dessen, der hier sein Leben lassen werde, das schönste sei, und jeder wünschte heimlich, daß es ihm selbst zuteil werden möchte. Doch, indem sie sich der allweisen Führung dessen überließen, der alle Dinge regiert, blieben sie mit völliger Ergebung in ihrer gegenwärtigen Lage und sahen ruhig der Entscheidung entgegen.

Nachdem nun eine gelegene Zeit gekommen war, wurden sie im Beisein ihrer Feinde und Ankläger vor das Gericht gestellt, dessen Vorsitzender +Gotthaß+ war. Die Anklage gegen beide war dem Wesen nach ein und dieselbe. Man beschuldigte sie, sie seien Feinde und Störer des Handels, sie hätten Unruhen und Spaltungen in der Stadt erregt, ja eine Anzahl der Einwohner, dem Gesetz ihres Fürsten zum Trotz, für ihre gefährlichen Grundsätze gewonnen.

+Getreu+ verantwortete sich nun hierauf zuerst und sprach: „Ich habe mich nur gegen das gesetzt, was sich selbst gegen den Allerhöchsten aufgeworfen hat. Störung und Unruhe mache ich nicht, denn ich bin ein Mann des Friedens. Sind etliche für uns gewonnen worden, so geschah es durch die Erkenntnis unsrer Unschuld und Redlichkeit, und sie haben sich nur vom Schlechten zum Bessern gewendet. Was den König betrifft, von dem ihr redet, so spreche ich ihm und allen seinen Dienern hiermit öffentlich Hohn, ist er doch +Beelzebub+, der Feind unsers Herrn.“

Hierauf wurde ausgerufen, wer etwas zugunsten seines Königs und Herrn gegen diesen Gefangenen vor den Schranken vorzubringen habe, solle sogleich auftreten und sein Zeugnis ablegen. Da traten drei Zeugen herzu, nämlich +Neid+, +Aberglaube+ und +Schmeichler+.

Man fragte sie, ob sie den Gefangenen kennten und was sie für ihren König und Herrn zu sagen hätten.

Da trat +Neid+ vor und sprach: „Mein Herr, ich kenne diesen Mann schon lange und will es auf meinen Eid vor diesem hochwürdigen Gericht bezeugen, daß er --“

„Halt!“ rief der +Richter+, „man lasse ihn zuerst schwören!“ Es geschah, und +Neid+ fuhr fort: „Mein Herr, dieser Mann ist trotz seines schönen Namens einer der schlechtesten Menschen in unserm Land. Er achtet weder Fürsten noch Volk, weder Gesetz noch Sitte. Er benützt jede Gelegenheit, um jedermann seine verderblichen Ansichten beizubringen, die er Grundsätze des Glaubens und der Heiligkeit nennt. Ich habe ihn einmal selbst sagen hören, das Christentum und die Sitten unsrer Stadt +Eitelkeit+ ständen einander schnurstracks gegenüber, und es sei schlechthin unmöglich, beide zu vereinigen. Indem er also spricht, Herr +Richter+, verdammt er nicht allein alle unsre löblichen Handlungen, nein, er verdammt somit auch uns selbst, die wir sie tun.“

„Hast du sonst noch etwas gegen ihn zu sagen?“ fragte der +Richter+.

„Mein Herr,“ erwiderte +Neid+, „ich hätte allerdings noch mehr zu sagen, fürchte jedoch der Versammlung lästig zu werden. Allein, falls das Zeugnis der übrigen Herren noch nicht zur Verurteilung des Angeklagten hinreichen sollte, werde ich das meine weiter auszuführen wissen.“ So ward ihm befohlen abzutreten.

Darauf wurde +Aberglaube+ hereingerufen. Der +Richter+ befahl ihm, den Gefangenen anzusehen und sein Zeugnis wider ihn für seinen Herrn und König kundzutun. Nachdem er den Eid abgelegt, begann er also:

„Herr +Richter+, ich stehe zwar in keiner nähern Bekanntschaft mit diesem Mann, wünsche ihn auch nicht näher kennenzulernen; dies jedoch weiß ich gewiß, daß er eine wahre Pest für unsre Stadt ist. Ich habe neulich mit ihm gesprochen und es selbst aus seinem Mund gehört, daß unser Gottesdienst wertlos sei, daß wir dadurch das Wohlgefallen Gottes nicht erlangen können. Was folgt hieraus deutlicher, mein Herr, als daß wir unsre Gottesverehrungen umsonst darbringen, daß wir noch in unsern Sünden sind und endlich ewig verdammt werden? Dies ist es, was ich zu sagen habe.“

Hierauf mußte +Schmeichler+ vortreten, und nachdem er den Eid geleistet, ward er aufgefordert, zugunsten seines Herrn und Königs gegen den Gefangenen zu sprechen.

„Mein Herr +Richter+ und ihr verehrte Herren!“ sagte er, „ich habe diesen Kerl schon lange gekannt und ihn Dinge sagen hören, die nicht zu dulden sind. Er hat +Beelzebub+, unsern erhabenen Fürsten, gelästert und verächtlich gesprochen von seinen ehrenwerten Freunden, als da sind: Herr +Altermensch+, Herr +Fleischeslust+, Herr +Üppig+, Herr +Ruhmsucht+, der alte Herr +Unzucht+, der edle Herr +Geizhals+ und alle unsre übrigen Edelleute. Auch hatte er die Frechheit, zu sagen: wenn alle von seiner Gesinnung wären, so würde keiner von diesen edlen Herren länger in der Stadt geduldet werden. Ja, er hat sich erdreistet, auch dich, mein edler Herr, seinen Richter, einen gottlosen Buben zu schelten und in der verächtlichsten Weise von dir zu reden, sowie auch die meisten vom Adel in unsrer Stadt mit den gemeinsten Schimpfnamen zu belegen.“

Nachdem +Schmeichler+ seine Rede vollendet, wandte sich der Richter an den Gefangenen, der vor der Anklagebank stand, und sprach: „Du Abtrünniger, du Ketzer, du Verräter, hörst du, was diese edlen Herren wider dich zeugen?“

„Darf ich einige Worte zu meiner Verteidigung sprechen?“ fragte +Getreu+.

„Schweig, Bube!“ so schrie der +Richter+ mit Zorn, „du verdienst nicht länger zu leben, du verdienst auf der Stelle den Tod. Doch -- damit jedermann meine Großmut erkenne -- laß hören, was du zu sagen hast!“

„Was zuerst die Anklage des Herrn +Neid+ betrifft,“ sprach +Getreu+ mit ruhigem Ernst, „so habe ich gesagt: Wenn eine Regel, ein Gesetz, eine Sitte oder ein Volk gegen Gottes Wort streitet, so läuft solches dem wahren Christentum schnurstracks entgegen. Ist dies unrecht, so überführe man mich meines Irrtums, und ich bin bereit, öffentlich zu widerrufen.

Was zweitens Herrn +Aberglaube+ und seine Anklage betrifft, so habe ich gesagt, daß zur Verehrung Gottes ein von Gott gewirkter Glaube erforderlich ist; dieser aber kann nur aus einer göttlichen Offenbarung des Willens Gottes hervorgehen. Alles, was sich nun in die Gottesverehrung hineingedrängt hat und nicht mit der göttlichen Offenbarung übereinstimmt, kann nur durch einen bloß menschlichen Glauben geübt werden, der uns nicht zum ewigen Leben dient.

Endlich in bezug auf Herrn +Schmeichler+ erkläre ich (indem ich mich seiner Schimpfworte enthalte), daß der Fürst dieser Stadt samt allen seinen Anhängern, die eben genannt wurden, eher in der Hölle als in dieser Stadt zu sein verdienten. Der Herr, mein Gott, sei mir gnädig!“

Hierauf wandte sich der Richter an die Geschworenen, die der ganzen Verhandlung aufmerksam beigewohnt hatten: „Meine Herren Geschworenen, ihr seht hier diesen Menschen, um deswillen ein so großer Aufruhr in der Stadt entstanden ist. Ihr habt auch gehört, was diese ehrenwerten Herren wider ihn gezeugt haben; seine Erwiderung, sein Geständnis habt ihr vernommen. Eure Sache ist es nun, ihn zum Tod zu verdammen oder ihn freizusprechen. Doch erscheint es angemessen, euch zuerst unser Gesetz vorzuhalten.

Zu den Zeiten Pharaos des Großen, des Dieners unsers Fürsten, ward ein Gesetz gegeben, daß, wenn Leute von einer andern Religion sich vermehren, alle ihre Knäblein im Wasser sollen ertränkt werden, damit sie nicht zu mächtig würden.

Ebenso ward ein Gesetz erlassen zu den Zeiten Nebukadnezars des Großen, eines andern Dieners unsers Fürsten, daß ein jeder, der nicht niederfiele, sein goldenes Bild anzubeten, in den glühenden Ofen geworfen werden sollte.

Desgleichen ward ein Gesetz ausgegeben in den Tagen des Darius, daß wer in dreißig Tagen etwas bitten würde von irgendeinem Gott oder Menschen, ohne von dem König Darius allein, solle den Löwen vorgeworfen werden.

Dieser Rebell nun hat alle diese Gesetze ihrem wesentlichen Inhalt nach gebrochen, nicht allein in Gedanken -- schon das dürfte man nicht dulden -- sondern auch in Wort und Tat, was schlechterdings nicht ungestraft bleiben darf.

Was das Gesetz Pharaos betrifft, so war dieses bloß auf die Vermutung hin gegeben, um dadurch einem Unheil vorzubeugen, das Verbrechen selbst lag noch gar nicht vor. Was das zweite und dritte Gesetz betrifft, so seht ihr, daß er wider unsre Religion streitet, und wegen des Hochverrats, den er eingestanden, verdient er den Tod.“

Dann zog sich das Geschworenengericht zurück. Es war zusammengesetzt aus den Herren +Blindmann+, +Übelgesinnt+, +Boshaft+, +Lüstling+, +Schlüpfrig+, +Hitzkopf+, +Hochmut+, +Feindselig+, +Lügner+, +Grausam+, +Finsterling+ und +Unversöhnlich+.

Jeder von ihnen gab sein besonderes Urteil gegen den Angeklagten ab, und hernach beschlossen sie einstimmig, ihn vor dem Richter für schuldig zu erklären.

Herr +Blindmann+, der den Vorsitz hatte, sagte: „Ich sehe deutlich, daß dieser Mensch ein Ketzer ist.“

Herr +Übelgesinnt+ sprach: „Weg mit einem solchen Kerl von der Erde!“

„Recht so!“ sagte Herr +Bosheit+, „denn schon sein Blick ist mir unerträglich.“

Herr +Lüstling+ sprach: „Ich habe ihn nie leiden können!“

„Auch ich nicht,“ versetzte Herr +Schlüpfrig+, „denn er hat mein Tun immer verdammt.“

„Hängt ihn! Hängt ihn!“ rief Herr +Hitzkopf+.

„Er ist ein jämmerlicher Bube!“ sagte Herr +Hochmut+.

„Mein Innerstes empört sich gegen ihn!“ schrie Herr +Feindselig+.

„Ein Landstreicher ist er!“ sagte Herr +Lügner+.

Herr +Grausam+ stimmte dahin, daß das Hängen viel zu gut für einen solchen Menschen sei.

„Wir müssen ihn aus dem Weg räumen!“ rief Herr +Finsterling+.

„Und sollte ich auch die ganze Welt zum Lohn haben,“ sagte Herr +Unversöhnlich+, „ich könnte mich nun und nimmer mit ihm aussöhnen. Darum laßt uns ohne weiteres auf seine Hinrichtung antragen!“

Wirklich wurde +Getreu+ zum Tod verurteilt. Während man ihn nach seinem Gefängnis abführte, sannen die Herren nur darauf, wie man ihn auf die qualvollste Weise zu Tode bringen könne.

Der Verurteilte wurde nun hinausgeführt, um mit ihm nach ihrem Gesetz zu verfahren. Zuerst wurde er gegeißelt, darauf mit Fäusten geschlagen, mit Messern gestochen und gesteinigt. Der Leichnam wurde mit Schwertern zerhauen und auf dem Scheiterhaufen zu Asche verbrannt.

So starb +Getreu+ den Märtyrertod.

Ich ward aber gewahr, daß über der Menschenmenge, die sich zu der Hinrichtung versammelt hatte, ein feuriger Wagen mit Rossen stand, der auf +Getreu+ wartete; dieser nahm ihn, sobald seine Feinde die Hinrichtung vollzogen, auf und führte ihn unter Posaunenschall durch die Wolken zu der Pforte des Himmels.

+Christ+ wurde in sein Gefängnis zurückgeführt, wo er noch eine Zeitlang ausharren mußte. Der Herr aber, der alle Dinge, auch die Wut der Feinde, nach dem Rat Seines Willens lenkt, schickte es so, daß +Christ+ ihnen entkam und seines Weges weiterziehen konnte. Alsbald hob er an zu singen:

Wohl dir, du Kind der +Treue+, Du hast und trägst davon Voll Danks und ohne Reue Den Sieg und Ehrenkron’; Gott gibt dir selbst die Palmen In deine rechte Hand, Und du singst Freudenpsalmen Dem, der dein Leid gewandt!

Fußnoten:

[98] Menschen sind ja nichts; sie wiegen weniger denn nichts, soviel ihrer ist (Ps. 62, 10).

[99] Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht; und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind (Pred. 1, 14).

[100] Jesus betete: Ich bitte nicht, daß Du sie von der Welt nehmest, sondern daß Du sie bewahrest vor dem Übel (Joh. 17, 15).

[101] Wir sind ein Schauspiel geworden der Welt; wir sind Narren um Christi willen (1. Kor. 4, 9. 10).

[102] Die Welt kennt euch nicht; denn sie kennt Ihn nicht (1. Joh. 3, 1).

[103] Unser Wandel ist im Himmel, von dannen wir auch warten des Heilands Jesu Christi, des Herrn (Phil. 3, 20).

Siebtes Kapitel.

Ein neuer Begleiter und die Gefahren an der Silbergrube.

Ich sah nun in meinem Traum, daß +Christ+ nicht allein weiterzog, denn es gesellte sich einer zu ihm mit Namen +Hoffnungsvoll+; das war er geworden durch die Beobachtung des stillen Duldens der beiden Pilger bei aller Schmach und Verfolgung, das männliche Bekenntnis des +Getreu+, das er im Angesicht des Todes ablegte. Und wie das Blut der Märtyrer immer der Same der Kirche gewesen ist, so erhoben sich aus der Asche des +Getreu+ neue Bekenner des Herrn. Er schloß mit +Christ+ einen Bruderbund und bot sich ihm zum Begleiter an, indem er versicherte, in kurzer Zeit würden ihm noch viele andre folgen.

Sie hatten erst eine kleine Strecke Weges zurückgelegt, als sie einen Mann einholten, der vor ihnen herging; er hieß +Nebenwege+. „Was für ein Landsmann bist du, lieber Herr?“ redeten sie ihn an, „und wohin geht deine Reise?“

„Ich komme aus der Stadt +Schönwort+ und bin auf dem Weg nach der himmlischen Stadt,“ erwiderte er, ohne aber seinen Namen zu nennen.

„Aus +Schönwort+[104]?“ entgegnete Christ, „kann von dort auch etwas Gutes kommen?“

+Nebenwege.+ Nun, das will ich meinen.

+Christ.+ Bitte, wie soll ich dich denn anreden, mein Herr?

+Nebenwege.+ Ich bin dir fremd, wie du es mir bist. Gehst du diesen Weg mit mir, so soll mir deine Gesellschaft lieb sein; wo nicht, muß ich mich auch zufrieden geben.

+Christ.+ Von +Schönwort+ meine ich schon gehört zu haben; es soll, wie ich mich erinnere, ein wohlhabender Ort sein.

+Nebenwege.+ Ja, das kann ich dir versichern, und ich habe dort manche reiche Verwandte.

+Christ.+ Bitte, wer sind denn deine Verwandten dort, wenn ich fragen darf?

+Nebenwege.+ O beinahe die ganze Stadt und insonderheit Herr von +Rückwärts+, Herr von +Wetterfahne+, Herr von +Schönwort+, von dessen Ahnen die Stadt ihren Namen bekommen hat, ebenso Herr +Glatt+, Herr +Achselträger+, Herr +Allerweltsfreund+ und unser Pfarrer, Herr +Zweizüngig+, meiner Mutter Bruder; kurz und gerade heraus gesagt: ich bin ein Mann geworden von sehr gutem Stande, obschon mein Großvater nur ein Bootsmann war, der nach dem einen Ufer hinsah, wenn er nach dem andern ruderte, und auch mir selbst hat dieser Beruf den größten Teil meines Vermögens eingebracht.

+Christ.+ Bist du verheiratet?

+Nebenwege.+ Ja, und zwar habe ich eine sehr tugendreiche Frau. Sie ist die Tochter einer ebenfalls sehr tugendreichen Mutter, und ihre Großmutter war Frau +Falschheit+; sie stammt also aus einer sehr vornehmen Familie und hat einen so hohen Grad von Bildung erlangt, daß sie ebensogut mit Fürsten als mit Bauern umzugehen weiß. Unser Christentum ist allerdings nicht das strengste; allein dies zeigt sich nur in zwei nebensächlichen Punkten: Wir fahren niemals gegen Wind und Strom und sind immer nur dann eifrig, wenn das Christentum in silbernen Pantoffeln geht; wir bekennen uns dazu, wenn die Sonne scheint und alles Volk uns zujauchzt.

+Christ+ wendete sich zu +Hoffnungsvoll+, indem er ihm zuflüsterte: „Es fällt mir ein, daß dies ein gewisser +Nebenwege+ von +Schönwort+ sein muß. Ist er es, so haben wir an ihm einen argen Schelm, wie’s nur einen in der ganzen Gegend geben kann.“

„Frage ihn doch,“ sagte +Hoffnungsvoll+, „seines Namens sollte er sich ja nicht schämen.“

„Du redest ja,“ sagte +Christ+, sich wieder zu jenem wendend, „wie einer, der klüger ist als die ganze Welt. Trügt mich nicht alles, so meine ich dich zu kennen; bist du nicht Herr +Nebenwege+ aus +Schönwort+?“

+Nebenwege.+ Dies ist nicht mein Name; allerdings werde ich spottweise von denen so genannt, die mich nicht leiden können; ich muß diese Schmach dulden wie viele gute Leute vor mir.

+Christ.+ Hast du aber den Leuten nie Veranlassung gegeben, dich also zu heißen?

+Nebenwege.+ Nein, niemals! Das einzige, was mir etwa einen solchen Schimpfnamen hätte zuziehen können, ist dies, daß ich so glücklich gewesen bin, in meinen Ansichten mit dem Geist der Zeit jedesmal übereinzustimmen, wodurch ich allerdings immer gewonnen habe. Was mir nun auf diese Weise zugefallen ist, sehe ich als einen Segen an; aber sicherlich sollten boshafte Menschen mich deswegen nicht mit Schmach belegen.

+Christ.+ Dachte ich mir’s doch, daß du der Mann wärest, von dem ich habe reden hören; und, um dir meine Meinung offen zu gestehen, so fürchte ich, daß dieser Name bei dir mehr zutrifft, als du es wohl vor uns zugeben willst.

+Nebenwege.+ Nun, bildest du dir dies ein, so kann ich nicht helfen; doch du wirst finden, daß ich ein guter Gefährte bin, willst du mich als solchen annehmen.

+Christ.+ Wenn du mit uns gehen willst, mußt du gegen Wind und Wetter kämpfen, was, wie ich gemerkt, nicht deine Absicht ist. Du mußt dem Christentum ebenso treu bleiben, wenn es im Bettlergewand als wenn es in Silberpantoffeln einhergeht, und dich zu ihm halten, ob es in Ketten und Banden liegt oder ob die Menge des Volkes ihm auf der Straße zujauchzt.

+Nebenwege.+ Du darfst mir nichts aufbürden und dich nicht zum Herrn aufwerfen über meinen Glauben. Laß mir meine Freiheit, und ich will mit euch gehen.

+Christ.+ Nicht einen Schritt weiter, es sei denn, daß du unserm Beispiel folgst, wie ich es dir vorschlage.

+Nebenwege.+ Meinen alten Grundsätzen gedenke ich nicht untreu zu werden, sind sie doch harmlos und vorteilhaft. Wollt ihr mich nicht mit euch ziehen lassen, so tue ich wie vorher und gehe allein, bis mich jemand einholt, der mit meiner Gesellschaft zufrieden ist.

Ich sah nun in meinem Traum, daß +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ ihn verließen und in einiger Entfernung vor ihm hergingen. Als aber einer von ihnen sich umwandte, sah er, daß drei Männer dem Herrn +Nebenwege+ eiligst nachkamen und ihn mit tiefer Verbeugung begrüßten, deren Gruß er mit gleicher Höflichkeit erwiderte. Die Namen dieser Männer waren: Herr +Haltwelt+, Herr +Geldlieb+ und Herr +Sparmann+. Sie erkannten einander sogleich als Schulkameraden, denn sie waren miteinander bei einem gewissen Herrn +Greifmann+ zur Schule gegangen, einem Schulmeister im Marktflecken +Gewinnsucht+ in der Grafschaft +Habsucht+, die im Norden liegt. Dieser Lehrer unterwies sie in der Kunst, etwas an sich zu raffen, es sei durch Gewalt oder durch Betrug oder Schmeichelei oder mit Lügen oder auch unter dem Schein, ein gutes Werk dabei zu tun. Und diese vier Herren hatten es in dieser Kunst ihres Lehrers selbst auch zur Meisterschaft gebracht, daß jeder von ihnen einer solchen Schule hätte vorstehen können.

Nach der gegenseitigen Begrüßung sprach Herr +Geldlieb+ zu Herrn +Nebenwege+: „Wer sind diese vor uns?“ denn +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ gingen nur in geringer Entfernung voraus.

+Nebenwege.+ Das sind entfernte Landsleute von uns, die auf ihre besondere Weise eine Pilgerreise machen.

+Geldlieb.+ Ei, warum warten sie nicht auf uns, daß wir uns ihrer Gesellschaft hätten erfreuen können? Denn wir sind doch allesamt Pilgrime.

+Nebenwege.+ Ja, das sind wir wohl; aber diese Männer sind so streng, sie hängen so sehr an ihren eigenen Begriffen; sie schätzen die Meinungen andrer so gering, daß sie den Allerbesten, wenn er nicht in allen Dingen mit ihnen übereinstimmt, aus ihrer Gesellschaft stoßen.

+Sparmann.+ Das ist schlimm; wir lesen von gewissen Menschen, die allzu gerecht und deshalb so streng sind, daß sie alle verdammen, nur sich selbst nicht. Aber sage mir, in was für Punkten stimmtet ihr nicht überein?

+Nebenwege.+ Nach ihrer schroffen Art meinen sie jedem Wetter Trotz bieten zu müssen; ich dagegen bin dafür, Wind und Wetter abzuwarten. Sie wollen für Gottes Sache alles wagen; ich suche jeden Vorteil zu benutzen, um Leben und Vermögen sicherzustellen. Sie halten an ihren Grundsätzen fest, und wenn sie alle Menschen gegen sich hätten; aber ich stelle mich in Religionssachen so, wie Zeit und Umstände und eigene Sicherheit es erfordern. Sie halten es mit dem Christentum auch im Bettlergewand und unter Verachtung; ich aber bekenne mich nur dann zu ihm, wenn es in goldenen Pantoffeln im Sonnenschein einhergeht und Beifall erntet.