Pilgerreise zur seligen Ewigkeit
Part 24
+Gajus.+ Das ist also +Christs+ Frau und dies seine Kinder? Ich kannte schon deines Mannes Vater, ja dessen Großvater. Viele fromme und sehr würdige Männer sind diesem Geschlecht entsprossen, ihre Vorfahren wohnten zuerst in +Antiochia+[207]; ich denke, dein Mann wird dir wohl von ihnen erzählt haben. Ihrer etliche haben sich durch ihren gottgefälligen Wandel und ihr mutiges Bekenntnis, wo es galt, die Sache ihres Herrn und Seines Volkes zu vertreten, besonders hervorgetan. Ich habe von vielen Verwandten deines Mannes gehört, die um der Wahrheit willen unzählige Martern erduldet haben. +Stephanus+, einer der ersten aus der Familie, aus welcher dein Mann stammt, ward gesteinigt (Apostelg. 7). +Jakobus+, ein andrer dieses Geschlechts, ward mit dem Schwert enthauptet (Apostelg. 12, 2). +Petrus+ und +Paulus+ stammen ebenfalls von dieser Linie ab; so waren unter den Vorfahren deines Mannes +Ignatius+, der den wilden Tieren vorgeworfen ward; +Romanus+, der, nachdem man ihm die Zunge herausgeschnitten, auf dem Marterstock erdrosselt ward; +Polykarp+, der seine Liebe zum Herrn auf dem Scheiterhaufen besiegelte. Einer ward in einem Korb an die Sonne gehängt, daß ihn die Wespen verzehren sollten; ein andrer in einem Sack ins Meer geworfen, um ertränkt zu werden. Es wäre ganz unmöglich, alle Glieder dieses Geschlechts aufzuzählen, die um ihres Glaubens willen Schmach oder gar den Tod erlitten hatten. Daher kann ich mich nur darüber freuen, daß dein Mann vier solch wackere Knaben hinterlassen hat. Ich hoffe, sie werden den Namen ihres Vaters aufrechterhalten, in seine Fußstapfen treten und wie er bis ans Ende beharren.
+Mutherz.+ Es sind in der Tat hoffnungsvolle Knaben, und sie scheinen ihres Vaters Wege von Herzen zu erwählen.
+Gajus.+ Das ist’s, was ich meine, und deshalb wünsche ich, daß +Christs+ Familie sich ausbreite und vermehre und zahlreich werde auf dem ganzen Erdenrund. Darum möge sich +Christin+ für ihre Söhne beizeiten nach Frauen umsehen, damit dieses edle Geschlecht der Welt erhalten bleibt.
+Redlich.+ Wahrlich, es wäre schade, wenn dieses Geschlecht ausstürbe!
+Gajus.+ Aussterben kann es nicht, wohl aber vermindert werden; darum folge +Christin+ meinem Rat!
An +Christin+ sich wendend, sprach er: „Es freut mich, dich und deine Freundin +Barmherzig+ zusammen hier zu sehen; ihr seid mir ein liebes Schwesternpaar. Und wenn ich raten darf, so nimm +Barmherzig+ in deine nähere Verwandtschaft auf. Will sie es, so laß sie +Matthäus+, deinem ältesten Sohn, gegeben werden; so erhältst du dir eine Nachkommenschaft auf Erden.“
Also ward diese Heirat beschlossen und späterhin vollzogen.
+Gajus+ fuhr fort: „Ich will nun ein Wort zum Besten der Frauen reden, um ihre Schmach von ihnen zu nehmen. Allerdings sind Tod und Fluch durch eine Frau in die Welt gekommen (1. Mos. 3), aber auch Leben und Heil; denn als die Zeit erfüllt war, da sandte Gott Seinen Sohn, der von einem Weib geboren ward (Gal. 4, 4). Ja, um zu beweisen, wie sehr Evas Töchter die Tat ihrer Mutter verabscheuten, so ist dieses Geschlecht im Alten Bund nach Kindern sehr begierig gewesen in der Hoffnung, daß diese oder jene vielleicht die Gnade erlangte, die Mutter des Heilands der Welt zu werden. Und als der Heiland erschien, wie hoch haben sich da zuerst Frauen vor andern gefreut! (Luk. 1, 42-50.) Ich lese nirgends, daß ein einziger Mann Christus aus seinen Mitteln auch nur durch einen Pfennig unterstützt hätte; aber etliche Frauen, die Ihm nachfolgten, taten Ihm Handreichung von ihrer Habe (Luk. 8, 2. 3). Eine Frau war es, die Seine Füße mit ihren Tränen benetzte (Luk. 7, 37-50). Eine Frau war es auch, die Seinen Leib zu Seinem Begräbnis salbte (Joh. 12, 1-8). Es waren Frauen, die um Ihn trauerten und klagten, als Er nach Golgatha hingeführt ward (Luk. 23, 27); Frauen, die zugegen waren, als Er vom Kreuz abgenommen ward, und die bei dem Grab saßen, darein man Ihn gelegt hatte (Matth. 27, 61). Wiederum waren es Frauen, die an Seinem Auferstehungsmorgen zum Grab gingen (Luk. 24, 1) und die den Jüngern die Nachricht brachten, daß Er von den Toten auferstanden wäre (Luk. 24, 22. 23). Also haben die Frauen große Gnade empfangen, als die auch Miterben sind der Gnade des Lebens“ (1. Petr. 3, 7).
Nun ließ der Koch sagen, das Essen sei gleich bereit, und schickte einen, der den Tisch decken, Teller zutragen, sowie Salz und Brot auflegen sollte.
„Der Anblick des gedeckten Tisches und all die Zurüstungen zum Mahl,“ sagte +Matthäus+, „machen meinen Hunger noch größer, als er zuvor war.“
+Gajus.+ So mögen auch alle heilsamen und tröstlichen Lehren in diesem Leben in dir ein größeres Verlangen erwecken, am Abendmahl des großen Königs in Seinem Reich teilzuhaben; denn alle Predigten und guten Schriften hienieden sind im Vergleich zu dem Mahl, das unser Herr uns in Seinem Reich bereiten will, nur wie das Decken des Tisches.
Die Speisen wurden nun heraufgebracht und den Pilgern vorgesetzt, zuerst eine Hebeschulter und eine Webebrust (3. Mos. 10, 14. 15), um damit anzudeuten, daß sie das Mahl mit Gebet und Dank gegen Gott beginnen sollten; denn mit der Hebeschulter erhob David sein Herz zu Gott[208], und mit der Webebrust, worin sein Herz lag, pflegte er sich an die Harfe zu lehnen, wenn er darauf spielte[209]. Beide Gerichte waren frisch und wohlschmeckend, und sie aßen alle reichlich davon.
Danach ward eine Flasche Wein aufgetragen, derselbe war so rot wie Blut[210]. „Trinket davon, soviel ihr wollt,“ sagte Gajus, „das ist der Saft des echten Weines, der des Menschen Herz erfreut“ (Ps. 104, 15). Und sie tranken und wurden froh.
Hierauf kam eine Schüssel mit gut eingebrockter Milch. +Gajus+ aber sprach: „Laßt diese den Knaben, daß sie dadurch zunehmen[211]!“
Weiter ward ein Teller mit Butter und Honig gebracht. „Eßt davon nach Herzenslust,“ sagte +Gajus+, „denn dadurch werden sich bei euch Erkenntnis und Verstand vermehren. Dies war unsers Herrn Speise in Seiner Kindheit, wie geschrieben steht: Butter und Honig wird Er essen, wann Er weiß, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen“ (Jes. 7, 15).
Hernach trug man eine Schüssel mit sehr wohlschmeckenden Äpfeln auf. Da fragte +Matthäus+: „Dürfen wir auch Äpfel essen, da diese Frucht es war, wodurch die Schlange unsre erste Mutter betrogen hat[212]?“
+Gajus+ antwortete:
Es hat ein Apfelbiß der Menschheit Los gewendet, Verheißne Gottesherrlichkeit in Schmach und Tod geendet, Der Schlange List den unheilvollen Sieg gewann. Laß dich nicht Sodomsäpfel sünd’ger Lust betrügen, Ansonst der Menschenfeind, der Vater aller Lügen, Dich in des Todes Netz verstricken kann. Doch wenn nach Gottesliebe deine Seele krank[213], So fleh den Vater aller guten Gaben, Mit Himmelsmanna Geist und Seel’ zu laben Und mit der Gottesrebe edlem Purpurtrank.
+Matthäus.+ Ich hatte deshalb Bedenken, weil ich vor einiger Zeit durch das Essen von Früchten krank geworden war.
+Gajus.+ Verbotene Früchte sind schädlich, nicht aber die, welche uns der Herr beschert.
Während sie noch so redeten, ward ihnen ein Körbchen mit Nüssen vorgesetzt. Da sagten einige über Tisch: „Nüsse verderben die Zähne, besonders die der Kinder.“ +Gajus+ erwiderte:
Tiefe Worte gleichen harten Nüssen; Willst du ihren süßen Kern genießen, Brich mit Fleiß die Schalen, Gottes Güte Schmeckt nach treuer Arbeit dem Gemüte, Wie sie sich in Seinem teuren Sohne Offenbart zum sel’gen Gnadenlohne.
Unter heitern Gesprächen saßen sie sehr lange beisammen. „Mein lieber Wirt,“ sagte der alte Herr +Redlich+, „während wir deine Nüsse knacken, so löse mir doch bitte dieses Rätsel:
Wer ist der Narr -- der dennoch weise tut -- Der stets weggibt und also mehrt sein Gut?“
Alle waren gespannt darauf, was +Gajus+ antworten würde. Dieser saß eine Weile still, und dann sagte er:
Wer Armer Flehen stets mit Freuden gibt Gehör, Verliert nicht, nein, gewinnt dadurch unendlich mehr.
„Ich muß gestehen, lieber Herr,“ meinte +Joseph+, „ich habe nicht gedacht, daß du’s lösen könntest.“
„O,“ erwiderte +Gajus+, „das weiß ich aus einer reichen Erfahrung. Die Erfahrung ist bekanntlich die beste Schule. Von meinem Herrn habe ich gelernt, wohltätig zu sein[214], und gefunden, daß man dabei gewinnt. +Einer teilt aus, und hat immer mehr; ein andrer kargt, da er nicht soll, und wird doch ärmer. Mancher ist arm bei großem Gut, und mancher ist reich bei seiner Armut+“ (Spr. 11, 24; 13, 7).
„Mutter,“ flüsterte +Samuel+ seiner Mutter ins Ohr, „es ist so schön in dem Haus dieses guten Mannes, laß uns doch etliche Zeit hier bleiben, mein Bruder +Matthäus+ kann sich ja hier mit +Barmherzig+ verheiraten, ehe wir weitergehen.“ Als +Gajus+ vernahm, was +Samuel+ gesagt hatte, sprach er: „Das soll mir eine echte Freude sein, mein Kind.“
Die Pilger beschlossen, sich hier einen Monat aufzuhalten, und +Barmherzig+ ward dem +Matthäus+ zur Frau gegeben. Nach ihrer Gewohnheit widmete sich +Barmherzig+ in dieser Zeit wieder ihrer Liebestätigkeit und nähte fleißig Röcke und Kleider für die Armen, wodurch sie den Pilgrimen einen guten Ruf verschaffte.
Doch wir sind unsrer Geschichte vorausgeeilt. Nach dem Essen wünschten die Knaben und +Barmherzig+, sich zur Ruhe zu begeben, denn sie waren müde von der Reise. Die übrigen freuten sich so sehr über ihr Zusammensein, daß sie sich nicht voneinander trennen konnten; so blieben sie die ganze Nacht auf und unterhielten sich über ihren Herrn und ihre Reiseerlebnisse. Unter diesen Gesprächen fing der alte Herr +Redlich+ an einzunicken. Da sprach +Mutherz+: „Wie, alter Freund, du fängst an, schläfrig zu werden? Komm, wisch dir den Schlaf aus den Augen, ich will dir ein Rätsel aufgeben.“ -- „Also, laß hören!“ erwiderte +Redlich+. +Mutherz+ sagte:
Wie kann man sich den Tod erküren Und doch sein Leben nicht verlieren?
„O weh,“ rief Herr +Redlich+, „das ist eine schwere Aufgabe! schwer aufzulösen, aber noch schwieriger, in die Tat umzusetzen. Bitte, guter Wirt, übernimm du meine Rolle und löse das Rätsel auf; ich will hören, was du sagst.“
„Nein,“ versetzte +Gajus+, „es ist dir vorgelegt, und man erwartet von dir die Antwort.“
Da sagte der alte +Redlich+:
Wer da leben will, der sterbe; Wer nicht stirbt, der lebet nicht. Ehe denn das Fleisch verderbe, Scheinet uns kein Gnadenlicht.
+Gajus.+ Das ist richtig. Die Schrift und die Erfahrung bestätigen das; denn solange der Mensch sein eigenes Ich nicht in den Tod gibt, kann bei ihm das wahre Leben nicht zur vollen Ausgestaltung kommen. Und ebenso gewiß ist, daß ein Mensch kein lebendiges Denkmal der göttlichen Gnade sein kann, solange er noch in Ketten und Banden der Sünde gefangenliegt.
In solcher Unterhaltung saßen sie beieinander, bis der Tag anbrach. Als sich nun alle zur Morgenandacht versammelt hatten, hieß +Christin+ ihren Sohn +Jakob+ ein Kapitel aus der Bibel vorlesen. Und er las das 53. Kapitel des Propheten Jesaja. Nachdem dies geschehen, fragte +Redlich+, warum es hier heiße, der Heiland werde „aus dürrem Erdreich“ kommen, und daß Er „keine Gestalt noch Schöne“ hatte.
+Mutherz.+ Auf das erste antworte ich: Weil das Volk Israel, aus dem Christus kam, die Kraft und den Geist der Gottseligkeit fast gänzlich verloren hatte. Auf das zweite erwidere ich: Diese Worte sind vom Standpunkt derer gesprochen, die nicht glaubten; denn in ihrer Verblendung beurteilten sie unsern Herrn nach der Niedrigkeit Seiner äußern Erscheinung. Gerade wie diejenigen, welche nicht wissen, daß Edelsteine mit einer unscheinbaren Kruste umgeben sind; wenn sie einen solchen finden, werfen sie ihn wieder weg wie einen gewöhnlichen Stein, weil sie seinen Wert nicht erkennen.
+Gajus+ sprach nun zu seinen Gästen: „Da ihr einmal hier seid und +Mutherz+ ja ein erprobter Kämpfer ist, so laßt uns nach dem Frühstück sehen, ob wir nicht gemeinsam etwas Gutes ausrichten können. Etwa eine Meile von hier haust nämlich ein Riese namens +Tugendfeind+, der des Königs Straße in dieser Gegend unsicher macht. Ich weiß, wo sein Versteck ist. Er ist Anführer einer großen Räuberbande. Wie herrlich wäre das, wenn wir diesen Unhold unschädlich machen könnten!“
Alle willigten ein, und so zogen sie aus, +Mutherz+ mit seinem Schwert, Helm und Schild, und die übrigen mit Speeren und Stangen bewaffnet. Als sie sich dem Aufenthaltsort des Riesen näherten, war dieser gerade daran, einen gewissen +Kleinmütig+, den seine Helfer zu ihm geschleppt hatten, auszuplündern, um ihn nachher zu verzehren; denn er war von Natur ein Menschenfresser. Sobald er nun +Mutherz+ und seine Begleiter bewaffnet am Eingang der Höhle gewahrte, fragte er sie nach ihrem Begehr.
+Mutherz.+ Dich wollen wir haben; denn wir sind gekommen, das Blut all der Pilger zu rächen, die du von des Königs Heerstraße weggeführt und erschlagen hast; darum komm heraus aus deiner Höhle!
Der Riese rüstete sich zum Kampf und trat hervor und focht mit +Mutherz+ bei einer Stunde lang, bis ihnen der Atem ausging.
„Was habt ihr denn eigentlich auf meinem Grund und Boden zu tun?“ fragte +Tugendfeind+, als sie ein wenig innehielten.
+Mutherz.+ Wie du ja schon weißt, sind wir gekommen, den Tod unsrer Brüder zu rächen.
Der Kampf begann aufs neue, und der Riese brachte +Mutherz+ zum Weichen; aber er drang wieder vor und schwang sein Schwert so geschickt um des Riesen Kopf und Seite, daß diesem die Waffe aus der Hand fuhr. Schnell schlug er ihn zu Boden und hieb ihm das Haupt ab. Nach vollbrachter Tat kehrten sie mit dem Pilger +Kleinmütig+ in die Herberge zurück. Auch das Haupt des Riesen nahmen sie mit und steckten es, wie sie es schon mit andern getan, auf einen Pfahl zum Schrecken für die, welche gleiche Gewalttaten versuchen wollten.
+Kleinmütig+ mußte nun erzählen, wie er in +Tugendfeinds+ Hände geraten sei, und er sprach: „Ich bin ein kränklicher Mann, wie ihr seht, und weil der Tod täglich an meine Tür klopfte, so dachte ich, es würde daheim mit mir doch nimmer besser werden. Deshalb wandte ich meiner Vaterstadt +Ungewiß+ den Rücken und begab mich auf die Pilgerreise. Ich bin zwar nach Leib und Geist äußerst schwach, aber ich wollte doch gern, wiewohl ich nur kriechen kann, mein Leben als Pilgrim zubringen. An der Pforte zu Anfang dieses Weges nahm mich der Hausherr liebreich auf und machte mir keine Schwierigkeit weder wegen meines schwächlichen Aussehens noch wegen meines schwachen Gemütes, sondern er versah mich für die Reise mit allem Nötigen und hieß mich auf das Ende hoffen. Auch im Hause des +Auslegers+ erfuhr ich große Freundlichkeit, und weil man den +Berg der Beschwerde+ für mich als zu steil erachtete, so ward ich von einem Diener hinaufgetragen[215]. Wahrlich, ich habe viel Beistand und tröstliches Zureden von Pilgern erfahren, obwohl keiner so langsam gehen wollte, wie ich zu gehen genötigt war. In der +Räubergasse+ nun trat mir dieser Riese entgegen und forderte mich Armen, Schwachen, der ich vielmehr einer Herzensstärkung bedurft hätte, zum Kampf auf. Er kam und schleppte mich in seine Höhle. Ich aber hoffte immer noch, aus seinen Händen zu entkommen; denn ich hatte gehört, daß nach den Gesetzen der Vorsehung kein Pilger, der gewaltsamerweise gefangengenommen wird, wofern sein Herz seinem Herrn völlig ergeben bleibt, durch die Hand seiner Feinde sterben darf. Geplündert zu werden erschien mir nicht als das Schlimmste, und wie ihr seht, bin ich ja mit dem Leben davongekommen, wofür ich dem Herrn, als meinem Erretter, und euch, als Seinen Werkzeugen, danke. Noch bin ich nicht aller Gefahr entronnen, neue Angriffe habe ich zu gewärtigen; aber ich bin entschlossen zu laufen, wenn ich kann; zu gehen, wenn ich nicht laufen kann, und zu kriechen, wenn die Beine mich nicht mehr tragen. Wiewohl ich, wie ihr seht, von gar schwachem Mute bin, so ist doch mein Angesicht fest auf das Ziel gerichtet, mein Herz weilt schon jenseits des Stroms, der keine Brücke hat. Dafür sei Ihm Preis, der mich geliebt hat!“
Der alte +Redlich+ wandte sich nun mit der Frage an ihn: „Hast du nicht vor einiger Zeit die Bekanntschaft eines Pilgers, des Herrn +Ängstlich+, gemacht?“
+Kleinmütig.+ Ei freilich habe ich ihn gekannt, er kam aus der Stadt +Stumpfsinn+, die vier Meilen nördlich von der Hauptstadt +Verderben+ und ebenso weit von meinem Geburtsort entfernt liegt. Er war mein Oheim, meines Vaters Bruder. Er und ich waren so ziemlich gleicher Gemütsart; er war ein wenig kleiner als ich, sonst sahen wir uns im allgemeinen sehr ähnlich.
+Redlich.+ Ja, es stimmt, was du sagst; denn du hast sein blasses Aussehen, den Blick seiner Augen, und deine Sprache klingt wie seine.
+Kleinmütig.+ Das haben aus unserm Bekanntenkreis viele gesagt, und was ich in seinem Innern gelesen, das habe ich auch zum großen Teil in mir selbst empfunden.
„Komm Freund, sei guten Mutes!“ sagte der freundliche Wirt. „Du bist mir und meinem Haus willkommen! Was du wünschest, fordere nur getrost, meine Diener werden dir mit Freuden zur Hand gehen.“
Da sprach +Kleinmütig+: „Das ist eine unerwartete Gunst und wie ein Sonnenstrahl aus finsterm Gewölk. Das hat der Riese +Tugendfeind+ wohl nicht gedacht, daß seine böse Tat zu meinem Glücke ausfallen würde.“
Kaum hatte +Kleinmütig+ ausgeredet, da kam einer gelaufen und erzählte, daß ungefähr anderthalb Meilen von dort ein gewisser +Unlauter+, ein Pilger, auf der Stelle, wo er sich gerade befand, vom Blitz erschlagen worden sei[216].
„Ach,“ rief +Kleinmütig+ aus, „ist er erschlagen? Er holte mich vor einigen Tagen ein und bot mir seine Gesellschaft an. Er war auch bei mir, als der Riese +Tugendfeind+ mich angriff; aber er war leichtfüßig und entrann. Allein es scheint, er entkam zum Tode, und ich ward ergriffen zum Leben.“
So führst Du doch recht selig, Herr, die Deinen, Ja selig und doch meist verwunderlich! Wie könntest Du es böse mit uns meinen, Da Deine Treu’ nicht kann verleugnen sich? Die Wege sind oft krumm und doch gerad, Darauf Du läßt die Kinder zu Dir gehn; Da pflegt’s oft wunderseltsam auszusehn; Doch triumphiert zuletzt Dein hoher Rat.
Um diese Zeit wurden +Matthäus+ und +Barmherzig+ verheiratet; auch gab +Gajus+ dem +Jakob+, +Matthäus’+ Bruder, seine Tochter +Phöbe+ zur Frau. Sie blieben hierauf noch etwa zehn Tage in diesem gastlichen Haus, indem sie ihre Zeit nach Pilgerweise treu auskauften.
Als nun die Stunde des Abschieds nahte, machte ihnen +Gajus+ ein Mahl, und sie aßen und tranken und waren fröhlich. Danach trat +Mutherz+ zu dem Wirt und forderte die Rechnung. Aber +Gajus+ erwiderte, daß alle Pilger in seinem Hause jahraus, jahrein unentgeltliche Aufnahme fänden; eine Vergütung dafür erhalte er von dem barmherzigen Samariter, der ihm versprochen hätte, bei Seiner Rückkehr alle Auslagen treulich zu bezahlen (Luk. 10, 35).
Da sprach +Mutherz+ zu ihm: „Mein Lieber, du tust treulich, was du tust an den Brüdern und Gästen, die von deiner Liebe gezeugt haben vor der Gemeinde; und du wirst wohl tun, wenn du sie abfertigst würdig vor Gott“ (3. Joh. 5. 6). Darauf nahm +Gajus+ Abschied von ihnen allen und von seiner Tochter und insbesondere noch von +Kleinmütig+. Er gab ihm auch ein Fläschchen mit einem stärkenden Getränk mit auf den Weg. Als sie nun zur Tür hinaustraten, stellte sich +Kleinmütig+, als wollte er zurückbleiben. Dies wahrnehmend, rief +Mutherz+ ihm ermunternd zu: „Komm, lieber Freund, geh doch mit uns; ich will dein Führer sein, und es soll dir ebensowenig an etwas gebrechen wie den andern.“
+Kleinmütig.+ Ach, ich muß einen Begleiter haben, der zu mir paßt. Ihr seid alle rüstig und stark, ich aber muß sehr behutsam vorgehen. Daher möchte ich lieber hinten nachkommen, damit ich nicht wegen meiner vielen Gebrechlichkeiten mir und euch zur Last werde. Ich bin, wie schon gesagt, ein Mann von schwachem Geist und werde leicht irre und nehme Anstoß an dem, was andre ertragen können. Ich kann kein Lachen hören. Ich habe kein Gefallen an Schmuckgegenständen. Unersprießliche Fragen kann ich nicht leiden. Ja, ich bin so schwach, daß ich mich selbst an dem stoße, was andre Freiheit haben zu tun. Ich habe noch keine völlige Erkenntnis der Wahrheit, ich bin ein sehr unwissender Christ. Oftmals, wenn ich vernehme, wie sich andre freuen in dem Herrn, werde ich dadurch sehr niedergeschlagen, weil ich es nicht also kann. Es geht mir wie einem Schwachen unter den Starken, wie einem Kranken unter den Gesunden und wie einem verachteten Lichtlein (Hiob 12, 4. 5); denn so ist der, dessen Füße gleiten wollen, in den Augen dessen, der sicher steht, so daß ich nicht weiß, was ich anfangen soll.
+Mutherz.+ Aber, lieber Bruder, es ist meine Pflicht, die Kleinmütigen zu trösten und die Schwachen zu tragen (1. Thess. 5, 14). Du mußt durchaus mit uns gehen[217], wir wollen auf dich warten, wir wollen dir hilfreich die Hand bieten[218]; wir wollen uns alles dessen entschlagen, sei es in Worten oder Werken, was dir Ärgernis geben könnte[219]; wir wollen uns in deiner Gegenwart auf keine strittigen Fragen und Erörterungen einlassen, wir wollen uns dir lieber soviel als möglich anpassen, als daß wir dich zurücklassen sollten[220].
+Mutherz+ und +Kleinmütig+ standen immer noch in eifrigem Gespräch vor dem Gasthaus, da kam geradeswegs Herr +Hinkfuß+ vorbei, mit seinen Krücken in der Hand, der gleichfalls die Pilgerschaft angetreten hatte.
+Kleinmütig+ rief ihm entgegen: „Guten Tag, Freund, wie kommst du hierher? Ich beklagte es eben, keinen passenden Gefährten zu haben; du aber bist so ganz nach meinem Wunsch. Sei mir also willkommen, lieber Herr +Hinkfuß+; ich hoffe, du und ich werden einander schon behilflich sein.“
+Hinkfuß.+ Wie freut es mich, guter Herr +Kleinmütig+, mit dir hier zusammenzutreffen! Deine Gesellschaft soll mir angenehm sein, und lieber will ich dir eine meiner Krücken leihen, als dich wieder von mir zu lassen.
+Kleinmütig.+ Danke sehr, du meinst es gut; aber ich gedenke doch nicht zu hinken, ehe ich lahm bin. Indes, wenn es not tut, kann sie mir als Waffe gegen die Hunde dienen.
+Hinkfuß.+ Meine Krücken und ich stehen dir jederzeit zu Diensten, mein lieber +Kleinmütig+.
So machten sie sich denn auf den Weg; +Mutherz+ und +Redlich+ gingen voran, +Christin+ und ihre Kinder folgten nach und +Kleinmütig+ und +Hinkfuß+ hinterdrein.
„Lieber Herr +Mutherz+,“ hob jetzt der alte +Redlich+ an, „bitte, erzähle uns, während wir gehen, etwas Erbauliches von frühern Pilgern!“
+Mutherz.+ Das will ich gerne tun. Von +Christ+, wie er mit +Apollyon+ im +Tal der Demut+ kämpfte und von seinem gefahrvollen Weg durch das +Tal der Todesschatten+ habt ihr wohl schon gehört. Auch von dem Pilger +Getreu+ hat man euch gewiß berichtet, was für Anfechtungen er zu bestehen hatte durch die Dame +Wollust+, den +Alten Menschen+, +Unzufrieden+ und +Scham+, vier so gefährliche Bösewichter, wie man sie sich kaum ärger denken kann.
+Redlich.+ Ja, ich meine von ihnen gehört zu haben. Aber den schwersten Stand hatte der gute +Getreu+ dem +Scham+ gegenüber, das war doch ein ganz unverschämter Geselle.
+Mutherz.+ Ja, wie die Pilgrime auch mit Recht von ihm sagten: er hat von allen den unrichtigsten Namen.
+Redlich.+ Aber bitte, lieber Herr, wo war das auch, daß +Christ+ und +Getreu+ mit +Schwätzer+ zusammentrafen? Das war doch auch ein ganz durchtriebener Mensch.
+Mutherz.+ Ein selbstzufriedener Tor, und dennoch hat er viele Nachfolger.
+Redlich.+ Beinahe hätte er sogar +Getreu+ hinters Licht geführt.
+Mutherz.+ Ja, aber +Christ+ hat ihn darauf gebracht, seine Tücke zu durchschauen.
Ich sah nun in meinem Traum, daß der Führer der Pilger an einer gewissen Stelle stehenblieb, und er sprach: „Hier in dieser Gegend war es, wo der +Evangelist+ zu +Christ+ und +Getreu+ trat und ihnen zuvor sagte, was für Drangsale ihrer auf dem +Eitelkeitsmarkt+ warteten.“
+Redlich.+ Das war aber keine ermutigende Botschaft, die er ihnen überbrachte.