Pilgerreise zur seligen Ewigkeit

Part 25

Chapter 253,811 wordsPublic domain

+Mutherz.+ Allerdings; er hat es jedoch nicht unterlassen, sie zugleich für die bevorstehende schwere Prüfung zu stärken. Und wir dürfen nicht vergessen: sie waren Leute wie Löwen so mutig, ihre Angesichter waren wie Kieselsteine. Wie unerschrocken standen sie vor dem Richter!

+Redlich.+ Ja, und wie tapfer hat +Getreu+ beharrt bis ans Ende!

+Mutherz.+ Das hat er getan, und eine herrliche Frucht ist daraus erwachsen, nämlich +Hoffnungsvoll+ und einige andre wurden, wie die Geschichte erzählt, durch seinen Tod bekehrt.

+Redlich.+ Du bist von allem wohl unterrichtet; bitte, fahre fort zu erzählen!

+Mutherz.+ Unter allen, mit denen +Christ+ in Fühlung kam, nachdem er den +Eitelkeitsmarkt+ im Rücken hatte, war doch +Nebenwege+ der abgefeimteste.

+Redlich.+ +Nebenwege?+ Wer war das?

+Mutherz.+ Ein Kind der Bosheit, ein Heuchler durch und durch; einer, der den Frommen spielte, aber sich immer so zu stellen wußte, je nachdem er gerade unter Menschen war, daß er sicher sein konnte, niemals etwas um deswillen zu verlieren oder zu leiden. Er hatte seine besondere Religion, die für jede Gelegenheit paßte. Und seine Frau stand ihm hierin in nichts nach. Im Handumdrehen ging er von einer Meinung zur andern über; ja, er rechtfertigte das auch, daß man das tun könnte. Soviel ich aber habe erfahren können, so hat es mit seinen Nebenwegen doch ein schlechtes Ende genommen. Ich habe auch niemals gehört, daß eines seiner Kinder bei den wahrhaft Gottesfürchtigen die geringste Achtung genossen hätte.

Mittlerweile waren sie nun der Stadt +Eitelkeit+ so nahe gekommen, daß sie diese gerade vor sich liegen sahen. Die Pilger beratschlagten unter sich, wie sie am besten durch den Jahrmarkt, der hier abgehalten wird, hindurchkommen könnten. Der eine sagte dies, der andre jenes. „Diese Sorge könnt ihr euch sparen,“ fiel ihnen +Mutherz+ in die Rede, „denn ihr wißt, daß ich schon manchen Pilger durch die Stadt geleitet habe. Zudem kenne ich einen alten Jünger mit Namen +Mnason+ aus Zypern, in dessen Hause wir herbergen können (Apostelg. 21, 16); wenn es euch gefällt, wollen wir dort einkehren.“ Alle waren mit diesem Vorschlag einverstanden, und da die Sonne gerade unterging, beeilten sie sich, um noch vor Nacht dort einzutreffen. Bald hatten sie das Haus gefunden, und +Mutherz+ rief an der Tür. Der alte Mann erkannte sogleich die Stimme des Führers, er kam und öffnete, und sie gingen alle hinein.

„Wie weit seid ihr heute gereist?“ fragte freundlich der Wirt.

„Vom Hause des +Gajus+, unsers Freundes, bis hierher,“ antworteten sie.

„Nun, dann seid ihr aber eine gute Strecke gegangen,“ erwiderte Herr +Mnason+, „nehmt euch Platz, denn ihr werdet wohl sehr müde sein.“ Da setzten sie sich nieder, und ihr Führer sagte: „Wie gut ist’s, daß wir diese Herberge noch erreicht haben, meine Lieben, und ich bin überzeugt, daß ihr meinem Freund willkommen seid.“

+Mnason.+ Ja, ich heiße euch alle willkommen! Und solange ihr in meinem Hause weilt, soll es euch an nichts mangeln.

+Redlich.+ Was ein Pilger zu gewissen Zeiten am meisten entbehrt, das ist eine Herberge und gute Gesellschaft, und nun, denke ich, haben wir beides gefunden.

+Mnason.+ Was die Herberge betrifft, so seht ihr, wie sie ist; was aber die gute Gesellschaft anlangt, so wird’s die Probe zeigen.

+Mutherz.+ Herr +Mnason+, willst du den Pilgern nun ihre Zimmer zeigen?

Dazu war der Wirt gern bereit, und er wies jedem sein Gemach an. Er führte sie auch in einen sehr schönen Speisesaal, wo sich die Pilger aufhalten konnten, bis sie zur Ruhe gingen.

„Herr +Mnason+, gibt es in dieser Stadt nicht auch etliche gleichgesinnte Leute, mit denen wir Gemeinschaft haben können?“ fragte der alte +Redlich+, nachdem sie sich hier niedergelassen hatten.

+Mnason.+ Es hat deren einige hier, doch ist ihre Zahl verhältnismäßig klein.

+Redlich.+ Wäre es nicht möglich, mit ihnen Fühlung zu bekommen? Der Anblick Gleichgesinnter schon allein hat etwas Erhebendes und Belebendes; ein solches Zusammentreffen auf der Pilgerschaft ist eben das, was der Aufgang von Mond und Sternen den Seefahrern ist.

Der Wirt rief nun seine Tochter +Gnade+ herbei und sprach zu ihr: „+Gnade+, geh doch schnell zu meinen Freunden Herrn +Bußfertig+, Herrn +Heilig+, Herrn +Frommhold+, Herrn +Lügenscheu+ und Herrn +Reumütig+ und sage ihnen, daß ich lieben Besuch erhalten habe, der sie diesen Abend noch zu sehen wünsche.“

+Gnade+ ging hin, sie einzuladen. Sie kamen und traten in den Saal, wo die Pilger waren. Nach der gegenseitigen Begrüßung setzten sie sich allesamt um den Tisch herum. Der Hauswirt redete sie also an: „Liebe Nachbarn, es sind, wie ihr seht, einige Gäste bei mir eingekehrt, die Pilger sind. Sie kommen von weit her und ziehen nach dem Berg +Zion+.“ Und mit dem Finger auf +Christin+ weisend, fuhr er fort: „Könnt ihr euch wohl denken, wer diese ist? Es ist +Christin+, die Frau des bekannten Pilgers +Christ+, der mit seinem Freund +Getreu+ in unsrer Stadt so schmählich behandelt worden ist.“

„Welch eine Überraschung!“ riefen die Männer aus. „Das dachten wir wahrlich nicht, daß wir +Christin+ hier antreffen sollten.“ Sie erkundigten sich nun nach ihrem Ergehen, und als sie erfuhren, daß diese jungen Leute +Christs+ Söhne seien, sprachen sie: „Der König, den ihr liebt und dem ihr dient, mache euch eurem Vater gleich und bringe auch euch an den Ort des Friedens!“

Der alte +Redlich+ fragte nun Herrn +Bußfertig+, wie es zurzeit in der Stadt gehe.

+Bußfertig.+ Wie man es ja nicht anders erwarten kann, haben wir eben in diesen Markttagen viel Unruhe. Es ist schwer, unter solchen Umständen Herz und Sinn zu bewahren. In solcher Umgebung, wie wir sie haben, gilt es, Stunde um Stunde seine Seele in den Händen zu tragen.

+Redlich.+ Aber verhalten sich eure Nachbarn jetzt ruhig?

+Bußfertig.+ Wohl ist es +Christ+ und +Getreu+ in dieser Stadt übel ergangen, doch müssen wir sagen, daß die Leute in der letzten Zeit viel gemäßigter sind. Mir scheint, das Blut von +Getreu+ lastet noch schwer auf ihrem Gewissen; denn seitdem sie ihn verbrannt haben, schämen sie sich solchen Tuns. In jenen Tagen hätte es keiner von uns wagen dürfen, über die Straße zu gehen; aber jetzt können wir uns überall sehen lassen. Damals war der Name eines Bekenners verhaßt, jetzt aber wird in gewissen Stadtteilen die Religion wieder in Ehren gehalten. -- Doch, wie geht es euch denn auf eurer Pilgerfahrt? Wie ist man im Land gegen euch gesinnt?

+Redlich.+ Uns geht es, wie es Pilgern zu gehen pflegt. Wir wandern eben durch dick und dünn. Bald geht’s bergauf, bald bergab, und wir wissen nie, was morgen sein wird. Der Wind ist uns nicht allezeit im Rücken, und nicht jedermann ist uns gut Freund, der uns auf dem Weg begegnet. Wir haben schon manche schwere Anfechtung zu bestehen gehabt; und wer weiß, was unser noch wartet? Die Wahrheit des alten Spruches: „+Der Gerechte muß viel leiden+“ (Ps. 34, 20) hat sich auf unserm Weg schon reichlich bestätigt.

+Bußfertig.+ In was für Anfechtungen seid ihr denn gekommen?

+Redlich.+ Herr +Mutherz+, unser Führer, wird euch darüber am besten Auskunft geben können.

+Mutherz.+ Wir sind schon drei- oder viermal angegriffen worden. Zuerst wurden +Christin+ und ihre Kinder von zwei Bösewichtern überfallen, die ihnen nach dem Leben trachteten. Hernach bekamen wir es mit drei Riesen zu tun: +Blutdurst+, +Hammer+ und +Tugendfeind+. Den letztern zwar überfielen wir vielmehr als er uns. Das geschah während der Zeit, als wir in dem Hause des +Gajus+ weilten; da entschlossen wir uns, einmal unsre Waffen an einem der berüchtigtsten Feinde der Pilger zu erproben, der sich in jener Gegend umhertrieb. +Gajus+ kannte sein Versteck. Als wir endlich den Eingang zu seiner Höhle entdeckt hatten, wurden wir froh und ermannten uns; wir traten alsbald hinzu, und siehe, da fanden wir den armen +Kleinmütig+ in seiner Gewalt und dem Tode geweiht. Sobald er uns sah, ließ er von seinem Opfer ab und kam heraus in der Erwartung, einen andern Raub zu erhaschen. Wir fielen nun mit aller Macht über ihn her, brachten ihn schließlich zu Fall und hieben ihm den Kopf ab. Diesen steckten wir neben dem Weg auf zum abschreckenden Beispiel für alle seinesgleichen. Dies ist die Wahrheit, und hier ist der Mann selbst, der sie bezeugen kann; er war wie ein Lamm, das aus dem Rachen der Löwen gerissen wird.

„Ja,“ bestätigte +Kleinmütig+, „so habe ich es empfunden, zu meinem Schrecken und zu meinem Trost: Zu meinem Schrecken, als er drohte, mich zu zerfleischen; zu meinem Trost, als ich +Mutherz+ und seine Freunde mit ihren Waffen zu meiner Befreiung herankommen sah.“

„Zwei Dinge sind’s,“ sagte hierauf Herr +Heilig+, „welche diejenigen vornehmlich haben müssen, die die Pilgerschaft antreten wollen, einen Heldenmut und ein unsträfliches Leben. Verlieren sie den Mut, so können sie nicht bis ans Ende beharren, und ist ihr Wandel befleckt, so machen sie den Namen eines Pilgers stinkend.“

+Frommhold.+ Nun, ich hoffe, dieser Mahnung bedarf es bei euch nicht. Aber es sind ihrer wahrlich viele auf der Pilgerstraße, die sich mehr zu der Erde als zu der himmlischen Heimat hingezogen fühlen.

+Lügenscheu.+ Es ist wahr, sie haben weder Pilgertracht noch Pilgermut; sie wandeln nicht aufrecht, sondern mit verschränkten Beinen, mit unsauberem und zerrissenem Kleid gehen sie einher. Das alles gereicht ihrem Herrn zur Unehre.

„Darüber,“ sprach Herr +Reumütig+, „sollten sie tief betrübt sein; denn ein Pilger kann weder für sich noch für seine Reise der Gnade, die er doch begehrt, gewiß sein, solange er nicht von solchen Makeln und Flecken gereinigt ist.“

So unterhielten sie sich, bis das Abendbrot für sie bereitet war. Nach dem Essen begaben sie sich dann zur Ruhe. Die Pilger aber blieben eine geraume Zeit in +Mnasons+ Haus, denn die Verhältnisse in dieser Stadt hatten sich, wie schon bemerkt, sehr geändert. Im Lauf der Tage gab +Mnason+ seine Tochter +Gnade+ dem +Samuel+, +Christins+ Sohn, und seine Tochter +Martha+ dem +Joseph+ zur Frau. Auch mit vielen andern wohlgesinnten Leuten des Ortes wurden die Pilger bekannt und suchten sich ihnen nützlich zu machen. +Barmherzig+ arbeitete nach ihrer Gewohnheit viel für die Armen, wofür dieselben sie segneten, und so war sie eine rechte Zierde ihres Bekenntnisses. Mit ihr wetteiferten auch die andern jungen Frauen, +Gnade+, +Phöbe+ und +Martha+, in dieser Liebestätigkeit, jede nach ihrem Vermögen, und sie stifteten dadurch viel Gutes in dieser Zeit. Die Familie nahm zu, so daß +Christs+ Name in der Welt erhalten wurde.

Während die Pilger noch hier weilten, kam ein Ungeheuer (Offenb. 17, 3 ff.) aus den Wäldern und brachte viele Leute aus der Stadt um. Mit Vorliebe suchte es Kinder wegzuschleppen, um sie nach seiner Weise aufzuziehen, und richtete dadurch großes Verderben an. Es war keinem Tier auf Erden zu vergleichen; sein Leib war wie der eines Drachen, es hatte sieben Häupter und zehn Hörner und ward von einem Weib regiert. Niemand in der Stadt wagte es, diesem Ungeheuer die Stirn zu bieten, sondern alle flohen, wenn sie nur das Getöse seiner Flügel hörten. Es legte den Einwohnern gewisse Bedingungen vor, und die, welche ihr Leben mehr liebten als ihre Seele, gingen darauf ein und kamen also unter seine Herrschaft.

Herr +Mutherz+ aber machte nun mit den vier Männern, +Bußfertig+, +Heilig+, +Frommhold+ und +Reumütig+, die die Pilger in Herrn +Mnasons+ Hause besucht hatten, einen Bund, und sie beschlossen, mit ihren Waffen auszuziehen, ob sie vielleicht die Leute dieser Stadt aus den Klauen und dem Rachen dieses verheerenden Drachen erretten könnten. Das Ungeheuer sah anfangs auf die herankommenden Gegner mit großer Verachtung herab; da aber diese ihre Waffen wohl zu führen wußten, ward es bald zum Rückzug gezwungen, und sie kehrten in die Herberge zurück.

Das Untier hatte seine bestimmten Zeiten, in denen es hervorkam. Unsre tapfern Kämpfer aber paßten ihm auf und griffen es fortwährend an, so daß es nach und nach nicht nur verwundet, sondern auch lahm ward und deshalb sein Unwesen nicht mehr wie früher zu treiben vermochte. Und es wird von vielen geglaubt, daß es an seinen Wunden gewiß sterben wird.

Dadurch nun gelangten +Mutherz+ und seine Gefährten in der Stadt zu großem Ansehen, so daß manche dort, obgleich sie andrer Denkweise waren, ihnen dennoch große Achtung und Ehrerbietung bezeugten. Und so kam es denn, daß den Pilgern hier wenig Leid zugefügt ward. Doch freilich gab es ebendaselbst auch Leute schlechterer Art, die nicht besser sehen konnten als ein Maulwurf und nicht mehr Verstand hatten als ein unvernünftiges Tier; diese zollten unsern Helden keine Ehrfurcht und achteten ihre Tapferkeit und ihre Taten gering.

Inzwischen kam die Zeit immer näher, daß unsre Pilger ihren Weg fortsetzen mußten; sie rüsteten sich daher zur Abreise. Sie schickten auch nach ihren Freunden und taten ihnen solches zu wissen, damit sie noch einmal zusammenkommen und sich gegenseitig dem Schutz ihres Herrn und Fürsten anbefehlen könnten. Es kamen auch solche, die ihnen von dem brachten, was sie besaßen und was den Schwachen und Starken, den Männern und Frauen heilsam war, und so wurden sie reichlich mit allem Nötigen versehen (Apostelg. 28, 10). Darauf machten sie sich auf den Weg, und ihre Freunde gaben ihnen, soweit es anging, das Geleit; dann noch ein letzter Händedruck und herzliche Segenswünsche, und sie schieden voneinander. Der Führer +Mutherz+ zog den Pilgern wieder voran; da sie aber um der Frauen und Kinder willen nicht rasch gehen durften, konnten +Hinkfuß+ und +Kleinmütig+ ebenfalls mitkommen.

Fußnoten:

[207] In Antiochia gab man den Jüngern zum erstenmal den Namen „Christen“ (Apostelg. 11, 26).

[208] Nach Dir, Herr, verlangt mich (Ps. 25, 1).

[209] Laßt uns opfern das Lobopfer Gott allezeit, das ist die Frucht der Lippen, die Seinen Namen bekennen (Hebr. 13, 15).

[210] Gott gab dem Volk Israel Traubenblut zu trinken (5. Mos. 32, 14); Jesus spricht: Ich bin der rechte Weinstock (Joh. 15, 1).

[211] Seid begierig nach der vernünftigen, lautern Milch als die jetzt geborenen Kindlein, auf daß ihr durch dieselbe zunehmt (1. Petr. 2, 2).

[212] Die Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen im Garten Eden wird uns in der Heiligen Schrift nicht näher bezeichnet.

[213] Er labt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe (Hohesl. 2, 5).

[214] Jesus ist umhergezogen und hat wohlgetan (Apostelg. 10, 38).

[215] Gott ist getreu, der euch nicht läßt versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß ihr’s könnet ertragen (1. Kor. 10, 13).

[216] Der Herr hat Greuel an den Falschen (Ps. 5, 7).

[217] Den Schwachen im Glauben nehmt auf und verwirret die Gewissen nicht (Röm. 14, 1).

[218] Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen (Gal. 6, 2).

[219] Sehet zu, daß eure Freiheit nicht gerate zu einem Anstoß der Schwachen! (1. Kor. 8, 9)

[220] Der Apostel schreibt: Den Schwachen bin ich geworden wie ein Schwacher, auf daß ich die Schwachen gewinne. Ich bin jedermann allerlei geworden, auf daß ich allenthalben ja etliche selig mache (1. Kor. 9, 22).

Neuntes Kapitel.

Die Zerstörung der Zweifelsburg und auf den lieblichen Bergen.

Kurz nachdem die Pilgerschar sich von ihren Freunden verabschiedet hatte, kamen sie zu dem Platz, wo +Getreu+ den Tod erlitten hatte. Hier machten sie halt, und in tiefer Bewegung standen sie da, daran gedenkend, wie sein männliches Dulden nun auch ihnen zugute gekommen war, und sie dankten dem Herrn dafür, daß Er ihm die Kraft verliehen, Ihn mit solchem Tode zu preisen. -- Sie setzten ihren Weg fort und sprachen davon, wie +Hoffnungsvoll+ nach +Getreus+ Tod sich zu +Christ+ gesellte. Darüber gelangten sie bis an den Hügel +Gewinn+, wo +Demas+ durch die +Silbergrube+ von der Pilgerschaft abgezogen ward und wo auch +Nebenwege+ vermutlich hineinfiel und umkam. Dies gab ihnen besonders zu denken. -- Nicht weit davon entfernt, dem Hügel +Gewinn+ gegenüber, stießen sie auf das alte Denkmal, die +Salzsäule+, die im Angesicht Sodoms und des Toten Meeres stand; da verwunderten sie sich, wie auch +Christ+ vor ihnen, daß Männer von solcher Erkenntnis und Reife des Verstandes wie +Demas+ und seine Gefährten im Anblick dieses Warnungszeichens so verblendet sein konnten, hier umzuwenden. Sie bedachten aber, daß die Menschen im allgemeinen sich durch den Schaden andrer nicht belehren lassen, besonders wenn etwas, wie hier die Silbermine, noch eine solche Anziehungskraft auf sie auszuüben vermag.

Ich sah nun in meinem Traum, daß sie an den Strom kamen, der diesseits der lieblichen Berge fließt. Das war der Strom, an dessen Ufer prächtige Bäume stehen, deren Blätter zur Gesundheit der Menschen dienen, wo die immergrünen Wiesen sind und man sicher ruhen kann (Ps. 23). An diesem Wasser waren auch Hütten und Hürden für die Schafe und ein Haus zur Aufnahme und Pflege der Lämmer, das sind die Kindlein der Frauen, welche die Pilgerfahrt angetreten haben. Da war auch einer, der ihrer wartete, der Mitleiden haben konnte mit ihrer Schwachheit (Hebr. 4, 15) und der diese Lämmer in Seine Arme sammelt und in Seinem Busen trägt und die Schafmütter führt (Jes. 40, 11). +Christin+ riet ihren vier Schwiegertöchtern, ihre Kleinen der Obhut dieses Mannes anzuvertrauen, damit sie an diesen Wassern auferzogen, ernährt, gehegt und gepflegt würden und keines von ihnen verlorengehe. Wenn nämlich eines sich verirrt, so sucht Er es und bringt es wieder; Er verbindet das Verwundete und wartet des Schwachen (Hes. 34, 16). Sie erhalten guten Unterricht, und, was von großer Wichtigkeit ist, sie werden gelehrt, den richtigen Weg zu wandeln. Hier gebricht es ihnen niemals an Speise und Trank oder Kleidung. Es gibt da, wie ihr seht, klare Bäche, anmutige Wiesen, duftende Blumen und allerlei Bäume, deren Früchte nicht schädlich sind wie die aus +Beelzebubs+ Garten, welche +Matthäus+ aß, sondern die die Gesundheit der Menschen fördern und erhalten und in Krankheit als Heilmittel dienen. Hier sind sie auch sicher vor Dieben und Räubern, denn eher gibt dieser Mann Sein Leben hin, als daß Er eines Seiner Pflegebefohlenen umkommen läßt. Also waren sie es wohl zufrieden, ihre Kleinen Ihm zu übergeben, und das um so mehr, da der König dieses Haus zur Erziehung junger Kinder und Waisen hatte erbauen lassen.

Hierauf zogen sie weiter, und als sie bei der +Abwegswiese+ den Steg erblickten, über den +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ gingen und dem Riesen +Verzweiflung+ in die Hände fielen, da machten sie halt und überlegten, ob sie es vereint nicht wagen dürften, den Riesen anzugreifen, die Burg zu schleifen und etwa darin gefangene Pilger zu befreien. Der eine sagte dies, der andre das. Einer trug Bedenken, seinen Fuß auf ungeweihten Boden zu setzen; ein andrer hielt dafür, daß man das wohl tun dürfe, wenn man dabei einen guten Zweck verfolge. +Mutherz+ sprach sich dahin aus, daß man zwar der zuletzt aufgebrachten Meinung nicht unbedingt und allgemein beipflichten könne, „doch,“ fuhr er fort, „ist es meine Aufgabe, der Sünde zu widerstehen, das Böse zu überwinden und den guten Kampf des Glaubens zu kämpfen. Und warum sollte dieser Riese sein Wesen ungestört weitertreiben dürfen? Ich will ihm nun das Handwerk legen und die +Zweifelsburg+ zerstören! Wer von euch will mit mir ziehen?“ Alsbald traten der alte +Redlich+ und die vier Söhne der +Christin+, die nun starke junge Männer waren[221], vor und sprachen: „Wir wollen mit dir dieses Werk ausrichten!“

Sie ließen also die Frauen unter dem Schutz des +Kleinmütig+ und +Hinkfuß+ auf der Straße zurück, denn obwohl der Riese dort so nahe wohnte, so konnte doch ein kleines Kind sie richtig führen, wenn sie auf der Heerstraße blieben (Jes. 11, 6). Die Männer schritten gerade auf die +Zweifelsburg+ zu; dort angekommen, klopften sie so stark an das Tor, daß die ganze Burg davon widerhallte. Der alte Riese kam herab und hinterdrein seine Frau, +Mißtrauen+, und er rief: „Wer untersteht sich, den Riesen +Verzweiflung+ auf solche Weise zu belästigen?“

+Mutherz+ antwortete: „Das bin ich, +Mutherz+, ein Diener des himmlischen Königs und Führer der Pilger. Tue mir auf das Tor und rüste dich zum Kampf, denn ich bin gekommen, deinen Kopf zu holen und die +Zweifelsburg+ zu zerstören.“

Der Riese aber, da er sich für unüberwindlich hielt, dachte bei sich selbst: „Ich habe vorzeiten sogar mit Engeln gekämpft und bin obgelegen, sollte mir dieser +Mutherz+ bange machen?“ Er legte also seinen Harnisch an und kam heraus. Auf seinem Haupt hatte er einen Stahlhelm, seine Brust war umgürtet mit einem feurigen Panzer, in eisernen Schuhen trat er daher, mit einer großen Keule in der Hand. Jetzt griffen ihn die sechs Männer an und bedrängten ihn von allen Seiten. Als nun auch +Mißtrauen+, die Riesin, herzukam, ihm beizustehen, streckte der alte +Redlich+ sie mit einem Schlage nieder. Der Kampf war heiß und schwer, doch der Riese +Verzweiflung+ unterlag; aber er wollte nicht gleich sterben, er sträubte sich gewaltig und hatte, wie man sagt, ein zähes Leben wie eine Katze. +Mutherz+ jedoch ließ nicht von ihm ab, bis er sich nicht mehr regte, hernach trennte er ihm den Kopf vom Rumpf.

Nachdem nun der Riese tot war, machten sich die Männer daran, die Burg niederzureißen. Sieben Tage waren sie damit beschäftigt und fanden darin einen Pilger namens +Verzagt+, dem Hungertode nahe, dazu seine Tochter +Furchterfüllt+. Diesen beiden retteten sie das Leben. Welch ein Schreckensbild bot sich ihnen überall dar! Auf dem Burghof lagen noch allenthalben die Leichname herum, und der Kerker war mit Totengebeinen angefüllt.

Nach vollbrachter Heldentat nahmen +Mutherz+ und seine Begleiter Herrn +Verzagt+ und seine Tochter +Furchterfüllt+ unter ihren Schutz, denn es waren redliche Leute. Auch des Riesen Haupt nahmen sie (denn seinen Leib hatten sie unter einem Haufen Steine begraben) und begaben sich damit auf die Heerstraße zurück zu den Ihren und zeigten ihnen, was sie ausgerichtet hatten. Darüber waren alle hocherfreut. +Christin+ griff zu ihrer Zither, und +Barmherzig+ schlug die Laute an; so spielten sie und waren sehr fröhlich miteinander. Jedoch dem armen +Verzagt+ war an der Musik nicht viel gelegen, er sehnte sich nach einem Bissen Brot, denn er war beinahe ausgehungert. Darum gab ihm +Christin+ etwas aus ihrer Flasche von dem stärkenden Getränk zur augenblicklichen Erholung. Hernach bereiteten sie ihm etwas zu essen. So kam der alte Mann in kurzer Zeit wieder zu sich und gewann neues Leben.

Weiter sah ich in meinem Traum, daß +Mutherz+ das Haupt des Riesen +Verzweiflung+ nahm und es auf einer Stange an der Heerstraße aufrichtete, gerade der Säule gegenüber, die +Christ+ zur Warnung für die Pilger errichtet hatte, damit sie nicht auf des Riesen Gebiet gerieten.

Ist auch die +Zweifelsburg+ gleich abgetragen Und die +Verzweiflung+ selbst aufs Haupt geschlagen, So kann doch Sünde schnell die Burg erhöhn, Ja, selbst der Riese durch die Sünd’ erstehn.

Dann schrieb er auf einen Marmorstein darunter folgenden Reim:

Dies ist das Haupt des mächtigen Tyrannen, Dem einst die Pilger kaum entrannen; Des Name schon sie tödlich schreckte, Die +Zweifelsburg+ die Angst erweckte. +Mutherz+ nun hat ihn totgeschlagen; +Verzagt+ und +Furchterfüllt+, sie dürfen wagen, Sich laut und hoch des Sieges zu freuen Und ihrem Herrn sich neu zu weihen.

Nach dieser ruhmvollen Tat zogen sie weiter, bis sie zu den +lieblichen Bergen+ kamen, an deren mannigfaltigen Schönheiten sich vormals +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ erquickt hatten. Auch unsre Pilger machten sich allda mit den +Hirten+ bekannt. Da nun diese sahen, daß ein so großes Gefolge von Leuten in Begleitung von +Mutherz+ sei, den sie sehr wohl kannten, sprachen sie zu ihm: „Ei, lieber Herr, du hast da eine stattliche Gesellschaft zusammengebracht; sage uns doch, wie hast du die alle gefunden?“

+Mutherz+ antwortete ihnen: