Pilgerreise zur seligen Ewigkeit
Part 5
„Für mich ist keine Hoffnung mehr,“ sagte der Gefangene.
„O,“ versetzte +Christ+, „der Sohn des Hochgelobten ist sehr barmherzig!“
„Ja,“ antwortete er, „+aber ich habe Ihn aufs neue gekreuzigt+[46]; ich habe Ihn verachtet, Seine Gerechtigkeit verworfen; ich habe Sein Blut für unrein geachtet und den Geist der Gnade geschmäht[47]. Dadurch habe ich mich selbst von allen Verheißungen der Gnade ausgeschlossen, und es bleibt mir nichts übrig als ein schreckliches Warten des Gerichts und des Feuereifers, der mich als einen Widersacher verzehren wird“ (Hebr. 10, 27).
+Christ+ fragte weiter: „Was hat dich denn verleitet, dich selbst in diesen Zustand zu bringen?“
„Schnöde Lust, irdische Freude und Vorteile dieser Welt, bei deren Genuß ich mir viel Ergötzen versprach. Allein jedes von diesen Dingen nagt nun an meinem Herzen wie ein Wurm, der nicht stirbt, und brennt in mir wie ein Feuer, das ewig nicht erlischt.“
+Christ+ sprach: „Aber kannst du jetzt nicht noch Buße tun und umkehren?“
Er antwortete: „Gott läßt mich keinen Raum mehr finden zur Buße. Sein Wort gibt mir nicht mehr Mut zum Glauben, ja Er selbst hat mich in diesen eisernen Käfig eingeschlossen, und kein Mensch in der ganzen Welt kann mir daraus helfen. +O Ewigkeit! Furchtbare Ewigkeit!+ Wie werde ich ringen, ohne Aufhören ringen mit der Pein der ewigen Verdammnis!“
„Vergiß es nie, was du hier gesehen hast,“ sagte der +Ausleger+ zu +Christ+ mit großem Ernst. „Laß dir das Elend dieses Mannes zur beständigen Warnung dienen!“
„Ja, das ist furchtbar!“ rief +Christ+ aus. „Gott helfe mir wachen und beten und nüchtern sein und gebe mir Kraft, die Sünde zu meiden! Aber, Herr, ist es jetzt nicht hohe Zeit, meine Reise fortzusetzen?“
„Warte noch ein wenig, nur eines sollst du noch sehen, dann magst du deines Weges gehen,“ sprach der Ausleger, indem er +Christs+ Hand ergriff und ihn in die Kammer führte, wo ein Mann aus dem Bett stieg und im Begriff war, unter Zittern und Beben seine Kleider anzulegen.
Da fragte +Christ+: „Warum zittert dieser Mann so?“
Der +Ausleger+ befahl diesem, den Grund seiner Angst Christ zu entdecken. Hierauf hob der Mann also an: Diese Nacht, als ich schlief, träumte ich, und siehe, der Himmel war schwarz wie die Nacht; es erhob sich ein unerhörtes Donnern und Blitzen, daß ich in große Bestürzung und Todesangst kam. Darauf sah ich, wie der Wind die Wolken pfeilschnell vor sich her trieb. Plötzlich erscholl der Ton einer Posaune vom Himmel herab, und in den Wolken erschien der Herr, umgeben von den Heerscharen des Himmels, die alle, wie auch der Himmel selbst, in flammendem Feuer standen. Eine Stimme rief: „Stehet auf, ihr Toten, und kommt zum Gericht[48]!“ und im Augenblick zerrissen die Felsen, die Gräber taten sich auf, und die Toten, die darin waren, kamen heraus. Einige erschienen in Freude und Wonne und hoben ihre Häupter auf, die andern aber standen in großer Schmach und Schande und suchten sich unter den Bergen zu verstecken. Da öffnete der Herr, der auf der Wolke saß, ein Buch und gebot der Welt, vor Ihm zu erscheinen[49]. Vor Ihm her aber machte ein verzehrendes Feuer Raum, wie zwischen einem Richter und den Verklagten, die vor den Schranken stehen. Dann hörte ich denen, die den Herrn in der Wolke umgaben, verkünden: „Sammelt das Unkraut, die Spreu und die Stoppeln und werfet sie in den brennenden Pfuhl[50]!“ Und sogleich tat sich der bodenlose Abgrund gerade vor meinen Füßen auf, und dicker Rauch und glühende Hitze fuhren mit erschrecklichem Getöse heraus. „Sammelt den Weizen in Meine Scheuern!“ (Luk. 3, 17; Matth. 13, 30) rief der Herr, und alsbald sah ich viele emporgehoben und hingerückt in den Wolken[51]; ich aber blieb dahinten. Ich wollte mich verbergen, aber vergebens, denn der Herr heftete Seine Augen unverwandt auf mich; alle meine Sünden traten vor meine Seele, mein Gewissen richtete und verdammte mein ganzes Leben. Darauf erwachte ich aus meinem Traum.
+Christ+ fragte: „Was aber erschreckte dich denn so bei diesem Gesicht?“
Der Mann antwortete: „Nun, ich dachte, der Tag des Gerichts wäre gekommen, und dazu war ich nicht bereit. Das aber erschreckte mich am meisten, daß die Engel ihrer viel emportrugen und mich stehen ließen. Auch öffnete gerade an dem Ort, da ich stand, der Hölle Grund den Rachen. Dabei quälte mich mein Gewissen, und das Auge des Richters war, wie mich dünkte, beständig mit Unwillen und Zorn auf mich gerichtet.“
„Hast du nun dies alles wohl beachtet?“ sprach der +Ausleger+ zu +Christ+.
„Ja, und ich spüre ebensoviel Furcht als Hoffnung,“ antwortete dieser.
„So fasse denn,“ sagte jener, „alle diese Dinge wohl zu Herzen; laß sie dir wie ein Stachel sein in deiner Seite, daß sie dich vorwärtstreiben auf dem Weg, den du zu gehen hast.“
+Christ+ gürtete jetzt seine Lenden und schickte sich zur Weiterreise an. Der +Ausleger+ sprach: „Der Tröster möge allezeit bei dir sein und dich, mein guter +Christ+, auf dem Weg geleiten, der zur himmlischen Stadt führt!“
Also trat +Christ+ nun seine Wanderung an, indem er sagte:
Seltsame Dinge waren hier zu schaun! Ich bin gestärkt, doch regt sich Furcht und Graun. Gewalt’ge Kämpfe stehen mir bevor. Nur vorwärts bis zu Zions Tor! Du Geist des Herrn, ich fleh’ zu Dir, O neige Deine Kraft zu mir!
Nun sah ich in meinem Traum, daß zu beiden Seiten des Weges, auf dem +Christ+ wandern mußte, eine Mauer sich hinzog, und diese hatte den Namen +Heil+[52]. Auf diesem Pfad lief Christ weiter, doch nicht ohne große Beschwerde wegen der Last, die er auf seinem Rücken hatte, bis er an eine Anhöhe kam, auf welcher ein +Kreuz+ stand und etwas weiter unten ein Grab zu sehen war. Ich sah nun im Traum, daß gerade, als Christ zum Kreuze hinkam, die Bürde sich von seinen Schultern löste und den Berg hinabrollte, bis sie in der Öffnung des Grabes verschwand, und ich sah sie nicht mehr. Da ward es +Christ+ wohl, und mit fröhlichem Herzen sagte er: „Er hat mir Ruhe gegeben durch Sein Leiden -- und Leben durch Seinen Tod[53]!“ Er blieb eine Weile still und verwundert stehen, denn er war voller Erstaunen darüber, daß das Anschauen des Kreuzes ihn von seiner Last befreit hatte[54]. Er versank wieder und wieder in die Betrachtung des Kreuzes, und Tränen des Dankes und der Liebe flossen ihm die Wangen herab.
Als er nun so dastand, aufschauend und in Tränen zerflossen, traten zu ihm drei leuchtende Gesandte, ihn mit den Worten grüßend: „Friede sei mit dir!“ Darauf hob der erste an: „+Deine Sünden sind dir vergeben!+“ (Mark. 2, 5) Der zweite zog ihm seine unreinen, zerlumpten Kleider aus und zog ihm Feierkleider an[55]. Der dritte machte ein Kennzeichen an seine Stirn[56] und überreichte ihm ein Zeugnis[57] mit einem Siegel darauf[58]. Dieses Siegel sollte ihm auf seiner Reise zum Trost und an der himmlischen Pforte zur sichern Aufnahme dienen. Die Engel verließen ihn wieder. +Christ+ hüpfte vor Freuden und zog singend seines Weges.
Komm zum Kreuz mit deinen Lasten, Müder Pilger du! Bei dem Kreuze kannst du rasten, Da ist Ruh’.
Unter des Gerichtes Ruten Sieh am Kreuzesstamm Für dich dulden und verbluten Gottes Lamm!
An dem Kreuze trug der Reine Deiner Sünde Lohn; Sieh, wie liebt dich dieser Eine, Gottes Sohn!
Da stillt Er dein heiß Verlangen, Heilet deinen Schmerz: Frieden wirst du da empfangen, Müdes Herz!
Trost, Vergebung, ew’ges Leben Fließt vom Kreuz dir zu; Bei dem Kreuz wird dir gegeben Himmelsruh’!
Fußnoten:
[33] Feurige Pfeile Satans, das sind unreine, böse, gotteslästerliche Gedanken, die er in den Herzen der Menschen erregt, um sie in allerlei Sünde, namentlich auch in Verzagtheit und Zweifel, ja in Verzweiflung zu stürzen.
[34] Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid von der Gnade gefallen (Gal. 5, 4).
[35] Wer zu Mir kommt, den werde Ich nicht hinausstoßen (Joh. 6, 37).
[36] Der Weg ist breit, der zur Verdammnis abführt; und ihrer sind viele, die darauf wandeln (Matth. 7, 13).
[37] So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott! (2. Kor. 5, 20.)
[38] Was dem Gesetz unmöglich war, das tat Gott und sandte Seinen Sohn (Röm. 8, 3).
[39] Ich lebte weiland ohne Gesetz; da aber das Gebot kam, ward die Sünde wieder lebendig (Röm. 7, 9).
[40] Da wir im Fleisch waren, da waren die sündlichen Lüste, welche durchs Gesetz sich erregten, kräftig in unsern Gliedern, dem Tode Frucht zu bringen (Röm. 7, 5).
[41] Das Gesetz ist neben eingekommen, auf daß die Sünde mächtiger würde. Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden (Röm. 5, 20).
[42] Christus hat geliebt die Gemeinde und hat sich selbst für sie gegeben und hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Wort (Eph. 5, 25. 26).
[43] Wer Mich liebt, der wird Mein Wort halten; und Mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen (Joh. 14, 23).
[44] Siehe, Er steht hinter unsrer Wand (Hohesl. 2, 9). Und Er hat zu mir gesagt: Laß dir an Meiner Gnade genügen; denn Meine Kraft ist den Schwachen mächtig (2. Kor. 12, 9).
[45] Wir müssen durch viel Trübsale in das Reich Gottes gehen (Apostelg. 14, 22).
[46] Es ist unmöglich, die, so einmal erleuchtet sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe und teilhaftig geworden sind des Heiligen Geistes, wo sie abfallen, wiederum zu erneuern zur Buße, als die sich selbst den Sohn Gottes wiederum kreuzigen und für Spott halten (Hebr. 6, 4. 6).
[47] Wenn jemand das Gesetz Moses bricht, der muß sterben. Wieviel, meint ihr, ärgere Strafe wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Testaments unrein achtet, durch welches er geheiligt ist, und den Geist der Gnade schmäht? (Hebr. 10, 28. 29).
[48] Es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden Seine Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Übels getan haben, zur Auferstehung des Gerichts (Joh. 5, 28. 29).
[49] Ich sah die Toten, beide, groß und klein, stehen vor Gott, und Bücher wurden aufgetan. Und ein andres Buch ward aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach der Schrift in den Büchern, nach ihren Werken (Offenb. 2, 12).
[50] Also wird es am Ende der Welt gehen: die Engel werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappen sein (Matth. 13, 49. 50).
[51] Dem Herrn entgegen in der Luft, und werden also bei den Herrn sein allezeit (1. Thess. 4, 17).
[52] Deine Mauern sollen Heil und deine Tore Lob heißen (Jes. 60, 18).
[53] Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf Ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch Seine Wunden sind wir geheilt. Darum will Ich Ihm große Menge zur Beute geben, darum daß Er Sein Leben in den Tod gegeben hat (Jes. 53, 5. 12).
[54] Wie Mose in der Wüste eine Schlange erhöht hat -- wer von einer Schlange gebissen wurde und sah die eherne Schlange an, der blieb leben -- also mußte des Menschen Sohn erhöht werden, auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Joh. 3, 14. 15).
[55] Siehe, Ich habe deine Sünde von dir genommen und habe dich mit Feierkleidern angezogen (Sach. 3, 4) und: Er hat mich anzgezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet (Jes. 61, 10).
[56] Wer überwindet, auf den will Ich schreiben den Namen meines Gottes und den Namen des neuen Jerusalem und Meinen Namen, den neuen (Offenb. 3, 12).
[57] Der Heilige Geist gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind (Röm. 8, 16).
[58] Durch Christus seid ihr, da ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit den Heiligen Geist der Verheißung (Eph. 1, 13).
Drittes Kapitel.
Der Berg der Beschwerde.
Nun sah ich in meinem Traum, wie +Christ+, als er also fröhlich seines Weges zog, in ein Tal kam. Dort erblickte er etwas abseits vom Weg drei schlafende Männer mit Fesseln an ihren Füßen. Der eine von ihnen hieß +Albern+, der andre +Träge+ und der dritte +Eigendünkel+. Als +Christ+ sie so daliegen sah, trat er näher zu ihnen hin, ob er sie vielleicht aufwecken könnte, und rief ihnen mit lauter Stimme zu: „Ihr seid gleich denen, die oben auf dem Mastbaum schlafen (Spr. 23, 34), mitten im ungestümen Meer, über einer Tiefe, die keinen Grund hat. Wacht auf und kommt her! Wenn ihr wollt, so will ich euch helfen, von euren Fesseln loszukommen; denn wenn der, welcher umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge (1. Petr. 5, 8), über euch kommt, so werdet ihr gewiß ein Raub seiner Zähne werden.“ Bei diesen Worten schlugen sie ihre schlaftrunkenen Augen auf und antworteten ihm, ein jeder nach seiner Weise. +Albern+ sprach: „Ich sehe keine Gefahr;“ +Träge+ wollte nur noch ein wenig länger schlummern, und +Eigendünkel+ sagte trotzig: „Jeder muß auf seinen eigenen Füßen stehen.“ Sie legten sich alle drei gleich wieder zum Schlafen nieder, und +Christ+ ging seines Wegs. Gleichwohl verdroß es ihn, wenn er daran dachte, daß Menschen, die in solcher Gefahr schweben, die Güte dessen, der sich aus freien Stücken ihnen zu helfen erbot, so wenig achteten, indem er sie aufgeweckt, ihnen einen guten Rat gegeben und beim Entledigen der Fesseln behilflich sein wollte. Während er noch darüber betrübt war, bemerkte er mit Erstaunen, wie über die Mauer, die sich zur Linken des Wegs hinzog, zwei Männer herüberstiegen und eiligen Schrittes sich ihm näherten. Der eine hieß +Werkheilig+, der andre +Heuchler+. Diese machten sich nun an +Christ+ heran, der sie also anredete:
„Woher kommt ihr, meine Herren, und wohin geht eure Reise?“
Sie antworteten: „Wir sind im Lande der +Hoffart+ geboren und wandern um des Ruhmes willen nach dem Berg +Zion+.“
„Warum seid ihr nicht durch die enge Pforte, die am Anfang dieses Weges steht, hereingekommen?“ fragte +Christ+. „Wißt ihr nicht, daß geschrieben steht: +Wer nicht zur Tür hineingeht, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Mörder?+“ (Joh. 10, 1.)
„In unserm Lande,“ erwiderten sie, „gilt der Eingang durch die Pforte für einen großen Umweg; bei uns ist es gebräuchlich, den kürzesten Weg einzuschlagen und dann über die Mauer zu steigen -- so machten wir’s auch.“
+Christ.+ „Aber fürchtet ihr euch denn nicht, den Willen des Herrn, zu dessen Stadt wir reisen, so sehr zu verletzen?“
„Damit beunruhige dich nicht,“ sagten sie mit sichtlicher Verachtung; „wir handeln nach einem guten alten Brauch unsers Landes und können es mit vielen Zeugnissen beweisen, daß man es schon länger als tausend Jahre so gehalten hat.“
„Aber,“ fragte +Christ+, „wird eure Gewohnheit vor dem Gesetz bestehen können?“
„Da sie ein mehr als tausendjähriges Alter für sich hat,“ erwiderten jene, „wird sie vor einem unparteiischen Richter ohne Zweifel als gesetzlich gelten. Was sollte wohl darauf ankommen, auf welche Weise man diesen Weg erreicht, wenn man ihn nur wirklich betritt. Du, soweit wir merken, bist zwar durch die Pforte gekommen und bist gleichwohl nur auf dem Weg und nicht weiter als wir auch, die wir nun von der Seite über die Mauer hergekommen sind. Inwiefern sollten wir dir in etwas nachstehen?“
„Der Unterschied zwischen uns ist bedeutend genug,“ erwiderte +Christ+. „Ich wandle nach der Richtschnur des Meisters, ihr nach eurem eigenen Rat. Schon jetzt geltet ihr vor dem Herrn als Diebe; wie könnt ihr am Ende des Weges als treu erfunden werden? Ihr habt von euch selber, ohne Seine Leitung, den Weg betreten, und ebenso werdet ihr durch euch selbst, ohne Seine Gnade, ihn wieder verlieren.“
Hierauf wußten sie nichts weiter zu sagen als: er möge sich um sich selbst bekümmern.
Ich sah dann, wie sie alle drei ihres Weges wanderten, ohne viel miteinander zu sprechen. Die beiden Männer sagten zu +Christ+: „Aber meine doch ja nicht, daß wir die Gesetze und Verordnungen weniger gewissenhaft beobachten als du. Nein, du hast durchaus nichts vor uns voraus als das Kleid, das du trägst, das dir, wie wir denken, einer deiner Nachbarn gab, um die Schande deiner Blöße zu decken.“
Aber +Christ+ antwortete: „Durch Gesetze und Verordnungen werdet ihr, die ihr nicht durch die Pforte hereingekommen seid, nicht selig werden. Das Kleid, das ich trage, habe ich von dem Herrn des Orts empfangen, wohin ich gehe, und zwar, wie ihr recht saget, um meine Blöße zu decken, denn ich hatte vorher nichts als Lumpen, und so trage ich es als ein Zeichen Seiner besondern Güte gegen mich. Daneben ist mir dies sehr tröstlich auf meiner Pilgerschaft, denn ich denke: Wenn ich einmal zu den Toren der Stadt kommen werde, so wird der Herr mich gewiß anerkennen, weil ich mit Seinem Rock bekleidet bin, den Er mir an jenem Tage, da Er mich der Lumpen entledigte, aus freier Gnade schenkte. Überdies habe ich noch ein Zeichen an meiner Stirn, darauf ihr vielleicht noch nicht geachtet habt, welches mir von einem der Vertrautesten meines Herrn an eben dem Tag, da mir die Last von den Schultern fiel, aufgedrückt wurde. Dazu kann ich euch noch sagen, daß Er mir damals ein besiegeltes Zeugnis gab, das mich, so oft ich es lese, trösten wird auf dem Weg, den ich wandle. Auch ist mir befohlen, solches an der himmlischen Pforte abzugeben, daß ich gewiß hineingehen darf. Ich bezweifle, daß ihr eins von diesen Dingen habt. Ihr könnt sie nicht haben, weil ihr nicht zur Pforte hereingekommen seid.“
Auf dies alles aber gaben sie keine Antwort, sondern sahen einander an und lachten. Unterdessen gingen sie miteinander weiter, +Christ+ war ihnen jedoch allezeit etwas voraus. Er sprach nur noch mit sich selbst, bald mit Seufzen und bald mit getrostem Mut; auch las er oft in dem Zeugnis, das ihm jenes leuchtende Wesen gegeben hatte, wodurch er sehr erquickt ward.
Die drei Wanderer erreichten nun den +Berg der Beschwerde+, wo der schmale Weg steil bergan führte, während zur Rechten und zur Linken breite Wege sich bequem in der Ebene hinzogen. +Christ+ war keinen Augenblick in Zweifel, welchen Weg er zu nehmen habe; er trank aus der Quelle[59], die am Fuß des Berges hervorsprudelte, und stieg singend den Berg hinan:
Den Berg hinan! Ist er auch noch so steil, Er schreckt mich nicht zurück vom ew’gen Heil. Der schmale, steile Pfad geht himmelwärts, Der breite, leichte Weg zu ew’gem Schmerz.
Die andern beiden kamen unterdessen auch an den Fuß des Berges, sie konnten sich jedoch nicht entschließen, einen so beschwerlichen Weg zu nehmen, zumal da man hier zwei andre bequeme Wege zur Auswahl hatte, die, wie sie hofften, mit dem Weg, auf dem +Christ+ wandelte, zusammentreffen würden. Der eine Weg hieß +Gefahr+, der andre +Verderben+. Nun trennten sich die beiden Wanderer, der eine wählte den Weg der +Gefahr+, der ihn in einen undurchdringlichen Wald führte; der andre betrat den Weg des +Verderbens+, auf dem er in finstere Gebirge hineingeriet, wo er strauchelte und fiel und nie wieder aufstand[60].
Als ich meine Blicke wieder +Christ+ zuwandte, sah ich, wie er den Berg hinauflief; aber vom Laufen kam er bald zum Gehen und vom Gehen zum Klettern auf Händen und Knien, denn der Weg wurde immer steiler. Sehr erwünscht war es ihm, als er etwa in halber Höhe des Berges eine anmutige Laube bemerkte, die vom Herrn des Berges zur Erquickung der müden Wanderer allda errichtet worden war. Darein trat +Christ+ und setzte sich nieder, etwas auszuruhen. Wie er so dasaß, zog er sein Zeugnis aus seinem Busen und las zu seiner Stärkung darin. Er betrachtete auch eine Weile mit Wohlgefallen sein Gewand, das er erhalten, als er beim Kreuz gestanden. Endlich versank er in einen tiefen Schlaf, wobei ihm das Zeugnis aus der Hand fiel. Schon hatte sich der Tag geneigt, als ihn jemand aufweckte und ihm zurief: „+Gehe hin zur Ameise, du Fauler; siehe ihre Weise an und lerne!+“ (Spr. 6, 6) Beschämt fuhr er auf, eilte hinweg und hielt in seinem Lauf nicht mehr inne, bis er die Spitze des Berges erreicht hatte.
Als er nun hier oben stand, kamen ihm zwei Männer in großer Eile entgegengelaufen. Der eine hieß +Furchtsam+, der andre +Mißtrauisch+. +Christ+ sprach zu ihnen:
„Was macht ihr, meine Herren; warum lauft ihr den verkehrten Weg?“
+Furchtsam+ antwortete, daß sie auf der Reise nach der Stadt +Zion+ gewesen und dazu diesen beschwerlichen Berg heraufgestiegen wären. „Aber,“ sagte er, „je weiter wir auf diesem Weg gekommen, desto größere Gefahren sind uns begegnet, deshalb kehren wir um und gehen nun zurück.“
„Ja,“ setzte +Mißtrauisch+ hinzu, „gerade vor uns lagen ein paar Löwen im Weg. Ob sie schliefen oder wachten, wissen wir nicht. Wir konnten aber nicht anders denken, als daß sie uns in Stücke zerreißen würden, wenn wir in ihre Nähe kämen.“
„Ihr setzt mich in Schrecken!“ rief +Christ+ den Fliehenden zu. „Wohin soll ich mich wenden, um sicher zu sein? Gehe ich zurück in meine Heimat, so komme ich dort gewiß um, da die Stadt +Verderben+ ein Raub des Feuers und Schwefels werden soll. Erreiche ich aber die himmlische Stadt, so bin ich geborgen. Ich muß es wagen. Umkehren ist doch nichts andres als Tod und Verderben; vorwärtsgehen, da ist zwar Furcht des Todes, aber danach ein ewiges Leben. Wohlan, ich setze meinen Weg fort!“ Und so geschah’s. +Mißtrauisch+ aber und +Furchtsam+ liefen den Berg wieder hinunter.
Wie nun +Christ+ seinen Weg weiterzog, fing er gleichwohl an über das nachzudenken, was jene zwei Männer ihm gesagt hatten. Im Bewußtsein der nahen Gefahr bedurfte er einer Stärkung und suchte deshalb nach dem Zeugnis. Er fühlte danach, aber siehe, er fand es nicht. Er suchte mit steigender Angst, aber vergebens! Er wußte zuerst gar nicht, was er anfangen sollte, denn es fehlte ihm ja gerade das, was ihm schon so oft zu großem Trost gewesen war. Und dieses Zeugnis sollte er ja an der himmlischen Pforte vorzeigen. Als er nun so ganz bestürzt und bekümmert dastand, fiel ihm endlich ein, daß er in der Laube geschlafen hatte[61]. Tiefe Reue erfüllte ihn, er fiel auf seine Knie und bat Gott, daß Er ihm diese Torheit vergeben möge. Darauf kehrte er wieder um, sein Zeugnis zu suchen.
Wer aber vermag die Betrübnis zu schildern, die +Christ+ auf dem ganzen Rückweg im Herzen empfand! Bald seufzte er, bald weinte er, aber am meisten schalt er sich selbst wegen seiner Torheit, an jenem Ort, der nur zu einer kurzen Erholung von seiner Müdigkeit bereitet war, dem Schlaf sich überlassen zu haben. So ging er zurück, auf dem ganzen Weg sorgfältig bald auf die eine, bald auf die andre Seite blickend mit dem heißen Verlangen, den verlorenen Brief wiederzufinden. Er lief, bis er der Laube ansichtig wurde. Ihr Anblick aber erneuerte ihm seine Traurigkeit um so mehr, da er ihm zu Gemüte führte, wie er so übel getan, daß er dort geschlafen hatte.
„Ach, ich elender Mensch!“ rief +Christ+ aus, „der ich schlafen konnte, da es noch Tag war[62]; der ich schlafen konnte, da ich in einer so gefährlichen Lage war; daß ich das zur Bequemlichkeit des Fleisches benutzte, was der Herr zur Erquickung des Geistes der Pilgrime bestimmt hat! Wie viele Tritte habe ich nun vergeblich getan! So ist es den Kindern Israel ergangen um ihrer Sünden willen; von den Grenzen Kanaans mußten sie zurückwandern zum Schilfmeer; ich nun muß mit Schmerzen diesen Weg zurücklegen, den ich hätte mit Freuden tun können, wenn ich mich nicht diesem sündlichen Schlaf hingegeben hätte. Wie weit könnte ich nun schon sein! Nun muß ich diesen Weg dreimal gehen, den ich sonst nur einmal hätte zu ziehen brauchen. Und nun überfällt mich auch noch die Nacht; denn der Tag hat sich schon geneigt. Ach, hätte ich doch nicht geschlafen!“