Pilgerreise zur seligen Ewigkeit

Part 11

Chapter 113,761 wordsPublic domain

+Haltwelt.+ Ganz recht! Dabei bleibe nur, mein werter Herr +Nebenwege+! Ich kann den nicht anders als für einen Toren erklären, der das, was er sich bewahren könnte, dennoch verliert. Laß uns klug sein wie die Schlangen! Heu muß man machen, solange die Sonne scheint. Im Winter liegt die Biene still; wenn die Blumen blühen, da regt sie sich. Gott schickt zuweilen Regen, zuweilen Sonnenschein. Sind sie töricht genug, im Regen zu wandern, so wollen wir auf günstiges Wetter warten. Ich muß gestehen, diejenige Religion ist mir die liebste, bei welcher wir die Gaben Gottes, mit denen Er uns gesegnet hat, bewahren können. Wer sich von seinem gesunden Menschenverstand leiten läßt, muß erkennen, daß Gott, da Er uns einmal die Güter dieses Lebens reichlich mitteilt, auch haben will, daß wir sie um Seinetwillen genießen sollen. Abraham und Salomo wurden reich bei ihrer Religion, und Hiob sagt, daß dem Gerechten Silber in Fülle zufallen soll (Hiob 22, 25, a. Übers.). Aber dann muß man nicht sein wie diese Männer, die du uns beschreibst.

+Sparmann.+ Ich denke, wir sind hierüber alle einig und brauchen also kein Wort weiter zu verlieren.

+Geldlieb.+ Nein, das brauchen wir nicht, denn wer weder der Schrift noch der Vernunft glaubt -- und beide sind auf unsrer Seite --, der kennt weder seine Freiheit, noch sorgt er für sein Wohl.

+Nebenwege.+ Meine Brüder, erlaubt mir, euch zur Verkürzung des Weges und zur Bewahrung vor allerlei Bösem eine Frage vorzulegen. Ich setze den Fall, ein Mann, sei es ein Geistlicher oder ein Geschäftsmann, sähe sich in die günstige Lage versetzt, irdischer Güter teilhaftig zu werden, könnte sie aber nicht anders erlangen, als daß er den Schein eines außerordentlichen Eifers für gewisse Punkte des Christentums annähme, die ihm sonst völlig gleichgültig wären; könnte er sich nicht dieses Mittels bedienen und dabei dennoch ein ehrlicher Mann bleiben?

+Geldlieb.+ Ich sehe deiner Frage wohl auf den Grund, und es möge mir erlaubt sein, daß ich versuche, darauf eine gründliche Antwort zu geben. Zuerst in Hinsicht des Geistlichen. Stellt euch einen würdigen Mann vor, der nur ein sehr geringes Einkommen hat und sein Augenmerk deshalb auf eine fettere Pfründe richtet. Er hat Hoffnung, sie zu erlangen, jedoch nur so, daß er sein Amt eifriger verwalte, noch viel öfter und häufiger predige und der neuen Gemeinde zuliebe einige seiner Grundsätze aufgebe. Hier sehe ich in der Tat nicht, warum ein Mann, vorausgesetzt, daß er einen Ruf habe, nicht dies, ja noch weit mehr tun und dabei doch ein ehrlicher Mann bleiben könne, denn:

1. Sein Verlangen nach einem größern Einkommen ist gesetzmäßig; dies ist unwidersprechlich, denn die göttliche Vorsehung bietet es ihm dar. Darum mag er es zu erlangen suchen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen.

2. Sein Verlangen nach einem größern Einkommen macht ihn überdies zu einem fleißigern, eifrigern Prediger, also auch zu einem bessern Menschen, der seine Pflicht treuer erfüllt, was ja dem Willen Gottes vollkommen gemäß ist.

3. Wenn er seiner künftigen Gemeinde zuliebe einige seiner bisherigen Grundsätze aufgibt, so zeigt er ein großes Maß von Selbstverleugnung, ein einnehmendes, nachgiebiges Wesen, wodurch er offenbar desto geschickter zu seinem Amt wird.

4. Aus diesem allem schließe ich, daß ein Geistlicher, der ein kleines Einkommen mit einem größern vertauscht, deswegen nicht für gewinnsüchtig gelten kann. Im Gegenteil, da er sich dabei mehr vervollkommnet, muß er als ein solcher angesehen werden, der seiner Bestimmung treu bleibt und die Gelegenheit zum Guten ergreift, die Gott ihm darbietet.

Was nun den zweiten Teil der Frage betrifft, so denke man sich einen Geschäftsmann, der nur ein kleines Geschäft und kärgliches Auskommen hat, fände aber dadurch, daß er fromm würde, Gelegenheit, sein Geschäft auszudehnen, einflußreiche Freunde zu erwerben, vielleicht eine reiche Frau zu bekommen oder eine ausgedehntere, bessere Kundschaft für seinen Laden zu erlangen: dies könnte ich für durchaus zulässig erklären.

Hier meine Gründe:

1. Frömmigkeit, möge sie entspringen, woraus sie will, ist immer eine Tugend.

2. Es ist nicht gegen das Gesetz, eine reiche Frau zu nehmen oder sich um bessere Kunden zu bemühen.

3. Erlangt er dies durch Frommwerden, so erlangt er etwas Gutes durch Gutes, indem er selbst gut wird. So hat er dann eine gute Frau, gute Kunden und guten Gewinn, und zwar infolge seiner Frömmigkeit. Wer könnte dies für etwas andres als für ein rechtes, Gott wohlgefälliges Streben halten?

Mit allgemeinem Beifall nahm man Herrn +Geldliebs+ so gründliche Antwort auf die Frage des Herrn +Nebenwege+ auf. Sie kamen dadurch zu dem Schluß, so zu handeln, sei sehr weise und vorteilhaft. Diese Antwort schien auch allen unwiderleglich zu sein, so beschlossen sie, da +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ noch nicht allzuweit voraus waren, sich sogleich mit dieser Frage an sie zu machen, sobald sie sie würden eingeholt haben, und das um so mehr, da sie Herrn +Nebenwege+ früher widersprochen hatten. So riefen sie ihnen nach, und jene blieben stehen, bis sie zu ihnen kamen. Unterdessen beschlossen die Nachkommenden, daß nicht Herr +Nebenwege+, sondern der alte Herr +Haltwelt+ ihnen die Frage vorlegen sollte, weil sie fürchteten, die Besprechung würde, wenn sie Herr +Nebenwege+ führte, eine zu erregte werden.

So kamen sie denn heran, und nach kurzer Begrüßung legte Herr +Haltwelt+ +Christ+ und seinem Gefährten die Frage vor und forderte sie auf, wenn sie könnten, darauf zu antworten.

+Christ.+ Selbst ein Anfänger im wahren Christentum kann tausend solcher Fragen beantworten. Soll man Christus nicht um des Brotes willen nachfolgen[105], wie dies doch offenbar ist, so ist es ja wahrhaft abscheulich, Ihn als Larve vorzunehmen, um die Welt zu gewinnen. Auch ist nie jemand dieser Meinung gewesen als Heiden, Heuchler, Teufel und Zauberer.

1. +Heiden.+ Die Heiden Hemor und Sichem hatten ihre Augen auf die Töchter und das Vieh des Patriarchen Jakob geworfen. Da sie dies unter keiner andern Bedingung erlangen konnten, als daß sie die Beschneidung annahmen, so sagten sie zu ihren Volksgenossen: „Wenn wir alles, was männlich unter uns ist, beschneiden, gleichwie sie beschnitten sind, so wird ihr Vieh und ihre Güter und alles, was sie haben, unser sein.“ Töchter und Vieh wollten sie haben: die Religion sollte nur das Mittel sein, dazu zu gelangen. (Lies 1. Mose 34, 20-24.)

2. +Heuchler.+ Die heuchlerischen Pharisäer waren derselben Religion zugetan. Sie wendeten lange Gebete vor und fraßen dabei der Witwen Häuser. Ihr Lohn war desto schwerere Verdammnis (Luk. 20, 47).

3. +Teufel.+ Judas, den der Herr einen Teufel nannte (Joh. 6, 70), hatte denselben Sinn. Er war fromm um des Beutels willen, den er trug; aber er wurde verworfen als ein Kind des Verderbens.

4. Ebenso Simon der +Zauberer+, der die Gabe des Heiligen Geistes um schnöden Gewinnes willen begehrte; das Urteil aber aus des Petrus Mund über ihn war: „Daß du verdammt werdest mit deinem Geld!“ (Apostelg. 8, 18-23).

5. Auch kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß der Mensch, welcher um irdischer Vorteile willen fromm wird, ebenso um irdischer Vorteile willen der Frömmigkeit wieder entsagt. Wie Judas die Welt liebte, als er ein Bekenner Christi wurde, ebenso verkaufte er hernach seine Frömmigkeit und seinen Herrn und Meister um der Welt willen. Wer also diese Frage bejaht, wie ihr getan habt, und wer jene Antwort als gültig anerkennt, der ist heidnisch, heuchlerisch, ja teuflisch gesinnt; und euer Lohn wird sein nach euren Werken.

Bei dieser Antwort sahen sie einander mit sichtbarer Bestürzung an und konnten kein Wort darauf finden. +Hoffnungsvoll+ stimmte +Christ+ vollkommen bei, und so entstand eine große Stille unter ihnen. Herr +Nebenwege+ und seine Genossen wußten nun keinen andern Rat, als langsamer zu gehen, um der unangenehmen Gesellschaft loszuwerden.

„Verstummen diese Männer,“ sagte +Christ+ zu seinem Gefährten, „schon vor dem Urteil der Menschen, die doch Erde und Asche sind, wie wollen sie vor dem Richterspruch Gottes bestehen, der ein verzehrendes Feuer ist?“

+Christ+ und +Hoffnungsvoll+ eilten nun voraus, und in kurzer Frist erreichten sie ein angenehmes Gefilde namens +Ruhe+, wo es den Pilgrimen innig wohl ward. Aber diese Ebene war sehr schmal, so daß sie geschwind darüber waren. Nun war am Ausgang des Gefildes ein kleiner Hügel, den man +Gewinn+ hieß, und in dem Hügel eine +Silbergrube+. Viele Pilgrime, die vor ihnen des Weges gekommen waren, hatten sich nach dem Hügel hinlocken lassen, um die Silbergrube zu sehen, denn es war eine Seltenheit. Als sie sich aber zu nahe an den Rand des Schachtes gewagt hatten, war der betrügliche Grund unter ihren Füßen gewichen, und sie waren rettungslos in die unergründliche Tiefe hinabgestürzt. Andre wurden hier wenigstens so gelähmt, daß sie ihr Leben lang nicht wieder zu rechter Kraft kommen konnten.

Ich sah dann in meinem Traum, daß ein wenig vom Weg ab, der Silbergrube gegenüber, einer namens +Demas+[106] stand, gleich einem vornehmen Herrn, der die Vorübergehenden einlud, herzukommen und zu sehen.

„Kommt herüber,“ rief er auch +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ zu, „ich habe euch etwas zu zeigen!“

„Was ist denn dort so Bedeutendes,“ antwortete +Christ+, „um uns von dem Wege nach Zion abwenden zu können?“

+Demas.+ Hier ist ein Silberbergwerk und Leute, die darin nach Schätzen graben: hier könnt ihr mit wenig Mühe euch reich machen!

+Hoffnungsvoll.+ Komm, Freund +Christ+, wir wollen hingehen und es uns ansehen!

+Christ.+ Ich komme nicht; ich habe früher schon viel von diesem Ort gehört und weiß, daß ihrer viele da ums Leben gekommen sind. Dazu ist der Reichtum nur ein Fallstrick für die, die ihm nachjagen, und ist sehr hinderlich auf der Pilgerreise[107].

Da rief +Christ+ dem +Demas+ zu: „Ist dieser Ort nicht gefährlich? Ist er nicht schon manchem ein Hindernis auf seiner Pilgerfahrt geworden[108]?“

„Man muß sich nur vorsehen,“ entgegnete +Demas+, indem er errötete.

„Nicht um einen Schritt,“ sagte +Christ+, „wollen wir uns der Silbermine nähern, sondern still unsern Weg fortsetzen.“

+Hoffnungsvoll.+ Was gilt’s! wenn +Nebenwege+ kommt und dieselbe Einladung erhält, so wird er sich gewiß verführen lassen, dahin zu gehen, um zu sehen.

+Christ.+ Ohne Zweifel; denn seine Grundsätze stimmen zu dem Weg, und ich fürchte sehr für ihn.

+Demas+ rief ihnen nun nochmals zu: „Wollt ihr denn nicht herüberkommen, um die herrlichen Dinge zu sehen?“

+Christ+ aber antwortete ihm rund heraus: „Du bist ein Feind der rechten Wege des Herrn; du bist deines Abfalls wegen schon gerichtet, warum willst du uns in gleiche Verdammnis stürzen? Wenden wir uns jetzt vom Wege ab, so werden wir einst vor dem Herrn, unserm König, mit Schanden dastehen müssen, wo wir doch mit Freudigkeit vor Ihm erscheinen sollten.“

„Ei,“ beteuerte +Demas+, „ich bin ja euer Bruder. Wartet ein wenig, so will ich mit euch gehen!“

„Wie heißest du?“ fragte +Christ+. „Bist du nicht +Demas+?“

+Demas.+ Ja, ich bin es, aber ich bin Abrahams Sohn.

+Christ.+ Ich kenne dich wohl. Gehasi ist dein Urgroßvater gewesen (lies 2. Kön. 5, 20-27) und Judas dein Vater, und du bist in ihre Fußtapfen getreten. Deine Worte sind nichts als teuflischer Trug. Dein Vater hat als ein Verräter am Strang geendet, und du verdienst kein besseres Los. Sei versichert, wenn wir zum König kommen, dann werden wir Ihm von deinem Verhalten Nachricht geben.

Und so zogen sie ihres Weges weiter.

Indessen war +Nebenwege+ mit seinen Genossen nachgekommen, und auf den ersten Wink gingen sie sämtlich zu +Demas+ hinüber. Ob sie nun in den Schacht gestürzt sind, als sie über dessen Rand blickten, oder ob sie hinabgestiegen sind, um nach Schätzen zu graben, oder ob sie durch die gewöhnlich aufsteigenden Dämpfe erstickt wurden -- ich weiß es nicht, aber sie alle haben den Weg nach Zion nie wieder betreten.

+Christ+ hob an zu singen:

Was ist die Erde mit ihren vergänglichen Schätzen? Seelen voll himmlischen Hungers und Durstes zu letzen, Sind sie zu klein, Göttliche Güter allein Können uns dauernd ergötzen.

Auf der andern Seite dieses Gefildes angekommen, sahen die Pilger hart an der Straße ein altes Denkmal stehen von seltsamer Gestalt. Es schien eine Frau zu sein, die in die Gestalt einer Säule verwandelt war. Sie blieben davor stehen und betrachteten es lange, ohne seine Bedeutung zu erraten. Endlich entdeckte +Hoffnungsvoll+ ganz oben eine Inschrift von ungewöhnlicher Schreibart. Da er aber kein Gelehrter war, so rief er +Christ+ (denn dieser war ein Gelehrter) herbei, doch einmal zuzusehen, ob er nicht diese Schriftzeichen entziffern könnte. +Christ+ kam, und nachdem er ein wenig buchstabiert hatte, las er folgende Worte: „+Gedenket an Lots Weib!+“ (Luk. 17, 32.)

Nun erkannten sie, daß das die Salzsäule wäre, in welche Lots Weib verwandelt worden, weil sie mit begierigem Herzen nach Sodom zurückgeblickt hatte, daraus sie zu ihrer Errettung floh (1. Mos. 19, 26).

„O mein Bruder,“ rief +Christ+ bewegt aus, „ist das Auffinden der Salzsäule gerade jetzt nach des +Demas+ Einladung, den Hügel +Gewinn+ zu besehen, nicht eine wunderbare Fügung! Wären wir seiner Lockung gefolgt, wie du wolltest: wir wären ebenso wie dieses Weib zu einem warnenden Denkmal geworden.“

Mit tiefer Beschämung sprach +Hoffnungsvoll+: „Ich erkenne meine große Torheit, und ich muß die Gnade des Herrn preisen, der mich nicht hingab in meines Herzens Gelüste und die Strafe noch aufschob, die ich ebensowohl wie dieses Weib verdient habe.“

„Wir wollen es unserm Herzen tief einprägen, was wir hier sehen,“ sagte +Christ+. „Dieses Weib entging einem Strafgericht, denn sie kam nicht in Sodom um; aber sie fiel in ein andres, denn sie wurde, wie wir sehen, in eine Salzsäule verwandelt.“

„Ja,“ versetzte +Hoffnungsvoll+, „sie soll uns ein warnendes Beispiel der göttlichen Strafgerichte sein. Gleicherweise wurden Korah, Dathan und Abiram mit den 250 Männern, die mit ihnen in ihrer Sünde umkamen, zu einem warnenden Zeichen (4. Mos. 26, 9. 10). Aber wie können nur Demas und seine Gefährten so ruhig nach diesen Schätzen suchen, da dieses Weib, weil sie nach ihren Gütern bloß zurückblickte (denn wir lesen nicht, daß sie auch nur einen Schritt vom Wege abwich), in eine Salzsäule verwandelt worden ist? Zumal da sie dieses Denkmal sehen müssen, sobald sie nur ihre Augen aufheben.“

„Allerdings,“ erwiderte +Christ+, „muß man sich darüber verwundern. Ihr Herz ist schon ganz verhärtet, und ich weiß sie mit nichts anderm zu vergleichen als mit Dieben, die selbst noch vor den Augen des Richters, ja unter dem Galgen stehlen. Von den Einwohnern zu Sodom wird gesagt, daß sie böse waren und sehr wider den Herrn sündigten. Und o wie gütig war Er gegen diese Menschen gewesen! Das Land war ja vor der Zerstörung gleich einem Garten des Herrn. Darum entbrannte Sein Zorn desto furchtbarer, und Er ließ Feuer und Schwefel auf sie herabregnen. So werden alle, die angesichts solch warnender Beispiele in ihren Sünden fortfahren, ein desto schwereres Gericht empfangen.“

+Hoffnungsvoll.+ Du hast ohne Zweifel die Wahrheit gesagt, und o welche Gnade ist es, daß wir, besonders aber ich, nicht selbst ein solches Denkmal des göttlichen Zorns geworden sind! Wir wollen nicht aufhören, Gott dafür zu danken, in Seiner Furcht zu wandeln und allewege an Lots Weib zu denken.

Ringe recht, wenn Gottes Gnade Dich nun ziehet und bekehrt, Daß dein Geist sich ganz entlade Von der Last, die ihn beschwert.

Nimm mit Furcht ja deiner Seele, Deines Heils mit Zittern wahr; Denn des Weges zu verfehlen, Schwebst du stündlich in Gefahr.

Liegt nicht alle Welt im Bösen? Steht nicht Sodom in der Glut? Seele, wer soll dich erlösen? Eilen, eilen ist hier gut.

Eile, wo du dich erretten Und nicht mit verderben willst; Mach dich los von allen Ketten, Flieh als ein gejagtes Wild!

Lauf der Welt doch aus den Händen, Dring ins stille Zoar ein; (1. Mos. 19, 22. 23) Eil, den Lauf wohl zu vollenden, Mache dich von allem rein!

Fußnoten:

[104] Wenn er seine Stimme holdselig macht, so glaube ihm nicht; denn es sind sieben Greuel in seinem Herzen (Spr. 26, 25).

[105] Jesus sprach zu dem Volk, das Ihm nachfolgte: Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch, ihr suchet Mich darum, weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Bemühet euch nicht um vergängliche Speise, sondern um die, welche bleibt zum ewigen Leben, die der Menschensohn euch geben wird (Joh. 6, 26. 27, a. Übers.).

[106] Der Apostel Paulus schreibt: Demas hat mich verlassen und diese Welt liebgewonnen (2. Tim. 4, 10).

[107] Die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke und viel törichte und schädliche Lüste, welche versenken die Menschen ins Verderben und Verdammnis (1. Tim. 6, 9).

[108] Das unter die Dornen gesät ist, das ist, wenn jemand das Wort Gottes hört, und der Betrug des Reichtums erstickt das Wort, und er bringt nicht Frucht (Matth. 13, 22).

Achtes Kapitel.

Nach großer Freude eine schwere Verirrung.

Auf ihrem Wege kamen nun die Pilger an einen herrlichen Strom. Der König David nennt ihn +Gottes Brünnlein+[109] und Johannes den +Strom des lebendigen Wassers+[110]. Der Weg zog sich gerade am Ufer dieses Stromes entlang. Hier wanderten +Christ+ und sein Gefährte mit großer Wonne, und durch jeden Trunk aus diesem Wasser des Lebens ward ihr ermatteter Geist sehr erquickt. Auf beiden Seiten des Stromes standen Fruchtbäume aller Art, deren Blätter das Blut der erhitzten Wanderer kühlten. Grüne, das ganze Jahr mit Lilien prangende Wiesen begleiteten den Strom, hier konnten sich die Pilgrime zum Schlafe niederlegen und im Frieden ruhen[111]. Wachten sie auf, so aßen sie von den Früchten der Lebensbäume und tranken von dem Wasser des Stromes. Das taten sie viele Tage und Nächte. Dabei sangen sie:

Wie herrlich ist’s, ein Schäflein Christi werden Und in der Huld des treusten Hirten stehn! Kein höhrer Stand ist auf der ganzen Erden, Als unverrückt dem Lamme nachzugehn. Was alle Welt nicht geben kann, Das trifft ein solches Schaf bei seinem Hirten an.

Hier findet es die angenehmsten Auen, Hier wird ihm stets ein frischer Quell entdeckt; Kein Auge kann die Gnaden überschauen, Die es allhier in reicher Menge schmeckt. Hier wird ein Leben mitgeteilt, Das unaufhörlich ist und nie vorübereilt.

Doch ist dies nur der Vorschmack größrer Freuden, Es folget nach die lange Ewigkeit! Da wird das Lamm die Seinen herrlich weiden, Wo der kristallne Strom das Wasser beut; Da siehet man erst klar und frei, Wie schön und auserwählt ein Schäflein Christi sei!

Nach diesen Tagen der Erquickung traten die Pilger ihre Reise wieder an (denn sie hatten ihr Ziel noch nicht erreicht); nachdem sie noch einmal gegessen und getrunken, brachen sie auf.

Jetzt sah ich in meinem Traum, daß, noch ehe sie weit gegangen waren, sich auf einmal der Weg von dem Strom immer weiter entfernte und dabei rauh und immer rauher wurde, was die beiden Wanderer mit Traurigkeit, ja mit Verdruß erfüllte; denn ihre Füße waren von dem vielen Gehen empfindlich geworden. Gleichwohl durften sie nicht vom Weg abweichen und wanderten, wenn auch sehr entmutigt[112], doch still weiter, indem sie sich nach einem angenehmern sehnten. Sie bemerkten bald, daß sich an der linken Seite der Straße eine Wiese -- +Abwegswiese+ genannt -- hinzog, auf welche ein Steg hinüberführte.

„Liegt diese Wiese längs des Weges,“ sagte +Christ+, „so laß uns hinübergehen!“ Er trat an den Steg und bemerkte einen Fußpfad, der auf der andern Seite des Zaunes immer der Straße entlang zu laufen schien. „Das ist ja, wie ich’s wünsche,“ rief er, „da drüben gehen wir besser; komm, lieber +Hoffnungsvoll+, wir wollen es versuchen.“

„Aber wie, wenn dieser Pfad von unserm Weg abführen sollte?“ versetzte +Hoffnungsvoll+.

„O nein!“ sagte +Christ+. „Das fürchte ich nicht. Sieh nur, geht er nicht beständig neben dem Weg her?“

So ließ sich +Hoffnungsvoll+ von seinem Gefährten überreden und folgte ihm über den Steg. Sie gingen auf diesem Fußpfad allerdings angenehmer, auch erblickten sie bald einen Mann, namens +Selbstvertrauen+, der denselben Pfad eingeschlagen hatte. „Wohin geht dieser Fußpfad?“ riefen sie ihm nach.

„Nach der Pforte des Himmels,“ antwortete er.

„Siehst du?“ sagte +Christ+, „habe ich es dir nicht gesagt? Nun wissen wir doch, daß wir auf dem rechten Weg sind.“

Nun folgten sie ihrem Führer; aber die Nacht überfiel sie, und es wurde so finster, daß sie ihn nicht mehr sehen konnten. Zu ihrem Entsetzen hörten sie ihn bald darauf in eine tiefe Grube hinabstürzen, in der er elendiglich umkam. Der Fürst dieses Landes hatte die Grube machen lassen, um all die ruhmredigen Narren hier zu Fall zu bringen. +Christ+ und sein Gefährte riefen, erhielten aber nichts zur Antwort als das Ächzen des Sterbenden.

„Ach, wo sind wir hingeraten?“ klagte +Hoffnungsvoll+, und Christ wußte vor Scham nichts zu erwidern. Indes hatte sich ein furchtbares Wetter zusammengezogen, das sich Donner und Blitz und Regengüssen über die Pilgrime entlud.

„Ach,“ seufzte +Hoffnungsvoll+, „daß ich auf meinem Weg geblieben wäre!“

„Wer konnte denken,“ sagte +Christ+, „daß dieser Weg uns irreführen würde?“

„Mir wollte er von Anfang nicht gefallen,“ erwiderte +Hoffnungsvoll+, „wie ich dir auch bemerklich machte. Jedoch wollte ich dir nicht widerstehen, denn du bist älter als ich.“

+Christ.+ O lieber Bruder, zürne mir nicht! Es ist mir sehr leid, daß ich dich vom Weg ab in eine so große Gefahr geführt habe. Vergib mir, ich hatte nichts Böses im Sinn.

+Hoffnungsvoll.+ Sei ruhig, lieber Bruder, ich vergebe dir, und ich glaube, es soll uns noch zum Besten dienen.

+Christ.+ Du bist barmherzig; aber wir dürfen hier nicht stehenbleiben; wir wollen versuchen zurückzugehen.

+Hoffnungsvoll.+ Aber, lieber Bruder, laß mich vorangehen!

+Christ.+ Nein, erlaube mir, vorauszugehen, damit, wenn uns irgendeine Gefahr droht, sie mich zuerst treffe; denn durch meine Schuld haben wir uns beide vom Weg entfernt.

+Hoffnungsvoll.+ Nein, du sollst nicht vorangehen; denn weil dein Gemüt in Unruhe ist, so könnte es dich leicht wieder vom Weg abführen.

Kaum hatten sie versucht, den Rückweg anzutreten, da hörten sie zu ihrer Ermutigung eine Stimme, die ihnen zurief: „+Richte dein Herz auf die gebahnte Straße; darauf du gewandelt hast, und kehre wieder um!+“ (Jer. 31, 21.)

Indes war aber das Wasser sehr angewachsen, und der Weg wurde äußerst gefährlich. Ich dachte dabei: „Wieviel leichter ist es doch, den guten Weg zu verlassen, als ihn wieder zu erreichen!“

Gleichwohl wagten sie den Rückweg, aber es war schon so finster und die Flut schon so hoch, daß sie oft in der äußersten Lebensgefahr schwebten. Alle ihre Mühe, den Steg in der Nacht wieder zu erreichen, war umsonst. Endlich fanden sie einen kleinen Zufluchtsort, wo sie bis zum Tagesanbruch aushalten wollten, und da sie sehr ermüdet waren, wurden sie bald vom Schlaf übermannt.

Nicht weit von der Stelle, wo sie lagen, war eine Burg, +Zweifelsburg+ genannt, die der +Riese Verzweiflung+ bewohnte, auf dessen Grund und Boden die Pilgrime jetzt schliefen. Am frühen Morgen erhob sich der Riese, um nach seiner Gewohnheit sein Gebiet zu durchstreifen, und bald gewahrte er die schlafenden Fremden.

Mit grimmiger und barscher Stimme hieß er sie aufstehen und fragte sie: „Wer seid ihr, und was habt ihr hier zu tun?“

Zitternd schlugen sie ihre Augen auf. „Wir sind Pilgrime,“ sagten sie, „und haben den Weg verloren.“

„Ihr habt euch an mir vergangen, rief der Riese; denn mein Gebiet habt ihr betreten, mit mir müßt ihr nun gehen!“