Pilgerreise zur seligen Ewigkeit

Part 19

Chapter 193,886 wordsPublic domain

„Dies Rotkehlchen,“ belehrte der +Ausleger+, „ist ein treffendes Bild für gewisse Bekenner des Christentums; sie sind diesem Rotkehlchen gleich mit seiner schönen Stimme, seinem zierlichen Gewand und seiner gefälligen Haltung. Sie scheinen eine große Liebe zu den wahren Bekennern zu haben, sich vor allen andern gern zu ihnen zu gesellen und mit ihnen Gemeinschaft zu pflegen, gleich als ob sie von frommer Leute Brosamen leben könnten. Sie geben auch vor, daß sie aus innerm Bedürfnis in den Häusern der Gottseligen verkehren und die Gottesdienste des Herrn besuchen. Wenn sie aber sich selbst überlassen sind, dann können sie wie die Rotkehlchen Spinnen fangen und verschlingen; dann können sie ihre Lebensweise ändern und Unrecht saufen (Hiob 15, 16) und Sünde hinunterschlucken wie Wasser.“

Als sie nun in das Haus getreten waren, bat +Christin+ den +Ausleger+, ihnen noch irgend etwas Nützliches zu zeigen oder zu sagen, bis man zum Essen rufen würde. Da hob er also an und sprach:

„Je fetter das Schwein ist, desto mehr verlangt es nach dem Kot; je fetter der Ochse, desto williger geht er zur Schlachtbank, und je wohlbehaglicher der lüsterne Mensch sich fühlt, desto mehr ist er zum Bösen geneigt.

Es ist ein Verlangen im weiblichen Geschlecht, nett und zierlich gekleidet einherzugehen; ein köstlich Ding ist aber allein das, mit dem geschmückt zu sein, was vor Gott köstlich ist.

Es ist leichter, ein oder zwei Nächte hindurch zu wachen als ein ganzes Jahr lang; gleich also ist es leichter, mit einem guten Bekenntnis seinen Anfang zu machen, als Treue zu halten bis ans Ende.

Ein Schiffsherr läßt im Sturm willig alles Entbehrliche über Bord werfen; wer aber wird wohl das Beste zuerst hinauswerfen? Nur der, welcher Gott nicht fürchtet.

Durch +ein+ Leck kann das Schiff zum Sinken kommen, und eine einzige Sünde kann den Sünder verderben.

Wer seines Freundes vergißt, der ist undankbar gegen ihn; wer aber seines Erlösers vergißt, der ist unbarmherzig gegen sich selber.

Wer in Sünden lebt und auf die ewige Seligkeit hofft, der ist gleich dem, der Unkraut sät und gedenkt, seine Scheune mit Weizen oder Gerste zu füllen.

So jemand glücklich leben will, der hole sich seinen letzten Tag herbei und erwähle ihn zu seinem ständigen Begleiter.

Wenn die Welt, welche Gott geringachtet, von den Menschen so hoch geschätzt wird, was muß der Himmel erst sein, den Gott anpreist!

Wenn dieses Leben, das mit so vielen Trübsalen untermischt ist, doch so ungern verlassen wird, was muß das Leben da droben sein?

Ein jeder erhebt lautes Lob über die Güte, die Menschen ihm erweisen; aber wer ist so von der Güte Gottes durchdrungen, wie es sein sollte?

Wir setzen uns selten zur Mahlzeit, ohne zu essen und noch übrigzulassen; also ist in Jesus Christus mehr Verdienst und Gerechtigkeit, als die ganze Welt bedarf.“

Nachdem der +Ausleger+ diese Rede vollendet hatte, nahm er die Pilger wieder mit sich hinaus in den Garten und führte sie zu einem Baum, der inwendig ganz hohl und verfault war, dennoch aber wuchs und Blätter hatte. „Was bedeutet dies?“ fragte +Barmherzig+. „Dieser Baum,“ antwortete er, „dessen Auswendiges schön, der inwendig aber faul ist, stellt ein Bild dar, womit manche, die in Gottes Garten sind, verglichen werden können. Mit dem Mund preisen sie Gott hoch, aber in der Tat wollen sie nichts für Ihn tun; ihre Blätter sehen schön aus, aber ihr Herz taugt zu nichts als zu Zunder für des Teufels Feuerzeug.“

Nun war das Abendessen bereitet, der Tisch gedeckt und die Speisen aufgetragen. Sie setzten sich nieder, und nachdem einer gedankt hatte, fingen sie an zu essen. Und da der +Ausleger+ seine Gäste bei Tisch mit Musik zu unterhalten pflegte, so spielten auch jetzt seine Spielleute. Es war auch einer da, der sang mit sehr schöner Stimme. Sein Lied lautete also:

Der Herr ist mein getreuer Hirt, Mir wird kein Gutes fehlen; Der Hüter, der nicht schläft noch irrt, Kann mir nur Heil erwählen. Er weidet mich auf grüner Au, Er speiset mich vom Lebenstau Des Geistes Seiner Gnade.

Als Gesang und Musik verklungen waren, fragte der +Ausleger+ +Christin+: „Was ist’s, das dich zuerst bewogen hat, dich auf die Pilgerreise zu begeben?“

+Christin.+ Der Verlust meines Mannes ging mir zuerst tief zu Herzen, und ich wurde dadurch schmerzlich betrübt; doch war dies alles nur natürliche Empfindung. Darnach fiel mir auch seine Bekümmernis und die Pilgerschaft wieder ein und wie herzlos und schnöde ich mich dabei gegen ihn benommen hatte. So bemächtigte sich meiner ein tiefes Schuldbewußtsein und brachte mich fast zur Verzweiflung; da hatte ich eben zur rechten Zeit einen Traum von dem Wohlergehen meines Mannes, und ich empfing einen Brief von dem König jenes Landes, der mich zu Ihm beschied. Der Traum und der Brief zusammen wirkten so auf mein Gemüt ein, daß sie mich unwiderstehlich zu dieser Reise zwangen.

+Ausleger.+ Stießest du auf keinen Widerstand bei deinem Auszug?

+Christin.+ Ja, bei einer meiner Nachbarinnen, einer gewissen Frau +Furchtsam+, einer Verwandten dessen, der meinen Mann aus Furcht vor den Löwen zur Umkehr bereden wollte. Sie schalt mich wegen meines beabsichtigten tollkühnen Unternehmens, wie sie es nannte, eine Närrin und suchte auf alle nur erdenkliche Weise, mich von meinem Vorhaben abzuschrecken, indem sie mir die Mühsalen und Leiden vorstellte, die meinem Mann auf dem Weg widerfuhren. Allein über all das kam ich leicht hinweg. Nur ein Traum, den ich hatte, von zwei schrecklich aussehenden Männern, die, wie mir schien, sich verschwuren, mich auf meiner Reise ins Verderben zu bringen, hat mich sehr beunruhigt. Ja, ich kann ihn auch jetzt noch nicht loswerden, und er macht mich fürchten, daß jeder, der mir begegnet, mir Schaden zufügen und mich vom rechten Weg abbringen könnte. Ich will es auch meinem Herrn nicht verhalten -- wiewohl ich nicht wünsche, daß jedermann es wisse --, daß wir beide auf dem Weg diesseits der Pforte so hart angefallen worden sind, daß wir zuletzt „Mörder! Mörder!“ schreien mußten. Und die beiden, welche diesen Angriff auf uns gemacht, waren denen ganz ähnlich, die ich in meinem Traum sah.

„Dein Anfang ist gut,“ sagte der +Ausleger+, „und dein Ausgang wird noch viel besser sein.“

„Und was hat denn dich bewogen, liebes Kind, hierher zu kommen?“ fragte er, sich an +Barmherzig+ wendend.

+Barmherzig+ errötete und wagte nicht aufzusehen.

+Ausleger.+ Fürchte dich nicht, glaube nur und sage, wie dir’s ums Herz ist!

+Barmherzig.+ Ach, lieber Herr, da es mir an solchen Erfahrungen mangelt, möchte ich lieber schweigen, und das ist es auch, was mich mit Furcht erfüllt, endlich doch noch dahintenbleiben zu müssen. Ich kann nichts von Gesichten und Träumen erzählen wie meine Freundin +Christin+, noch kann ich davon mitsprechen, daß ich Reue empfunden hätte über die Verachtung des Rats lieber Angehöriger.

+Ausleger.+ Was war es denn, teures Herz, was dich bestimmte, das Pilgerleben zu erwählen?

+Barmherzig.+ Nun, das kam so. Während unsre Freundin noch mit Zurüstungen zur Reise beschäftigt war, da wollten ich und eine andre sie gerade besuchen. Wir klopften an die Tür und traten ein. Da wir sie nun fanden also tun, stellten wir sie darüber zur Rede. Sie sagte, sie habe Bericht erhalten, zu ihrem Mann zu kommen, und erzählte uns, daß sie ihn im Traum gesehen, wie er an einem wunderbaren Ort unter Unsterblichen wohne, eine Krone auf dem Haupt trage, auf einer Harfe spiele, an seines Fürsten Tafel esse und trinke und Ihm aus Dank dafür Loblieder singe und andres mehr. Über diesen Worten entbrannte mein Herz in mir, und ich sprach bei mir selbst: Wenn das wahr ist, so will ich Vater und Mutter und das Land meiner Geburt verlassen und, wenn +Christin+ mich annimmt, mit ihr ziehen. Ich fragte sie also weiter nach der Wahrheit dieser Dinge und ob sie mich wollte mitziehen lassen, denn ich erkannte, daß ich nur auf die Gefahr hin, mit der Stadt zu verderben, länger darin bleiben könne. Was mein Herz aber mit Schmerz erfüllte, war, daß ich so viele meiner Verwandten zurücklassen mußte. So bin ich denn mit innigstem Herzensverlangen gekommen, um mit +Christin+ zu ihrem Mann und seinem König zu ziehen.

+Ausleger.+ Dein Vornehmen ist gut, denn du hast der Wahrheit Glauben geschenkt. Du bist eine Ruth, die aus Liebe zu Naemi und zu dem Herrn, ihrem Gott, Vater und Mutter und Heimat verließ, damit sie auszöge und käme zu einem Volk, das sie zuvor nicht kannte. +Der Herr vergelte dir deine Tat, und dein Lohn müsse vollkommen sein bei dem Herrn, dem Gott Israels, zu welchem du gekommen bist, daß du unter Seinen Flügeln Zuversicht hättest+ (Ruth 2, 11. 12).

Das Abendessen war nun beendet, den Frauen und den Knaben wurden für die Nacht Zimmer angewiesen, wohin sie sich alsbald zurückzogen und sich zum Schlaf niederlegten. +Barmherzig+ aber konnte vor Freude keinen Schlaf finden, weil ihre Zweifel, ob sie auch wirklich dann angenommen werde, immer mehr zu schwinden begannen. So lag sie denn auf ihrem Lager, Gott lobend und preisend, der ihr solche Gnade erwiesen hatte.

Mit Tagesanbruch erhoben sie sich und rüsteten sich zur Weiterreise. „Bleibet noch ein Weilchen,“ mahnte der +Ausleger+, „denn ihr müßt in allen Ehren von dannen ziehen,“ und zu +Unschuld+, die die Pilger empfangen hatte, sprach er: „Nimm sie mit dir und führe sie in den Garten zum Bad und laß sie daselbst sich waschen und vom Staub der Reise reinigen[175].“ Sie gingen also hin und wuschen sich und kamen aus dem Bade nicht allein hell und rein gewaschen, sondern auch in ihren Gliedern gestärkt und neu belebt.

Als sie wieder ins Haus traten, sah der +Ausleger+ sie an und sprach zu ihnen: „+Schön wie der Mond!+“ (Hohesl. 6, 10.) Dann forderte er das Siegel, womit die, welche in seinem Bad rein gewaschen waren, versiegelt wurden. Mit diesem Siegel machte er an ihnen ein Zeichen, auf daß man sie an allen Orten, wohin sie noch kommen würden, erkennen könnte. Dies Siegel aber war die Summe und der Inbegriff des Passahlammes, welches die Kinder Israel aßen, als sie aus Ägyptenland zogen (2. Mos. 13, 8-10); und das Zeichen ward auf ihre Stirn gesetzt und war ein Schmuck und eine Zierde ihres Angesichtes.

Der +Ausleger+ rief +Unschuld+ abermals herbei und sprach: „Gehe in die Kleiderkammer und hole Gewänder daraus für diese Leute!“ Sie ging und brachte weiße Kleider und legte sie vor ihm nieder, und er gebot ihnen, dieselben anzuziehen; es war aber feines Leinen, weiß und rein[176]. Als die Frauen so geschmückt dastanden, waren sie wie ein Wunder füreinander, denn sie konnten bei sich selbst die Herrlichkeit nicht sehen, die eine jede an der andern erblickte. Daher fing jede an, die andre höher zu achten als sich selbst. „Du bist schöner als ich,“ sagte die eine; „nein, du bist herrlicher als ich,“ sprach die andre. Auch die Knaben standen staunend da über die Wandlung, die mit ihnen vorgegangen.

Der +Ausleger+ rief nun einen seiner Diener mit Namen +Mutherz+ und hieß ihn Schwert, Schild und Helm nehmen. „Nimm diese meine Töchter,“ sprach er, „und begleite sie bis zu dem Hause +Prachtvoll+, wo sie ihre nächste Rast halten werden.“ Dieser nahm seine Waffen und ging vor ihnen her. Der +Ausleger+ sprach: „Gott geleite euch!“ Auch die übrigen Glieder des Hauses entließen sie mit vielen Segenswünschen. So zogen sie denn ihre Straße und sangen:

Den Sinn der Zeichenschrift in der Natur, Der nur durch Gottes Deutung wird verstanden, Den niemand findet auf der Sünde Spur, Durch gnadenreiche Führung hier wir fanden.

Des Vogels Mutterlieb’ wir nun verstehn Und wissen, wer die mächt’gen Flügel breitet, Zu decken arme Vögelein, die flehn -- O wär’ das Herz zum Glauben recht bereitet!

Das Wagestück der Spinne gibt mir Mut; Der Ärmste darf im Glauben alles wagen. Doch seh’ ich auch, was still die Sünde tut -- Wie Fäulnis kann den Baum zu Tode nagen.

Drum will ich flehn, daß Er mich wachen läßt, In Seiner Furcht den guten Kampf zu kämpfen, Als Träger Seines Kreuzes, redlich, fest, Den finstern Trieb in meinem Fleisch zu dämpfen.

Fußnoten:

[168] Des Teufels Garten.

[169] Fliehe die Lüste der Jugend! (2. Tim. 2, 22.)

[170] Wir wissen, daß, wer von Gott geboren ist, der sündigt nicht; sondern wer von Gott geboren ist, der bewahrt sich, und der Arge wird ihn nicht antasten (1. Joh. 5, 18).

[171] Da mir angst war, rief ich den Herrn an und schrie zu meinem Gott; da erhörte Er meine Stimme von Seinem Tempel, und mein Schreien kam vor Ihn zu Seinen Ohren (Ps. 18, 7).

[172] Ich sprach, da mir’s wohl ging: Ich werde nimmermehr daniederliegen; aber da Du Dein Antlitz verbargest, erschrak ich (Ps. 30, 7. 8).

[173] Ihr habt nicht, darum daß ihr nicht bittet (Jak. 4, 2).

[174] Jesus klagt über Jerusalem: Wie oft habe Ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt! (Matth. 23, 37.)

[175] Dieweil wir solche Verheißungen haben, meine Liebsten, so lasset uns von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes uns reinigen und fortfahren mit der Heiligung in der Furcht Gottes (2. Kor. 7, 1).

[176] Die köstliche Leinwand aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen (Offenb. 19, 8).

Viertes Kapitel.

Belehrungen und Erfahrungen unter dem Geleit eines treuen Führers.

Unter der Führung von +Mutherz+ kamen sie bald an den Ort, wo +Christ+ die Bürde vom Rücken fiel und in ein Grab rollte. Hier standen sie still und priesen Gott darüber.

„Eben fällt mir wieder ein,“ sprach +Christin+, „was uns an der Pforte gesagt ward: daß wir Vergebung erhalten sollen durch Wort und Tat, nämlich durch Wort, das ist durch die Verheißung, durch Tat, das ist in der Weise, wie sie erlangt worden ist. Was die Verheißung ist, davon weiß ich etwas; was es aber heißt, Vergebung erlangen durch die Tat oder in der Weise, wie sie erworben wurde, das nehme ich an, weißt du, Herr +Mutherz+; deshalb bitten wir dich: unterweise uns darüber!“

+Mutherz.+ Die Vergebung durch die Tat ist eine Vergebung, die von jemand für einen andern, der ihrer bedarf, erworben ist. Nicht durch die Person, welcher die Vergebung zuteil wird, sondern, so sagt ein andrer, „in der Weise, wie ich sie erworben habe.“ Also ist, um mich deutlicher auszudrücken, die Vergebung, welche du und +Barmherzig+ und diese Knaben erlangt haben, durch einen andern erworben worden, nämlich durch +den+, der euch durch die Pforte einließ. Und zwar hat Er sie in einer doppelten Weise erworben: Er hat alle Gerechtigkeit erfüllt, um euch damit zu bedecken, und Er hat Sein Blut vergossen, euch damit zu reinigen.

Aber um die Vergebung zu bewirken, muß Gott etwas als Lösegeld dargebracht und uns zugleich etwas bereitet werden, was uns völlig bedeckt. Die Sünde hatte uns dem gerechten Fluch des göttlichen Gesetzes überliefert. Von dem Fluche müssen wir losgesprochen werden auf dem Weg der Erlösung, indem ein Lösegeld bezahlt wird für den Schaden, den wir mit unsern Sünden angerichtet haben, und dies ist geschehen durch das Blut eures Herrn, der da kam und trat an eure Stelle und starb für euch den Tod um eurer Übertretungen willen. So hat Er euch erkauft mit Seinem Blut und euch bekleidet mit Seiner Gerechtigkeit[177]. Um dessentwillen geht Gott gnädig an euch vorüber und wird euch nicht verderben, wenn Er kommt, die Welt zu richten[178].

+Christin.+ Das ist herrlich! Nun verstehe ich erst recht, warum uns Vergebung zugesichert ward durch Wort und Tat. So laß uns, liebe +Barmherzig+, danach trachten, daß wir dies in unsern Herzen behalten, und ihr, meine Kinder, denket auch daran! Aber, lieber Herr, war es nicht gerade dies, das bewirkte, daß die Last von meines lieben Mannes Schultern herabfiel, und worüber er vor Freuden hüpfte?

+Mutherz.+ Ja, es war der Glaube an den, der die Bande entzweischnitt, die auf keine andre Weise gelöst werden konnten, und war der Grund, daß er seine Bürde bis zum Kreuz tragen mußte, daß er einen Beweis von der Kraft dieser Vergebung empfinge.

+Christin.+ Das dachte ich mir wohl, denn obgleich mein Herz schon zuvor leicht und froh war, so ist es doch jetzt zehnmal leichter und froher. Und wenn ich auch noch wenig dergleichen erfahren habe, so bin ich doch dessen völlig überzeugt, daß, wenn auch der beladenste und mühseligste Mensch in der Welt hier wäre und sähe und glaubte, wie ich jetzt glaube, so würde sein Herz fröhlich und getrost werden.

+Mutherz.+ Durch diesen Anblick und die Betrachtung des Kreuzes wird uns nicht allein Trost und Befreiung von unsrer Bürde zuteil, sondern es wird auch eine herzliche Liebe dadurch in uns entzündet. O wer sollte nicht auch vor diesem Ratschluß Gottes zu seiner Erlösung in Dank und Anbetung stehen bleiben und zugleich in Liebe glühen zu dem, der sich für uns dahingegeben hat!

+Christin.+ Wahrlich, mir ist, als ob mir das Herz blutete, wenn ich daran gedenke, daß Er für mich geblutet hat! O Du Gnadenreicher, o Du Hochgelobter, Du bist würdig, daß ich Dein bin, denn Du hast mich Dir erkauft! Dir gebührt es, mich ganz und gar zu besitzen, denn Du hast zehntausendmal mehr für mich bezahlt, als ich wert bin. Nun verwundere ich mich nicht mehr, daß sich meines Mannes Augen darüber mit Tränen füllten und die empfangene Gnade seine Schritte beflügelten. O wie gern hätte er mich da mit sich genommen! Ich Elende, daß ich ihn allein ziehen ließ! O +Barmherzig+, wenn doch dein Vater und deine Mutter hier wären, ja auch Frau +Furchtsam+! Ja, ich wünschte selbst von Herzen, daß auch Frau +Wollust+ dabei wäre. Ohne Zweifel würden ihre Herzen ergriffen werden; es würde weder die Furcht der einen noch die Fleischeslust der andern vermögen, sie wieder nach Hause zu treiben und abzuhalten, den Pilgerstand zu erwählen.

+Mutherz.+ Du sprichst jetzt in der Wärme deines tiefbewegten Herzens. Denkst du, daß es dir immer so zumute sein wird? Zudem wird dies nicht allen so zuteil, nicht einmal jedem, der deinen Jesus bluten sah. Manche standen dabei und sahen das Blut aus Seinem Herzen zu Boden rinnen und waren dennoch so ferne davon, daß sie, statt zu wehklagen, Ihn vielmehr verlachten, und anstatt Seine Jünger zu werden, ihre Herzen gegen Ihn verhärteten. Alles, was ihr empfindet, meine Töchter, rührt her von einem besonderen Eindruck, den die göttliche Gnade durch die Betrachtung dessen, worüber ich mit euch gesprochen, auf euch gemacht hat. Erinnert euch, daß euch gesagt ward, daß die Henne durch ihren allgemeinen Ruf ihre Küchlein nicht zur Speise locke. Dies habt ihr also durch eine besondere Wirkung der Gnade.

Ich sah nun in meinem Traum, daß sie auf ihrem Weg an die Stätte kamen, wo +Albern+, +Träge+ und +Eigendünkel+ lagen und schliefen, als +Christ+ hier vorbeiging, und siehe, nun waren sie ein wenig abseits vom Weg an Ketten aufgehängt.

„Wer sind diese drei?“ fragte +Barmherzig+ ihren Führer, „und warum sind sie gehängt worden?“

+Mutherz.+ Diese drei waren gefährliche Gesellen, die selber keine Lust hatten, Pilger zu werden, und andre, soviel sie nur konnten, daran hinderten. Sie waren selber träge und unverständig, und wen sie nur dazu bringen konnten, den machten sie ebenso wie sie und verhießen ihm zuletzt Glück und Wohlergehen.

+Barmherzig.+ Aber ist es ihnen denn gelungen, jemand zu betören?

+Mutherz.+ Ja, sie haben mehrere vom Weg abgelenkt. Da war +Schneckengang+, den sie auf ihre Seite brachten, auch einen gewissen +Kurzatem+ und +Feigherz+ sowie +Lustgierig+ und +Schlafkopf+ und eine junge Frau, namens +Stumpfsinnig+. Sie brachten auch euren Herrn in ein übles Gerede, indem sie ausstreuten, Er sei ein harter Dienstherr. Von dem Gelobten Land sprengten sie aus; es sei nicht halb so gut, als man vorgebe. Sie fingen auch an, Seine treuen Diener zu schmähen, und hießen sie zudringliche Menschen, Unruhestifter, Leute, die sich in alles einmischten. Sodann pflegten sie das Brot Gottes taube Nüsse zu nennen, die Tröstungen Seiner Kinder närrische Einbildungen, die Arbeit und Mühe der Pilger ein zweckloses Beginnen.

+Christin.+ Nun, wenn sie so waren, dann will ich sie nimmermehr beklagen. Sie haben nur empfangen, was ihre Taten wert waren, und ich meine, es ist gut, daß sie so nahe an der Landstraße hängen, damit andre sie sehen und sich warnen lassen. Aber wäre es nicht besser gewesen, wenn ihre Übeltaten auf eine eiserne Tafel eingegraben und hier, wo sie ihre Bosheit verübt, andern schlechten Menschen zur Warnung hingestellt worden wären?

+Mutherz.+ Das ist auch geschehen, wie du leicht wahrnehmen kannst, wenn du dich der Mauer näherst.

+Barmherzig.+ Nein, nein, laß sie hängen und ihre Namen vergehen und ihre Übeltaten ewig gegen sie zeugen! Ich achte es für eine große Gnade, daß sie aufgehängt wurden, ehe wir hierhergekommen sind. Wer weiß, was sie sonst uns armen Frauen zugefügt hätten! -- Sie faßte alsdann ihre Worte in ein Lied und sang:

Schafft mit Ernst, ihr Menschenkinder, schaffet eure Seligkeit; Bauet nicht wie freche Sünder auf die ungewisse Zeit, Sondern schauet über euch, ringet nach dem Himmelreich Und bemüht euch hier auf Erden, wie ihr möget selig werden!

Werdet ihr nicht treulich ringen, wollt ihr träg und lässig sein, Eure Lüste zu bezwingen, so bricht eure Hoffnung ein. Ohne tapfern Streit und Krieg folget niemals rechter Sieg; Nur dem Sieger ist die Krone beigelegt zum Gnadenlohne.

Zittern will ich vor der Sünde, will allein auf Jesus sehn, Bis ich Seinen Beistand finde, in der Gnade zu bestehn. Ach mein Heiland, geh doch nicht mit mir Armen ins Gericht; Gib mir Deines Geistes Waffen, meine Seligkeit zu schaffen!

Sie wanderten weiter und kamen an den Fuß des +Berges der Beschwerde+, wo ihr treuer Begleiter wiederum Veranlassung nahm, ihnen zu erzählen, was +Christ+ seinerzeit auf diesem Weg begegnete. Indem er sie an die Quelle führte, sprach er: „Seht, das ist die Quelle, aus der +Christ+ trank, ehe er diesen Berg hinaufstieg. Damals war sie klar und rein, aber jetzt ist sie verunreinigt durch die Füße derer, die es nicht gerne sehen, daß die Pilger hier ihren Durst löschen[179].“

„Aber,“ fragte +Barmherzig+, „warum sind sie so neidisch?“

„Nun, es wird schon gehen,“ erwiderte der Führer, „wenn man daraus in ein reines Gefäß schöpft, der Schlamm wird sich dann auf dem Boden setzen und das Wasser um so klarer werden.“ -- Sie taten also, wie ihnen gesagt ward, und schöpften in ein irdenes Gefäß und ließen es stehen, bis sich der Schlamm gesetzt hatte, und hernach tranken sie davon.

+Mutherz+ zeigte ihnen auch die beiden Nebenwege am Fuß des Berges, die +Werkheilig+ und +Heuchler+ ins Verderben führten. „Gefährliche Wege sind’s,“ sprach er, „zwei Menschen büßten hier ihr Leben ein, als +Christ+ vorbeizog. Und obschon, wie ihr seht, diese Wege seitdem mit Ketten, Pfählen und einem Graben abgesperrt und ganz und gar eingehegt sind, so gibt es doch noch Leute, die lieber auf ihnen ihr Heil versuchen, als daß sie sich die Mühe nehmen, den Hügel hinanzusteigen.“

+Christin.+ Der Verächter Weg bringt Wehe (Spr. 13, 15). Mich wundert’s, daß jemand seinen Fuß noch auf einen solch halsbrecherischen Weg zu setzen wagt.

+Mutherz.+ Und dennoch wagen sie’s. Ja, und wenn sich’s einmal zuträgt, daß einer von des Königs Dienern sie sieht und sie auf die Gefahren dieses falschen Weges aufmerksam macht, so antworten sie nur spöttisch und sprechen: „Nach dem Wort, das du im Namen des Herrn uns sagst, wollen wir dir nicht gehorchen, sondern wir wollen tun nach allem dem Wort, das aus unserm Munde geht“ (Jer. 44, 16. 17).

+Christin.+ Es sind träge Menschen, sie scheuen die Mühe, bergan zu steigen. So erfüllt sich an ihnen, was geschrieben steht: „+Der Weg der Faulen ist dornig+“ (Spr. 15, 19). Ja, sie wollen lieber in eine Schlinge gehen als diesen Berg hinauf und dann der himmlischen Stadt zu.