Pilgerreise zur seligen Ewigkeit
Part 26
Hier steht die kleine Schar, die sich erwählt das Leben: Voran die +Christin+ geht und die ihr Gott gegeben, Der Söhne teurer Kreis und ihre Ehefrauen, Sie pilgern unverrückt, den König einst zu schauen. Der alte +Redlich+ dort, er läßt sich nicht betören, Will mit Herrn +Hinkefuß+ dem Fürsten Treue schwören. +Kleinmütig+, Herr +Verzagt+ und +Furchterfüllt+, so schwach, Wenn es auch langsam geht, sie folgen gerne nach. O Hirten, dürfen wir ein wenig bei euch weilen, Um dann mit frischer Kraft gen Zion hinzueilen?
„Das ist eine liebliche Gesellschaft,“ erwiderten die +Hirten+. „Ihr seid uns willkommen, denn wir sind mit allem Nötigen versehen, sowohl für die Schwachen wie für die Starken. Unser Fürst hat ein Auge auch für das, was dem Geringsten erwiesen wird[222]. Wegen seiner Schwachheit wird daher kein Pilger von uns zurückgewiesen.“
Sie führten sie also in das Haus, sprechend: „Kommt herein, +Kleinmütig+, +Hinkefuß+ und +Verzagt+ mit deiner Tochter +Furchterfüllt+! Diese rufen wir bei Namen,“ sagten die Hirten zu +Mutherz+, „weil sie sehr geneigt sind, sich hinter andre zurückzuziehen; was aber euch, die Stärkern, betrifft, so lassen wir euch nach eurer Freiheit handeln.“
+Mutherz.+ Aus dem Leuchten eures Angesichts und daraus, daß ihr die Schwachen nicht von euch stoßt (Hes. 34, 21), sondern ihnen vielmehr den Weg mit Blumen bestreut, erkenne ich, daß ihr wahre Hirten unsers Herrn seid.
Sie traten nun alle ein, und die Hirten bereiteten ihnen ein Mahl von leicht verdaulichen, wohlschmeckenden und zugleich nahrhaften Speisen. Nach dem Essen begaben sich die Pilger zur Ruhe, ein jedes an seinen ihm zugewiesenen Ort.
Am frühen Morgen wurden sie, weil es ein heller Tag war, von den Hirten geweckt, die ihnen einige Sehenswürdigkeiten dieses Gebirges zeigen wollten. Zuerst sahen sie, was einst auch +Christ+ sehen durfte; hierauf stiegen sie auf den +Berg der Wunder+ und siehe, da war in einiger Entfernung ein Mann, der durch sein Wort Berge versetzte. Auf die Frage, was das bedeute, erwiderten die Hirten, das sei der Sohn eines gewissen +Großgnade+ (siehe Seite 151); dieser sei hierher bestellt, die Pilger zu unterrichten, wie sie alle ihnen begegnenden Schwierigkeiten durch den Glauben aus dem Weg räumen könnten[223]. „Ich kenne ihn,“ sprach +Mutherz+, „er ist ein vortrefflicher Mann vor vielen andern.“
Von hier aus bestiegen sie den +Berg der Unschuld+. Da gewahrten sie einen Mann in einem blendendweißen Gewand, der von zwei andern, +Vorurteil+ und +Böswillig+, beständig mit Kot beworfen wurde. Aber siehe, soviel sie auch nach ihm warfen, der Kot fiel in kurzer Zeit wieder ab, und sein Kleid sah so rein und hell aus wie vorher. „Dieser Mann heißt +Gottselig+,“ war die Erklärung der Hirten, „und das weiße Gewand soll die Reinheit seines Lebens andeuten. Jene, die ihn mit Kot bewerfen, sind solche Leute, die seine guten Werke hassen; gleichwie aber der Kot an seinen Kleidern nicht haften will, also soll’s auch dem ergehen, der ein reines Leben führt in dieser Welt. Ob ihrer noch so viele ihn mit Kot besudeln wollen, so ist doch alle ihre Bemühung umsonst, denn Gott wird nach kurzer Zeit schaffen, daß seine Unschuld hervorbreche wie das Licht und seine Gerechtigkeit wie der helle Mittag“ (Ps. 37, 6).
Die Pilger wurden nun auf den +Berg der Liebe+ geführt. Dort sahen sie einen Mann, der einen Ballen Tuch vor sich liegen hatte, woraus er Kleider für die um ihn herumstehenden Armen schnitt; dennoch ward sein Ballen Tuch nicht kleiner. „Daraus sollt ihr lernen,“ sagten die Hirten, „daß, wer von dem, was er erarbeitet hat, den Armen etwas mitteilt, um deswillen niemals Mangel leiden soll (Spr. 11, 24). Wer andre erquickt, soll wieder erquickt werden. Dadurch, daß die Witwe ihr Brot mit dem Propheten teilte, war das Mehl im Kad nicht vermindert worden“ (1. Kön. 17, 8-10).
Sie kamen auch an einen Ort, wo sie zwei Männer damit beschäftigt fanden, einen Mohren zu waschen, daß er weiß würde. Der eine dieser Männer hieß +Tor+, der andre +Unklug+. Je mehr sie ihn aber wuschen, desto schwärzer ward er. „So geht es mit einem schlechten Menschen,“ belehrten die Hirten. „Alle Mittel, die man anwendet, einem solchen einen guten Namen zu verschaffen, werden nur dahin ausschlagen, daß seine Schlechtigkeit um so deutlicher an den Tag kommt. So ging’s den Pharisäern, und ebenso wird’s allen Heuchlern ergehen.“
„Mutter,“ sprach hierauf +Barmherzig+ zu +Christin+, ihrer Schwiegermutter, „ich möchte gern, wenn es sein könnte, die Höhle im Berg sehen, die gewöhnlich der Nebenweg zur Hölle genannt wird.“ +Christin+ tat diesen Wunsch den Hirten kund. Sie gingen also zum Eingang, der an der Seite eines Hügels war. Den öffneten sie und ließen dann +Barmherzig+ eine Weile zuhorchen. Sie lauschte und hörte einen sagen: „Verflucht sei mein Vater, der meine Füße von dem Weg des Friedens und des Lebens abgehalten hat!“ Ein andrer rief klagend aus: „O daß ich wäre in Stücke zerrissen worden, ehe ich, um mein Leben zu erhalten, meine Seele verloren!“ Und ein dritter sprach: „Könnte ich wieder ins Leben zurück, o wie wollte ich mich selber verleugnen, um nicht an diesen Ort zu kommen!“ Alsdann war es, als ob der Erdboden unter ihr bebte und vor Entsetzen stöhnte. Zitternd und leichenblaß wandte sich die junge Frau weg und sprach: „Heil dem, der von diesem Ort der Qual erlöst ist!“
Als die Hirten ihnen dies alles gezeigt, führten sie die Pilger wieder in das Haus zurück und bewirteten sie mit allem, was ihnen zu Gebote stand. +Barmherzig+ aber, wie es jungen Frauen zu gehen pflegt, bekam ein Verlangen nach etwas, das sie daselbst sah. Sie schämte sich jedoch, ihren Wunsch zu äußern, und sah aus, als ob ihr nicht wohl wäre. +Christin+ fragte sie, was ihr fehle. Sie antwortete: „Oben im Speisesaal hängt ein Spiegel, davon ich mein Herz nicht abziehen kann, und es ist mir, als sollte ich ihn um jeden Preis haben.“
+Christin.+ Ich will mit den Hirten darüber reden, und sie werden dir darin gewiß entgegenkommen.
+Barmherzig.+ Aber ich schäme mich, wenn diese Männer erfahren, daß mich danach verlangt hat.
+Christin.+ Nein, meine Tochter, es ist keine Schande, sondern eine Tugend, einen solchen Gegenstand zu begehren.
+Barmherzig.+ Nun dann, Mutter, frage bitte die Hirten, ob sie willens sind, ihn zu verkaufen.
Dieser Spiegel hatte unter Tausenden keinen seinesgleichen[224]. Auf der einen Seite zeigte er einem jeden seine eigenen Züge aufs genauste[225], und auf der andern Seite konnte man das Angesicht und Ebenbild des Königs der Pilgrime selber sehen. Und es haben manche von denen, die in diesen Spiegel geschaut haben, bezeugt, daß sie darin sogar die Dornenkrone auf Seinem Haupt, die Wundenmale in Seinen Händen und Füßen und in Seiner Seite gesehen haben wie mit leibhaftigen Augen. Ja, dieser Spiegel ist von solcher Vortrefflichkeit, daß er jedem den Herrn zeigt, je nachdem seines Herzens Verlangen zu Ihm steht: lebend oder tot, auf der Erde oder im Himmel, im Stand Seiner Erniedrigung oder Seiner Erhöhung, in Seiner Erscheinung zum Leiden oder in Seiner zukünftigen Herrlichkeit[226].
+Christin+ nahm um dieser Sache willen die Hirten, nämlich: +Weise+, +Erfahren+, +Wachsam+ und +Aufrichtig+, beiseite und sagte ihnen von dem dringenden Verlangen, das eine ihrer Schwiegertöchter nach einem in diesem Haus sich befindlichen Gegenstand habe.
+Erfahren.+ Rufe sie; sie soll alles erhalten, was ihr dienlich sein wird.
+Barmherzig+ kam und wurde nach ihrem Wunsch gefragt. Sie errötete und sprach: „Der große Spiegel ist’s, der oben im Speisesaal hängt.“
+Aufrichtig+ holte denselben, und er ward ihr mit freudiger Zustimmung gegeben. Da verneigte sie sich, dankte und sprach: „Daran erkenne ich, daß ich Gnade gefunden habe vor euren Augen.“
Auch den andern jungen Frauen gab man, was sie begehrten, und ihren Männern ward großes Lob zuteil, daß sie im Verein mit +Mutherz+ den Riesen +Verzweiflung+ geschlagen und die +Zweifelsburg+ zerstört hatten.
Um der +Christin+ Hals hängten die Hirten ein goldenes Geschmeide; dergleichen legten sie auch ihren vier Schwiegertöchtern um. Sie schmückten sie auch mit Ohrringen und kostbaren Edelsteinen an ihren Stirnen.
Die Pilger wünschten nun ihre Reise fortzusetzen, und die Hirten ließen sie in Frieden ziehen. Da sie aber +Mutherz+ als Führer hatten, der den Weg genau kannte, war es hier nicht nötig, sie auf die ihnen begegnenden Gefahren aufmerksam zu machen, wie es bei +Christ+ und seinem Gefährten geschah.
So brachen sie auf, indem sie sangen:
Wir pilgern durch das Weltgewühl, Wo unser Pfad oft dornig ist und schwül; Da singen wir von jener Ruhe gern, Die noch vorhanden ist dem Volk des Herrn. Nur Mut, nur Mut! es geht der Heimat zu, Wir singen schon von ihrer sel’gen Ruh’.
Hier sind wir nur ein fremd Geschlecht, Im Himmel, da ist unser Bürgerrecht: Wird fremd und immer fremder uns die Welt, Das Bild der Heimat unsern Blick erhellt.
Sie waren noch nicht weit gegangen, als +Mutherz+ sie daran erinnerte, daß in dieser Gegend es war, wo +Christ+ mit +Abtrünnig+ aus der Stadt +Abfall+ zusammentraf, der das Malzeichen seiner Abtrünnigkeit auf dem Rücken trug. „Das war ein Mensch,“ fuhr der Führer fort, „der, nachdem er einmal die abschüssige Bahn betreten hatte, auf kein Zureden mehr hören wollte. Bei dem Kreuz und Grab hieß ihn jemand aufsehen; aber auf den Boden stampfend und zähneknirschend wandte er sich ab und lief seiner Stadt zu. Ehe er zur Pforte kam, begegnete ihm der +Evangelist+, der sich erbot, ihm Handreichung zu tun, um ihn wieder auf den rechten Weg zu bringen; aber +Abtrünnig+ widersetzte sich ihm, und nachdem er ihn mit Schmähungen überhäuft, entkam er über die Mauer und entging also seinen Händen.“
An der Stelle, wo +Kleinglaube+ vormals ausgeplündert worden war, trafen sie einen Mann mit einem bloßen Schwert, und sein Angesicht war mit Blut bespritzt. „Wer bist du?“ fragte ihn +Mutherz+. Er antwortete: „Ich bin ein Pilger, der gen +Zion+ reist; mein Name ist +Kämpfer-für-die-Wahrheit+. Während ich also des Weges ging, da umringten mich plötzlich drei Männer und forderten von mir, daß ich mich entweder ihnen anschließe oder sogleich den Rückweg antrete, wenn nicht, müsse ich auf der Stelle mein Leben lassen. Ich sagte ihnen, ich sei mein Leben lang ein ehrlicher Mann gewesen, und sie könnten deshalb nimmermehr erwarten, daß ich mit Dieben gemeinschaftliche Sache mache (Spr. 1, 10-16). Weiter erklärte ich ihnen, daß, da ich naturgemäß meine Vaterstadt nicht ohne triftigen Grund verlassen hätte, ich ebensowenig von meinem jetzigen Weg abzubringen sei. Was mein Leben anbetreffe, tat ich ihnen ferner zu wissen, so sei dasselbe viel zu teuer erkauft (1. Kor. 6, 20), als daß ich es so leicht wegwerfen sollte. Zudem stehe es ihnen keineswegs zu, mich vor eine solche Wahl zu stellen, es geschehe daher auf ihre Gefahr, wenn sie es mit mir aufzunehmen gedächten. Diese drei Kerle -- sie hießen +Hitzkopf+, +Unbesonnen+ und +Naseweis+ -- drangen nun auf mich ein; ich aber zog mein Schwert. So fochten wir, einer gegen drei, wohl gegen drei Stunden lang. Sie haben mir, wie ihr seht, einige Denkzeichen ihres Mutes hinterlassen; sie haben jedoch auch ein Andenken von mir mitgenommen. Sie sind eben erst davongegangen; ich vermute, sie haben, wie man zu sagen pflegt, Wind von eurer Ankunft bekommen und sich deshalb aus dem Staub gemacht.“
+Mutherz.+ Aber das war ein ungleicher Kampf, drei wider einen!
+Kämpfer.+ Allerdings; aber was sind wenig oder viele für den, der die Wahrheit auf seiner Seite hat? „+Wenn sich schon ein Heer wider mich legt+,“ hat einer gesagt, „+so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht; wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf Ihn+“ (Ps. 27, 3). Auch habe ich in alten Urkunden gelesen, daß einer es mit einem ganzen Heer aufgenommen hat, und wie viele hat Simson mit einem Eselskinnbacken getötet? (Richt. 15, 15. 16.)
+Mutherz.+ Aber warum schriest du denn nicht um Hilfe.
+Kämpfer.+ Das habe ich getan. Ich schrie zu meinem König, der mir jederzeit unsichtbare Hilfe geben und mich stärken kann. Daran genügte mir.
+Mutherz.+ Du hast dich wacker gehalten. Laß mich doch dein Schwert sehen!
Er reichte es ihm. „Wahrlich, das ist eine echte Jerusalemsklinge[227]!“ rief +Mutherz+ aus, nachdem er es eine Weile betrachtet hatte.
+Kämpfer.+ Ja, das ist’s. Und wenn einer eine solche Klinge recht zu gebrauchen versteht, so kann er es mit einem Engel aufnehmen. Sie hält jeden Kampf aus, ihre Schneide wird nimmer stumpf, und sie durchdringt Mark und Bein, auch Seele und Geist und alles (Hebr. 4, 12).
+Mutherz.+ Aber du hast lange gefochten; mich wundert, daß du nicht ermattet bist.
+Kämpfer.+ Ich focht, bis mein Schwert mir an meiner Hand festklebte, so daß Hand und Schwert wie aus einem Guß wurden. Und als das Blut mir über die Finger lief, da stritt ich mit dem allergrößten Mut.
+Mutherz.+ Du hast wohlgetan. Du hast bis aufs Blut widerstanden in dem Kämpfen wider die Sünde (Hebr. 12, 4). Komm mit uns! Du sollst unser Gefährte sein.
Sie nahmen ihn und wuschen ihm die Wunden und reichten ihm etwas zur Erquickung. Während sie miteinander gingen, fragte ihn +Mutherz+, welcher große Freude an ihm hatte (denn er liebte solche, die sich als tüchtige Streiter bewährten), mancherlei Dinge und das auch um der allgemeinen Erbauung willen.
+Mutherz.+ Was für ein Landsmann bist du?
+Kämpfer.+ Ich bin im +Finsterland+ geboren, wo auch meine Eltern noch leben.
+Mutherz.+ +Finsterland?+ Liegt das nicht auf derselben Küste wie die Stadt +Verderben+?
+Kämpfer.+ Ja, da liegt’s. Was mich bewog, den Pilgerstab in die Hand zu nehmen, war dies: Ein gewisser Herr +Wahrhaftig+ kam in unsre Gegend und erzählte manches von +Christs+ Pilgerreise: wie er, Frau und Kinder verlassend, aus der Stadt +Verderben+ auszog; wie er eine Schlange tötete, die ihm auf dem Weg widerstand, und schließlich sein Ziel erreichte. Auch ward erzählt, welche ehrenvolle Aufnahme er in allen Herbergen seines Herrn und besonders an der himmlischen Pforte fand. Dort soll er unter Posaunenschall und Glockengeläute von einer Schar Glänzender empfangen worden sein, nachdem man ihn in goldene Gewänder gekleidet (Ps. 45, 14-16) -- und noch vieles andre, was ich nicht alles wiederholen kann. Kurz, jener Mann gab von +Christs+ Geschichte und seiner Reise eine solch lebendige Schilderung, daß mein Herz wie von Feuer brannte, ihm eiligst nachzuwandern; weder Vater noch Mutter konnten mich davon abhalten. So machte ich mich auf den Weg und bin nun bis hierher gekommen.
+Mutherz.+ Du bist doch auch durch die enge Pforte gekommen, nicht wahr?
+Kämpfer.+ Ja freilich, denn Herr +Wahrhaftig+ sagte uns, daß alles vergeblich wäre, wenn wir nicht durch die Pforte eingingen auf diesen Weg (Joh. 10, 1).
„Siehst du,“ sprach der Führer zu +Christin+, „die Pilgerreise deines Mannes und sein erlangter Lohn ist weit und breit bekannt geworden!“
+Kämpfer.+ Was? ist das +Christs+ Frau?
+Mutherz.+ Ja, sie ist’s, und dies hier sind seine vier Söhne.
+Kämpfer.+ Wie? und sie sind alle auch auf der Pilgerfahrt?
+Mutherz.+ Ja, sie folgen ihm nach.
+Kämpfer.+ Das ist mir eine tiefe Freude. Und was mag das für den lieben Mann erst sein, wenn er die, welche nicht mit ihm ziehen wollten, zu den Toren der himmlischen Stadt wird eingehen sehen!
+Mutherz.+ Ohne Zweifel wird ihm das ein großer Trost sein, mit seiner Frau und seinen Kindern dort wieder vereinigt zu werden.
+Kämpfer.+ Weil wir gerade davon reden, so laß mich bitte deine Meinung darüber hören! Es stellen nämlich etliche in Frage, ob dort einer den andern erkennen werde.
+Mutherz.+ Nun, glauben sie, daß sie sich selber dort kennen und ihrer Seligkeit freuen werden, warum sollten sie nicht auch andre erkennen und an deren Heil sich freuen? Und obwohl diese irdischen Familienbande dort sich auflösen, so wird es dennoch unsre Freude erhöhen, wenn wir die sehen werden, mit denen wir hier so eng verbunden waren.
+Kämpfer.+ Wohl, ich verstehe, was du darüber denkst. -- Du wolltest gern noch einiges wissen aus der ersten Zeit meines Pilgerlebens, nicht wahr?
+Mutherz.+ Ja. Waren deine Eltern mit deinem Entschluß einverstanden?
+Kämpfer.+ O nein, sie gaben sich alle Mühe, mich wieder davon abzubringen.
+Mutherz.+ Warum waren sie denn dagegen?
+Kämpfer.+ Sie sagten, es sei ein faules Leben, und wenn ich nicht selber auch zur Faulheit und zum Müßiggang geneigt wäre, würde ich das Pilgerleben nicht erwählen.
+Mutherz.+ Und was hatten sie sonst noch für Bedenken?
+Kämpfer.+ Sie stellten mir vor, der Pilgerweg sei ein halsbrecherischer Weg, ja der allergefährlichste Weg, den es überhaupt auf der Welt gebe.
+Mutherz.+ Haben sie dir gesagt, worin die Gefahren bestehen?
+Kämpfer.+ Ja. Sie erwähnten den Sumpf der +Verzagtheit+, darin +Christ+ beinahe versunken wäre. Sie sagten, wie gefährlich es sei, an der Pforte anzuklopfen, da von +Beelzebubs+ Burg aus auf die Pilger geschossen werde. Sie erzählten mir von dem Wald und von dem finstern Gebirge (siehe Seite 63), von dem +Berg der Beschwerde+, von den Löwen und auch von den drei Riesen +Blutdurst+, +Hammer+ und +Tugendfeind+. Im +Tal der Demut+, sagten sie, hause ein böser Geist, der +Christ+ umbringen wollte; alsdann müsse man durch das +Tal der Todesschatten+ gehen, wo sich Kobolde und Feldteufel aufhielten, wo das Licht Finsternis und der Weg voller Schlingen, Fallstricke, Gruben und Netze wäre. Sie berichteten von dem Riesen +Verzweiflung+ und der +Zweifelsburg+ und der Gefahr und dem Verderben, dem die Pilger da unterworfen wären. Dann komme man über den gefährlichen +bezauberten Grund+ und endlich an einen Strom, über den keine Brücke führe und der gerade zwischen mir und der himmlischen Stadt hindurchfließen werde.
+Mutherz.+ War dies alles?
+Kämpfer.+ Nein, sie stellten mir auch vor, daß der Weg voll von Betrügern sei und solchen, die den Pilgern auflauern, um sie in die Irre zu führen.
+Mutherz.+ Aber wie haben sie das bewiesen?
+Kämpfer.+ Sie nannten Herrn +Weltklug+, der stets darauf ausgehe, jemand zu verführen; auch +Werkheilig+ und +Heuchler+ lägen lauernd am Weg. +Nebenwege+, +Schwätzer+ und +Demas+ würden mich durch ihre Worte hinters Licht führen und +Schmeichler+ mich in sein Netz ziehen, oder ich würde mir einbilden, mit dem albernen +Unwissend+ auf die Pforte zuzugehen, während ich schließlich doch bei der Höhle an der Seite des Berges anlangen und auf diesem Weg in die Hölle geraten werde.
+Mutherz.+ Ich muß gestehen, dies alles könnte einem den Mut nehmen; aber ließen sie es dabei bewenden?
+Kämpfer.+ Nein, höre weiter! Sie erzählten mir von vielen, die vor alters auf diesem Weg eine gute Strecke zurückgelegt hätten in der Hoffnung, etwas von der vielgepriesenen Herrlichkeit zu sehen; sie seien aber zur großen Belustigung von ganz +Finsterland+ unverrichtetersache zurückgekehrt und hätten sich ihrer Torheit schämen müssen, um dieser Sache willen auch nur einen Fuß aus der Tür gesetzt zu haben. Sie nannten mir einige Namen, wie z. B. +Störrig+ und +Willig+, +Mißtrauisch+, +Furchtsam+, +Abtrünnig+ und den alten +Atheist+ und andre mehr, von denen einige weit gekommen seien; aber keiner habe von dieser Reise irgendwelchen Gewinn davongetragen. Auch von einem Herrn +Ängstlich+ war die Rede, der den Pilgerweg sehr einsam gefunden und keine fröhliche Stunde darauf verlebt habe; ein gewisser Herr +Verzagt+ sei nahe daran gewesen zu verhungern. Ja, und was ich bald vergessen hätte, +Christ+ selber, von dem man so viel Aufsehens gemacht, sei nach all seinen Bemühungen um eine himmlische Krone sicherlich in dem schwarzen Strom ertrunken und habe seinen Fuß nie auf das jenseitige Ufer gesetzt, was man freilich habe verbergen wollen.
+Mutherz.+ Entfiel dir über all diesen Berichten nicht das Herz?
+Kämpfer.+ Nein, es hat mich nicht im geringsten berührt.
+Mutherz.+ Woher kam das?
+Kämpfer.+ Woher? Ich glaubte dem, was Herr +Wahrhaftig+ gesagt hatte, und das hob mich über alles hinweg.
+Mutherz.+ So war dein Glaube der Sieg, mit welchem du überwunden hast (1. Joh. 5, 4).
+Kämpfer.+ Ja, so war es. Ich glaubte, und damit zog ich aus und kam auf diesen Weg. Ich kämpfte wider alle, die sich mir widersetzten, und durch meinen Glauben bin ich bis hierher gekommen.
Der Glaube bricht durch Stahl und Stein und kann die Allmacht fassen; Der Glaube wirket all’s allein, wenn wir ihn walten lassen. Wenn einer nichts als glauben kann, so kann er alles machen; Der Erde Kräfte sieht er an als ganz geringe Sachen.
Die Zeugen Jesu, die vordem auch Glaubenshelden waren, Hat man in Armut wandeln sehn, in Trübsal und Gefahren, Und des die Welt nicht würdig war, der ist im Elend gangen, Den Fürsten über Gottes Schar hat man ans Kreuz gehangen.
Wir freuen uns der Tapferkeit der Streiter unsers Fürsten, Trotz aller der Verwegenheit, nach ihrem Blut zu dürsten. Wie gut und sicher dient sich’s nicht dem ewigen Monarchen! Im Feuer ist Er Zuversicht; fürs Wasser baut Er Archen.
Drum woll’n wir unter Seinem Schutz, den Satan zu vertreiben, Und seinem Hohngeschrei zum Trutz mit unsern Vätern gläuben: Wenn man den Herrn zum Beistand hat und ’s Herz voll Seiner Freuden, So läßt sich’s auch durch Seine Gnad’ um Seinetwillen leiden.
Fußnoten:
[221] Ich habe euch Jünglingen geschrieben; denn ihr seid stark, und das Wort Gottes bleibt bei euch, und ihr habt den Bösewicht überwunden (1. Joh. 2, 14).
[222] Und der König wird sagen zu ihnen: Wahrlich, Ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesen Meinen geringsten Brüdern, das habt ihr Mir getan (Matth. 25, 40).
[223] So ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so mögt ihr sagen zu diesem Berg: Hebe dich von hinnen dorthin! so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein (Matth. 17, 20).
[224] Es ist das Wort Gottes.
[225] So jemand ist ein Hörer des Worts und nicht ein Täter, der ist gleich einem Mann, der sein leiblich Angesicht im Spiegel beschaut (Jak. 1, 23).
[226] Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht (1. Kor. 13, 12).
[227] Von Zion wird das Gesetz ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem (Jes. 2, 3). Die Waffen unsrer Ritterschaft sind nicht fleischlich, sondern mächtig vor Gott, zu zerstören Befestigungen (2. Kor. 10, 4).
Zehntes Kapitel.
Über den bezauberten Grund und der Abruf aus dieser Welt.
Während sie noch also sprachen, kamen sie zu dem +bezauberten Grund+, wo die Luft die Wirkung hat, daß die Wanderer schläfrig werden. Diese Gegend war ganz mit Sträuchern und Dornen bewachsen bis auf einzelne Stellen wo bezauberte Lauben errichtet waren. Wenn ein Mensch in einer solchen sitzt oder schläft, so ist es fraglich -- wie etliche sagen --, ob er jemals wieder in dieser Welt aufsteht oder erwacht. Durch dieses Gestrüpp nun mußte die Pilgerschar hindurch; +Mutherz+ als Führer zog voran, +Kämpfer-für-die-Wahrheit+ bildete die Nachhut, damit nicht etwa ein Feind oder Drache oder ein Riese oder Dieb ihnen in den Rücken falle und Unheil anrichte. Angesichts solcher Gefahren zogen die Männer ihre Schwerter, und im Gehen sprach einer dem andern Mut zu. +Kleinmütig+ hielt sich dicht zu +Mutherz+, und +Verzagt+ kam unter +Kämpfers+ Obhut.
Noch waren sie nicht weit gekommen, da überfiel sie ein dicker Nebel und eine Finsternis dergestalt, daß eine geraume Zeit hindurch einer den andern nicht sehen konnte. Daher mußten sie die Verbindung untereinander durch gegenseitiges Zurufen zu erhalten suchen; denn sie wandelten nicht im Schauen (2. Kor. 5, 7). Man kann sich denken, daß unter diesen Umständen das Wandern sehr erschwert war, selbst für die Besten unter ihnen, wieviel mehr für die Frauen und Kinder, bei denen Herz und Fuß nur schwach und zart war. Doch gelang es ihnen, dank der aufmunternden Worte des Führers und +Kämpfers+, ohne Schaden hindurchkommen.