Pilgerreise zur seligen Ewigkeit
Part 18
+Barmherzig.+ Was konnte ich in meiner Not anders tun? Vor mir ward die Tür verschlossen, und zudem schreckte mich ein grimmiger Hund! Wer in aller Welt, der so geängsteten Herzens gewesen wie ich, würde nicht mit aller Macht angeklopft haben? Aber, bitte, was sagte mein Herr zu solcher Dreistigkeit? War Er nicht ungehalten über mich?
+Christin.+ Als Er dein ungestümes Klopfen hörte, zog sich ein wunderbar mildes Lächeln über Sein Angesicht. Ich glaube, was du tatest, gefiel Ihm wohl, denn Er ließ nichts von Mißfallen gewahr werden. Aber eines ist mir ein Rätsel, warum Er wohl einen solchen Hund hält. Wie gut, daß ich das vorher nicht wußte, denn sonst hätte ich mich kaum so weit gewagt. Aber nun sind wir ja geborgen, und darüber ist mein Herz fröhlich.
+Barmherzig.+ Wenn es dir recht ist, will ich Ihn fragen, sobald Er herunterkommt, warum Er ein so widerwärtiges Tier auf Seinem Hof hält. Ich hoffe, Er wird es nicht übelnehmen.
„Bitte, tue das!“ sagten die Kinder, „und berede Ihn, daß Er ihn anbindet; denn uns ist so bange, daß er uns beißt, wenn wir von hier weggehen.“
Als Er endlich wieder zu ihnen trat, fiel +Barmherzig+ vor Ihm nieder zur Erde, betete an und sprach: „Herr, laß Dir wohlgefallen das Opfer meines Dankes, welches ich Dir jetzt darbringe, und die Farren meiner Lippen!“
Er erwiderte: „+Friede sei mit dir!+ Stehe auf!“ Sie aber blieb auf ihrem Angesicht liegen und sprach: „Herr, wenn ich gleich mit Dir rechten wollte, so behältst Du doch recht; dennoch muß ich vom Recht mit Dir reden (Jer. 12, 1). Warum hältst du einen so bösen Hund auf Deinem Hof, bei dessen Anblick Frauen und Kinder wie wir aus Angst von Deinem Tore fliehen möchten?“
Er antwortete und sprach: „Jener Hund hat einen andern Eigentümer; er wird auch auf eines andern Grund und Boden in Verwahrung gehalten; Meine Pilgrime hören nur sein Bellen. Er gehört zu dem Schloß, welches ihr dort in der Ferne seht; aber er kann bis an die Mauern dieses Orts herankommen und hat schon manchen rechtschaffenen Pilger durch seine gewaltige Stimme heilsam erschreckt. Freilich, sein Herr hält ihn nicht aus irgendwelcher Freundschaft zu Mir und den Meinen, sondern in der Absicht, die Pilger abzuhalten, zu Mir zu kommen, und damit sie sich fürchten, an dieser Pforte um Einlaß anzuklopfen. Zuweilen hat er sich auch losgerissen und einige Meiner Geliebten übel zugerichtet; aber das alles nehme Ich zurzeit noch mit Geduld an. Doch schaffe Ich Meinen Pilgern rechtzeitige Hilfe, daß sie seiner Gewalt nicht überlassen werden und er ihnen nicht tue, wozu ihn seine hündische Art treibt. Aber du, Meine teuer Erkaufte, darfst dich nicht von einem Hund abschrecken lassen, und wenn du zuvor noch soviel davon erfahren hättest. Auch die Bettler, die von einer Tür zur andern gehen, laufen lieber Gefahr, von einem Hund angebellt oder gar gebissen zu werden, als daß sie sich ein erhofftes Almosen entgehen ließen. Sollte denn ein Hund, der sich auf eines andern Hof befindet, und dessen Gebell ich zum besten Meiner Pilger wende, jemand abhalten, zu Mir zu kommen? Ich errette sie aus dem Rachen des Löwen und Meine Einsame von den Hunden“ (Ps. 22, 21. 22).
„Ich bekenne meine Unwissenheit,“ sprach +Barmherzig+, „ich habe von Dingen geredet, die ich nicht verstehe. Ich erkenne, daß Du alles wohl machst.“
+Christin+ fing hierauf von ihrer Reise zu reden an und nach dem Weg zu fragen. So speiste Er sie denn, wusch ihnen die Füße und brachte sie auf den Weg Seiner Fußstapfen, wie Er zuvor mit ihrem Mann getan.
Fußnoten:
[161] Jesus spricht: Ich bin die Tür, so jemand durch Mich eingeht, der wird selig werden und wird ein und aus gehen und Weide finden (Joh. 10, 9).
[162] David betet: Fasse meine Tränen in deinen Krug: ohne Zweifel, Du zählst sie (Ps. 56, 9).
[163] Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan (Matth. 7, 7).
[164] Der Hund ist der Teufel, der ein Feind des Gebets ist.
[165] Ich bitte nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an Mich glauben werden (Joh. 17, 20).
[166] Von ferne sahen sie Christus am Kreuz.
[167] Das Reich Gottes leidet Gewalt, und die Gewalt tun, die reißen es an sich (Matth. 11, 12).
Drittes Kapitel.
In Anfechtung und im Hause des Auslegers.
Ich sah nun in meinen Traum, daß sie ihren Weg weiterzogen und dabei sehr angenehmes Wetter hatten. Da fing +Christin+ an zu singen:
Ich danke Dir, Du wahre Sonne, daß mir Dein Glanz hat Licht gebracht; Ich danke Dir, Du Himmelswonne, daß Du mich froh und frei gemacht; Ich danke Dir, Du heil’ger Mund, Dein Wort macht mich gesund.
Ach, daß ich Dich so spät erkennet, Du hochgelobte Schönheit Du, Und Dich nicht eher mein genennet, Du höchstes Gut und wahre Ruh’! Es ist mir leid, ich bin betrübt, daß ich so spät geliebt.
Erhalte mich auf Deinen Stegen und laß mich nicht mehr irregehn; Laß meinen Fuß in Deinen Wegen nicht straucheln oder stillestehn: Erleuchte Leib und Seele ganz, Du starker Himmelsglanz!
Nun war an der andern Seite der Mauer, welche sich der Pilgerstraße entlangzog, ein Garten[168], und dieser Garten gehörte dem Besitzer jenes bellenden Hundes. Es ragten aber die Äste einiger darin stehenden Fruchtbäume über die Mauer, und wenn die Früchte reif waren, so hoben viele der Vorübergehenden sie auf und aßen davon zu ihrem Schaden. Auch die Knaben der +Christin+, wie solche Jungen zu tun pflegen, machten sich mit großem Vergnügen daran, etliche der Früchte zu pflücken, und fingen an, davon zu essen[169]. Ihre Mutter verwies ihnen dieses Tun, und da sie dennoch nicht davon abließen, sprach sie: „Kinder, ihr versündigt euch, denn diese Früchte gehören uns nicht.“ Sie wußte aber nicht, daß sie dem Feind gehörten, sonst wäre sie, das kann ich sagen, vor Angst schier gestorben. Sie setzten ihren Weg fort und legten dieser Sache keine weitere Bedeutung bei.
Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie in der Ferne zwei +Übelgesinnte+ wahrnahmen, die rasch auf sie zukamen. +Christin+ und +Barmherzig+ zogen ihren Schleier vors Gesicht[170], die Knaben aber ließen sie voranschreiten. Als sie nun zusammentrafen, liefen die beiden gerade auf die Frauen zu, als ob sie dieselben umarmen wollten. +Christin+ rief ihnen zu: „Bleibt zurück oder geht ruhig eures Wegs, wie sich’s gebührt!“ Die beiden Männer aber taten, als wären sie taub, und achteten nicht auf ihre Worte, sondern fingen an, Hand an sie zu legen. Hierüber wurde +Christin+ so aufgebracht, daß sie mit den Füßen nach ihnen stieß. Auch +Barmherzig+ erwehrte sich ihrer aus Leibeskräften.
„Bleibt zurück und geht eurer Wege!“ rief +Christin+ ihnen abermals zu, „denn wir haben kein Geld, das man uns abnehmen könnte. Wir sind Pilger, wie ihr seht, und auf die Liebesgaben unsrer Freunde angewiesen.“
„Wir verlangen kein Geld von euch,“ antwortete einer der Männer, „sondern sind gekommen, euch zu sagen, daß wir euch dauernd zu glücklichen Frauen machen wollen, wenn ihr uns nur in einer geringen Sache zu Willen seid.“
+Christin+ erkannte wohl die Absicht dieser Männer und sprach: „Wir wollen weder hören noch achten noch tun, was ihr begehren werdet. Wir sind in Eile und können uns nicht aufhalten; ein Verweilen ist unser Tod.“ So versuchte sie es und ihre Gefährtin aufs neue, an ihnen vorüberzukommen. Sie aber stellten sich ihnen in den Weg und sprachen: „Wir wollen euch ja gar nicht ans Leben; wir verlangen etwas ganz andres.“
+Christin.+ „Ja, ihr wollt beides haben, Leib und Seele; denn ich weiß wohl, weshalb ihr gekommen seid. Wir aber wollen lieber auf der Stelle sterben, als uns in solche Schlingen verstricken lassen, wodurch unser ewiges Heil aufs Spiel gesetzt wird.“ Alsbald schrien sie laut: „Mörder, Mörder!“ und stellten sich dadurch unter die Gesetze, welche zum Schutz der Frauen gegeben sind (5. Mos. 22, 25-27). Dennoch aber ließen die Männer nicht ab, sie zu bedrängen, um sie zu überwältigen; deshalb wiederholten sie ihre Hilferufe.
Dieweil sie noch nicht weit von der engen Pforte entfernt waren, wurde ihr Rufen dort gehört[171]; und da man +Christins+ Stimme erkannte, eilten einige aus dem Haus, ihr zu Hilfe zu kommen. Sie fanden die Frauen in einem ernsten Handgemenge und die Kinder jammernd und weinend dabeistehen. „Was macht ihr da?“ rief einer der Helfer den Schurken zu. „Wollt ihr meines Herrn Volk sündigen machen?“ Er wollte sie ergreifen, sie entwischten aber über die Mauer in den Garten des Mannes, dem der große Hund gehörte, und befanden sich nun in dessen Schutz. Der +Retter+ kam nun heran zu den Frauen und fragte sie nach ihrem Befinden. Sie antworteten: „Wir danken deinem Fürsten, es geht uns ziemlich wohl; nur sind wir sehr erschrocken. Auch danken wir dir, daß du uns zu Hilfe gekommen bist, denn sonst wären wir überwältigt worden.“
Nachdem sie noch dies und jenes miteinander geredet hatten, sagte der +Retter+ zu ihnen: „Mich wundert sehr, daß ihr, als ihr an der Pforte gastliche Aufnahme fandet, nicht den Herrn um einen Führer gebeten habt, da ihr wußtet, daß ihr nur schwache Frauen seid. Sicherlich würde Er euch einen solchen gewährt haben, und ihr wäret solcher Bedrängnis und Gefahr enthoben gewesen.“
„Ach,“ erwiderte +Christin+, „wir waren von den gegenwärtigen Segnungen so hingenommen, daß wir der kommenden Gefahr ganz vergaßen[172]. Und wer hätte auch denken sollen, daß so nahe bei des Königs Palast solche Bösewichter lauern könnten? Allerdings haben wir es versäumt, um einen Führer zu bitten; aber da unser Herr wußte, was uns zustoßen konnte, so wundert’s mich, daß Er uns nicht einen solchen mitgegeben hat[173].“
+Retter.+ Es ist nicht immer ratsam, Dinge ungebeten zu gewähren, weil sie hierdurch weniger geschätzt werden. Wenn man aber den Mangel einer Sache empfindet, dann erhält sie in den Augen des Betreffenden den Wert, der ihr gebührt, und wird demgemäß hernach auch angewendet. Hätte mein Herr euch ungebeten einen Führer gewährt, so würdet ihr euer Versäumnis nimmermehr so beklagt haben, wie ihr jetzt dazu Veranlassung findet. Also muß alles zum Guten wirken und dazu dienen, euch künftighin vorsichtiger zu machen.
+Christin.+ Sollen wir nun wieder zu unserm Herrn unsre Torheit bekennen und um einen Führer bitten?
+Retter.+ Das Bekenntnis eurer Torheit will ich Ihm überbringen. Es ist nicht nötig, daß ihr umkehrt, denn ihr werdet nirgends, wo ihr hinkommt, Mangel haben an irgendeinem Gut. In allen Herbergen meines Herrn, die Er zur Aufnahme Seiner Pilger errichtet hat, ist hinreichend für das gesorgt, was sie gegen allerlei Anfechtung ausrüsten kann. Aber Er will, wie gesagt, von ihnen darum gebeten sein, daß Er’s ihnen erzeige (Hes. 36, 37). Und das müßte ja auch ein armseliges Ding sein, welches nicht wert wäre, daß man darum bitte.
Nach diesen Worten schied der +Retter+ von ihnen, und die Pilger setzten ihren Weg fort.
„Welch ein schneller Wechsel ist das!“ hob +Barmherzig+ an. „Ich glaubte uns schon aller Trübsal und Gefahr enthoben.“
+Christin.+ Deine Jugend und Unerfahrenheit, meine Schwester, mag dich entschuldigen; was aber mich betrifft, so ist meine Schuld um so größer, als ich die Gefahr vorausgesehen, ehe ich mein Heim verließ, und ich mich dennoch nicht nach Hilfe umsah, als ich sie haben konnte. Ich bin deshalb sehr zu tadeln.
+Barmherzig.+ Aber wie konntest du darum wissen, als du noch zu Hause warest? Ich bitte dich, löse mir dieses Rätsel?
+Christin.+ Wie ich das erfahren habe, will ich dir erzählen: Bevor ich mich zur Pilgerreise anschickte, hatte ich eines Nachts hiervon einen Traum. Mich dünkte, ich sähe am Fußende meines Bettes zwei Männer stehen, die diesen so ähnlich waren wie ein Ei dem andern. Sie machten Anschläge, wie sie mich um meine Seligkeit bringen könnten. (Dies war gerade zu der Zeit, als ich in meiner Seelenangst war.) Ich will dir ihre eigenen Worte wiederholen. Sie sagten: „Was sollen wir mit diesem Weib anfangen? Denn wachend und schlafend schreit sie um Gnade. Lassen wir sie so fortfahren, so werden wir sie verlieren, wie wir ihren Mann verloren haben.“ Nun siehst du also, wie mich dieser Traum hätte behutsam und vorsichtig machen können.
+Barmherzig.+ Nun, wie wir durch diese Nachlässigkeit unsre Unvollkommenheit zu erkennen Gelegenheit hatten, so hat auch unser Herr daran Anlaß genommen, uns den Reichtum Seiner Gnade zu offenbaren. Denn Er ist uns ja, wie wir sehen, mit unverhoffter Güte nachgegangen und hat uns nach Seinem gnädigen Wohlgefallen errettet aus der Hand derer, die stärker waren als wir.
Unter solchen Gesprächen kamen sie zu einem Haus, das am Weg stand und zur Aufnahme und Erquickung der Pilger erbaut war, wie dies im ersten Teil der Pilgerreise ausführlicher beschrieben ist -- nämlich das Haus des +Auslegers+. Sie traten herzu, und als sie an die Tür kamen, drang lautes Reden an ihr Ohr. Sie horchten darauf und hörten, wie sie meinten, +Christins+ Namen nennen; denn ihr müßt wissen, daß das Gerücht von ihrer und ihrer Kinder Pilgerfahrt ihr schon vorausgegangen war. Und das war den Leuten des Hauses um so angenehmer, weil sie vernommen hatten, daß sie +Christs+ Frau sei, dieselbe, welche noch vor kurzen einen solchen Widerwillen gegen das Pilgerleben hatte, daß sie nicht einmal davon hören mochte. Also standen sie still und hörten den guten Leuten zu, wie sie sie lobten und es nicht im entferntesten ahnten, daß sie vor der Tür stände. Endlich klopfte +Christin+ an, wie sie es an der Pforte getan hatte. Alsbald erschien an der Tür ein junges Mädchen mit Namen +Unschuld+. Als sie die beiden Frauen draußen stehen sah, fragte sie diese nach ihrem Begehr.
+Christin+ antwortete: „Wir haben vernommen, daß dies eine für Pilger bestimmte Herberge sei, und da wir solche sind, bitten wir, daß wir Anteil haben dürfen an dem, um deswillen wir hierhergekommen sind. Siehe, es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt, und uns graut, in der Dunkelheit der Nacht auch nur einen Schritt zu tun.“
+Unschuld.+ Bitte, wie sind eure Namen, damit ich sie meinem Herrn drin melden kann?
+Christin.+ Ich bin +Christin+, die Frau des Pilgers, der seinerzeit diesen Weg gereist ist, und das sind seine vier Kinder. Diese Jungfrau ist meine Gefährtin, die ebenfalls die Pilgerschaft mit angetreten hat.
Da lief +Unschuld+ hinein und sprach zu ihren Hausgenossen: „Könnt ihr euch wohl denken, wer an der Tür steht? Es ist +Christin+ mit ihren Kindern und ihrer Gefährtin, die alle warten, daß sie eingelassen werden.“ Sie sprangen vor Freude und eilten, es dem Hausherrn anzusagen. Dieser kam an die Tür, sah +Christin+ an und sprach: „Bist du +Christin+, welche +Christ+, der liebe Mann, zurückließ, als er sich auf die Pilgerreise begab?“
+Christin.+ Ich bin die Frau, die so hartherzig war, ihres Gatten Bekümmernis geringzuachten und ihn allein auf seine Reise ausziehen zu lassen, und dies sind seine vier Kinder. Aber jetzt komme ich auch, denn ich bin überzeugt, daß dies allein der rechte Weg ist.
+Ausleger.+ So ist erfüllt, was von dem Mann geschrieben steht, der zu seinem Sohn sprach: „Gehe hin und arbeite heute in meinem Weinberg!“ Er antwortete aber und sprach: „Ich will’s nicht tun.“ Darnach reute es ihn, und er ging hin (Matth. 21, 28. 29).
„Amen, es sei also!“ sprach +Christin+. „Gott mache dies Wort an mir wahr und gebe, daß ich dereinst vor Ihm unbefleckt und unsträflich im Frieden erfunden werde“ (2. Petr. 3, 14).
+Ausleger.+ Aber warum stehst du draußen vor der Tür? Komm herein, du Tochter Abrahams! Wir redeten eben erst von dir, denn die Kunde von deinem Auszug ist schon zu uns gedrungen. Ihr Kinder und du Jungfrau, kommt herein!
Und damit führte er sie alle ins Haus. Hier hieß man sie sich setzen und ein wenig ausruhen. Nun kamen auch die übrigen Bewohner des Hauses herein, um die lieben Gäste zu begrüßen. Unter ihnen allen war große Freude darüber, daß +Christin+ eine Pilgerin geworden war. Auch den Knaben und +Barmherzig+ erzeigten sie ihre Liebe und hießen sie alle herzlich willkommen in dem Hause ihres Herrn.
Nachdem die Pilger ein Weilchen geruht hatten, und während das Abendbrot für sie bereitet wurde, führte der +Ausleger+ sie durch seine Unterweisungszimmer, wo er ihnen all das zeigte, was +Christ+ vorzeiten sehen durfte. Hier sahen sie also den Mann im Käfig, den Mann mit dem Traum, den Mann, der sich durch all seine Feinde hindurchschlug, und das Bild des Größten unter allen samt den übrigen Dingen, die für +Christ+ so lehrreich gewesen waren. Als sie alles dies geschaut und in ihre Herzen gefaßt hatten, nahm der +Ausleger+ sie abermals beiseite und brachte sie in ein Zimmer, in welchem ein Mann war, der nur nach unten sehen konnte und eine Kehrichtharke in seiner Hand hatte. Über seinem Haupt hielt einer eine himmlische Krone, die ihm für seine Harke angeboten wurde. Der Mann aber sah weder empor noch achtete er darauf, sondern scharrte sich nur die Strohhalme, die Holzstücke und was sonst auf dem Boden lag, zusammen.
+Christin+ sprach: „Ich glaube zu verstehen, was dies zu bedeuten hat. Es ist das Bild eines Menschen dieser Welt. Ist’s nicht so, lieber Herr?“
„Du hast recht gesagt,“ antwortete der +Ausleger+. „Und diese Kehrichtharke deutet seinen fleischlichen Sinn an. Daß der Mann von seiner Arbeit so ganz und gar hingenommen ist, ohne sich auch nur nach der angebotenen Krone umzusehen, soll anzeigen, daß der Himmel für manche nur eine Fabel ist und daß sie nur die Dinge hienieden für etwas Wesentliches und Wirkliches halten. Wie du ferner siehst, daß der Mann bloß niederwärts blicken kann, so soll es dich lehren, daß die irdischen Dinge, wenn sie eines Menschen Gemüt mit Macht eingenommen haben, das Herz gänzlich von Gott abziehen.“
„O,“ rief +Christin+ aus, „erlöse mich von dieser Kehrichtharke!“
+Ausleger.+ Ja, in der gegenwärtigen Zeit ist man ganz davon abgekommen, Gott zu bitten: „Reichtum gib mir nicht!“ (Spr. 30, 8.) Unter zehntausend ist es das Gebet von kaum einem. Stroh, Holz und Kot sind die großen Dinge, nach denen jetzt die meisten trachten.
Darüber weinten +Christin+ und +Barmherzig+ und sprachen: „Ach, das ist leider nur allzu wahr!“
Hierauf brachte der +Ausleger+ seine Gäste in das allerbeste Zimmer des Hauses, und es war wirklich ein prächtiges Gemach. Er hieß sie dann rund umher schauen und sehen, ob ihnen irgend etwas in die Augen fallen würde, das ihnen zur Belehrung dienen könnte. Sie wandten ihre Blicke nach allen Seiten, konnten jedoch nichts Besonderes wahrnehmen.
Da sprach +Barmherzig+: „Herr, ich sehe nichts.“ +Christin+ aber schwieg still.
„Sieh dich noch einmal um!“ erwiderte der +Ausleger+. Sie tat es und sagte dann: „Ich sehe nichts als eine häßliche Spinne, die sich mit den Füßen an der Wand festhält.“ -- „Wie?“ fragte er: „Ist denn nur +eine+ Spinne hier in diesem ganzen geräumigen Zimmer?“ Da traten der +Christin+ die Tränen in die Augen -- denn sie besaß die Gabe einer schnellen Auffassung -- und sie sprach: „Ja, Herr, hier sind mehr denn eine; und es sind Spinnen, deren Gift weit schädlicher wirkt als das, was in jener ist.“ -- „Du hast die Wahrheit geredet,“ erwiderte der +Ausleger+, ihr freundlich zunickend. +Barmherzig+ aber errötete, und die Knaben bedeckten ihre Gesichter, denn sie fingen nun alle an, das Rätsel zu verstehen.
„Die Spinne,“ fuhr der +Ausleger+ fort, „wirkt mit ihren Händen und ist in der Könige Schlössern (Spr. 30, 28). Und dies ist aufgezeichnet, um euch zu zeigen, daß, wie voll von dem Gift der Sünde ihr auch sein mögt, ihr dennoch durch die Hand des Glaubens das beste Zimmer, welches zu des Königs Haus droben gehört, ergreifen und darin wohnen könnt.“
+Christin.+ Ein schwaches Lichtlein ist mir wohl von Anfang darüber aufgegangen, doch in die volle Tiefe der Bedeutung dieser Sache konnte ich noch nicht hineinsehen. Ich dachte, daß wir den Spinnen ähnlich wären und wie häßliche Geschöpfe aussähen, wenn wir auch gleich in den schönsten Gemächern uns befänden. Aber daß wir durch diese Spinne, dieses giftige und widerwärtige Tier, lernen könnten, wie der Glaube wirke, das ist mir nicht in den Sinn gekommen. Gott hat nichts umsonst gemacht.
Darüber wurden sie alle froh. Noch feuchten Auges schaute eins das andre an, und dann verneigten sie sich vor dem +Ausleger+.
Er führte sie sodann in ein andres Zimmer, worin eine Henne mit ihren Küchlein war, und er hieß sie diese ein wenig beobachten. Da ging eins von den Küchlein an den Trog, um zu trinken. Und so oft es trank, hob es jedesmal seinen Kopf in die Höhe und seine Augen gen Himmel. „Seht,“ sagte er, „was dies Küchlein tut, und lernet von ihm erkennen, woher all die Gnadengaben kommen, und daß ihr sie mit einem dankenden Aufblick nach oben hinnehmen sollt. -- Und nun merket weiter auf!“ Sie nahmen wahr, daß die Henne in einer vierfachen Weise ihre Küchlein zu sich rief: Erstens hatte sie einen allgemeinen gewöhnlichen Ruf, zweitens zuweilen einen besondern Ruf, drittens einen Sammelruf und viertens einen Angst- und Warnungsruf.
„Nun,“ sprach der +Ausleger+, „vergleicht diese Henne mit einem König und diese Küchlein mit Seinen gehorsamen Untertanen. Wie die Henne hat auch Er Seine Weise, Seinem Volk zu rufen. Durch Seinen allgemeinen Ruf gibt Er nichts; durch Seinen besondern Ruf hat Er allezeit etwas zu geben; Er gibt ein Zeichen, wenn es sich unter Seine Flügel versammeln soll[174], und Er hat auch einen Warnungsruf, wenn Er den Feind kommen sieht. Ich habe euch, meine Geliebten, gerade in dies Zimmer geführt, weil ich erachtete, daß dies Bild für euch leicht faßlich sei.“
„Bitte, lieber Herr,“ sagte +Christin+, „laß uns noch mehr dergleichen sehen!“
Da brachte er sie ins Schlachthaus, wo ein Fleischer beschäftigt war, ein Schaf zu töten. Und siehe, das Schaf war still und erlitt den Tod geduldig. „Ihr müßt,“ sprach der +Ausleger+, „von diesem Schaf lernen dulden und Unrecht ohne Murren und Klagen hinzunehmen. Seht, wie es ohne Widerstreben alles mit sich geschehen läßt! Euer König nennt euch Seine Schafe.“
Hierauf nahm er sie mit in seinen Garten, wo eine große Mannigfaltigkeit von Blumen war, und er fragte: „Seht ihr diese Blumen?“ +Christin+ antwortete: „Ja.“ Und er fuhr fort: „Seht, diese Blumen sind verschieden an Gestalt, Art, Farbe, Geruch und Schönheit, einige sind beliebter als die andern; wo aber der Gärtner sie hingepflanzt hat, da stehen sie und hadern nicht untereinander.“
Nun ging er mit ihnen auf sein Feld, welches er mit Weizen und Roggen besät hatte. Als sie aber genauer hinsahen, da waren die Ähren alle abgeschnitten und nur noch die Strohhalme übriggeblieben. „Dieses Land,“ sprach der +Ausleger+, „war bedüngt, gepflügt und besät worden, was sollen wir aber mit diesen Stoppeln tun?“ -- „Verbrenne einen Teil,“ erwiderte +Christin+, „und das übrige mache zu Dünger!“ Er sagte: „Frucht ist es, wonach euer Auge ausgeschaut hat, und weil sie fehlt, so verurteilt ihr das, was hier steht, zum Feuer und daß es von den Leuten zertreten werde. Sehet zu, daß ihr euch hierdurch nicht selber verdammt!“
Als sie von draußen wieder hereinkamen, da sahen sie ein kleines Rotkehlchen, welches eine große Spinne im Schnabel hatte. „Schaut her!“ rief der +Ausleger+. Während +Barmherzig+ sich darüber verwunderte, sprach +Christin+: „Wie unpassend ist das doch für ein so niedliches Vögelein wie das Rotkehlchen, welches sonst vor andern liebt, in einem freundlichen Umgang mit Menschen zu leben. Ich hatte geglaubt, es lebe von Brotkrümchen oder dergleichen mehr. Jetzt liebe ich es nicht mehr so, weil’s das tut.“