Pilgerreise zur seligen Ewigkeit

Part 4

Chapter 43,964 wordsPublic domain

[2] Wir sind allesamt wie die Unreinen, und alle unsre Gerechtigkeit ist wie ein unflätig Kleid (Jes. 64, 5).

[3] Wer nicht absagt allem, was er hat, kann nicht Mein Jünger sein (Luk 14, 33).

[4] Meine Sünden gehen über mein Haupt; wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer geworden (Ps. 38, 5).

[5] Die Welt.

[6] Wer wird aber den Tag Seiner Zukunft erleiden können, und wer wird bestehen, wenn er wird erscheinen? (Mal. 3, 2)

[7] Gehet ein durch die enge Pforte! Die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind ihrer, die ihn finden (Matth. 7, 13. 14).

[8] Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege (Ps. 119, 105); siehe auch 2. Petr. 1, 19.

[9] So jemand zu Mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht Mein Jünger sein (Luk. 14, 26).

[10] Errette deine Seele und sieh nicht hinter dich; auch stehe nicht in dieser ganzen Gegend! (1. Mos. 19, 17.)

[11] Unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit (2. Kor. 4, 17).

[12] Ich bin gekommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben sollen (Joh. 10, 11).

[13] Nun aber begehren sie eines bessern, nämlich eines himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott; denn Er hat ihnen eine Stadt zubereitet (Hebr. 11, 16).

[14] Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes (Luk. 9, 62).

[15] Jesus spricht: Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß Ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret Meine Stimme (Joh. 18, 37).

[16] Gott ist nicht ein Mensch, daß Er lüge (4. Mos. 23, 19).

[17] Es kam einer in des Himmels Wolken wie eines Menschen Sohn ..., Seine Gewalt ist ewig, die nicht vergeht und Sein Königreich hat kein Ende (Dan. 7, 13. 14).

[18] Das ist die Verheißung, die Er uns verheißen hat: das ewige Leben (1. Joh 2, 25).

[19] Ihr werdet, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Ehren empfangen (1. Petr. 5, 4).

[20] Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden (Offenb. 3, 5).

[21] Die Gerechten werden leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich (Matth. 13, 43).

[22] Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! und die ihr nicht Geld habt, kommet her, kaufet und esset! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst, beides Wein und Milch! (Jes. 55, 1.) Wer zu Mir kommt, den werde Ich nicht hinausstoßen (Joh. 6, 87). Wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst (Offenb. 22, 17).

[23] Dies sind die Verheißungen der Gnade, auf denen die Seele, auch bei der größten Betrübnis über sich selbst, fußen kann!

[24] Er zog mich aus der grausamen Grube und aus dem Schlamm und stellte meine Füße auf einen Fels, daß ich gewiß treten kann (Ps. 40, 3).

[25] Stärket die müden Hände und erquicket die strauchelnden Knie! Gott kommt und wird euch helfen. Es wird daselbst eine Bahn sein und ein Weg, welcher der heilige Weg heißen wird, daß kein Unreiner darauf gehen darf; und derselbe wird für sie sein, daß man darauf gehe, daß auch die Toren nicht irren mögen (Jes. 35, 3. 4. 8).

[26] Der Berg Sinai.

[27] Der ganze Berg Sinai (bei der Gesetzgebung) rauchte, darum daß der Herr herab auf den Berg fuhr mit Feuer (2. Mos. 19, 18).

[28] Sie sind von der Welt; darum reden sie von der Welt, und die Welt hört sie (1. Joh. 4, 5).

[29] Sie wollen sich angenehm machen nach dem Fleisch, nur damit sie nicht mit dem Kreuz Christi verfolgt werden (Gal. 6, 12).

[30] Viele wandeln, und sind die Feinde des Kreuzes Christi (Phil. 3, 18).

[31] Mose erwählte viel lieber, mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, denn die zeitliche Ergötzung der Sünde zu haben, und achtete die Schmach Christi für größern Reichtum denn die Schätze Ägyptens; denn er sah an die Belohnung (Hebr. 11, 25. 26).

[32] Wir wissen, daß der Mensch durch des Gesetzes Werke nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus (Gal. 2, 16).

Zweites Kapitel.

Der Weg zum Frieden.

In kurzem hatte nun +Christ+ die Pforte erreicht. Über ihr bemerkte er mit großer Freude die Inschrift: „+Klopfet an, so wird euch aufgetan!+“ (Matth. 7, 7) und indem er zu wiederholten Malen anklopfte, sprach er bei sich selbst:

Wird Er mir auftun Seine Gnadentür? Wird Er den schnöden Knecht nicht von sich weisen? Ach, dürft’ ich eingehn, wahrlich für und für Wollt’ ich die Größe der Erbarmung preisen!

Endlich erschien ein ehrwürdiger Mann an der Pforte, namens +Gutwillig+, der fragte, wer da wäre, von wannen er käme und was er begehre.

+Christ+ antwortete: „Hier ist ein armer, beladener Sünder. Ich komme aus der Stadt +Verderben+, reise aber nach dem Berg +Zion+, um dem zukünftigen Zorn zu entrinnen. Da der Weg, wie ich belehrt bin, durch diese Pforte geht, so bitte ich dich, lieber Herr, mir den Eingang zu gestatten.“

„Von Herzen gern,“ sagte +Gutwillig+, der Pförtner, und somit öffnete er ihm die Pforte. Als +Christ+ nun eintreten wollte, zog ihn der andre beim Arm schnell herein.

„Was soll das bedeuten?“ fragte Christ. Jener antwortete: „Sieh dort in geringer Entfernung liegt ein festes Schloß, das von +Beelzebub+, der Teufel Obersten, befehligt wird; von dort aus schießt er und die, welche bei ihm sind, gerade dann seine feurigen Pfeile[33] nach den Pilgrimen ab, wenn sie im Begriff sind, zu der engen Pforte einzugehen, um sie womöglich noch vor ihrem Eintritt zu töten.“ +Christ+ bemerkte diese Gefahr erst, als er sich schon gerettet sah, und sprach: „Ich freue mich mit Zittern.“

Als er nun eingetreten war, fragte +Gutwillig+: „Wer hat dich denn hierher gewiesen?“

+Christ.+ Der +Evangelist+ hieß mich hierhin gehen und anklopfen, wie ich denn nun auch getan. Er sagte, daß du, Herr, mir weisen werdest, was ich weiter tun müsse.

+Gutwillig.+ Da ist eine offene Tür vor dir, und niemand kann sie zuschließen (Offenb. 3, 8).

+Christ.+ Nun fange ich an, die Frucht meines gewagten Unternehmens zu ernten.

+Gutwillig.+ Aber wie kommt’s, daß du allein bist?

+Christ.+ Weil von meinen Nachbarn niemand wie ich die drohende Gefahr erkannte.

+Gutwillig.+ Wußten einige um deine Herreise?

+Christ.+ Ja, meine Frau und meine Kinder sahen es zuerst, daß ich wegzog, und riefen mir nach, ich sollte wieder umkehren; auch etliche meiner Nachbarn schrien mir nach; aber ich hielt mir die Ohren zu und setzte meinen Weg fort.

+Gutwillig.+ Ist dir niemand von ihnen nachgelaufen, dich zur Umkehr zu überreden?

+Christ.+ +Störrig+ und +Willig+ holten mich allerdings ein; als sie aber sahen, daß sie nichts bei mir ausrichten konnten, kehrte +Störrig+ spottend wieder um, während +Willig+ noch eine kleine Strecke mit mir ging.

+Gutwillig.+ Warum ist er den Weg nicht weiter mit dir gezogen?

+Christ.+ Wir kamen miteinander bis an den Sumpf +Verzagtheit+, in den wir beide fielen; darüber verlor Nachbar +Willig+ gänzlich den Mut, daß er es mit mir nicht weiter wagen wollte. Deshalb arbeitete er sich an der Seite, die nach seinem Hause zuging, heraus und sagte zu mir, ich möge seinetwegen das herrliche Land nur allein in Besitz nehmen; also ging er seines und ich ging meines Weges, er seinem Nachbar +Störrig+ nach, ich zu dieser Pforte.

„Ach, der arme Mann!“ sprach +Gutwillig+, „achtete er die himmlische Herrlichkeit so gering, daß er, um sie zu erlangen, nicht wert hält, einige Beschwerden auf sich zu nehmen?“

„Wahrlich,“ sagte +Christ+, „ich habe, was +Willig+ betrifft, die Wahrheit gesagt, und wenn ich von mir die Wahrheit reden soll, so steht’s mit mir auch nicht besser. Es ist wahr, er kehrte nach seinem Hause zurück, ich aber bin zur Seite abgewichen auf den Weg des Todes. Und dazu ließ ich mich durch die sinnlichen Vorstellungen eines Herrn +Weltklug+ bewegen.“

+Gutwillig.+ O mit dem bist du zusammengetroffen? Der wollte dich ohne Zweifel zu bereden suchen, dich bei Herrn +Gesetzlich+ nach Erleichterung umzusehen. Sie sind beide rechte Betrüger. Aber folgtest du denn seinem Rat?

+Christ.+ Ja, leider! Ich ging, um Herrn +Gesetzlich+ aufzusuchen; als ich aber an den Berg kam, der bei seinem Hause liegt, glaubte ich, er würde auf mich herunterstürzen, und so war ich gezwungen, stillzustehen.

+Gutwillig.+ Dieser Berg hat schon manchem den Tod gebracht und wird noch vielen den Tod bringen[34]. Wohl dir, daß du entronnen und nicht von ihm zerschmettert worden bist!

+Christ.+ Ja, ich weiß in der Tat nicht, was dort aus mir geworden, wenn nicht gerade der +Evangelist+ mir wieder begegnet wäre, als ich in meiner Verwirrung weder ein noch aus wußte. Aber Gottes Gnade war es, die ihn mir wieder zuführte; denn ohne die würde ich nimmermehr hierhergekommen sein. So bin ich denn nun hier, ich, der ich eher den Tod unter jenem Berg verdient hätte, als hier zu stehen und mit meinem Herrn zu reden. Doch, o welch eine Gnade für mich, daß ich dennoch hier eingelassen worden bin!

+Gutwillig.+ Wir weisen niemand zurück, der hierher kommt, was er auch früher Böses getan haben mag; es wird keiner hinausgestoßen[35]. -- Komm darum eine kleine Strecke mit mir, lieber +Christ+, ich will dir den Weg zeigen, den du zu gehen hast. Siehst du wohl da gleich vor dir jenen schmalen Weg? Das ist der Weg, den du gehen mußt. Er ist gebahnt von den Patriarchen und Propheten, von Christus und Seinen Aposteln, und er ist so gerade, wie ihn nur eine Richtschnur machen kann. Das ist der Weg, den wandle!

„Gibt es aber keine Abwege und Krümmungen,“ fragte +Christ+, „die den Wanderer irremachen können?“

„Es stoßen viele Wege daran,“ sagte +Gutwillig+, „aber sie sind krumm und breit[36], während der rechte Weg gerade und schmal ist, und daran kannst du den rechten Weg vom verkehrten wohl unterscheiden.“ --

Ich sah nun in meinem Traum, daß +Christ+ ihn noch weiter fragte, ob er ihn nicht von der Last auf seinem Rücken befreien könne; denn bis dahin hätte er durch kein Mittel sich ihrer entledigen können.

„Habe nur noch ein wenig Geduld,“ sagte der Pförtner, „bald wirst du an eine Stelle kommen, wo die Last ohne dein Zutun von deinem Rücken fallen wird.“

Hierauf gürtete +Christ+ seine Lenden und machte sich reisefertig. +Gutwillig+ sprach noch zu ihm, wenn er jetzt von der Pforte aus eine kleine Strecke zurückgelegt haben werde, finde er das Haus des +Auslegers+; an dessen Tür solle er anklopfen, und der werde ihn herrliche Dinge sehen lassen. Darauf nahm +Christ+ Abschied von dem freundlichen Pförtner, und dieser wünschte ihm eine glückliche Reise und befahl ihn dem Schutz Gottes.

+Christ+ setzte also seinen Weg fort, bis er zu dem Haus des +Auslegers+ kam. Hier klopfte er einmal über das andre an, bis endlich jemand ans Tor kam und fragte, wer da sei.

„Herr,“ sagte +Christ+, „hier ist ein Reisender, dem durch einen Bekannten des gütigen Herrn dieses Hauses geraten worden ist, hier sich unterweisen zu lassen. Ich wünsche daher mit dem Hausherrn zu sprechen.“ Dies wurde dem Herrn gemeldet, der auch nach einer kleinen Weile herauskam und +Christ+ fragte, was sein Begehr sei.

„Herr,“ sagte +Christ+, „ich bin ein Mann, der aus der Stadt +Verderben+ kommt, und ich gehe nach dem Berg +Zion+. Von dem Mann, der an der Pforte am Eingang dieses Weges steht, ist mir gesagt worden, daß, wenn ich hier vorspräche, du mir herrliche Dinge zeigen würdest, die mir für meine Reise sehr dienlich wären.“

Da sprach der +Ausleger+: „Komm herein! Ich will dir zeigen, was dir von Nutzen sein wird.“ Er befahl seinem Diener, ein Licht anzuzünden, hieß +Christ+ ihm folgen und führte ihn zu einem besondern Zimmer, welches sein Diener aufschloß. Als dies geschehen war, sah +Christ+ das Bild eines ehrwürdigen Mannes an der Wand hangen, und es war also beschaffen: Seine Augen waren gen Himmel erhoben, das Buch der Bücher hatte er in seiner Hand, das Gesetz der Wahrheit war auf seinen Lippen, und der Welt hatte er den Rücken gewandt; so stand er da wie einer, der eifrig mahnt und bittet, und über seinem Haupt hing eine goldene Krone.

+Christ+ fragte: „Was soll dieses Bild darstellen?“

+Ausleger+: Der Mann ist einer aus Tausenden; er kann mit dem Apostel sagen: „Ob ihr gleich zehntausend Zuchtmeister hättet in Christus, so habt ihr doch nicht viele Väter; denn ich habe euch gezeugt in Christus Jesus durchs Evangelium“ (1. Kor. 4, 15) und: „Meine lieben Kinder, welche ich abermals mit Ängsten gebäre, bis daß Christus in euch eine Gestalt gewinne“ (Gal. 4, 19). Daß du ihn mit gen Himmel gerichteten Augen siehst, das Buch der Bücher in seiner Hand und das Gesetz der Wahrheit auf seinen Lippen, will andeuten, daß es sein Werk ist, nicht allein dunkle Dinge zu erkennen, sondern sie auch den Sündern auszulegen. Deshalb siehst du ihn auch stehen wie einer, der die Leute eindringlich ermahnt und bittet[37]. Daß du siehst, daß er die Welt hinter sich hat und daß über seinem Haupt eine Krone hängt, soll andeuten, daß er aus Liebe zum Herrn die Güter dieser Welt geringschätzt und verschmäht in der Gewißheit, der Herrlichkeit in jener Welt teilhaftig zu werden. -- Ich habe dich nun dies Bild zuerst sehen lassen, weil der Mann, den es darstellt, der einzige ist, welchem der Herr des Orts, wohin du gehst, die Vollmacht gegeben hat, dein Führer zu sein an all den schwierigen Stellen, an welche du auf deinem Wege kommen kannst. Habe also genau acht auf das, was ich dir gezeigt habe, und drücke dieses Bild tief in dein Herz und denke daran, wenn du auf deiner Reise mit solchen zusammentriffst, welche vorgeben, dich recht zu leiten, daß deren Weg in den Tod hinabführt.

Hierauf nahm ihn der +Ausleger+ bei der Hand und führte ihn in einen geräumigen, mehr im Innern des Hauses gelegenen Saal, welcher voller Staub war, da er niemals ausgekehrt worden war. Nachdem +Christ+ sich hier eine Weile umgesehen hatte, rief der +Ausleger+ einen Diener, dem er den Befehl gab, den Saal auszukehren. Als dieser nun zu kehren anfing, erhob sich ein so übermäßiger Staub, daß +Christ+ beinahe erstickt wäre. Der +Ausleger+ gebot hierauf einer Magd, Wasser zu bringen und den Fußboden zu besprengen, und sobald dies geschehen war, konnte man ihn mit Leichtigkeit auskehren und säubern.

„Was bedeutet nun das?“ fragte +Christ+.

„Dieser Saal,“ erklärte der +Ausleger+, „stellt das menschliche Herz dar, solange es noch nicht durch die süße Gnade des Evangeliums geheiligt ist. Der Staub ist die angeborene Sünde, das inwendige Verderben, das den ganzen Menschen verunreinigt. Jener, der zuerst kehrte, ist das Gesetz; diese, die das Wasser brachte und sprengte, das +Evangelium+. Wie bei der Bemühung des erstern sich ein gewaltiger Staub erhob, der die Reinigung des Saales unmöglich machte[38], du aber fast ersticktest, so macht das Gesetz, anstatt das Herz von der Sünde zu reinigen, dieselbe vielmehr lebendig[39] und kräftig[40] und bewirkt, daß sie mächtiger werde in dem Herzen[41], indem es die Sünde zwar aufdeckt und verbietet, aber keine Kraft gibt, sie zu überwinden.

Dagegen, wie die Jungfrau den Saal mit Wasser besprengte, worauf er sich leicht reinigen ließ, so wird, wenn das Evangelium mit seinen sanften, himmlischen Kräften in das Herz dringt, die Sünde besiegt und unterworfen, die Seele wird durch den Glauben gereinigt[42] und somit zubereitet, daß der König der Herrlichkeit in ihr Wohnung machen kann[43].“

Ferner sah ich in meinem Traum, daß der +Ausleger+ +Christ+ bei der Hand faßte und in ein kleines Gemach zog, in welchem zwei Kinder saßen. Das ältere hieß +Begierde+, das andre +Geduld. Begierde+ erschien höchst unzufrieden und mürrisch, +Geduld+ aber ganz ruhig und freundlich. +Christ+ fragte nun: „Aus welchem Grund ist +Begierde+ so unzufrieden?“ „Der Erzieher der Kinder,“ sagte der +Ausleger+, „hat ihnen kostbare Geschenke versprochen, die sie zu Anfang des nächsten Jahres erhalten sollen. +Begierde+ will sich nicht auf die Zukunft vertrösten lassen, sie verlangt alles sogleich zu haben; +Geduld+ hingegen wartet mit Freuden.“

Nun sah ich, wie jemand zu +Begierde+ hereinkam und ihr eine Menge kostbarer Dinge überbrachte, welche sie mit großer Hast und mit spöttischem Lächeln annahm, da ihre stille Nachbarin leer ausging. Ich sah aber eine Weile zu und siehe, es währte nicht lange, da hatte sie schon alles vergeudet und durchgebracht, und es blieb nichts übrig als ein Häufchen alter Lumpen.

Da sprach +Christ+ zum +Ausleger+: „Erkläre mir doch dieses deutlicher!“

+Ausleger.+ Diese beiden Kinder sind Sinnbilder. +Begierde+ ist ein Bild der Kinder dieser Welt, und +Geduld+ ist ein Bild der Kinder der zukünftigen Welt. Wie du gesehen hast, daß +Begierde+ alles in diesem Jahr, d. h. in dieser Welt haben will, so tun die Kinder dieser Welt, sie wollen ihr Gutes schon heute, in +diesem+ Leben dahinnehmen; sie können nicht warten bis zum nächsten Jahr, das ist bis in die zukünftige Welt, wo ihr Teil von Gott zugemessen ist. Das Sprichwort: „Ein Vogel in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dach“ gilt bei ihnen mehr als die Zeugnisse Gottes von den Gütern der zukünftigen Welt. Wie du aber +Begierde+ siehst alles in kurzer Zeit durchbringen und nichts andres übrigbehalten als Lappen und Lumpen, so wird es auch mit allen solchen Menschen gehen am Ende dieser Welt.

„Nun sehe ich,“ sagte +Christ+, „daß +Geduld+ allein weise ist, und zwar aus verschiedenen Gründen, einmal, weil ihr Herz nach den besten Gütern trachtet, und zum andern, weil sie dann im Besitz der Herrlichkeit ist, wenn die andre in Elend und Schmach dasitzt.“

+Ausleger.+ Ja, so ist’s, und wir können noch hinzufügen, daß die Herrlichkeit der zukünftigen Welt nimmer vergeht, während die Schätze dieser Welt im Nu vorbei sind. Deshalb hat +Begierde+ keine Ursache, über +Geduld+ zu lachen, darum daß sie ihr Gutes zuerst empfangen hat; vielmehr könnte +Geduld+ über +Begierde+ lachen, weil sie ihr Gutes zuletzt empfängt; denn das Erste muß dem Letzten weichen, das Letzte aber hört nimmer auf, da ihm kein andres folgt. Darum muß derjenige, der sein Teil zuerst genießt, notwendig eine Zeit haben, es zu verbrauchen; wer aber sein Teil zuletzt hat, der wird es für immer besitzen. Darum wird zu dem reichen Mann gesagt: „+Du hast dein Gutes empfangen in deinem Leben, und Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun aber wird er getröstet, und du wirst gepeinigt+“ (Luk. 16, 25).

+Christ+ rief aus: „Nun sehe ich, daß es nicht ratsam ist, nach gegenwärtigen Gütern zu trachten, sondern zu warten auf die zukünftigen!“

Darauf sprach der +Ausleger+: „Da hast du recht gesagt; +denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig+ (2. Kor. 4, 18). Obschon dies nun also ist, so stehen doch die zeitlichen Dinge und die fleischlichen Lüste in naher Beziehung zueinander, während die zukünftigen Dinge und der fleischliche Sinn einander stets fremd bleiben. Daher schließen auch die ersten beiden so schnell Freundschaft miteinander, die letztern aber lassen sich nimmer vereinen.“

Nun sah ich in meinem Traum, daß der +Ausleger+ +Christ+ bei der Hand nahm und ihn in einen Raum führte, wo ein Feuer an einer Mauer brannte, welches ein daneben Stehender mit Wasser auszulöschen bemüht war. Es wollte ihm aber nicht gelingen, vielmehr loderte das Feuer immer kräftiger empor.

+Christ+ fragte: „Was soll das bedeuten?“

Der +Ausleger+ erwiderte: „Dies Feuer bedeutet das Werk der Gnade im Menschen, welches der arge Feind, der Teufel, so sehr er sich bemüht, nicht auszulöschen vermag. Die Ursache davon sollst du gleich sehen.“ Bei diesen Worten führte er ihn an die hintere Seite der Mauer, wo dem Feuer gegenüber eine Öffnung zu bemerken war, durch welche ein Mann aus einem Gefäß, das er in seiner Hand hielt, beständig, aber unbemerkt Öl in das Feuer goß.

+Christ+ fragte: „Was bedeutet dieses?“

Der +Ausleger+ antwortete: „So unterhält Christus ohne Aufhören durch das Öl Seiner Gnade das Werk, welches Er im Herzen angefangen hat, daher die Gläubigen, ungeachtet alles dessen, was der Teufel wider sie vornimmt, oft ein süßes, ihnen selbst unerklärliches Gefühl des Friedens empfinden. Daß du aber den Mann hinter der Mauer stehen sahst, das Feuer zu erhalten, soll dir andeuten, wie eine angefochtene Seele sich zuweilen für verlassen hält, obwohl der himmlische Freund ihr unsichtbar nahe steht[44].“

Dann sah ich, wie der +Ausleger+ ihn wieder bei der Hand nahm und ihn an einen anmutigen Ort brachte, wo ein prachtvoller Palast erbaut war, dessen Anblick +Christ+ große Freude bereitete. Auf dessen Zinne sah er auch Leute in goldenen Gewändern wandeln. Er fragte den +Ausleger+: „Dürfen wir wohl dort hineingehen?“ Der +Ausleger+ nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm bis vor die Tür des Palastes. Daselbst hatte sich eine große Menge Menschen versammelt, ohne sich jedoch hineinzuwagen, da der Eingang von einer bewaffneten Schar versperrt wurde, die darauf bedacht war, jedem, der hindurchgehen wollte, das Leben zu nehmen. Nahe bei dem Tor saß ein Mann an einem Tisch, mit einem Buch und dem Schreibzeug vor sich, um die Namen derer aufzuschreiben, die sich den Eingang erkämpfen wollten. Das setzte +Christ+ in Erstaunen. Lange wagte sich niemand heran, da jeder aus Furcht vor den Gewappneten zurückbebte, als plötzlich ein rüstiger Mann an den Tisch des Schreibers trat mit den Worten: „Schreibe meinen Namen auf!“ Als das geschehen war, sah +Christ+, daß der Mann sich einen Helm aufsetzte, sein Schwert zog und sich gerade nach dem Tor wendete. Er stürzte sich auf die gerüsteten Männer zu, die sich mit tödlichem Grimm wider ihn setzten. Allein dem Mann entfiel der Mut durchaus nicht, sondern er schlug und stieß um sich mit wildem Ungestüm. Manche Wunden empfangend und austeilend, kämpfte er sich durch alle hindurch und drang in den Palast vor[45]. Aus dem Innern, sowie von der Zinne des Palastes erscholl mit lieblicher Stimme der Zuruf:

Herein! herein! Die Kron’ der Ehren wartet dein!

Er ging hinein und wurde alsbald mit goldenen Kleidern geschmückt.

+Christ+ lächelte und sprach: „Ich glaube zu verstehen, was das sagen will; laß mich nun, Herr, von hinnen ziehen!“

„Nein,“ sagte der +Ausleger+, „warte noch ein wenig, ich habe dir noch etwas zu zeigen, dann magst du deinen Weg fortsetzen.“ Und nun nahm er ihn noch einmal bei der Hand und führte ihn in einen finstern Raum, wo ein Mann in einem eisernen Käfig saß, der die Augen niederschlug, die Hände rang und sich gebärdete, als wollte ihm das Herz brechen. Als +Christ+ nun fragte, was das zu bedeuten habe, gebot ihm der +Ausleger+, sich selber mit diesem Mann zu unterreden.

„Wer bist du, Unglücklicher?“ rief +Christ+ voll Entsetzen.

„Ich bin, was ich ehemals nicht war,“ sagte der Gefangene.

„Was warst du denn ehemals?“ fragte +Christ+.

Der Mann antwortete: „Ich war ehemals in meinen und auch andrer Leute Augen ein eifriger Bekenner der Wahrheit; ich hielt mich würdig für die himmlische Stadt, die ich für meine wahre Heimat ansah.“

+Christ+ fragte: „Und was bist du denn jetzt?“

„Jetzt bin ich,“ antwortete er, „ein Mann der Verzweiflung, in Verzweiflung gebannt, wie in diesen eisernen Käfig. Ich kann nicht hinaus, ach, ich kann nicht mehr hinaus!“

„Aber wie kamst du in diesen Zustand?“ fragte +Christ+.

Er antwortete: „Ich ließ nach zu wachen und zu beten, ich ließ meinen Begierden die Zügel schießen; ich sündigte gegen das Licht des Wortes und gegen Gottes Güte. Ich habe den Geist Gottes betrübt, und Er ist von mir gewichen; ich habe den Teufel herausgefordert, und er ist zu mir gekommen. Ich habe Gott zum Zorn gereizt, und Er hat mich verlassen; mein Herz ist verhärtet, und ich finde keinen Raum zur Buße.“

„Ist denn keine Hoffnung mehr für diesen Unglücklichen?“ fragte +Christ+, sich zu dem +Ausleger+ wendend.

„Frage ihn selbst,“ entgegnete dieser, und +Christ+ wandte sich an den Gefangenen: „Mußt du denn in diesem Käfig der Verzweiflung verschlossen bleiben? Ist für dich keine Hoffnung?“