Pilgerreise zur seligen Ewigkeit

Part 12

Chapter 123,595 wordsPublic domain

Sie waren sich ihrer Schuld wohl bewußt und fanden daher keine Kraft in sich, dem Gewaltigen zu widerstehen, der sie vor sich her in seine Burg trieb, wo er sie in einen finstern, schmutzigen Kerker warf. Hier lagen sie vier Tage, ohne einen Bissen Brot, ohne einen Trunk Wasser zu genießen. Kein Lichtstrahl drang in ihre Finsternis; kein Mensch fragte, wie es ihnen gehe. Sie waren hier in übler Lage, dazu fern von Freunden und Bekannten[113]. +Christ+ war ganz untröstlich, weil sein Rat zu einem so schrecklichen Ausgang geführt hatte.

Der +Riese Verzweiflung+ hatte eine Frau, mit Namen +Mißtrauen+. Als sie sich zur Ruhe begeben hatten, erzählte er ihr, wie er zwei Pilgrime, die sein Gebiet betreten, eingefangen und in den Kerker geworfen habe. „Was meinst du, was soll ich nun mit ihnen tun?“ fragte er sie. Die Frau erkundigte sich, was das für Leute wären, woher sie kämen und wohin sie reisten. Nachdem sie dies erfahren, riet sie ihm, den Männern zuerst einmal mit einer tüchtigen Tracht Prügel aufzuwarten. In der Frühe des andern Morgens begab sich der Riese also nach dem Rat seiner Frau, mit einer Keule von wildem Apfelholz bewaffnet, zu seinen Gefangenen und jagte sie im Kerker herum, als ob sie Hunde wären, obwohl sie ihn nicht mit einem einzigen Wort beleidigt hatten. Danach fiel er über sie her und schlug sie so entsetzlich, daß sie auf dem Boden liegenblieben, ohne sich rühren zu können. Darauf verschloß er den Kerker wieder und überließ sie ihrem Jammer. Sie brachten denn auch den ganzen Tag nur mit Seufzen und Klagen hin.

In der folgenden Nacht besprachen sich der Riese und seine Frau weiter über die Gefangenen, und als letztere erfuhr, daß sie noch am Leben wären, riet sie ihm, dieselben zu bereden, sich selbst das Leben zu nehmen.

Am Morgen fand sich der Riese wieder bei den Unglücklichen ein, und da er sie noch sehr an den Wunden des vorigen Tages leiden sah, riet er ihnen, einem so elenden Leben durch Messer, Strick oder Gift ein Ende zu machen, denn aus diesem Gefängnis würden sie nie wieder herauskommen. Sie wagten es, ihn um Befreiung zu bitten, aber mit gräßlichen Gebärden, brüllend wie ein Löwe, fiel er über sie her und hätte sie ohne Zweifel umgebracht, wenn er nicht plötzlich von heftigen Krämpfen, wie er sie zuweilen bei Sonnenschein bekommt, befallen worden wäre. Dadurch war er des Gebrauchs seiner Hand für eine Zeitlang beraubt und zog sich deshalb zurück, sie ihren Gedanken überlassend. Die Gefangenen beratschlagten nun miteinander, ob es das beste wäre, seinem Rat zu folgen oder nicht, und begannen darüber folgendes Gespräch:

„Bruder,“ sagte +Christ+, „was sollen wir tun? Wir führen jetzt ein jämmerliches Leben. Ist es nicht besser, augenblicklich zu sterben als so zu leben? +Der Tag müsse verloren sein, darin ich geboren bin. Warum bin ich nicht gestorben von Mutterleibe an?+ (Hiob 3, 3. 11.) Viel lieber ist mir das Grab als dieser Kerker. Soll uns dieser Riese noch länger peinigen?“

+Hoffnungsvoll.+ Allerdings, unsre Lage ist entsetzlich, und der Tod, der uns daraus erlöste, wäre uns willkommen; aber laß uns wohl bedenken, daß der Herr des Landes, dahin wir gehen, gesagt hat: „+Du sollst nicht töten!+“ Keinem andern dürfen wir das Leben nehmen, noch weniger aber dem Rat des Riesen folgen und uns selbst umbringen. Wer einen andern tötet, kann nur den Leib töten; tötest du dich selbst, so tötest du Leib und Seele zugleich. Du sprichst von der Ruhe im Grab, mein Bruder; hast du die Hölle vergessen, in die sich die Mörder hinabstürzen? Du weißt, „+ein Totschläger hat nicht das ewige Leben bei ihm bleibend+“ (1. Joh. 3, 15). Überdies hat der Riese nicht alle Gewalt in seinen Händen; andre, die ebenso wie wir in seinem Gefängnis waren, sind wieder entkommen. Wer weiß, Gott, der Schöpfer der Welt, läßt ihn vielleicht sterben, oder er vergißt einmal die Tür zuzuschließen, oder er wird wieder einmal, während er bei uns ist, von seinen Krämpfen befallen und verliert den Gebrauch seiner Glieder. Sollte dies je wieder geschehen, so werde ich mich ermannen und das Äußerste versuchen, um seinen Händen zu entgehen. Ein Tor bin ich gewesen, daß ich es nicht eher versucht habe. Laß uns nur noch ein wenig aushalten, mein Bruder, vielleicht kommt bald die Zeit unsrer Erlösung. Laß uns nur nicht Selbstmörder werden!

Durch diesen Zuspruch beruhigte +Hoffnungsvoll+ einstweilen das Gemüt seines Bruders, und so verharrten sie denn den Tag über miteinander im Finstern in ihrer traurigen und kummervollen Lage.

Gegen Abend kam der Riese wieder in den Kerker, um zu sehen, ob sie seinen Rat befolgt hätten. Er fand sie aber noch am Leben -- am Leben, dies ist fast alles, was man von ihnen sagen kann, da sie vor Hunger und Durst und dem brennenden Schmerz der Wunden in diesem finstern Loch kaum noch Atem schöpfen können --; und mit grimmiger Wut rief er ihnen zu, da sie seinen Rat verachtet, so solle es schlimmer mit ihnen werden, als wenn sie nie geboren wären.

Zitternd und bebend vernahmen sie diese Worte, vor denen Christ in Ohnmacht fiel. Da er wieder zu sich gekommen war, sprach er aufs neue davon, ob es für sie nun doch nicht besser sei, sich das Leben zu nehmen.

„Mein Bruder,“ hob +Hoffnungsvoll+ wieder tröstend an, „gedenke doch nur daran, wie tapfer du sonst gewesen bist! +Apollyon+ konnte deiner nicht mächtig werden; alle jene Schrecknisse im +Tal der Todesschatten+ übermochten dich nicht. Durch wie viele Prüfungen, Angst und Nöte bist du schon gegangen! Und jetzt solltest du völlig verzweifeln? Du siehst, auch ich, von Natur viel schwächer als du, schmachte mit dir in demselben Kerker. Hat mich der Riese nicht ebensosehr verwundet wie dich? Auch ich genieße keinen Bissen Brot, keinen Tropfen Wasser, ich liege ebenso wie du in Finsternis und Trauer. Aber laß uns nur noch ein wenig dulden! Wie männlich warst du auf dem +Markt der Eitelkeit+! Nicht Ketten konnten dich schrecken, nicht Gefängnis, nicht blutiger Tod. Welche Schande, wenn wir nun verzweifeln wollten!“

Wieder war es Abend geworden, und als der Riese und seine Frau sich zurückgezogen hatten, fragte sie ihn, wie es mit den Gefangenen stände und ob sie seinem Rat gefolgt. Er antwortete: „Es sind halsstarrige, durchtriebene Menschen! Lieber erdulden sie alle Grausamkeit, als daß sie sich selbst umbringen.“ Sie erwiderte: „Dann führe sie morgen einmal in den Burghof und zeige ihnen die Gebeine und Schädel derer, die du schon in die andre Welt befördert hast, und mache es ihnen klar, daß du sie vor Ablauf einer Woche ebenso in Stücke zerreißen werdest, wie du es mit andern ihresgleichen getan.“

Der Tag war kaum angebrochen, so begab sich der Riese in den Kerker und trieb die Gefangenen hinauf in den Hof, der mit Menschengebeinen bedeckt war. „Diese,“ sagte er, „sind einst Pilgrime gewesen wie ihr; sie sind in mein Gebiet gekommen wie ihr, und ich habe sie in Stücke zerrissen, sobald es mir gefiel. So werde ich in wenigen Tagen auch mit euch tun. Jetzt geht zurück in euren Kerker!“ Und als sie sich umwandten, schlug er sie und trieb sie mit unbarmherzigen Hieben wieder hinab. Ihr Jammer überstieg an diesem Tag alle Grenzen.

Am Abend unterhielten sich der Riese und seine Frau wieder über die Gefangenen. Er sprach seine Verwunderung darüber aus, daß er sie weder durch Schläge noch durch Überredung aus der Welt schaffen konnte. Frau +Mißtrauen+ sagte: „Ich fürchte sehr, daß sie noch in der Hoffnung leben, es werde jemand kommen und sie aus dem Kerker befreien, oder daß sie Dietriche bei sich haben, wodurch sie zu entkommen hoffen.“

„Meinst du, liebe Frau?“ antwortete der Riese. „Dann will ich sie morgen früh gleich durchsuchen.“

Um Mitternacht fingen +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ an zu beten und beteten fort bis zu Tagesanbruch. Auf einmal rief +Christ+ wie erschrocken aus: „O ich Tor! Ich liege hier in diesem stinkenden Kerker und könnte frei und fröhlich meine Straße ziehen! Ich habe ja +den Schlüssel der Verheißung+ in meinem Busen, der gewiß alle Schlösser der +Zweifelsburg+ öffnet.“

„Was sagst du? Das ist ja herrlich, lieber Bruder!“ rief +Hoffnungsvoll+. „Nimm ihn heraus und versuch’s damit!“

+Christ+ zog ihn hervor und versuchte es sogleich an der Kerkertür, die sich augenblicklich öffnete, so daß +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ heraustreten konnten. Sie gingen bis zu der äußern Tür, die auf den Burghof führt, und öffneten sie ebenfalls mit dem +Schlüssel der Verheißung+. Nun kamen sie an das große eiserne Tor, das letzte Hindernis. Das Schloß ließ sich nur mit großer Mühe und vereinter Anstrengung aufschließen, allein auch dieses gelang endlich. Sie stießen es auf, um in Eile zu entfliehen. Jedoch das Knarren des eisernen Tores war so laut, daß der Riese darob erwachte und sich eilends aufmachte, um seinen Gefangenen nachzujagen. Seine Glieder wurden aber gelähmt durch plötzlich eintretende Krämpfe, so daß er sich nicht von der Stelle bewegen konnte. Die Pilger eilten davon und erreichten bald wieder des +Königs Heerstraße+, wo der Riese ihnen nichts mehr anhaben konnte.

Bei dem Steg blieben sie stehen und berieten miteinander, wie man die Wanderer, die ihnen etwa nachkommen würden, vor dem Gebiet des Riesen warnen könnte. Sie beschlossen, daselbst eine Säule aufzurichten, worauf sie folgende Worte eingruben: „Über diesen Steg geht es nach der +Zweifelsburg+, wo der +Riese Verzweiflung+ haust, der den König der himmlischen Stadt verachtet und Seinen heiligen Pilgern nach dem Leben steht.“

Diese Inschrift ward nachmals von vielen gelesen, und diese entgingen dadurch der Gefahr.

Als sie nun die Warnungssäule errichtet hatten, erhoben sie ihre Stimme und sangen:

Mache dich, mein Geist, bereit, Wache, fleh und bete, Daß dich nicht die böse Zeit Unverhofft betrete! Oft schon ist Satans List Über viele Frommen Zur Versuchung kommen.

Fußnoten:

[109] Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle (Ps. 65, 10).

[110] Und er zeigte mir einen lautern Strom des lebendigen Wassers, klar wie ein Kristall (Offenb. 22, 1).

[111] Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser; Er erquicket meine Seele (Ps. 23, 2. 3).

[112] Und das Volk ward verdrossen auf dem Weg (4. Mos. 21, 4).

[113] Ich bin elend und ohnmächtig, daß ich so verstoßen bin; ich leide Deine Schrecken, daß ich schier verzage (Ps. 88, 16).

Neuntes Kapitel.

Bei den Hirten auf den lieblichen Bergen.

Die Pilger erreichten bald die +lieblichen Berge+, welche dem Herrn des Hügels, von dem wir zuvor gesprochen, gehörten. Die Abhänge dieser Berge waren mit den anmutigsten Gärten, Baumanlagen und Weingärten bedeckt, zwischen denen man grüne Wiesen sah, durch welche frische Gebirgsbäche herabrauschten. Hier stillten sie den Durst, wuschen sich und aßen von den Früchten des Weinstocks nach Herzenslust. Auf einer Anhöhe nahe an der Heerstraße trafen die Pilger Hirten, die ihre Herden weideten. Zu diesen gingen sie hin, und, auf ihre Stäbe gelehnt, wie müde Pilger zu tun pflegen, wenn sie stillstehen, um mit jemand am Weg zu reden, fragten sie: „Wem gehören diese lieblichen Berge, und wes sind die Herden, die ihr weidet?“

+Hirten.+ Diese Berge sind +Immanuels Land+ und liegen im Gesichtskreis Seiner Stadt. Ihm gehören diese Schafe, und Er hat Sein Leben für sie gelassen (Joh. 10, 12).

+Christ.+ Ist dies der Weg zur himmlischen Stadt?

+Hirten.+ Ja, ihr seid auf dem rechten Weg.

+Christ.+ Wie weit ist es noch bis dahin?

+Hirten.+ Zu weit für alle, die ohne die Gnade des Herrn wandern.

+Christ.+ Ist der Weg sicher oder gefährlich?

+Hirten.+ Er ist sicher für die Gerechten, aber die Übertreter fallen auf demselben[114].

+Christ.+ Gibt es hier eine Ruhestätte für ermüdete Pilger?

+Hirten.+ Der Herr dieser Berge hat uns befohlen, gastfrei zu sein[115], und was wir haben, steht euch zu Gebote.

Ich sah nun in meinem Traum, daß die Hirten, als sie diese Männer als Reisende erkannten, sie fragten über ihr Woher und Wohin, besonders wie es ihnen gelungen sei, dieses Gebirge zu erreichen, da erfahrungsgemäß nur wenige von allen, die sich auf den Weg nach der himmlischen Stadt begeben haben, bis hierher zu kommen pflegten. Alle diese Fragen wurden zu voller Zufriedenheit der Hirten beantwortet, und mit großer Freundlichkeit sagten sie zu den Pilgern: „Seid willkommen auf den lieblichen Bergen!“

+Weise+, +Erfahren+, +Wachsam+ und +Aufrichtig+ -- dies sind die Namen der Hirten -- führten sie in ihre Zelte und bereiteten ihnen ein stärkendes Mahl. Sie baten die Pilger, eine Zeitlang bei ihnen zu verweilen, damit sie besser miteinander bekannt würden und sie sie desto mehr mit den guten Früchten der Berge erquicken könnten. Mit Freuden nahmen sie diese Einladung an, und weil es schon sehr spät war, begaben sie sich zur Ruhe.

Am frühen Morgen wurden sie von den Hirten geweckt, die ihnen die wichtigsten Punkte des Gebirges zeigen wollten. Dazu waren die Pilger gern bereit, und sie genossen, indem sie miteinander dahingingen, die herrliche Aussicht, die sich im Glanz des Morgenlichtes nach allen Seiten hin öffnete. Zuerst kamen sie auf die Spitze eines Berges, der senkrecht in eine große Tiefe abfiel; es war der Berg des +Irrtums+. Die Hirten hießen sie hinabsehen. Mit Entsetzen wurden sie in der Tiefe Menschen gewahr, die hinabgestürzt waren und zerschmettert am Boden lagen.

Was bedeutet das? fragte +Christ+.

Die +Hirten+ antworteten: „Habt ihr niemals von solchen gehört, die in Irrtum verfielen, weil sie Hymenäus und Philetus gefolgt hinsichtlich des Glaubens an die Auferstehung der Toten[116]?“

Sie antworteten: „Ja!“

Hierauf sagten die +Hirten+: „Diese sind es, welche da am Fuße des Berges zerschmettert liegen; sie liegen noch immer unbegraben da und sollen andre warnen, nicht zu hoch zu steigen und dem Rand dieses Abgrundes nicht zu nahe zu kommen.“

Von hier aus bestiegen sie einen andern Berg, den Berg der +Warnung+. Auf die Anweisung der Hirten, in die Ferne zu blicken, bemerkten sie dort zwischen einer Menge Gräber Menschen umherirren, die wie Blinde keinen Ausweg finden konnten und oft an die Grabeshügel stießen.

+Christ+ fragte: „Was bedeutet das?“

Die +Hirten+ antworteten: „Habt ihr nicht ein wenig vor diesen Bergen einen Steg gesehen, der links vom Weg auf eine Wiese hinüberführt?“

Sie erwiderten: „Ja!“

„Über diesen Steg,“ sagten die +Hirten+, „geht ein Fußpfad gerade nach der +Zweifelsburg+, wo der Riese +Verzweiflung+ haust. Diese Blinden, die ihr zwischen den Gräbern umherirren seht, sind Pilgrime gewesen wie ihr. Wo der Weg rauh wird, sind sie über den Steg gegangen und auf der Wiese in die Hände jenes Riesen gefallen, der sie eine Zeitlang in seinem Burgverlies gehalten, ihnen dann die Augen ausgestochen und sie an die Gräber geführt hat, zwischen denen sie bis auf diesen Tag umherirren. An ihnen ist das Wort des Weisen erfüllt: +Ein Mensch, der vom Weg der Klugheit irrt, der wird bleiben in der Toten Gemeinde+“ (Spr. 21, 16).

Mit Tränen in den Augen sahen +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ einander an, ohne ein Wort zu den Hirten zu reden.

Die Hirten führten die Pilger in ein tiefes Tal, wo eine Tür zu bemerken war, die in das Innere des Berges zu führen schien. Kaum war die Tür geöffnet, so drang ein entsetzlicher Schwefelgeruch heraus. Von den Hirten dazu aufgefordert, sahen sie hinein, doch der Raum war finster und voller Rauch. Dazwischen hörten sie ein Getöse von prasselndem Feuer und ein Geschrei wie von Gequälten.

Darauf fragte +Christ+: „Was bedeutet denn dies?“

Die +Hirten+ antworteten: „Dies ist ein Nebenweg zur Hölle, ein Weg, den die Heuchler zu gehen pflegen, namentlich, die ihre Erstgeburt verkaufen wie +Esau+; solche, die ihren Meister verraten wie +Judas+; solche, die das Evangelium lästern wie +Alexander+ (1. Tim. 1, 20), und solche, die sich der Lüge und Verstellung ergeben wie +Ananias+ und +Saphira+“ (Apostelg. 5, 1-11).

+Hoffnungsvoll+ sprach zu den +Hirten+: „Und hatte nicht jeder von diesen das Aussehen eines Pilgers gleichwie wir?“

„Ja,“ erwiderten die +Hirten+, „und zwar ziemlich lange.“

„Wie weit,“ fragte +Hoffnungsvoll+, „mochten sie wohl auf ihrer Pilgerschaft schon gekommen sein, als sie noch verstoßen wurden?“

„Manche über diese Berge hinaus, viele jedoch nicht bis hierher,“ war die Antwort der +Hirten+.

„O,“ riefen die +Pilger+, „wie nötig ist’s also, daß wir den Herrn, den Allmächtigen, um Kraft anflehen!“

„Ja,“ sagten die +Hirten+, „und sie auch wohl anwenden, wenn sie euch verliehen ist.“

+Christ+ und +Hoffnungsvoll+ wünschten nun ihre Reise fortzusetzen. Die Hirten waren es zufrieden und geleiteten sie noch bis an das Ende des Gebirges. Auf der letzten Anhöhe, +Klar+ genannt, wo man mit bewaffnetem Auge schon die Tore der himmlischen Stadt sehen konnte, blieben sie stehen. Sie gaben den Pilgern ihr Fernrohr. Diese aber waren von dem, was sie auf diesen Bergen gesehen hatten, so tief erschüttert, daß ihnen die Hand zitterte und sie keinen sichern Blick durch das Glas zu tun vermochten; indes glaubten sie doch die Tore und etwas von der Herrlichkeit der Stadt zu erkennen.

Indem sie sich zum Weitergehen anschickten, sangen sie:

Wie wird uns sein, wenn endlich nach dem schweren, Doch nach dem letzten ausgekämpften Streit Wir aus der Fremde in die Heimat kehren Und einziehn in das Tor der Ewigkeit, Wenn wir den letzten Staub von unsern Füßen, Den letzten Schweiß vom Angesicht gewischt Und in der Nähe sehen und begrüßen, Was oft den Mut im Pilgertal erfrischt!

Beim Abschied gab ihnen der Hirt +Weise+ eine Beschreibung des Weges mit. +Erfahren+ sprach: Hütet euch vor dem Verführer! +Wachsam+ warnte sie, auf dem bezauberten Grund zu schlafen. +Aufrichtig+ wünschte ihnen Gottes Geleit auf den Weg.

Da erwachte ich von meinem Traum.

Fußnoten:

[114] Die Wege des Herrn sind richtig, und die Gerechten wandeln darin; aber die Übertreter fallen darin (Hos. 14, 10).

[115] Gastfrei zu sein vergesset nicht, denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt (Hebr. 13, 2).

[116] Hymenäus und Philetus sind von der Wahrheit irregegangen und sagen, die Auferstehung der Toten sei schon geschehen, und haben etlicher Glauben verkehrt (2. Tim. 2, 17. 18).

Zehntes Kapitel.

Die Geschichte von Kleinglaube.

Abermals schlief ich ein und träumte: Ich sah dieselben Pilger den Berg hinab längs der Landstraße nach der Stadt zu gehen. Ein wenig jenseits des Gebirges liegt auf der linken Seite eine Landschaft mit Namen +Einbildung+, von wo ein krummer Fußpfad auf den Weg der Pilger herüberführte. Hier trafen sie mit einem lebhaften jungen Mann zusammen, der aus jener Gegend kam, sein Name war +Unwissend+.

+Christ+ fragte ihn nach seiner Heimat und nach dem Ziel seiner Reise.

Er antwortete: „Mein Herr, ich bin in der Gegend geboren, die ihr hier zur linken Seite seht, und ich reise nach der himmlischen Stadt.“

+Christ.+ „Aber wirst du auch zur Pforte der Stadt eingehen können? Du wirst dort viele Schwierigkeiten finden.“

+Unwissend.+ Ei, ich werde ebensogut hindurchkommen wie andre gute Menschen.

+Christ.+ Aber was willst du an der Pforte vorzeigen, das dir Einlaß gewährt?

+Unwissend.+ Ich kenne den Willen meines Herrn und habe ein rechtschaffenes Leben geführt; ich gebe einem jeden das Seine, ich bete, ich faste, ich erfülle alle meine Pflichten Gott und Menschen gegenüber, ich gebe Almosen und habe mein Vaterland verlassen, um das himmlische zu suchen.

+Christ.+ Aber du bist ja nicht zur engen Pforte am Eingang dieses Weges hereingekommen, ein krummer Weg hat dich hierher geführt, und darum -- du magst von dir halten, was du willst -- fürchte ich sehr, du wirst von dem Richter eher für einen Dieb und Mörder erklärt als zur Pforte des Himmels eingelassen werden.

+Unwissend.+ Meine Herren, ihr seid mir ganz fremd, ich kenne euch nicht. Folgt nur immerhin der Religion eures Landes, aber laßt mich auch der meinen folgen. Ich hoffe, alles wird noch gut werden. Was die Pforte betrifft, von der ihr redet, so weiß ja alle Welt, daß sie sehr weit von unsrer Landschaft abliegt, und niemand von uns ist der Weg dahin bekannt; allein dies ist auch nicht nötig, da wir, wie ihr seht, einen so angenehmen Fußsteig haben, der in kurzer Frist zur Straße führt.

Da +Christ+ hörte, wie weise sich der junge Mann dünkte, sagte er leise zu +Hoffnungsvoll+: „+An einem Narren ist mehr Hoffnung denn an ihm+ (Spr. 26, 12) und: +Ob der Narr auch selbst närrisch ist in seinem Tun, so hält er doch jedermann für einen Narren+ (Pred. 10, 3). Was wollen wir mehr tun? Sollen wir weiter mit ihm sprechen oder für jetzt vorausgehen und ihn über das nachdenken lassen, was er bereits gehört hat? Wir können uns ja zuweilen nach ihm umsehen und ihm vielleicht noch nützlich werden.“

+Hoffnungsvoll+ sprach:

„Wie kann ein Blinder richtig gehen, Wenn er dem Führer folget nicht? Ach, möchte er die Wahrheit sehen Und seinem Kopfe folgen nicht! So könnt’ es uns ja noch gelingen, Daß wir ihn mit zum Himmel bringen.

So laß uns also, da es nicht ratsam ist, ihm alles auf einmal zu sagen, ein paar Schritte vorausgehen, wenn es dir beliebt, und ihn von Zeit zu Zeit weiter unterweisen, soviel als wir denken, daß er aufnehmen kann.“

Da sie also ihren Lauf beschleunigten, blieb +Unwissend+ in einiger Entfernung hinter ihnen zurück. Plötzlich wurde es dunkel um sie her, und es begegnete ihnen ein Mann, der, mit sieben starken Stricken gebunden, von sieben unsaubern Geistern zu jener Tür zurückgetrieben wurde, die, wie die Pilger gesehen, in das Innere des Berges und in den Abgrund führt[117]. +Christ+ fing an zu zittern, und auch seinem Gefährten +Hoffnungsvoll+ wurde es bang. Während die Teufel diesen Mann wegführten, glaubte Christ in ihm einen gewissen +Abtrünnig+ aus der Stadt +Abfall+ zu erkennen, jedoch nicht mit völliger Sicherheit, da der Gebundene das Haupt wie ein ertappter Dieb niedersenkte. +Hoffnungsvoll+ sah ihm nach und bemerkte auf seinem Rücken einen Zettel mit der Aufschrift: „+Ein leichtfertiger Bekenner und fluchwürdiger Verleugner des Herrn.+“

+Christ+ sprach hierauf zu seinem Gefährten: Eben fällt mir ein, was einst hier in dieser Gegend einem guten Mann begegnet sein soll. Er hieß +Kleinglaube+, war dabei redlich und wohnte in der Stadt +Aufrichtig+. Der Vorfall war dieser.