Pilgerreise zur seligen Ewigkeit

Part 3

Chapter 33,990 wordsPublic domain

+Christ.+ Es sind himmlische Güter, die kann man besser im Herzen begreifen, als mit der Zunge davon reden; doch weil du ein so großes Verlangen danach hast, sie kennenzulernen, so will ich dir davon aus meinem Buch vorlesen.

+Willig.+ Glaubst du denn, daß die Worte, die in deinem Buch stehen, auch gewißlich wahr sind?

+Christ.+ Ja gewiß, denn es kommt von dem, der nicht lügen kann[16].

+Willig.+ Nun, das ist gut. Was sind’s aber für Güter?

+Christ.+ Es ist ein ewigwährendes Königreich, in dem wir immerdar wohnen sollen[17], und ein ewiges Leben, das wir ererben können[18].

+Willig.+ Das ist köstlich; und was noch mehr?

+Christ.+ Dort empfangen wir Kronen der Ehren[19] und Kleider[20], darin wir leuchten wie die Sonne des Himmels[21].

+Willig.+ O wie herrlich! Und was noch mehr?

+Christ.+ Da wird kein Leid noch Geschrei noch Schmerz mehr sein, denn der König dieses Ortes wird abwischen alle Tränen von unsern Augen (Offenb. 21, 4).

+Willig.+ Und was werden wir allda für Gesellschaft finden?

+Christ.+ Wir werden dort umgeben sein von den Seraphim und Cherubim, so herrlichen Geschöpfen, bei deren Anblick unsre Augen wie geblendet sein werden. Auch werden wir dort zusammenkommen mit Tausenden und aber Tausenden, die alle vor uns zu diesem Ort eingegangen sind. Da ist keiner unter ihnen, der noch Übels tut, sondern alle gehen einher in Liebe und Heiligkeit; sie wandeln im Lichte des Angesichtes Gottes und stehen in Seiner Gegenwart, Seines ewigen Wohlgefallens sich erfreuend. Mit einem Wort: Dort werden wir schauen die Ältesten mit ihren goldenen Kronen (Offenb. 4, 4), die reinen Jungfrauen mit ihren goldenen Harfen (Offenb. 14, 1-5), all die Märtyrer, die aus Liebe zu dem Herrn jenes Ortes und um der Wahrheit willen sich von der Welt entzweisägen, auf dem Scheiterhaufen verbrennen, von wilden Tieren zerreißen und in die Tiefe des Meeres werfen ließen (Hebr. 11, 33-40) -- nun sind sie alle glückselig und überkleidet mit Unsterblichkeit gleichwie mit einem Gewand (2. Kor. 5, 2-4).

+Willig.+ Man wird schon entzückt, wenn man von diesen Dingen nur hört; allein, wenn man diese Herrlichkeiten wirklich erlangen kann, wie können wir ihrer teilhaftig werden?

+Christ.+ Das hat der Herr, der Herrscher dieses Landes, in diesem Buch gesagt; und wenn wir wahrhaftig danach Verlangen tragen, so wird uns das alles aus Gnaden und umsonst zuteil werden[22].

+Willig.+ Ich freue mich, mein lieber Reisegefährte, von alledem zu hören; komm, wir wollen unsre Schritte beschleunigen!

+Christ.+ Ich kann nicht so rasch gehen, wie ich wohl möchte, denn die Last, die ich auf dem Rücken habe, hindert mich daran.

Hierauf sah ich in meinem Traum, daß, nachdem sie miteinander zu reden aufgehört, sie zu einem morastigen Sumpf kamen, der mitten in der Ebene war, und wie sie beide, da sie darauf nicht achthatten, plötzlich hineinfielen. Der Name des Sumpfes war +Verzagtheit+. Nachdem sie nun eine Weile darin umhergewatet und vom Schlamm schon über und über beschmutzt waren, fing +Christ+ an, wegen seiner Last auf dem Rücken zu versinken.

„Ach, Nachbar +Christ+,“ rief +Willig+, „wo bist du denn nun?“

+Christ+ erwiderte: „Wahrlich, ich weiß es nicht!“

Da wurde +Willig+ sehr aufgebracht und sagte in ärgerlichem Ton zu seinem Gefährten: „Ist dies die Glückseligkeit, von der du mir so viel vorgeredet hast? Haben wir am Anfang unsrer Reise schon so viel Unglück, was haben wir noch ferner zu erwarten, bis wir am Ende unsres Weges sind? Komme ich hier noch mit dem Leben davon, so magst du meinetwegen jenes schöne Land allein in Besitz nehmen.“ Und hiermit setzte er ein- oder zweimal alle Kraft ein und arbeitete sich so mit großer Mühe aus dem Schlamm heraus, und zwar an der Seite des Sumpfes, die seinem Hause am nächsten lag, und machte sich eiligst davon. +Christ+ sah ihn nie wieder.

So lag nun +Christ+ allein im Sumpf der +Verzagtheit+ und wälzte sich hin und her. Er arbeitete mit aller Macht, aus dem Morast herauszukriechen, und zwar nach der Seite zu, die seinem Hause abgekehrt und der engen Pforte zunächst lag. Wegen der schweren Last auf seinem Rücken gelang es ihm jedoch nicht ganz, festen Boden zu gewinnen. Doch ich sah in meinem Traum, wie ein Mann namens +Beistand+ zu ihm kam und ihn fragte, was er denn da mache.

„Herr,“ sagte +Christ+, „ein Mann namens +Evangelist+ hieß mich diesen Weg gehen und wies mich nach der engen Pforte dort, um dem zukünftigen Zorn zu entrinnen; nun bin ich auf dem Weg dahin hier hereingefallen.“

+Beistand.+ „Warum gabst du nicht acht auf die Fußtapfen[23]?“

+Christ+ antwortete: „Mich überkam solche Furcht, daß ich den nächsten Weg einschlug, und so geriet ich in den Sumpf.“

„Nun, so gib mir deine Hand!“ sagte +Beistand+. +Christ+ tat es, und er zog ihn heraus; danach stellte er ihn auf einen festen Grund und hieß ihn seines Weges weitergehen[24].

Ich selbst trat nun zu dem, der ihn herausgezogen, und sprach zu ihm: „Herr, weshalb wird wohl dieser Sumpf, der auf dem Weg von der Stadt Verderben zu jener Pforte liegt, nicht wegsam gemacht, damit die armen Reisenden um so sicherer dahin gelangen könnten?“

Er antwortete: „Dieser sumpfige Pfuhl ist ein Ort, der nie ausgeräumt werden kann, denn er ist der Abflußort, in welchen der Abschaum und Unflat, der durch die Erkenntnis der Sünde entsteht, beständig abfließt; darum heißt er auch der Sumpf der +Verzagtheit+. Denn wenn dem Sünder über seinen verlorenen Zustand die Augen aufgehen, so steigen in seiner Seele viel Furcht und viele Zweifel und allerlei beängstigende Sorgen auf. Die fließen nun alle an dieser Stelle zusammen. Und das ist die Ursache, weshalb dieser Boden so schlecht ist.

Es ist aber des Königs Wille nicht, daß dieser Ort so bleibe[25]. Seine Arbeiter sind auch unter Anleitung königlicher Feldmesser schon seit mehr als 1900 Jahren damit beschäftigt, um dies Stück Land wegsam zu machen. Ja, soviel ich weiß,“ sagte er, „sind hier wohl schon zum wenigsten 20000, ja Millionen Karren voll der besten Unterweisungen zu allen Zeiten und aus allen Orten des Königreiches herbeigeschafft und eingefüllt worden, um womöglich diese Stelle zu bessern. (Die Sachverständigen sagen nämlich, daß dies die besten Materialien seien, dem Ort einen guten Grund zu geben.) Allein er ist immer noch der Sumpf der +Verzagtheit+ und wird es bleiben, wenn sie auch alles getan haben, was sie konnten.

Es sind zwar unter Anleitung des Gesetzgebers gute und sichere Fußtapfen sogar mitten durch den Pfuhl gelegt worden; aber um die Zeit, in der dieser Ort seinen Unflat und seine bösen Dünste am meisten aufsteigen läßt, was bei eintretendem Witterungswechsel zu geschehen pflegt, so sind diese Spuren kaum sichtbar. Und wenn sie auch wahrgenommen werden, so werden die Leute oft von Schwindel ergriffen und tun Fehltritte. Die Folge davon ist, daß sie sehr beschmutzt werden. Doch der Weg ist gut, wenn man einmal durch die enge Pforte eingegangen ist.“

Ich sah nun, daß +Willig+ mittlerweile wieder zu Hause angelangt war und daß seine Nachbarn ihn bald besuchten. Einige nannten ihn einen verständigen Mann, weil er wieder umgekehrt sei; andre hießen ihn einen Toren, weil er sich mit +Christ+ in Gefahr begeben habe; etliche aber spotteten seiner als über einen Feigling und sprachen: „Hätten wir wie du dieses Wagestück einmal unternommen, dann würden wir’s um einiger Schwierigkeiten willen wahrlich nicht so schnell aufgegeben haben.“ -- So saß denn +Willig+ ganz kleinlaut unter ihnen. Endlich aber faßte er sich doch wieder ein Herz, da ließen sie denn auch von ihm ab und fingen an, ihren Spott über den armen +Christ+ loszulassen und sich hinter seinem Rücken über ihn lustig zu machen. Soviel, was +Willig+ betrifft.

Als +Christ+ nun einsam weiterwanderte, ward er in der Ferne jemand gewahr, der quer über das Feld schreitend auf ihn zukam. Sie trafen gerade da zusammen, als jeder des andern Weg überschreiten wollte. Es war ein Herr mit Namen +Weltklug+ aus der Stadt +Fleischesklugheit+, einer sehr großen Stadt, nahe bei dem Ort gelegen, da +Christ+ herkam. Dieser Mann, mit dem +Christ+ zusammentraf, hatte bereits von ihm gehört. +Christs+ Abreise aus der Stadt +Verderben+ hatte nämlich in der ganzen Gegend Aufsehen erregt und war nicht nur in der Stadt, da er gewohnt, sondern auch in andern Orten zum Stadtgespräch geworden. Da Herr +Weltklug+ in diesem schwer beladenen, tiefgebeugten Wanderer +Christ+ zu erkennen glaubte, redete er ihn also an:

„Ei, wohin, mein Freund, mit dieser schweren Last?“

+Christ.+ Ja, schwer ist sie, so schwer, als nur jemals ein armes Geschöpf eine getragen hat. Und weil du mich fragst: Wohin? so will ich dir sagen, daß ich nach der engen Pforte dort wandere, denn dort soll mir, wie ich belehrt bin, ein Weg gezeigt werden, auf dem ich meine schwere Bürde loswerde.

+Weltklug.+ Hast du nicht Frau und Kinder?

+Christ.+ Ja, ich bin aber mit dieser Bürde so beladen, daß ich jetzt die Freude, die ich früher an ihnen hatte, nicht mehr haben kann. Ich habe wohl Frau und Kinder, doch ist es mir, als hätte ich keine (1. Kor. 7, 29).

+Weltklug.+ Willst du mir folgen, wenn ich dir einen Rat gebe?

+Christ.+ Sehr gerne, wenn er gut ist! Denn guter Rat ist’s gerade, was ich nötig habe.

+Weltklug.+ So will ich dir denn raten, daß du dich selbst von deiner Bürde sogleich losmachst; denn eher hast du keine Ruhe im Herzen, keine Freude über die Güter, mit denen Gott dich gesegnet hat.

+Christ.+ Das ist es eben, was ich suche. Ich möchte dieser Bürde los sein, aber ich selbst vermag das nicht, und in der ganzen Gegend kann mich niemand davon erlösen, darum habe ich auch den Weg nach der engen Pforte eingeschlagen.

+Weltklug.+ Wer hat dir diesen Weg gewiesen?

+Christ.+ Ein edler, würdiger Mann; sein Name ist, wie ich mich erinnere, +Evangelist+.

+Weltklug.+ Verwünsche ihn für seinen Rat! Gibt es doch in der ganzen, weiten Welt keinen beschwerlichern und gefährlichern Weg als diesen; das wirst du finden, wenn du seinem Rat weiter folgst. Du hast, wie ich merke, schon etwas davon erfahren; denn ich sehe die Spuren vom Sumpf der +Verzagtheit+ noch an dir. Doch ist dies nur der Anfang von den Trübsalen dieses Weges, welche derer warten, die ihn gehen. Höre auf mich, ich bin älter als du. Auf diesem Weg, den du nun gehst, wirst du nichts als Beschwerden, Schmerzen, Hunger, Blöße, Schwert, Löwen, Drachen, Finsternis, kurz, den Tod selbst und wer weiß was noch alles antreffen. Daß es sich so verhält, das haben viele bezeugt. Da es dir noch an Erfahrung fehlt, solltest du auf den Rat älterer Männer hören und dich nicht durch einen Fremden verführen lassen.

+Christ.+ Ach Herr, diese Bürde auf meinem Rücken ist für mich viel schrecklicher als alles, was du genannt hast. Wahrlich, was mir auch begegnen mag, es soll mich nicht kümmern, wenn ich nur dieser Bürde loswerde.

+Weltklug.+ Wie kamst du denn zu dieser Last?

+Christ.+ Durch das Lesen dieses Buches.

+Weltklug.+ Hab’ mir’s doch gedacht! Es ist dir eben gegangen wie andern schwachen Menschen auch, die sich mit zu hohen Dingen abgeben und dann in solchen verzweifelten Zustand geraten. Die Verwirrung treibt diese Leute, wie auch dich, solche verzweifelte Abenteuer zu unternehmen, um -- sie wissen selbst nicht was, zu erlangen.

+Christ.+ Ich weiß wohl, was ich erlangen möchte: Erleichterung von meiner schweren Bürde.

+Weltklug.+ Aber warum suchst du Erleichterung auf diesem Weg, der augenscheinlich mit so vielen Gefahren verbunden ist, besonders da ich dich (wenn du mich nur geduldig anhören wolltest) anweisen könnte, wie du das, wonach du verlangst, erreichen kannst, ohne dich den Gefahren auszusetzen, denen du auf diesem Wege selbst in die Arme läufst? Die Hilfe ist ganz nahe zu haben; und überdies will ich noch das hinzufügen, daß du anstatt Ungemach Ruhe und Frieden und viele Freunde finden wirst.

+Christ.+ O entdecke mir bitte dieses Geheimnis!

+Weltklug.+ Gewiß! Dort in jener Stadt -- sie heißt +Sittsamkeit+ -- wohnt ein Herr namens +Gesetzlich+, ein sehr erfahrener und berühmter Mann, der die Kunst besitzt, die Leute von solchen Bürden wie die deine zu befreien. Ich kann dir versichern, daß er auf diese Weise schon viel Gutes gestiftet hat; ja überhaupt hat er die Geschicklichkeit, auch die zu heilen, die durch ihre Last schon ein wenig im Kopf gelitten haben. Geh zu ihm, er wird dir schnell helfen. Sein Haus ist kaum ein Büchsenschuß weit von hier. Solltest du ihn selbst aber nicht zu Hause antreffen, so ist doch sein Sohn +Höflich+ da, ein zuvorkommender junger Mann, ebenso geschickt wie der alte Herr selbst. Dort, sage ich dir, kannst du von deiner Last befreit werden. Und solltest du dann nicht gern in deinen Geburtsort zurückkehren, wozu ich dir allerdings auch nicht raten würde, so magst du deine Familie in diese Stadt kommen lassen, wo du um einen mäßigen Preis eines der leerstehenden Häuser kaufen kannst. Auch die Lebensmittel sind dort gut und wohlfeil, und was deinen Aufenthalt noch angenehmer gestalten wird, ist, daß du bei ehrbaren Nachbarn in gutem Ruf und Ansehen stehen wirst.

+Christ+ dachte ob dieser Rede eine Weile nach, kam aber bald zu dem Entschluß: Wenn das wahr ist, was dieser Herr sagt, so tue ich am besten daran, seinem Rat zu folgen; so fragte er: „Und welcher Weg führt mich zu dieses trefflichen Mannes Haus?“

+Weltklug.+ Siehst du dort jenen Berg[26]?

+Christ.+ Jawohl, ganz gut!

+Weltklug.+ Dahin mußt du deinen Weg nehmen; das erste Haus, zu dem du gelangst, ist das seine.

+Christ+ kehrte sich nun von seinem Weg ab und begab sich nach dem Hause des Herrn +Gesetzlich+, daß ihm allda geholfen werden möchte. Aber je näher er dem Berg kam, desto höher erschien er ihm, ja gewaltige Felsen hingen so drohend über den Weg her, daß +Christ+, ihren Einsturz befürchtend, nicht weiterzugehen wagte. Seine Bürde erschien ihm jetzt drückender, als da er noch auf seinem ersten Wege war. Dazu brachen Feuerflammen aus dem Berg hervor[27], daß +Christ+ bange war, er möchte davon verzehrt werden. Er zagte und bebte vor Furcht, und Reue stieg in ihm auf, Herrn +Weltklugs+ Rat befolgt zu haben.

Als er nun so dastand, sah er den +Evangelisten+ ihm entgegenkommen; bei dessen Anblick wurde er schamrot. Der +Evangelist+ kam immer näher, sah ihn mit zorniger und ernster Miene an und begann also mit ihm zu reden:

„Was tust du hier, +Christ+?“ Zitternd stand +Christ+ vor ihm, ohne ein Wort zu erwidern.

„Bist du nicht der Mann,“ fuhr der +Evangelist+ fort, „den ich vor der der Stadt +Verderben+ in Jammer stehend fand?“

+Christ.+ Ja, Herr, ich bin es.

+Evangelist.+ Habe ich dir nicht den Weg zur engen Pforte gewiesen?

+Christ.+ Jawohl, werter Herr.

+Evangelist.+ Wie kommt es denn, daß du so bald abgewichen bist? Du bist ja nicht mehr auf diesem Weg.

+Christ.+ Ich traf, sobald ich aus dem Sumpf der +Verzagtheit+ gekommen war, mit einem Herrn zusammen, der mich bewog, nach der Stadt, die vor mir lag, abzubiegen. Er redete mir ein, ich würde daselbst einen Mann finden, der mich von meiner Bürde erlösen könnte.

+Evangelist.+ Was war das für ein Mann?

+Christ.+ Er schien ein vornehmer Herr zu sein und redete mir viel zu und brachte es am Ende so weit, daß ich seinem Rat folgte; so kam ich denn hierher. Da ich aber den Berg erblickte und ihn so über den Weg hangen sah, stand ich plötzlich still, damit er nicht etwa auf mein Haupt herabstürze.

+Evangelist.+ Was sagte dieser Herr?

+Christ.+ Er fragte mich, wohin ich ginge, und ich sagte es ihm.

+Evangelist.+ Was fragte er noch weiter?

+Christ.+ Er fragte, ob ich Familie hätte. Ich antwortete: „Ja, ich bin jetzt aber so mit meiner Bürde, die ich auf dem Rücken habe, beladen, daß ich an ihr nicht mehr wie vormals Freude haben kann.“

+Evangelist.+ Und was sagte er darauf?

+Christ.+ Er empfahl mir, in aller Eile mich meiner Bürde zu entledigen. Ich erwiderte, daß es eben das wäre, was ich suchte, und eben darum sei ich auf dem Weg nach jener Pforte, um dort weiter unterwiesen zu werden, wie ich zu dem Ort meiner Erlösung kommen könnte. Er sagte mir, daß er mir einen bessern Weg zeigen wolle, der auch kürzer sei und nicht mit so viel Mühsalen verbunden wie der, welchen du mir gewiesen. Der Weg würde mich zu dem Hause eines Herrn bringen, der es verstände, solche Lasten abzunehmen. Ich glaubte ihm und wandte mich von jenem Weg ab auf diesen, damit ich vielleicht desto eher von meiner Bürde könnte befreit werden. Als ich aber hierher kam und die Dinge sah, wie sie wirklich sind, stand ich bestürzt still vor der Gefahr, die mir drohte. Nun aber weiß ich nicht, was ich tun soll.

Da sprach der +Evangelist+: „Bleib einen Augenblick stehen, damit ich dir Gottes Wort kundtun kann.“ Zitternd blieb +Christ+ stehen, und der +Evangelist+ sagte: „+Sehet zu, daß ihr den nicht abweiset, der da redet. Denn so jene nicht entflohen sind, die Ihn abwiesen, da Er auf Erden redete, viel weniger wir, so wir den abweisen, der vom Himmel redet+“ (Hebr. 12, 25). Weiter sprach er: „+Der Gerechte wird des Glaubens leben. Wer aber weichen wird, an dem wird Meine Seele kein Gefallen haben+“ (Hebr. 10, 38). Er wendete dies auch sofort an und sagte: „Du bist der Mann, der in dies Elend hineinrennt; du hast angefangen, den Rat des Allerhöchsten zu verwerfen und deinen Fuß abzuwenden vom Pfad des Friedens und dies sogar auf die Gefahr hin, ewig zu verderben.“

„Weh mir!“ rief +Christ+, „ich bin verloren!“ und wie tot fiel er zu Boden. Aber der +Evangelist+, da er das sah, griff ihn bei seiner rechten Hand und sprach: „+Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben+ (Matth. 12, 31) +und sei nicht ungläubig, sondern gläubig+!“ (Joh. 20, 27). Diese Worte riefen +Christ+ ins Leben zurück; zitternd richtete er sich auf, und der +Evangelist+ fuhr fort:

Gib nun mit größerm Ernst acht auf das, was ich dir jetzt sage. Ich will dir auch sagen, wer der war, der dich verführte, und wer der ist, zu dem er dich sandte. Der Mann, der dir begegnete, heißt +Weltklug+ und ist mit Recht also genannt, und zwar weil seine Lippen nur die Lehren dieser Welt verkündigen[28], wie er sich deshalb auch zu der Kirche der Stadt +Sittsamkeit+ oder Moral hält; und ferner, weil er jene Lehren allen andern vorzieht, da sie ihm nicht das Kreuz auferlegen[29], und weil er fleischlich ist, sucht er meine Wege, obgleich sie recht sind, zu verkehren. -- Was den Rat dieses Mannes betrifft, so sind darin drei Stücke, die du gänzlich verwerfen mußt:

Erstlich mußt du seinen Rat verwerfen, dadurch er dich von dem Weg abbrachte, auf den ich dich geführt hatte; auch deine eigene Einwilligung in diesen Rat mußt du verabscheuen, denn das heißt den Rat Gottes verwerfen, und das um eines Weltweisen willen. Der Herr spricht: „+Ringet danach, daß ihr durch die enge Pforte eingehet!+“ (Luk. 13, 24), die Pforte nämlich, dahin ich dich sende; „+denn die Pforte ist eng, die zum Leben führt; und wenige sind ihrer, die sie finden+“ (Matth. 7, 14). Von dieser engen Pforte und dem Weg, der dahin führt, hat dieser gottlose Mensch dich abwendig gemacht und dich beinahe ins Verderben gebracht; laß dir’s daher herzlich leid sein, daß du dich von ihm hast verleiten lassen, und verabscheue dich selbst, ihm Gehör gegeben zu haben.

Zum andern mußt du auch darum seinen Rat verwerfen, weil er bemüht war, dir das Kreuz verhaßt zu machen[30], das du doch höher zu achten hast als alle Schätze Ägyptens[31]; denn der König der Herrlichkeit spricht: „+Wer sein Leben will behalten, der wird’s verlieren+“ (Mark. 8, 34. 35) und: „+So jemand zu Mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht Mein Jünger sein+“ (Luk. 14, 26; vgl. Joh. 12, 25; Matth. 10, 37-39). Deshalb sage ich dir: Wenn dich jemand bereden will, daß das dein Tod sei, was, wie die Wahrheit selber spricht, dein ewiges Leben sein wird, so mußt du eine solche Lehre verwerfen.

Zum dritten mußt du es verabscheuen, daß er deinen Fuß auf einen Weg lenkte, der zur Knechtschaft des Todes führt, und mußt bedenken, zu wem er dich sandte, und wie unvermögend derselbe ist, dir deine Bürde abzunehmen.

Der Mann, zu dem er dich gesandt, Erleichterung zu erlangen, heißt +Gesetzlich+; er ist der Sohn der Sklavin oder Magd, die nun dienstbar ist mit ihren Kindern (lies Gal. 4, 21-27), und bedeutet auf eine geheimnisvolle Weise den Berg Sinai, von dem du gefürchtet hast, er werde dir aufs Haupt fallen. So sie nun mit ihren Kindern dienstbar ist, wie kannst du erwarten, durch sie frei zu werden? Dieser +Gesetzlich+ ist nicht imstande, dich von deiner Last zu erlösen. Es ist noch niemals ein Mensch durch ihn von seiner Last befreit worden, und es wird auch nimmermehr geschehen; denn durch des Gesetzes Werk kann keiner seiner Last loswerden[32]. Darum ist Herr +Weltklug+ der Wahrheit fern und Herr +Gesetzlich+ ein Betrüger, und sein Sohn +Höflich+ ist, so freundlich er sich auch gibt, ein Heuchler und kann dir nicht helfen. Glaube mir, hinter all der Prahlerei jener törichten Leute liegt nichts andres als die Absicht, dich um dein Heil zu bringen, indem sie dich von dem rechten Weg ableiten, auf welchen ich dich gebracht habe.

Nach diesen Worten erhob der +Evangelist+ seine Stimme und rief den Himmel zur Bekräftigung und zum Zeugen dessen an, was er gesagt hatte, und alsbald kam eine Stimme und Feuer aus dem Berge, unter dem der arme Christ stand, heraus, daß ihm die Haare zu Berg standen. Die Stimme aber redete also: „+Die mit des Gesetzes Werken umgehen, die sind unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben: Verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in alledem, das geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, daß er’s tue!+“ (Gal. 3, 10.)

+Christ+ erwartete nun nichts andres als den Tod und begann sehr kläglich zu jammern und verfluchte die Zeit, in der er sich mit Herrn +Weltklug+ eingelassen hatte. Er nannte sich wohl tausendmal einen Narren, daß er auf seinen Rat achtgehabt. Er ward auch tief beschämt, wenn er bedachte, daß die Vorspiegelungen dieses Herrn +Weltklug+, eines ganz fleischlich gesinnten Menschen, eine solche Macht auf ihn ausüben konnten, ihn vom rechten Weg abzubringen. Lange wagte +Christ+ nicht aufzublicken. Endlich fragte er:

„Herr, was meinst du, ist noch Hoffnung da für mich? Kann ich wohl wieder umkehren und auf die enge Pforte zugehen? Werde ich wohl um meines Fehltritts willen nun aufgegeben und dort mit Schanden abgewiesen werden? Ich bereue es tief, auf den Rat jenes Mannes gehört zu haben. Kann mir die Sünde noch vergeben werden?“

Der +Evangelist+ antwortete: „Deine Missetat ist groß, denn du hast zwiefältig gesündigt: Du hast den guten Weg verlassen und den verbotenen betreten. Wohl wird dich der Mann an der engen Pforte aufnehmen, denn er ist den Menschen sehr geneigt. Hüte dich aber, weiche nicht wieder ab, +damit du nicht umkommst auf dem Weg, denn Gottes Zorn wird bald entbrennen+“ (Ps. 2, 12).

Der strenge Blick des +Evangelisten+ hatte sich gemildert, und da Christ sich entschlossen zeigte, nach der engen Pforte zurückzuwandern, küßte er ihn und gab ihm seinen Segen.

Ohne Verweilen eilte +Christ+ nun davon und redete mit niemand, der ihm begegnete, blieb auch nicht stehen, um jemand zu antworten. Er lief wie einer, der auf verbotenem Grund und Boden sich befindet, und fühlte sich solange unsicher, bis er wieder auf dem Weg war, den er auf Herrn +Weltklugs+ Rat verlassen hatte.

Es gibt im Leben ein Herzeleid, das ist wie die weite Welt so weit, Das ist wie Bergeslasten schwer, das ist so tief wie das tiefe Meer.

Das ist das tiefe Herzeleid, wenn um die Sünde die Seele schreit, Wenn die Träne rinnt um der Sünde Last, wenn um die Sünde die Wang’ erblaßt.

Und dieses tiefe Herzeleid, das heilt kein Balsam dieser Zeit, Das stillt kein Zauber von Lieb’ und Lust, das tötet kein Tod in der Menschenbrust.

Und für das bittre Herzeleid hat unser Mittler Sein Herz geweiht: Durch Christi Blut und Gerechtigkeit wird uns gestillt dies Herzeleid.

Fußnoten:

[1] Das Gefängnis zu Bedford.