Pilgerreise zur seligen Ewigkeit
Part 2
Anfang Oktober 1660 erließ die in Bedford versammelte Behörde den Befehl, daß beim öffentlichen Gottesdienst die Liturgie der Kirche Englands gelesen werden müsse. Bunyan, als ihr nicht angehörig, dachte nicht daran, daß dieser Erlaß auch ihn angehe; es lag ihm fern, demselben Folge zu leisten. Da fand sich ein Verräter, der ihn bei der Regierung anzeigte. Es war am 12. November, da war er ersucht worden, in dem benachbarten Dorfe Samsell zu predigen, und er war im Begriff, über das Wort zu sprechen: Glaubst du an den Sohn Gottes? (Joh. 9, 35.) Ein benachbarter Friedensrichter hatte aber schon von der Versammlung gehört, welche da abgehalten werden sollte. Bunyans Freunde, welche es vernommen, rieten ihm, die Zeit zu benützen und zu entfliehen. Bunyan aber dachte: „Wenn ich fliehe, was werden meine glaubensschwachen Brüder sagen? Werden sie nicht gleicherweise die Flucht ergreifen? Werden sie nicht sagen, ich habe ihnen bloße Worte ohne Werke gepredigt?“ -- So war er denn entschlossen zu bleiben und sein Amt auszurichten. Kaum aber hatte der Gottesdienst begonnen, so traten die Gerichtsdiener herein mit dem Haftbefehl. Auf seine Bitte durfte Bunyan noch einige Worte an die Gemeinde richten, und dann wurde er ins Gefängnis nach Bedford abgeführt. Im Januar 1661 fanden die vierteljährlichen Sitzungen des Gerichtshofes statt. Die Anklageakten, welche hierauf gegen Bunyan verfaßt und ihm vorgelesen wurden, lauteten also: „Daß Johann Bunyan aus Bedford, Landmann, seit einiger Zeit teuflischer- und verderblicherweise sich vom öffentlichen Gottesdienst ferngehalten und dagegen ein gesetzwidriger Versammlungshalter sei, zur großen Zertrennung und Zerstörung der guten Untertanen dieses Königreichs, entgegen dem Gesetz unsers souveränen Herrn und Königs“ usw. Das Verhör bewegte sich um die Verpflichtung zum Besuch des staatskirchlichen Gottesdienstes, um die englische Liturgie und um Bunyans Befugnis zum Predigen. Der Angeklagte gab zu, daß er Versammlungen gehalten habe, um zu beten und zu ermahnen, weigerte sich jedoch entschieden, das Versprechen abzulegen, daß er, wenn in Freiheit gesetzt, nicht mehr predigen wolle. Der Richter drang mit allerlei Vorstellungen in ihn, um ihn dazu zu bewegen, aber umsonst. „Nun denn,“ sagte der Richter, „so höre dein Urteil: Du mußt wieder zurück in dein Gefängnis und dort noch weitere drei Monate liegen; und dann, wenn du dich weigerst, in die Kirche (d. i. die bischöfliche Staatskirche) zu gehen und dem Gottesdienst derselben beizuwohnen, wie auch dein Predigen zu lassen, so steht dir Landesverweisung in Aussicht; und solltest du dich dann ohne besondere Erlaubnis des Königs im Lande wieder sehen lassen, so geht’s dir an den Hals.“ Bunyan antwortete: „Ich habe nichts weiter zu sagen; wenn ich heute aus dem Gefängnis käme, so würde ich morgen wieder das Evangelium predigen mit Gottes Hilfe.“
Nach Ablauf der drei Monate war Bunyan nun sehr gespannt, zu erfahren, was aus ihm werden würde. Er hatte schon die Predigt vorbereitet, die er bei seiner Hinrichtung vor versammeltem Volk zu halten gedachte. Es kam jedoch nicht so weit. Ebensowenig wagte man es, ihn in die Verbannung zu schicken; aber zwölf Jahre hindurch wurde er gefangengehalten. Das Gefängnis stand auf der Brücke, welche über den Fluß bei Bedford führte. Es war eine unwirtliche Behausung, ein Ort, welchen Bunyan selbst zu Anfang seiner „Pilgerreise des Christen“ eine „Höhle“ nennt. Aber eben dieses Gefängnis ward durch Bunyan ein Haus der Ermahnung und des Trostes. Außer ihm waren noch viele andre um ihres Bekenntnisses willen hier eingekerkert, und er versäumte es nicht, sie zu unterweisen und mit ihnen zu beten. Außer den Mitgefangenen kamen noch viele aus der ganzen Umgegend herbei, um ihn zu besuchen und sich von ihm in ihren Zweifeln und mancherlei Gewissensfragen geistlichen Rat zu holen. -- Mochte auch seine Haft keine strenge sein, so drückte ihn doch die Trennung von seiner zweiten Gattin und seinen vier Kindern besonders schwer. Seine erste Frau war nach schwerer Krankheit vor seiner Verhaftung gestorben. Nicht imstande, durch sein Handwerk etwas zu verdienen, lernte er Litzen häkeln, Schnüre und Schnürgeflechte verfertigen, die er an der Tür seines Gefängnisses verkaufen durfte, wobei oft seine geliebte blinde Tochter an seiner Seite stand.
Die Stille seiner Zelle benützte er auch, um sich vollends in Wort und Geist der Heiligen Schrift zu vertiefen; von hier aus sind seine wichtigsten Schriften hervorgegangen. Seine dichterischen Gefängnisbetrachtungen, seine unter dem Titel: „Überschwengliche Gnade“ verfaßte Lebensbeschreibung, sein Glaubensbekenntnis und insonderheit „Die Pilgerreise des Christen“ haben diesen Ursprung. Viele andre Bücher wurden von Bunyan während seiner Gefangenschaft geschrieben, und alle seine schriftstellerischen Werke zusammen umfassen nicht weniger als 60 größere und kleinere Bände. Auf diese Weise konnte er als Gefangener eine viel weitere Wirksamkeit gewinnen, als er vorher in seiner Freiheit durch sein Predigen hatte ausüben können.
Der Herr gab ihm auch solche Gunst in den Augen des Gefängniswärters, daß dieser ihm eine Zeitlang viel Freiheit ließ. Er durfte bei seiner Familie sein und zuweilen sogar in den umliegenden Dörfern und Wäldern predigen. Man sagt, daß viele der Baptistengemeinden in der Umgegend von Bedford ihre Entstehung seinen damaligen mitternächtlichen Predigten verdanken. Im Jahr 1666 kam er, da er für kurze Zeit in Freiheit gesetzt ward, bis nach London. Aber eines Tages wurde er, eben im Begriff, eine Versammlung zu halten, als ein Gegner der Staatskirche wiederum festgenommen und in strengere Haft zurückgeführt. Diese Strenge aber ließ allmählich wieder nach, so daß er Monate hindurch regelmäßig die Versammlungen seiner Brüder in Bedford besuchen konnte, ja er wurde sogar im Oktober 1671, da er noch im Gefängnis war, zum Prediger der Baptistenkirche in Bedford gewählt. Seine öftere Abwesenheit kam indes zu den Ohren der ihn verfolgenden Geistlichen. Von London wurde ein Beamter nach Bedford entsandt, der sich von der Wahrheit jener Gerüchte überzeugen sollte. Mitten in der Nacht meldete sich dieser beim Gefängniswärter, um seine Untersuchung vorzunehmen. In derselben Nacht befand sich Bunyan bei seiner Familie, war aber so unruhig, daß er nicht schlafen konnte, und sagte deshalb zu seiner Frau, er müsse sogleich zurückkehren. Er tat es auch, und der Kerkermeister war sehr unzufrieden, daß er zu einer solch ungelegenen Zeit zurückkam. Kurz darauf erschien der Beamte und fragte: „Sind alle Gefangenen gut verwahrt?“ „Ja.“ „Ist Johann Bunyan in seiner Zelle?“ „Ja.“ „Ich wünsche ihn zu sehen.“ Er wurde gerufen, erschien, und alles war recht. Nachdem der Beamte das Gefängnis verlassen hatte, sagte der Wärter zu Bunyan: „Ihr möget ausgehen, wann es Euch beliebt, denn Ihr wißt besser, wann Ihr zurückkommen müßt, als ich es Euch sagen kann.“
Endlich erließ Karl II. im Jahr 1672 die sogenannte +Indulgenzakte+, welche den Dissenters Befreiung aus dem Gefängnis und für ihre Privatversammlungen Duldung gewährte. Die nähern Umstände, denen Bunyan seine Freiheit verdankte, sind erst in neuerer Zeit bekannt geworden. In der Schlacht bei Worcester, in welcher das schottische Heer durch Cromwell beinahe aufgerieben worden und Karl II., damals noch Kronprätendent, in persönliche Lebensgefahr geraten war, hatte derselbe nach vierzigtägiger Flucht endlich einen Mann gefunden, der ihn auf den Schultern in ein Boot rettete; dies war ein Quäker. Zwanzig Jahre später erschien dieser Quäker vor dem König, der ihn sogleich wieder erkannte und ihm seine Verwunderung bezeugte, daß er niemals bei ihm um eine Belohnung eingekommen sei. Der Quäker gedachte der Tausende seiner Glaubensgenossen, die in den Gefängnissen schmachteten, und bat für sie; doch nicht für sie allein, sondern auch für die andern, die um ihres Gewissens willen verfolgt waren. Der Name Bunyan wurde mit genannt. Karl II., welcher bei all seinen Fehlern doch ein dankbares Herz hatte, ließ eine Verordnung ausgehen, durch welche die gefangenen Dissenters, welche sich keiner politischen Vergehen schuldig gemacht hatten, in Freiheit gesetzt wurden. Diese Verordnung trug das Datum vom 15. März 1672.
Als Bunyan das Gefängnis von Bedford verließ, war er 44 Jahre alt. Zum ersten, was er nach seiner Befreiung tat, gehörte ein Gesuch an die Behörde um ungehinderte Predigt und freie Versammlungsstätten in der Grafschaft Bedford und den benachbarten Grafschaften. Seinen Bemühungen verdankten 25 Prediger ihre Anstellung, 31 Versammlungsstätten ihre ungestörte Benützung. Als Seelsorger ging er unermüdlich den einzelnen nach und hielt hin und her Erbauungsstunden. Auch seine Feder war bald wieder in voller Tätigkeit, und er schrieb Werke, durch die sein Gedächtnis im Segen bleibt. Überhaupt suchte er das Reich Christi zu fördern, soviel er nur vermochte, und von den Baptistengemeinden seiner Gegend, deren Leiter er nun eigentlich war, erhielt er den Ehrennamen „Bischof Bunyan“. Dieser Bischof hielt es nicht unter seiner Würde, sein früheres Handwerk bis an sein Lebensende fortzuführen. Er blieb auch in seiner bescheidenen Wohnung. Sein Studierzimmer war kaum größer als seine Gefängniszelle. Ein Schuppen hinter dem Haus diente ihm als Werkstatt.
Bunyans Ruf nahm immer zu. Auf seinen Wanderpredigten kam er auch jährlich einmal nach London. Dort wurden seine Predigten so hoch geschätzt, daß zu einer Morgenandacht um 7 Uhr sich einmal an einem Werktag mitten im Winter mehr als 1200 Zuhörer einstellten. Ein andermal, an einem Sonntag, hatten sich mehr als 3000 Personen eingefunden; viele mußten wegen Platzmangel wieder umkehren. Unter denen, die zu seinen Predigten herbeiströmten, fand man Hohe und Niedrige, Gelehrte und Ungelehrte. Der berühmte Theologe ~Dr.~ Johann Owen, der schon unter Cromwell in hohem Ansehen gestanden hatte, setzte sich, sooft er Gelegenheit hatte, gern zu den Füßen des ungelehrten, aber beredten Kesselflickers, um seinen glühenden, herzergreifenden Ansprachen zu lauschen. Als König Karl II. dies hörte, fragte er den gelehrten Doktor, wie doch ein Mann von seiner hohen Bildung und großen Gelehrsamkeit sich herablassen könne, einen Kesselflicker predigen zu hören. Darauf erwiderte Owen: „Königliche Majestät, wenn ich des Kesselflickers Predigtgabe bekommen könnte, wollte ich gern all meine Gelehrsamkeit dagegen eintauschen.“
Mehr als einmal wurde Bunyan gebeten, sich in der Weltstadt dauernd niederzulassen. Doch weder die Aussicht auf ein größeres Arbeitsfeld noch viel weniger auf ein höheres Einkommen konnten ihn bestimmen, seine Bedforder Gemeinde zu verlassen.
Nach Jahr und Tag regten sich auch die alten Feinde wieder. Ja, sie brachten es dahin, daß Bunyan noch einmal ins Gefängnis mußte; diesmal jedoch nur auf sechs Monate. Durch Vermittlung angesehener Männer, des ~Dr.~ Owen, des berühmten Kaplans Cromwell und des Bischofs von Lincoln, wurde er befreit. Ob Bunyan den 1. Teil seiner „Pilgerreise“ während dieser oder der 12jährigen Gefangenschaft geschrieben hat, ist ungewiß; in Druck kam er erst im Jahr 1678, während der 2. Teil sieben Jahre später, zu Anfang des Jahres 1685, erschien.
Im Jahr 1682 hatte Bunyans Gemeinde zu Bedford wiederum viel Verfolgung zu leiden. Eine Zeitlang wurde sie aus ihrem Versammlungshaus vertrieben und mußte unter freiem Himmel zusammenkommen. In demselben Jahr war es, daß er sein treffliches Büchlein: „Der heilige Krieg“ herausgab, worin er den Kampf des Christen gegen Sünde, Welt und Teufel sinnbildlich darzustellen versucht. Als nach Karls II. Tod (3. Februar 1685) König Jakob II., welcher die protestantische Kirche Englands mit Gewalt wieder katholisch machen wollte, den Thron bestieg, wurden die Verfolgungen wieder besonders heftig. Bunyan entkam oft nur mit knapper Not der äußersten Lebensgefahr. Er wurde von seinen Feinden überall scharf bewacht; doch rettete ihn der Herr diesmal aus aller Gefahr, nur daß ihm hie und da wilde Rotten ins Haus brachen und ihn seiner sauer erworbenen Habe teilweise beraubten.
Zu Anfang des Jahres 1688 wurde Bunyan von einer heftigen Krankheit ergriffen, erholte sich aber wieder so weit, daß er noch ein besonderes Liebeswerk auszurichten imstande war, das freilich sein letztes auf Erden sein sollte. Einer seiner Freunde nämlich, der in der Stadt Reading wohnte, hatte gedroht, seinen eigenen Sohn zu enterben, und schon nahte sein Ende, ohne daß eine Versöhnung zwischen Vater und Sohn zustande gekommen war. Der Sohn war darüber sehr bekümmert und bat Bunyan, sich für ihn bei seinem Vater zu verwenden und eine Versöhnung zu bewirken. Da unternahm der treue Knecht Gottes bereitwillig die weite Reise nach Reading zu Pferd, und es gelang ihm, die Liebe zwischen Vater und Sohn wieder herzustellen. Darauf ritt er nach London zurück. Allein unterwegs wurde er von heftigem Regen befallen und völlig durchnäßt. Ganz durchfroren und erstarrt von Nässe kam er in dem Hause eines Freundes in London an. Hier predigte er zwar noch am Sonntag, dem 19. August, aber schon am Dienstag wurde er von heftigem Fieber ergriffen. Zehn Tage später, am 31. August 1688, durfte dieser treue Zeuge seines Herrn nach einem vielbewegten Leben eingehen in die Ruhe des Volkes Gottes. Seine letzten Worte waren: „Weinet nicht über mich, sondern über euch selbst. Ich gehe zu dem Vater unsers Herrn Jesus Christus, der mich, ob ich gleich ein großer Sünder bin, durch die Mittlerschaft Seines geliebten Sohnes aufnehmen wird; dort werden wir, hoffe ich, bald wieder zusammenkommen, um das neue Lied zu singen und in alle Ewigkeit selig zu sein.“ Er stand im 60. Jahr seines Lebens. Auch von ihm kann mit Recht gesagt werden: „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben; sie ruhen von ihrer Arbeit, und ihre Werke folgen ihnen nach“ (Offenb. 14, 13).
Seine sterbliche Hülle wurde auf dem Friedhof in Finsbury (dem Bunhillkirchhof) beigesetzt, wo auch Watt, Owen und Wesley ruhen. Ein würdiges Denkmal mit seinem Bildnis bezeichnet heute noch seine Grabstätte, und durch die vor uns liegende „Pilgerreise“ redet er noch zu uns, wiewohl er gestorben ist.
Pilgerreise
zur seligen Ewigkeit.
Erster Teil:
Der Pilger.
Erstes Kapitel.
Der Weg zur engen Pforte.
Als ich durch die Wüste dieser Welt wanderte, kam ich an einen Ort, wo eine Höhle war[1]; ich legte mich daselbst zum Schlafen nieder und hatte nun, als ich schlief, einen Traum. Siehe, ich sah an einem Ort einen Mann stehen in einem unflätigen und zerrissenen Kleid[2], sein Antlitz von seinem Hause abgewandt[3], mit einem Buch in der Hand und einer großen Last auf seinem Rücken[4]. Ich sah zu und ward gewahr, daß er das Buch öffnete und darin las, und während er las, weinte und zitterte er, und da er sich nicht länger halten konnte, brach er in den Angstschrei aus: „Was soll ich tun?“ (Apostelg. 2, 37; 9, 6.)
In diesem Zustand ging er nach Hause und suchte die Angst seines Herzens solange als möglich vor seiner Familie zu verbergen. Aber er konnte nicht lange schweigen, denn seine Unruhe zwang ihn, vor Frau und Kindern sein Herz auszuschütten, indem er sagte: „Ach meine liebe Frau und ihr, meine teuren Kinder, ich bin verloren, denn eine schwere Bürde lastet auf mir! Überdies wurde mir auch für gewiß berichtet, daß Feuer vom Himmel diese unsre Stadt[5] verzehren wird (2. Petr. 3, 7). Dabei werden wir alle, ich, du, meine teure Frau, und ihr, meine süßen Kindlein, elendiglich umkommen, wenn wir nicht beizeiten einen Weg zu unsrer Rettung finden.“
Durch diese Rede wurden die Seinen sehr bestürzt, nicht weil sie glaubten, daß das wahr sei, was er sagte, sondern weil sie dachten, es seien ihm verrückte Gedanken in den Kopf gestiegen. Da gerade die Nacht hereinbrach und sie hofften, der Schlaf werde ihn wieder zu sich selber bringen, drängten sie ihn, sich zur Ruhe zu begeben. Allein die Nacht war so unruhig für ihn wie der Tag; statt zu schlafen, brachte er sie mit Seufzen und Weinen zu. Als ihn nun die Seinen am Morgen fragten, wie es ihm gehe, antwortete er: „Ach, es wird nur ärger, immer ärger!“ und fing aufs neue an, zu ihnen zu reden wie tags zuvor; aber er fand kein Gehör. In der Meinung, seine Seelenangst durch barsches und mürrisches Wesen vertreiben zu können, spotteten sie sein und schalten ihn einen Toren; dann wieder bekümmerten sie sich gar nicht um ihn. Er zog sich daher in sein Kämmerlein zurück, um für sie inbrünstig zu beten und sein eigenes Elend zu beklagen. Er ging auch bisweilen hinaus in die Felder und las oder betete dabei und verbrachte auf diese Weise einige Tage. So sah ich ihn eines Tages im Feld umhergehen, seiner Gewohnheit nach in seinem Buche lesend, während er in tiefer Bekümmernis wie zuvor ausrief: „+Was soll ich tun, daß ich selig werde?+“ (Apostelg. 16, 30.)
Ich sah auch, daß er bald hierhin, bald dorthin blickte, als wollte er davonlaufen; er blieb jedoch stehen, ungewiß, wie mir schien, welchen Weg er einschlagen solle. Ich sah dann, daß ein Mann namens +Evangelist+ sich ihm näherte und ihn fragte, warum er denn so schreie. „Ach Herr,“ antwortete er, „ich ersehe aus dem Buch in meiner Hand, daß ich verurteilt bin zu sterben und danach vor Gericht zu erscheinen (Hebr. 9, 27), und finde nun, daß ich weder zu dem ersten willig, noch zu dem andern geschickt bin[6].“
Hierauf sprach der +Evangelist+: „Warum bist du denn nicht willig zu sterben, da doch dieses Leben von so vielen Übeln und Plagen begleitet ist?“ -- „Weil ich fürchte,“ antwortete der Mann, „die auf meinem Rücken liegende Last werde mich noch tiefer hinabdrücken als in das Grab, ja mich in die Hölle hinunterstoßen, und, Herr, wenn ich nicht einmal geschickt bin, ins Gefängnis zu gehen, so werde ich noch viel weniger geschickt sein, vor dem Richter zu erscheinen und die Vollziehung der Strafe zu ertragen. Daran dachte ich und mußte deshalb so sehr weinen und rufen.“
„Wenn es so mit dir steht,“ sagte der +Evangelist+, „warum bleibst du denn hier stehen?“ -- „Ach,“ erwiderte er, „ich weiß ja nicht, wohin ich mich wenden soll!“ Der +Evangelist+ gab ihm hierauf ein Blatt Papier, auf welchem geschrieben stand: „+Entfliehe dem zukünftigen Zorn!+“ (Matth. 3, 7) Der Mann las diese Worte, und den +Evangelisten+ ängstlich anblickend, fragte er: „Wohin soll ich denn fliehen?“ Der +Evangelist+ wies mit dem Finger über ein sehr weites Feld hin und sprach: „Siehst du dort jene kleine enge Pforte[7]?“ -- „Nein,“ antwortete der Mann. „Siehst du auch nicht jenes scheinende Licht[8]?“ fragte der andre. Er sagte: „Ich meine, ich sehe es.“ -- „Gut,“ fuhr der +Evangelist+ fort, „behalte nun jenes Licht im Auge und gehe geradeswegs darauf zu, so wirst du bald die Pforte finden. Wenn du dort anklopfen wirst, wird man dir sagen, was du weiter zu tun hast.“
Ich sah nun, daß der Mann zu laufen anfing. Als er aber nahe an seinem Hause vorbeikam und seine Frau und Kinder ihn sahen, riefen sie ihm nach, er solle wieder umkehren; allein er hielt sich die Ohren zu und lief weiter[9], indem er ausrief: „+Leben, Leben, ewiges Leben!+“ Er sah auch nicht einmal hinter sich[10], sondern eilte geradezu durch die Ebene hin.
Nun kamen auch die Nachbarn herbei, und als diese ihn so laufen sahen, ließen die einen ihren Spott über ihn aus, andre drohten ihm, und etliche schrien ihm nach, er solle wieder zurückkehren. Unter diesen Leuten waren ihrer zwei, die entschlossen sich, ihm nachzulaufen und ihn mit Gewalt zurückzuholen, der eine hieß +Störrig+, der andre +Willig+. Der Mann war ihnen zwar schon eine gute Strecke voraus, allein da sie sich einmal vorgenommen hatten, ihm nachzusetzen, führten sie ihren Vorsatz auch aus und hatten ihn in kurzer Zeit eingeholt. Da sprach der Mann: „Liebe Nachbarn, warum kommt ihr mir nach?“ Sie erwiderten: „Dich zu bewegen, mit uns wieder umzukehren.“ Er aber antwortete: „Das kann auf keinen Fall geschehen. Ihr wohnt in der Stadt +Verderben+, die ja auch mein Geburtsort ist; ich weiß aber gewiß, wenn ihr dort sterbet, es sei früher oder später, so werdet ihr tiefer hinabsinken als in das Grab, in einen Ort, der mit Feuer und Schwefel brennt. Darum besinnt euch nicht lang, liebe Nachbarn, und geht mit mir!“
+Störrig.+ Was sagst du? Wir sollten mit dir gehen und allen unsern Freunden und Vergnügungen den Rücken kehren?
„Ja,“ erwiderte +Christ+ -- denn so hieß er -- „deshalb, weil alles, was ihr verlassen werdet, nicht wert ist, mit dem Geringsten verglichen zu werden, was mir in Aussicht steht[11]. Wollt ihr nun mit mir gehen, werdet ihr alles dessen gleicherweise auch teilhaftig werden; denn wo ich hingehe, da ist kein Mangel, sondern volle Genüge[12]. Kommt, und ihr werdet finden, daß ich wahr geredet habe.“
+Störrig.+ Was für Güter sind es denn eigentlich, die du suchst und um derentwillen du die ganze Welt verlässest, sie zu erlangen?
+Christ.+ Ich suche ein unvergängliches und unbeflecktes und unverwelkliches Erbe, das behalten wird im Himmel (1. Petr. 1, 4), welches denen ganz gewiß zufallen wird, die ernstlich danach trachten[13]. Hier ist ein Buch; überzeugt euch selbst, wenn ihr wollt!
+Störrig.+ Ach, geh weg mit deinem Buch! Willst du mit uns zurück oder nicht?
+Christ.+ Daran ist nicht zu denken, da ich nun einmal meine Hand an den Pflug gelegt habe[14].
+Störrig.+ So komm denn, Nachbar +Willig+, und laß uns ohne ihn wieder nach Hause gehen; es gibt eben eine Art verschrobener Köpfe, die, wenn sie einmal einen tollen Gedanken gefaßt haben, sich damit weiser dünken denn sieben, die da Sitten lehren (Spr. 26, 16).
+Willig.+ Behandle diese Sache nur nicht so geringschätzig, mein Freund! Wenn dem so ist, wie der gute +Christ+ da sagt, so sind die Güter, wonach er trachtet, besser als die, die wir besitzen. Ich bin daher willens, mit meinem Nachbar zu ziehen.
+Störrig.+ Was sagst du? Noch ein Narr mehr? Ich rate dir, wieder mit mir umzukehren. Wer weiß, wohin dich dieser hirnkranke Mensch noch führen wird! Kehr um, kehr um und sei gescheit!
+Christ.+ Nein, geselle dich nur zu mir, Nachbar +Willig+! All das Gute, von dem ich euch sagte, werden wir dort antreffen und noch viel Herrlicheres dazu. Glaubst du mir nicht, so lies doch selbst einmal in diesem Buch, und siehe, die Wahrheit alles darin Gesagten[15] ist mit dem Blute dessen bekräftigt, der es gemacht hat (Hebr. 9, 17-22).
+Willig.+ Wohlan, Nachbar +Störrig+, mein Entschluß steht also fest; ich will mit diesem guten Mann gehen, und sein Los soll das meine sein. Aber, mein lieber Freund +Christ+, weißt du auch sicher den Weg zu dem Ort, auf dem wir hinzukommen trachten?
+Christ.+ Durch einen Mann, namens +Evangelist+, bin ich belehrt worden, daß ich nach einer kleinen Pforte, die vor uns liegt, hineilen soll. Dort werden wir weitere Anweisung über den Weg bekommen.
+Willig.+ Komm denn, mein lieber Nachbar, wir wollen gehen! -- So gingen die beiden miteinander.
+Störrig.+ Und ich will wieder nach Hause gehen, denn mit solchen verrückten Schwärmern will ich mich nicht aufhalten.
Ich sah dann in meinem Traum, nachdem +Störrig+ weggegangen war, daß +Christ+ und +Willig+ über die Ebene hingingen. Dabei entspann sich folgendes Gespräch unter ihnen:
+Christ.+ Nun, lieber Nachbar, wie steht’s mit dir? Ich bin froh, daß du dich hast bewegen lassen, mit mir zu gehen. Hätte +Störrig+ die Macht und den Schrecken der Dinge, die noch unsichtbar sind, auch so gefühlt wie ich, er würde uns nicht so leichthin den Rücken gekehrt haben.
+Willig.+ Hör, Nachbar +Christ+, da wir nun beide hier ganz allein sind, so erzähle mir doch weiter, was für Güter es eigentlich sind, die wir suchen, und wie wir derselben teilhaftig werden können.