Pilgerreise zur seligen Ewigkeit
Part 8
+Getreu.+ Ich hatte gehofft, mein teurer Freund, ich würde schon von unsrer Stadt aus deine Gesellschaft haben; aber du warst mir in kurzer Zeit weit vorgekommen, und ich mußte diesen bangen Weg ganz allein gehen.
+Christ.+ Wie lange bist du nach meiner Abreise noch in der Stadt +Verderben+ geblieben?
+Getreu.+ Bis ich nicht länger bleiben konnte; denn man hörte von nichts anderm mehr, als daß unsre Stadt in kurzer Frist mit Feuer vom Himmel vertilgt werden sollte.
+Christ.+ Davon redet man?
+Getreu.+ Ja, es war eine lange Zeit in jedermanns Mund.
+Christ.+ Und doch entfloh niemand als du der Gefahr?
+Getreu.+ Obschon, wie gesagt, ein großes Gerede davon war, mochten die meisten doch nicht recht daran glauben; denn ich hörte manche von dir und deiner verzweifelten Reise, wie sie deine Pilgerschaft nannten, sehr verächtlich reden. Aber ich glaubte es und glaube es auch noch, daß der Untergang unsrer Stadt durch Feuer und Schwefel vom Himmel erfolgen wird, und darum habe ich die Flucht ergriffen.
+Christ.+ Hast du auch etwas von unserm Nachbar +Willig+ gehört?
+Getreu.+ Ja, er sei bis an den Sumpf der +Verzagtheit+ mit dir gegangen. Man sagte, er sei auch hineingefallen, und obwohl er es leugnen wollte, glaube ich es doch, weil er von dem Schlamm noch ganz überzogen war.
+Christ.+ Was sagten die Nachbarn zu ihm?
+Getreu.+ Er ist seit seiner Rückkehr allen zum Gespött geworden und kann kaum noch Arbeit finden. Es steht jetzt siebenmal schlimmer um ihn, als wenn er nie aus der Stadt gegangen wäre.
+Christ.+ Aber warum sind sie so sehr wider ihn, da ja auch sie den Weg verlästern, den er verlassen hat?
+Getreu.+ O, sie sagen: „An den Galgen mit ihm; er ist ein Abtrünniger, er ist seinem Bekenntnis nicht treu geblieben!“ Und ich meine, Gott hat wohl selbst seine Feinde gegen ihn erweckt und ihn zum Sprichwort gemacht, weil er den Weg verlassen hat[84].
+Christ.+ Hast du nie mit ihm gesprochen, ehe du weggingst?
+Getreu.+ Ich bin ihm einmal auf der Straße begegnet; aber er sah, als schämte er sich vor mir, nach der entgegengesetzten Seite, und ich konnte ihn nicht sprechen.
+Christ.+ Ich hatte anfangs gute Hoffnung für diesen Mann; aber nun fürchte ich, daß er bei dem Untergang der Stadt mit umkommen wird, denn es ist ihm widerfahren das wahre Sprichwort: „+Der Hund frißt wieder, was er gespien hat, und die Sau wälzt sich nach der Schwemme wieder im Kot+“ (2. Petr. 2, 22).
+Getreu.+ Das fürchte ich auch, aber wer kann es hindern?
+Christ.+ Lassen wir ihn, lieber +Getreu+! Sprechen wir nun lieber von dem, was uns selbst näher angeht. Erzähle mir doch, was dir auf dem Weg begegnet ist; denn ich bin überzeugt, daß dir mancherlei widerfahren, wo nicht, wär’s ein Wunder.
+Getreu.+ An dem Sumpf der +Verzagtheit+ kam ich glücklich vorüber, in welchen du, wie ich merkte, gefallen bist, und erreichte wohlbehalten die Pforte; nur begegnete mir eine Person, namens +Wollust+, durch die ich in nicht geringe Gefahr geriet.
+Christ.+ Es war gut, daß du ihr entflohst. Auch Joseph wurde hart von ihr bedrängt, und er entfloh ihr wie du[85], aber fast hätte es ihn das Leben gekostet. Was hat sie dir getan?
+Getreu.+ Du kannst dir kaum einen Begriff davon machen, außer du habest es selber erfahren, welch eine schmeichlerische Zunge sie hat. Sie drang sehr in mich, mit ihr zu gehen, und versprach mir alle möglichen Freuden.
+Christ.+ Ja, aber sicherlich nicht die Freude eines guten Gewissens.
+Getreu.+ Du weißt wohl, was ich meine, lauter sinnliche und fleischliche Freuden.
+Christ.+ Gott sei Dank, daß du ihr entgangen bist! „Ihr Mund ist eine tiefe Grube; wem der Herr ungnädig ist, der fällt hinein“ (Spr. 22, 14).
+Getreu.+ Jawohl, aber ich weiß noch nicht, ob ich ihr ganz entronnen bin.
+Christ.+ Wie? Ich denke doch, daß du in ihr Begehren nicht gewilligt hast.
+Getreu.+ Nein, nicht daß ich mich befleckt hätte! Denn ich erinnerte mich eines alten Spruches, den ich einstmals gelesen, welcher also lautet: „+Ihre Füße laufen zum Tod hinunter; ihre Gänge führen ins Grab+“ (Spr. 5, 5). Darum schloß ich meine Augen, um nicht von ihrem Blick bezaubert zu werden. Darüber spottete sie, und ich ging meines Weges.
+Christ.+ Hast du weiter keine Gefahr bestanden?
+Getreu.+ Am Fuß des Berges der +Beschwerde+ redete mich ein sehr bejahrter Mann an und fragte, wer ich sei und wohin ich wandere. Ich sagte, ich sei ein Pilger und reise nach der himmlischen Stadt. „Du scheinst mir ein ehrlicher Mann zu sein,“ sprach er, „willst du nicht bei mir wohnen? Ich würde dir einen guten Lohn geben.“ Ich fragte ihn nach seinem Namen und seinem Wohnort. „Ich heiße +Alter Mensch+,“ sagte er, „und wohne in der Stadt +Betrug+.“ Ich fragte ihn nach seinem Geschäft und nach dem Lohn, den er geben wolle. „Mein Geschäft,“ erwiderte er, „sind allerlei Ergötzungen, der Lohn ist dieser, daß du mich einmal beerben sollst.“ Weiter fragte ich ihn nach seinem Hauswesen und nach seinen Dienstboten. Sein Haus, antwortete er, werde erhalten durch all die Kostbarkeiten der Welt, und seine Dienerschaft bestehe aus seinen eigenen Kindern. „Wie viele Kinder hast du denn?“ fragte ich ihn. „Ich habe nur drei Töchter,“ antwortete er, „sie heißen: +Fleischeslust+, +Augenlust+ und +Hoffärtiges Leben+ (1. Joh. 2, 16), und wenn du willst, kann ich dir eine von ihnen zur Frau geben.“ Ich fragte ihn endlich: „Wie lange soll ich bei dir wohnen?“ Er erwiderte, solange er selbst lebe.
+Christ.+ Und wie bist du zuletzt von ihm losgekommen?
+Getreu.+ Anfangs war ich ziemlich geneigt, mit ihm zu gehen, denn sein Vorschlag schien mir ganz annehmbar. Indem ich aber so mit ihm redete, sah ich auf seine Stirn, und da stand geschrieben: „+Ziehet den alten Menschen mit seinen Werken aus!+“ (Kol. 3, 9)
+Christ.+ Und wie geschah dir dann?
+Getreu.+ Wie Feuer drangen mir diese Worte in das Herz, und ich wußte nun: was er auch sagen, wie er auch schmeicheln mochte, er würde mich, wenn ich mit ihm ginge, als Sklaven verkaufen. Deshalb sagte ich ihm, er möge seine Worte nur sparen, denn ich sei nicht willens, auch nur die Schwelle seines Hauses zu betreten. Darauf verhöhnte er mich und drohte, mir jemand nachzuschicken, der mir den Weg sauer machen solle. Da ich mich umwandte, ihn zu verlassen, fiel er mit mörderischer Gewalt über mich her, als wollte er mich gar zerreißen. Wie ich seinen Händen entronnen bin, weiß ich nicht. Ich hatte etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ich sah, daß mir jemand mit Windeseile nachgelaufen kam. Gerade bei der Laube holte er mich ein.
+Christ.+ Ach, das war eben der Ort, wo ich vom Schlaf überfallen ward und das Zeugnis aus meinem Busen verlor.
+Getreu.+ Aber, lieber Bruder, laß mich noch ausreden! Sobald der Mann mich eingeholt hatte, schlug er mich zu Boden, daß ich wie tot dalag. Doch, als ich wieder ein wenig zu mir selber kam, fragte ich ihn, warum er so mit mir umginge. „Fluchwürdiger Sünder,“ so rief er mit Donnerstimme, „immer noch steigen arge Gedanken aus deinem Herzen auf, immer noch liebst du die Lust dieser Welt. Du bist ein Kind des Todes!“ -- „Ich elender Mensch!“ rief ich laut in der Angst meines Herzens, „wer wird mich erlösen von dem Leib dieses Todes? (Röm. 7, 24.) O laß Gnade für Recht ergehen!“ -- „Ich weiß nichts von Gnade,“ erwiderte er und hätte mich ohne Zweifel umgebracht, wäre nicht jemand gekommen, der ihm gebot, von mir abzulassen.
+Christ.+ Wer war denn das?
+Getreu.+ Ich kannte Ihn anfangs nicht. Aber da Er an mir vorüberging, erblickte ich Wundenmale an Seinen Händen und in Seiner Seite, woraus ich schloß, daß es unser Herr gewesen, und also stieg ich den Hügel hinan.
+Christ.+ Der dich einholte, war +Mose+, +der Mann des Gesetzes+. Er schont keines Menschen und weiß nichts von Gnade gegen diejenigen, die das Gesetz übertreten.
+Getreu.+ Ich weiß es wohl, ich habe ihn schon mehr als einmal gesehen. Er war es, der zu mir kam, als ich noch sorglos in meinem Haus wohnte, und sagte, er wollte mir das Haus über dem Kopf niederbrennen, wenn ich noch länger säumte.
+Christ.+ Aber sahst du das Haus auf der Spitze des Berges nicht, an dessen Seite dir Mose begegnete?
+Getreu.+ Ja, ich sah auch zwei schlafende Löwen davor. Da aber die Sonne noch hoch stand, ging ich bei dem Pförtner vorüber und den Berg hinunter.
+Christ.+ Das hat mir der Pförtner wohl gesagt, daß er dich habe vorbeigehen sehen; aber du hättest ein wenig da verweilen sollen, denn man sieht dort seltene, unvergeßliche Dinge. Aber bist du niemand begegnet im Tal der +Demut+?
+Getreu.+ Ja, ich traf einen gewissen +Unzufrieden+, der mich wieder gern mit zurückgenommen hätte. „In diesem ganzen Tal,“ sagte er, „findest du keine Ehre, ja, wenn du töricht genug bist, durch dieses Tal zu gehen, so beleidigst du alle deine Freunde: +Stolz+, +Übermut+, +Eigendünkel+, +Menschenruhm+; denn ich kenne sie wohl.“
+Christ.+ Und was gabst du ihm zur Antwort?
+Getreu.+ „Diese alle haben wohl Anspruch auf Verwandtschaft mit mir,“ sagte ich, „denn sie waren auch in der Tat meine Verwandten nach dem Fleisch; aber seit ich ein Pilgrim geworden bin, haben sie mich verleugnet, und ich habe sie aufgegeben. Überdies hast du dieses Tal völlig falsch dargestellt; denn Demut kommt vor der Ehre, und Hochmut kommt vor dem Fall (Spr. 16, 18). Deshalb will ich lieber durch dieses Tal zu der Ehre gelangen, welche von den weisesten Leuten für Ehre gehalten wird, als das zu erwählen, was du am meisten wert erachtest.“
+Christ.+ Trafst du sonst niemand in diesem Tal?
+Getreu.+ Ja, einen namens +Scham+; aber niemand trägt seinen Namen weniger mit Recht als er. Denn alle andern, die ich auf meiner Pilgerschaft getroffen, ließen sich doch endlich von mir abweisen; aber mit diesem frechen +Scham+ konnte man wirklich zu keinem Ende kommen.
+Christ.+ Wieso? Was sagte er denn zu dir?
+Getreu.+ Ja, der wollte von Religion überhaupt nichts wissen. „Es ist,“ sagte er, „für einen Mann durchaus eine entehrende Sache, sich um das Christentum zu kümmern; ein zartes Gewissen ist etwas Unmännliches; wer über alle seine Worte und Werke wachen und seine edle Freiheit verleugnen wollte, würde sich zum Spott und Gelächter der Welt machen.“ „Von jeher,“ sagte er, „sind nicht viel Mächtige, nicht viel Reiche oder Weise diesen Weg gegangen[86], welcher vernünftige Mensch möchte denn auch alles an eine ungewisse Zukunft setzen[87]! Die Pilgrime sind jederzeit die geringsten, unwissendsten und verachtetsten Leute gewesen.“ In dieser Weise ließ er sich noch über vieles andere gegen mich aus, was ich nicht alles wiederholen mag. Unter anderm sagte er noch: „Schämen sollte man sich, unter einer Predigt zu weinen und dann seufzend und schluchzend nach Hause zu kommen; den Nachbar um eines kleinen Fehlers willen um Verzeihung zu bitten und das wiederzuerstatten, was man ihm entwendet.“ Er sagte auch: „Durch das Christentum wird man der vornehmen Welt und ihren höhern Genüssen -- wie er deren Laster nannte -- entfremdet, indem man mit geringen Leuten Brüderschaft macht -- und das ist doch fürwahr eine Schande.“
+Christ.+ Nun, was antwortetest du hierauf?
+Getreu.+ Anfangs wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Ja, er setzte mir so zu, daß mir das Blut ins Gesicht stieg, und er hätte mich beinahe überwunden. Endlich gedachte ich des Spruches: „Was hoch ist unter den Menschen, das ist ein Greuel vor Gott“ (Luk. 16, 15). +Scham+ aber, so sagte ich mir, redet nur von Menschen und nicht von Gott und Gottes Wort, und am Jüngsten Tag wird das Urteil zum Leben oder zum Tod sich nicht nach den stolzen Geistern der Welt richten, sondern nach der Weisheit und dem Gesetz des Höchsten. Was Gott für gut erklärt, dachte ich, das ist gut und wenn alle Welt dawider wäre. Indem ich nun wohl erkannte, daß Gottesfurcht und ein zartes Gewissen der Herr liebt, daß die, welche in den Augen der Welt für Narren gelten, die Weisesten sind im Reich Gottes, und daß der Arme, der Christus liebt, reicher als der angesehenste Mann ist, der Ihn haßt, so rief ich in der Kraft des Herrn: „+Scham+, weiche von mir, du Feind meiner Seligkeit! Sollte ich dir nachgeben gegen den Willen des Herrn! Wie dürfte ich Ihm bei Seiner Wiederkunft ins Angesicht schauen[88]? Wollte ich mich jetzt der Wege des Herrn und Seiner Diener schämen, wie könnte ich dann auf den verheißenen Segen hoffen?“ -- Aber dieser +Scham+ war in der Tat ein widerwärtiger Geselle; nur mit großer Mühe konnte ich mich von ihm losmachen; immer wieder aufs neue drängte er sich heran, um mir etwas Nachteiliges gegen die Bekenner des Evangeliums ins Ohr zu flüstern, bis ich ihm endlich offen erklärte, daß alle seine Mühe vergeblich sei, denn was ihm so schlecht scheine, darin sehe ich die größte Herrlichkeit. Da ich mich dieses zudringlichen Gefährten entledigt sah, fing ich zu singen an:
Mitten in die Welt voll Streit ist der Christ gestellet, Feindesmacht von jeder Seit’ sucht, wie sie ihn fället. Doch es gilt ein Wörtlein hier auch dem schwächsten Kinde, Schreib es tief ins Herze dir: Überwinde! Überwinde, wenn die Lust kommt zu deinem Herzen! O man siegt nicht unbewußt, kämpfen ist nicht scherzen. Groß ist deiner Feinde Zahl, und sie nahn geschwinde; Wär’s des Tags zehntausendmal: Überwinde!
+Christ.+ Es freut mich, lieber Bruder, daß du diesem Taugenichts so männlich Widerstand getan, denn er trägt, wie du sagst, seinen Namen ganz mit Unrecht. Er heißt +Scham+ und ist doch so unverschämt, daß er uns auf der Straße nachläuft und uns vor den Leuten zu beschämen sucht, indem er das Wahre und Gute in den Kot zieht. Wäre er also nicht unverschämt, müßte er sich solches Tuns enthalten. Aber laß uns ihm nur kräftig widerstehen, denn trotz all seiner Prahlerei wird er sich doch nur bei Toren Gehör verschaffen können. „Die Weisen,“ sagt Salomo, „werden Ehre erben; aber wenn die Narren hoch kommen, werden sie doch zuschanden“ (Spr. 3, 35).
+Getreu.+ Ich denke, wir müssen wider diesen +Scham+ den um Beistand anrufen, welcher will, daß wir auf Erden mutig für die Wahrheit kämpfen.
+Christ.+ Du hast recht. Aber sage mir noch: Ist dir in jenem Tal sonst nichts zugestoßen?
+Getreu.+ Nein, ich hatte den ganzen übrigen Weg Sonnenschein; so auch im +Tal der Todesschatten+.
+Christ.+ Wohl dir! Mir ist es ganz anders ergangen. Ich hatte schon beim Eintritt in das Tal einen langen, furchtbaren Kampf mit +Apollyon+ zu bestehen. Schon verzagte ich an meinem Leben, da er mich zu Boden schmetterte und mir das Schwert aus der Hand flog. +Apollyon+ triumphierte. Aber ich rief an den Herrn, und Er erhörte mich und half mir aus aller meiner Not. Im +Tal der Todesschatten+ hatte ich fast den halben Weg kein Licht. Da dachte ich oftmals, ich werde umkommen; aber zuletzt brach der Tag an, die Sonne ging auf, und ich konnte das Ende des Tales ohne große Gefahr erreichen.
Ich sah nun in meinem Traum, daß +Getreu+, als er seitwärts blickte, einen Mann namens +Schwätzer+ gewahr wurde, der in einiger Entfernung neben ihnen herging (denn die Straße war hier breit). Es war ein großer Mann, dessen Gestalt aber würdiger in der Ferne als in der Nähe erschien. +Getreu+ redete ihn also an:
„Wohin, Freund? Gehst du auch nach der himmlischen Stadt?“
+Schwätzer.+ Ja, dahin geht auch mein Weg.
+Getreu.+ Schön, ich hoffe, du wirst uns gute Gesellschaft leisten.
+Schwätzer.+ Sehr gern will ich mit euch wandern.
+Getreu.+ So komm denn und laß uns heilsame Gespräche führen!
+Schwätzer.+ Mit euch von heilsamen Dingen zu reden, das tue ich sehr gerne wie mit jedem andern, und ich bin froh, mit jemand zusammengetroffen zu sein, der also gesinnt ist. Denn ich muß sagen, es gibt nur wenige, die ihre Zeit auf Reisen so wohl anwenden. Die meisten wollen nur von unnützen Dingen reden, und das ist mir immer sehr lästig gewesen.
+Getreu.+ Das ist allerdings betrübend. Denn wo gibt es einen edlern Gegenstand des Gesprächs als Gott und göttliche Dinge?
+Schwätzer.+ Äußerst treffend, und -- ich setze hinzu -- was ist so angenehm, so heilsam als dies? Besonders für einen Menschen, der an wunderbaren Dingen seine Freude hat. Redet jemand gern von der Geschichte oder von den geheimen Kräften der Natur oder von Wundern und Zeichen, wo soll er solches wohl so nett aufgezeichnet, so lieblich und schön beschrieben finden als in der Heiligen Schrift?
+Getreu.+ Das ist wahr. Aber der Zweck unsers Gesprächs muß sein, dadurch erbaut und gebessert zu werden.
+Schwätzer.+ Das ist es ja, was ich sage. Es ist sehr fruchtbringend, von diesen Dingen zu reden, denn so lernt man vieles kennen wie zum Beispiel die Eitelkeit der irdischen und den Vorzug der himmlischen Güter. Dies nur im allgemeinen; im besondern lernt man dadurch die Notwendigkeit der neuen Geburt, die Unzulänglichkeit unsrer Werke, wie nötig uns die Gerechtigkeit Christi ist usw. Außerdem kann man durch Gespräche lernen, was Buße sei, was Glaube, Gebet, Geduld und dergleichen. Dadurch kann man auch die großen Verheißungen und Tröstungen des Evangeliums kennenlernen; ferner, wie man falsche Meinungen widerlegt, die Wahrheit verficht und die Unwissenden unterrichtet.
+Getreu.+ Dies ist alles wahr, und ich freue mich, es von dir zu hören.
+Schwätzer.+ Ach, der Mangel hieran ist ja eben die Ursache, daß so wenige verstehen, wie notwendig der Glaube und das Werk der Gnade in der Seele des Menschen zum ewigen Leben sei und daß so viele in ihrer Unwissenheit in den Werken des Gesetzes leben, durch welche ein Mensch das Himmelreich durchaus nicht erlangen kann.
+Getreu.+ Aber, erlaube mir, himmlische Erkenntnis dieser Dinge ist eine Gabe Gottes, die niemand durch menschliche Bemühung, noch weniger durch bloße Gespräche erlangt.
+Schwätzer.+ Das weiß ich recht gut. Denn es kann kein Mensch etwas nehmen, es werde ihm denn von oben gegeben (Joh. 3, 27). Es ist alles aus Gnaden, nicht aus den Werken. Das könnte ich dir wohl mit hundert Stellen aus der Schrift beweisen.
+Getreu.+ Gut, aber was ist es nun, wovon wir reden wollen?
+Schwätzer.+ Was du nun willst: Ich will dir von himmlischen oder irdischen Dingen sagen, von Sittenlehre oder Evangelium, von geistlichen oder weltlichen Dingen, aus der Vergangenheit oder Zukunft, von fremden Ländern oder von unserm Vaterland, von wesentlichen oder unwesentlichen Dingen -- doch so, daß alles zu unserm Nutzen gereiche.
Hierüber verwunderte +Getreu+ sich höchlich; er trat zu +Christ+, der die ganze Zeit allein gegangen war, und sagte leise zu ihm: „Welch einen wackern Gefährten haben wir bekommen! Wahrlich, das ist ein ausgezeichneter Pilgrim!“
+Christ+ erwiderte lächelnd: „Dieser Mann, von dem du so eingenommen bist, wird mit seiner gewandten Zunge noch viele, die ihn nicht kennen, hinter das Licht führen.“
„Kennst du ihn denn?“ fragte +Getreu+.
„Ob ich ihn kenne? Ja, besser, als er sich selbst kennt,“ antwortete +Christ+.
+Getreu.+ So sage mir, was ist es für ein Mann?
+Christ.+ Er heißt +Schwätzer+. Ich wundere mich, daß du ihn nicht kennst, er wohnt ja in unsrer Stadt, die allerdings von großem Umfang ist.
+Getreu.+ Wessen Sohn ist er denn, und wo wohnt er?
+Christ.+ Er ist der Sohn eines gewissen +Redselig+. Er wohnt in der +Schwatzgasse+ und ist allgemein bekannt unter dem Namen +Schwätzer+ in der +Schwatzgasse+, und trotz seiner gewandten Zunge ist er doch ein erbärmlicher Mensch.
+Getreu.+ Ei, mir scheint er doch ein sehr angenehmer Mann zu sein.
+Christ.+ So scheint er allen, die ihn nicht kennen. Unter den Leuten gibt er sich gar fromm, aber zu Hause ist er ein gehässiger, widerwärtiger Mensch. Er ist wie die Bilder, die sich von fern hübsch ausnehmen, in der Nähe aber mißfallen.
+Getreu.+ Du scherzest wohl nur, denn du hast vorhin gelächelt.
+Christ.+ Das sei ferne, daß ich bei so etwas scherzen oder gar jemand fälschlich beschuldigen sollte! Ich will dir aber noch mehr von ihm sagen. Dies ist ein Mann für jede Gesellschaft und für jedes Gespräch. So wie er jetzt mit dir redet, so wird er auch reden, wenn er in der Bierstube sitzt, und je mehr es ihm in den Kopf steigt, desto besser fließt seine Rede. Das Christentum hat keinen Raum in seinem Herzen noch in seinem Hause noch in seinem Wandel; alles, was er davon besitzt, liegt ihm auf der Zunge, und seine Frömmigkeit besteht in nichts anderm, als daß er davon schwatzt.
+Getreu.+ Wenn dem so ist, dann habe ich mich in diesem Mann sehr getäuscht.
+Christ.+ Gewiß. Erinnere dich nur der Sprüche: „+Sie sagen’s wohl und tun’s nicht+“ (Matth. 23, 3) und: „+Das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in Kraft+“ (1. Kor. 4, 20). Er spricht wohl vom Gebet, von Buße und Glauben und von der neuen Geburt; aber er versteht nichts weiter, als davon zu sprechen, denn in seinem Herzen hat er nichts davon erfahren. Ich habe ihn zu Hause sowie draußen beobachtet; und ich weiß, daß es wahr ist, was ich von ihm sage. Wahre Gottesfurcht ist in seinem Hause nicht zu finden, weder Gebet noch Bußfertigkeit über die Sünde. Er gilt bei allen, die ihn kennen, als eine Schmach und ein Schandfleck des Christentums, das um seinetwillen in jenem ganzen Teil der Stadt, wo er wohnt, verlästert wird. Das Volk sagt von ihm: „Ein Teufel im Hause und ein Heiliger draußen.“ Seine arme Familie muß das in reichem Maß erfahren. Er ist ein harter Geizhals; er schilt mit dem Gesinde und ist so unvernünftig in seinen Forderungen, daß man ihm nichts recht machen kann. „Mit einem Türken,“ sagt man, „kann man eher zusammen leben als mit ihm.“ Diesem +Schwätzer+ soll es auch nicht darauf ankommen, seinen Nächsten zu überlisten, zu betrügen und zu übervorteilen. Um in einer Sache zu seinem Ziel zu kommen, da ist ihm kein Mittel zu schlecht. Seine Söhne hat er so erzogen, daß sie jetzt schon in seinen Fußtapfen wandeln, und wenn er bei einem von ihnen eine närrische Schüchternheit findet -- so nennt er das erste Erwachen des Gewissens --, so heißt er ihn einen Narren und Dummkopf und läßt ihn eine Zeitlang seine Verachtung fühlen. Kurz, nach meinen Beobachtungen hat er durch seinen gottlosen Lebenswandel viel Ärgernis hervorgerufen und manchen dadurch zu Fall gebracht, und ich befürchte, er wird noch vielen, wenn Gott es nicht verhütet, zum Verderben gereichen.
+Getreu.+ Deinen Worten, lieber Bruder, muß ich wohl Glauben schenken, nicht allein, weil du als Augenzeuge sprichst, sondern auch, weil du von diesem Menschen nur, wie einem Christen geziemt, urteilst; nicht in böser Absicht, sondern um der Wahrheit willen.
+Christ.+ Hätte ich ihn nicht besser gekannt als du, so würde ich vielleicht anfangs wie du von ihm geredet haben. Ja, hätte ich dies Urteil über ihn aus dem Munde von Feinden des Evangeliums, so hätte ich dasselbe für eine Verleumdung gehalten -- denn solches mußten ja die Frommen zu aller Zeit über sich ergehen lassen --; aber nein, aller dieser Dinge und noch vieler andrer, um die ich genau weiß, kann ich ihn überführen. Über dies alles sind die Frommen mit ihm übel daran und schämen sich seiner. Sie können ihn weder Bruder noch Freund heißen. Wenn sie seinen Namen nur nennen hören, werden sie schamrot.
+Getreu.+ Ich sehe wohl, daß Reden und Tun zweierlei ist, und ich will es künftig besser unterscheiden.